Vor mehr als 25 Jahren begann ich die bereits erwähnte Therapie, um insbesondere, aber nicht nur, die in meiner Kindheit erlebte sexuelle Gewalt zu bearbeiten. Ich erinnere noch deutlich die ersten, sehr schwierigen Therapiejahre, mit all meiner Verzweiflung und der Angst, mir wird es niemals besser gehen. Und dem Gefühl, ich komme da nicht mehr raus. Für längere Zeit ging es mir sogar schlechter als zu Beginn der Therapie, und ich dachte daran, und das nicht nur einmal, meinem Leben ein Ende zu setzen, weil das Gefühl überwog, ich kann das alles nicht aushalten! Es ist zu hart und zu viel!
Heute steht für mich im Vordergrund, dass es mir gelungen ist, genau dies zu tun: Mir alles eingehend anzuschauen, alle Gefühle und Erinnerungen zuzulassen, zu be- und verarbeiten und aus all dem gestärkt hervorzugehen – mit dem Ergebnis, mein Leben mit Freude gestalten und genießen zu können. Genau davon möchte ich berichten.
Ich möchte mit diesem Buch andere von sexueller Gewalt Betroffene ermutigen, sich ihre Geschichte, ihre traumatischen Erfahrungen ebenfalls anzuschauen und zu bearbeiten.
Aber ich möchte auch von der Vielschichtigkeit, der Schönheit und dem Reichtum dieses Prozesses berichten, und davon, wie der Dialog und die gemeinsame Arbeit zwischen Klientin und Therapeutin vonstatten gehen. Ich lege dar, wie wichtig die stabile Präsenz der Therapeutin ist, die das alles aushält und die über ein sehr komplexes Wissen sowie entsprechende Erfahrung verfügen muss. Von der Empathie ganz zu schweigen.
Ich richte mich mit diesem Buch auch an Fachkräfte – von Fachberatungsstellen bis hin zu PädagogInnen, PsychologInnen und TherapeutInnen -, um nützlicheAnregungen für ihre Arbeit zu geben.
Zudem möchte ich mit meinen Ausführungen anderen Interessierten eine Vorstellung vom Ausmaß solcher Traumata und deren Auswirkungen vermittelt und aufzeigen, wie viel Geld, Zeit und Unterstützung es braucht, diese zu bearbeiten.
Ich schreibe von sexueller Gewalt, benutze also nicht den im Allgemeinen verwendeten Begriff „sexueller Missbrauch“, weil er verharmlosend und falsch ist, da er suggeriert, es gäbe einen „richtigen Gebrauch“. Außerdem fehlt der Aspekt der Gewalt. Es handelt sich um Übergriffe und um Machtausübung!
Eine sehr liebe Freundin schlug mir vor vielen Jahren vor, ich solle doch meine Geschichte aufschreiben, von der erfolgreichen Therapie berichten. Damit könnte ich anderen helfen. Meine erste Reaktion war ablehnend, mit der Begründung: Wer will das denn lesen? Das ist doch alles viel zu hart! – Zum damaligen Zeitpunkt war ich noch in Therapie und hatte nicht den nötigen Abstand. Später gefiel mir diese Idee zunehmend besser, so dass ich dachte, ja, ich will und werde das alles aufschreiben. Das ist mir doch so wichtig, ich bin doch so glücklich über das Erreichte! Das mache ich für mich! Aber nicht nur durch die Ermunterung von FreundInnen und Anderen entschloss ich mich, meine Geschichte nun doch zu veröffentlichen.
Ich habe über 10 Jahre Therapie bzw. Analyse gemacht. Über 10 Jahre – das klingt unglaublich lange, doch das Bearbeiten der traumatischen Erlebnisse meiner Kindheit nahm lange Zeit in Anspruch. Ich brauchte dafür meine Zeit! Dazu kommt noch dies: Wenn Frau über 20 Jahre im Elternhaus verbracht und ihr dort so Vieles eingetrichtert wurde, die Gebote, Verbote und Maximen der Eltern bis in jede Zelle des Körpers eingegangen sind, dann braucht es viele Jahre, um zu sich und zu eigenen Maximen zu kommen. Und um gesund zu werden!
Ich berichte von meinen Erfahrungen auf diesem Weg, davon, wie viel Kraft und Ausdauer es kostete, aber auch wie viel Kraft und Energie und Lebensfreude ich dadurch gewonnen habe und wie mich die therapeutische Arbeit gerettet hat. Ich hätte nie gedacht, dass es mir einmal so gut gehen, ich meine zuvor nicht ausgesprochenen Ziele der Therapie auch nur annähernd erreichen würde. Aber das ist mir gelungen. Nicht nur deshalb will ich versuchen, mit diesem Bericht Mut zu machen, den Willen und die Zuversicht hervorrufen und stärken, dass Frau auch aus furchtbaren Verhältnissen, aus schlimmen körperlichen und seelischen Verfassungen hervorkommen und dabei sehr viel für sich gewinnen kann.
Ich möchte Andere durch meine Schilderungen ermuntern und bestärken, und zwar nicht nur zur Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse wie sexueller Gewalt. Ich habe während der Jahre der Therapie so viel über mich erfahren, für mich gelernt und mir viel von dem zurück erobert, was ursprünglich in mir war, was ich zu leben mich nicht traute oder wovon ich gar nichts (mehr) wusste.
Mir ist bewusst, auch aus eigener Erfahrung, dass eine langjährige Therapie nicht nur eine Frage der Ausdauer oder des Willens ist. Es ist auch eine Frage der Zeit. Frau muss sich die Zeit für sich nehmen können und nehmen.
Es ist aber auch und besonders eine Frage des Geldes. Die gesetzlichen und die privaten Krankenversicherungen ermöglichen eigentlich nur eine klar begrenzte, viel zu geringe Stundenanzahl, je nach Art der Therapie. Doch dieser Rahmen kann durch beharrliches Beantragen und Begründen durch TherapeutInnen erweitert und erhöht werden. Die TherapeutInnen dürfen gegenüber den Krankenkassen nicht locker lassen. Dies ist mir durch meine Therapeutin, aber auch durch entsprechende Aussagen anderer TherapeutInnen bekannt.
Ich verfügte zum damaligen Zeitpunkt nicht über ausreichend Geld, meine Therapie, in den Zeiten, in denen die Krankenkasse nichts mehr zahlte, komplett selbst zu finanzieren. Dennoch gelang es mir, jahrelang Therapie zu machen. Zum einen hatte mir meine Therapeutin die Bereitschaft signalisiert, mir zeitweise geldlich entgegen zu kommen. Dies musste ich einige Zeit in Anspruch nehmen. Zum anderen sagten mir FreundInnen Hilfe zu, waren sie bereit, mich mit Darlehen zu unterstützen. Hinzu kommt, dass ich lieber auf vieles Andere als auf Therapiestunden verzichtete. Mir war meine Therapie und damit mein Leben, mein Wohlbefinden zu wichtig. Wichtiger als alles andere! Dagegen kam kein Buch oder keine Reise oder was auch immer an. Und das habe ich nie bereut!
Außerdem ist während dieser Zeit ein stützendes Umfeld sehr wichtig. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es gut ist, mehrere UnterstützerInnen zu haben, auch damit nicht die eine oder andere überbelastet wird.
Ich werde von dem Therapieprozess und von meinen Kindheitserlebnissen berichten. In den Jahren der Therapie habe ich direkt nach den jeweiligen Stunden detaillierte Aufzeichnungen angefertigt. Außerdem führte ich ausführlich Tagebuch. In den hier publizierten Texten zitiere ich aus den Therapieaufzeichnungen, mehr oder weniger gekürzt, und den Tagebuchnotizen, füge aber auch Kommentare aus heutiger Sicht hinzu. Mir ist sehr bewusst, dass die Therapienotizen nicht immer den tatsächlichen Verlauf oder die tatsächlichen Äußerungen seitens der Therapeutin oder meinerseits wiedergeben. Während der Therapiephase stellte sich nicht selten heraus, dass ich die Therapeutin falsch verstanden hatte oder manches gar nicht mehr wusste, wieder verdrängt oder nur verändert erinnert hatte. Außerdem war ich oft so beteiligt, so in meinen Gefühlen oder Erinnerungen versunken, dass eine wirklicher Bericht von diesen Stunden nur unzureichend gelingen konnte.
Ich schreibe in diesem Buch fast ausschließlich zum Thema sexuelle Gewalt, den Erlebnissen von damals und dem Bearbeiten in der Therapie. Die Vorstellung, die traumatischen Erlebnisse nochmals zu durchleben, die Erinnerungen daran zuzulassen, erscheint zuerst unmöglich, zu hart! Aber nach jeder Erinnerung, nach jedem Einlassen stellte sich bei mir große Befreiung ein, nicht nur und nicht immer gleich, aber in erster Linie. Und erst recht auf lange Sicht.
Durch die Therapie habe ich meine Geschichte angenommen, konnte ich mir mein Leben (wieder) aneignen.