…. oder: Warum ich von mir berichten will

Vor mehr als 20 Jahren begann ich eine Therapie, um insbesondere, aber nicht nur, die in meiner Kindheit erlebte sexuelle Gewalt zu bearbeiten. Ich erinnere noch sehr deutlich die schwierigen Jahre, mit all meiner Verzweiflung und der großen Angst: Mir wird es niemals besser gehen! Ich komme da nicht mehr raus! – Zeitweise ging es mir sogar schlechter als zu Beginn der Therapie, und ich dachte daran, und das nicht nur einmal, meinem Leben ein Ende zu setzen, weil das Gefühl überwog, ich will einfach nicht mehr! Ich kann das alles nicht aushalten! Es ist zu hart und zu viel! 

Heute steht für mich im Vordergrund, dass es mir gelungen ist, genau dies zu tun: Mir alles genau anzuschauen, alle Gefühle und Erinnerungen zuzulassen, zu be- und verarbeiten und aus all dem gestärkt hervorzugehen. Wobei letzteres noch längst nicht das beschreibt, was ich für mich geschafft habe. Genau davon möchte ich berichten. 

Eine sehr liebe Freundin schlug mir vor vielen Jahren vor, ich solle doch meine Geschichte aufschreiben, von der erfolgreichen Therapie berichten, das würde sich doch wirklich lohnen. Damit könnte ich anderen helfen. Meine erste Reaktion war ablehnend, mit der Begründung: Wer will das denn lesen? Das ist doch alles viel zu hart! – Zum damaligen Zeitpunkt war ich noch in Therapie und hatte nicht den nötigen Abstand. Später gefiel mir diese Idee zunehmend besser, so dass ich dachte, ja, ich will und werde das alles aufschreiben. Das ist mir doch so wichtig, ich bin doch so glücklich über das Erreichte! Das mache ich für mich! Aber nicht nur durch die Ermunterung von FreundInnen und Anderen entschloss ich mich, nun doch meine Geschichte zu veröffentlichen – um Anderen Mut zu machen, sich ihren Erlebnissen, ihrer Geschichte zu stellen. 

Ich habe über 10 Jahre Therapie bzw. Analyse gemacht. Über 10 Jahre – das klingt unglaublich lange, doch das Bearbeiten der traumatischen Erlebnisse meiner Kindheit nahm lange Zeit in Anspruch. Ich brauchte dafür meine Zeit! Dazu kommt noch dies: Wenn Frau über 20 Jahre im Elternhaus verbracht und ihr dort so Vieles eingetrichtert wurde, quasi bis in jede Zelle des Körpers die Gebote, Verbote und Maximen der Eltern eingegangen sind, dann braucht es viele Jahre, um zu sich und zu eigenen Maximen zu kommen. Und um gesund zu werden!

Von meinen Erfahrungen auf diesem Weg will ich berichten, davon, wie viel Kraft und Ausdauer es kostete, aber auch wie viel Kraft und Energie und Lebensfreude ich dadurch gewonnen habe, wie mich die therapeutische Arbeit gerettet hat. Ich hätte nie gedacht, dass es mir einmal so gut gehen, ich meine zuvor nicht ausgesprochenen Ziele der Therapie auch nur annähernd erreichen würde. Aber das ist mir gelungen. Nicht nur deshalb will ich versuchen, mit diesem Bericht Mut zu machen, den Willen und die Zuversicht hervorrufen und stärken, dass Frau auch aus furchtbaren Verhältnissen, aus schlimmen körperlichen und seelischen Verfassungen hervorkommen und dabei sehr viel für sich gewinnen kann. Ich möchte Andere durch meine Schilderungen ermuntern und bestärken, und zwar nicht nur zur Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse wie sexueller Gewalt. Ich habe während der Jahre der Therapie so viel über mich erfahren, für mich gelernt und mir viel von dem zurück erobert, was ursprünglich in mir war, was ich zu leben mich nicht traute oder wovon ich gar nichts mehr wusste. 

Mir ist bewusst, auch aus eigener Erfahrung, dass eine langjährige Therapie nicht nur eine Frage der Ausdauer oder des Willens ist. Es ist auch eine Frage der Zeit. Frau muss sich die Zeit für sich nehmen können und nehmen. 

Es ist aber auch und besonders eine Frage des Geldes. Die gesetzlichen und die privaten Krankenversicherungen ermöglichen eigentlich nur eine klar begrenzte, viel zu geringe Stundenanzahl, je nach Art der Therapie. Doch dieser Rahmen kann durch beharrliches Beantragen und Begründen durch TherapeutInnen erweitert und erhöht werden. Die TherapeutInnen dürfen gegenüber den Krankenkassen nicht locker lassen. Dies ist mir durch meine Therapeutin, aber auch durch entsprechende Aussagen anderer TherapeutInnen bekannt. 

Ich verfügte zum damaligen Zeitpunkt nicht über ausreichend Geld, meine Therapie, in den Zeiten, in denen die Krankenkasse nichts mehr zahlte, komplett selbst zu finanzieren. Dennoch gelang es mir, jahrelang Therapie zu machen. Zum einen hatte mir meine Therapeutin die Bereitschaft signalisiert, mir zeitweise geldlich entgegen zu kommen. Dies musste ich einige Zeit in Anspruch nehmen. Zum anderen sagten mir FreundInnen Hilfe zu, waren sie bereit, mich mit Darlehen zu unterstützen. Hinzu kommt, dass ich lieber auf vieles Andere als auf Therapiestunden verzichtete. Mir war meine Therapie und damit mein Leben, mein Wohlbefinden zu wichtig. Wichtiger als alles andere! Dagegen kam kein Buch oder keine Reise oder was auch immer an. Und das habe ich nie bereut! 

Außerdem ist während dieser Zeit ein stützendes Umfeld sehr wichtig. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es gut ist, mehrere UnterstützerInnen zu haben, auch damit nicht die eine oder andere überbelastet wird.

Im Rückblick werde ich von der Arbeit in der Therapie und von meinen Kindheitserlebnissen berichten. In den Jahren der Therapie habe ich direkt nach den jeweiligen Stunden Aufzeichnungen angefertigt. Außerdem führte ich während dieser Jahre ausführlich Tagebuch. In den hier publizierten Texten zitiere ich aus den Therapieaufzeichnungen, mehr oder weniger gekürzt, und den Tagebuchnotizen, füge aber auch Kommentare aus heutiger Sicht hinzu. Mir ist sehr bewusst, dass die Therapienotizen nicht immer den tatsächlichen Verlauf oder die tatsächlichen Äußerungen seitens der Therapeutin oder meinerseits wiedergeben. Während der Therapiephase stellte sich nicht selten heraus, dass ich die Therapeutin falsch verstanden hatte oder manches gar nicht mehr wusste, wieder verdrängt oder nur verändert erinnert hatte. Außerdem war ich oft so beteiligt, so in meinen Gefühlen oder Erinnerungen versunken, dass eine wirklicher Bericht von diesen Stunden nur unzureichend gelingen konnte. 

In BUCH 1, so mein vorläufiger Arbeitstitel, schreibe ich fast ausschließlich zum Thema SEXUELLE GEWALT, den Erlebnissen von damals und dem Bearbeiten in der Therapie. Das möchte ich hier schon voranstellen: Durch die therapeutische Arbeit habe ich meine Geschichte angenommen. Die Vorstellung, die traumatischen Erlebnisse nochmals zu durchleben, die Erinnerungen daran zuzulassen, erscheint zuerst unmöglich, zu hart! Aber nach jeder Erinnerung, nach jedem Einlassen stellte sich bei mir große Befreiung ein, nicht nur, aber in erster Linie! Und erst recht auf lange Sicht. Dadurch konnte ich mir meine Geschichte, mein Leben (wieder) aneignen. Ja, so sehe ich das heute!

Ich wollte zu Beginn der Therapie, eher unbewusst, bis auf die Grundmauern schauen, um herauszufinden, was mit mir los ist. Und das habe ich. Und es hat sich gelohnt! Das lange an mir Arbeiten hat sich gelohnt! Und ist nachhaltig.

In Buch 2, das sich bisher nur in Planung befindet, will ich unbedingt von all dem berichten, was ich in der Therapie gelernt habe, was ich alles erkannt und mir zurückerobert habe. Was mir die Therapie also noch an Erkenntnissen und Besonderem und besonders Schönem brachte. Und dazu gibt es wirklich viel Wunderbares zu berichten. 

BUCH 1 – Sexuelle Gewalt – ist wie folgt aufgebaut: 

Ich beginne mit der Vorstellung der im Zusammenhang mit meiner Kindheit, den Taten und dem Bearbeiten zentralen Personen; das dürfte das Lesen und Einordnen erleichtern. Unter dem Titel Familienstruktur stelle ich in der Hauptsache meine Ursprungsfamilie kurz vor und kommentiere zum anderen, wie ich sie früher jeweils erlebte.

(Eigentlich sollte zuvor das Kapitel Über mich mit wichtigen biografischen Details stehen, das ich aber in der Veröffentlichung in Form des Blogs aus dem Buch herausgenommen und im Menü des Blog eingestellt habe.)

In den folgenden Kapitel schreibe ich über meine beiden ältesten Brüder, über Bernd und Adolf, und über meinen Vater. Dabei verschweige ich nichts. Diese Kapitel müssen nicht gelesen werden, wenn das der einen oder anderen zu heftig ist oder zu werden droht. Alle anderen Kapitel vermitteln, so meine ich, dennoch das Wesentliche und sehr viel von dem, worauf es (mir) ankommt. 

Nachdem ich auf die Rolle meiner Mutter eingehe, werde ich von den Auswirkungen der sexuellen Gewalt auf mein Leben berichten. Die Auswirkungen sind sicher bei jeder Frau verschieden, aber es dürften sich nicht wenige Überschneidungen ergeben.

Wie reagierten Familie und FreundInnen, nachdem ich endlich über die Gewalterlebnisse reden konnte, geredet habe? Von ‚was willst du denn jetzt noch damit‘, ‚wieso hast du nicht schon früher was gesagt‘, bis hin zur Bedrohung meines Lebens – dies ist nachzulesen im Text Reaktionen.

In den Kapiteln Misstrauen, Zweifel an mir, Angst und Wut beschreibe ich sehr wichtige Punkte der therapeutischen Arbeit bzw. schreibe ich von Themen, die mir sehr zugesetzt und mich zeitweise außerordentlich belastet haben, die aber dennoch wichtig und hilfreich waren. 

Unter Weitere Aspekte fasse ich verschiedene, nicht minder wichtige Themen zusammen, wie ‚bin ich Schuld an dem Vorgefallenen?‘, ‚wer ist verantwortlich?‘, ‚habe ich mich gewehrt?‘ und ‚warum habe ich nicht früher darüber geredet?‘ und andere mehr. 

Daran schließt sich ein Kapitel an, das zu schreiben mir zum Teil besonders große Freude bereitete, nämlich: Was mir während der Therapiezeit gut tat. All die dort aufgeführten kleinen und großen Dingen haben mir außerordentlich geholfen, das Schlimme auszuhalten und zu überstehen. 

Zum Schluss will ich in einem weiteren Kapitel davon berichten, wie ich die Therapeutin während all der Jahre erlebte. Dies kommt zwar in den anderen Kapiteln ebenfalls vor, dennoch will ich hier das Wesentliche zusammenfassen. 

Und in einem letzten Kapitel, bevor ich noch einige Schlussworte anfüge, berichte ich, was der Prozess des Schreibens bei mir bewirkte. Vorweg kann ich schon mal sagen, das Schreiben ist die Entdeckung für mich! 

Noch einige redaktionelle Anmerkungen: 

Wenn dieser Blog im Netz erscheint, wenn Sie dies hier lesen, werden noch nicht alle Kapitel zur Verfügung stehen. Einige sind zwar schon geschrieben, müssen aber noch korrigiert und ergänzt werden; diese werde ich nach und nach einstellen. Einige andere Texte habe ich noch nicht verfasst; sie folgen aber auf jeden Fall.

Alle zitierten Träume, Notizen aus meinen Tagebüchern sowie Aufzeichnungen von den Therapiestunden sind durch Kleinschreibung und durch Einrücken kenntlich gemacht.

Und darauf möchte ich auch noch hinweisen: Während der Therapie/Analyse habe ich die Therapeutin als ‚Frau K.‘ oder ‚die K.‘ in meinen Aufzeichnungen erwähnt. Bald fühlte ich für sie wie für eine Mama, also bezeichnete ich sie in meinen Texten manchmal auch so (oder als ‚Ma‘). Noch später nannte ich sie innerlich und in meinen Aufzeichnungen oft anerkennend ‚die Lady‘. Oder, natürlich auch nur für mich, ‚Madame‘! Dies geschah immer dann, wenn ich sie z. B. streng wahrnahm, ich mich über sie ärgerte oder sie mir was sagte, was ich gar nicht hören wollte.