Im Text zu meinem Vater kamen meine Zweifel an meinen gefühlten Erinnerungen, an den Bildern, die im Zusammenhang mit ihm auftauchten und deren immer deutlicher werdende Bedeutung bereits zum Ausdruck. Ich komme nun ein weiteres Mal und ausführlich darauf zu sprechen, weil die Ausführungen zu meinem Vater vielleicht nicht von allen gelesen werden. Aber auch, weil ich diese Thematik für besonders wichtig erachte. Ich möchte aufzeigen, wie sehr mich diese Zweifel quälten, wie ich mit ihnen umging, welche ‚Vorteile‘ sie hatten und wie ich vom ‚bilde ich mir das nicht bloß ein?‘ hin zu der klaren Haltung gelangte: Ich weiß es! – Zum Schluss sogar zu dieser Überzeugung: Ich brauche nicht, dass er es zugibt! Ich glaube mir! – 

Von Anbeginn an, schon bei den ersten vagen Vermutungen, es könnte auch was mit meinem Vater gewesen sein, zweifelte ich daran, das aber gar nicht vage, sondern vehement. – Das kann nicht sein! Das müsste ich doch wissen! – Ich war mir selbst gegenüber sehr misstrauisch. Das äußerte sich z. B. so: Wieder einmal fiel es mir in einer Stunde sehr schwer, bei mir zu bleiben, ernst zu nehmen, was in mir auftauchte. Ich fühlte mich auf einmal wie ein Baby, wie ein kleines Kind. Plötzlich fiel mir ein, dass ich nachts oft wach werde, auf die Uhr schaue und denke, hoffentlich ist die Nacht bald vorbei. Freue mich dann, wenn es hell wird. Dies schilderte ich der K. und sagte, dass ich auf einmal so ein beklemmendes Gefühl bekäme…. – Ich will mich an nichts erinnern!  – Wieder musste ich hart dagegen ankämpfen, mich nicht runter zu machen, von wegen ich spinne doch. Ermunterte mich selbst, meine Gefühle ernst zu nehmen. Andererseits unterstellte ich der Therapeutin, sie denkt, ich spinne! In der folgenden Stunde sprach ich darüber; ich hätte immer wieder gedacht, gleich sagt sie, ich phantasiere oder was das denn solle? Und hätte Angst gehabt, dass sie sauer wird. Ich begann zu weinen, spürte Angst davor, was das alles bedeutet. Schaffte es, der K. zu sagen: Ich dachte daran, dass es was mit meinem Vater zu tun haben könnte, dass da was mit ihm war… – Sie fragte fast vorsichtig, ob ich ein Bild dazu hätte? Nein, das sei nicht der Fall. Misstrauisch meinte ich: Vielleicht sage ich das ja nur, damit sie sich mit mir beschäftigen, sich mir zuwenden… – Das werden wir dann schon merken!, entgegnete sie fest und bestimmt, was mich beruhigte.  

In der nächsten Stunde sagte ich: Ich glaube nicht, dass mein Papa das gemacht hat!, und ich wolle lieber viel reden, damit keine Bilder auftauchten. 

Aber sie tauchten auf! Bilder, Gefühle und gefühlte Erinnerungen. Und  wieder meine Zweifel. Ich versuchte, wenn es mir so erging, mir gut zuzureden, alles ernst zu nehmen: Nichts ist hier zufällig, alles ist wichtig! Was du fühlst, denkst und was du erinnerst und erzählen willst! – Obwohl ich noch unsicher war, konfrontierte ich meinen Vater und meine Mutter mit dem Thema. Ich wollte meine Erinnerungen quasi mit der Realität konfrontieren, schauen, ob sie Bestand haben. Nachdem ich von meinen offenen Worte meiner Mutter gegenüber in der Therapie berichtet hatte, die natürlich alles abstritt, sagte die Therapeutin, es gehe nicht um die Eltern, sondern um mich! – Es geht darum, dass sie sich glauben! Ich will ihnen nicht die Illusion rauben, aber die werden das weiter verdrängen. Doch es geht ja um sie! Darum, dass sie sich glauben!, betonte sie nochmals. Bevor ich bald darauf Erinnertes malen wollte, weil ich es nicht aussprechen konnte, fragte ich sie: Und wenn es nicht stimmt? – Sie beruhigte mich: Das macht doch nix! Dann wissen sie irgendwann, dass es nicht stimmt! – Ich musste noch hinzufügen: Aber sie müssen versprechen, es nicht weiterzusagen! – Ich sage nie etwas weiter!    So handhabten wir das auch in der Folgezeit, was mir sehr half. Ich ließ meine Erinnerungen in den Therapiestunden zu, und das blieb erst einmal unter uns. 

Warum ist es nur so schwer, mir zu glauben? – Diese Frage beantwortete ich mir einmal so: Das, was mein Vater nachts gemacht hat, und sein Verhalten am Tag ist einfach nicht zusammen zu bringen. Am Tag war er (oder sollte ich sagen, spielte er?) meist ein lieber Vater und )soweit ich weiß) ein überaus korrekter Beamter. Und nachts Kinderschänder und Vergewaltiger! Das macht es so schwer, mir zu glauben! Weil das doch gar nicht sein kann! – 

Ich schilderte der Therapeutin meine Überlegungen, wie ich besser mit meinen Zweifel umgehen könnte: Damit mich mein Zweifeln nicht mehr so quälen, wolle ich mir in Zukunft sagen, ich vermute, dass mein Vater mich vergewaltigt hat. Es ist eine Vermutung! Es wird sich klären. Außerdem müsse ich doch auf niemanden Rücksicht nehmen. Es gehe doch um mich! – Ja! Es geht um sie! – Ich sprach auch davon, dass ich sehr viel Zeit brauchen würde, um mir das alles anzuschauen. – Es ist so schwer, sich zu glauben! Wenn nur eine winzige Erinnerung auftaucht, kommt sofort ein riesiger Schwall von Zweifeln hinterher! – Vielleicht schützen sie sich damit…., vermutete die Therapeutin. Zu dieser Sicht kam ich selbst immer mehr. Wenn ich zweifele, gewinne ich Zeit; Zeit, die ich brauche, um das zunehmend sichere Wissen um das Schlimme zu verkraften. Und dennoch war das Zweifeln weiterhin quälend, besonders dieser Wechsel von zweifeln und, nein, ich zweifle nicht mehr, ich weiß es.

Das deutliche Telefonat mit meinem Vater, in dem er fragte, und was ist, wenn ich es zugebe?, hatte die K., wie bereits an anderer Stelle erwähnt, auch mit diesen Worten kommentiert: Indem sie ihm das sagten, zweifelten sie ja nicht mehr. – Ich notierte zwei Tage später in meinem Tagebuch zu meinen doch wieder auftauchenden Zweifeln: Ich weiß jetzt sicher, dass mein Vater mich sexuell missbrauchte. Aber das Wissen ist kein Kopfwissen, es ist ein Wissen meines Körpers, meiner Gefühle. Die habe ich doch jahrzehntelang nicht wahrgenommen. Jetzt nehme ich meinen Körper und meine Gefühle wahr. Aber das Annehmen ihres Wissens, ihrer Erinnerung ist so schwer, obwohl das doch ehrlicher und unbeeinflussbarer ist als das Kopfwissen, das Denken! …. Klar sind die Zweifel auch dafür gut, Zeit zum Verkraften zu gewinnen! –

Manchmal half ich mir gegen das Zweifeln, indem ich mir meine Ängste und Panikattacken in Erinnerung rief. Oder dies: Denke doch nur an diese grausame Nacht in Italien, diese katastrophalen Ängste, liebe Ann! Dann ist doch alles klar! – (In einem Urlaub mit Freundinnen in Italien erlebte ich eine furchtbare Nacht, die ich bald mit der erlebten sexuellen Gewalt mit meinem Vater in Zusammenhang brachte. In dem entsprechenden Kapitel zu ihm habe ich das deutlich ausgeführt.)

Als es wieder einmal darum ging, dass ich immer noch an diesem Thema bin, meinte die Therapeutin dazu und zu meinem Zweifeln ganz vehement: Dass sie das, was von Anderen kommt, so wichtig nehmen! Dass das für sie mehr Bedeutung hat als das, was sie fühlen! Die Anderen wollen nicht weiter denken, nicht gucken und fühlen! Und sie lassen sich davon beeindrucken! Stellen das, was Andere sagen, höher als das, was sie fühlen! Und das andere Problem: Dass sie sich selbst immer noch nicht glauben! Dass sie immer noch in sich haben, stimmt das auch? Bilde ich mir das nicht nur ein? Damit machen sie es sich selbst noch schwerer! – Ich würde ihr ja recht geben, aber: Ich glaube, das mit dem Zweifeln ist einfach gut, um Zeit zu gewinnen! Um das zu verkraften! – Ja, das glaube sie auch. 

Sie mutmaßte bald darauf, dass ich damals sehr wahrscheinlich in meinem Alltag sofort vergessen hätte, was geschehen war; dass ich das vergessen wollte! Das sei verständlich und wichtig. – Ich denke, dass sie dann auch daran zweifelten, ob das wirklich passiert war. Ihr Vater wird das unterstützt haben, wird das auch verdrängt haben wollen. Ich könnte mir denken, dass er sie einige Zeit nicht beachtete usw., um sich daran zu hindern, das wieder zu tun. Das wiederum könnte ihre Zweifel, ist das wirklich geschehen, bestärkt haben. Und dass es ihnen dadurch jetzt noch schwerer fällt, das zu glauben! – Andererseits sei es auch eine Frage, wie sehr man diese Erinnerungen zulassen könne. – Das muss man ja auch verkraften! – Ja… – Ich schwieg, war ihr dankbar für diese Bemerkung: … das muss man auch verkraften können…. Im weiteren Verlauf dieser Stunde sagte ich dennoch: Ich will wissen, was mein Vater gemacht hat! Das ist wichtig für mich. – Sehr weinend fügte ich hinzu, was ich mir am Morgen gesagt hatte: Ann, warum vertraust du eigentlich nicht deinen Gefühlen? Glaub’ doch endlich mal, was du fühlst! – Ehem! – Und dann hab ich erkannt, dass es doch darauf ankommt, was ICH fühle und dass ich MIR glaube. – Ja! – Ich kann meinen Gefühlen doch schon ganz gut vertrauen! – Wieder äußerte sie ihr bestätigendes: Ehem! – 

Als ich einige Zeit später darüber sprach, dass meine Mutter mir früher mit meinem Vater gedroht habe und ich das so interpretierte, der macht das dann wieder, sagte die K.: Das beweist noch mal, dass ihr Vater sie sexuell missbraucht hat! Sie zweifeln ja manchmal noch daran. Aber dass sie Angst davor hatten bei der Drohung ihrer Mutter…, mal ganz abgesehen davon, ob sie ihnen das wirklich androhte oder ob sie bei der Drohung mit dem Vater daran dachten, dass er das dann wieder macht… Also dass sie Angst davor hatten ist ein weiteres Indiz dafür, was er gemacht hat! – Ich zweifele ja gar nicht mehr daran! Ich würde lieber zweifeln, aber es gibt nichts mehr zu bezweifeln. Ich habe es so gefühlt. Es stimmt!, fügte ich damals traurig und niedergeschlagen hinzu. 

Im Anschluss an diese Stunde ging ich wie benommen nach Hause. Im Nachhinein fand ich es gut, dass ich meine Gefühle wieder zugelassen hatte, sie so ernst nahm! Gegen alle Zweifel. Und schrieb das noch in mein Tagebuch, was ich schon mal zitierte: Ich sollte meinen Gefühlen wirklich noch sehr viel mehr vertrauen! – Auch darin bestärkte mich die Therapeutin: Ich habe das Gefühl, es geht im Moment darum, dass SIE ihren Gefühlen glauben, dem, was bei ihnen da ist! Und welche Bedeutung SIE dem beimessen! Welche Bedeutung SIE darin sehen. Und dass SIE sich glauben! – Später betonte sie das wieder: Dass sie sich glauben, so wie sie das damals erlebt haben. Das zählt! Dabei geht es nur um sie! Um ihre Gefühle, wie sie das erlebten! Und es ist egal, wie Andere das sehen und egal wir ihre Eltern reagieren. Von denen können sie sowieso nichts erwarten! … Es wäre gut, wenn ihnen das irgendwann einmal egal wäre, was die denken, sagen oder was auch immer! – 

Im Laufe der Therapie konnte ich weitere und deutlichere Erinnerungen und Bilder mit meinem Vater zulassen. Wie ich bereits im Text zu meinem Vater schilderte, war das oft mit großer Angst und Abwehr verbunden. Als ich wieder hochkommende Bilder und Gefühle abwehren wollte, forderte mich die Therapeutin mit lieber Stimme auf, ich solle doch hingucken, damit ich endlich der kleinen Ann glauben würde! Und dann sprach sie mich mit DU an, was mich sehr rührte: Dann verstehst du die kleine Ann! Kannst du zusammen mit der kleinen Ann weinen! … Und dann kannst du dir endlich selbst glauben! – Das notierte ich damals mit dem Zusatz, so ungefähr habe sie mit mir geredet. Ich war in solchen Situationen ja besonders ‚beteiligt‘, deshalb waren die Erinnerungen und entsprechend die Aufzeichnungen dieser Stunden noch unsicherer. Aber im Tonfall und der Aussage stimmte das sicherlich. 

Ich ließ im Verlauf dieser Stunde noch deutlichere Erinnerungen zu, ‚sah‘ sogar zum ersten Mal die kleine Ann in einer Situation mit ihrem Papa. Dazu äußerte ich mich in der folgenden Stunde am nächsten Tag: Ich weiß es doch eigentlich schon lange! Aber seit gestern ist es nochmals anders! – 

Ich erkannte: Wenn ich genau weiß, was war, das macht mich stark! Damit nehme ich dem die Macht über mich! – Bisher wären es nur Gefühle und gefühlte Erinnerungen gewesen, aber gestern hätte ich mich und ihn ‚gesehen‘, jetzt also auch Bilder dazu! Daraufhin meinte die Therapeutin, sie sah mich ernst dabei an, sprach mit fester Stimme: Das bedeutet ja, dass sie den Bildern mehr trauen als ihrem Körper und ihren Gefühlen! – Huch! … Ja, stimmt! –

Ein weiterer wichtiger Aspekt, warum ich an meinen gefühlten Erinnerungen lange zweifelte, ist mir inzwischen klar: Im Gegensatz zu anderem Vergessenen stellte sich bei den Situationen mit meinem Vater die Erinnerung nicht einfach wieder so ein. Da war etwas, das hab ich vergessen, und nun ist es wieder da. Vielleicht ging es meinem Vater tatsächlich nicht anders, hatte auch er das so vehement verdrängt, dass verstandesmäßig keine Erinnerung mehr vorhanden war. Aber in meinen Gefühlen, meinem Körper, da war und ist alles noch sehr deutlich vorhanden!

Ich hätte es bei den Konfrontationen mit meinem Vater zu Anfang gerne gehabt, er hätte gesagt, ja, das habe ich gemacht! Aber das sagte er nicht, nicht in der Deutlichkeit. Doch das war irgendwann kein Thema mehr für mich, denn ich spürte ganz klar: Mir ist es nicht mehr wichtig, OB mein Vater es zugibt! Dass ich mir glaube ist nicht mehr davon abhängig! Ich glaube mir! –