Mein Misstrauen der Therapeutin gegenüber hat mich leider sehr lange außerordentlich gequält. Vielleicht hab ich auch die Therapeutin manchmal damit genervt, ich weiß es nicht. Für mich jedenfalls war es eine Qual! Ich selbst bemerkte mein Misstrauen gar nicht. Aber die Therapeutin machte mich schon bald darauf aufmerksam; sie sagte, ich würde sie austesten und sei ihr gegenüber misstrauisch. Darauf reagierte ich verständnislos, verblüfft, verneinte das und wurde ärgerlich, als sie wieder davon sprach. Ich nahm mich nicht misstrauisch wahr. Wusste gar nicht, was sie von mir wollte. Ihr ‚ich würde sie austesten‘ kam bei mir fast wie eine Abwertung an. Nein, das meine sie nicht wertend, sie wolle mich damit auch nicht verärgern, mich nur darauf hinweisen. 

Sie verdeutlichte mir, was sie unter ‚austesten‘ verstand, als sie mich einmal auf meine Weigerung hinwies, ein bestimmtes Thema weiter zu verfolgen, obwohl sie meinen gegenteiligen Impuls wahrnahm. Nun wolle ich testen, so die K., hakt sie nach, nimmt sie das ernst, ist sie aufmerksam oder ist es ihr egal. An anderer Stelle sprach sie wieder von austesten und dass ich misstrauisch wäre. Das sei kein Vorwurf, stellte sie klar. Es wäre wichtig zu schauen, warum ich misstrauisch bin. Sie fügte hinzu, mein Vertrauen wäre ganz schlimm gebrochen worden, deshalb bestünden doch Gründe für mein Misstrauen. Und: Ihr Misstrauen hat doch mit dem Thema zu tun! – Ich glaube, damals verstand ich diese erläuternden Worte nicht ganz oder wollte sie noch nicht an mich rankommen lassen. 

Bei einer weiteren Gelegenheit kam sie wieder mit dem Thema ‚austesten‘. Ich hatte sie gefragt, wie das, was ich zuvor gesagt hatte, bei ihr ankomme. Sie wolle sich nicht austesten lassen! Wenn sie richtig rät, kann sie sich einfühlen, ist sie eine gute Mama! Wenn nicht, dann …. Dazu habe sie keine Lust. Für sie sei das austesten. Und schon waren wir mitten im Diskutieren, Streiten und mir ging es immer schlechter. Ich brauchte doch Harmonie und Vertrauen, nicht das!

An anderer Stelle wies sie mich darauf hin, dass ich schon mit sehr viel Misstrauen in die Therapie gekommen sei. Sie habe mir z. B. zu Beginn der Therapie einen Fragebogen vorgelegt, den ich nicht hätte ausfüllen wollen mit der Begründung, ich wisse ja nicht, ob ich dort bliebe. Das habe sie akzeptiert. Ich entgegnete, ich könne das heute noch verstehen, fände ich auch ok. 

Mein Misstrauen ging sogar einmal soweit, dass ich zu ihr ganz fest und ernst sagte: Und wenn sie was machen…, ich bringe sie um! Zuvor hatte ich von meinen Wünschen an sie geredet, mich damit nach meinem Gefühl ihr gegenüber schwach gezeigt und befürchtete nun, von ihr ausgenutzt zu werden. Die daraufhin auftauchende Angst veranlasste mich zu dieser für mich selbst überraschenden Drohung. Als ich die aussprach, saß ich mit geballten Fäusten dort; darauf wies ich sie dann hin. Sie nahm’s gelassen, entgegnete, sie glaube, dass ich mich beschützen könne. Dann fügte sie nach einer kleinen Pause mit weicher Stimme hinzu: Und was ist, wenn ich auch auf sie aufpasse? – Ich brauchte eine Weile, bis ich diesen lieben Satz, nach meinem so ernsten, richtig aufnehmen konnte. Dann sagte ich sehr berührt: Das wäre schön…. – 

Von meinen Zweifeln ihr gegenüber habe ich bereits im Zusammenhang mit den Taten meiner Brüder berichtet, als es z. B. um deren Alter ging und um solche Aussagen von ihr wie, das seien doch Kinder bzw. Jugendliche gewesen. Will sie die entschuldigen?, u. ä. Zweifel beschäftigten mich und die äußerte ich auch ihr gegenüber.

Außerdem fragte ich mich in der ersten Zeit der Therapie des Öfteren, bin ich bei ihr richtig? Ist sie die Richtige, besonders beim Thema sexuelle Gewalt? Ob sie mir wirklich helfen kann? Mir geht’s doch immer schlechter. Das nützt doch alles nichts! Die Therapie hilft mir auch nicht! Sie hat wahrscheinlich selbst keine Ahnung davon, was mit mir los ist! Das Zweifeln an ihr und ihrer Kompetenz setzte mir sehr zu. Obwohl ich doch beim ersten Gespräch bald das Gefühl hatte, ja, hier bin ich richtig, ich will bei ihr Therapie machen, zweifelte ich in der Folgezeit oft daran, ob sie die richtige Therapeutin für mich ist.

Darüber zu reden war absolut schwierig! Aber die K. bat mich mehrmals eindringlich darum, nicht nur bei diesem Thema, ich solle doch sagen, was in mir ist, auch wenn es Kritik an ihr sei. Das bringe uns weiter, helfe uns bei unserer Arbeit. Wenn ich mich dann wirklich getraute, sie zu kritisieren o. ä., fragte ich sie ganz oft, ob ich nun gehen müsse, ob ich nicht wiederkommen dürfe, weil ich sie doch kritisiert hatte. Immer wieder ihr klares: Aber nein! 

Durch meine Zweifel an ihr bemerkte ich, dass ich mir selbst gegenüber ebenfalls misstrauisch war. Ich bezweifelte nämlich, ob ich überhaupt einschätzen kann, ob sie gut und richtig für mich ist oder nicht. Es war wirklich so, dass ich mir damals nicht zutraute, das entscheiden zu können. Ich war mir meiner Gefühle einfach nicht sicher! Um mich nicht weiter damit zu quälen, kam ich nach einiger Zeit zu dem Schluss: Ich mache jetzt erstmal bei ihr weiter, irgendwann werde ich Klarheit haben. Ich weiß doch nicht, wie es bei einer anderen Therapeutin wäre. Also bleibe ich weiter bei ihr in Therapie. Darüber sprach ich offen mit ihr. Sie beeinflusste mich nicht, überließ es mir und das war gut. 

Mein Misstrauen kam deutlich zur Sprache, nachdem sie eine Stunde absagte, die sie eigentlich in ihren Ferien hatte halten wollen. Das war nach gut einem halben Jahr Therapie. Ich äußerte meinen Ärger darüber und sagte, ich würde gerne noch viel mehr von mir sagen, aber aus Misstrauen und vor Scham könne ich das nicht. Nun hätte ich ein bisschen Vertrauen gespürt, das sei aber jetzt durch die Absage angeknackst. Ich sei bei der Ankündigung der Stunde gleich skeptisch gewesen. Mein Misstrauen habe also zu recht bestanden. Ich fügte hinzu: Wie soll ich eigentlich überhaupt noch jemandem vertrauen, wo ich doch noch nicht mal meinen Eltern vertrauen konnte! – Fast weinend fuhr ich fort: Wie soll ich dann ihnen, einer Fremden, vertrauen? – 

Die K. reagierte, trotz meines geäußerten Ärgers, mit großem Verständnis. Mein Misstrauen habe ganz viel mit meiner Kindheit, meinen Eltern und dem Erleben der Sexuellen Gewalt zu tun. Das müssten wir erstmal so hinnehmen, es wäre doch ok. Sie würde mich hier so erleben, wie sie glaube, dass ich als Kind gefühlt habe, nämlich: Ich kann niemand vertrauen! – Ich entgegnete, für mich sei mein Misstrauen einfach verwirrend, da ich doch auch andere Gefühle in Bezug auf sie hätte (nämlich liebe Gefühle), über die ich aber aus Scham nicht reden könne. Sie glaube, ich würde an mich die Forderung stellen, ich dürfe ihr gegenüber nicht wütend und nicht misstrauisch sein, da ich befürchte, dass sie dann ginge, sie mich alleine ließe. Ich sagte es wohl nicht, aber in mir war ganz sicher: Ja! – 

Es ging immer wieder hin und her, mal spürte ich ein bisschen Vertrauen, dann war ich wieder misstrauisch. Auch darüber sprach ich offen. – Ich kann wohl nicht vertrauen und nicht glauben, dass bei diesem Thema Vertrauen gerechtfertigt sein könnte. Ich frage mich nur, wie ich diesen Wechsel von Vertrauen und Misstrauen aushalten soll. – Das wäre nämlich überhaupt nicht gut zu ertragen. Ich könne versuchen, so die K., an die Momente zu denken, in denen ich Vertrauen spürte, mich an Situationen zu erinnern, in denen ich mich verstanden und aufgehoben fühlte. Ja, so würde ich zum Teil auch schon damit umgehen. 

Es kam sogar manchmal vor, dass ich Vertrauen spürte und plötzlich tauchte Angst auf! So erlebte ich es, als ich aussprechen wollte, was ich mir von ihr wünsche. Wegen der Angst wolle ich das nur nach und nach tun. Ich hätte jetzt schon mehr Vertrauen zu ihr. Aber von Vertrauen zu ihr zu sprechen sei gefährlich. Ich hätte Angst davor, mich ihr damit auszuliefern und dass sie das ausnutzen könne. Müsse das aber riskieren und schauen, was passiert. 

Das ist doch eigentlich unglaublich, dass ich ihr das unterstellte! Aber ich erinnere mich gut daran, dass ich dachte: Wenn ich an sie Wünsche habe bzw. offen meine Gefühle zeige und meine Wünsche ausspreche, dann kann sie mit mir machen, was sie will.

Ein anderes Mal bemerkte ich, dass ich ihr schon sehr viel von mir gesagt hatte und fragte mich, ob ich deswegen jetzt Angst haben müsse. Verneinte es, aber leichte Zweifel blieben. – Ich hoffe, sie enttäuscht mich nicht!, so schrieb ich in mein Tagebuch. Bald darauf staunte ich, dass ich schon auf Adolf und seine Taten und dass er mir Geld gab zu sprechen kommen konnte. – Weil ich jetzt Vertrauen in die K. habe!, notierte ich dazu. 

Ich zitiere aus einem Brief an die Therapeutin, der gut die Qualen des Misstrauens widerspiegelt. Ich hatte ihr den Brief aber nicht übergegeben.

(…) Und irgendwann fingen sie damit an, mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich sie austeste, dass ich misstrauisch bin. Ich hatte es nicht bemerkt. Und ich wünschte mir so, mich aufgehoben und angenommen zu fühlen. Ab und zu spürte ich auch so was aufkommen, aber immer wieder vorsicht und misstrauen bei mir. Und wie oft habe ich, was sie sagten, falsch verstanden. Einmal war ich deshalb so verzweifelt, dass ich sie sogar anrief, obwohl ich bis dahin dachte, ich könne sie niemals anrufen, wenn etwas ist. Ich hatte sie so verstanden, als meinten sie, es wäre kein sexueller missbrauch gewesen, weil ich damals nicht verstand, warum die das tun.

Zum ersten mal hab ich so was wie vertrauen gespürt, als ich in der einen therapiestunde meiner mutter sagen wollte, als kleine ann, was meine brüder gemacht haben, ich das aber nicht aussprechen konnte. Sie reagierten so toll und so lieb. Ich dachte, die hat also doch ahnung von dem thema. Dennoch immer wieder misstrauen. Wie oft dachte ich, ich bin hier falsch, ich muss gehen. Das wurde erst besser, als ich es nach vielen stunden endlich schaffte, ihnen gegenüber mein misstrauen und meine zweifel an ihnen auszusprechen. Und dennoch hatte ich danach große angst, dass sie mich rausschmeißen, weil ich das so offen sagte. Mich rausschmeißen, weil sie nicht mit mir arbeiten können. (…) 

Ich fragte mich damals sogar, ob sie es ernst meint, wenn sie nett oder gar liebevoll mit mir umgeht! Ob das einmalig ist oder ob sie wieder so sein wird. Diese Zweifel tauchten ganz oft auf, obwohl ich es immer wieder erlebte, wie verständnisvoll und zugewandt sie war. ‚Schöne‘ Therapiestunden, wie ich es nannte, in denen ich mich verstanden und aufgehoben fühlte, wurden immer wieder abgelöst von Stunden des Misstrauens und Zweifelns. Ich konnte diese Misstrauensattacken kaum aushalten. 

Es kam auch vor, dass ich bezweifelte, ob sie in der nächsten Woche wieder für mich da ist! Und ganz besonders quälendes Misstrauen befiel mich, was ich dann auch als solches erkannte, wenn es um ihren Urlaub ging. Ich konnte mir ganz lange nicht vorstellen, dass sie danach wiederkommt. Besonders in der Zeit, als ich mich wie ein kleines Mädchen fühlte, regredierte, waren ihre Ferien für mich sehr bedrohlich. Aber das hatte nicht nur mit Misstrauen zu tun, so erklärte es mir die K. später. Kinder könnten sich in diesem Alter einfach nicht vorstellen, dass die Mama oder der Papa wiederkommen. Das wäre ganz natürlich.

Bei einem Gespräch mit der mich in den ersten Jahren an die K. delegierenden Ärztin erwähnte ich mein Misstrauen. Auch sie meinte, bei dem Thema sexuelle Gewalt sei das ganz ‚normal‘ und verständlich, gehöre quasi zu diesem Thema dazu. Im allgemeinen seien drei Jahre dafür notwendig, wieder vertrauen zu können. So lange!, dachte ich. Andererseits beruhigten mich ihre Worte sehr. Sie hatte noch betont, dass meine Therapeutin das doch wisse und mein Misstrauen einordnen könne. Auch das entlastete mich. Nun verstand ich mich und mein Verhalten besser. Es war mir oft eine große Hilfe, wenn ich nachvollziehen konnte, warum es mir so oder so ging oder warum ich wie reagierte. 

Ich fühlte mich dann auch wieder von der K. verstanden und erkannte: …dass es wirklich super gut ist, dass ich bei ihr bin. Sie ist sehr zuverlässig und engagiert, verantwortungsbewusst. – Aber auch das wurde wieder abgelöst von Misstrauen. Dazu ihre Aussage, ich bzw. die kleine Ann würde Erwachsenen nicht mehr vertrauen. – Ja! –

Mein Misstrauen hatte zum Teil aber auch Gründe, die nichts mit Misstrauen an sich zu tun haben. So sagte ich selbst einmal in der Therapie, ich würde es als Schutz vor Nähe brauchen, damit ich sie innerlich nicht so an mich rankommen ließe. Auch die Therapeutin meinte, dass ich sie damit auf Distanz halten würde. Aus Angst vor Abhängigkeit, zu viel Nähe oder was auch immer die Gründe zum damaligen Zeitpunkt jeweils gewesen sein mögen.

Im Verlauf der Therapie kam ein weiterer Aspekt hinzu. Ich nahm die Therapeutin erotisch wahr, wollte das unbedingt verhindern, auch verhindern, dass erotische Gefühle auftauchen… und schon inszenierte ich einen Streit oder reagierte mit Misstrauen auf Äußerungen von ihr. Damit verbannte oder verhinderte ich die erotischen und manchmal auch meine lieben Gefühle für sie. Oder ich wollte ganz einfach nur vom jeweiligen aktuellen Thema ablenken. Das gelang aber meist nicht lange, dann kam mir die Therapeutin auf die Schliche! Manchmal mussten wir dann beide lächeln; so entspannte sich die Stimmung rasch.

Als es in der Therapie mehr und mehr um meine Erinnerungen an die Situationen mit meinem Vater ging, kamen weitere Gründe für Misstrauen und Zweifel an der Therapeutin hinzu. So erlebte ich sie im Umgang mit mir kühl oder sogar kalt, oder ich kam mir von oben herab behandelt vor und dass sie auf mich herab schaut. Wenn sie wenig sagte, mehr zuhörte, wenig kommentierte, war das für mich ganz furchtbar. Das kam bei mir an, als würde sie nicht mehr mit mir reden und ich dachte dann, wahrscheinlich bin ich ihr egal! Sie verhält sich, als gäbe es mich gar nicht, als wäre ich nicht da! Als ich es geschafft hatte, ihr das offen zu sagen, fügte ich hinzu: Sie können sich gar nicht vorstellen, wie oft ich mir sagen muss, wenn sie nichts sagen, dass das nicht bedeutet, sie reden nicht mit mir! Das kommt ganz oft vor! Dann muss ich mir das richtig eintrichtern. – Das alles setze mir heftig zu und erinnere mich sehr an meinen Vater: Der konnte so kalt gucken! Das ist nicht zu beschreiben! So, dass man nur noch Angst spürte! – Ich erwähnte weiter, dass ich mir sogar wegen ihres so kalten Blickes ein paarmal vor Angst fast in die Hose gemacht hätte. 

In dieser Stunde nahm ich dann wahr, dass die K. sich auf den Boden gesetzt hatte. Ich saß auf Matratzen. Das beobachtete ich im weiteren Verlauf öfter, dass sie sich dann auf meine Ebene begab.  

Die Therapeutin sprach von Übertragungen. Und ich erkannte nach und nach, sobald wir auf das Thema ‚mein Vater‘ kommen, sehe ich sie so, nehme ich sie so wahr wie ihn. Das ärgerte mich maßlos! Ich musste mir ganz oft sagen: Du weißt es doch, das hat nicht wirklich was mit ihr zu tun! Da geht’s doch um den Vater (oder auch mal um meine Mutter), aber nicht um die K.! Ihr kannst du doch vertrauen! – Als das mit dem Vertrauen noch wackelig war, meinte sie, ich würde das doch nur einem Teil von ihr unterstellen, aber vom anderen Teil wüsste ich, dass es oder sie nicht so ist. Das half mir, zumindest zeitweise, meine widersprüchlichen Gefühle besser zu ertragen und auseinander zu halten.

Nicht nur im Text zu meinem Vater erwähnte ich bereits meine Zweifel an mir, an meinen gefühlten Erinnerungen und Bildern. Ich hatte mich doch immer wieder gefragt: Kann das wirklich sein? Woher kommen denn diese Erinnerungen auf einmal? Das hätte ich doch wissen müssen! Bilde ich mir das nicht nur ein? Ich konnte bzw. wollte diesen Erinnerungen  zuerst nicht glauben! Entsprechend unterstellte ich der Therapeutin, dass sie mir nicht glaubt, was ich an Gefühlen und Bildern erinnerte. Sobald nur eine Nachfrage von ihr kam, schon dachte oder sagte ich ihr, sie glaubt mir nicht. Auf dieses Unterstellungen reagierte sie manchmal harsch, doch letztendlich immer mit  Verständnis. Es dauerte eine ganze Weile bis ich verstand, ich war es doch, die mir nicht glaubte! Und diese Zweifel übertrug ich auf sie. Eigentlich wolle ich, so die Therapeutin, dass sie mir meine Gefühle bestätigt. Aber gerade das wolle sie nicht tun, nicht auf mich einwirken, sonst hänge es von ihr ab, was ich glaube und was nicht. Einerseits wurde ich sauer auf sie, weil sie so stur reagierte, andererseits war unterschwellig da, gut, dass sie sich so verhält. 

Mir wurde zunehmend klarer, dass es doch nicht verwunderlich ist, dass ich gerade der Therapeutin nur schwer Vertrauen entgegen bringen kann – ansonsten erlebte ich mich nicht misstrauisch. Mit ihr ließ ich mich auf meine Gefühle und Erinnerungen mit meinem Vater, meinen Brüdern ein. Ließ Erinnerungen zu, wie ich deren Taten als kleines Mädchen erlebte und dass meine Mutter mir nicht half, mich nicht beschützte. Die von mir geliebten Menschen, denen ich doch vertraut hatte, verrieten mich. Ja, so fühlte ich es, die haben mich verraten, meine Liebe zu ihnen verraten! Wie soll ich da noch jemandem vertrauen? Und gerade um diese Themen ging es im besonderen in den ersten Jahren der Therapie. In der Übertragung sah ich in der K. meinen Vater, meine Mutter. Dann gehört auch das Misstrauen in die Therapie! Dies betonte die K. des öfteren.

Ich näherte mich immer mehr dieser Einsicht an, doch quälte mich dann und wann weiter mein Misstrauen. Ich wolle das nicht, wolle sie auch nicht kalt usw. erleben. Wolle Beständigkeit. Würde das nicht mehr aushalten, klagte ich. Das sei ein ganz wichtiger Punkt, meinte sie. Sie könne nur betonen, dass es total wichtig sei, wenn etwas auftaucht, das sofort anzusprechen, also wenn ich sie so oder so sähe. Wir müssten uns dann alle Facetten genau ansehen. Nur so bekäme ich das weg. – Wenn ich lieb an sie denke oder so, dann hat mein Bild von ihnen ganz oft auch was Abweisendes. Sehe ich sie kalt, aggressiv, abwesend oder wie auch immer. – Weil da ja was Altes rauskäme, ich sie also nur so wahrnehme, würde ich mich aber auch fragen, wenn sie lieb und verständnisvoll ist, ob ich mir das dann auch nur einbilde. Wieder betonte sie eindringlich, ich solle das unbedingt und gleich ansprechen. Dann könnten wir das klären, das sei doch wichtig. Ich traute mich nach und nach immer mehr, offen darüber zu reden, wie ich sie wahrnahm; und weiß noch sehr genau, dass ich mich selbst dazu aufforderte und wie schwierig das war, aber wie gut, wie klärend und beruhigend sich dieses offene darüber Reden auf mich auswirkte. 

Als die Therapeutin bald darauf meinte, ich wisse jetzt, dass ich mich auf sie verlassen könne, kommentierte ich das nicht gleich, ließ es auf mich wirken. In der folgenden Stunde wiederholte ich diese Aussage von ihr und überlegte laut: Wenn das so ist, dann müsste ICH ja vertrauen können!? – Da lachte sie: Ja! – … Das hieße doch, auch MEINEN Gefühlen vertrauen können!? – Jaaaa…! – Sie betonte, ich hätte doch auch andere Erfahrungen gemacht, schon früher, aber auch in meinem jetzigen Leben. 

Damit deutete sich für mich zum ersten Mal an, dass, wenn ich Anderen vertraue, es auch bedeutet, ich vertraue meinen Gefühlen. Noch jetzt spüre ich die große Verwunderung bei diesen Gedanken und möchte ausrufen, wie ich es damals vielleicht empfand: Huch, was ist das denn für eine neue Wendung bei diesem unsäglichen Thema? … Das bedeutet Vertrauen? Mir selbst vertrauen zu können, meinen Gefühlen!? Unglaublich! Daran hab ich ja noch gar nicht gedacht! –

Aber nun war mir das zumindest schon mal begegnet. Das war quasi der Anfang. Im weiteren Verlauf der Therapie kamen wir darauf zurück. Ich spürte tatsächlich, zu meiner großen Freude und Entlastung, zunehmend Vertrauen zu der Therapeutin. Dazu schilderte ich ihr einmal dieses Bild: Sie gehen auf der anderen Straßenseite, aber ganz weit weg. Dennoch fühle ich, dass mich etwas mit ihnen verbindet. Und ich dachte, das ist mein Vertrauen zu ihnen! – In einer anderen Therapiestunde sagte ich ihr, obwohl dabei wieder Angst in mir hochstieg: Ich wusste ja schon vor dem Italienurlaub (Näheres dazu siehe im Kapitel zu meinem Vater oder zum Thema Angst), dass sie für mich da sind! Aber ich habe das noch nie so gefühlt wie dort. Ich habe richtig Vertrauen gespürt! Und als ich wieder hier war, war das immer da! Fühlte ich das Vertrauen in mir! Und es machte mich richtig ruhig. – Und ich erkannte: Ich kann meine Angst bei ihr zulassen, ich bin doch gut bei ihr aufgehoben. Und wenn was zwischen uns auftaucht, sind es doch Übertragungen! – Ein anderes Mal spürte ich bei Gedanken an die K. ein wundervolles Gefühl des Vertrauens und notierte: Habe noch mehr Vertrauen zu ihr! – Aber ich musste mich auch mal wieder ermuntern, als ich ihr Träume erzählen wollte: Kannst ihr doch vertrauen! – 

Ich finde das so wunderbar, entdeckt zu haben, ich vertraue! Ich kann doch vertrauen! Auch und gerade meinen Gefühlen, also mir vertrauen! Dass da ein Zusammenhang besteht! Und damit fahre ich gleich fort, denn darum ging es zunehmend. Ich hatte davon gesprochen, die Therapie als Sicherheit im Hintergrund – da könnte ich doch noch mehr riskieren, also mich noch viel mehr trauen. Wieder tauchte Angst auf, als ich darüber reden wollte. Dennoch sprach ich darüber. Die Therapeutin wiederholte, ja, ich könne mich mehr trauen, und: … das hat mit Vertrauen zu tun. Aber nicht, ob sie mir vertrauen können, sondern ob sie sich selbst vertrauen können! Ob sie ihren Gefühlen vertrauen können, ob das, was sie tun, wie sich hier auf die Therapie einlassen, gut für sie ist! – Weiter oben hatte ich doch von meinen Zweifeln berichtet, die mich zu Anfang der Therapie plagten, und ob ich überhaupt beurteilen kann, ob sie eine gute Therapeutin ist, ob sie Ahnung von dem Thema hat oder ob ich mir lieber eine andere Therapeutin suche. Und nun begegnete mir das wieder. Nun hatte ich zunehmend Vertrauen in mich.

Als ich mal meine Gefühle und alles, was in der Stunde auftauchte, zugelassen hatte und dadurch wieder ein Stück weiterkam im Bearbeiten der sexuellen Gewalt, schrieb ich danach in mein Tagebuch: Ist doch toll, dass ich alle meine Gefühle dort so zugelassen habe, sie so ernst nahm! Gegen alle Zweifel. Hab meinen Gefühlen vertraut und war so mutig! …. Ich sollte meinen Gefühlen wirklich noch sehr viel mehr vertrauen! Nochmal die Therapeutin zu einem späteren Zeitpunkt dazu: Selbstverständlich können sie ihren Gefühlen vertrauen! – 

Nun hatte ich bei all dem Arbeiten an mir und dem Thema Klarheit gewonnen: Es geht nicht nur darum, ihr (oder Anderen) vertrauen zu können, sondern auch darum, ob ich meinen Gefühlen vertrauen kann. Wenn ich fühle, sie ist zuverlässig oder was auch immer, kann ich diesem Gefühl und damit mir trauen? Darum geht es, GERADE darum geht es! Das ist doch eine spannende Entdeckung!