Wie kann ich dieses umfassende Thema angehen? Mir fielen ziemlich rasch einige wichtige Aspekte dazu ein, die ich, ähnlich einem Inhaltsverzeichnis, meinen eigentlichen Ausführungen voranstellen will.

Abwehr der Wut! Wie und mit welchem Zweck? Mein ‚ich will nicht mehr leben‘ gehörte auch dazu – ich richtete die Wut lieber gegen mich als gegen die Anderen. .. Oder Wut, dann spüre ich meine Traurigkeit nicht mehr!

Wie habe ich die Wut ausgetobt, wie entwickelte sich das Austoben?  Vorher z. B. sehr viel Scham! Negative (Schuldgefühle, Selbstbestrafung) und positive Folgen (befreit, stolz auf mich, Wiedergutmachung) der Wut, des Austobens der Wut… Meine Rachephantasien gehören auch hier hin…

Gegen wen richtete sich meine Wut, und wie habe ich sie jeweils speziell zum Ausdruck gebracht?

Werde ich noch geliebt, wenn ich wütend bin? Ich konnte mir zuerst nur Wut ODER Liebe vorstellen!

Verantwortung für meine Wut übernehmen, dazu stehen! Ist alleine MEINE Wut! 

Was kommt nach der Wut? 

Und eine ganz wichtige Entdeckung: Wut…. und meine Angst verschwindet! Früher, vorher, meine furchtbaren Ängste… Waren die dafür ‚gut‘, um meine Wut, meinen Hass nicht zu spüren, nicht zuzulassen?

Und ganz besonders lang und ausdauernd: Wut gegen die Therapeutin – um der Wut auf die Eltern aus dem Weg zu gehen! 

Ich werde genau damit beginnen, nämlich mit der Wut auf die Therapeutin, obwohl es in diesem Abschnitt meines Schreibens eigentlich um meine Wut im Zusammenhang mit dem Thema sexuelle Gewalt geht, und ich an anderer Stelle auf die Rolle der Therapeutin genauer zu sprechen komme. Doch ich versuchte mehrere Male, mit meiner Wut auf die Therapeutin der Wut auf meine Mutter oder auf meinen Vater aus dem Weg zu gehen – also gehört sie doch in diesen Text. Außerdem möchte ich damit noch etwas ganz Allgemeines, aber Wesentliches von meiner Therapiezeit schildern, nämlich: Das manchmal monatelang Quälende, zäh sich Hinziehende, ohne dass manchmal klar war, sicher nicht nur mir, um was es eigentlich ging. Und dass es sich lohnt, trotz aller Härten, auch diese Phasen durchzustehen!

Die lange Wutphase auf die Therapeutin begann schon zu Anfang ihrer Sommerferien im dritten Jahr der Therapie, also zu einem Zeitpunkt, zu dem das Thema sexuelle Gewalt durch meinen Vater bereits länger präsent war. Doch für mich wurde erst ab dem folgenden Jahr ganz klar, oder ich konnte es ab dann immer mehr annehmen, dass auch mein Vater Täter war.

Ich spürte sehr viel Wut auf die Therapeutin, weil sie meine Regression nicht abstoppte, und es mir dadurch mit den Ferien nicht leichter machte! Ich notierte in mein Tagebuch:

Starkes Herzklopfen! Immer mal wieder! Schrieb einen brief mit wutattacken an die K., schickte ihn aber nicht ab. Die wut ist doch nur stellvertretend für die wut auf die alte (meine mutter)! 

Dass ich dabei auch an meine Eltern dachte, hatte aber keine Wirkung, meine Wut richtete sich gegen die K. Ich notierte aber auch, zum Ende der Ferien, dass ich diese Zeit viel besser als vorher gedacht überstanden hätte, es mir zeitweise sogar besser ging als vor den Ferien. Mein ganz, ganz enger Kontakt zu der kleinen Ann habe mich gerettet. Hätte auch sehr viel und sehr lieb an die Therapeutin gedacht und viel Schönes unternommen; dennoch die Therapeutin sehr vermisst.

Und nun kam sie wieder. Ich sprach gleich in der ersten Stunde nach den Ferien meine starke Wut auf sie an. Ich sagte sogar: Ich hätte sie verprügeln können! – Sie nahm das alles gelassen auf und schilderte mir ihre Sicht. Zum einen könne man eine Regression nicht einfach so stoppen, zum anderen habe sie mich so wahrgenommen, dass ich Kraft habe, diese Zeit zu überstehen, auch wenn es nicht leicht werden würde. Ich fragte sie, ob sie auch Fehler zugeben würde. Aber ja, das habe sie doch gerade getan, als sie davon sprach, dass sie vielleicht aus eigenen Schuldgefühlen, weil sie in Urlaub ging, meine Andeutungen vor den Ferien nicht wahrgenommen habe; sie mich so sah, als wisse ich, warum es mir so gehe und ich das alles einordnen könne. Ich erwähnte den Wutbrief an sie, den ich ihr in der folgenden Stunde zu lesen gab. Ich zitiere aus den ersten beiden Stunden nach den Ferien:

Ich hätte mir auch überlegt, gar nichts zu sagen, gibt nichts dazu zu sagen, so wie sie manchmal, wenn ich sie frage, ob sie nicht was sagen wolle, antworte, nein, sie hätte nichts dazu zu sagen. Sie grinste und ich auch. Wie sie wohl reagiert hätte, wäre ich nicht wieder gekommen, wenn ich mir das leben genommen hätte, ob sie wohl traurig gewesen wäre? Dies sei mir auch durch den kopf gegangen, selbst überrascht davon; hätte gedacht, ich will sie wohl bestrafen. Hätte mir aber nicht wirklich das leben nehmen wollen. Dazu sagte sie zuerst was von, das ist die abhängigkeit, die wut! Dass es zeigen würde, ich denke, wenn sie nicht da ist, kann ich nicht leben. Das wäre existentiell. Ich verstand gar nichts. Bekam sehr, sehr starke angst.

Das war zum Ende der ersten Stunde. Wir kamen in der nächsten Therapiestunde darauf zurück.

Sie habe ja zuerst an abhängigkeit gedacht. Nun hätte ich mich zu meinen lieben gefühlen für sie und dem wunsch nach nähe usw. bekannt, diese gefühle also zugelassen, angenommen. Was ja nähe schaffe. Mit der phantasie, ich will nicht mehr leben, hätte ich wieder etwas abstand gewonnen. Nach dem motto: Wenn du mir das antust, tue ich dir das auch an, verschwinde ich, damit du mal fühlst, wie das ist! (das ist aber nur sehr ungefähr und nur sehr wahrscheinlich der wortlaut ihrer ausführungen) 

In der folgenden Stunde beschäftigte mich erst einmal meine Angst, wie sie auf meine Wut reagiert. Wird sie mir irgendwann meine Wut heimzahlen, so wie meine Mutter? Sie wird mir bestimmt nicht mehr entgegenkommen, wenn sie Urlaub hat, und mir keine zusätzliche Stunde  anbieten. Das gibt es sicher nicht mehr. Nein, sie sei mir nicht böse, und nein, sie komme mir auch wieder entgegen, so die vorübergehend beruhigenden Worte der Therapeutin. Und ich gestand ihr, dass ich sie so sehr vermisste in den Ferien, dass das manchmal richtig wehtat! Und manchmal sei sie mir ganz nahe gewesen, ein anderes Mal hätte ich aber den inneren Kontakt zu ihr nicht halten können. 

Nach einem ‚Bild‘ mit meinem Vater, also plötzlich aufgetauchten Erinnerungen an sexuelle Übergriffe durch ihn, und sehr starkem Herzklopfen nahm ich telefonischen Kontakt zur K. auf. Wir telefonierten ein weiteres Mal und vereinbarten eine Sonderstunde am Wochenende, weil es mir so schlecht ging. Ich erlebte die K. während dieser Stunde wieder sehr kühl und sprach davon, sie könne mir wohl auch nicht helfen.  Sie entgegnete trocken, dann könnten wir die Stunde ja beenden. Aber sie erinnerte mich auch daran, dass ich nach den Ferien doch oft mit Misstrauen ihr gegenüber reagiert hätte. Dann wären doch wieder ruhigere Zeiten gekommen. Es ging hin und her und mir nach der Stunde doch besser. Und dennoch bekam ich so eine starke Wut auf die Therapeutin, und die schrieb ich mir ‚kraftvoll von der Seele‘, wie ich es im Tagebuch beschrieb. Ich würde ihr auch gerne mal so wehtun, wie sie mir wehgetan habe durch den letzten Urlaub; die letzten Stunden davor habe sie nicht mit mir geredet, mir nicht geholfen. Hätte mich doch auch mal in den Arm nehmen können! Sie sei so kalt, einfach eklig! Schimpfte auf sie, nannte sie eine schlechte Therapeutin. Haben sie überhaupt kein Herz?, auch das war in mir, und dass ich sie total hassen würde für ihre Kälte, für ihre abweisende Art, ihr überhebliches Getue. Dass es mich total ärgere, dass sie bestimmt, ob wir lieb, ärgerlich, nett oder kalt miteinander umgehen. Ich hätte darauf keinen Einfluss! Ich notierte weiter: Wissen sie, warum es mir wahrscheinlich so schlecht geht? Ich will ihnen zeigen, dass sie mir nicht helfen können! Sie von ihrem hohen Ross runterholen! Das ist meine Art der Bestrafung, auch wenn ich selbst dabei leide! 

In der folgenden Stunde berichtete ich von dem wieder sehr starken Herzklopfen und von meinen Wut- und Hasstiraden auf sie. Hätte sie in der Samstagsstunde wieder so reserviert, kühl und abschätzend guckend erlebt. Ich fragte, ob sie sich auch so wahrgenommen habe. – Nein! – Ernst ja, aber nicht so wie von mir beschrieben. Sie führte das darauf zurück, dass sie nicht einfach eine Therapiestunde habe abhalten wollen, sondern versuchte darauf einzugehen, dass es mir so schlecht ging. Ich würde vermuten, dass ich mit dem Wunsch nach einer Sonderstunde am Samstag überprüfen wollte, ob sie wirklich für mich da ist. Aber eigentlich hätte ich keine Ahnung. Das erschließe sich manchmal erst später, worum es gehe, meinte sie. Auf ihre Aufforderung, meine Gefühle doch zuzulassen, entgegnete ich, meine Hasstiraden könne ich nicht wiedergeben, aus Angst, dass sie sagt, ihre reiche es. Diese Angst sei schlimmer als die Peinlichkeit. Als Therapeutin sähe sie doch den Zusammenhang, dass die Wut auch nicht nur mit ihr zu tun habe. Ich bemerkte noch, dass ich Wut, aber auch weiterhin liebe Gefühle für sie empfingen würde. Liebe und Hass gehörten doch zusammen, so die K. 

Wir sprachen auch darüber, dass Wut Distanz schaffe, aber auch Trennungsangst auslösen könne. Ich erwähnte noch, dass ich erst in den letzten zwei Jahren erkannt hätte, dass das starke, schnellere Herzklopfen mir signalisiere, ich bin wütend. Spätestens dadurch würde ich bemerken, dass ich überhaupt wütend sei.

Zum Schluss der Stunde spürte ich auf einmal Schwindel im Kopf und sagte: Ich hasse meine Eltern! Ich hasse sie eiskalt! Ich muss die mal wieder ‚verprügeln‘! … Bei der Wut fühlt man sich wenigstens nicht so ausgeliefert! – 

Nach der Stunde dachte ich, da ich der K. doch relativ offen meine Wut zeigen kann, muss ich ihr in gewissem Maße doch vertrauen, darauf vertrauen, dass sie mich nicht alleine lässt. Und auch das notierte ich mir: Früher stellte ich noch nicht mal fest, dass ich wütend bin. Dann konnte ich sagen, ja, ich habe Wut auf sie (auf die K.), mehr nicht. Jetzt kann ich doch schon sehr auf sie schimpfen, ordentlich meine Wut ihr gegenüber rauslassen. 

Später schrieb ich einen Hassbrief an meine Eltern, vier Seiten lang. Danach ging ich mit meiner Schwester Lisa in den Wald. Dort schrieen wir unsere Wut raus, aber wie! Richtig aus dem Bauch heraus hab ich geschrieen. Das war so befreiend! Danach hatte ich keine Herzprobleme mehr! Aber nachts wieder. Und in mir: Mama, wo bist du? – Am nächsten Tag habe ich mir dann wieder Hasstiraden auf die Alten von meiner Seele geschrieben.

Weil mir das Arbeiten so schwerfiel, schimpfte ich in der folgenden Stunde auf mich selbst. Die Therapeutin sprach überraschend von Selbstbestrafung. Ich würde mich für meine Hasstiraden runtermachen, selbst bestrafen. In die darauf folgende Therapiestunde ging ich wieder mit starkem Herzklopfen. – Ich hätte doch gerne mal wieder eine ruhigere Stunde!, sagte ich. Mir fielen zwei leere Stühle in unserem Raum auf; ich dachte, jetzt beginnt das Tribunal gegen mich, mit ihr und den Alten. Sie werden mich angreifen, verurteilen. Die K. meinte, meine Schuldgefühle würden doch eine ruhigere Stunde gar nicht zulassen. Ich hätte doch Wut auf sie, wenn ich annähme, sie schaue böse, wenn ich Angst vor ihr hätte und: ….wenn sie erwarten, ich halte ein Tribunal mit ihren Eltern ab, obwohl sie doch wissen, auf welcher Seite ich stehe! – Bei der Kindheit wäre es doch klar, dass ich jetzt Schuldgefühle hätte, fügte sie verständnisvoll hinzu. Und ich betonte, ich wolle aber nichts zurücknehmen von dem was ich aufschrieb und raus brüllte! Sie kam nochmals auf meine Schuldgefühle zu sprechen: 

Mit dem, was sie über mich schrieben, über ihre eltern, waren sie ja, ich nenne es mal böse. Dann haben sie noch wie eine löwin ihren hass auf ihre eltern rausgebrüllt, also noch mal böse. Und jetzt können sie nicht glauben, dass ich sie hier so annehmen kann, dass ich sie in ihrem bösesein akzeptiere und das aushalten kann. Sie glauben nicht, dass man sie so noch mögen kann. – Ja! Ich hatte zwischendurch angst, sie lassen mich alleine. – Ehem!, ganz lieb und verständnisvoll von ihr. – Ich will aber da raus, will keine schuldgefühle mehr haben! – Sie sind doch auf dem besten wege! – Ich fühlte, ich will das wirklich mit aller kraft! –

Ich bin mir immer sicherer, meinte sie dann, dass sie mich an dem samstag brauchten, sehen wollten, um zu spüren, ich bin trotz ihrer wut auf mich für sie da! – Ja! Ich musste spüren, dass sie für mich da sind, obwohl ich sie so angegriffen und kritisiert hatte. Das war sehr wichtig für mich. – 

In der nächsten Stunde behauptete die K., ich hätte Wut auf sie, weil sie mir meine Schuldgefühle, wegen meiner Wut, dem Schreien usw., nicht nähme, nicht die Verantwortung dafür übernähme und mir nicht helfe, die Schuldgefühle loszuwerden. Da bekam ich wirklich Wut auf sie, vorher hatte ich keine gespürt. Das würde doch gar nicht stimmen! – Ich denke, jetzt lassen sie mich auch alleine! – Sie blieb zu meiner Überraschung gelassen, sie sei doch da, sei ganz wach, für das, was ich ihr sage und das, was sie dahinter sehe oder fühle. Sie fragte mich überraschend: Haben sie Angst, dass nichts Schönes mehr übrig bleibt? – Ja, das denke ich schon lange! – Dann war es irgendwie zäh. Zum Schluss der Stunde, beim Verabschieden, fragte ich sie traurig und zu meiner eigenen Überraschung, ob sie Mittwoch wieder für mich da sei. – Ist ihre Frage ernstgemeint? – Ja! – Ich fing fast an zu weinen. Sie hielt weiter meine Hand: Aber natürlich bin ich wieder für sie da! – Ich ging und fing an zu weinen. 

Es folgten drei bittere, schwere Stunden mit viel Wut auf die Therapeutin. In einer dieser Stunden reagierte sie sehr erbost. Ich hätte Wut auf sie, hatte ich gesagt, weil sie mich nicht von meinen Schuldgefühlen befreie, sie mir nicht genug helfe usw. Dann auf einmal sie, ganz böse: Das ärgert mich jetzt wirklich! Ich kann machen, was ich will, das kommt bei ihnen anscheinend nicht an! Entweder wollen sie mich nicht verstehen oder sie verstehen mich wirklich nicht. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Ich kann ihnen nicht mehr helfen. – Ich reagierte geschockt, bekam Angst. Aber ich fand es auch gut, dass sie mal wütend wurde, und das sagte ich ihr. Sie erläuterte mir dann, dass sie heute mal eine ruhigere Stunde hätten brauchen können und was ihr (ganz privater) Hintergrund dafür war. Außerdem sei ich seit den Ferien, also schon drei Wochen, wütend. Die Wut wegen der Ferien könne sie verstehen, aber heute hätte sie meine Wut mal nicht mehr annehmen und aushalten können. Ich sei doch selbst am Ende, hätte auch keine Lust mehr auf Wut, klagte ich. Es wurde dann ruhiger zwischen uns. Sie würde mich auch nicht rausschmeißen, versicherte sie mir. 

In der nächsten Stunde sprach ich davon, die Wut gehöre wohl eher nach B. (Wohnort meiner Eltern). Die K. reagierte energisch: Die Wut ist aber hier und nicht in B. aufgetaucht, deshalb muss sie hier bearbeitet werden! – Es sei sehr wichtig, fuhr sie fort, dass ich meine Wut annehmen könne. Ob ich schon einmal auf jemanden solch eine starke Wut gehabt hätte?, fragte sie. – Nein, ich glaube nicht! Nein! Ich bin so ärgerlich, ich kenne mich gar nicht wieder! Ich stehe wie unter Strom! – Sie wiederholte, ich solle meine Wut annehmen, mich selbst mit meiner Wut annehmen.

In der dritten Stunde sagte ich, ich wolle nochmal alles rauslassen, was mich auf sie wütend gemacht habe; mir schiene, das hätte ich bisher noch nicht getan, als wäre das bei ihr noch gar nicht angekommen. Dem widersprach sie, forderte mich aber dennoch auf, zu beginnen. Und ich legte los, angefangen mit den beiden Stunden vor den Ferien, wo sie nicht mit mir gesprochen habe, bis zum heutigen Tag. Ich schaute sie zum Schluss an, wollte zu allem stehen. Stille. Ob sie nichts dazu sagen wolle? -Nein, sie habe sich wirklich nicht so erlebt wie ich sie, betonte sie nochmals. Sie wolle mir meine Gefühle nicht ausreden. Es könne sich um eine Projektion handeln, es könne aber auch etwas Persönliches zwischen uns sein. Ich wolle jetzt gehen, vor dem Ende der Stunde, ich sei fix und fertig. Was das hieße?, fragte sie, sichtlich überrascht von meinem Wunsch zu gehen. – Ich kann ihnen gar nicht sagen, was mich das gekostet hat, ihnen das alles zu sagen! Bevor ich anfange zu weinen, will ich lieber gehen. – Und das machte ich dann auch. 

Als ich diesen Teil der Therapie aus meinen Tagebüchern in den PC übertrug, notierte ich: 

…während des lesens und aufschreibens von diesen drei stunden ging es mir gar nicht so dolle. Ich dachte, das war ja mega heftig. Was ich da alles ausgehalten habe. Und sie hat auch viel abgekriegt! Nee, wie kann ich dann denken, ich schreibe das auf, um andere zu ermutigen, sich selbst an ihre geschichte zu wagen usw. Das kann man doch gar nicht guten gewissens tun!!!

Ich tue es dennoch! Und auch mit gutem Gewissen.

Nach der zuletzt erwähnten Stunde quälten mich wieder starke Schuldgefühle. In der darauf folgenden Therapiesitzung macht ich mich selbst runter. Die Therapeutin meinte, ich hätte doch nichts Schlimmes gesagt, nur meine Gefühle geäußert. Sie verstehe gar nicht, dass ich so starke Schuldgefühle habe. Ich konnte das kaum glauben. Erleichterung und Verwunderung wechselten sich bei mir ab. Ich sprach darüber, wie sie meiner Wahrnehmung nach meine Beschimpfung aufgenommen hatte. Sie habe ernst und verärgert geschaut. Auch heute würde sie so gucken nach dem Motto, mir reicht’s! Ich hätte ihren Blick wieder als cool und auch mal so von oben herab wahrgenommen. Außerdem sei sie gestern und heute zu spät gekommen, das sei für mich ein Zeichen, ich bin ihr lästig, mich kann man nicht ertragen. Die K. konnte es kaum fassen, war fast sprachlos und meinte, sie wisse ja, woher das komme, aber es wäre kaum zu glauben. Aber ich hätte früher ja nicht wütend sein, nie meine Meinung sagen dürfen usw., fügte sie hinzu. Und: Die Reaktionen ihrer Eltern waren ja so, dass sie das irgendwann ganz gelassen haben und das war sicher die richtige Reaktion, wenn man sonst damit rechnen muss, fertig gemacht, quasi vernichtet zu werden. – Diese Sätze erleichterten mich. 

Die Therapeutin fragte mich: Glauben sie eigentlich, dass ICH ihre Wut aushalten kann? – Ich habe einerseits sehr viel Angst, andererseits denke ich, ich muss auch viel Vertrauen zu ihnen haben, sonst würde ich das Risiko nicht eingehen. – Ich freue mich, dass sie das so sehen. Aber sie haben nicht nur Vertrauen in mich, sondern auch in sich selbst, dass sie die Kraft haben, das anzugehen. Was sie gestern äußerten, war ja Kritik an mir, und ich verstehe, dass es schwierig ist, mich zu kritisieren, mich anzugreifen, Wut gegen mich zu äußern. Aber sie sind doch nicht hier, um mich zu loben, mich zu beglänzen, um nur lieb zu sein! Verstehen sie das? – Ja! Aber ich kann es eigentlich nicht glauben, dass sie das so hinnehmen. – Danach dachte ich tatsächlich, so entnehme ich es meinem Tagebuch, irgendwann wird ihre Rache kommen! 

Jetzt schon 4 Wochen Wut und Schuldgefühle!, notierte ich zur nächsten Stunde, in der ich von meiner Angst des Nachts, so aus dem Bauch raus, berichtet hatte. Ich hätte so eine Wut auf meine Eltern, würde denen am liebsten eine Bombe schicken! – Ich halte das nicht mehr aus! Ich bin am Ende meiner Kraft! Und ich halte die Distanz zu ihnen nicht mehr aus! Ich habe das Gefühl, ich verhungere! – Am liebsten hätte ich gleich losgelegt mit Toben! Ich hätte einen Gürtel an, aber noch lieber wäre mir, die auszupeitschen. Die K. forderte mich auf, doch erst einmal nachzuspüren, auf wen ich Wut hätte. Schon verflog meine Wut. Ich sprach nochmal darüber, ich würde doch Nähe brauchen, die Distanz zu ihr nicht mehr aushalten! Ob ich mir nicht vorstellen könne, nachdem ich die Wut auf sie doch ausgedrückt hätte, wieder auf sie zuzugehen. Nein, das sei für mich gleichbedeutend mit alles wieder zurückzunehmen. – Können sie sich nicht vorstellen, wieder Nähe zu mir zuzulassen, OHNE etwas von ihrer Kritik usw. zurückzunehmen? Sie müssen doch deshalb nichts zurücknehmen! – Sie fragte, wie lange unsere Eltern denn früher nicht mit uns sprachen, wenn eine nicht brav oder nicht angepasst war. Nur mein Vater habe sich so verhalten, stellte ich klar. Ob denn die Geschwister die Lücke hätten füllen können, wenn ich mich damals so alleine fühlte? Nein, die wären dann eher sauer gewesen, wenn ich, oder eine Andere, die Stimmung versaut hätte. Dann hätten sich eigentlich alle abgewandt. – Es herrschte  dann absolute Kälte! Man war dann ganz alleine. – Gell, das ist wie verhungern?, sagte sie ganz lieb und verständnisvoll. – Ja! – Verhungern, das traf es.

Bald darauf wollte ich endlich meine Wut auf die Eltern rauslassen, das gelang aber nicht so recht. Die K. hatte gefragt: Wut von früher oder von heute? Und auf wen haben sie Wut? – Und schon spürte ich wieder Wut auf sie! Das machte mich völlig hilflos. Sie wies mich darauf hin, durch das Toben würde ich meine Schuldgefühle nicht loswerden. Außerdem bliebe ich mit Schuldgefühlen abhängig, und diese Abhängigkeit hielte ich aufrecht aus Angst davor, was kommt, wenn frau sich trennt, also wenn ich mich von den Eltern frei machen würde; so verstand ich sie zumindest. 

Am nächsten Tag stellte ich klar, die gestrige Wut wäre jetzige Wut auf die Eltern gewesen, aber auch Wut auf sie, die Therapeutin, und auf mich. Seit langem hätte ich mal wieder gedacht, ich will nicht mehr leben, obwohl ich der kleinen Ann doch versprochen hätte, genau das nie mehr zu denken. Es ginge mir doch nur noch schlecht! Ich wolle alles hinschmeißen, keine Therapie mehr machen; hätte wieder an ihr gezweifelt, ob sie die richtige Therapeutin sei, was mir wahnsinnige Angst machen würde. Außerdem könne ich mich wegen der Scheißferien nicht mehr klein fühlen, weil sie doch immer wieder in Urlaub ginge. Sie fragte, ob ich mir damit nicht selber schaden würde? Deshalb hätte ich es ausgesprochen. Ja, das wäre doch auch gut. Sie wies mich daraufhin, nochmal Kind sein zu wollen bedeute doch auch, dass ich SELBST mit mir fürsorglich und liebevoll umgehe, nicht nur sie! Ja, aber ich würde mich total entfernt von mir erleben. – Ja, auch zu mir haben sie große Distanz! – Sie ging darauf noch näher und sehr liebevoll ein. Erinnerte mich daran, dass ich doch schon so liebevoll mit mir hätte umgehen können. Und sie betonte nochmals, dass sie mich nicht rausschmeißen würde. – Ich will das zusammen mit ihnen durchstehen!, sagte sie ganz eindringlich. Es gehe um Vertrauen. Aber dazu könne ich mich doch nicht zwingen. Nein, aber ich hätte doch jetzt den Mut gehabt, darüber zu reden und reden helfe. Ich könne diese Wut- und Hasszeiten nicht mehr aushalten!, stöhnte ich. Sie habe sich schon gewundert, wie lange ist das aushalte!, so ihre leicht lächelnd geäußerte Entgegnung. 

Es gab immer wieder mal ruhigere Stunden, in denen ich mich ihr wieder  ein bisschen näher fühlte und sich was klärte; im Nachhinein kam mir das vor wie Erholung, um dann wieder Anlauf zu nehmen zum weiteren Wüten. 

So fragte ich sie, ob sie in der einen Woche wirklich nicht feindselig geschaut habe. Nein, ganz sicher nicht; ernst ja, weil es um meine Ablehnung ihr gegenüber ging, aber nicht feindselig. – Kann es denn wirklich sein, dass ich sie nur so gesehen habe, ich sie nur so wahrnahm? – Ja, das könne sein, das sei nicht ungewöhnlich, dass man sein Gegenüber so erlebe, wie man es sich wünscht oder befürchtet oder es erwartet. Sie rekapitulierte und erklärte noch mal, wie sie die letzten Wochen sah, sagte u. a., sie habe mich ja darauf hingewiesen, dass es meine Wut, meine Verantwortung und meine Schuldgefühle seien. Auch das mache ärgerlich, schaffe Distanz; und auch darüber sei ich wütend geworden. Außerdem bekäme ich meine lieben Gefühlen für sie und andererseits meine Wut auf sie irgendwie nicht zusammen, würde von früher her nur entweder oder kennen. Ich fragte tatsächlich erstaunt, ob das normal sei, in Ordnung wäre für sie. Aber ja, so sei das doch bei allen. Zum Schluss wies sie mich noch daraufhin, was ich in den letzten Wochen alles geschafft und gearbeitet hätte. Wieder sprach ich von meinen Wünschen, nochmal Kind sein zu dürfen, aber damit sei es ja jetzt vorbei. – Fühlen sie es also wieder so, sie können nicht bestimmen, haben keinen Einfluss? – Ja! Genau so! Stimmt das nicht? – Das stimmt ganz und gar nicht! –

In der nächsten Stunde berichtete ich, wie ich die letzten Tagen erlebt hatte. Als letzte Rettung sei mir eingefallen, wieder Kontakt zu der kleinen Ann zu bekommen. Dadurch sei es mir besser ergangen. Dennoch sei immer wieder Angst aus dem Bauch raus hoch gekommen. Ich hätte mir mal aufgeschrieben, was ich meine, wenn ich sage: Ich hätte gerne eine Mama. Das Geschriebene hatte ich mitgebracht und las es ihr vor. Zum Schluss sagte ich, das sei das Mindeste, was ich mir wünschen würde. Sie guckte lieb, wenn auch etwas müde. Das hätte ich eigentlich alles gerne von ihr, stellte ich mutig klar. Ich wolle mir selbst was geben, den Kontakt zur kleinen Ann halten, dennoch wolle ich diese Wünsche so stehen lassen. Das hätte ich ihr eigentlich alles schon in den letzten zwei Stunden genau so zu verstehen gegeben, erklärte sie mit liebem Lächeln. 

An dieser Stelle möchte ich zu meinen Wünschen an die Therapeutin nur sagen, dass es Wünsche eines kleinen Mädchens an eine liebe Mama waren. Jetzt geht es ja um meine Wut auf sie, die bald wieder auftauchte; dieses Mal weil sie nichts sagte, mir nicht weiterhalf. Vielleicht Selbstbestrafung für all meine Wünsche an sie?, fragte ich mich und notierte: Kackstunde! Die Wut auf sie blieb, was sie so kommentierte: Egal, was sie sage, es komme nichts bei mir an, aber wir müssten da durch. Sie stellte einen Zusammenhang dazu her, dass ich keinen Kontakt zu meinen Eltern hätte. Dahinter stehe auch Wut. Es handele sich um eine deutliche Übertragung auf sie. Ich würde mich ihr gegenüber genauso verhalten, sei nicht wirklich im Kontakt mit ihr! Meine Wut habe in den letzten Wochen breiten Raum eingenommen. Das sah ich in diesem Moment tatsächlich gar nicht, äußerte mich entsprechend. Das wiederum brachte sie richtig zum Lachen. Ich käme doch so oft mit Wut dort an, würde die quasi ausdünsten. Wie ich die Treppe hochkäme, da könne sie mir die Wut schon ansehen. Ich staunte. Aber in diesem Moment war mir das gar nicht klar! 

Und nun zitiere ich aus dieser Zeit einen Traum, der so gut passt und der mich heute noch zum Schmunzeln bringt:

Die K. sitzt in einem breiten sessel, von oben bis unten in ein tuch eingehüllt und sagt, sie müsse sich schonen, ich solle sie also nicht so belasten. Ich antwort eher ruhig: Ich überweise ihnen ja auch nicht 85 mark, sondern 100! – Das scheint sie zu überzeugen, sie nimmt das tuch weg, ihr kopf damit wieder frei, wir können arbeiten. 

Da muss ich nicht nur schmunzeln, sondern lachen! Der ist doch wirklich köstlich! Sie schmunzelte damals auch, nachdem ich den Traum erzählte. In diese Stunde kam ich mit einer wichtigen Erkenntnis. – Mir ist klargeworden: ICH mache das, was hier abläuft! Also ob ich sie böse oder wie auch immer sehe, das hängt von mir ab! Das bedeutet doch…., dann müsste ich das ja auch ändern können. – Ja! – Diese Einsicht habe mir gut getan! Aber ich spürte auch wieder Wut auf sie. In der folgenden Stunde ebenso, auch wieder Herzklopfen. Ich fragte sie, ob sie wirklich glaube, dass ich das hier die ganze Zeit so mache, also auf vieles Schöne verzichte, um mich für meine Wut zu bestrafen? So hatte sie sich geäußert. Ich könne das gar nicht fassen. – Ja, das glaube ich! Sie waren ja eine sehr lange Zeit wütend auf mich und dafür müssen sie sich bestrafen. Aber es spielen auch andere Aspekt hier mit rein. – Auf die ging sie dann noch näher ein. Sie fragte mich, wie ich die letzten Wochen erlebt hätte. – Ich fand es furchtbar! Einfach fürchterlich! Das alles solange auszuhalten. Aber ich dachte auch, ich muss schon Kraft haben, sonst hätte ich das nicht so geschafft! Aber manchmal war es hart an der Grenze! – War? Das ist doch noch so, oder? – Ja!, sagte ich betreten und berührt, dass sie das auch so sieht. – Gibt es keinen leichteren Weg? – Nein! Es geht nicht anders!, sagte sie lieb und mitfühlend. Ich wäre ja wirklich lange wütend gewesen, wütend, misstrauisch, zweifelnd. Sie fände es gut, dass ich selbst bemerkte, ich müsse Kraft haben. – Kraft haben sie! Und zäh sind sie, ganz schön zäh! – Wir lächelten beide. 

Ich kam auf die bevorstehenden Therapieferien zu sprechen; ich hätte wieder Herzklopfen, sicher deswegen. Hätte eigentlich nichts davon sagen wollen. Ich solle es einfach mal so stehen lassen, forderte sie mich auf: Ich habe Herzklopfen und ich habe Wut wegen der Ferien. – Und das sagte sie noch: Sie müssen da durch! Ich muss da durch! Wir müssen da durch. – Sie sagte noch anderes Hilfreiches, Versöhnliches. Und machte mich darauf aufmerksam, dass ich mich mit meiner Wut nur sehr schwer annehmen könne, das sei ein großes Problem für mich. Ich wolle mich von der gewohnten Struktur nicht verabschieden, denn das hieße, sich in diesem Punkt von den Eltern zu verabschieden, also von ihnen loszusagen: Ich lebe nicht mehr nach eurem Muster, habe mein eigenes! – Das bedeute ja Trennung. Und Trennung löse bei mir Angst aus, so wie jetzt ihr Urlaub. Eine alte Struktur aufzugeben sei sehr schwierig, dauere lange und brauche viel Kraft und Ausdauer. Ja, kann ich dazu heute nur laut und vernehmlich sagen! 

Diese Worte griff ich in den Therapieferien für mich auf: Ich will diese alte Struktur nicht mehr! Ich will wütend sein können und mich nicht dafür bestrafen! Will mir das holen, was ich brauche! (…) Ich will es unbedingt schaffen, anders mit mir umzugehen, nicht mehr wie diese kalten, lieblosen Eltern! –

Nach den Therapieferien meldete sich die Therapeutin leider krank.  Und schon spürte ich wieder bisschen Wut auf sie, aber auch auf mich, weil ich sie so vermisste und brauchte! Ich erlebte es so, als sei mir nur noch die Therapie wichtig, sonst nichts. Aber das ist doch in Ordnung, sagte ich mir selbst! Das heißt doch, ich bin mir das Wichtigste! Nach ihrer Rückkehr erlebte ich endlich mal wieder Stunden ohne Wut; konnte ich auch mal nur dort sitzen und das genießen. Das war wunderbar! Die K. machte mich jedoch darauf aufmerksam, dass ich meinem Zorn, meiner Wut schon länger aus dem Wege ginge! Wir gelangten zu der Ansicht, dass meine Wut auf sie weniger mit ihr zu tun habe, es aber leichter sei, Wut auf sie zu haben. Ich würde doch wissen, dass das nichts mit uns beiden zu tun habe! Das sei doch alte Wut von früher und Wut, weil es mir wegen früher so schlecht gehe!, so die K. Dem konnte ich nur zustimmen. 

Bald darauf kam ich (endlich) in die Therapie mit dieser Aussage: Ich möchte mal den ganzen Frust der letzten Monate hier rausschreien! – Das schaffte ich tatsächlich! Bevor ich anfing zu toben, bat ich sie, dabei besser rauszugehen. Sie blieb an der Tür stehen. Ja, das sei gut, bestätigte ich. Ich solle zuerst mal im Raum rumlaufen, munterte sie mich zu Anfang auf. Bald schlug ich auf ein dickes Kissen, brüllte: Ich will diese Scheiße nicht mehr! – Oder schrie einfach nur. Zwischendrin setzte ich mich auf den Boden. Das solle ich nicht tun, sondern weiter im Raum rumgehen. Das machte ich und brüllte auch wieder los. Danach war mir schlecht und schwindlig. Jedes Mal, wenn ich mich hingesetzt hätte, sei ich in mich zusammen gesunken, beschrieb mich die Therapeutin. Ich solle nach der Stunde losgehen, bis ich erschöpft sei! Davon würden das Herzklopfen und der Schwindel weggehen. 

In der nächsten Sitzung wollte ich gleich weitermachen mit dem Schlagen, Toben und Brüllen, aber ich schaffte es nicht. Irgendwann sagte die K. zu meiner Überraschung: Sie können wohl dem kleinen Mädchen immer noch nicht verzeihen, dass es sich damals nicht mehr wehren konnte, dass es damals keine anderen Möglichkeiten hatte. – Nein! – Weil es mit dem Toben nicht ging, sagte ich, vielleicht ginge es besser im Wald. – Ja, gut, gehen wir in den Wald! – Aas!, sagte ich doch tatsächlich. – Sie müssen ja nicht, war nur ein Vorschlag!, entgegnete sie trocken. Ich solle nach der Stunde rausgehen, joggen, egal, wie kalt es sei; könne mich ja warm anziehen! – Ich jogge auch mit ihnen! Dabei kann man gut schreien! – Es ist nicht zu fassen, zu was sie alles bereit ist. Ob sie spüre, ich will da raus?, fragte ich. Ja, aber der Wunsch zu schreien sei nicht zielgerichtet. Da fehle noch etwas. 

Was da noch gefehlt hatte, war in der nächste Stunde da! Ich notierte in großen Buchstaben in mein Tagebuch: Ich hab’s geschafft! Ich hab so geschrieen! Ich habe getobt und geschlagen! Ich habe Wut und Hass gehabt! Endlich! –

Erst sagte ich jedoch, das seien doch meine Eltern, das gehe doch nicht! Aber die Wut und der Hass seien doch gerechtfertigt, meinte die K. Ich gebe die verkürzten Notizen dieser Stunde wieder:

Ich stand auf. Nein, sie soll nicht an die bürotüre gehen, erst mal hierbleiben. Ich ging im raum umher. Bleibe bei dir! Achte nicht auf sie!, sagte ich mir selbst. Ich versuchte, gerade und aufrecht zu gehen. – Wollen sie, dass ich ihnen helfe? – Ja! – Sie stellte sich in meine nähe. Ich solle in den bauch reinatmen und beim ausatmen leise töne von mir geben, dann lauter. Ich brachte keinen ton raus, obwohl ich mich innerlich aufforderte. Sie half, atmete ein und mit leisem anhaltendem ton aus. Ich machte mit. Meine hände hielt ich am rücken, zu fäusten geballt; sie nahm sie nach vorne. Ich solle weiter fäuste machen! Wir atmeten weiter ein und hörbar und immer hörbarer aus. Dann, wir waren schon ganz schön laut, hörte sie auf. Ich machte alleine weiter. Noch lauter werdend. Hörte auch mal auf. Sie half mir weiter und hörte wieder auf. Ich dann alleine, sehr laut. Hörte sie irgendwas machen, sie holte die matratzen, hielt sie. Ich solle draufschlagen. – Das geht nicht, wenn sie in meiner nähe sind. – Sie stellte die matratzen gleich neben mich an die wand. Ich zögerte, griff den ton wieder auf, schrie laut, ohne worte, und schlug zu!

Ich schrie aus dem bauch heraus und schlug so fest ich konnte mit den fäusten. Schrie keine worte, nur so. Machte mal pause. Ermunterte mich selbst und weiter ging’s. Ich schrie: Ich hasse euch! So eine scheiße! Ich will da raus! Ihr schweine! Ich verzeihe euch nie! – Aber meist schrie ich einfach nur meinen hass und meine wut und meinen frust über die letzten wochen und monate raus und schlug weiter mit meinen fäusten auf die matratzen. Dann war ich erschöpft. Nein, das war noch nicht genug!, erkannte ich und  machte tatsächlich weiter, bis es im hals kratzte. Ich bat um ein glas wasser. Sie meinte, ich solle auf meine kraft achten, müsse nicht alles auf einmal sein, o.ä. Ich setze mich auf den stuhl, sie lächelte mich lieb an. Ich war fix und fertig. Sagte ihr, zu anfang hätte ich zweimal fast eine tachy bekommen, wohl schlechtes gewissen. Ich schwieg, schaute immer mal zu ihr hin, sie lächelte mich an. Und ich wurde dann immer froher. Ich hab’s geschafft!

Sie ging, ich blieb noch, weinte ein bisschen und dann freute ich mich so sehr! 

Ich berichtete ihr in der nächsten Therapiesitzung, wie ich mich nach dieser Stunde fühlte: Ich war sehr froh! Und wurde immer froher! Wie befreit fühlte ich mich. Größer. Ging aufrechter. Auch beim Selbstverteidigungstraining schlug und brüllte ich nochmal rum. – Die K. strahlte mich an. So nahm ich sie wahr! – Wie schwer es ist einzusehen, dass man selbst etwas tun muss, damit man da rauskommt! Und es dann auch zu tun! Wenn es einem schlecht geht, merkt man gar nicht, dass man zumindest mit verantwortlich dafür ist, wie es einem geht! Und dass man selbst etwas ändern kann! – Ja, aber das sei normal, meinte sie tröstend.

Damit schließe ich diese Monate der Wut auch hier ab. Solange war ich der Wut und dem Hass auf meine Eltern aus dem Weg gegangen, hatte ich mich selbst gequält und die Therapeutin sicher belastet und genervt. Unglaublich, aber so war es. Das Thema Wut war damit natürlich noch lange nicht abgeschlossen. Auch nicht meine Versuche, dieser aus dem Weg zu gehen. Ich versuchte zeitweise wirklich alles, mal den Hass auf meine Mutter, mal den auf meinen Vater abzuwehren. 

Ich möchte eine Begebenheit schildern, bei der es um Wut auf meine Mutter ging, der ich unbedingt ausweichen wollte, aber dieses Mal erkannte ich das selbst! Wir kamen darauf, nachdem die Therapeutin meinte, ich würde was von ihr wollen wie von einer Mama. Was ich denn von ihr wollen könne?, fragte ich sie. – Zum Beispiel in den Arm genommen werden. – Ja, das wäre doch verständlich, sagte ich etwas trotzig. Sie begründete ihre Vermutung mit diversem Verhalten und Äußerungen meinerseits. Und schloss ihre Ausführungen mit einer sehr beliebte Redewendung von ihr, nämlich so: Das müssten wir jetzt mal so stehen lassen, weil die Stunde zu Ende wäre. Ich mochte diese Aussage überhaupt nicht; verstand erst sehr viel später, dass sie damit signalisieren wollte, wir greifen das wieder auf.

In der folgenden Stunde erwähnte ich, nachdem ich zuvor wieder davon sprach, nicht mehr leben zu wollen, eine Vermutung, die ich nach der gestrigen Stunde hatte: Ich glaube, wenn sie mir das geben, was ich gerne von ihnen hätte, brauchte ich meine Wut auf meine Mutter nicht zuzulassen, rauszulassen! Könnte ich damit die Wut zudecken! – Sie schlug begeistert mit den Händen auf den Boden, wohin sie sich zuvor gesetzt hatte, wie ganz oft in letzter Zeit; somit saß sie auf meiner Höhe! Also die K.: Das ist ja wirklich klasse, dass sie das herausgefunden haben! Was sie da gestern geschafft haben! – Sehen sie das auch so? – Ja! Absolut! – Was war ich erleichtert!

Ich erwähnte noch einen Traum mit meiner Mutter und meine Deutung, die der Realität früher entsprochen habe: Meine Mutter hat mich nicht beschützt! (…) Ich denke, sie wollte nichts mitkriegen! Und dass sie mich zu meinem Vater ins Bett geschickt hat! …  Das denke ich schon länger! – Die K. betonte später, es gehe aber nicht nur um die Wut auf die Mutter, sondern eventuell auch darum, dass ich mir nicht eingestehen wolle, sie auch geliebt zu haben und dass sie auch für mich da war. Außerdem würde ich nur von meiner Mutter reden, eigentlich ginge es doch um meinen Vater! 

Dennoch ging es bald darauf wieder um meine Mutter und um meine Mamawünsche an die K., die ich nach ihrer Meinung stellvertretend an sie richten würde. Wieder sprach ich davon, ich wolle nicht mehr leben! Andererseits wolle ich das doch nicht denken! Irgendwann sagte ich: Ich hasse sie, weil sie mir das nicht geben, und mich, weil ich das von ihnen will! – Daraufhin die K. vehement: Das ist doch der Hass auf ihre Mutter, ihr ‚Ich halte das nicht aus! Ich will nicht mehr leben!‘, wenn sie an dem Thema sind, was sie von mir wollen! Sie halten den Hass nicht mehr aus! Sie spüren wahnsinnigen Hass auf ihre Mutter und diesen können sie nicht aushalten! – Als ich einige Stunden später sagte, ich hätte so einen Hass in mir, sagte die K.: Endlich! – Gleich darauf spürte ich Angst, fragte die K., ob man auch Angst vor der Wut, dem Hass haben könne? – Oh ja! Meist ist die Angst gerade Angst vor der Wut, dem Hass! Ich denke, dass sie ihre Angst mal in einem anderen Licht sehen, wenn sie sich ihrem Hass gestellt, ihn zugelassen haben! – Doch soweit war ich noch nicht.

Es sei wichtig, so die Therapeutin, anzunehmen und zu akzeptieren, dass ich hasse und wütend sei! Und ich sagte: Mir ist klar, wenn ich den Hass nicht rauslasse, kann ich nicht leben! Nicht ich sein, nicht glücklich leben! –  

In der folgenden Sitzung konnte ich mich dem Rauslassen schon mal annähern. Ich hatte, um meine Mutter quasi darzustellen, Zeitungen und ein Betttuch mitgebracht. Die K. forderte mich auf, das nach und nach anzugehen, mir Zeit zu lassen, immer wieder zu gucken, wie es mir damit gehe. Solle darauf achten, was ich verkraften könne. Ich solle mich meinen Händen überlassen, meine Augen schließen und schauen, was aus den Zeitungen und dem Tuch entstehe. Es war schwierig zu beginnen. Ich ließ mir Zeit. Dann zerknüllte ich nach und nach die Zeitungen, packte diese zu einem Haufen zusammen und legte das Tuch darüber. Konnte aber nichts damit anfangen. Ich solle mal ein Stück wegrücken, fühlen und beschreiben, was ich geformt hatte. – Das ist der Rücken meiner Mutter, wie bei dem Bild, sie liegt in ihrem Bett, hat sich weggedreht, und ich liege bei meinem Vater… – Am liebsten hätte ich die Zeitungen zerrissen und verbrannt! Immer wieder kamen ihre lieben Bestärkungen. Ich würde mehr Zeit brauchen, hätte ganz starke Rückenschmerzen. Sie bat mich, weil die Stunde bald vorbei sei, im Laufe des Tages einen Block zur Hand zu haben und aufzuschreiben, wenn mir zu diesem Bild etwas einfalle. Am nächsten Tag könnten wir unsere Stunde verlängern, das so vorsehen. Ich solle alles liegen lassen, sie würde sich darum kümmern. 

Ich konnte am nächsten Tag an diese Stunde anknüpfen, brauchte allerdings wieder eine Weile. Sie holte das von mir Geformte, breitete es so aus wie am Vortag von mir hinterlassen. Ich packte noch ein dickes Kissen unter das Tuch, damit ich draufschlagen konnte. Und das gelang mir dann auch, aber wie! Ich brüllte und schrie, saute meine Mutter verbal runter. Auf einmal bekam ich ganz starkes Herzklopfen, sagte es. Dann: Ich lasse mich davon nicht abhalten! … Ich höre dich nicht!, weil die Sätze der Alten auftauchten. – Halt die Fresse! Es interessiert mich nicht, was du denkst! – Ich brüllte wie ein Tier. Manchmal nur Töne, aber wie! Wollte dann meinen Gürtel zum Draufschlagen nehmen, die K. interveniert. Ein Kind nähme die Fäuste oder die Füße! Ich schlug dann mit meinen Fäusten auf das Gebilde, schrie: Warum hast du nicht nach mir geguckt? – Trat mit den Füßen nach ihr, auf ihr rum. Pause. Aber es war noch nicht genug, also machte ich weiter mit Schreien und Schlagen und Treten. Dann war es erst einmal genug. Mein Hals schmerzte vom lauten Schreien und Brüllen. 

Ich setzte mich etwas entfernt hin und begann zu weinen: Mutti, warum hast du nichts gemerkt? Warum hast du mich nicht beschützt? – Die K. kam dazu, setzte sich neben mich, legte ihrem Arm um meine Schultern, hielt mich. Ich weinte sehr. – Die kriegt nichts mit! Es ist zum Verzweifeln! Das kommt einfach nicht an. – Meinen sie nicht, dass sie das gehört hat?, fragte die K. mit lieber Stimme. – Nein, die ist wie Beton! – Dann hat sie es auch verdient, geprügelt und getreten zu werden! – Das kam gut. Die K. hielt mich weiter.  … Ja, das war geschafft, und das war gut so! 

Das war nicht das erste, aber auch nicht das letzte Mal, dass ich meine Wut auf meine Mutter zugelassen und ausgetobt und rausgeschrieen habe. Aber es war ein weiterer wichtiger Schritt und von einer Intensität, die notwendig und angemessen war. 

Bevor ich kurz auf die Wut auf meine Brüder zu sprechen komme, gehe ich nochmal an den Anfang der Therapie zurück. Ich brauchte nämlich einige Zeit, um überhaupt meine Wut wahrzunehmen. Die K. hatte zuvor das eine oder andere Mal gesagt, sie spüre Wut. Ob ich denn keine Wut spüren würde? Das verneinte ich jedes Mal und staunte über ihre Frage. Bei einer anderen Gelegenheit hatte sie wieder gefragt: Sind sie denn nicht wütend darüber? Macht sie das nicht wütend? – Ich antwortete mit einem klaren Nein, weil ich tatsächlich keine Wut spürte. Aber das veränderte sich, wie aus den Schilderungen zu meiner Wut auf die Therapeutin und auf meine Mutter deutlich zu entnehmen ist.

Auch mit dem Austoben der Wut tat ich mich anfangs sehr schwer, war das mit viel Scham besetzt. Es fiel mir schwer, mich ‚so gehen zu lassen‘, wie ich das damals nannte. Und wenn ich dann vielleicht auch noch schreien würde und nebenan wären Andere, das sei doch peinlich! Aber Scham könne ich doch mal aushalten, hatte die Therapeutin dem entgegen gehalten. Ich hätte aber auch Angst, was das dann bei mir auslöse, bekäme vielleicht schlechtes Gewissen, wenn ich meine Familie auspeitschen würde. – Aber Wut und Hass entwickeln sich doch! Die haben doch ihre Berechtigung! Die sind doch nicht von Geburt an da! – Als ich die ersten Versuche unternommen hatte, meinte ich, das sei doch alles nichts, das sei doch primitiv. Es fiel mir weiter schwer, meine Wut anzunehmen und was damit zu machen! Durch die Ermunterungen der Therapeutin und weil dann so viel Zorn und Wut in mir war, schaffte ich es doch, wie bereits geschildert! Ich schlug z. B. mit einem Gürtel auf Matratzen und erkannte, eine Peitsche wäre viel besser. Die könne man besorgen, so der trockene Kommentar der K. Ich besorgte sie selbst, eine kleine Lederpeitsche. Aber zuerst waren der Gürtel und dann meine Fäuste dran. Ich hatte gespürt, jetzt müssen es die Fäuste sein. Mit den Fäusten, also ohne Hilfsmittel, so damals die K., das sei näher, da käme die Wut noch mehr von mir selbst, von innen.

Bei meinem Bruder Adolf musste es, wie schon einmal bei Bernd, die kleine Peitsche sein. Das war so nach eineinhalb Jahren Therapie. Es ging gut zur Sache. Ich konnte schreien und schlagen und ihm einiges sagen wie z. B., er sei eine Sau, weil er sich einfach erdreistet hatte, meinen Körper zu berühren. Die K. hatte mich dazu ermuntert, ihm mal zu sagen, was ich von ihm denke. Das machte ich. – Ich vergesse dir das nie, du Drecksau!, war auch dabei. Und dass ich ihm am liebsten die Haut bei lebendigem Leibe abziehen würde.   

Weil ich sowas gesagt hatte wie, ich wolle nur noch hassen, vermutete die K., ich würde denken, wenn ich damit aufhöre, müsse ich verzeihen. Ich sagte nur, ich hätte mit dem Hassen gerade erst angefangen, das wäre noch längst nicht alles. Aber ich wisse wirklich nicht, was danach komme. 

Kurz darauf ging es um meinen Vater, nicht zum ersten Mal! Ich hatte ein Bild, was ich am liebsten mit ihm machen würde dafür, dass er mit uns Frauen und Mädchen so umging, für all seine blöden und ekligen Sprüche und sein Verhalten ganz allgemein. Ich begann in der Therapie dann so, ich wolle ihm mal alles sagen, hätte aber Angst. Sie holte einen Stuhl und packte das dicke, feste Kissen darauf. Mir schlotterten die Knie, als ich mit der Peitsche in der Hand davor stand. Erst konnte ich nur heftig auf das Kissen schlagen, brachte jedoch keinen Ton hervor. Nach einer Weile schrie ich, trat gegen den Stuhl, schlug zu, mehrmals, aber wie! Und dann ging die Peitsche kaputt und mir fuhr es schrecklich in den Rücken mit ganz starken Schmerzen dort. Die K. reagierte sehr besorgt. Schlagen ging nicht mehr, aber nach ihrer Frage: Wollen sie sich dadurch davon abhalten lassen, ihm zu sagen, was sie denken?, stellte ich mich vor den Stuhl und sagte ihm mit ruhiger Stimme ganz viel – wovon ich in meinem Tagebuch interessanterweise keine Notizen hinterließ. In der folgenden Stunde kamen wir darauf zurück. Mir sei eingefallen, dass ich dabei nicht das Wort ‚Missbrauch‘ hätte aussprechen können, wüßte sowieso nicht mehr, was ich ihm eigentlich alles gesagt hätte. Sie erinnerte, ich hätte unter anderem gesagt, er sei dafür verantwortlich, dass die Brüder mich ‚angefasst‘ hätten. 

Ich komme auf diese Stunde zurück. Nach dem Schlagen und den an meinen Vater gerichteten Worten packte ich die Decke um mich herum. Die K. setzte sich zu mir. Ich sprach von Gewissensbissen. Sie: Aber wird es nicht Zeit, dass sie die Loyalität mit ihren Eltern aufkündigen und mit sich loyal sind? – Sie fuhr mich nach Hause, weil ich vor Schmerzen nicht mehr gehen konnte. Beim Arzt stellte sich später heraus, dass ich mir einen Wirbel ausgerenkt hatte. Das Einrenken war sehr, sehr schmerzhaft. Die Verletzung sei Ausdruck meines Hin- und Hergerissenseins, der Zwiespältigkeit, zum einen die Wut und der Hass, zum anderen meine Bedenken, die zuzulassen und auszutoben, so die K. Aber es war ein Anfang. 

Ich schaffte es auch mal ohne die Ermunterung und Hilfestellung der K., meine Wut auf meinen Vater rauszulassen. Dabei bekam ich ob der Heftigkeit fast Angst vor mir selbst. Mir war es unheimlich, dass ich so schreien und hassen konnte. Aber ich machte weiter. Und das passte,  auch weil ich die sexuellen Übergriffe meines Vaters immer deutlicher erinnerte.

Die Therapeutin hatte mich mal darauf aufmerksam gemacht, als ich von meinem Hunger nach einer Mama sprach, dass es doch nicht nur Mama, sondern auch Papa heißen müsse. – Ich denke, sie rufen nach einem Papa. Und sie haben ein Recht auf einen Vater, der sie lieb hat, sie achtet! Und der gut mit ihnen umgeht! Und deshalb müssten sie doch wahnsinnige Wut auf ihren Vater haben! Vielleicht taucht der Wunsch nach einer Mama auf, damit sie sie vor ihrer Wut beschützt…. – Ich hatte einfach Angst vor meiner eigenen Wut. Dennoch ließ ich sie in der nächsten Stunde zu. Ich tobte und schrie und biss in ein Kissen, trampelte mit meinen Beinen auf ihm rum und war anschließend sogar stolz auf mich. Aber auch sehr traurig. Und stellte fest: Das war aber noch nicht alles! – Nach der Stunde musste ich viel weinen; spürte weiter heftige Wut, war aber zufrieden mit mir. 

Jetzt muss ich einen Wutausbruch aus der Zeit der Therapie schildern. Ich hatte Besuch bekommen von meiner Nichte Ira, die davon berichtete, wie schlecht es meinen Eltern gehe. Ihre Mutter, Maria, habe die Eltern besucht und gesagt, denen gehe es wirklich nicht gut. Da bin ich ausgerastet. Zum ersten Mal in meinem Leben! Ich sei es leid, könne das nicht mehr hören, ‚denen geht es schlecht!‘ – Mein Vater, meine Brüder haben das mit mir gemacht! Wer fragt denn nach mir, wie es mir geht? – Ich spürte so einen Zorn. So sauer bin ich noch nie zuvor geworden! Und es war gut, das mal rauszulassen! Ich zitiere aus der folgenden Therapiesitzung:

Ich kann seit jahren nicht mehr wegfahren, hatte ängste und manchmal war es doch so, dass ich nicht mehr leben wollte. Und die fahren immer wieder weg! Wochenlang, in ihrem alter! Fragt einer nach mir? Ich hab so getobt! Und das kam gut! Ich! Ich hab das geschafft! – Sie strahlte. – Endlich habe ich zu mir gestanden! – Ja! – Und es war ganz selbstverständlich! Ich ließ keinen zweifel daran, dass mein vater das gemacht hat! Maria hätte gesagt, mein vater habe das verdrängt. Ja, aber spätestens nachdem ich das aussprach, weiß er das wieder! Ich hab ganz klar gesagt, es interessiert mich nicht mehr, wie es denen geht! Und ich wolle nicht mehr leiden! Sondern leben! … Das hab ICH gesagt! – Ja!, von der strahlenden lady. –

Was mir noch klar geworden ist, fuhr ich fort: Auch wenn meine mutter diese sätze sagte, stell dich nicht so an usw., mich alleine ließ. Auch wenn sie mich zu ihm ins bett geschickt hat. ER HAT DAS GEMACHT! ER ist der täter! Das ist für mich ganz wichtig! ER trägt die verantwortung! – Und dann war klar, bei dem zorn in mir, damit muss und will ich heute was machen! – Am liebsten wäre mir, die wären hier, und ich würde sie nur schlagen! Ohne worte! Nur verprügeln! – 

Ich stand dann auf. Mir war ganz schwindelig im kopf. Die wut! Die lady holte den block (einen würfel aus festem schaumstoff) und zwei stöcke zum schlagen. Und dann ging es langsam los. Fiel mir aber erst mal wieder schwer. Sie ermunterte mich und ich mich auch! Lautlos trat ich gegen den block. Ich war ganz bei mir! Schlug mit beiden fäusen auf den block, fing irgendwann an zu brüllen, zu schreien! Ohne worte! Schlug mit beiden fäusten auf das dicke, feste kissen, schrie, brüllte, tobte. Bild von der löwin in mir. Brüllte, schrie und biss in das kissen, riss an dem kissen rum, aber wie! Das beißen kam besonders gut! So ging es eine weile. Pause. Völlig außer puste. Setzte das fort, nicht lange, dann war es genug. Tränen, kratzen im hals. Fix und alle! – Ich hab immer noch so starkes herzklopfen! – Aber das ist für heute doch erst einmal genug! – Sie kam, setzte sich hinter mich, seitlich gegen meinen rücken mit ihrer schulter, legte die hand auf meinen unteren rücken. 

Ich erwähnte bereits, dass ich mehrere Male Wut auf die Therapeutin hatte, weil ich die Wut auf meine Mutter noch nicht zulassen konnte. Bei der Wut auf meinen Vater war das nicht anders. Mehrmals ging es darum, ich gehe meiner Wut auf ihn aus dem Weg. Aber dann gelang es mir, sie zuzulassen und heftig auszutoben. Zu diesem Zeitpunkt war es sogar mal so, im Gegensatz zu sonst, dass es mir leichter fiel, meinen Hass auf ihn zuzulassen als den auf meine Mutter. Damals meinte die K.: Vielleicht ist das so, weil wir noch nicht wissen, ob ihre Mutter ‚nur’ wegschaute oder gar mitgemacht hat… – Später klärte es sich; sie wollte es nicht mitbekommen! 

Jetzt aber geht es aber weiter um meine Wut auf meinen Vater. Ich war durch ein Gespräch an den Anfang meiner Leidensjahre erinnert worden, an die ‚totale, katastrophale, nicht zu beschreibende bodenlose und jahrelange Angst‘, so notierte ich es. Das griff ich in der Therapie auf und meinte: Und dann fahre ich zu meinem Vater (meine erste persönliche Konfrontation) und spreche so ruhig mit ihm. Hätte ich nicht total wütend sein müssen? Ihm das alles sagen müssen? Schonungslos! – Ich würde jetzt nicht denken, es war nicht gut dort, oder dass es falsch war, nein! Aber da müsse noch was Anderes kommen. Ich müsse meine Wut auf ihn auch noch rauslassen. 

Die K. vermutete wohl, ich hätte Angst vor meiner Wut. Und sie fragte mich, ob das nicht Wut auf mich selbst sei, weil ich mich 20 Jahre lang von dieser Geschichte, von meiner Vergangenheit abhängig gemacht hätte. Dass ich dafür selbst die Verantwortung tragen würde. Na toll, und der Alte ist dann fein raus!, dachte ich wütend. 

Bald ging es wieder einmal darum, dass ich etwas von ihr wollte und dass ich mich damit wieder sehr abhängig von ihr machen würde. Das führte sie näher aus. Hätte ich mich doch nie so auf meine Gefühle eingelassen!, haderte ich mit mir. In mir stieg eine Wut auf sie auf wie selten zuvor! Tolle Therapeutin, knallt mir das alles an den Kopf und dann beendet sie die Stunde und geht! Das gebe ich ihr nicht mehr, dass ich was von ihr will! Mich von ihr abhängig mache und sie ist die Starke! Nee, nie wieder! – Zornig auf diese grandiose Therapeutin!, notierte ich im Tagebuch. Aber auch: Flüchte ich damit nicht vor der berechtigten Wut auf meinen Vater, auf diese alte Sau? – Es ging hin und her in mir. 

In der folgenden Sitzung löste es sich schon mal ein bisschen auf, warum ich so besonders wütend auf sie reagiert hatte.

Die K. meinte, ich sei nicht wütend wegen meiner wünsche an sie, sondern weil sie mir die nicht erfülle! – Das ist doch quasi wie eine wiederholung! Ihr wut auf mich, ihr ‚ich will nichts mehr von ihnen usw.‘ Das hätten sie doch zu ihrem vater sagen können: Obwohl du das gemacht hast, habe ich dich immer noch lieb gehabt! Bin immer noch zu dir gekommen! Wollte trotzdem was von dir! Aber jetzt will ich nichts mehr von dir! Danach nicht mehr! … Sie machen sich ja jetzt runter, weil sie das wieder erleben, also von wegen ‚die gefühle aus mir rausreißen, wie wegschneiden!‘ – Ja! – Hier geht es doch um wiedergutmachung!, ganz fest und sicher von ihr. (…) – Wiedergutmachung für das, was sie mit ihrem vater erlebten! Und das haben sie ja hier mit mir reinszeniert, um das wieder gut zu machen! Aber nicht nur deshalb, sondern auch, um das zu bearbeiten! Und ihre wut ist ja angst bzw. dass sie sich nicht vorstellen können, dass und wie sie diese gefühle integrieren können! – Ich versuchte zu verdauen, was sie alles gesagt hatte. Dankbar. 

Ich quälte mich aber erstmal weiter mit dem Hass auf die K. herum. Schon einige Sitzungen zuvor hatte ich erkannt, ich muss meine Wut schneller bzw. gleich zu- und rauslassen. – Schleppe die viel zu lange mit mir rum! Immer noch! – Aber diese Einsicht brachte (noch!) keine Veränderung. 

Zwischendrin schien mir, als sei auch die Therapeutin ratlos. Aber dann stellte sie fest: Das alles hat doch mit dem Treffen mit ihrem Vater angefangen! Ich glaube, dass sie maßlose Wut auf ihn haben, weil er nichts zugibt! Ihnen nicht die restlichen Zweifel nimmt! – Ich bekam sofort so einen Hass auf ihn. Ich bring ihn um! Doch erstmal richtete ich weinend die Bitte an sie, sie solle mir das alles abnehmen, mich davon erlösen! Ja, Erlösung sei das passende Wort! Meine Mutter habe ja was Erlösendes für mich getan, indem sie es zugab und sich auf mich einließ. Aber bei meinem Vater sei das ganz und gar nicht der Fall. Sie kam auf eine Erinnerung von mir von ganz früher zurück, als ich ein Kind war und gebetet hatte, lieber solle Gott mich sterben lassen als meine Eltern. Ich hatte dazu in der Therapie vermutet, vielleicht sei damals in mir der Wunsch entstanden, die Eltern umbringen zu wollen. Hatte noch von einer Spur von einer Ahnung geredet, dass ich die gehasst habe, weil ich damals schon wusste, wie schlimm es war. Nun meinte die K., es wäre notwendig zu akzeptieren, dass ich jemand so hassen könne, dass sogar Mordphantasien auftauchten. 

Nach dieser Stunde war nur noch Wut, Hass, Tränen und Verzweiflung  in mir und ein Gefühl, mich selbst vernichten zu wollen, weil ich das alles nicht mehr ertragen konnte und wollte! Aber dann erkannte ich: Der Hass gehört doch nicht zur K, sondern zu meinem Vater! Hör auf mit dem Hass auf sie! Der gehört doch zu ihm! Nur das führt dich aus dieser beschissenen Situation heraus! – So war es dann auch. Diese Einsicht half!

Von wegen Wut auf die Therapeutin, dazu möchte ich zum Abschluss noch diese Worte von ihr zitieren: Durch ihre Wut auf mich sind wir doch immer vorangekommen. Die hat uns doch sehr geholfen bei unserer Arbeit! – Damals war mir das noch nicht so klar. Mit dem Abstand von heute kann ich es nur bejahen!

Es ist mir wichtig, hier nochmals zu erwähnen, dass ich auch Wut auf die Therapeutin hatte, wenn sie z. B. nach meiner Ansicht meine Brüder verteidigte, etwa sagte, die waren doch selbst noch jung, noch Jugendliche. Das ärgerte mich zeitweise sehr! Diese Wut habe ich selbstverständlich nicht durch Toben oder Brüllen rausgelassen. Mit der Wut auf die K. musste ich mich, oder wir uns, auseinandersetzen, ich mich mit ihr auseinandersetzen, alles bearbeiten und klären. Eine gute Übung für den Alltag, kann ich dazu nur sagen. 

Auch dies möchte ich nicht unerwähnt lassen: Ich habe meine Wut manchmal auch damit abgewehrt, dass ich traurig oder jämmerlich drauf war. Und umgekehrt setzte ich meine Wut ein, um meine Traurigkeit und meine Schmerzen nicht fühlen zu müssen. 

Es ging bisher viel um Abwehr und Zulassen meiner Wut. Es gibt einen weiteren wichtigen Aspekt: Selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen. Anfangs unterstützte mich die Therapeutin sehr, damit ich meine Wut überhaupt zulassen und etwas damit machen konnte. Dennoch brauchte ich oft lange Zeit vor lauter Scham und Hemmungen und Angst. Davon berichtete ich bereits. Nun hatte ich in einer Stunde davon gesprochen, welche Bilder mir zu meiner Wut eingefallen waren. Hätte mich wie ein verletztes Tier, wie eine verletzte Wildkatze gesehen!, war eine meiner Aussagen. Ich kam aber nicht weiter voran, konnte mit meiner Wut nichts anfangen. 

Die K. sah dazu mehrere Ebenen bei mir, die sie wie folgt beschrieb: Zum einen soll ich ihnen sagen, lassen sie die Wut doch zu! Soll ihnen helfen. Zum anderen soll ich ihnen bestätigen, dass es doch in Ordnung ist, dass sie Wut haben! Soll ihnen also ihre Gefühle bestätigen. Wenn ich ja zu ihrer Wut sage, dann können sie sie annehmen. Und ich soll die Verantwortung für ihre Wut übernehmen, weil sie sie nicht tragen wollen. – Sie fügte verständnisvoll hinzu, dass ich mich nach dem Austoben alleine fühlen würde und dann aufgehoben sein wolle. Das konnte ich nur bestätigen. Sie meinte noch, ich würde das doch gar nicht mehr brauchen, dass sie mich ermuntere oder bestärke, lass doch deine Wut zu usw. – Außerdem ist es doch egal, was Andere zu ihrer Wut denken! Es ist doch ihre Wut! (…) Wenn es davon abhängt, dass ich sage, ja, machen sie das doch hier, würde ich die Verantwortung für ihre Wut übernehmen. Und ihnen damit einen Teil ihrer Wut wegnehmen. Aber es ist doch ihre Wut! Zur Wut gehört ein ICH! … Muss man ICH sagen. Und man ist alleine! Weil es ja nur IHRE Wut ist! Man kann darüber mit Anderen reden, die können die Wut mitfühlen, aber es bleibt IHRE Wut! Und dadurch es ganz alleine ihre Wut ist, grenzt man sich gegen die Anderen ab! – Ich erkannte: Eigentlich kann doch nur ich sagen, ob meine Wut berechtigt ist! – Ja! – Es ist alleine meine Wut! Das wurde mir dann immer klarer. Und damit kann frau sich schon sehr alleine fühlen, gerade weil es ja nur meine Wut ist! – Die K. hatte noch gesagt: Zur Wut gehört auch Mut! – Tja…. 

Es brauchte noch ein Weilchen, aber das gefiel mir gleich sehr: Selbst die Verantwortung für meine Wut zu übernehmen. Und dazu passen für mich meine Rachephantasien und das Thema Wiedergutmachung! Ja, ich hatte Rachephantasien, aber wie! Köstliche Rachephantasien! Und beides tat mir sehr gut, die Wut und die Vorstellung, Rache zu üben.

So phantasierte ich, meinen Vater zu quälen, richtig zu quälen. Ich dachte an Bücher von Karl May, die ich als 12- bis ca. 14-jährige gelesen hatte; wie dort Indianer ihre Gegner quälen, sie sich wieder erholen lassen und sie weiter quälen. Oder ich stellte mir vor, ihn mit mehreren Frauen zusammen zu verprügeln oder die Autoreifen zu zerstechen – sein Auto war etwas ganz besonderes für meinen Vater! Als ich davon in der Therapie sprach, lachte die K. und meinte, das sei doch eine schöne Phantasie! Besonders gut fand ich die Vorstellung, die Idee hatte ich einem Buch entnommen, an der Beifahrerseite in den Lack zu kratzen: Ich habe meine Töchter sexuell missbraucht! Ich bin ein Vergewaltiger! – Eine Freundin wollte sogar Schmiere stehen, damit ich das nachts verwirklichen könnte. Weitere Phantasien sahen so aus: Am liebsten würde ich alle drei (also meinen Vater und meine Brüder) bloßstellen. Und Geld von ihnen für die Therapie verlangen, wenn sie welches hätten. Ich wünsche ihnen Schmerzen, die sie nicht aushalten können. Ich würde den Brüdern am liebsten die Masken vom Gesicht reißen, damit deren Frauen und Kinder mal wissen, wie die wirklich sind! – Die K. trocken dazu: Das ist doch kein Problem, können sie doch alles machen! – Meine Bedenken, deren Ehen kaputt zu machen, konterte sie so: Sind die doch schon! – Und wies mich darauf hin, dafür würde ich meine Wut brauchen!

Diese Rachephantasien, auch wenn nicht in die Realität umgesetzt, hatten etwas Befreiendes und etwas von Wiedergutmachung! Ebenso wie die Vorstellung, Geld für die Therapie von ihnen zu verlangen. Das habe ich wirklich ernsthaft überlegt, weil ich einige Jahre die Therapie selbst bezahlen musste.

Wiedergutmachung sei sehr wichtig!, so äußerte sich die Therapeutin. Jeder habe ein Gefühl für Recht und Unrecht. Genau darum gehe es, dass es wieder zurecht gerückt wird, wieder gut gemacht wird! Auch wenn ich meine Wut rausließe wäre das Wiedergutmachung. Damals hätte ich die Taten nicht verhindern können, aber jetzt könne ich mit meiner Wut etwas wieder gutmachen. Und so empfand ich das auch. 

Für mich hatten insbesondere die Auseinandersetzungen mit meinen Eltern, die Konfrontationen mit ihnen was von Wiedergutmachung. Das war ich mir schuldig! Ich musste das machen, um vor mir bestehen zu können. Und es war auch Wiedergutmachung für die kleine Ann!

Abwehr, Zulassen und die Verantwortung für meine Wut übernehmen – das waren wichtige Stationen. Ich komme zum Schluss noch zu einer sehr schmerzlichen und zu einer anderen, spannenden Erkenntnis. Dem einen Aspekt näherte ich mich auf diese Weise: Ich will nur noch hassen und Wut haben!, so meine Aussage, nachdem wir über das Thema Männer geredet hatten. – Und was ist hinter der Wut?, fragte die Therapeutin mit ihrer lieben Stimme. – Wut! Und dahinter wieder Wut! Nur Wut! Und das ist gut so! Ich fühle es so, ich habe mich mal entschieden, nur noch Wut zu haben, dann muss ich dabei bleiben! – Dann bleibt die Wut aber bei ihnen! Und sie lassen nur einen Teil ihrer Gefühle zu, den anderen spalten sie ab! Dann frisst sie die Wut auf! – Sie sah mich sehr eindringlich an. Ich reagierte erst nach einer Weile auf ihre Worte, zitiere nun direkt aus meinen Aufzeichnungen:

Ich hab schon das gefühl, dass dahinter noch was ist, aber das soll niemand wissen.  – Wer soll die gefühle hinter der wut nicht wissen?, fragte sie wieder mit ihrer liebevollen mamastimme. Ich spürte in mich rein. – Ich will es nicht wissen!, fest, überzeugt. Sie, ganz ruhig, ganz klar: Also ich fühle es so: Ihr vater soll es nicht wissen! Und ihre mutter soll es nicht wissen! – Ganz langsam, mit pausen, redete sie weiter, ich lauschte ihren worten, ihrer stimme: Und ich soll es nicht wissen! Aber auch doch! Bei mir ist es ambivalent für sie. Aber SIE wollen es wissen! SIE wollen diese gefühle spüren. Und es sind ja IHRE gefühle! Und SIE bestimmen darüber, wem sie das sagen! SIE ganz alleine, ob sie darüber reden wollen oder nicht und wem sie das sagen wollen!, alles so ungefähr. Ich war so berührt davon, dankbar! Tränen. Weinte. Schwieg. Stille. Aber auch, sei doch still, mama, du machst es mir ja noch schwerer! –

Wenn man das für sich behält, das ist besser! Das würde sonst so unendlich wehtun! Wären unendliche schmerzen!, sage ich weinend. Schweigen. Es kam wohl noch mehr von ihr, ich weiß es nicht mehr. Wieder, sei doch still, …. noch schwerer…. Ich sagte dann: Das macht einen aber auch stark! Fühlt sich gut an die wut! Power! – Vor wem ich denn so stark sein müsse? – Für mich! Oder für alle? Ich weiß es nicht! – Immer wieder ging mir durch den kopf, was wohl hinter der wut ist. Liebe? 

Ich kam in der folgenden Stunde auf ihre Frage zurück, sprach davon, bei mir sei sofort da gewesen: Liebe! (…) Ich hab die doch mal so lieb gehabt. Jetzt ist nichts mehr davon da. Nur noch Hass und Wut und alles schwarz! Tod! … Hinter der Wut Liebe, aber…

…da ist auch noch was anderes, ich weiß aber nicht was. Ich möchte es gerne wissen, habe aber angst davor. … Ich will aber nicht an der wut festhalten! – Ich war jetzt ganz bei mir! Sie fragte: Und wie fühlt sich das an, das andere? – Nach einer weile: Wie eine leere! Wie eine ganz große leere! Wie ein großes loch. – Ehem! – Leere…, alles schwarz…, nichts da! – Ich sprach fast wie von selbst, so, als würden meine gefühle sprechen. Alles war klar so in mir! – Fühle das jetzt deutlich. Hinter dem hass ist noch was…, Leere, fühle jetzt nur leere. Werde klein. Fühle mich klein… – Fühlte mich wie ein kleines mädchen, so klare gefühle, fühlte mich weich und war mir meiner gefühle so sicher! – Eine ganz große leere ist da. Nur das! Was ist, wenn ich mich darauf einlasse? ….. Dann spüre ich schmerzen… – Schweigen. – Und diese schmerzen spüre ich jetzt an meinem ganzen körper. Meinem rücken. – Ehem!, liebevoll, wohltuend. Ich brach dann ab, sah sie an. Ich wusste, die Stunde ist gleich zu ende. – Das gefühl war jetzt ganz klar da! Die leere… und ein riesengroßes loch. Ich kann’s gar nicht richtig beschreiben… – Ehem! – 

Und dann meine mama, die therapeutin, mit liebem, eindringlichen blick: DAFÜR gibt es ja vielleicht auch keine worte! – Wofür? – Für die schmerzen…, die leere, die verletzungen. Dafür sind vielleicht keine worte angemessen, gibt es keine. (o. ä.) – Ja…, berührt, dankbar. Wir sahen uns an, ich sah in ihre augen, die augen meiner mama. – Jetzt ist wieder da, ich könnte nur mama rufen! Mama, Mama! Schreien! Nur das fühle ich jetzt. – Mit liebevollem blick, weich: Ja! Das passt doch auch! – Angucken. Direkt. Setzte mich in ihre richtung. Wir sahen uns ganz, ganz lange direkt an. …… Sie sagte dann: Sie sind aber auch sehr mutig! – Sie sah mich wieder an: Wenn sie mich Freitag brauchen, rufen sie mich an! Oder überhaupt an den tagen! Ich bin da! – In ihre augen… – Ja, sagte ich weich, dankbar, froh. Sie, lächelnd: Oder auch, wenn es was zum freuen gibt! – Ja! Gute idee!, ich lächelte auch. Jetzt war ich wieder richtig dort, im jetzt! Fühlte mich erwachsener. Gut. 

Und nun komme ich zu der zweiten, der spannenden Erkenntnis. Ich erwähnte bereits die Aussage der K., dass Angst oft Angst sei vor Wut und Hass. Und dass ich meine Angst mal in einem anderen Licht sehen würde, wenn ich mich meinem Hass gestellt, ihn zugelassen hätte. Zur Angst gehöre auch Wut; dahinter sei immer auch Wut. – Sie hatten ja als Kind Angst, dass ihr Vater kommen und was mit ihnen machen könnte. In diesen Situationen hatten sie sicher nicht nur Angst, sondern dachten doch auch, der soll weg bleiben, sie in Ruhe lassen. Hatten sicher starke Wut auf ihn. Also die war damals sicher schon dabei. Vielleicht half ihnen die Wut, die Angst auszuhalten…. – Vor der Stunde, in der sie dies sagte, hatte ich sie angerufen, nachdem ich in der Nacht zuvor große Angst und auch Panik erlebte. Sie hatte nun noch hinzugefügt, es sei doch gut, dass die Angst auftauche, sei doch was Altes. Dann könnten wir damit arbeiten. 

Ich näherte mich also der Erkenntnis an, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Angst und Wut. Zum einen ist Angst oft Angst vor Wut und Hass. Zum anderen ist hinter der Angst oft die Wut, der Hass versteckt. Letzteres fand ich selbst heraus und zwar so: Als ich wieder mal nachts große Ängste hatte, fielen mir auf einmal die Taten meines Vaters ein. Die Folge: noch mehr Angst. Und Panik! Die K. war in Urlaub. …. Ich kämpfte lange gegen die Angst und die Panik an. Und hatte dann diese wunderbare Idee: Richte die Wut gegen den! Lass die Angst nicht zu! – Es wurde besser mit der Angst. Wut, Hass, die hängen doch mit der Angst zusammen! … Mit der Angst hat der immer noch Macht über mich! … Ich malte mir meine Rache aus. Telefonterror, Kinderschänder auf sein Auto zu schreiben. Phantasierte, ihm mit der flachen Hand eine zu knallen: Ich hab’s nicht vergessen! – Ihn solange zu prügeln und anzuschreien, so weiter meine Phantasie, bis er vor mir zittert! …. Plötzlich war nur noch die Wut da! … UND MEINE ANGST VERSCHWAND! Unglaublich, aber die Angst verschwand! Ließ ich die Wut abflauen, tauchte die Angst wieder auf! Ich holte meine Wut und meinen Hass wieder hervor…. und die Angst verschwand!

Nach den Ferien berichtete ich davon in der Therapie: 

Ich bekam so eine wut und einen hass auf meinen vater! … Und dann ging die angst weg! Die ging wirklich weg! – Die K. strahlte. – Das kann doch nicht sein! Ich konnte es nicht glauben! – Lächeln. Freude. – Und wenn die angst wieder auftauchte, ließ ich wieder meine wut zu… und die angst verschwand wieder! – Wir freuten uns beide. – Das hieße dann doch, dass die angst da ist, damit ich meine wut nicht zulasse, die nicht rauslasse.  – Ja! – Und mit der angst kehre ich die wut ja gegen mich! Das hat doch was selbstzerstörerisches! Die hat mich in der vergangenheit doch fast umgebracht! Anstatt die wut rauszulassen, nach außen zu richten, richtete ich sie mit der angst gegen mich! – 

Bald darauf notierte ich in mein Tagebuch, als wieder Angst auftauchte: Ich habe doch eine gute Waffe, meinen Hass! 

Ich bin jetzt noch überwältigt von dieser Erkenntnis!

Ich ging danach immer wieder so mit aufkommender Angst um. Meine Wut setzte ich auch mal ein, als ich an einem Wochenende alleine in K. war. Schon auf der Zugfahrt tauchte die Angst tief aus meinem Bauch auf. Ich holte sofort meine Wut hervor, und die Angst ging weg – zu meiner großen Freude! Entsprechend ließ ich immer wieder die Wut gegen die Angst hochkommen, und das bezeichnete ich so: Ich setzte meine Wut gegen die Angst! – Wenn heute tatsächlich nochmal Ängste hervorkommen, hilft die Wut auch weiterhin! Wie erleichternd und befreiend war damals diese Entdeckung! Ich bin nicht mehr der Angst ausgeliefert, ich bin wieder Handelnde!

Das ist eine gute Überleitung zum Thema ANGST, dem ich mich im folgenden Kapitel nochmals explizit und ausführlich widmen will.