In allen bisherigen Kapiteln wird das Verhalten der Therapeutin, ihre Arbeitsweise und ihr Umgang mit mir bereits sehr deutlich, aber ich kommentiere oder erwähne dabei nicht immer explizit, wie das jeweilige Verhalten auf mich wirkte. Außerdem sind in diesen Kapiteln viele relevante Aspekte nicht erwähnt. Auch deshalb möchte ich nun beschreiben, wie ich die Therapeutin und ihr Verhalten wahrnahm, was mir besonders gut tat und half oder womit ich Probleme hatte. Ich berichte davon auch deshalb, weil ich es sehr spannend finde, mit dem großen Abstand von heute, mir ihre Art, ihre Arbeitsweise, ihr Engagement und all die unterstützenden bis hin zu den damals für mich sehr schwierigen Aspekten genauer anzuschauen.

Im Mittelpunkt der Betrachtung steht für mich im Folgenden, wie ich die Therapeutin bezüglich des Bearbeitens der sexuellen Gewalt erlebte; ganz besonders ihr Umgang mit mir im Zusammenhang mit dem Auftauchen von Erinnerungen und Bildern, ohne diese jeweils noch einmal zu schildern. Der Fokus liegt auf meinem Erleben, darauf, wie sie sich verhielt und wie es mir damit erging! Aber ich werde auch versuchen, ihr Spektrum an therapeutischen Möglichkeiten und die persönlichen, menschlichen Anteile aufzuzeigen. Es werden noch andere Themen meiner Therapie berührt und angesprochen, die aber, zusammen mit vielen weiteren spannenden Themen, erst in Buch 2 ausführlich beschrieben werden – und damit auch die Arbeit der Therapeutin bei diesen Themen.

Als ich mich dem Kapitel, wie ich die Therapeutin erlebte, näherte, fiel mir folgendes spontan dazu ein:

Streng… und so liebevoll! Und: Abgegrenzt… und so sehr für mich da! … Das kam direkt und unmittelbar aus mir heraus. Streng? Ja, streng. Vielleicht würde ‚sehr ernsthaft‘ sie noch besser beschreiben, denke ich jetzt, aber mir fiel ‚streng‘ ein. Und so habe ich sie damals manchmal empfunden, unabhängig von dem Thema, das wir gerade bearbeiteten. Aber sie hat mir auch so viel gegeben! Auch viel Liebe. Ja, so fühle ich es. Und dennoch nahm ich sie öfter sehr abgegrenzt wahr. 

Außerdem fällt mir gleich noch ein, wie aufmerksam sie war. Ich denke dabei an die, bei einer Berührung von ihr, aufgetauchten erotischen Gefühle und die mit großer Bestimmtheit ausgesprochene Folge, dass es deshalb erst einmal keine Berührungen mehr geben dürfe. Wie schlimm das für mich war!

Und ich fühlte auch wieder meine große Dankbarkeit ihr gegenüber.

Auch das möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich nämlich schon bei den Vorarbeiten zu diesem Kapitel, nur beim daran Denken, große Freude spürte – und strahlte. Die harten und schweren Kapitel sind geschafft! Jetzt kommt auch Ernstes, aber in der Hauptsache sehr viel Schönes! Ich freue mich darauf, davon zu berichten.

Ich werde zu Anfang einige allgemeine Punkte erwähnen, zum Beispiel auch auf unsere Sitzposition und deren Veränderungen und ähnliches eingehen, aber auch schon einige ganz besondere Aspekte beschreiben.

Der liebevolle Umgang der Therapeutin mit mir und mit der kleinen Ann und wie ich sie wahrnahm in den Situationen des Erinnerns werden anschließend breiteren Raum einnehmen. Meine Wünsche an sie, meine lieben Gefühle für sie, auch meine Mamawünsche und -gefühle und wie sie damit umging stehen in diesem Zusammenhang, aber sicher nicht nur. Deshalb kommen sie auch hier zum Teil zum Ausdruck. Ich werde davon erzählen, was die Therapeutin mir gab und dass sie mir sogar etwas von sich schenkte, was ich also mitnehmen und behalten durfte, und welche Bedeutung das für mich hatte. Wie ich auch dadurch mit ihr in Verbindung bleiben konnte, was während der harten Phasen der Therapie existentiell für mich war.

 

Allgemeines und Besonderes

Ich beginne mit ein paar Bemerkungen zu der Art der Therapie. Soweit ich das beurteilen kann, handelte es sich um eine tiefenpsychologisch fundierte Gesprächstherapie, mit körpertherapeutischen Anteilen; die Traumdeutung war ein weiterer wichtiger Bestandteil. Im Laufe der Therapie ging unsere Arbeit immer mehr in eine Psychoanalyse über, was für mich auch deshalb besonders passend war, weil ich bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele, meiner Kindheit schauen wollte. Ich wollte unbedingt wissen, was mit mir los ist und Vieles aus meinem aktuellen Leben überprüfen und vor allem ändern.

Ich kann die Therapeutin aus heutiger Sicht nur als überaus kompetent beschreiben, insbesondere auch bezüglich der Bearbeitung der sexuellen Gewalterlebnisse. Wie ich ihre Arbeit damals erlebte, davon wird dieses Kapitel handeln. 

Nicht nur im Zusammenhang mit der Therapieform stehen auch die verschiedenen Formen des Settings. Zu Anfang saßen wir uns gegenüber mit einem für mich guten räumlichen Abstand. Weil es mir so schwerfiel, sie anzuschauen, schlug die Therapeutin bald vor, dass wir uns so setzen, dass ich sie angucken kann, aber nicht muss, also quasi ‚über Eck‘. Darauf ging ich ein und fühlte mich danach viel wohler. Ihren Vorschlag, mich hinzulegen, um besser bei mir sein zu können, lehnte ich sofort ab. Überraschend für mich selbst hatte ich hinzugefügt, dann könne ich mich nicht wehren. 

Später setzte ich mich auf Matratzen auf den Boden, saßen wir ebenso mit Abstand wie nebeneinander; gegenüber an der Wand war ein Spiegel, über diesen konnte ich sie ansehen, denn das Anschauen war weiter ein Problem für mich. So fiel es mir erheblich leichter. Und wenn ich wollte, schaute ich zur Seite und sie damit direkt an. Ich wandte mich immer dann zu ihr hin, wenn ich es brauchte. Diese verschiedenen Varianten waren auch deshalb hilfreich, weil ich, wie sie es nannte, nicht bei mir blieb, sondern mich oft von ihrem Gesichtsausdruck beeinflussen und ablenken ließ. In der intensiven, harten Phase mit Erinnerungen an die Taten meines Vaters setzte sich die Therapeutin ebenfalls auf den Boden, blieb also nicht in ihrem Sessel sitzen. Als ich das nach einer Weile registrierte, nahm ich an, es ist so bequemer für sie. Erst nach mehreren Stunden verstand ich den Zusammenhang. Sie wollte nicht auf mich herunter schauen, wie ich es mit meinem Vater so oft erlebt hatte. Ich registrierte es sehr dankbar und berührt. Bald saß sie immer mit mir auf einer Ebene.

Erst einige Jahre später war es mir dann möglich, auch weil ich es selbst wollte, mich auf ihre Couch zu legen. Dabei entdeckte ich, welch große Vorteile das für mich hatte. Ich konnte viel besser meine Gefühle zulassen, sehr viel mehr bei mir bleiben; ich empfand es wie ganz in mir drin sein – konnte aber dennoch jederzeit zu ihr hinschauen, sie direkt anschauen, weil auch das so wichtig war. Sie setzte sich oft an das Kopfende der Couch, also für mich nicht sichtbar. Oder, wenn ich es wünschte und brauchte, sie anschauen zu können, setzte sie sich entsprechend anders hin. Es gab auch zu dieser Zeit Stunden, in denen ich lieber sitzen als liegen wollte. Ich konnte also immer danach gehen, was mir am besten entsprach. 

Meist waren wir in einem großen, wunderschönen Raum, manchmal aber auch in einem kleineren. Auch das konnte ich im Verlaufe der Therapie, so der jeweils andere Raum frei war, mit bestimmen, je nachdem was ich bevorzugte. Manchmal brauchte ich viel Raum um mich, und manchmal wollte ich es irgendwie näher haben. Zeitweise nannte ich den schönen großen Raum ‚mein Kinderzimmer‘! Ich fühlte mich dort, in ihrem Raum, geborgen, aufgehoben und beschützt, was für mich etwas sehr Wertvolles war.

Und zu Raum fällt mir gleich noch etwas ganz Besonderes ein; dies erwähnte ich bereits im Kapitel ‚Was mir gut tat‘: Dass ich nach dem Ende einer Therapiestunde in ‚unserem‘ Raum bleiben konnte. Für ganz lange Zeit durfte ich immer nach der Dienstagsstunde noch dort bleiben. Ganz regelmäßig. Es kam aber auch vor, dass die Therapeutin meinte, ich solle nicht bleiben, damit ich mit den schlimmen Erinnerungen nicht mehr dort saß, sondern wieder besser ins Jetzt zurück fand. Das formulierte sie oft so schön, ungefähr so: Ich möchte sie heute hier nicht alleine lassen! – Oder ich blieb nach einer schweren Stunde, und sie kam nochmals in unseren Raum und schaute nach mir. Zeigte mir auch so, ich bin nicht mehr alleine mit allem. 

Manchmal wollte ich auch nach anderen Stunden gar nicht gehen, wollte ich dort und bei ihr bleiben. Darauf reagierte sie immer sehr lieb und verständnisvoll. So fragte sie einmal mit ihrer lieben Stimme, was wir denn für die kleine Ann tun könnten, damit die Mama gehen dürfe? Die kleine Ann wollte nämlich nicht wieder alleine sein. Die konnte gar nicht genug Liebes bekommen und wollte einfach bei ihrer Mama bleiben…. 

Zu Beginn der Therapie hatte ich jede Woche eine Stunde. Wenn es nötig war und die Therapeutin die Möglichkeit hatte, bot sie mir eine weitere Stunde an. Nach und nach erhöhten wir auf zwei und später sogar auf drei Stunden pro Woche. Es fiel mir sehr schwer, nach außen und vor mir selbst dazu zu stehen, dass ich das brauchte! Selbst das war mir manchmal noch zu wenig. 

Ihr war es außerdem sehr wichtig, dass wir immer an den gleichen Tagen und immer zur selben Uhrzeit, mit wirklich nur wenigen Ausnahmen, unsere Stunden abhielten. Diese Kontinuität war immens wichtig, ich empfand sie wie ein Netz, das mich auffängt, hält und trägt. Es gab Zeiten, in denen ich große Schwierigkeiten damit hatte, nicht alle meine Lieben zu sehr mit dem furchtbaren Thema zu belasten. Andererseits MUSSTE ich darüber reden, mir Vieles von der Seele reden, benötigte ich Zuspruch, Verständnis und Verlässlichkeit – auch deshalb schätzte ich diese Kontinuität sehr und die Möglichkeit von wöchentlich drei Stunden Therapie.

Ihre Therapieferien waren folglich für mich ein riesiges Problem. Alleine dazu könnte ich ein ganzes Buch schreiben, um all die verschiedenen Aspekte, Zusammenhänge und Auswirkungen zu schildern. Dass ihre Ferien für mich lange äußerst problematisch waren ist insbesondere vor dem Hintergrund der erlebten sexuellen Gewalt zu sehen und dass ich damals völlig auf mich gestellt und alleine war. Nun war endlich eine liebe Person für mich da, das sollte nicht unterbrochen werden! Die sollte eigentlich immer für mich da sein…

Meine Schwierigkeiten standen aber auch im Kontext damit, dass meine Mutter nach meiner Geburt emotional nicht für mich da war. Deshalb befürchtete ich ganz oft, auch die K. lässt mich alleine oder ich bin ihr, wie meiner Mutter, zu viel. Mit mir kann frau es nicht aushalten!, auch das war meine Angst. Und dann zeigte sie mir, dass sie das sehr wohl kann und will und wie wunderbar sie das ausfüllte. Aber dennoch ging sie in Urlaub! Obwohl es mir zeitweise dramatisch schlecht ging! Das kann doch nur heißen, ich bin ihr nichts wert, auch ihr nicht wichtig! Sonst würde sie nicht drei, vier Wochen oder noch länger Therapieferien machen. Für mich fühlten sich ihre Ferien so an: Jetzt bin ich wieder alleine, mit diesem Thema und all dem Furchtbaren alleine! 

Nachdem es mir in den langen Sommerferien im zweiten Jahr der Therapie wirklich sehr schlecht ging, schrieb ich einen Brief an die K. mit Wutattacken, den ich aber nicht zur Post gab. Dafür machte ich ihr nach den Ferien heftige Vorwürfe, ließ meine Verärgerung zu. Sie hätte meine Regression stoppen oder irgendwie abmildern müssen, mich nicht so, also mit dem Gefühl, ich bin ein kleines Mädchen, in Urlaub gehen lassen dürfen! Ich war wütend und enttäuscht, gleichzeitig ängstlich, wie sie auf meine Kritik reagieren würde. Sie nahm meine Vorwürfe sehr ernst, erläuterte jedoch ganz ruhig und gelassen, dass eine Regression nicht einfach zurückzunehmen sei. Vielleicht habe sie aus eigenen Schuldgefühlen, weil sie in Urlaub ging, Andeutungen meinerseits nicht wahrgenommen, aber sie habe mich insgesamt so gesehen: Sie wissen, warum es ihnen so geht, können das alles einordnen. Sie haben Kraft, die Zeit zu überstehen, auch wenn es nicht leicht werden wird. – So ungefähr zusammengefasst ihre damaligen Äußerungen. Ich hatte sie gefragt, ob sie auch Fehler zugeben würde? Ja, das habe sie doch gerade getan mit ihrer Bemerkung, vielleicht habe sie Andeutungen von mir nicht wahrgenommen.

Nicht nur in diesem Fall, sondern auch grundsätzlich ging sie mit meinen Schwierigkeiten bezüglich der Ferien sehr verständnisvoll um. Sie hatte schon vor mir bemerkt und mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich, wenn es auf ihre Ferien zuging, auf verschiedene Weise darauf reagierte. Mal mit versteckter Wut auf sie, ein anderes Mal damit, nichts mehr sagen zu wollen oder ich flüchtete mich in Traurigkeit oder machte mich sogar noch selber runter. Immer wieder versuchte sie, mir klarzumachen, obwohl sie mich mag, wolle und müsse sie in Urlaub gehen. Dass sie damit etwas für sich tue und auch tun wolle, was aber nicht gegen mich gerichtet sei. Bis ich gerade letzteres wirklich richtig verstand und annehmen konnte vergingen Jahre. Ja, so war es. Aber sie blieb meist ganz ruhig und gelassen, erläuterte mir meine Reaktionen und ihre Beweggründe. Und: Sie bot mir immer dann, wenn es mir sehr schlecht ging, wir uns in einer intensiven Therapiephase befanden, doch eine oder auch mehrere Stunden innerhalb ihrer Ferien an. Sie erklärte dazu, sie habe Büroarbeiten oder ähnliches zu erledigen, sei also sowieso in der Praxis oder sie kam deshalb extra in die Praxis. Dann fragte ich mich, manchmal aber auch sie, warum sie das wohl macht. Sie erklärte mir Ihr Handeln beispielsweise damit, dass sie im Moment einfach die Notwendigkeit zusätzlicher Stunden sähe.

Nachdem ich einmal davon sprach, wie sehr ich sie vermisst hatte, fügte ich hinzu, ich könne aber nicht in Worte fassen, was ich vermissen würde, wenn sie nicht da sei. – Vielleicht, weil es nichts Verbales ist…, meinte sie mit weicher Stimme. Ja, dachte ich und sagte, sehr berührt: Ich fühle es so…, jetzt, wo sie wieder da sind, spüre ich wieder Energie. So, wie wenn die Sonne auf eine Blume scheint! – Was für ein wundervoller Vergleich!

Vielleicht erwähnte ich bereits an anderer Stelle, dass ich zu ihr sagte, ich würde sie richtig körperlich vermissen. Das sollte heißen, mit meinem ganzen Körper. Was aber nichts mit Berührungen im wahrsten Sinne des Wortes zu tun hatte, sondern damit, dass sie mich so tief berührte, mich ganz und komplett ‚erreichte‘. Ich nehme an, so ergeht es kleinen Kindern, wenn sie die Mama oder den Papa vermissen.

Von wegen Ferien und meinen Schwierigkeiten damit möchte ich noch erwähnen, dass sich die K. so äußerte, als ich eines Tages wieder selbst in Urlaub fahren wollte und solch große Angst davor hatte: Ich solle das verängstigte Kind (in mir) mitnehmen… 

In diesem Zusammenhang passt es, kurz auf das Thema Abhängigkeit zu sprechen zu kommen, denn dieses begleitete mich ebenfalls einige Jahre. Wie viele Stunden plagte ich mich damit ab: Kann ich jemals wieder von ihr weggehen? Sie ist mir doch so wichtig! Ich fragte mich sogar, ob sie mich später gehen lassen wird, was vor dem Hintergrund des Verhaltens meiner Eltern absolut verständlich ist. Einerseits wollte ich es nahe haben mit der Therapeutin und gleichzeitig tauchte Angst vor zu viel Nähe und vor Abhängigkeit auf. Vielleicht komme ich in Buch 2 darauf noch ausführlicher zurück. Hier möchte ich nur das noch hinzufügen: Irgendwann einmal spürte ich meine Angst vor Abhängigkeit, aber bald darauf, dass es auch sehr schön ist, mich (von ihr) abhängig zu fühlen. Hier sei noch hinzugefügt: Und NICHT ausgenutzt zu werden! 

Was ist mir noch wichtig zu erwähnen? Zum einen wie sie mit meiner Wut, mit all meinen furchtbaren Ängsten und meinem starken Misstrauen ihr gegenüber umging. Dazu gibt es jeweils ausführliche Kapitel, aber ich möchte hier noch einmal betonen, wie hilfreich und gut es für mich war, dass sie das alles aushalten konnte. Dass sie meine Wut und mein Misstrauen nicht auf sich bezog, sondern mit mir schaute, wofür das alles stand. Sie ermutigte mich sogar des öfteren, die Wut auf sie doch zuzulassen. Die bringe uns doch weiter! Aber sie konnte sich auch stark abgrenzen, was ich allerdings erst nach und nach zu schätzen lernte. 

Ihre unterstützenden und wohltuenden Reaktionen bezüglich meines zeitweise oft geäußerten Gefühles, nicht mehr leben zu wollen, über das ich an anderer Stelle ausführlich schrieb, seien hier auch noch einmal erwähnt. Beispielsweise ihre verständnisvolle Aussage, sie denke, ich wolle doch leben, könne nur das Furchtbare nicht aushalten. Oder wenn sie mich darauf hinwies, dass dies ein Gefühl von damals sein könne, …lieber tot sein, als ‚das’ zu fühlen… 

Für mich strahlte sie zudem große Lebensfreude aus! Ich erlebte sie außerordentlich lebensbejahend. Das liebte ich geradezu an ihr! Auch daran richtete ich mich immer wieder auf; das kam mir vor wie Energiezufuhr.

 

‚Kritische‘ Anmerkungen 

Und nun zu einigen für mich schwierig anzunehmenden Aspekten. Für mich wäre es beispielsweise hilfreich gewesen, hätte die Therapeutin schon zu Beginn der Therapie darauf hingewiesen und erläutert, warum es vorkommen kann, dass sie während einer Therapiestunde einmal lange Zeit nichts sagt, auch wenn ich ganz viel sage, von früher erzähle oder was auch immer. Ich verstand nämlich oft nicht, warum sie das weder kommentierte noch in irgendeinen Zusammenhang brachte. Zeitweise nahm ich sie nämlich genau so wahr, dass sie ganz oft nichts oder nur wenig sagte. Und das war besonders heftig für mich, wenn ich von erinnerten Gefühlen und Bildern sprach. Dann verunsicherte mich ihr Schweigen sehr. Es war doch sowieso schon so viel Scham und Pein und Zweifel und was weiß ich noch alles bei mir vorhanden! Und dann sagte sie nichts! Das brauchte ich wirklich nicht auch noch! Sie widersprach auch hierbei manchmal meiner Wahrnehmung, weil sie sich anders erlebt hatte. Ich erinnere auch, dass sie ihr Schweigen oder ihre wenigen Worte einmal erläuternd kommentierte, doch ich glaube, ich wollte es nicht hören… Erst später verstand ich, dass es dann einfach noch nichts zu kommentieren oder zu sagen gab, ihr Schweigen also nicht gegen mich gerichtet war. Es schon gar nicht bedeutete, sie redet nicht mit mir, wie ich das von meinem Vater kannte, der mich oder meine Geschwister wegen einer Kleinigkeit wochenlang ignorierte, einfach nicht mehr mit uns sprach! Uns sogar übersah, als gäbe es uns gar nicht. Von dieser Übertragung musste ich mich immer wieder freimachen. 

Ich fragte mich auch des öfteren, hätte es gerne von ihr gewusst, wovon es abhängt, ob sie beim Begrüßen oder auch während der Therapiestunde freundlich, locker oder ernst ist oder gar wie abwesend oder abweisend ausschaut oder schaut. Ich fühlte mich ohne jeden Einfluss darauf. (Ich erkannte erst viel später, dass es mir mit meiner Mutter früher ähnlich erging; es sich hier um Übertragungsvorgänge handelte.) Aber ich schaffte es immerhin recht bald, mit ihr darüber zu reden, was sehr hilfreich war. Sie forderte mich danach immer wieder auf, dann und wann geradezu eindringlich, genau das zu tun, nämlich unbedingt und gleich zu sagen, wie ich sie sehe oder wahrnehme, wenn es mich irritiere. Dann könnten wir das überprüfen. Überhaupt sei alles von Bedeutung, so die K. an anderer Stelle, was in der Therapie auftauche. Auch deshalb wäre es sehr gut, es anzusprechen. Meines Erachtens war auch dieser Aspekt für das Gelingen meiner Therapie bzw. Analyse eine immens wichtige Voraussetzung!

Es kam auch vor, dass ich sie völlig erschöpft oder gar krank wahrnahm und dann dachte, das hat mit mir zu tun. Ich bin ihr zu viel oder zu anstrengend! Wenn ich genau das in Worte fasste, geschah das Verblüffende meist sofort. Meine Wahrnehmung veränderte sich, und das manchmal sogar, wenn die K. bestätigte, dass sie erschöpft sei oder etwas Anderes sie beeinträchtigte. Dann war das Störende, mich Ablenkende auch deshalb beseitigt, weil ich wusste, es hat nichts mit mir zu tun!

Noch schlimmer empfand ich es, wenn ich sie so wahrnahm: Sie sagt nichts und guckt völlig kalt und von oben herab auf mich. Das war so furchtbar! Dagegen half ebenfalls nur, es anzusprechen und zu klären. Aber wie schwer fiel mir das! Sobald ich es ausgesprochen hatte, veränderte sich meine Wahrnehmung ganz rasch. Und irgendwann erkannte ich, dass ich sie immer dann in dieser Weise erlebte, wenn es sich um Erinnerungen und Bilder mit meinem Vater handelte. Dann sah ich sie nämlich genauso, wie ich es von meinem Vater kannte. Grausam war das! Gerade sie, die ich doch lieb hatte, deren Unterstützung ich dringend benötigte, gerade sie erlebte ich so! Nachdem ich mit ihrer Hilfe erkannte, dass es sich auch hier um eine Übertragung handelte, ich in ihr meinen Vater sah, konnte ich mir genau das in entsprechenden Situationen selbst sagen, und das Bedrückende löste sich auf.

 

Und nun komme ich zu sehr Besonderem, besonders Schönem und sehr Berührendem. 

Gleich an erster Stelle will ich ihre Bestätigungen oder Bestärkungen in Form des nicht selten tief aus ihrem Innern, so empfand ich es, kommenden ‚Ehem‘ nennen. In den übrigen Kapiteln wird dieses bereits oft von mir zitiert. Ich kann kaum in Worte fassen, wie diese ‚Äußerung‘ auf mich gerade dann wirkte, wenn ich Unterstützung oder Ermutigung und besonders ihr Mitfühlen benötigte; wie tief berührt ich oft davon war. Es brauchte sicher Monate, wenn nicht mehr als ein Jahr, bis ich davon überhaupt Notiz nahm. Ich glaube, sie fragte mich einmal, ich hatte sie wohl kritisiert, weil sie nichts sagte, ob ich denn nicht diese ihre Bestärkungen (oder Bestätigungen) gehört hätte? Ganz sicher nicht! Aber ab diesem Zeitpunkt nahm ich sie zunehmend wahr! Ihr ‚Ehem‘ konnte im normalen Tonfall intoniert und relativ kurz sein, als kurze Bestätigung, oder, was oft der Fall war, sehr tief aus ihrem Innern kommend, langgezogen und wiederholt werden: Ehem! Ehem! – Blieben diese Bestärkungen aus, fragte ich mich nicht selten verunsichert, ob sie mir nicht glaubt, was ich erinnerte oder erzählt hatte. Wenn dann doch ihr ‚Ehem‘ kam, vielleicht erst nach einer längeren Pause, fühlte ich mich verstanden, bestärkt, aufgehoben oder angenommen. Eine so kleine Äußerung mit solch großer, besonderer Wirkung!

Eine andere, längere Äußerung, nämlich eine von ihr gestellte Frage, schließt sich daran gleich an. Diese stellte sie nicht oft, aber zum Beispiel in Situationen, in denen wir intensiv gearbeitet und ich anschließend eine ganze Weile geschwiegen hatte. Dann fragte sie nach einer Weile des gemeinsamen Schweigens mit lieber Stimme: Wo sind sie denn jetzt?, mit Betonung auf dem ‚wo‘. Vom Inhalt der Frage einmal ganz abgesehen, alleine so gefragt zu werden! Das vermittelte mir das Gefühl, sie ist ganz bei mir, es ist ihr wichtig, was mit mir ist, was mich innerlich bewegt oder beschäftigt. Es gab noch andere ähnliche Fragen oder Bemerkungen, aber diese erinnere ich besonders gerne.

Überhaupt sei hier ihr liebes Lächeln, ihr liebevoller, fürsorglicher Blick, ihre von mir so gerne gehörte Stimme und ihre warmherzig mich anschauenden Augen genannt. Ich erwähnte es schon an anderer Stelle, dass ich mir in den Ferien ihre auf meinem Anrufbeantworter gespeicherten Ansagen wegen Terminverschiebungen immer wieder anhörte, nur um ihre Stimme zu hören…

Fast in die gleiche Kategorie gehört auch das Folgende. Die Situation war ungefähr so: Die kleine Ann sagt etwas, erzählt oder erinnert sich, jedenfalls spricht sie wie mit oder zu einer Mama. Und die K. bewegt dazu ganz leicht und weich ihre Lippen, als würde sie die Worte der Kleinen ebenfalls aussprechen oder als würde sie auf diese Weise hören. Bewegt ihre Lippen wie eine liebevolle, zugewandte Mama.

Abschließend will ich auf ihren Umgang mit mir anhand eines konkreten Beispiels kommen. Es war in der letzten Stunde vor einer ihrer Therapieferien; es ging also auch um die bevorstehenden Ferien. Die K. hatte schon bemerkt, dass ich traurig wurde. Ich berichtete zum Ende der Stunde davon, wie es mir am Morgen ergangen war, erwähnte zwei Träume, die ich noch erzählen wolle. 

Ich sprach weiter mit ganz weicher und so froher stimme: Ich hatte (heute morgen) dann so ein schönes gefühl! Ich phantasierte, ich erzähle ihnen die träume (…) wie ein kleines mädchen, das seiner lieben mama was sagt, und es ist bei der mama aufgehoben. So gut aufgehoben! Sie behält es für sich, erzählt es niemandem, bewahrt es in sich auf. Wie einen Schatz, den sie von dem kleinen mädchen bekommen hat. Den sie mitnimmt und wenn sie wiederkommt, bringt sie ihn wieder mit! … Das war so ein wundervolles gefühl! – Ehem!, ganz, ganz weich von meiner mama! Ich sah sie an, und sie strahlte mich an! 

Nachdem ich ihr die Träume erzählt hatte, sagte sie: Dann werde ich die jetzt mitnehmen und aufbewahren. – Ich wiederholte, ich wisse, dass sie bei ihr gut aufgehoben seien und welch ein schönes Gefühl das für mich sei. Die K. abschließend, mich dabei liebevoll anlächelnd: Dann wollen wir hoffen, sie können sich dieses schöne Gefühl wenigstens noch eine Weile bewahren… – 

 

Ihr Verhalten im Zusammenhang mit meinen Erinnerungen und dem Be- und Verarbeiten der traumatischen Erlebnisse

Dazu gäbe es außerordentlich viel zu berichten! Ich will versuchen, mich zu beschränken, auch wenn es mir schwer fallen wird, weil so Vieles wichtig und besonders für mich war. 

Diverse Aspekte

Ich beginne mit meinen großen Schwierigkeiten, Erinnerungen an Gefühle und Bilder von den Übergriffen zuzulassen, mich überhaupt auf meine Erinnerungen einzulassen. Immer wieder wehrte ich diese aus Angst ab. Dann ermutigte mich die K., sprach liebevoll mit mir, bestärkte mich, dass es mir doch gut tun würde, wenn das von meiner Seele runterkäme. Ich würde das doch schon lange genug mit mir herumtragen. Später wies sie mich darauf hin, ich hätte doch schon erlebt, dass es zuerst sehr hart und schmerzhaft sei zu erinnern, aber es mir danach doch so viel besser gehe. 

Es kam vor, dass ich sagte, es sei noch etwas in mir, aber ich könne es nicht sagen, könne einfach nicht darüber reden! Ich quälte mich öfter lange damit herum, aber ich vermochte nicht auszusprechen, was ich erinnerte oder fühlte. Die lockere, liebe und geduldige Art der K. brachte mich am Ende doch noch dazu, genau das zu tun, auch wenn ich erst in einer der folgenden Stunden dazu fähig war. 

Von Anfang an, auch wenn ich es nicht gleich bewusst wahrnahm, vermittelte sie mir: Sie will wissen was war! Sie will es hören! Es gab Situationen, in denen ich nachfragte, ob sie es wirklich wissen wolle. Ihr klares, festes ‚Ja!‘ war dann äußerst wohltuend und bestärkend. 

Aber zu Beginn der Therapie, bei den ersten Erinnerungen, dem Erzählen von den Übergriffen hätte ich mir von ihr mehr Anteilnahme und mehr Nähe gewünscht. Ich fühlte mich doch so alleine damit! Damals habe ich mir gewünscht, dass sie räumlich betrachtet nicht so auf Abstand bleibt. Oder dass sie mich in den Arm nimmt oder meine Hände hält, mir einfach mehr Zuwendung gibt. Es kam auch vor, dass sie das tat, erst recht mit zunehmender Dauer der Therapie. 

Ich hatte es zu Anfang, meist mit einiger Mühe, geschafft, ihr meine Wünsche und dann auch meine Enttäuschung über das Ausbleiben der Erfüllung dieser Wünsche mitzuteilen. Meistens erklärte sie mir daraufhin die Beweggründe für ihr Verhalten, manchmal aber auch nicht. Sie konnte auch mit einem Schulterzucken ohne weiteren Kommentar darauf reagieren. Ich glaube, dann passte es ihr nicht, dass ich an ihr herumzerrte, sie nicht in Ruhe ließ und nicht bei mir blieb. Ihre Erklärungen konnte ich meistens gut annehmen, manchmal überzeugten sie mich jedoch gar nicht. Ich erinnere, dass sie davon sprach, sie brauche, um mit mir arbeiten zu können, den räumlichen Abstand. Das verstand ich. An anderer Stelle, als es um mehr Nähe und in den Arm genommen werden ging, betonte sie, sie wolle nichts zudecken. Sie äußerte sich auch einmal so, ich wolle nicht akzeptieren, dass es meine Schmerzen und meine Wut seien! Immer dann wolle ich, dass sie in meine Nähe komme, wenn ich diese Gefühle spüren würde. Ja, ich wolle das nicht alleine aushalten!, so meine damalige, etwas trotzig geäußerte Antwort. In diesen Situationen empfand ich die K. sehr abgegrenzt und manchmal sogar streng bis stur. 

Aber fast von Anfang an, auch wenn ich wieder einmal damit haderte, erging es mir so: Gut, dass sie Abstand hält! Es kam sogar vor, dass ich dachte, sie soll mir ja nicht zu nahe kommen! Dann hatte ich richtig Angst! Befürchtete sogar, auch sie könnte über meine Grenzen gehen. Und diese Angst hatte ich schon im ersten Jahr ausgesprochen: Wenn sie was machen, ich bring’ sie um!, hatte ich zu meinem eigenen Erstaunen und Entsetzen ganz ernst und fest gesagt. Ihre wunderbare Reaktion sei hier noch einmal erwähnt: Und was ist, wenn ich auch auf sie aufpasse? – 

Längere Zeit blieb ich sehr ambivalent. Wünsche nach Nähe und die Einsicht, gut, dass sie auf Abstand bleibt, wechselten sich ab. Im Laufe der Therapie wurde ich immer klarer, konnte viel besser bei mir bleiben und gleichzeitig war sehr viel mehr Nähe möglich. Und ich verstand noch besser, dass es eine Zeit gab, in der sie mit Nähe und Berührungen besonders sorgsam umgehen musste.

Ich will gleich noch etwas notieren, was mir gar nicht gefiel, womit ich öfter haderte. Selbst nach ganz schweren Stunden musste ich nach Ablauf der 50 Minuten gehen! Manchmal machte sie noch nicht einmal eine Minute länger! Das fand ich hart und grausam! Zeitweise erschien es mir so, als würde sie die Stunde ganz oft überpünktlich beenden. Ich betone ‚erschien es mir‘, denn wenn ich mich darüber beschwerte, hatte sie meist eine andere Wahrnehmung. Gerade in letzter Zeit hätten wir die Zeit mehrmals überschritten oder ähnlich ihre Aussagen. Sie warf mir wohl nicht nur einmal vor – sie würde sicher sagen, sie habe mich darauf aufmerksam gemacht! -, ich würde des öfteren erst zum Ende der Stunde mit ganz schweren Themen oder Erinnerungen kommen, so dass wir fast zwangsläufig die Zeit überschreiten müssten. Das war auch mir aufgefallen, ich widersprach deshalb nicht lange. Auch deshalb nicht, weil sie meist gleich erklärte, dass das nichts Ungewöhnliches sei, sie es verstehe und weil ich wusste, dass sie das Überziehen der Stunde auch duldete. Letzteres besonders dann, wenn wir noch am Arbeiten oder ich noch am Verarbeiten von heftigen Bildern war. Und wenn es ihr zeitlich möglich war. Manchmal sagte sie allerdings mit liebem Bedauern, sie müsse los, weil… Ich glaube im Nachhinein, dass ich das Überziehen als Beweis dafür brauchte oder als Ausdruck dafür ansah, sie mag mich, sie ist sehr für mich da; am liebsten wäre es mir gewesen, sie ist nur für mich da! Aber das stimmt auch nicht ganz; das hätte mir nämlich eher wieder Angst gemacht…

Was ich nicht gut abhaben konnte war, wenn sie am Ende der Stunde sagte, das müssten wir jetzt erst einmal so stehen lassen; also was wir gerade am Bearbeiten waren. Erst später verstand ich, das sollte bedeuten, wir kommen darauf zurück, wir vergessen es nicht. Leider dauerte es bei dem einen oder anderen Verhalten oder gewissen Äußerungen von ihr länger, bis ich diese und ihr Handeln verstand und einordnen konnte.

Zum Beenden einer Stunde möchte ich das noch erwähnen: War ich dann sehr niedergeschlagen oder kam aus den schlimmen Erinnerungen nicht gut wieder heraus, gelang es ihr oft, mich zu ermutigen oder aufzumuntern, indem sie mich an etwas erinnerte, was ich in der Stunde geschafft hatte oder woran ich anknüpfen konnte. Sie kam auch noch einmal in unseren Raum, sah wie eine liebe Mama nach mir. Oder sie forderte mich nach erinnerten Bildern und Gefühlen liebevoll auf: Lassen sie es hier!, was aber leider nicht so ohne weiteres möglich war. Dennoch mochte ich diese Aufforderung sehr.

 

Sie ist aufmerksam

Eigentlich ist es ja etwas sehr Gutes, wenn eine Therapeutin sehr aufmerksam ist, aber für mich war es erst einmal nur furchtbar! Ich denke dabei an meine erotischen Gefühle bei einer Berührung durch sie…

Ich erwähnte es bereits, beschrieb die Situation und die darauf folgenden Stunden ausführlich im Kapitel ‚Auswirkungen‘, will hier nur kurz darauf zurückkommen. Sie hatte beim Vorlesen aus einem Kinderbuch, ich lag auf den Matratzen, zeitweise eine Hand auf meine zugedeckten Füße gelegt, was bei mir Gefühle auslöste, die ich nicht gleich als erotische einordnete, die mich aber sehr verwirrten. In den folgenden Stunden sprachen wir darüber. Die K. betonte, wir müssten genau schauen und sehr sorgsam mit Berührungen umgehen, diese am besten erst einmal unterlassen, da noch nicht klar sei, ob mein Wunsch nach Berührungen kindlicher Natur sei oder ob dahinter homoerotische Gefühle und Wünsche stünden. Das Thema der sexuellen Gewalt spiele ebenfalls mit hinein; auch deshalb sei es notwendig, sehr sorgsam zu sein. Ich war so unglücklich, fast verzweifelt; ärgerte mich über die K., weil sie weitere Berührungen ausschloss, zumindest vorerst. Ich hatte aber auch Bedenken, wie sie mit meinem Ärger umgeht, ob sie sich von mir abwendet, nicht mehr so wie bisher für mich da sein oder überhaupt nicht mehr mit mir arbeiten wird. Nein, so reagierte sie ganz und gar nicht!

Schon damals war mir sofort klar, es ist sehr gut, dass sie so aufmerksam und klar reagierte! Dass sie das alles an- und aussprach, auch wenn ich mich abgrundtief schämte. Ich war ihr damals zumindest schon ein bisschen dankbar dafür. Und dass sie betonte, diese Verwirrung habe sehr, sehr viel mit den sexuellen Gewalterlebnissen meiner Kindheit zu tun. Dieses Erläuterung und das Wissen darum erleichterten es mir, mich zu verstehen.

 

Ihre hilfreichen guten Ideen

Ich nähere mich noch mehr dem damaligen Erinnern meinerseits an, wie die Therapeutin damit umging und wie sich das wiederum für mich anfühlte. Ich erwähnte weiter oben, dass ich manchmal nicht aussprechen konnte, was ich erinnerte und wie mir die K. dabei half, indem sie mich geduldig ermutigte. Aber manchmal konnte ich dennoch nichts sagen, es nicht in Worten fassen, was an Bildern und Gefühlen auftauchte. Und dazu fallen mir ihre für mich erst einmal etwas kindlich anmutenden, beim Umsetzen jedoch sehr hilfreichen Ideen und Vorschläge ein: 

Wie sie mir vorschlug, meine Gefühle zu malen, und ich dem nachging. Am Beeindruckendsten fand ich es, mit Fingerfarben zu malen, weil ich damit noch näher an meinen Gefühlen war und sie auf diese Weise ganz  unmittelbar ausdrücken konnte.

Oder wie ich bald darauf sogar selbst vorschlug zu malen, was ich mit meinem Vater erinnerte. Wie ich ihr dies auch mittels Knete ‚zeigen‘ konnte. In einer anderen Stunde hatte sie verschiedene Gegenstände vor mir ausgebreitet, mich liebevoll aufgefordert, meine Augen zu schließen und mich meinen Gefühlen und Bildern zu überlassen. Auch so konnte ich meine Erinnerungen ‚darstellen‘.

Ich bin jetzt noch fasziniert davon, was alles in dieser Therapie möglich war, welche verschiedenen Angebote sie mir unterbreitete und wie sehr mir das half. Aber auch davon, wie sie dann mit dem Ergebnis umging. Ein gemaltes Bild zum Beispiel bewahrte sie auf, nachdem sie gesagt hatte, es sei besser, es dort zu lassen, als dass ich es mit nach Hause nähme. All die von mir auf die beschriebenen Weisen ausgedrückten Gefühle und Bilder nahm sie sehr ernst. Zweifelte nichts an, kommentierte aber auch nichts. Fragte höchstens einmal nach, wenn ihr nicht klar, was ich gemalt oder welche Bedeutung das Gemalte hatte. Ganz, ganz ernst nahm sie es, was für mich immens wichtig war. Aber ich bin auch sehr froh, dass ich mich auf all das eingelassen habe, wenn auch erst mit dem Abwehrversuch, das sei doch kindisch.  

 

Sie erklärt mich mir    

Damit meine ich, dass die Therapeutin mir immer wieder versuchte zu verdeutlichen, warum die kleine Ann oder auch die große Ann so oder so fühlten, reagierten und handelten oder auch nicht handelten. Ich lernte dadurch, mich zu verstehen und anzunehmen, insbesondere als das kleine Mädchen, das ich damals war. 

Ich denke dabei an zentrale Themen wie die Frage nach der Schuld. Wie bedeutsam und entlastend war es, von ihr eines Tages die mit fester Stimme formulierte Aussage zu hören: Sie sind nicht schuld! – 

Ebenso entlastend empfand ich ihre Erläuterungen zu der Tatsache, dass Adolf mir nach seinen Attacken Geld zusteckte. Dies bedeute oft, wie auch die Schuldübernahme, einen gewissen Schutz für das kleine Mädchen, so die K., denn damit phantasiere es sich als Handelnde. Diese Phantasie befreie das Kind von den eigentlich nicht auszuhaltenden Gefühlen der absoluten Hilflosigkeit und dem völligen Ausgeliefertsein.  

Im Zusammenhang mit der Gewalt durch meinen Vater erinnerte ich sehr oft, mich dabei wie tot gefühlt zu haben. Das schütze die Psyche, hatte die K. damals erklärt. Außerdem sei es manchmal besser, sich tot zu fühlen oder zu stellen, also nichts zu fühlen… als ‚das‘. Das sei eine typische Reaktion bei traumatischen Erlebnissen. An anderer Stelle hatte sie gemeint: Die kleine Ann dachte damals doch, das geht das ganze Leben so weiter! Dann wollte sie lieber tot sein… – 

Ich denke auch an ihre hilfreiche Demonstration, sie hatte ihre flache Hand auf meine ausgestreckte gelegt, mit der sie mir bewies, dass ich bei einer Berührung immer etwas fühle, ganz egal ob ich das will oder nicht! 

Dies stand im Zusammenhang mit der Situation mit Bernd, bei der ich mich auch an schöne Gefühle erinnerte, aber auch in Bezug auf meinen Vater. Damals hatte ich gesagt, das sei doch einfach nicht zu verkraften, dass ‚dabei‘ auch schöne Gefühle spürbar waren. Das sei ja gerade das Schlimme, so die K., Ohnmacht und Hilflosigkeit wären schon schlimm, doch dabei könne das Kind Wut entwickeln, was bei den schönen Gefühlen aber nicht möglich sei. Deshalb sei das noch schlimmer für ein kleines Mädchen. 

Einige Stunden zuvor hatte ich mich so zu meinem Vater geäußert: Ich bekomme sein Lächeln und das, was er mit mir gemacht hat, einfach nicht zusammen! Der hat mich manchmal so lieb angelächelt! – Das könne frau auch nicht zusammenbekommen, aber das sei eine Spaltung in ihm! Das habe nichts mit mir zu tun! 

Ich möchte zu diesem Punkt auch die folgenden Worte der Lady erwähnen. Wir waren wieder einmal an dem Thema meine große Bedürftigkeit. Jedes Kind sei ja bedürftig, aber ich sei wohl überaus bedürftig gewesen, meinte sie und erklärte es mir so: Die Mutter und die Schwester sollten sie reinigen! Sollten sie von dem reinigen, was ihnen widerfahren war, denn das konnten sie nicht alleine schaffen. Das kann KEIN Kind alleine schaffen! Und deshalb waren sie so bedürftig… – 

Als ich einmal davon sprach, unter allergrößten Mühen tatsächlich sagte, ich könne sie vergewaltigen, was ich doch auf keinen Fall tun würde, aber dieser Gedanke sei in mir aufgetaucht, reagierte sie mit so liebem Verständnis. – Sie wissen es! Und ich weiß es! Wir wissen, dass sie das nicht wollen! Dass das aus ihrem Unbewussten kommt. – Ich hatte meine Augen geschlossen. Sie sprach ganz ruhig, ganz weich, aber auch fest, sachlich. Unbeschreiblich, was es mir bedeutete, was sie sagte. Die K. fuhr fort: … Dass es nichts ist, was sie wollen, sondern etwas, was sie selbst erlebt haben! – Es sei sicher kein Zufall, dass das gerade jetzt auftauche, jetzt, nach ihren Ferien. – Da haben sie sich ja ausgeliefert gefühlt, waren abhängig von meinen Plänen. – Und das würde ich ja kennen. Darum hätte ich das mit ihr machen wollen, was ich AUCH kennen würde. Deshalb meine Phantasie. Ich war so berührt und beeindruckt. – Also wollte ich ihnen damit sagen, zeigen, was ich erlebt habe? – Ja! – 

Nachdem sie an anderer Stelle einmal meinte, ich würde mit ihr kokettieren, was ich gar nicht gerne hörte, ergänzte sie, ich wolle jetzt erleben, dass nichts passiert! Schweigend und sehr dankbar nahm ich diese Erläuterung damals auf.

Dies waren nur einige Beispiele, dass und wie die Therapeutin mir meine Reaktionen, meine Gefühle, mein Handeln und Ähnliches erklärte. Aber manchmal entzog sie sich auch solchen Erklärungen. Es kam ein paarmal vor, dass ich sie darum bat und sie sich dem verweigerte mit der Begründung, die ich heute noch besser verstehe als damals, sie wolle nicht theoretisch werden, denn damit kämen wir von meinen Gefühlen weg und das wäre nicht gut. 

 

Ihr Umgang mit dem was ich erinnerte

Erst mit einem gewissen Abstand ist mir die volle Dimension der Wichtigkeit ihrer Einstellung und ihres Verhaltens bezüglich der Deutung meiner Erinnerungen und Bilder bewusst geworden. Besonders während der Jahre mit den zunehmend auftretenden Bildern mit meinem Vater erlebte ich ihre Abgrenzung und absolute Zurückhaltung als irritierend bis störend. Manchmal ärgerte es mich, dass sie nichts sagte, nichts kommentierte, nur zuhörte oder gerade einmal ein paar Fragen an mich richtete! Viel schwerer aber wog die sich für mich durch ihre Zurückhaltung ergebende Verunsicherung, die meine eigenen Zweifel noch verstärkte. Glaubt sie mir nicht? Denkt sie, ich spinne mir das zusammen? Auf entsprechende Bemerkungen von mir reagierte sie meist ganz ruhig und gelassen.

Jetzt kann ich mit großer Achtung ihr gegenüber festhalten, dass sie, die Therapeutin, mir nie meine Gefühle, meine Erinnerungen und Bilder im Zusammenhang mit der erlebten sexuellen Gewalt bestätigt hat, diese nicht in Frage stellte, nicht ausreden wollte oder gar ausredete. Sie nahm das Erinnerte, alle meine dazu gemachten Äußerungen einfach auf und an und vor allem sehr, sehr ernst. Sie ließ mir den Raum, die Zeit und die Freiheit, alles selbst zu erkennen und einzuordnen. Natürlich benötigte ich dabei ihre Unterstützung, aber sie hielt sich mit Deutungen völlig zurück. Überließ die Deutung ganz alleine mir!

Sie formulierte ihre Haltung einmal mit den folgenden Worten: Ich würde nach Antworten suchen und hätte die gerne von ihr. Aber das müssten dann nicht meine Antworten sein. Ich müsse die Antworten selbst finden. Bei einer anderen Gelegenheit hatte sie betont, es gehe darum, dass ich meinen Gefühlen glaube, dem, was ich erinnerte und welche Bedeutung ich meinen Erinnerungen und Bildern beimesse. Welche Bedeutung  ICH darin sähe! Es sei ganz wichtig, zu klaren Gefühlen zu kommen, aber das könne nur ich leisten. 

Und es steht nicht im Widerspruch zu dieser ihrer Haltung, dass sie immer wissen wollte, was war! Was ‚in mir war‘, so drückte ich das damals oft aus. Sie wollte von meinen Erlebnissen hören! 

Ich hatte mich einmal auf die vorhergehende Stunde bezogen und gesagt, mein Gefühl sei gewesen, ich sage nichts mehr! Sie würde mir das ja sowieso nicht glauben. Es fiel mir natürlich schwer, das so offen auszusprechen. Was hinter dem ‚ich sage nichts mehr‘ stehe, wisse ich doch sicherlich, entgegnete sie. Ich verneinte ihre Frage. – Heißt das nicht, die Mama soll fragen? – Was soll die denn fragen? – Mit weicher, lieber Stimme sagte sie: Vielleicht sollten sie das mal sagen, was sie fragen soll! – Nachdem ich davon sprach, sie solle nach meinen Schmerzen fragen und nach dem Grund meiner Traurigkeit, hatte sie gefragt: Und, willst du mir das mal alles sagen? – Das kann man doch nicht sagen! – Doch! Mir kannst du es sagen! – … Ob die Mama das wirklich wissen will? – Ja, ganz fest von ihr, die will das wissen! – Damals fragte mich die K. ganz viel. Zum Schluss wandte ich mich dann wieder an sie: Wolltest du das wirklich wissen? – Ja! (…) und ich bin so froh, dass du mir das gesagt hast. Dass das endlich mal raus ist! – Ja, ich bin auch froh … – Und ich finde es toll, dass du die Kraft hattest, es mir zu sagen! – 

Einige Stunden zuvor hatte ich wieder einmal erwähnt, da war noch etwas mit meinem Vater, und dass ich glaubte, sie daran erinnern zu müssen, damit wir das nicht vergessen. Auf meine Bitte hin ‚Mama, vergiss es nicht!‘ hatte sie zu meiner wirklich großen Beruhigung betont, nein, sie würde das nicht vergessen.

Ich habe mich und sie damals nicht nur einmal gefragt, ob sie das überhaupt alles hören und wissen will. Erkannte aber, dass es darum geht, dass ich es doch wissen will. Ja, das sei das Wichtigste, bestätigte sie damals. Mit eindringlichem Blick hatte sie ergänzt: Und ich will es auch wissen! – Zum Schluss dieser Stunde musste ich aber doch noch einmal fragen, mit kindlicher Stimme: Wollen sie es wirklich wissen? – Ja! – 

Und auch das steht nicht im Widerspruch zu ihrer Zurückhaltung. Es war ihr nicht zu viel! Auch wenn ich das oft befürchtete und es auch absolut hätte verstehen können, immer wieder vermittelte oder sagte sie mir, es ist ihr nicht zu viel!

Ich füge eine Erklärung an, mich damit dem Abschluss dieses Abschnittes nähernd, die auch mit mir, aber sehr viel mehr mit der Therapeutin zu tun hat. Ich hatte ihr von einem Gespräch mit meiner Schwester Lisa berichtet, in dem es darum ging, ob und warum sie Probleme damit hat, sich noch eingehender auf ihre Erlebnisse mit unserem Vater einzulassen. Ich sei sehr behutsam mit ihr umgegangen, um sie nicht zu beeinflussen. Daraufhin sagte die K., gerade weil es ein sensibles Thema und die Andere unsicher sei, wäre die Gefahr der Beeinflussung besonders groß. Je größer die Unsicherheit, um so leichter ließe frau sich beeinflussen. Sie würde mich ebenfalls beeinflussen, da dürften wir uns gar nichts vormachen! Es sei wichtig, besonders beim Thema sexuelle Gewalt, sich darüber im klaren zu sein. Deshalb sei es auch nötig, sich Zeit zu nehmen. Es brauche viel Zeit und Geduld, um zu spüren und zu wissen, was war, was für mich stimme. Ich dachte damals, sicher hat sie auch deshalb oft nichts gesagt, was mich ja so irritierte, um mich nicht zu beeinflussen!

Wie bedeutsam die Kombination von Zurückhaltung bei der Deutung der Erinnerungen und die gleichzeitige Bereitschaft, alles hören und wissen zu wollen, für das Bearbeiten traumatischer Erlebnisse ist, geht, wie ich meine, aus all meinen Schilderungen deutlich hervor.

Dazu passend erwähne ich noch einmal den Hinweis der Therapeutin, wie wichtig es sei, alle meine Erinnerungen und erinnerten Gefühle und das, was geschah, auszusprechen, somit in Worte zu fassen und genau zu benennen, was ich erlebt habe. 

 

Ihr Umgang mit der kleinen Ann

Und ich füge sogleich hinzu, wie wundervoll der für die große und die kleine Ann war! 

Nicht nur aus heutiger Sicht ist dieser Aspekt mit am Berührendsten. Eigentlich hätte ich dies gleich zu Anfang des Kapitels schreiben müssen: Wie die liebe Therapeutin mit der kleinen Ann spricht, wie liebevoll sie mit ihr spricht, wie sie sie fragt und bei den Erinnerungen behutsam begleitet. Und besonders wundervoll, dass sie die kleine Ann sogar mit DU ansprach: Kannst du dich sehen? (…) Hast du ein Bild, wie alt du bist? – Sie sprach auch mit der großen Ann auf diese Weise: Jetzt bist du doch nicht mehr alleine! (…) Nun verstehst du die kleine Ann doch besser und kannst zusammen mit ihr weinen… – Und die kleine Ann erinnert sich, fühlt sich aufgehoben und verstanden. Fragt sogar die Therapeutin in dieser Form: Willst Du das wirklich hören? – Oder an anderer Stelle: Kannst du das (Furchtbare) wirklich aushalten? – Und die antwortet: Ja, ich kann das aushalten! –

Aus heutiger Sicht hat diese wundervolle Art, die kleine Ann mit DU anzusprechen, für mich auch diese Bedeutung: Die schlimmen Taten meines Vaters hatte ich abgespalten, verdrängt; die waren wie außerhalb von mir. Erst in der Therapie traute ich mich nach und nach, die Erinnerungen daran zuzulassen. Ich erinnerte… und die Therapeutin war so nahe und behutsam dabei, nahm die kleine Ann und ihre Bilder und Gefühle von damals liebevoll auf. Sprach die kleine Ann wie eine liebevolle Mama mit Du an, sprach wie mit ihrem Kind. Und damit konnte ich die kleine Ann, all das, was mir passiert war, in mich hinein nehmen. Die kleine Ann war und ist innerlich nicht mehr alleine, kann sich auch in mir geborgen fühlen. Bei der Therapeutin und in mir. 

Ich erinnere gerade, wie ich zum Ende einer sehr intensiven Stunde zur K. sagte: Wir vergessen die kleine Ann doch nicht? – Nein… – Und auch das sprach ich einmal aus: … die kleine Ann ist jetzt hier bei uns! Nicht mehr dort! Ich hab’ sie gestern mit hierher genommen! – Ja… – 

Ich erlebte, wie die K. mit der kleinen Ann umging, nahm das in mich auf und lernte dadurch, mich selbst mit meinen Schmerzen und meiner Trauer und allem Anderen anzunehmen, lernte, mütterlich und liebevoll mit der kleinen Ann, also mit mir, umzugehen. 

Das Du der Therapeutin hatte auch noch eine andere wundervolle Auswirkung. Weil sie mich so ansprach während dieser intensiven, nahen und schweren Sequenzen, traute ich mich, wie oben bereits erwähnt, sie ebenfalls mit Du anzusprechen und sogar ‚Mama‘ zu ihr zu sagen – wie ich es fühlte und wie es für mich passte. So hatte ich einmal erwähnt, in mir wäre dauernd: Mama, Mama. … Ich muss dir noch was sagen! – Sie nahm das nicht nur in diesem Fall ganz selbstverständlich an. Manchmal sagte ich einfach Mama, nur so vor mich hin, Mama, Mama; manchmal kaum hörbar, andere Male sehr wohl hörbar. Es fühlte sich so wundervoll an, Mama zu fühlen und auch noch zu sagen! Irgendwie beruhigend.

Und das erinnere ich noch sehr: Ich hatte von dem Anruf bei meinem Vater berichtet, bei dem er zum Ende des Gesprächs fragte: Und was ist, wenn ich sage, ja, ich habe das gemacht? – Während der gesamten Therapiestunde hatte ich ganz starkes Herzflattern, was ich am Ende meines Berichtes nochmals erwähnte. Die Reaktion der Therapeutin: Ich habe vorhin schon gedacht, man müsste ihr kleines Herz beschützen… Beschützend in beide Hände nehmen! – Sie guckte so lieb, so innig. Später fragte sie, was ich denn jetzt fühlen würde. – Mama…, antwortete ich leise, beschämt. – Was könnte ihr Herz denn jetzt gebrauchen? Was würde ihnen gut tun? – Die Mama soll es in den Arm nehmen, mich in den Arm nehmen! – Ja! Ja, das machen wir! Das ist gut!, und sie kam fröhlich auf mich zu, streckte mir ihre Arme entgegen.

In einer anderen Stunde hatte ich ausführlich davon berichtete, wie schlecht es mir während ihres nur einwöchigen Urlaubs ergangen war. Dies insbesondere deshalb, weil die Taten meines Vaters immer klarer wurden, ich das nicht mehr wirklich anzweifeln konnte. Ich hatte die Urlaubswoche irgendwie überstanden, wenn auch wieder mit Gedanken daran, nicht mehr leben zu wollen. Später sprach ich von meinem Gefühl, dass sie, die Therapeutin, das, was ich erzähle, was ich erlebte, oft ganz anders sehen würde als ich. – Das ist auch gut so!, hatte sie ganz fest geantwortet. Ich zweifelte auch an, ob das, was ich ihr berichten würde, überhaupt so bei ihr ankäme, wie ich es erlebte und fühlte. Mit liebem und verständnisvollem Blick sagte sie: Doch! Das kommt schon an! Ganz bestimmt! – Ich dachte nur, hoffentlich! Nun sah sie mich an, beugte sich ein wenig vor und sagte: Ich habe jetzt ein Bild… als würde ich sie auf meinen Schoß nehmen, sie halten und sagen: Es wird alles gut! – Was war ich überrascht und berührt von ihrer Aussage und diesem schönen Bild! Ich sagte aber nur matt: Ich hoffe es! Hoffe es so sehr! – 

 

Sie ist für mich da 

Verlässlich, geduldig, verständnisvoll, mitfühlend und mit so viel Liebe – sie war einfach immer sehr für mich da! Auch wenn es mir früher manchmal nicht genug erschien, oder ich sie zeitweise nicht wie gerade beschrieben erlebte, nahm ich grundsätzlich sehr wohl ihr großes Engagement dankbar wahr. Sehr bedeutsam und vor allem beruhigend zudem zu wissen, sie immer anrufen zu können, wenn ich es brauchte. Das hatte sie schon bald zu Anfang der Therapie so oder ähnlich ausgedrückt: Wenn sie mich brauchen, rufen sie mich an! – Oder sie sagte nur knapp, aber eindringlich zum Ende der Stunde: Ich bin da! –  Ich traute mich jedoch nur selten, dieses Angebot anzunehmen, bin mir heute aber absolut sicher, dass sie es auch öfter akzeptiert hätte. Ich erinnere, dass ich nicht nur einmal sagte, ich hätte sie gerne angerufen, aber hätte mich nicht getraut oder ähnlich, und dass sie dann mit weicher Stimme fragte: Und, warum haben sie das nicht getan? – Oder dass sie auf ähnliche Weise ihr Bedauern darüber liebevoll ausdrückte. Aber schon alleine zu wissen, ich kann sie anrufen, hatte für mich oft eine beruhigende und stabilisierende Wirkung.

Ich erinnere hier noch einmal an den bereits an anderen Stellen erwähnten Italienurlaub und meine große Angst davor sowie an das Angebot der K., sie jederzeit aus dem Urlaub anrufen zu dürfen. Das mache sie doch mit ihren Kindern auch so, wenn die alleine wegfahren. Die würden den Kontakt mit zuhause brauchen, könnten jederzeit anrufen. – Sie können mich ja auch anrufen! Es ist doch wichtig, dass diese Sicherheit da ist!, so oder ähnlich damals ihre Worte.

Und was es für mich bedeutete, mit ihr nach der ersten furchtbaren Nacht telefonieren zu können. Sie ist für mich da! Es war so wundervoll, das zu erleben! Und noch dazu ihre tolle Idee, auf die Entfernung eine Therapiestunde zu halten, ich in Italien, sie in ihrer Praxis sitzend, in unserem Raum, zu einer vorher festgelegten Zeit. Noch immer berührt es mich ganz tief in meinem Innern, wenn ich daran denke. Das ist wieder etwas, was ich gar nicht recht in Worte fassen kann, was aber vielleicht die damaligen Worte der Therapeutin gut verdeutlichen: Es gehe doch jetzt um das innere Kind! Darum, dass es dem gut gehe! 

Im Laufe der Jahre konnte ich immer mehr sehen, also immer mehr annehmen, wie sehr sie für mich da war! Es gab Zeiten, in denen ich damit haderte, dass sie auch andere KlientInnen therapierte. Aber später hatte ich oft das Gefühl, als sei sie nur für mich da! Wohl wissend, dass das nicht der Fall war. Ich denke, ich konnte das alles erst nach und nach wahr- und annehmen. Damals fiel es mir nämlich sehr schwer, so viel Gutes und Liebes anzunehmen. Auch das will gelernt sein! Bei mir jedenfalls war es so.

Ich fühle mich noch heute bei ihr mit allem geborgen. Sie ist weiterhin wie etwas ganz Besonderes und Wunderbares in mir. Und auch dies ist für mich außerordentlich wichtig: Sie hat mich nie verraten! Sie hat mich nie alleingelassen!

 

Was sie mir noch gab 

Ich denke daran, wie sie sich von mir anschauen ließ…, einfach nur anschauen! Ohne Worte. Wie beglückend für mich, dass sie das zuließ! 

Ich sah sie an wie es kleine Kinder tun, die uns von oben bis unten genau anschauen! Einfach so. Ich nahm die Therapeutin damit wie in mich ‚hinein‘, in mich auf, so notierte ich es damals. Ich hatte sie nach den entsprechenden Stunden dann ‚in mir‘, konnte mich noch besser innerlich mit ihr verbunden fühlen, was in den ganz schlimmen Phasen der Therapie extrem bedeutsam war und was mir dazu verhalf, mich nicht (so) alleine zu fühlen.

Nach vielen Stunden hatte ich sie auf diese Weise noch vor Augen, konnte daran denken, wie sie dort saß, wie sie gekleidet war – ja, auch das erinnerte ich oft! – und wie sie mich angesehen hatte. Besonders ihre Haare und ihre Hände hatten mich fasziniert, die musste ich wieder und wieder anschauen, aber nicht nur die…

Ihr in ihre Augen zu schauen, nur in die Augen, aber auch von ihr ebenso angesehen zu werden – das war einfach wunderschön! Nach sehr intensiven Stunden kam es vor, dass ich sie so eine ganze Weile ansah, sie mich zwischendrin auch… und dann sagte sie, halb fragend, halb die Stunde damit beendend: Gut?! – Das U dabei sehr betont und ich antwortete meist mit einem zögernd Ja. Zögernd oder verhalten, weil es eigentlich nicht gut, nämlich immer noch nicht genug war… Beim Schreiben jetzt muss ich über mich selbst lächeln, auch wenn ich das noch immer gut verstehe!

Irgendwann fiel mir auf, dass sie ihre Augen für eine kleine Weile ganz sanft, so schien es mir, schloss und auf die gleiche bezaubernde Weise öffnete und mich wieder ansah… Dann fühlte ich mich wie von ihr in den Arm genommen und gehalten. Eine wunderbare Alternative zu Berührungen, wenn die nicht möglich waren oder nicht passten. Und dies gab sie mir in den sehr intensiven Jahren ganz oft! Und auch ohne dass es mir schlecht ging oder gehen musste! Auch das nahm ich dann mit nach Hause…

Sie hatte mich irgendwann zuvor einmal darauf aufmerksam gemacht, als ich wohl damit haderte, dass sie mich nicht in den Arm nehme konnte, weil Berührungen ja vorübergehend nicht möglich waren. Damals fragte sie, ob ich denn nicht wahrgenommen hätte, dass sie mich mit ihren Augen gehalten habe. Nein, das hatte ich bis dahin nicht; aber danach! Und wie!

Es kam aber auch einmal vor, da war es ihr wohl zu viel. Sie sprach davon, ich sähe sie an, als wolle ich sie mit meinen Augen verschlingen. Das wollte ich nun gar nicht hören, schämte mich und fühlte mich zurückgestoßen. Aber ich wusste ganz genau, was sie meinte…

Weil ich gerade erwähnte, mich innerlich mit ihr verbunden zu fühlen, will ich kurz noch etwas dazu erläutern. Sie hatte mich wohl vor einem ihrer ersten Urlaube darauf hingewiesen, ich könne doch innerlich mit ihr verbunden bleiben. Ich entgegnete, das würde ich schon von einer auf die andere Stunde tun, es dringend brauchen, sonst wäre es gar nicht auszuhalten. Dadurch würde ich mich nicht so verlassen oder alleine fühlen. Gerade in ganz furchtbaren Zeiten war das überlebenswichtig! 

Dies war etwas, was ich mir selbst geben und womit ich mir selbst helfen konnte!

Auch das gehört für mich mit zu dem, was die Therapeutin mir gab: Dass sie sich für mich und mit mir freute; ich glaube, dass sie manchmal sogar ein bisschen stolz auf mich war. Sei es, weil ich mich nach längerem Quälen doch auf meine Erinnerungen einließ, mich danach auch leichter und freier fühlte, oder sei es nach den Konfrontationen mit meiner Mutter und besonders mit meinem Vater. Egal, bei welchen dieser schwierigen und wichtigen, kleinen oder größeren Schritte, ich ahnte oder sah ihre Freude. Und wenn ich Zeit dafür benötigte, für all diese Schritte, dann zeigte sie großes Verständnis. Mir ist klar, dass das für die Arbeit einer Therapeutin mehr oder weniger selbstverständlich ist. Dennoch erwähne ich es, weil es für mich nicht selbstverständlich und so wertvoll war.

Ich muss noch von weiterem, sehr Berührenden berichten. Nein, nicht ‚ich muss‘! Ich WILL!

Um mich mir als Kind begreiflicher zu machen, mein Verständnis für die kleine Ann, nicht nur im Zusammenhang mit den schlimmen Erlebnissen, zu wecken und zu erweitern, hatte die K. des öfteren beispielhaft von ihren Kinder berichtet. Sie wollte mir damit helfen, mich mit meinen kindlichen Bedürfnissen besser annehmen zu können. Irgendwann kam sie wieder auf ihre Kinder zu sprechen und fragte mich anschließend, wie das denn für mich sei, wenn sie von ihnen berichte. Mal fände ich es ganz süß, manchmal wäre es eher neutral, aber es käme auch vor, dass ich von ihrer Welt nichts hören wolle, lautete meine etwas verschämt geäußerte Antwort, und ich hatte hinzugefügt: Dann will ich sie nur wie sie hier sind! – Nach einer kleinen Pause sagte sie: Haben sie denn auch schon einmal gespürt, dass sie mit in meiner Kinderwelt sind? Dass ich sie mit in meiner Kinderwelt habe? – So oder ähnlich ihre Worte. Vielleicht hatte sie auch gesagt, sie habe mich mit in ihrem Kinderherz. Das kann aber auch bei einer anderen Gelegenheit von ihr hinzugefügt worden sein, oder ich habe es so gefühlt. Völlig überrascht und berührt hatte ich mit kindlicher Stimme geantwortet: Ja, manchmal habe ich das schon so gespürt… – Wie viel mir das damals bedeutete ist kaum zu beschreiben, aber sicher nachzufühlen.

Und ich bekam in all den Jahren sehr viel Liebe von ihr!

Genau das erinnerte und fühlte ich vor einigen Jahren bei Gedanken an die Therapeutin: Ich habe ganz viel Liebe von ihr bekommen! Ich stutzte, dachte, nein, das stimmt doch nicht. Die hat mich doch nicht lieb gehabt! Natürlich war sie emphatisch und sehr dabei und engagiert und liebevoll im Umgang mit mir, aber sie hat mir doch keine Liebe gegeben! Aber das Gefühl blieb und ist noch heute da. Ich habe ganz viel Liebe und viel Liebes von ihr bekommen! 

Eine gute Überleitung zum nächsten Aspekt…

 

Was sie mir von sich gab, mir schenkte

Ich beginne mit einer Begebenheit aus dem zweiten Jahr meiner Therapie. Es ging nur indirekt um das Thema sexuelle Gewalt. Vordergründig ging es, neben anderen Themen, um meine lieben Gefühle für die Therapeutin und um das, was ich befürchtete und ihr gegenüber so ausdrückte: Bei den starken Gefühlen für sie könne das nur in einer Katastrophe enden!, hatte ich traurig und erschüttert geäußert. Die K. ging behutsam darauf ein, ohne das hier weiter auszuführen. Als diese Stunde zu Ende ging, sagte ich, ich wolle nicht gehen. – Ich gehe einfach nicht!, hatte ich fest und trotzig hinzugefügt. Entgegen meiner Erwartung reagierte die Therapeutin ganz lieb, fragte, was wir denn nun tun sollten. Ich meinte, leicht schmunzelnd, das habe sie wohl noch nicht erlebt. Daraufhin fragte sie überraschend: Was muss denn die Mama tun, damit sie gehen darf? – Ihrer Tochter würde sie manchmal etwas von sich dalassen, wenn sie wegfahre, ihre Tochter das gar nicht mag oder deshalb traurig sei. – Dann gebe ich ihr etwas von mir, das sie behalten darf, bis ich wiederkomme. – Ich war so glücklich über diese liebe Reaktion, sagte, das wäre eine gute Idee. Sie überlegte einen Moment, streifte kurz ihren Armreif vom Arm…, zog ihn jedoch wieder an und äußerte diese Idee: Was halten sie davon, wenn sie einen Satz mitnehmen? … Ich komme wieder…, sie kommen wieder…, wir sehen uns wieder! – Eigentlich hätte ich gerne ihren Armreif mitgenommen und ihn Tag und Nacht getragen. Aber das sagte ich natürlich nicht, dafür schämte ich mich viel zu sehr. Ich nahm stattdessen und auch freudig den Satz mit nach Hause und sagte ihn immer wieder vor mich hin und auch dies: Die Mama hat mir einen Satz geschenkt! – 

Ich hatte der K. einmal von dem Buch ‚Soulkiss’ der amerikanischen Schriftstellerin Shay Youngblood (Piper Verlag, München; 1998) erzählt, worin ein kleines Mädchen von seiner Mama jeden Tag ein Wort auf den Weg zur Schule mitbekam, was mich damals sehr rührte. Deshalb hatte ich davon berichtet. Dieses Wort schrieb ihre Mama ihr auf einen Zettel. Mit diesem Wort war die Kleine zu allem bereit. Sie behielt es in ihrem Mund und wiederholte es wie ein Gebet, wenn ihr die Mama fehlte, die ihr gesagt hatte, sie werde den ganzen Tag an dasselbe Wort denken. Diese Vorstellung hatte ihr das Getrenntsein erträglich gemacht. Bevor die Mama sie an der Schultür verabschiedete, flüsterte sie ihr das Wort noch einmal ins Ohr. Die Kleine schloss dann ihre Augen… Nun hatte mir meine Mama einen Satz mitgegeben.

Und ihren Armreif bekam ich dann doch noch, rund ein Jahr später. Das geschah so: Ich war mit starkem Herzklopfen in die Stunde gekommen, hatte von meiner totalen Unsicherheit und dem Gefühl von Hilflosigkeit gesprochen. Was denn mein Herz brauchen, was ihm gut tun könnte, fragte sie. Ich dachte: Liebe! Und bekam noch stärkere Herzprobleme, Angst, und das Gefühl, ich muss von ihr wegrücken. Sie sagte, sie würde mich so wahrnehmen, ich wolle von ihr gehalten werden; sie solle mein Herz halten. Ich gestand ihr, dass ich an Liebe dachte und gerne in den Arm genommen werden würde, ihre Hand in meiner zu spüren wünschte. Bei alldem würde ich aber Angst fühlen. Ob sie mit ihrer Hand kommen solle?, hatte sie gefragt. – Nein!, sagte ich ganz fest. Ich hätte Angst davor, das ihre Hand was an meinem Körper machen könnte… Das wäre aber nicht das, was ich wolle! Nein, das sei klar, entgegnete sie, aber ich würde befürchten, sie tue sowas! Was war ich froh über diese Reaktion! Nachdem sie mich fragte, ob ich mir vielleicht etwas Anderes bei ihr holen wolle oder könne, hatte ich sofort an ihrem Armreif gedacht. Nur gedacht, nichts gesagt! Und schon streifte sie ihren Armreif vom Arm und legte ihn ganz plötzlich neben mich auf meine Matratze. Das war so wundervoll! Ich nahm ihn berührt in beide Hände, legte mich abgewandt von ihr hin, hielt ihn weiter in meinen Händen. Mama, Mama, fühlte ich immer wieder. Sagte es ihr. Richtete mich wieder auf, auch um sie sehen und ansehen zu können. Hielt ihren Armreif weiterhin zärtlich in meinen Händen, zwischendrin drückte ich ihn an mich. 

Dann sagte ich: Jetzt würde ich doch gerne ihre Hand spüren… – Sie kam langsam zu mir, kniete sich vorsichtig auf den Rand meiner Matratze und legte ihre rechte Hand flach hin. Ich schaffte es nach einer kleinen Weile, meine zur leichten Faust geformte Hand in ihre geöffnete zu legen. Ich konnte schon damals kaum beschreiben, wie sich das anfühlte. Nur schön! Und dann legte diese tolle Frau ihre andere Hand obenauf, so dass meine geschlossene Hand von ihren Händen zart umhüllt wurde. In meiner rechten Hand hielt ich weiter ihren Armreif. Drückte ihn auch einmal an mein Herz.

Wir schauten uns eine Weile an. Sie schloss zwischendrin ihre Augen, öffnete sie wieder und sah mich an. Ganz lieb und zärtlich wirkte das. Drückte auch einmal sanft meine Hand. Dann fragte sie, was ich davon mitnehmen wolle, wenn wir jetzt auseinander gingen. – Haben sie ein Bild oder gibt es etwas, was sie mitnehmen wollen? – Ich dachte natürlich sofort an den Armreif, zuckte aber nur mit den Schultern. – Dann nehmen sie den Armreif mit!, sagte sie doch tatsächlich. Ich gestand, dass das auch mein Wunsch war, ich mich nicht traute zu fragen. Das beantwortete sie mit einem lieben Schmunzeln. Ich beendete meine Tagebuchnotizen zu dieser Stunde mit folgendem Satz: Ich habe mich heute wirklich ganz und gar meinen Gefühlen überlassen, und sie ist so toll damit umgegangen! 

Den Armreif nahm ich mit nach Hause, trug ihn in der Folgezeit wenn möglich mit mir herum oder zog ihn sogar an und nachts hielt ich ihn in meiner Hand, die auf meinem Herzen lag. Es war so wunderbar, etwas von der K. für mich zu haben! Ich notierte dazu in meinem Tagebuch: Wenn sie so lieb zu mir ist, wird mir noch mehr bewusst, was mir früher fehlte, und das ist so traurig! 

In der darauf folgende Stunde brachte ich ihren Armreif natürlich wieder mit. Ich sagte gleich, ich würde ihn gerne während der Stunde noch in Händen halten, ihn ihr aber dann… Ich könne ihn noch behalten, wenn ich wolle, sagte sie gleich darauf; so lange, wie ich ihn brauchen würde. Wir könnten ihn dann gegen etwas Anderes austauschen. Im Laufe der Stunde fühlte ich mich ganz klein, ließ Erinnerungen zu… Leider ging es mir wieder so, dass ich die K. nicht in meiner Nähe haben konnte aus Angst, was mich sehr traurig stimmte. Sie fragte, mit ihrer lieben Stimme: Können sie sich vorstellen, wenn sie den Armreif von mir haben, sich zu phantasieren, dass ich sie halte? – 

In der darauf folgenden Stunde erklärte sie mir dann, wenn sie mich anschaue, lieb anschaue, das sei doch wie in den Arm nehmen, stehe doch dafür! Erst dann konnte ich das so annehmen und genießen.

Ich brachte ihren Armreif danach, wie ich meine mich zu erinnern, in jede Stunde mit, hielt ihn dann in meinen Händen oder legte ihn nur neben mich. Irgendwann kam, was kommen musste, sie wollte ihn zurückhaben. Sie habe schon eine Idee, was sie mir Anderes anbieten könnte. Ich wolle ihn aber nicht wieder hergeben, sagte ich. Sie schaute mich nur lieb an… In der nächsten Stunde sprach ich von meiner Traurigkeit wegen der anstehenden Rückgabe. Sie habe mir noch nichts Anderes mitgebracht, denke aber an einen glänzenden Stein. Ich hätte doch einmal von einem solchen geträumt… Ich fand’s toll, dass sie sich daran erinnerte, sagte aber auf ihre Frage hin, ob ich den Armreif denn entbehren könne, nein, ich würde ihn am liebsten gar nicht mehr zurückgeben. Währenddessen hielt ich ihn ganz liebevoll in meinen Händen. Sie reagierte ganz warmherzig. 

Einige Stunden später holte sie ein kleines Säckchen hervor, entnahm diesem fünf Steine. Wir betrachteten sie. Die K. hatte sich in meine Nähe gehockt. Ich entschied mich für den wie eine kleine Schildkröte aussehenden grünen Stein, der am hinteren Ende einen kleinen Schaden hatte. Ich müsse dabei an eine Verletzung denken… Das würde doch passen, hatte ich ergänzt. Obwohl mir eigentlich keiner gefiel, nahm ich diesen Stein. Ich wollte doch lieber ihren Armreif behalten! Den ich ihr dennoch mit den Worten aushändigte: Ich kann ihnen gar nicht sagen, was mir das bedeutete, dass ich ihn so lange behalten durfte! – 

Nun hatte ich also einen schönen, schimmernden Stein von ihr. Erst zuhause hatte ich entdeckt, dass er glitzert! Und den verlangte sie nicht zurück, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich trug ihn meistens bei mir, hielt ihn nachts in meiner Hand, nahm ihn mit, egal, wohin ich ging oder fuhr. Immer hatte ich etwas von meiner Mama bei mir. So erlebte und fühlte ich es. Einige Monate später fragte ich sie, ob sie ihn denn nicht wieder haben wolle. – Im Moment nicht!, hatte sie entgegnet und später hinzugefügt: Ich denke, sie brauchen ihn noch! – Ja, das ist wie ein Schutz!, war meine spontane Antwort. Danach war immer wieder in mir ihre liebe Aussage, sie denke, ich brauche ihn noch…

Damals dachte ich an das Sonnenblumenbild und dass ich das auch noch brauche! Das hatte sie mir gleich richtig geschenkt. Irgendwann bereits von ihr erwähnt, schenkte sie es mir nur einige Stunden nach der Stunde mit dem Stein. Wieder war es sehr heftig zugegangen, ich von großer Angst geplagt. Und dann holte sie dieses Foto hervor… – Dass sie etwas für mich haben, dass das für mich sein soll…, das kann ich gar nicht glauben!, so meine erste Reaktion, begleitet von Schwindelgefühlen. 

Ein Foto mit einer Sonnenblume, die in einer Umgebung ganz alleine steht, in der ansonsten nur Sand und ein wenig niederes Grün zu sehen sind. Wie es dazu kam, dass sie mir gerade dieses Foto schenkte, führe ich später noch näher aus. Aber was sie beim Überreichen des Fotos ungefähr geäußert hatte, das sei bereits hier erwähnt: Auch in einer kargen Umgebung kann eine Blume wachsen! – 

Indem die Therapeutin mir etwas schenkte oder mir etwas Persönliches von sich gab, konnte ich noch besser und noch einmal anders die innere Verbindung zu ihr halten. Fühlte ich mich ihr noch näher… Aber das beschreibt nur sehr unzureichend, welch tiefe Bedeutung diese Geschenke für mich hatten und noch immer haben. Und ja, sie alle und ihre große und wundervolle Bedeutung stehen auch im Zusammenhang mit dem Thema dieses Buches! 

Und mir fällt noch ein kleines, feines Geschenk von ihr ein. Nur kurz ein paar Sätze dazu. Ich war sehr verzweifelt, weil sich meine Mutter auf eine Karte von mir hin einfach nicht meldete, nachdem ich endlich soweit war, wieder mit ihr in Verbindung treten zu wollen und zu können. Dass es darum ging wurde erst im Laufe der Stunde klar; einer ganz fürchterlichen Stunde, ich geriet sogar in Stress mit der Lady und dann war die Stunde beendet. Seit ganz langer Zeit wollte ich wieder einmal nicht mehr leben… Die K. bot mir, wir hatten unseren Disput klären können, für den nächsten Tag eine zusätzliche Stunde an, die ich aber nicht wahrnehmen konnte. Ich blieb nach der Stunde noch in unserem Raum. Weinte bitterlich los, als sie draußen war. Leise, damit sie es nicht hört. 

Nach wenigen Minuten ging die Bürotür auf, sie kam herein, völlig überraschend für mich. Sie hatte ein kleines Geschenkpäckchen in der Hand, setzte sich neben mich und sagte: Eigentlich würde ich ihnen jetzt am liebsten so kleine Marzipanherzen schenken! Kennen sie die? – Ich nickte. – Aber die hab’ ich leider nicht. Habe nur Bratapfeltee!, und gab mir das schöne Päckchen, legte ihren linken Arm um meine Schultern, die andere auf meine angezogenen Knie, und ich weinte ganz heftig los… Sie blieb noch eine kleine Weile, und ich beruhigte mich langsam. Ich nahm das kleine Päckchen mit großer Freude mit nach Hause…

Bei dem kleinen roten Kissen, von dem ich nun berichten will, handelt es sich allerdings um kein Geschenk, sondern um etwas, das auch mit Nähe zur Therapeutin und dem Umgang damit zu tun hat. Irgendwann hatte sie es aus dem Büro geholt. Ich glaube, sie wollte mich zum Ende einer harten Stunde in eine Decke packen, holte das kleine Kissen noch hinzu, packte es in meinen Rücken. In der Folge lag es fast immer an meinem Platz, wenn ich kam, und ich gewann es richtig lieb. Wenn es nicht an meinem Platz lag, empfand ich das ein paarmal als Ausdruck dafür, dass sie, die Therapeutin, sich nicht richtig um mich kümmert. Auch das wurde von ihr thematisiert. Aber hallo!

Und dieses kleine rote Kissen schmiegte ich ganz, ganz oft an mich. Oder ich hielt es nur in meinen Händen oder legte es neben mich. Manchmal legte ich meinen Kopf darauf, besonders ab dem Zeitpunkt, als ich auf ihrer Couch lag. Nein, ich nahm es nicht mit nach Hause. Es erfüllte seinen Sinn gerade dadurch, dass es dort für mich da war. 

Eine weitere Bedeutung dieses, wie ich es irgendwann einmal nannte ‚Mamakissens‘ tat sich mir allerdings erst einige Jahre später auf. Und das kam so: Ich hatte in der entsprechenden Therapiestunde, im 9. Jahr meiner Therapie, begeistert von meinem glücklichen Gefühl der letzten Tage und Wochen gesprochen. Ich würde die Therapie jetzt richtig genießen, weil nicht mehr so Schweres und Hartes zu bearbeiten wäre. Eine Freundin habe am Tag zuvor viel Positives über meine Veränderungen ausgesagt. Auch das zu meiner Freude. Und gestern auf der Rückfahrt von einem Kletterausflug hätte ich tatsächlich gedacht: Ich bin ein Glückspilz! – Ich strahlte die Lady an und sie mich. – Das hab’ ich bestimmt noch nie von mir gedacht. Aber so fühlte ich es. – Während ich darüber redete, spürte ich plötzlich Angst. Die Lady nannte es Glücksangst. Aus einem Impuls heraus nahm ich das kleine rote Kissen, schmiegte es an meinen Oberkörper. Ich wolle gerne noch etwas sagen, aber wieder hätte ich Angst und das Gefühl, wenn ich das auch noch sage, bricht alles auseinander. Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen von dieser Stunde:

– Ich will es dennoch sagen. – Ja! – Ich finde es doch so toll, dass es mir so gut geht! Dass ich so viel für mich geschafft habe! Und ich weiß, dass das sehr viel mit mir selbst zu tun hat. Hab’ dafür ja ganz viel gearbeitet. Aber ich weiß, es hat auch mit ihnen zu tun! Ich finde…, und ich sage jetzt ‚wir‘,… ich finde, WIR haben das geschafft! Das wollte ich ihnen eigentlich schreiben… Ich bin Ihnen so dankbar dafür! – Wie liebevoll sie mich anlächelte! Ich schloss meine augen, wieder ganz bei mir.

Von wegen schwer, ihr das zu sagen, dazu meinte sie bald darauf lächelnd, fröhlich: Das haben sie mir doch eigentlich schon vor einer halben stunde gesagt… – Ich stutzte; sie fuhr fort: …als sie sagten, ich bin ein glückspilz! Das hieß doch, was bin ich für ein glückspilz, dass ich bei dir therapie mache! – Ich lächelte. Das stimme; gestern hätte ich genau das dazu gedacht.

Wir sprachen über meine angst, wenn ich das ausspreche, dass dann alles zusammenbricht. Ob es mir mit dem aussprechen zu nahe geworden wäre?, fragte sie. Nein, ich hätte uns eher getrennt erlebt, sie sitzt dort, ich hier, das aber als angenehm empfunden. (…) – Also ich vermute, dass sie diese ängste vorschieben, weil es ihnen doch zu nahe wird! Ihre ängste schaffen dann was trennendes, wirken trennend. – Das auszusprechen bedeute doch viel nähe! (…)

Die lady, ganz weich und liebevoll: Da haben wir ja wohl etwas gemeinsam! Also ich dachte gerade, wenn sie mal ein buch schreiben über ihre therapie, sollten sie ihm den titel geben: DAS ROTE KISSEN! – Sie lächelte. Ich staunte! – Ich fragte mich, wie ich gerade jetzt darauf komme… auf ihr rotes kissen… Jetzt sage ich schon IHR kissen!, sie lachte und fuhr fort: Das kissen hat doch für sie was symbolisches (o. ä.), da projizieren sie ja etwas drauf. Und mir fiel es ein als titel zu ihrem buch. Da kommt doch quasi was drittes für uns beide hinzu, worauf wir unsere ängste vor verschmelzung projizieren. Was drittes, außerhalb von uns beiden! – Ich dachte später, das kissen war dann symbolisch sie? Habe sie an mich gedrückt, aber doch nicht sie, habe das auf was drittes, das kissen, verlagert, damit es mir nicht zu nahe wird. Weiter die lady: Ist doch klar, dass das viel nähe schafft. Wir haben das zusammen erreicht! Es ist etwas gemeinsames, dadurch entsteht sehr das gefühl von nähe… Und das rote kissen als etwas davon entlastendes! Als schutz vor verschmelzung! – (…) Die distanz wäre dann auch wieder notwendig! (Alles so ungefähr!)

(…) Ich ging so glücklich nach hause, fühlte mich sehr mit ihr verbunden. Ein tolles und freies gefühl dabei! Sie wird sicher das schöne auch noch in sich haben….

 

Meine Wünsche an sie, wie sie damit umging und wie das für mich war

Im zweiten Jahr meiner Therapie listete ich einmal auf, was ich mir alles von der Therapeutin wünschte. (An dieser Stelle stehen die Wünsche im Fokus, die in Bezug auf das Bearbeiten der sexuellen Gewalt von besonderer Bedeutung waren.) Es fiel mir damals sehr schwer, meine Wünsche auszusprechen. Ich fragte mich während der Stunde, wohin das führen mag, wenn ich die ausspreche. Will ich ihr das wirklich sagen? Ich sprach dann meine Gedanken aus: Was ändert sich eigentlich, wenn ich ihnen sage, was ich gerne von ihnen hätte? Ausgeliefert fühle ich mich ja jetzt schon! Dass ich sagte, ich brauche sie, das ist doch schon gefährlich. … Deshalb hatte ich zuerst die Form gewählt, ich brauche DAS doch so, das Hiersein, die Therapie! – 

Daraufhin sprach ich die Therapeutin direkt an, sagte, was ich mir von ihr wünschen würde. Ich würde Ermutigung brauchen, das Thema anzugehen; dass sie mal sagt, toll, dass du das machst! Brauchte ganz viel Verständnis und ganz viel Vertrauen. Und Trost und Unterstützung, wenn es ganz schlimm und arg zugeht. Auch Unterstützung dabei, dass ich nicht mehr denke, ich sei schuld! 

Nachdem ich dies ausgesprochen hatte, war ich froh; setzte mich aufrechter hin. Ihre lächelnde und für mich überraschende Reaktion: Ich finde es sehr gut, dass sie es gesagt haben! – Sie freue sich schon auf die nächste Stunde, weil diese nun beendet sei. Zu meinem Erstaunen fügte sie hinzu: Ich finde, sie haben auf manches sogar ein Recht! – Ein Recht?, fragte ich erstaunt, können sie mir ein Beispiel dazu geben? – Sie haben  beispielsweise ein Recht darauf, dass ich sie verstehe! Mir fällt noch sehr viel mehr dazu ein, aber wir sind schon über die Zeit. Aber dennoch, um es festzuhalten, dies noch: Ich denke, dass sie manches von dem von ihnen Angesprochenen nicht bemerken, dass ich ihnen das gebe. Außerdem haben sie bestimmte Vorstellungen, wie das aussehen soll, was sie wollen. Darüber sollten wir noch reden. Auch darüber, dass sie mich mit meinen anderen KlientInnen teilen müssen. Dabei denke ich daran, dass sie bei so vielen Geschwistern auch immer teilen mussten… – Ich freute mich und war richtig erleichtert darüber, wie sie meine Wünsche aufgenommen hatte. 

Grundsätzlich nahm die Therapeutin meine an sie gerichteten Wünsche an, ohne sie groß zu kommentieren. Was mich besonders berührte war diese Aussage von ihr: Sie sind mit allen ihren Wünschen und Gefühlen willkommen! – Das klang richtig in mir nach… Ganz oft wiederholte ich danach diese lieben Worte, indem ich sie vor mich hinsagte. Und wie stärkend und tief gehend war es, die Therapeutin genau so zu erleben.

Sie verstehe Therapie so, sagte sie an anderer Stelle, dass hier alle Gefühle einen Platz haben, also auch kindliche Wünsche. Diese gehörten erst recht in die Therapie! Wenn ich nur daran denke, spüre ich ein ganz warmes, glückliches Gefühl. Unbeschreiblich, wie auf- und angenommen ich mich gerade mit meinen kindlichen Gefühlen und Wünschen an sie fühlte, mit meiner Bedürftigkeit. Das zu erleben war so heilsam. 

Ich habe mir bei ihr Vieles von dem holen und erfüllen können, was ich ersehnt hatte. Im Kapitel zu meiner Mutter schrieb ich es bereits: Ich bekam das alles von der K., ohne verraten zu werden! Gerade weil ich dies mit meiner Mutter nicht erlebt hatte, registrierte ich genau und genoss es ausgiebig, wie sorgsam und liebevoll die K. besonders mit meiner Bedürftigkeit umging. Auch wenn sie mir nicht alle meine Wünsche erfüllte, erfüllen konnte, erlebte ich es so: Ich habe so viel von ihr bekommen! 

Ich hatte während der Zeit der Therapie zahlreiche Male betont, mir bei und mit ihr so viel Schönes nachgeholt zu haben. Ich sprach sogar davon, es fühle sich wie Wiedergutmachung an. Bei einem vor kurzem geführten Gespräch mit der Therapeutin meinte sie, ich könne nichts nachholen und das Fehlende, die Schäden und das Schlimme könnten auch nicht wieder gut gemacht werden. Das sei einfach nicht möglich! Es sei aber sehr wichtig gewesen, dass ich mit all meinen Wünschen und Gefühlen da sein konnte und bei ihr gut damit aufgehoben war. Ich stimme ihr in gewissem Maße zu und dennoch ist weiter das Gefühl vorhanden, etwas nachgeholt und auch ein bisschen was für mich wieder gut gemacht zu haben…

Zum Schluss dieses Abschnitts möchte ich noch etwas zu meinen an die Therapeutin gerichteten Symbiosewünsche schreiben. Diese Wünsche stehen vielleicht weniger im Zusammenhang mit dem Thema meines Buches, ganz subjektiv betrachtet passen diese Wünsche für mich jedoch absolut hier her. 

Und damit komme ich auf das weiter oben erwähnte Sonnenblumenbild zurück, dass sie mir geschenkt hatte. Dieses Bild versinnbildlicht meine zeitweiligen Symbiosewünsche mit ihr. Das will ich gerne erläutern.

Ich habe bereits davon berichtet, als es um die Therapieferien ging und darum, wie sehr ich sie vermisste, dass es mir nach ihrer Rückkehr so erging: Jetzt, wo sie wieder da sei, würde ich Energie spüren…, so wie wenn die Sonne auf eine Blume scheint. Ähnlich äußerte ich mich einige Monate später: Wenn ich ihnen in die Augen schaue, das ist für mich wie Energie! Wie ich schon einmal sagte: Wie wenn die Sonne auf eine Blume scheint! … Wie Leben! – Noch heute fühle ich, wie begeistert ich damals von meinem Vergleich war. Irgendwann danach, von einer Frankreichreise zurückgekehrt, hatte ich erwähnt, ich würde doch Sonnenblumen so sehr lieben; hätte dort einige wunderschöne Felder gesehen… Ich fügte hinzu, wiederum mit weicher Stimme: Sonne… Blume… Sie verstehen? – Sie zeigte mir mit liebem Blick, dass sie verstand. 

Darauf kam sie eines Tages indirekt zurück. Wir befanden uns in der letzten Stunde vor einer ihrer von mir gefürchteten Therapieferien. In meinem Kummer hatte ich gesagt, ich wolle jeden Tag eine Kerbe in die Tür machen, bis sie wiederkomme, weil ich sie doch so sehr vermissen werde. Daraufhin sagte sie: Sie können doch auch jeden Tag eine Sonnenblume malen… – In mein Tagebuch schrieb ich damals: Nach ihren Worten fühlte ich mich wie verzaubert… – Und auch diesen Satz sagte ich ganz oft vor mich hin… und malte, mit Wasserfarben, während dieser Ferien jeden Abend eine wunderschöne Sonnenblume. Zum Schluss ergab es ein Feld von Sonnenblumen; dabei auch größere mit einigen ganz kleinen Blüten. Dieses Bild habe ich noch heute.

Vor diesem Hintergrund schenkte sie mir das Sonnenblumenfoto, das sie, nach ihrer Auskunft, während eines Urlaubes an der Ostsee aufgenommen hatte. Auch dieses Geschenk nahm ich jahrelang auf alle meine Reisen mit. Es lag immer in der Nähe meines Bettes, weil doch das Übernachten so schwierig für mich war…

 

Meine lieben Gefühle für sie, wie sie damit umging und wie das für mich war

Ich erlebte mich auch mit meinen lieben Gefühlen, mit meiner Liebe für sie bei ihr willkommen, aufgehoben und geborgen. Ich staunte ganz oft, wie behutsam, liebevoll und selbstverständlich sie die annahm! 

Aber steht meine Liebe zur Therapeutin tatsächlich im Zusammenhang mit dem Thema dieses Buches, der sexuellen Gewalt?, fragte ich mich zu Beginn dieses Abschnitts. Scheinbar nicht. Aber nur scheinbar! Diese Liebe war für das Bearbeiten der furchtbaren Erlebnisse und ganz besonders für mein Überleben extrem wichtig. Überlebenswichtig! Die lieben Gefühle gaben mir inneren Halt. 

Doch sie bedeuteten für mich noch viel mehr: Ein Zurückkommen zu meinen Gefühlen, das Wiederentdecken all meiner Gefühle! (mehr dazu  in Buch 2) 

Ohne diese lieben Gefühle hätte ich das alles nicht durchgestanden! Da bin ich mir absolut sicher!

Im Kapitel ‚Was mir gut tat während der Zeit der Therapie‘ schrieb ich bereits davon, auch von dem wunderschönen Satz, den ich damals in einem Buch entdeckte und den ich ganz oft vor mich hin sagte: Dass sie sich von ihr lieben ließ! 

Und ihre Reaktion auf meine Gefühle? Ich sei (auch) mit meinen lieben Gefühlen willkommen! Es sei doch sogar gut, diese Gefühle zu haben! Dies betonte sie mehrmals: Die lieben Gefühle hätten doch nichts mit ihr zu tun, sondern nur mit mir! Natürlich habe es auch damit zu tun, wie sie mit mir umgeht, für mich da ist und ähnliches, und dennoch sei es ganz alleine mein Vermögen, diese Liebe zu spüren. Und das sei doch gut! Wenn ich dies einmal so sehen könne, könne ich auch meine Liebe für sie annehmen. Sie konnte eigentlich gar nicht oft genug sagen, es sei doch in Ordnung, diese Gefühle zu haben, sei doch gerade gut! Das beruhigte mich für eine Weile… und dennoch fiel es mir so schwer, meine Liebe für sie anzunehmen. 

Hilfreich war, dass sie in diesem Kontext auch auf meine Kindheit verwies. Meine Schwierigkeiten mit diesen Gefühlen hätten mit meinen Eltern zu tun. Meine kindlichen Gefühle wären damals abrupt beendet worden, wodurch ich keinen Übergang von den kindlichen Gefühlen, der kindlichen Beziehung zu den Eltern hin zu erwachsenen Gefühlen für sie erlebt hätte. Sie denke, meine Schwierigkeiten in der Beziehung zu ihr rührten daher, dass ich beide Gefühle, die kindlichen und erwachsenen, für sie spüren würde.

Sie stellte meine Liebe auch in Zusammenhang mit der für meinen Vater. Ich hätte das mit ihr in der Therapie re-inszeniert, um das wieder gut zu machen, was ich mit meinem Vater erlebte. (An dieser Stelle sprach sie tatsächlich von Wiedergutmachung! So steht es zumindest in meinen Aufzeichnungen.) Aber nicht nur deshalb, sondern auch, um die Verletzungen durch den Vater zu bearbeiten. Nun hätte ich Wut und Angst, weil ich mir nicht vorstellen könne, dass und wie ich diese Gefühle integrieren könne. 

Ich jedenfalls staunte immer wieder aufs Neue, dass sie meine Liebe ‚aushielt‘, wie ich es früher nannte, und es ihr nicht zu viel wurde. Dass sie nie sagte, jetzt ist es doch mal genug! Dass sie sogar noch so liebevoll damit umging. Unbeschreiblich, was mir das bedeutete! Natürlich hatte ich Angst, weil ich sie liebte, auch sie ‚macht was‘, dass sie meine Liebe ausnutzt… Wie wichtig und wertvoll zu erleben, dass sie mich und meine Liebe nie ausnutzte!

Es gelang mir dann doch immer wieder, mich einfach diesen lieben Gefühlen hinzugeben, aber wie! Mit viel Liebe an sie zu denken. Meine Liebe gegen das Schlimme setzen!, das war eine meiner Überlebensstrategien.

Inzwischen weiß ich noch besser, was sie damals meinte mit ‚es sei doch mein Vermögen, diese Gefühle zu spüren‘. Ich konnte mir damit selbst etwas geben, ganz unabhängig von ihr, indem ich diese Gefühle zuließ! 

 

Zum Schluss….

dieses Kapitels zitiere ich eine Sequenz mit der Therapeutin, die auch sehr viel über sie aussagt und darüber, wie ich sie erlebte: 

Ich sprach davon, dass sie doch sehr viel Müll von mir und sicher auch von ihren übrigen KlientInnen abbekäme. Sie erklärte ganz fröhlich, daraus hätten wir aber doch immer etwas gemacht, das sei doch gerade das Tolle daran! Sie würde es auch gar nicht als Müll bezeichnen. – Das ist doch unser Material, aus dem wir dann etwas machen! Das bleibt ja kein, wie sie es nannten ‚Müll‘! – Und gerade dies sei es, was sie an ihrer Arbeit so begeistere. Meine Frage, wenn sie aus der Stunde wegginge, ob es nicht mal vorkäme, dass sie denke, heute habe ich genug von eurem Müll, beantwortete sie sehr ausführlich im Sinne von, wäre das so, dann habe sie ihre Grenzen nicht bemerkt, nicht beachtet. Das bedeute, sie könne aus dem ‚Müll‘ nichts mehr gestalten. Also das sei dann ihr Fehler. Aber das kenne sie so nicht.