Ich stelle im Folgenden meine Ursprungsfamilie vor, auch um das Lesen und Verstehen meiner Ausführungen zu erleichtern. Meine Eltern kamen in 1912 bzw. 1917 auf die Welt. Meine Geschwister und ich wurden zwischen 1933 und Anfang der 50er Jahre geboren. Ich werde sie nach der Reihenfolge ihrer Geburt aufführen, kurz charakterisieren und beschreiben, wie ich zu ihnen stand und was sie mir bedeuteten. Auf meine Eltern gehe ich etwas ausführlicher ein.

MUTTER

Sie verfügte über keine Berufsausbildung, konnte weder Fahrradfahren noch Schwimmen. Ich könnte jetzt böse hinzufügen, dafür aber putzen und herumkommandieren. Aber das war zum Glück nicht alles. Sie hat viel gelesen und mich, zu meiner Freude, in das Lesen von Literatur eingeführt. Besonders gerne erinnere ich mich daran, wie wir zusammen klassische Musik anhörten. Natürlich mussten jeweils zuvor alle Hausarbeiten ordentlich erledigt sein! Meine Mutter war überhaupt an kulturellen und geschichtlichen Dingen sehr interessiert. 

In der Erziehung hatte sie sich an meinem Vater und mit ihm teilweise noch an der Naziideologie orientiert. Sie war sehr kommunikativ, eher freundlicher Natur, konnte aber auch sehr kalt und eklig sein.

Grundsätzlich liebte ich meine Mutter, hatte vor ihr keine Angst. War sie mal verärgert, blieb das nicht lange so. Sie konnte bald sagen, komm’, nun ist es wieder gut. Das schätzte ich sehr an ihr. Andererseits war sie unerbittlich was den geforderten Einsatz für den Haushalt, in erster Linie fürs Putzen, betraf. Manchmal war sie einfach nur kalt und distanziert. Ich weiß nicht, was dieses Verhalten verursachte.

VATER

Er hatte eine handwerkliche Ausbildung, wurde später aber verbeamtet. Mit autoritärem Charakter ausgestattet verhielt er sich wie ein Patriarch. Sein Frauenbild war entsprechend – dazu schreibe ich im Abschnitt zu ihm ausführlicher. Seine Eltern waren Italiener, sozusagen Gastarbeiter, noch bevor es diese Bezeichnung gab, da sie bereits um 1910 nach Deutschland kamen. Mein Vater wurde durch absolute Assimilierung im wahrsten Sinne des Wortes zu einem richtigen Deutschen; Gehorsam, Ordnung, Sauberkeit und Fleiß waren die Maxime – zumindest nach außen hin. 

Ich liebte meinen Vater sehr, besonders als ich noch ein kleines Mädchen war. Andererseits hatte ich vor ihm sehr viel Angst. Wenn er mich, eine Schwester oder einen Bruder bestrafte, weil er sich über uns geärgert hatte oder wir nicht brav genug waren, dann strafte er uns mit absoluter Nichtbeachtung. Die konnte sehr lange andauern. Für Kinder ist das kaum auszuhalten, so dass ich und sicher die Anderen auch, alles gemacht haben oder hätten, um wieder in seiner Gunst zu stehen. Einfach damit die Kälte des Schweigens, des Ausgeschlossenseins aufhört!

Unsere Erziehung und das Familienleben an sich sind auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass beide Elternteile katholisch waren, wir somit katholisch erzogen wurden. Dazu kamen noch zwei Faktoren erschwerend hinzu, so will ich das ganz bewusst ausdrücken; zum einen die italienische Herkunft meines Vaters und zum anderen die Zeit an sich, also 1930 bis in die 60er Jahre. Wenn ich heute von meinen Kinder- und Jugendjahren erzähle, kommt mir das selbst manchmal vor, als wäre ich im Mittelalter aufgewachsen!

MARIA 

Sie kam auf die Welt, als meine Mutter gerade mal 16 Jahre jung war! Maria war für mich und meine jüngeren Geschwister wie eine zweite Mama. Da wir so viele waren, musste sie als Älteste, wie das damals recht häufig der Fall war, nach dem Schulabschluss ohne jede Ausbildung zuhause bleiben. Sie war sehr engagiert und liebevoll für uns ‚Kleinen‘ da. Ebenso für die anstehenden Haushaltsarbeiten. Durch diese Rolle erlebte nicht nur ich sie mehr zu den Eltern gehörend als zu uns Geschwistern. Sie setzte sich auch öfter bei den Eltern für uns ein. Ich liebte sie sehr! 

Als sie heiratete und von zuhause wegzog war ich noch keine zehn Jahre alt. Wir Jüngeren vermissten sie schmerzhaft.

Als meine anderen Geschwister heirateten oder aus anderen Gründen die Familie verließen war ich zwischen 15 und 20 Jahren alt – das sei hier schon mal erwähnt. 

ADOLF 

Er, der erste Sohn, war ein eher schwieriger Typ, nicht so beliebt, auch weil er sich oft großmäulig, irgendwie schmierig, jedenfalls unangenehm verhielt. Er war nicht so brav und angepasst wie der größere Teil von uns Geschwistern, besonders nicht gegenüber meinem Vater. Das fand ich manchmal gut. Ich mochte ihn nicht so sehr, auch weil er nicht nur auf sexuellem Gebiet übergriffig war. 

Adolf wohnte lange bei den Eltern; ich meine, er zog sogar erst nach mir aus.

BIRGIT 

Auch sie verhielt sich eher unangepasst, was natürlich keine Freude bei den Eltern auslöste. Gegenüber der sehr anerkannten und geliebten Maria hatte sie bei den Eltern einen schwereren Stand. Maria wurde mir und meiner anderen Schwester seitens meiner Eltern als gutes bis leuchtendes Beispiel vorgehalten, Birgit eher als das Gegenteil. Das wirkte sich negativ auf meine Haltung ihr gegenüber aus, was ich damals noch nicht recht durchschaute. Ich hatte sie lieb wie ein Kind nunmal die Schwester liebt, aber sie war mir nicht so nahe, was sicher auch mit dem Altersabstand von rund 8 Jahren zu tun hatte. 

BERND 

Vielleicht ist er so gut zu beschreiben: Den Eltern und wohl auch den meisten Geschwistern, wie auch mir, sehr sympathisch; ein eher ruhiger und angenehmer Typ, nicht auffällig, sondern angepasst wie wir anderen. Obwohl bei den Eltern sehr beliebt, konnte leider auch er, wie Maria, nichts gegen das System der Eltern, gegen ihre Ausbeutung und Unterdrückung ausrichten. 

LISA

Mir war Lisa eine sehr wichtige und geliebte Schwester; wir waren uns  sehr nahe. Auch weil sie nur ein paar Jahre vor mir geboren wurde, aber nicht nur deswegen. Doch konnte sie auch unangenehm auf Abstand gehen, sich distanziert und verschlossen verhalten, was mit den Verhältnissen an sich zu tun hatte, weniger mit mir. Wir hielten auch mal zusammen, wenn uns unsere Mutter zu sehr mit Hausarbeiten traktierte oder uns mit Strenge oder ungerechtem Verhalten zusetzte. Lisa erscheint mir von heute aus betrachtet den Eltern gegenüber besonders ohnmächtig und ausgeliefert gewesen zu sein, hierbei ist an erster Stelle mein Vater zu nennen.

Ich vermisste Lisa nach ihrem Auszug von zuhause sehr; ich war 16 Jahre alt. Doch wir blieben bis vor ein paar Jahren in gutem Kontakt.

HEINER 

Er war mir ebenfalls sehr nahe, aufgrund der altersmäßigen Nähe, aber auch weil er so ein lieber und solidarischer Bruder war. Ihn erinnere ich als einen hilfs- und schutzbedürftigen Jungen, der gegenüber meinem Vater einen sehr schweren Stand hatte. Vielleicht weil er sich weicher und nicht so jungen- oder mannhaft zeigte wie die anderen Brüder. Heiner nahm mich auch mal gegenüber meiner Mutter in Schutz, z. B. wenn sie meinte, ich würde nicht schnell genug putzen. Natürlich bestand zu ihm eine andere Nähe als zu Lisa, weil er ein Bruder war, dennoch waren wir uns sehr nahe. Auch ihn vermisste ich nach seinem Auszug.

ANN

Zu mir schreibe ich auch ein paar Zeilen. Ich war, im Gegensatz zu Lisa, offener, kommunikativer, fröhlicher – warum auch immer. Gut, dass es so war. Auf Fotos von mir als kleinem Mädchen ist das gut zu erkennen. Aber das blieb leider nicht so. Auf späteren Fotos ist das fröhliche Lächeln verschwunden. Schon relativ früh blickte ich mit kritischen Augen auf unsere Familie, besonders auch auf die Rolle, die wir als Mädchen und Frauen ausfüllen mussten, traute mich das und Anderes aber nur in beschränktem Maße und hinter eher witzigen Bemerkungen versteckt zu äußern – zu meinem Schutz, um böse oder sanktionierende Reaktionen oder gar völligen Liebesentzug zu vermeiden. 

Mit 22 Jahren heiratete ich und zog in eine andere Stadt und das war super gut!

LEO 

Der Jüngste von uns und als solcher entsprechend verwöhnt. Besonders meine Mutter nahm ihn oft in Schutz. Er durfte quasi alles, erlebte aber nie oder kaum Sanktionen, egal was er sich leistete. Dies und dass er schon früher als ich abends weggehen durfte, obwohl einige Jahre jünger, ärgerte mich über die Maßen. Aber er war ja ein junger Mann, keine junge Frau! Als kleiner Junge erlebte ich ihn als ganz süßen Burschen. Später änderte sich das leider, denn dann war er verlogen, oberflächlich und bedrohlich. 

AUCH SIE GEHÖR(T)EN ZU MEINER FAMILIE

…und deshalb muss ich sie hier unbedingt erwähnen.

PHILIPP 

Er war mein Ehemann bis zu den ersten Jahren der Therapie. Mehr möchte ich hier nicht von ihm oder uns berichten, das ist ein anderes Thema. Jedenfalls war er mir lange ein ganz besonders lieber und zuverlässiger Mensch, der mich in den schweren Jahren liebevoll und solidarisch unterstützte. 

ISABELLE  und IRA 

Zwei Töchter meiner ältesten Schwester, mit denen mich ein sehr nahes und liebes Verhältnis verbindet.