Ich will und muss zu diesem Thema auch über meinen Vater schreiben. Um der Frage nachzugehen, welches ‚familiäre Klima‘ die Taten meiner Brüder begünstigten, komme ich unweigerlich auf meine Eltern zu sprechen. An dieser Stelle möchte ich darauf verweisen, dass die Aufarbeitung erschwert wird durch gesellschaftliche Strukturen, welche sexuelle Gewalt gegen Frauen tabuisieren und begünstigen.

Die familiären Verhältnisse sind jedoch nicht der hauptsächliche Grund, warum explizit auch mein Vater hier von mir angeführt wird. 

Wieder fällt es mir schwer, noch schwerer als bei Adolf, mit dem Schreiben zu beginnen. Ich schiebe es hinaus, ziehe andere Dinge vor, nehme Ablenkungen und Termine wahr, die mir eigentlich nicht so wichtig sind – was mich bei diesem harten und schweren Thema nicht erstaunt! Dennoch will ich über meinen Vater und mich schreiben! Doch das ist so komplex, da gibt es so viel ‚Material‘. Und es ist nicht so wie bei Adolf und Bernd, da erinnerte ich noch fast alles und sofort. Bei meinem Vater ist es wie nicht zu fassen. Nicht zu fassen…, das passt in jeder Hinsicht.  

Zu den ersten Hinweise darauf, dass vielleicht auch mein Vater zu den Tätern gehörte, sind zwei Erinnerungen sofort da: Ich ging in die Therapie mit dem Wissen um die Taten meiner zwei ältesten Brüder. Schon in der ersten Stunde hätte ich gesagt, so später der Hinweis meiner Therapeutin, dass ich Angst hätte, dass noch mehr gewesen wäre als das, an was ich mich erinnern könne. Als sie mich nach Monaten an diese Aussage erinnerte, war ich ganz verblüfft. Erst nach dieser Stunde fiel mir ein, ja, sowas habe ich gesagt (‚Vielleicht ist da auch noch was…‘). Damals hatte ich, nachdem das Erstgespräch mit ihr beendet war, gedacht: Was sag ich denn da? Ich weiß doch von nichts! Ist doch gar nichts da! –

Der Hinweis der Therapeutin auf meine Aussage kam im Zusammenhang mit einem Traum, der die zweite Erinnerung betrifft und den ich unter dem Stichwort ‚Blutschande‘ noch sehr gut erinnere, auch meine heftigen Reaktionen darauf.  

Doch bevor ich diesen schildere, möchte ich kurz stichwortartig Weiteres erwähnen, was sofort dazu auftaucht: Viele Träume, die mir, wie im Zusammenhang mit Adolf, weiterhalfen. Harte Träume. Und Misstrauen der Therapeutin gegenüber; starkes und lang anhaltendes Misstrauen: Glaubt sie mir? Will sie das überhaupt hören, will sie das wissen?, und ähnliche Gedanken. Zweifel. Zweifel an mir und meinen Gefühlen und gefühlten Erinnerungen: Das kann doch nicht sein! Und: Angst, panische Angst. Und ein Urlaub in Italien mit einer ganz furchtbaren Nacht…

Ich beginne mit dem erwähnten Traum, den ich in der Therapie vom 5.3.1992 erzählte:

Eulen und hähne fliegen in der luft. Vielleicht waren es auch tiere, die beide anteile hatten. Zwei fliegen dicht übereinander, bei dem unteren tier fließt in großen strömen blut heraus. Sie kommen immer näher. Es fließt dick blut, platscht richtig zur erde. Ich liege, glaube ich, neben philipp im bett, konnte nicht aufstehen, nichts machen, wie gelähmt. Sie fliegen immer hin und wieder zurück und nähern sich unseren betten. Wir bekommen etwas blut ab, aber nicht viel.

Die Therapeutin und ich hatten in dieser Stunde über weitere von mir geschilderte Träume geredet, die mir klarer erschienen. Mit den Eulen und dem Blut konnte ich jedoch nichts anfangen. Sie hingegen meinte, …

…sie müsse bei diesem traum an BLUTSCHANDE denken! Das traf mich wie ein schlag! … Ich käme mir vor, als habe mir jemand in den magen geschlagen, sagte ich und dachte an die sexuelle gewalt durch die brüder. Ihre aussage von wegen blutschande schockiere mich, obwohl der missbrauch doch nicht neu für mich sei. Sie fragte, was ich unter ‚blutschande‘ verstehen würde. Wieder reagierte ich geschockt, wurde ganz unruhig, bewegte mich auf meinem stuhl hin und her. Ich konnte die K. nicht anschauen. Mir ging durch den kopf: Vergewaltigung durch meinen Vater oder einen der brüder! Das fiel mir bei diesem wort ein! Ich konnte das aber nicht aussprechen, ich konnte nichts sagen! Sagte nur: Das ist ja furchtbar!, oder ähnlich. Und: Ich kann nichts sagen! Ich kann’s nicht aussprechen!, und dass mir kotzübel sei. Nach einer kleinen Weile: Aber ich kann mich doch an nichts, an gar nichts in dieser art erinnern! – Mir war weiter übel, und ich spürte auf einmal angst, panik stieg in mir hoch! Ich sagte es. Und wieder: Aber ich kann mich doch an nichts erinnern! – Musste zwischendurch weinen. 

Sie sagte die ganze zeit gar nichts. Ich dachte auch mal daran, dass unsere zeit doch längst rum ist und dachte, dass ich nichts mehr dazu sagen will, das abbrechen will. In diesem moment sagte sie, sie sei in der blöden lage, sie müsse dringend pünktlich weg, und sie wisse nicht, was sie jetzt machen solle. Ich fand’s einerseits zum kotzen, dass sie keine zeit mehr hatte, andererseits wollte ich auch nichts mehr sagen. Ich war froh, dass es für den moment zu ende war, dass sie mich damit aber allein lassen würde, fand ich scheiße hoch drei! Ich sagte, ich wolle noch in unserem raum bleiben. Sie verabschiedete sich und meinte, ich solle ruhig erstmal sitzen bleiben. Als sie draußen war, musste ich bitterlich weinen. Ich stand wie unter schock. Was bedeutet meine reaktion? Ist da noch was, an das ich mich überhaupt nicht erinnern kann? Anders kann ich diese reaktion nicht verstehen.

In der nächsten Stunde kam ich darauf zurück. Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen von dieser Stunde:

10.3. (…) Es fiel mir sehr schwer, auf den traum und das wort ‚blutschande‘ zurückzukommen. Erzählte erst einmal, dass ich in der letzten nacht wahnsinnige rückenschmerzen und angst vor der heutigen stunde hatte. Jetzt sei ich aber weniger aufgeregt und hätte keine rückenschmerzen mehr. (Ich hatte versucht, mir zu sagen, Ann, nur das, was du verkraften kannst, kommt raus!) Ich berichtete von dem schock, den ihr wort ‚blutschande‘ bei mir auslöste. Und von dem schock über meine reaktion auf dieses wort. Erzählte noch mal, wie und was in mir vorgegangen war, nachdem sie fragte, was ich unter dem wort ‚blutschande‘ verstünde. Ich wüsste auch jetzt noch nicht, was ich von meiner reaktion halten solle, hätte angst, es bedeute, es gab tatsächlich noch mehr in der vergangenheit, mehr als das, an was ich mich erinnere. Das würde mir wahnsinnig angst machen. Nach der letzten stunde hätte ich nicht alleine bleiben können, immer wieder panikattacken. Viel mit Lisa, P. und Philipp geredet. Hätte versucht, sie, die K., anzurufen, sie aber nicht erreicht. Beschrieb ihr, wie es mir in den letzten tagen erging. 

(…) Ich sagte ihr auch, dass ich wütend auf sie war. So ein wort kurz vor ende der stunde zu sagen und mich damit ‚unverdaut‘ von dannen zu schicken. Sie habe bei dem wort an etwas ganz anderes gedacht, entgegnete sie, nämlich daran, dass nicht nur die brüder schuld hätten, sondern dass das die ganze familie beträfe, hauptsächlich die eltern. Von denen sei ich nicht geschützt worden; darüber hätten wir bereits in der therapie geredet. Sie hätten durch die erziehung ihren beitrag zu den taten der brüder geleistet. Auf sie, die eltern, müsse ich doch wut haben. (Hab ich doch auch und nicht zu knapp! Ich dachte, ich hätte das in der stunde schon ausgesprochen; anscheinend nicht!) 

Das waren also ihre hintergedanken als sie sagte, sie müsse bei dem traum an blutschande denken. Sie könne meine wut auf sie verstehen, aber sie habe ja nicht ahnen können, welche reaktion das bei mit auslöst, über die sie dann ebenso überrascht gewesen wäre wie ich. Außerdem denke sie, dass ich mir helfen könne. Ich hätte auch bei ihr zuhause hinterlassen können, sie solle mich zurückrufen. Sie hätte keine angst oder bedenken wegen mir. (Habe mir ja auch helfen können!) – Ich hab’ gedacht, sie wollten mich mit dem wort provozieren. – Provozieren? Aber nein, wie kommen sie darauf? Dann gehen sie von der annahme aus, ich habe die hypothese, da war noch mehr? – Ja, anscheinend! Sie haben mich doch schon einmal danach gefragt, ob ich das gefühl hätte, es war noch mehr. – Sie sagte, ich wäre damals in die Therapie gekommen und hätte gesagt, dass ich angst hätte, dass mehr wäre als das, an was ich mich erinnern könne. Sie fügte jetzt noch hinzu: Ich würde sie doch damit nicht provozieren, das wäre doch viel zu hart. Das würde ich doch nicht tun, selbst wenn ich solche gedanken oder vermutungen hätte. Da wäre ich ja noch mal hart zu ihnen! – Ich verstand sie so, dann würde sie mir mit dem provozieren ja wieder leid zufügen. 

(…) Ich sagte ihr, dass ich während der letzten tage häufiger überlegte, sie anzurufen, um sie zu fragen, wie sie meine reaktion interpretiert, gleichzeitig aber auch angst hatte, sie würde meine befürchtungen bestätigen. Ich sprach von meiner überlegung, gar nicht mehr darüber reden zu wollen. – Mir genügt vielleicht zu wissen, dass noch mehr war, aber ich muss (will?) gar nicht genau wissen was. – Sie meinte, das thema auszusparen ginge wohl nicht. Erst einmal zu akzeptieren, wenn dem so wäre, dass etwas war, wir aber nicht wüssten was, das findet sie ok. Aber ähnlich wie P., eine freundin, meinte sie, dass ich sicher nicht mit dieser unklarheit leben könne, keine könne das auf dauer. – Aber was bedeutet das für mich? Ich muss warten, was kommt? Hilflos ausgeliefert meinem unterbewussten, was es wann rauslässt? – Ja, das wäre so; wir müssten warten, ob das unterbewußte noch mehr raus lässt und das könne dauern. – Prima, sagte ich, dann sitze ich vielleicht in 3 oder 5 oder gar 10 jahren noch hier! Das sind ja tolle aussichten. – Sie lachte. Ich protestierte! Ich könne nicht verstehen, warum sie lache, wurde dabei ganz ernst und kämpfte mit den tränen, sagte: Denken sie, dass das so toll ist, in die Therapie zu gehen? Das ist ja wohl kein vergnügen und dann die aussichten, dass ich mich noch jahre mit dieser scheiße beschäftigen muss. Ich will meine ruhe und frei von so was leben, können sie das nicht verstehen? –

Sie vermutete hinter meinem denken die bekannte thematik, ich muss dort sitzen und die pisser brauchen nichts zu tun. Sie sagte, es wäre doch so, dass die Therapie etwas FÜR MICH sei. Sie glaube, dass außerdem schlechtes gewissen dahinter stehe. Während ihres redens war mir schon durch den kopf gegangen, 3 oder 5 jahre?! Wie lange willst du dich (noch) in den mittelpunkt stellen? Das geht doch wirklich nicht! Ich sagte ihr diese gedanken. Sie reagierte betroffen. Sie habe auch daran gedacht, fuhr sie fort, dass ich mich mit der therapie dem thema endlich stelle, mich quasi damit von meiner familie distanziere. Vielleicht stünde am ende auch eine trennung von der familie. Das könne auch angst und schlechtes gewissen auslösen. Dass ich denke würde, ich stelle mich zu lange in den mittelpunkt, das wäre ja allerhand! Jetzt hätte ich rund 30 jahre nur versteckt das thema immer mal wieder hochkommen lassen, und jetzt, wo ich endlich aktiv daran gehe, es aufzuarbeiten, wären 3 jahre schon zu viel!

In einer zusätzlichen Stunde erklärte die Therapeutin nochmals, wir müssten warten, bis sich das Unterbewusste offenbare. Es könne auch sein, dass in unserem prüden Elternhaus, in dem Sexualität, Körper, alles in diese Richtung ausgeschlossen wurde, schon sogenannte ‚Doktorspiele‘ zu wahnsinnig großen Schuldgefühlen geführt haben.

Damals kam es zeitweise zu heftigen Auseinandersetzungen und Missverständnissen mit der Therapeutin, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, als sie von ‚Doktorspielen’ sprach oder das jugendliche Alter meiner Brüder betonte. Sie solle das nicht verharmlosen, hatte ich sie kritisiert. Nein, das wolle sie auf keinen Fall. Ich führte die Missverständnisse auch darauf zurück, dass ich mich zum einen selbst über viele Jahre hinweg schuldig fühlte und zum anderen solange nicht über die Taten meiner Brüder reden konnte. Über meinen Anteil daran und wie ich den beurteilen solle sei ich mir immer noch im Unklaren. Ich fügte hinzu (ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen):

Und außerdem habe ich worte meiner eltern im kopf, wenn ich ihnen heute davon erzählen würde: Stell dich nicht so an! Was willst du jetzt noch damit? Warum bist du nicht früher zu uns gekommen? Das waren noch kinder! Oder das war jugendliche neugier! Wer weiß, wie du wieder rumgelaufen bist! – Für mich sei es sehr schlimm, nicht richtig einschätzen zu können, ob es meine schuld ist, solange nicht darüber geredet zu haben. – Ich fühle mich schuldig. – Sie entgegnete, es gäbe doch gründe, warum ich solange nicht hätte reden können. Ich hätte doch nach und nach alles vorbereitet, um jetzt darüber zu sprechen. Oder ob ich denken würde, ich rede jetzt davon, weil es auch in den medien thema ist? – (Damals wurde Missbrauch bzw. Sexuelle Gewalt wohl zum ersten Mal in den Medien ausführlich thematisiert!) Nein, das glaube ich nicht. Ich wäre dieses Thema jetzt sowieso angegangen. – So ist es IHRE entwicklung, jetzt darangehen zu können!, sagte sie fest. 

In mein Tagebuch schrieb ich in diesem Zusammenhang:

Ich denke, dass meine annäherung an frauenkreise und mein engagement für frauenthemen auch eine vorbereitung für die aufarbeitung war, da bei frauen das größte verständnis zu diesem thema besteht, die größte bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. Also habe ich das schon nach und nach vorbereitet: Die erste therapie diente der stabilisierung, des lernens, mit den herzproblemen umzugehen. Die phase danach: Abschluss des studiums, anfang der kontakte zu frauenbewegten frauen und auseinandersetzung mit frauenthemen.

In einem aufsatz las ich folgendes (beiträge zur feministischen theorie und praxis nr. 20, s. 43): 

Es ist ein bedeutender schritt für jede in ihrer kindheit missbrauchte frau, das, was mit vater, onkel, bruder (oder wem auch immer, A.S.) geschehen ist, nicht mehr als eigene schuld zu begreifen, sondern  i h n  als täter benennen zu können. Das bedeutet zunächst einmal, sich selber wichtig zu werden, kein opfer mehr sein zu wollen. (…) Es ist wichtig, dass frauen sich endlich selbst in den blick nehmen, sich nicht mit den tätern auseinandersetzen, sie nicht erklären (!!!) oder gar entschuldigen. 

Nun ein Zitat aus einer Stunde (26.5.1992), das Vater – so nannte ich ihn schon seit einigen Jahren, weil Vati gar nicht mehr passte – gut beschreibt: 

Er hat gesagt, ein beispiel, worin sich alles widerspiegelt: Wenn frauen abends um 11 auf der straße vergewaltigt werden, sind sie selbst schuld. Um diese zeit hat eine anständige frau nichts mehr alleine auf der straße zu suchen!!! Ich hasse ihn!! – Die K.: Damit ist wirklich alles gesagt! – Oder: Vergewaltigung gibt es nicht für ihn. Die frauen würden zwar nein sagen, wollten das aber! … Oder: Wenn eine ehe kaputt geht, dann sind für ihn zu 90 % die frauen schuld. Wenn eine frau es einem mann schön macht, geht er nicht weg! … Und so haben wir vier töchter unsere ehen geführt. … –

Ich schildere nun weitere Träume mit meinem Vater einschließlich der sich jeweils daran anschließenden Bearbeitung in der Therapie (25.11.1992):

Mein vater hatte seine arme um meinen hals gelegt, wohl um sich von mir zu verabschieden. Im zurückgehen ließ er seine hände von meinen schultern richtung busen gleiten. Ich ahnte das, ging einen schritt zurück. Dadurch fielen seine hände wohl von mir ab, ohne meinen busen zu berühren.

Es fiel mir schwer, den traum zu erzählen, ich musste mehrmals tief durchatmen und die luft richtig auspusten. – Ich verstehe das nicht. Was soll der traum? – An was haben sie gedacht? Was fällt ihnen dazu ein? – Ich habe noch nicht darüber nachdenken können, da mir der traum erst kurz vor der stunde eingefallen ist. Aber an das erinnere ich mich: Dass mich mein vater, noch als ich schon 30 und mehr jahre alt war, beim begrüßen und verabschieden auf den mund küsste; dass mir das irgendwann nicht mehr passte, ich aber erst einmal nicht wusste, wie ich das verhindern sollte. Ich löste das dann, indem ich ihn auf italienische art umarmte, also meinen kopf beim umarmen jeweils links und rechts von seinem kopf platzierte. Lisa hatte noch vor ein paar jahren das problem und wusste nicht, wie sie das verhindern sollte. Ich empfahl ihr, genauso zu verfahren wie ich.

Die K. findet das verhalten von vater übergriffig. Ich meinte noch, mein vater habe sich mit dem kuss auf den mund seine macht oder verfügungsmacht bestätigt. – Ich finde es so furchtbar! Das ist mir alles zu viel!, stöhnte ich. – Aber fühlen sie nicht auch erleichterung, nachdem sie einiges losgeworden sind in letzter zeit? Fühlen sie sich nicht auch freier? – Ich hab’ auch gerade gedacht, dass ich froh bin, das alles mal loszuwerden. Ich will mich davon freimachen, will nicht mehr zu denen gehören! – Schweigen.  Mir fiel ein anderer traum mit meinem vater ein, den ich wohl noch nicht erzählt hatte. Traum vom 2. juli 1991, den ich also lange vor dem ‚blutschande‘-traum geträumt, aber noch gar nicht erwähnt hatte!

Ich habe gerade nachgesehen: Den folgenden Traum träumte ich noch vor Beginn der eigentlichen Therapie bei der K., aber nach dem Erstgespräch! DieTherapie begann Mitte August 1991. 

Nun also der Traum und weiter in meinem Bericht von der Therapiestunde vom 25.11.1992.

Ich liege in einem bett, jemand versucht, an meinem busen rumzufummeln. Ich beiße ihm in den finger, ganz fest. Versuche, um hilfe zu rufen, aber meine stimme ist leise, wie erstickt. Es gelingt mir dann doch, laut hilfe zu rufen. Da erscheint der kopf meines vaters. Ich schlage ihm auf seinen kopf und rufe: Du bist ein schwein! Du schwein! –

Ich schilderte der Therapeutin meine damalige reaktion nachdem ich dies träumte: Ich wurde wach und hätte am liebsten geweint. Es ging nicht, hatte wie einen kloß im hals. War nur geschockt. Dann dachte ich an mein beißen, und ich spürte förmlich, wie ich ganz fest in seinen finger biss! Spürte richtig meine zähne sich in die haut, das fleisch bohren… Das war selbst für mich schmerzlich, das beißen! Und dann konnte ich sehr viel weinen. (…)

Ich verstehe nicht, wie ich so was träumen kann! Ich kann mich nicht erinnern, dass mein vater so etwas getan hat, so oder ähnlich äußerte ich mich, leicht verzweifelt. – Wir wissen ja nicht (oder noch nicht?), was er getan hat, meinte sie. Ich erschrak heftig über diese aussage. – Wie können sie so etwas sagen? Für mich kommt das so an wie ihre aussage mit der ‚blutschande‘. Das ist ja fürchterlich! – Sie meine mit ihrer aussage nichts konkretes, nur, dass wir wissen, mein vater war übergriffig. – Vielleicht haben sie das ja erlebt, dass er sie küssen wollte. Normalerweise ist das auch in ordnung, wenn ein vater seine tochter lieb hat und ihr einen kuss geben will, aber bei ihrer familie muss man das sicher anders sehen. Sie haben diesen biss ja richtig sinnlich erlebt in ihrem traum, vielleicht haben sie ihn damals wirklich in den finger gebissen. – Hätte ich ihn doch abgebissen, dieser sau! – Bei ihr kam das so an, als wäre ich mit meiner gegenwehr wieder nicht zufrieden, wie das in anderen situationen schon der fall war. – Sie haben sich doch gewehrt! Und, ich muss es mal so hart sagen, für jemanden, die gewohnt war, nur zu buckeln, für die stillhalten die erzwungene normalität war, ist ein ausweichen, sich zurückziehen doch schon toll. Das sollten sie mal wahrnehmen! – Sie haben ja recht! Aber ich habe so eine große wut! Das mit dem fingerabbeißen reicht auch nicht. In den reißwolf müsste man ihn packen und dann ganz langsam… – Vielleicht sollten wir uns mal ihren phantasien widmen, was sie gerne mit ihm machen würden. – Leise sagte ich: Nein, im moment nicht. Ich habe ihn als kind doch so lieb gehabt, ihn so toll und schön aussehend gefunden. – Das solle ich mir bewahren, erwähnte sie nicht zum ersten mal. –

Wenn ich mir vorstelle, mein vater hat so etwas oder noch mehr getan, das kann ich nicht aushalten! Dann will ich nicht mehr! – Was das heiße, fragte sie. – Dann will ich nicht mehr leben! Das halte ich nicht auch noch aus. – Das macht mir angst, wenn sie das sagen!, entgegnete sie zu meiner überraschung. Sie meinte noch, auch andere frauen würden jahrelang von ihrem vätern vergewaltigt werden… – Ja, aber von denen bringen sich auch viele um! – Das stimme schon, aber viele würden sich auch aus dem sumpf raus kämpfen, um ein freieres und schöneres leben führen zu können. Für mich sei das zu viel. Ich wolle dann nicht mehr leben. Sie wiederholte, ihr mache das angst. 

Wir kamen auf meine mutter zu sprechen. Die K. vorab, ich würde mich vielleicht darüber ärgern (ich sofort hellhörig); sie fuhr fort, wenn mein vater so mit uns umgegangen sei, hätte er sicher auch gegenüber meiner mutter sehr viel macht ausgeübt. Und diese habe uns deshalb mit unterdrückt. Ich ärgerte mich nicht über ihre aussage, im gegenteil! Ich äußerte meinen gedanken, ob mein vater meine mutter nicht vielleicht sogar vergewaltigt habe… – Die haben sich doch schon so früh kennengelernt, meine mutter war, glaube ich, 13 oder 14 und mit 16 ½ hat sie schon Maria bekommen. – Was? Das habe ich ja noch gar nicht gewusst! Die war dann ja noch ein kind! – Das hat anscheinend tradition in unserer familie, das schon mit kindern zu tun, meinte ich sarkastisch. – Ich bin total fertig. Das ist wirklich zu viel! – Wir müssten zum schluss kommen, sagte sie nach einer kleinen weile des schweigens und fragte, ob ich noch etwas sagen wolle. Erst verneinte ich, dann fragte ich: Können sie mein gefühl verstehen, es ist einfach zu viel? – Ja! Ja, das kann ich verstehen. – Sie müsse leider gehen, da sie zum kindergarten müsse. – Also dann spätestens bis Montag. – Warum spätestens bis Montag?, fragte ich erstaunt. – Wenn sie mich brauchen, rufen sie mich an. – Danke, sagte ich. Sie ging, mich noch einmal eindringlich anschauend beim verabschieden. Ich blieb noch eine weile, geschockt, verzweifelt, weinend.

Erst im Februar des folgenden Jahres kam ich wieder explizit auf meinen Vater zu sprechen.  Ich glaube angeregt durch ein Gespräch mit meinem Bruder Heiner fragte ich mich, wieso ich meinen Vater eigentlich so sehr geliebt hatte. Heiner meinte nämlich, das wäre irgendwie auffällig gewesen. 

8.2.1993 (…) Die K. erklärte es sich so: Ich sei doch als kleines mädchen so offen, fröhlich und lustig gewesen, hätte gerne geschmust. Meine mutter wäre wohl eher abweisend oder gar nicht für mich da gewesen. Aber mein vater wäre doch sehr darauf eingegangen. (…) – Aber irgendwann wollte er nicht mehr mit mir schmusen, mich nicht mehr auf seinem schoß haben. – Was denken SIE denn, warum sie ihren vater so geliebt haben? – Ich finde ihre erklärung schon einleuchtend, aber vielleicht musste ich ihn so lieben, um was anderes zu verdecken… Ich weiß es ja nicht, würde es aber so gerne wissen. Ich hatte gehofft, dass ich dazu was träume, aber nein. Ich habe wahrscheinlich zu viel angst davor! Ich muss an den traum mit dem biss in den finger denken… Ich habe so große angst, dass da noch etwas war! – (…) – Als ich dieser tage daran dachte, dass ich auch im elternschlafzimmer geschlafen habe, fiel mir der traum mit dem biss ein… Wer weiß! Dem traue ich alles zu. Eigentlich hatte mein vater ja auf uns als kleine mädchen schon zugriff. – 

 

Nun komme ich zu einem Vorfall in der Praxis der Therapeutin, den ich noch sehr gut erinnere. Ich kam in die Praxis, die Therapeutin bat mich, im Büro der Praxis einen Moment zu warten, da alle Räume belegt seien. Das Büro hatte eine Tür zum Flur, durch die ging ich ins Büro, und eine Tür zu unserem Raum. Ich war kurz alleine im Büro, aber bald kam ihr Kollege dazu; er schloss die Türe. Somit waren beide Türen geschlossen. Mir wurde zusehends seltsamer zumute, ich fühlte Enge, so als ob mir jemand Herz und Lunge zusammenpressen würde. Dann konnte ich in unserem Raum. Die K. entschuldigte sich wegen des Chaos. In der nun beginnenden Stunde spürte ich heftige Angst! Angst, ein Gefühl der Trauer und ich musste sehr weinen. Die Therapeutin vermutete die bevorstehenden Ferien als Grund; mir schien die Angst zu groß dafür.  Außerdem fand ich sie nicht sehr verständnisvoll. (25.3.1993)

In der darauf folgenden Stunde konnten wir das und Anderes klären, denn ich berichtete ihr, was mir im Nachhinein zu der Situation mit ihrem Kollegen im Büro eingefallen war:

29.3.1993 (…) Ich fühlte mich an das elternschlafzimmer erinnert! … Und mir fiel ein, ich war ja die ganze zeit mit dem typ alleine da drin! Und bei dieser erinnerung wurde mir wieder ganz eng zu mute, als würde ich keine luft bekommen, als würde mir jemand den brustkorb zusammendrücken. Jetzt weiß ich, warum ich so starke angst hatte! Ich war die ganze zeit alleine mit dem im Zimmer! Während der situation habe ich das nicht kapiert! Das stinkt mir! Ich hatte zwischendrin das gefühl, ich will hier raus, aber wohin hätte ich gehen sollen? Erst hab ich gedacht, der wäre nur einen moment mit im büro gewesen, aber dann fiel mir ein, der war ja noch da, als sie sagten, ich könne jetzt in unseren raum reingehen. Ich hätte dann an ihm vorbeigehen müssen, das konnte ich aber nicht. Das ging nicht, das wäre zu eng geworden. Also ging ich durch die andere tür (über den flur) in unseren Raum. Jetzt ist mir klar, warum ich so starke angst hatte! Und immer, wenn ich mich daran erinnere, taucht dieses erstickungsgefühl wieder auf. – Das war ja wirklich heftig!, meinte sie mitfühlend und verständnisvoll. 

Die Therapeutin hatte hinzugefügt, es wäre aber gut, mal eine heutige Situation zu erleben, die wir nun bearbeiten könnten. Auch wenn sie wisse, dass es für mich hart war, könnten wir dadurch doch weiterkommen. Ich hatte noch gesagt: Wenn der was gemacht hätte, ich hätte ihn kaputt geschlagen! – Das fand sie gut. Von ihr kam aber keine Entschuldigung dafür, dass sie mich in diese Situation brachte, was mich sehr ärgerte, und diese meine Wut äußerte ich. Ich hätte mich bewusst für eine Therapeutin entschieden und keinen Therapeuten! Und was passiert? Ich käme trotzdem in eine solche Situation, mit einem Mann alleine in einem Raum zu sein. Ich könne mich dort nicht mehr beschützt fühlen! Dies alles sagte ich mit geballten Fäusten. Sie reagierte absolut verständnisvoll, betonte, sie wolle in Zukunft auf jeden Fall dafür sorgen, dass ich nicht mehr in eine solche Lage käme. Sie blieb also ganz gelassen, obwohl ich so sauer auf sie war. Sie betonte noch, ich hätte völlig ausgeblendet, dass sie doch auch in der Praxis war. 

Ich war damals aber auch wütend, und das sagte ich ihr ebenfalls, weil sie mir in der Stunde zuvor unterstellte hatte, ich wolle sie ärgern, als es darum ging, warum sie mir nicht helfe herauszufinden, weshalb ich so starke Angst verspürte. Sie überlegte einen Moment: Ja, jetzt verstehe ich das überhaupt erst! Sie waren wütend, weil ICH sie in diese Situation (mit ihrem Kollegen alleine im Büro) gebracht habe! Und diese ihre Wut spürte ich. – Sie fügte hinzu, dass ich so stark reagierte habe aber mit der realen Situation im Büro nichts zu tun. 

Ich kam darauf zurück, dass ich in der vorigen Stunde doch Angst hatte, sie anzusehen, anzusprechen. Ich zitiere aus meinen Theapieaufzeichnungen:

Sie aus scham nicht anschauen zu können, das kenne ich ja! Aber aus angst!? Das kommt mir neu vor. – Vielleicht hatten sie, als sie hier reinkamen, das gefühl, ich sehe ihnen das an, ich merke, was los war, wie sie das von ihrer mutter immer dachten… – Ich glaube, ich konnte dazu nur schweigen. Sie hatte noch gefragt, ob ich in ihrem kollegen meinen vater gesehen hätte. – Ja! Als er in seinem aktenkoffer wühlte, nichts sagte, das erinnerte mich an meinen vater. Das wurde mir später bewusst. Er machte das oft, tat dann so geheimnisvoll, sagte nichts. – 

(…) Schweigen. Ich war weiter bei der Situation im Büro mit ihrem kollegen. Schwieg aber. Sie fragte nach einer weile mit lieber, weicher stimme: Wo sind sie denn jetzt? – Wie gut das tut, so von ihr gefragt zu werden!, dachte ich. Das macht sie ja ab und zu so…. Ich sagte ihr: Ich frage mich, was das zu bedeuten hat, dass mir das elternschlafzimmer einfällt und dass ich panik hatte, weil ich mit dem typ im büro alleine war. Was soll das? Verstehe ich nicht. Ich habe angst davor, was das heißen soll! Ich kann mich doch an nichts erinnern! – Etwas später sagte sie: Ich weiß, es ist hart, aber vielleicht geht es: Wenn sie sich vorstellen, sie wären nicht zur anderen türe rausgegangen, sondern an meinem kollegen vorbei, was phantasieren sie, was dann hätte geschehen können? – Ich wollte gar nichts phantasieren, aber sofort fiel mir das ein: dass er mich mit ausgestrecktem arm aufhält und versucht, mich an sich ran zu ziehen und dass ich meine arme ausstrecke und versuche, ihn wegzuschieben! Ich sagte ihr, ich wolle mir das nicht angucken. Ich wüsste, ich müsse gleich gehen und dann wäre ich alleine damit. – Aber wenn sie es nicht aussprechen, nehmen sie es mit und sind auch alleine damit! Sie haben doch noch genug zeit! Haben sie das bild, dass sie den mund zugehalten bekommen?, fragte sie überraschenderweise. – Ich weiß nicht. Ich will nicht mehr. Frage mich nur, was das alles zu bedeuten hat… – Ich schwieg und schaute sie immer wieder an, auch länger.

Ich finde es heute noch sehr gut, dass sie mich auf das folgende zum Ende der Stunde eindringlich hinwies:

Ich möchte ihnen noch etwas sagen, weil ich denke, dass ihnen das im moment nicht bewusst ist. Sie haben sich in der situation des rausgehens doch zu helfen gewusst! Sie haben einen ausweg gewusst. Sicher wird der ihrem anspruch, dass sie sich wehren wollen, nicht genügen, aber sie haben sich zu schützen gewusst. Das sollten sie nicht übersehen! – 

Auf diese Büroszene kam die Therapeutin bald nochmals zu sprechen. Im Zusammenhang mit weiteren Träumen, die ich noch zitiere, meinte sie (Therapie 5.4.): Dass sie in der Donnerstagstunde so starke Angst bekamen, das will uns ja etwas sagen. Wir sollten das nicht so sehen, das ist wie früher, sie sind immer noch nicht weiter. Diese Angst steht ja für etwas, was wir bisher wohl noch nicht geklärt haben. – Das tat mir damals so gut, ihre Worte, ihr Verständnis. Wir sahen die Angst aber auch im Zusammenhang mit ihren Ferien. Vielleicht löse die Therapiepause etwas in mir aus, was ich von früher kenne: fühle mich wieder isoliert, ganz alleine mit allem, so meine Vermutung. Doch heute sei das ja anders, betonte sie, ich hätte meine Freundinnen, könne alles aufschreiben und ich könne meine Gefühle doch schon besser zeigen. Sie fügte hinzu:

Es war ja wie ein verbot für sie, darüber zu reden, als sie älter waren, sagen wir mit 14 jahren. Als kleines kind konnten sie das ja sowieso noch nicht in worte fassen. Vielleicht erinnert sie die pause (therapieferien) daran, und es macht ihnen jetzt angst, wieder damit alleine zu sein. Möglicherweise ist es die angst von früher, die angst, als sie bemerkten, sie sind alleine damit, sie können mit niemandem darüber reden. – Da ich katholisch war, fiel ihr dies noch ein: Sie mussten das ja auch beim beichten irgendwie weghalten, von sich trennen, für sich so hinbekommen, dass die beichte für sie dennoch gültig war. Das muss sie doch gequält haben!? – Obwohl ich mich nicht daran erinnere, habe ich das gefühl, gequält ist viel zu harmlos! – 

Ich erwähne oder zitiere bewusst auch längere Passagen, die nicht direkt zum Thema ‚Der Vater‘ gehören, um zum einen die Therapieatmosphäre wiederzugeben, zum anderen um weitere wichtige Themen zumindest schon einmal anzudeuten. Die Ferien der Therapeutin waren nämlich lange Zeit ein sehr, sehr großes Problem für mich, auf das ich an anderer Stelle genauer zu sprechen komme. Die Ferien erinnerten mich tatsächlich daran, wie alleine ich damals war, wie die Therapeutin vermutet hatte; aber es gab auch noch andere Gründe für meine Schwierigkeiten mit ihren Ferien.

Die Therapeutin hatte mich damals noch gefragt, was denn meine Schwester Lisa zu meinen Befürchtungen bezüglich meines Vaters sagen würde. Lisa, die zu dieser Zeit ebenfalls in Therapie war, hasse meinen Vater und hätte die gleichen Befürchtungen wie ich, also dass unser Vater auch mit ihr… Die Reaktion der Therapeutin: Puuuh….. – Sie fragte nach meinen anderen Schwestern. Da sei wohl nichts. Warum sie frage? Weil sie denke, wenn ein Vater das mit einer Tochter macht und hat noch andere Töchter, belässt er es sicher nicht nur bei der einen. Daraufhin machte ich: ‚Puuuh‘. Die K. weiter, es bringe aber nichts, darüber zu spekulieren. Wenn noch etwas in mir wäre, dann käme das schon raus, vielleicht durch einen Traum oder anderes Erinnern. Das müssten wir abwarten, könnten wir nicht beschleunigen. Meine Reaktion auf ihre Worte: Ich würde mich fragen, ob es gut und sinnvoll sei, wenn frau alles weiß. Das nahm ich dann selbst wieder zurück. Die K. fügte hinzu, sie würde mich auch so einschätzen, dass ich keine Ruhe gäbe, bis ich zu bestimmten Dingen ein klares Gefühl hätte. – Ja, ich will und muss das wissen. Will das nicht mehr verdrängen! –

Schon in den nächsten Nächten kamen weitere Träume hinzu. Ich träumte von unserem Mädchenschlafzimmer….

31.3. Furchtbarer Traum, Stichwort mädchen-schlafzimmer, große, graue gestalten, große frau. Kälte. Schnee. Wir sollten das große fenster aufmachen…

Den kommentierte ich wie folgt in meinem Tagebuch und fügte gleich einen weiteren furchtbaren Traum mit der Bemerkung hinzu: Kein Kommentar!

Für mich steht das riesige fenster für den mangel an persönlichen  bereichen für uns töchter, für permanente grenzverletzungen. Und unsere mutter bekommt alles mit, sieht alles, hört alles, kann in mich reinschauen – so mein damaliges gefühl, unser gefühl. Der schnee steht für das eisige klima, die absolute gefühlskälte meiner mutter. …. Will nicht mehr leben! Sehr deprimiert. Angst. Liebevolle unterstützung von andrea. Ich solle mal eine woche zu ihr kommen, sie würde mich verwöhnen. Nur wir zwei. Das tat mir so gut! 

1.4. Lisa und ich bei den eltern, wir wollen ihnen endlich unsere meinung sagen! Wir lagen wohl alle zusammen, mein Vater neben mir. Irgendwann ist es auf dieser seite feucht… Wir, lisa und ich, sprechen darüber, wie sie uns gehalten haben: wie dienstmägde. 

Zur Zeit der Träume wurde ich krank, bekam Fieber. Einige meiner Freundinnen besuchten mich zufällig zum gleichen Zeitpunkt, sie alle um mein Bett, wir tranken Kaffee. Ich fühlte mich sehr aufgehoben.  Das passte gerade so gut!

In einer zusätzlichen Stunde (5.4.) erzählte ich diese Träume und dass ich danach unter Schlafstörungen und starken Herzproblemen litt, mir aber sagen konnte, ich bin doch jetzt nicht wieder alleine mit allem. Könne jetzt auch den Anderen zeigen, wie es mir geht, müsse nichts mehr vorspielen. Die K. freute sich sichtbar mit mir und wiederholte auf meinen Wunsch hin, was sie in der letzten Stunde gesagt hatte: Ich müsse mich nicht mehr zusammenreißen, nichts überspielen, sondern solle die traurigen und alle anderen Gefühle annehmen und mir so viel wie möglich Schönes holen und mir selbst geben.

Zu dem Traum mit meinem Vater, er neben mir im Bett, auf dieser Seite wird es dann feucht…, sagte ich, der Traum sei für mich schockierend, aber auch entlastend gewesen. – Es muss keine Vergewaltigung gewesen sein, aber für mich wird immer klarer, irgendwie ist mir mein Vater zu nahe gekommen. – Was denn das Gute und Entlastende im Traum gewesen wäre?, hatte sie mich gefragt. – Dass ich meinen Eltern wenigstens mal sagen konnte, was ich denke, also dass sie uns wie Dienstmägde hielten. Andererseits hab ich das Gefühl, irgendwas war da! Das ist für mich nach diesem Traum klar! – Und das fügte ich noch hinzu: Ich habe vor kurzem gesagt, es macht keinen Unterschied, wenn auch was mit meinem Vater… Das stimmt aber nicht! Das ist ein großer Unterschied! – Das konnte die K. gut verstehen. Ob sie mir meine Annahme nicht ausreden wolle? Nein, das könne schon so gewesen sein. – Ihr Vater war ja übergriffig. – Sie betonte an dieser Stelle wieder, Träume würden sich oft nicht gleich erschließen; es könne sein, dass wir erst sehr viel später wüssten, was sie bedeuteten. Manchmal hätten sie nur Symbolcharakter. Es könnte also auch ein Symbol für etwas sein.

Zum Traum mit unserem Mädchen-Schlafzimmer berichtete ich ihr von meiner Deutung und dass die für mich absolut stimmig sei. Ja, so sei auch ihr Gefühl, aber:

… wenn das so war, kann man sich eigentlich nicht vorstellen, dass ihre mutter das mit den brüdern nicht bemerkt haben soll! – Schock!! Meine traurige antwort: Ich habe ihnen schon einmal gesagt, dass ich das vermute und wie die das kommentiert hätten..… –

Damit meinte ich Bemerkungen wie, selbst schuld, wer weiß wie du rumgelaufen bist und ähnliche Aussagen. Ich wollte in dieser Stunde dann nichts mehr sagen, das war alles zu hart; außerdem musste ich gleich gehen. Ich wollte lieber die Therapeutin einfach nur ansehen, in ihre Augen schauen und das Dortsein noch genießen. 

Dazu möchte ich hier einen kleinen, wunderbaren Einschub folgen lassen: Ich konnte die Therapeutin ganz lange gar nicht oder immer nur ganz kurz ansehen. (Zum Thema Anschauen und Blickverbot kommt ein eigenes Kapitel in Buch 2.) Und dann erlebte ich am 30.6.1993 eine wahnsinnig schöne Stunde, die ich nie vergessen werde! Ich habe sie, die Therapeutin, anschauen, also richtig in ihren Augen schauen können. Es gelang mir für einige Sekunden, nachdem sie mir dabei half – und das war so wunderbar! Danach konnte ich mir auf diese Weise ganz oft so viel Liebes und Stärkendes bei ihr holen. Nur durch das Anschauen! Wenn also in der Folge erwähnt wird, noch langes Anschauen o. ä., dann ist dieser Hintergrund mitzudenken. Und auch der: Da Berührungen, wie in den Arm nehmen oder ihre Hand auf meinem Rücken, für längere Zeit nicht mehr möglich waren – auch dazu an anderer Stelle mehr -, war das Anschauen, in ihre Augen schauen oder von ihr angeschaut zu werden wie von ihr gehalten und gestützt zu werden. Das hat mir sehr, sehr viel gegeben.

Doch nun weiter, leider wieder ernster, zu meinem Vater. An den genannten Daten ist zu erkennen, dass es auch in der Folgezeit längere Passagen in der Therapie gab, während der keine neuen Erkenntnisse oder Erinnerungen im Zusammenhang mit ihm auftauchten. Das waren Erholungsphasen, so sehe ich es zumindest heute, die ich sicher brauchte. Im August 1993 erwähnte ich in der Therapie, dass mein Vater ‚wohl tatsächlich was mit Lisa ‚gemacht‘ habe‘; ihre Arbeit in der Therapie deute darauf hin, so Lisas Aussage zwei Wochen zuvor. Ich wollte es anscheinend gar nicht sagen, deshalb erwähnte ich es erst jetzt gegenüber der K. Bei mir lösten Lisas Worte Resignation und Hoffnungslosigkeit aus. Mir kam alles so sinnlos vor. Lisa bestätigte irgendwann in dem Jahr, sie sei sich sicher, da war was. Erinnerte seine Aussage, wage ja nicht, jemand was zu sagen! Mir und meiner Therapeutin war klar, das ist Lisas Geschichte. Ich will und muss nach mir schauen, gucken, was bei mir war. Nur das ist für mich relevant.

Ich möchte hier eine Passage über meinen Vater ganz allgemein einfügen, die einiges über ihn und unser Leben früher aussagt.

15.3.1994 (…) Für vater war ich doch nichts! Für den hatte ich keine gefühle, die interessierten ihn überhaupt nicht! Was ich dachte und fühlte, das war dem total egal! Für den war ich ein nichts! Eine frau, mehr nicht! Eine frau, die man(n) benutzen kann! Zum wäschewaschen und schuheputzen! Der konnte einen angucken, so von oben herab, da kam man sich soooo klein vor! Dreck, wie dreck… war ich für den! Dreck, die eine saubere schürze tragen musste und an der er sich die schuhe abputzte! Mehr nicht! … Es wäre besser, ich wäre nicht auf der welt!… – Ich weinte, weinte jämmerlich! Mir fällt gar nicht mehr alles ein, was ich sagte. Aber alles kam so richtig von unten aus dem bauch raus. Ich dachte nicht, sondern ich erinnerte, fühlte und sprach es aus. – Ich wollte doch, als ich das gefühl hatte, sie gucken mich von oben herab an, auch einmal auf sie runtergucken. Das erinnerte mich an meinen vater! Der konnte so kalt gucken! Das ist nicht zu beschreiben! Dass man nur angst spürte. … Dabei fällt mir ein, dass ich wegen des blickes von ihnen ein paarmal vor angst bisschen in die hose machte…. – Irgendwann schwieg ich, still, fix und fertig; sie fragte nach, was jetzt wäre. Ich freute mich so, ihre stimme zu hören. – Ich habe wut, bin groggy … und traurig! – Sie saß jetzt auf dem boden vor der heizung! (Dort saß sie auch danach immer dann, wenn es um meinen Vater und mich ging. Dadurch waren wir auf einer Höhe, da ich auf einer auf dem Boden liegenden Matratze saß. Normalerweise nahm sie in einem Sessel Platz.) –

Haben sie ihrem vater denn auch mal von sich erzählt? – Wie meinen sie das? Wie es mir geht, was ich gemacht habe? – Ja! – Da muss ich wirklich lachen! Das hat den doch überhaupt nicht interessiert! – Wie war es denn, wenn er abends nach hause kam? – Er guckte mit strengem blick auf uns runter, manchmal mit der bemerkung, na, was habe ich denn heute von euch gehört? Der wusste von nichts, hat das einfach gesagt und wir haben los geplappert vor angst. So hat er uns reingelegt. Was ich ‚angestellt‘ habe, das war doch nix! Mal durchs kornfeld gelaufen beim versteckspielen, was man nicht durfte, oder mal ein bisschen frech zur mutter… – Und wie hat er sie bestraft? – Ich glaube, meistens hat er das meiner mutter überlassen. Er guckte mich dann einfach nicht mehr an, als wäre ich nicht da! Nahm mich einfach nicht mehr wahr! … Haben sie die frage vorhin wirklich ernst gemeint, ob ich ihm von mir erzählte? – Aber ja! – Ich muss nochmal lachen. Das ist so absurd! Das hat den überhaupt nicht interessiert, was ich gemacht, gedacht oder gefühlt habe. Ich war gar nicht da für ihn! – Das war aber doch nicht immer so? Ab wann war das so? – Ich überlegte: Die ersten jahren nahm er mich schon wahr, war er lieb zu mir. Bis ich 4 oder 5 jahre alt war, da bin ich mir relativ sicher. Aber danach…, ich weiß nicht, wann sich das änderte. Vorher war ich wie ein spielzeug für ihn. Dann musste ich nur noch funktionieren, habe ich ihn nicht mehr interessiert. … Ich mag es eigentlich gar nicht sagen (weil es mir oft mit der K. auch so geht), aber wenn er mich lieb anguckte, mich lieb anlächelte, das kam ja selten vor, doch dann war es wie von der sonne beschienen zu werden. Sonst herrschte finsternis! – Ein liebes, tiefes ‚Ehem‘ kam von ihr. – Was hab’ ich immer auf ein lächeln von ihm gewartet. …. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich mir sagen muss, wenn sie nichts sagen in der stunde, dass das nicht bedeutet, sie reden nicht mit mir! Das kommt so oft vor! Dann muss ich mir das richtig eintrichtern. – 

Die stunde war bereits vorbei, sie sagte aber noch nichts. – Können sie sich vorstellen, wie das ist, wenn sie mit jemandem in einem raum sind, den sie sehr liebhaben, und der nimmt sie überhaupt nicht wahr? Fernseher, radio, das nimmt er wahr, aber sie nicht! – Ehem!, wieder weich und verständnisvoll.

In dem gleichen Frühjahr erzählte ich in der Therapie den folgenden Traum, den ich während der Therapieferien geträumt hatte; die danach aufgetauchte Angst brachte ich in Zusammenhang damit:

8.4.1994 Mein vater hat im treppenhaus die wände voll geschrieben, von oben bis unten, mit sportergebnissen…

14.4. (…) Mir ging es freitag früh so schlecht, ich hatte solch ein angst! – Sie setzte sich wieder auf den boden vor die heizung, die liebe! Erst hätte ich mit dem traum nichts anfangen können, dann wären ganz furchtbare gedanken aufgetaucht, die ich gleich versucht hätte zu verdrängen. – Ich dachte, das treppenhaus ist mein körper und mein vater hat von oben bis unten spuren bei mir hinterlassen! Ich weiß nicht, wie ich darauf komme, habe nicht darüber nachgedacht, das war einfach da! – Ehem! – Ihre lieben bestätigungen kamen heute ganz oft, und das tat so gut! Erzählte von meinem versuch, den traum und die aufgetauchten gedanken zu vergessen, und wie schlecht’s mir nach dem traum ging. Zu verdrängen ging nicht, deshalb hätte ich das jetzt erzählt. Hätte aber noch ein anderes, ein aktuelles thema, aber das thema ‚mein Vater‘ ginge mir nicht aus dem kopf, tauche immer wieder auf. Ich sei jetzt total aufgeregt. – Da ist doch was! Ich bilde mir das doch nicht ein! – Bevor ich wieder auf das andere Thema zurückkommen konnte, wollte sie noch was sagen:

Ihre brüder auf jeden fall, vielleicht auch ihr vater, haben sie missbraucht, ihre grenzen nicht geachtet! Die angst steht doch wahrscheinlich im zusammenhang mit dem traum. Sie hatten danach angst, in die welt zu treten, rauszugehen. Aber sie haben sich entzogen, diesem sumpf ihrer familie entzogen! Sich auf sich besonnen, sich ihrem ich zugewandt! – 

Mit den letzten Worten kam sie auf meine Aussage zurück, ich hätte mich von dem Traum nicht runterziehen lassen wollen, mich entschieden, weiter meine Dinge zu machen und dass mir das ganz gut gelungen wäre. Aber nach dem Traum hatte ich notiert: Wie soll ich das verkraften, wenn der wirklich was mit mir gemacht hat? Wie überleben, das aushalten? Traurig und niedergeschlagen, so meine Stimmung in dieser Zeit, und immer wieder das Gefühl, es war was mit meinem Vater! ‚Ich empfinde die gleiche Trauer wie damals, als ich vor Jahren zum ersten mal über die sexuelle Gewalt meiner Brüder sprach‘, so ein Eintrag in meinem Tagebuch. Auch in der Therapie sprach ich davon, es ziehe mich auf den Balkon, müde, lebensmüde. Mir fehle Sicherheit, das sei das Schlimmste! In einem weiteren Traum sehe ich Vater vom Mädchenschlafzimmer in das der Eltern zurückgehen. Die beiden Zimmer lagen auch in der Realität nebeneinander, aber es gab keine Tür dazwischen. 

Mit dem Abstand von heute kann ich sagen, ich näherte mich immer mehr diesem Thema an, in kleinen Schritten, denn das muss frau ja verkraften können, was an Erinnerungen und Gefühlen so nach und nach auftauchte. Ich finde es spannend, dass das Unterbewusste das so steuern kann. Damals fand ich das natürlich überhaupt nicht spannend, im Gegenteil! 

Ich sprach in vielen Therapiestunden unbewusst, aber auch ganz bewusst von Anderem, um ja nicht an diesem Thema weiter zu arbeiten. Einmal sagte ich in einer Therapiestunde so nebenbei, da wäre ja noch etwas aus meiner Vergangenheit… Die K. daraufhin: Haben sie Angst, dass ich das Ablenkungsmanöver nicht durchschaue? – Das fand ich gut. Sie ist aufmerksam. Sie vergisst es nicht.

In einer weiteren Therapiestunde erinnerte ich plötzlich, dass ich als kleines Mädchen öfter auf dem Schoß meines Vaters saß. Während ich das schilderte, war ich ganz aufgeregt, bewegte mich unruhig hin und her und spürte leichte Angst:

16.5.1994 (…) Er flüsterte mir worte wie scheiße und andere, die man eigentlich nicht sagen durfte, ins ohr, und ich lachte. – Ich wollte eine vermutung äußern, das ging aber nicht! Zitternde knie, gefühle im unterleib, was ich ihr sagte. Ich könne meinen vater doch nicht verdächtigen! – Aber sicher können sie das! – Sie half mir mit ihrer frage: Ihr vater hat sie angefasst? – Ja! Und meine vermutung ist, diese geflüsterten worte sollten kaschieren, dass er seine hand zwischen meine beine legte…. – 

Die K. sagte dann einiges, auch dazu, dass ich meinte, irgendwann durfte ich nicht mehr auf seinen schoß, habe er sich von mir abgewandt. Das wäre aus heutiger sicht betrachtet ja gut! Damals wäre es sicher furchtbar für mich gewesen, weil er mich gar nicht mehr beachtete. Aber damit habe er meine grenzen dann doch (wieder?) respektiert.

Bald darauf fragte ich die K., ob es möglich sein könnte, dass etwas mit meinem Vater war, ich das aber völlig vergessen habe?  Das wollte sie natürlich nicht beantworten. Später erinnerte sich mich jedoch daran, ich hätte ja auch Anderes verdrängt…

26.5. (…) – … und irgendwann haben sie die herzprobleme bekommen! Man sagt ja, der verstand vergisst, der körper nicht! (…) Es wird sie solange beschäftigen, nicht loslassen, bis sie für sich ein klares gefühl dazu haben! – 

Herzsymptome als eine Form der Erinnerung, der körperlichen Erinnerung. Auf diese und andere Formen komme ich noch zurück.

Die Therapeutin erinnerte mich auch daran, dass ich nicht nur wegen der sexuellen Gewalt in die Therapie gekommen sei, sondern doch auch, weil ich mir meine Geschichte insgesamt vornehmen wollte. Und genau das wollte ich: Mich genau anschauen, meine Kindheit, mein damaliges Leben, alles auf den Prüfstein stellen. Irgendwann später hatte ich das Gefühl, durch die Analyse bleibt kein Stein mehr auf dem anderen, da wird ja alles eingerissen! Der Kommentar der K. dazu: Dann kann frau aber auch etwas Neues aufbauen. – Recht hatte sie.

Jetzt komme ich zu etwas sehr Schönem und Hilfreichen, nämlich zu dem Kontakt zu der ‚kleine Ann‘. Dazu will ich hier erstmal nur erwähnen, dass es mir durch die Arbeit mit der Lady immer mehr gelang, Zugang zu der kleinen Ann zu bekommen – also Zugang zu meinen Gefühlen, zu mir! Ich ‚sprach’ mit der kleinen Ann, redete ihr auch mal Mut zu oder versprach, sie zu beschützen. Durch den liebevollen Umgang der Therapeutin mit mir konnte auch ich immer liebevoller, fürsorglicher und besser mit mir umgehen. Darüber kam ich auf die folgende Idee:

4.7.1994 (…) Mir würde es so schwerfallen, das folgende zu sagen, würde mich kaum trauen. (Besonders aus scham!!) Seit den sommerferien sei ich in ‚kontakt‘ mit der kleinen Ann, hätte sie also während der therapieferien beruhigen können… Seitdem immer wieder so in kontakt mir ihr. – Stelle mir vor, ich schmiege sie an mich, streichele ihr den rücken, sehe ihr strahlen… und dann strahle ich auch. – Ich berichtete weiter recht ausführlich, und dann wurde es noch schwerer. Sprach von meiner idee, auf diesem wege herauszubekommen, ob etwas mit meinem vater war. Hätte es versucht. – Ich fragte die kleine Ann, ob ihr papa was mit ihr gemacht hat? Hatte dann ein bild vor ihr, wie sie die augen niederschlägt… und ganz komische gefühle im unterleib. Das erschreckte mich sehr. Ich wollte nicht weitermachen, angst! Schickte die bilder wieder weg… – 

Ich erwähnte noch, dass ich bei der vorstellung, ihr das zu berichten, angst vor ihr bekam! Ich nahm ihren armreif in beide hände, brauchte diesen kontakt zu ihr. (Die Therapeutin hatte mir kurz vorher etwas von sich geben wollen, weil es mir so furchtbar schlecht ging; deshalb hatte ich für einige Zeit ihren Armreif, den ich immer wieder mit in die Stunde brachte.) Sie fragte nach meinem alter. Ich wäre unsicher, vielleicht 5 oder 6. – Ich würde gerne versuchen, hier in der Therapie den kontakt mit der kleinen Ann aufzunehmen… Ich möchte das nicht alleine machen. – Die K., sehr ernst, sagte, sie sei auch dafür, das dort zu versuchen, aber nicht mehr heute, ich würde dafür zeit brauchen, jetzt sei es zu spät. Sie nimmt das ernst, sagt nicht, bildest du dir doch nur ein oder so! Erleichterung!

In dieser Stunde erwähnte ich Traumfetzen, bei denen hätte ich an Vater und seine großen Hände denken müssen, und beim Erwachen ganz tiefe Angst gespürt und das Gefühl, ich verliere den Boden unter den Füßen. 

Als ich mich wieder einmal so oder ähnlich fühlte, dachte ich: Es ist doch alles sinnlos, wofür leben? Es lohnt sich nicht. Ich will nicht mehr leben. Weinte. Aber dann: Doch, es lohnt sich doch! Für meine schönen Gefühle! Ich hab’ doch so schöne Gefühle, und dafür lohnt es sich doch! Ich war selbst überrascht von dieser Wendung. Ich sah es später so, dass nach den körperlichen Übergriffen, der sexuellen Gewalt, etwas in mir gestorben war, nämlich meine Gefühle, besonders meine lieben Gefühle. Die sind erst wieder aufgetaucht, als ich anfing, liebe Gefühle für die Therapeutin zu empfinden… und dann auch für mich! Jetzt kann ich wieder lieben!, so meine wunderbare Entdeckung. (2.7.1994) Ich erinnere das mit so viel Freude, weil es so etwas Wichtiges, Schönes und Stärkendes für mich war. (Ausführlicher dazu im Kapitel ‚Was mir gut tat‘.)

Das brauchte ich auch, denn die Bilder und Erinnerungen häuften sich und wurden konkreter. Ich erwachte damals ganz oft und dachte, ist die Nacht denn immer noch nicht vorbei? Nachdem ich das in der Therapiestunde erwähnt hatte, brach aus mir heraus: Ich will mich an nichts erinnern!, und dass die Therapeutin sicher denke, ich spinne. Im weiteren Verlauf der Stunde hatte ich das Bild, ich liege im Bett, und da ist ein Kopf… Sofort waren wieder Gefühle in meiner Vagina aufgetaucht, näher habe ich sie damals nicht beschrieben, und ich erinnerte mich an den Traum mit dem Biss in den Finger. Äußerte Zweifel, sagte, ich wolle ‚sowas‘ nicht von ihm sagen, könne ihm doch nichts anhängen. Aber das bliebe doch erst einmal bei uns, hatte die K. betont. Dennoch sollten wir meine Bedenken ernst nehmen. Ob denn Bilder auf einmal so da sein könnten?, hatte ich sie gefragt. Ja, es gäbe Erinnerungen, die körperlich und seelisch da sind, die man aber vom Kopf her nicht mehr weiß! Vom Kopf her ginge es mir so, ich weiß nichts. Aber mein Gefühl sei es anders. Ich würde so fühlen und mich so verhalten, als ob ich es wüsste! Sie sagte zum Abschluss dieser Stunde, es wäre ein Zeichen von Kraft und Stärke, dass ich all dies jetzt zulassen könne. Ja, das hätte ich selbst schon gedacht, sogar gedacht, ich bin stark genug, das auszuhalten. 

Eines Abends, im Oktober 1994, beim Fernsehen, ich weiß nicht mehr, um was es ging, tauchten Erinnerungen auf. Ich fühlte Beklemmungen, hatte ein Gefühl, als würde ich ersticken. Ich weinte. Weinte bitterlich. Versuchte mich zu beruhigen, streichelte mich selbst, sprach tröstend mit der kleinen Ann, dass ich sie doch beschütze. – Ich hab’ so eine Angst!, so meine Worte damals. Und: Ich will nicht in mein Bett! Ich gehe nicht in mein Bett! Ich will nicht, dass es dunkel wird. Hab’ so eine Angst! – Philipp, mein Mann, hielt mich, streichelte meinen Rücken. Ich wollte aus diesem Gefühl raus und hatte die gute Idee, mich schön zu pflegen und mich sehr auf mich zu konzentrieren. Guckte mich selbst lieb im Spiegel an. Gut, dass ich dazu endlich in der Lage war, nämlich liebevoll mit mir umzugehen. Ich schlief dann ganz gut! Jammerte aber nachts beim Wachwerden ein paarmal ‚Mama, Mama‘, wie eine, die Schmerzen hat.

Am nächsten Morgen beim Frühstück mit Philipp dachten wir beide an die Übernachtung in Paderborn in unserem Campingbus im März 1977, von der ich bereits im Text ‚Über mich’ erzählte. In dieser Nacht war es stockfinster. Meine Eltern schliefen neben uns in ihrem C-Bus… Ich wurde nachts wach, spürte sehr starke Schmerzen, ‚da unten‘, vielleicht der Blinddarm?, hatte ich wohl gedacht. Mir war, als müsse ich sterben. Ich konnte Philipp nicht wecken. Lag da wie gelähmt, Angst, Schmerzen und Schrecken und Tod in mir! Ich werde sterben… Irgendwie habe ich diese Nacht überstanden, ein bisschen geschlafen, wieder wach und wieder leichter Schlaf. Am nächsten Tag nahm ich leichtes Herzklopfen wahr, also mein Herz schlug ein bisschen schneller als normal. Das war zum ersten Mal so. Und von da an ging’s allmählich bergab, begannen die Schlafstörungen und Ängste, die Panikattacken und Herzprobleme. (Als Jugendliche hatte ich jedoch schon zweimal die heftigste Form der Herzattacken, eine Tachykardie.) Auch Philipp hatte diese Nacht als den Anfang meines ‚Absturzes‘ in Erinnerung! Und an diese Nacht dachten wir am Morgen, nach meinen Worten vom Abend zuvor: Ich will nicht in mein Bett! Ich will nicht, dass es dunkel wird. –

Ich berichtete davon in der nächsten Therapiestunde, kam zuvor auf einen Traum mit meinem Vater zu sprechen:

6.10. (….) Zum ende der letzten stunde sei mir der traum mit meinem Vater von vor langer zeit eingefallen, sein kopf unter meiner decke, ich beiße ihm in den finger. Dass ich später aber auch erinnerte, da war doch auch der kopf von philipp…

Nach dem starken weinen samstag spät abends und meiner aussage, ich wolle nicht ins bett, wolle nicht, dass es dunkel ist, hätten Philipp und ich an ein erlebnis aus der vergangenheit gedacht. Mir wurde jetzt ganz eng, beklommen, konnte nicht weiterreden. Das sagt schon wieder alles!, dachte ich. Schaffte es dann doch, erzählte von der nacht im campingbus (März 1977) in paderborn, meine eltern gleich nebenan in ihrem C-Bus. Während meiner schilderung pustete die K. hörbar luft aus… – Philipp und ich sehen beide diese nacht als den anfang meines absturzes an. – Ehem! – 

Ich würde mich fragen, ob ich deshalb im moment nicht mit philipp in urlaub fahren will, weil ich in dem traum auch seinen kopf sah… – Tja, er ist ja auch ein mann! – Sie erschreckte mich mit ihrer nüchternen deutlichkeit. – Ich hatte ja oft (NACH diesem märz 1977!) in unseren urlauben nachts große schwierigkeiten. Wir waren einmal an der ostsee, fällt mir gerade ein, da habe ich nachts am ganzen körper gezittert, richtig geschlottert vor angst. Ich konnte mich kaum beruhigen. Ich wusste nicht zu sagen, warum oder wovor ich angst hatte. Ich hatte nur ganz furchtbare, tiefe Angst. Damals habe ich Philipp aber geweckt. – Ihre frage nach träumen oder bildern vorher konnte ich nicht beantworten, nur dass ich wahnsinnige angst hatte. Die K. meinte später: Sie haben keine angst, dass Philipp ihnen was tut, sondern sie haben angst, wenn sie mit ihm in urlaub fahren, mit ihm alleine sind, dass bei ihnen bilder und phantasien hochkommen könnten; dass sie an andere situationen erinnert werden! – Das schien mir einleuchtend.

Sie fragte, ob ich eine vorstellung hätte, wie alt ich war in dem traum mit dem kopf meines vaters unter meiner decke. – Ich weiß es nicht, kann nichts sagen! – Ich wollte nicht mehr daran arbeiten, auch weil die stunde gleich beendet war.

Nun komme ich zu etwas ganz Unangenehmem. Manchmal tauchten plötzlich Phantasien oder Bilder mit der Therapeutin auf. So hatte ich eines Tages die Phantasie, sie steckt mir etwas in meine Vagina; ich spürte sofort Gefühle dort. Für mich war das ein totaler Schock. Das wolle ich doch gar nicht!, äußerte ich mich entrüstet, nachdem ich ihr das nur unter größten Mühen und mit sehr, sehr viel Scham sagen konnte. Sie fragte, was sie denn dazu benutzt hätte? – Ihre Hände. – War das schwer auszusprechen! Wieder dachte ich an meinen Vater. Ich spürte auch erotische Gefühle und Brennen. Und gleich noch mehr Scham und schlechtes Gewissen. Ich erinnere noch heute ihre lieben und ermutigenden Aufforderungen, ich solle meine Gefühle doch zulassen, aber auch, wie schwer mir das fiel. 

Dieses Brennen und andere Gefühle spürte ich in der Folge immer wieder bei Erinnerungen und Bildern im Zusammenhang mit meinem Vater. Und dabei ‚sah‘ ich seine Hände. Als ich in einer der nächsten Stunden über meine Eltern redete und sagte, ich könne ihnen im Moment nicht gegenüber treten, fügte ich hinzu: Ich würde meinem Vater noch nicht mal mehr die Hand geben wollen….  

15.12. (…) Hand!!! Großer schreck bei dem wort ‚hand‘! Und dann das gefühl, als wäre eine große hand zwischen meinen beinen. Brennen in mir, in meiner vagina! Ich kuschelte mich in die decke. Der K. das sagen? Bedenken, sie glaubt mir das nicht. Aber ich fühle das doch! Will das ernst nehmen! Sagte es ihr dann doch, aber auch, wahrscheinlich würde ich mir das nur einbilden. Dann: Ich bilde mir das nicht ein! Ich fühle das so! – Wieder zweifel, fragte, ob sie mir glaube? Sie antwortete nicht. Ich erkannte, ich wollte mal wieder, dass sie mir meine gefühle bestätigt. Aber das tut sie ja nicht, und das ist auch gut so! Ich sagte: ICH HABE DIESE GEFÜHLE! Ich bilde mir das nicht ein! Egal was sie bedeuten! Ich habe die hand gespürt und das brennen, und das ist immer noch da! – Kuschelte mich wieder richtig in die decke. Sah die K. an, angst stieg in mir hoch. Sagte es ihr und dass die nicht wegginge. Die K. dazu: Die angst ist doch oft da, wenn sie etwas NICHT aussprechen, was sie eigentlich sagen wollten! – Ja? – Ja! – Das habe sie schon öfter erwähnt. Ich konnte mich nicht daran erinnern. 

Ich berichtete ihr in der folgende Stunde, wie es mir am Abend nach der vorigen Stunde ergangen war und sagte weiter:

19.12. (…) Von wegen der hand meines vaters…,  dann war auf einmal da: Es war etwas mit meinem vater! Ich weiß, dass was war! Nein, ich weiß es nicht, aber ich fühle es, dass was war! … Ich hätte das am liebsten in meinem zimmer an die große weiße wand geschrieben, damit ich es nicht vergesse und nicht mehr daran zweifle! Und hatte dann das bild, hier eine tafel aufzustellen und auch darauf zu schreiben: Es war etwas mit meinem vater! … Und dann musste ich ganz viel und lange weinen!… – Ehem, ehem! –

Ich schwieg. Wurde immer trauriger. Mama! Mama, lass mich nicht alleine!, so mein gefühl. Die K. fragte, was bei mir sei oder so. Ich sei traurig. Bald darauf sagte ich, ich würde mich gerne hinlegen, aber ich hätte beim gedanken daran gleich gefühle gespürt… – Aber das ist doch gut! Das hilft uns doch! Die gefühle sind doch sowieso da! Da ist es doch besser, sie zuzulassen! Sonst geistern sie woanders rum!, so ungefähr ihre aufmunternden worte. Ich versuchte es mit dem hinlegen. … Nach einer ganzen weile beschrieb ich, wie es mir geht: Ich kann ihnen nur sagen, ich liege hier wie bei dem ‚bild‘ mit meinem vater und spüre ein brennen ganz tief in mir drin… (in meiner vagina). – Ich lag zeitweise auf dem rücken mit weit ausgebreiteten beinen. Es kamen keine weiteren bilder hoch, ich wollte mir aber auch keinen druck machen! –

Ein teil von mir will wissen, was war, und ein anderer nicht! – Mich nerve das mit dem wissen und nicht wissen, das lähme mich. – Das braucht doch zeit! Das kann man nicht forcieren! – Ich solle mich keinesfalls unter druck setzen, das sei ja dann auch manipulation, wie beim missbrauch! Solle es auf mich zukommen lassen, es komme ganz von selbst.

Seltsamerweise kam es zu dieser Zeit einige Male vor, dass ich anonyme Anrufe erhielt. Einmal dachte ich, es sei ein Freund, als mich ein Mann an einem Vormittag anrief und mich mit meinem Vornamen ansprach. Aber dann ging es mit obszönen Bemerkungen weiter. Ich erkannte, nein, das ist nicht W. und knallte der Hörer auf. Ich war dann so wütend, geschockt, fühlte mich verletzt. Weinte. Aber dann tobte ich meine Wut aus mit lauten Worten. Dies erzählte ich der K., weil mich dieses Mal jemand nachts aus dem Schlaf aufgeschreckt hatte. Ein Anruf, es wurde nichts gesagt, ich hörte nur jemanden atmen. Zuvor kam ich auf die vorige Stunde zu sprechen:

20.12. Nachdem ich das gestern hier mit meinem vater ausgesprochen hatte, fühlte ich mich irgendwie ein bisschen … größer, stärker … und erwachsener! – Ehem! – 

Ich erzählte von dem anruf letzte nacht und von dem vor einiger zeit (…) – Und heute morgen gleich der nächste schock. Ich hatte überlegt, ob ich Philipp von dem anruf erzähle; entschied mich dagegen und legte mich wieder in mein bett. Auf einmal spürte ich, langsam wie aus dem bauch hochkriechend, angst! Erst dachte ich, es wird angst vor den therapieferien sein. Dann wurde die angst so stark! Sie zog wie nerven durch meinen ganzen körper, bereitete sich aus bis zu den händen! Es war fürchterlich, grausam. Jetzt erzähle ich phlipp doch von dem anruf, so mein entschluss.  Das tat ich, sagte aber nichts von meiner angst. Er war auch wütend. Als ich mich wieder hinlegte, kam die angst wieder hoch! Das kann man nicht lange aushalten, da wird man verrückt! – Wärmflasche auf den bauch, weil von dort die angst kam, reden mit der kleinen Ann. – Es war wie ein schock! Damit habe ich nicht gerechnet, dass wegen ihres urlaubs so eine angst…. Kann ich mich nicht richtig einschätzen? –

Die K. sagte, sie fühle es so, dass das angst und unsicherheit von früher gewesen wären. – Damals wussten sie auch nicht, ob und wann irgend etwas von ihrem vater oder ihren brüdern kam. Und jetzt haben sie angst, dass auf einmal etwas kommt, was sie nicht erwartet haben. Eine unwägbarkeit, hart ausgedrückt: wieder ein missbrauch! – Ich schlug erschreckt die hände vor mein gesicht! Verwirrt! Das hätten wir ja hier schon öfter gehabt, wenn ich etwas nicht sage, dass dann angst auftauche. Heute morgen sei das ja auch so gewesen. Aber sicher wäre es nicht nur das! Sie sprach noch davon, ich sei heute doch sehr eingebunden, feste beziehungen, regelmäßig mit ihr in kontakt, also mit mir in kontakt! Also nicht zu erwarten, dass irgend welche überraschungen… – Aber sie haben von früher herrührend jetzt angst, dass doch was kommen könnte, was sie nicht wissen, nicht abschätzen können. – Dann hat meine angst also nichts mit ihrem urlaub zu tun?, fragte ich sie. Es sei nur eine hypothese von ihr, mit der wir arbeiten müssten und schauen, ob sie sich bestätige. Ich konnte sie kaum verstehen, konnte kaum denken! 

So ging es mir immer wieder einmal. Ich konnte nicht denken oder verstand nicht oder kaum, was die Therapeutin gesagt hatte. Dann seien wir nahe dran oder dann stimme das, was sie vermutet habe. So ungefähr erläuterte sie mir diese Phänomene irgendwann einmal. 

Nun weiter von der Therapiestunde:

(…) Ich erzählte ihr von meinem gedanken heute früh: Ich würde ihnen alles geld geben, was ich habe, wenn sie etwas machen, dass ich nie mehr so eine angst spüren muss! – Sie lächelte mich lieb an. – Das kann man wirklich nur dem aller ärgsten feind wünschen! –

Sie sagte das noch: Sie hatten ja lange zeit angst, dass ich nicht wiederkomme! Im ersten und zweiten therapiejahr war das so. Das ist ganz normal, da fehlt noch das vertrauen. Wenn sie einer einjährigen sagen, die mama kommt wieder, versteht sie das nicht. Das ist auch bei einer vierjährigen so, und so ist es in der therapie dann auch, je nach dem stand, wo sie sich gerade befinden. – Aber jetzt weiß ich doch, dass sie wiederkommen! – Ja! Das sehe ich auch so! Also hat diese angst jetzt eine andere qualität. – 

Nun hatte ich wieder, wie vor vielen Jahren, Angst vor der starken Angst, dass die wieder zurückkommt. Konnte mir jetzt aber sagen, ich weiß doch, dass es was Altes ist; das beruhigte mich einigermaßen. Die starke Angst erinnerte mich aber auch an die Situation, als ich alleine mit dem Kollegen der K. im Büro der Praxis war. In der sich daran anschließenden Therapiestunde spürte ich doch auch ganz tiefe Angst. Aber jetzt die Angst, das war wohl das Schlimmste, Härteste was ich bis dahin erlebt hatte. Danach stand ich noch wie unter Schock. Ein Gefühl der Leere in mir, fühlte mich ohne jeden Antrieb. 

Gleich zu Beginn des neuen Jahres konnte ich wegen meines schlechten Zustandes während der Therapieferien der K. eine zusätzliche Stunde in Anspruch nehmen, aber…

2.1.1995 … die K. kam und kam nicht. Hat sie unseren termin vergessen? Ist sie doch schon weggefahren? Mir wurde ganz anders… Nach längerer zeit kam sie, ich wollte gerade gehen. Missverständnis mit der Uhrzeit. Ich sprach von meiner phantasie, sie hat mich vergessen! Schweigen. Sitze bei ihr, bei meiner mama. Eine ganze weile saßen wir ganz still und ruhig zusammen, sie wieder vor der heizung, also auf dem boden. Ich erzählte ihr ziemlich ausführlich, für mich selbst überraschend, von dem, was eine freundin mir letzten dienstag berichtet hatte: Eine junge lesbe habe sich an weihnachten aufgehängt. Zuvor krisensitzung bei ihrer therapeutin. Die freundin sei jetzt auf die therapeutin sauer. Meine erste reaktion, man trage für sich selbst verantwortung, es sei ihre autonome entscheidung. Dann sei mir das alles doch sehr nahe gegangen. – Ich fühle mich doch selbst so unsicher, traurig…. Ich kann das nicht verstehen, frau k., dass mein vater so was gemacht hat! Ich kann’s nicht fassen! Ich hab ihn doch mal so lieb gehabt! … Alles schöne hat keinen wert mehr für mich! – Ich berichtete, hätte das thema ruhen lassen wollen, aber es ginge mir nicht aus dem kopf. Starke kopfschmerzen, rückenschmerzen,  in die badewanne und ganz viel geweint und immer wieder mama, mama in mir. 

Hätte auch an sie gedacht, meine lieben gefühle gespürt und hinterher gedacht: Die lieben gefühle retten mich! Wenn die nicht wären, gäbe es keinen sinn, weiterleben zu wollen! –

Mich ängstigte selbst, was ich erzählte und dabei fühlte. Sie schaute liebevoll nach mir und sagte bald, sie denke, ich würde mich wertlos fühlen! – Wenn mein vater das mit mir gemacht hat, bin ich nichts wert!, so ihre annahme. Vielleicht würde ich mich auch wertlos fühlen, weil meine mutter mich nicht beschützte, nicht für mich da war. Vielleicht habe die gar nicht gedacht, dass er so was macht, ihm vertraut. – Aber er hat das nicht gemacht, weil sie nichts wert sind!! Weil er sie nicht mochte! – Dann würde sie, die therapeutin, auch noch in urlaub gehen, gäbe mir damit auch das gefühl, ich sei ihr nichts wert, sei wertlos! All das würde sich vermischen. – Für mich ist es eher so, was ist alles noch wert, wenn ein vater so etwas macht? Das ist doch wie krieg, wenn man noch nicht mal vor seinem vater ruhe hat! Für mich ist das wie krieg! – (…)

Sie kam auf die geschichte mit der jungen lesbe zurück, wie ich das geschildert hätte, was einiges sagen würde. Ich bekam nicht alles mit. Die junge frau habe ja sehr viel wut auf ihre Therapeutin gehabt, aber… – Denken sie, ich habe wut auf sie? – Ich spürte keine. – Es wäre mir jedenfalls lieber, sie hätten wut auf mich, als wenn sie die wut gegen sich richten. – Sie denke, es gehe bei mir eher um schuldgefühle. Schuldgefühle, weil wir schon zwei sonderstunden während ihrer Ferien machen mussten. Und dann bestärkte sie mich ungefähr so: Sie wissen, was sie brauchen und übernehmen die verantwortung für sich. – Sie strahlte zuversicht und sicherheit aus, und das war gut für mich. 

Ich fragte nach ihrer telefonnummer im urlaub, die sie mir eigentlich geben wollte, aber dann äußerte sie bedenken, und ich entschied mich dagegen, auch nachdem sie mich darauf hinwies, diese furchtbare angst hätte ich doch ausgehalten, und die sei, im gegensatz zu den attacken früher, doch nicht lange anhaltend gewesen. Außerdem würde sie, die K., keine wunder bewirken. ICH würde doch alles machen, schaffen! Ich sagte ihr das noch: Als ich letzte woche hier wegging, beim verabschieden hatte ich den impuls, sie zu umarmen! Aus dankbarkeit! Und aus freude, dass sie so lieb für mich da sind! Gerade jetzt! … Wenn ich es schon nicht tue, will ich es doch wenigstens sagen! – Ehem!, lächelnd. 

Ab Mitte der stunde sah ich sie oft direkt an, auch in ihre augen, und am schluss ohne zu sprechen…, angucken, sie komplett. Nahm sie richtig in mich auf! Das ist einfach wundervoll!

Ja, die lieben Gefühle für die Therapeutin haben mich (mit) gerettet, so empfinde ich das heute noch! Mit dem Abstand von heute ist mir das noch klarer! Sie gaben mir ein Gefühl von Geborgenheit und Aufgehobensein, es war wie lieb gehalten werden. Diese Liebe gegen meine Verletzungen. Und über die Liebe zu der Therapeutin kam ich, wie bereits kurz erwähnt, auch zu lieben Gefühlen für mich. Ich lächle beim Schreiben, weil das wirklich eine wundervolle Erinnerung ist. Auch wenn ich jahrelang mit der Liebe für die Therapeutin sehr große Probleme hatte, ich immer dachte, das ist doch nicht normal, ich bin nicht normal. Heute weiß ich diese Gefühle einzuordnen und bin dankbar, mir dankbar, dass ich sie zulassen konnte, zugelassen habe. Ich komme darauf zurück. 

Und es ging weiter mit Anrufen in der Nacht, keiner meldete sich. Ich spürte eine solche Wut. Legte eine Trillerpfeife neben das Telefon. Wenn einer anruft, wird die benutzt! In einer der folgenden Therapiestunde tobte ich diese Wut nicht nur mit meiner Stimme aus, sondern auch durch Schlagen und Treten, und das war gut. Das musste mal raus.

Bald darauf träumte ich wieder von Vater und sagte nach dem Wachwerden, weinend: Mama, rette mich! – Ich träumte, …

12./13.2.1995 … dass ich mit meinem vater im campingbus nach B. (Wohnort meiner Eltern) fahre. Er versucht, mit seiner hand in meine bluse zu kommen. Ich herrsche ihn an, schlage seine hand weg. (…) Meine mutter erwartet uns, ich gehe zu ihr hin, sage: Ich fahre nicht mit ihm zurück, nehme ein taxi!, sage es ganz fest. Ich drücke sie und sage was liebes zu ihr. Sie: Es wird alles gut! – Sie guckt so wissend. Am bahnhof, kein taxi, vater kommt hinter mir her, kommandiert zwei riesige fahrzeuge, die auf mich zufahren. Ich versuche zu entkommen. …. Weiter bedrohung durch meinen vater, die ich aber nicht mehr genau erinnere. 

Mir ist, schrieb ich im Anschluss an den Traum in mein Tagebuch, als hätte ich Vater im Traum so erlebt wie er wirklich ist! Ich fügte nach dem Erzählen in der Therapie hinzu: Mein Gefühl ist, als hätte mir mein Vater den Arm gebrochen…, nein, als hätte er mir meine Flügel gebrochen!, und schwieg… Ich sagte noch: Es wäre besser gewesen, nicht auf die Welt gekommen zu sein! –

Die K. hielt dagegen: Sie hätten dann aber viel schönes nicht erlebt! …. Und sie hätten nicht erlebt, dass sie sich für sich einsetzen! – Mich zog das alles runter; ich sprach von meinem gefühl, mein vater wollte mich umbringen und jetzt will ich nicht mehr… – Ich hab so eine angst! – Mir war ganz schwindlig im kopf. – Haben sie angst, damit an die öffentlichkeit zu gehen?, fragte sie, weil ich im traum zweimal zu vater gesagt hatte, ich würde darüber reden, wenn er mich nicht in ruhe lässt oder so ähnlich. Ob ich angst hätte, er könne mich umbringen wollen, wenn ich darüber rede?, fragte sie auch. Ich hätte am liebsten geweint, konnte nichts sagen, nur dass ich traurig bin und angst habe und das gefühl, mama, beschütze mich, rette mich! (…) 

Ich wollte mir nicht weiter angucken, was mit meinem Vater war, ich hatte einfach unermessliche Angst davor. Und wenn doch etwas hochkam, hatte ich wohl schon öfter der K. gegenüber geäußert, sie würde mir das sowieso nicht glauben. Darauf ging sie irgendwann einmal fast energisch ein:

20.2. (…) Das geht doch schon einige jahre so, dass sie, wenn sie vermutungen oder ihre gefühle äußern, mir unterstellen, ich würde sagen, das stimmt doch nicht! Bilden sie sich nur ein und ähnlich. Wofür ist das gut? Was wollen sie damit abwehren? … Irgendwie ist stillstand. Es bewegt sich nichts. – Ja, ich habe auch das gefühl, ich bin wie gelähmt. Kann nichts machen! …. Aber ich habe doch so eine riesige angst davor! – Wovor? – Wenn sich rausstellt, es war was mit vater, wie ich das verkraften soll! …. – Wenn sie sich dem stellen, wissen, ob und was war, werden sie sich freier fühlen, befreit sein. Und sie haben die autonomie, sich frei zu entscheiden, will ich kontakt oder keinen, hab ich wut oder nicht, und und und. – Ich frage mich, ob mein vater mich vergewaltigt hat und wie ich damit leben soll. Dann will ich nicht mehr leben! Das überleb’ ich nicht! – Das haben sie aber schon mal überlebt! Und leben bis heute damit! …. Sie lassen nichts an sich rankommen! Es ist wie watte um sie herum! – 

Ich sagte bald darauf: Vielleicht geht es nicht mit reden, sollte ich doch malen oder mich irgendwie anders ausdrücken… – Ja, das habe sie auch gerade gedacht. Sie machte vorschläge; ich entschied mich für fingerfarben. Zum schluss der stunde musste ich ihr das noch sagen: Ich will, dass wir meine ängste ernst nehmen! – Damit ich mir keinen druck mache, dachte ich später.

Selbst nach so vielen Jahren, also jetzt, während des Schreibens, reagiert mein Körper, spüre ich manche Gefühle wieder. Das Brennen und auch andere Gefühle. Ganz leicht, aber das ist da. Meist tangiert mich das nicht weiter. Es war auch schon anders, dass ich traurig wurde, weinte. Oder Angst erinnerte, wieder richtig Angst spürte, was gar nicht angenehm ist. Aber es ist in Ordnung, ich kann damit umgehen, mich verstehen.

Nun will ich noch etwas einfügen, nachdem ich jetzt an der zu veröffentlichenden Fassung des Kapitels ‚Der Vater’ arbeite. Der Beginn war noch schwieriger als das Schreiben der ersten Fassung, der Rohfassung, vor rund zwei Jahren. Ich konnte wieder nicht damit beginnen, schob es Wochen vor mir her. Rückenschmerzen, konnte kaum sitzen. Schmerzen wie früher, als es in der Therapie um meinen Vater ging. Das gibt’s doch nicht! Was ist denn jetzt los?, fragte ich mich, völlig überrascht. Damit hatte ich nicht gerechnet. Der ganze Rücken wie eine offene Wunde! Musste paarmal heftig weinen. Nach dem Weinen ging es mir jeweils besser. (Wenn der gesamte Rücken wehtut, dann weiß ich, jetzt hilft nur noch weinen.) Ich  konnte mich dann langsam dem Text nähern – dies wiederum zuerst nur im Bistro. Zuhause zu arbeiten war mir nicht möglich. 

Aber das war noch nicht alles. Plötzlich und für kurze Zeit fühlte ich mich klein, wieder wie ein Kind, und hatte wieder diese Gedanken: Das kann ich doch nicht über meinen Vater sagen oder schreiben! – So erging es mir schon beim Erinnern und Bearbeiten während der Therapie. Aber noch überwältigender dieses Gefühl: Wenn ich das jetzt schreibe, dann geht das nie mehr weg! Kann ich das nie mehr wieder verdrängen, weil es dann aufgeschrieben und veröffentlicht ist! – Beim Schreiben der ersten Fassung war mir aufgefallen, dass ich einzelne Situationen mit meinem Vater gar nicht mehr präsent, also inzwischen wieder verdrängt hatte. Jetzt war es nicht so, aber: Wenn ich das schreibe und veröffentliche, dann ist es wie in Stein gemeißelt, ist es immer da! – 

Eine Zeit lang überlegte ich wegen all der Hemmnisse, das Kapitel nur kurz zu fassen, ganz kurz zu schreiben, dies und das hat mein Vater früher mit mir gemacht. Oder es sogar ganz wegzulassen. Oder nur zu schreiben, ja, auch er, aber ich kann’s nicht aufschreiben. Aber ich will das doch! Was mach’ ich denn jetzt? Und dann kam ich auf die Idee, die kleine Ann zu fragen, was sie denkt und fühlt – auch das wie zur Zeit der Therapie. Wieder überraschte sie mich – aber eigentlich auch nicht! Die kleine Ann lächelte und war ganz klar: Sie will, dass ich das schreibe und veröffentliche. Dort soll stehen, klar und deutlich, was ihr Vater mit ihr gemacht hat! – Das sollen und können alle wissen! – Ich staune…. und schreibe und arbeite weiter an diesem Kapitel. Ich werde alles aufschreiben und veröffentlichen und nichts auslassen!

Wieder zurück zum Therapieverlauf. Mir war also klar geworden, ich kann manches nicht aussprechen, es geht nicht mit Worten. Schon vor langer Zeit hatte die Therapeutin den Vorschlag gemacht, zu malen oder mich mit anderen Hilfsmitteln auszudrücken. Sie schlug auch mal vor, als ich mich wie in einer Ecke fühlte, aus der ich nicht rauskam, mich wirklich in eine Ecke unseres Raumes zu setzen. Das erschien mir damals alles völlig albern; das wolle ich nicht, würde ich nicht machen, ich sei doch kein Kind! Aber das veränderte sich, ich veränderte mich, meine Einstellung dazu; ich konnte mich in der Folgezeit darauf und auf Anderes einlassen. Nun schlug ich selbst vor zu malen.  

Bevor ich auf die Stunde eingehe, in der ich dann die Fingerfarben einsetzte, will ich erwähnen, dass ich mich am Nachmittag zuvor auf das Mädchentraining vorbereitet hatte. Nachdem ich selber in einer Frauensportgruppe Selbstbehauptung und Selbstverteidigung gelernt hatte, begann ich damals jeweils zusammen mit einer erfahrenen Trainerin, Mädchengruppen zu trainieren. Ich war so gespannt darauf und freute mich sehr.  Es gab also auch Spannendes und Schönes während dieser Zeit. 

Nun zurück zu den Fingerfarben. Über die Notizen von dieser Stunde schrieb ich: Habe meine Gefühle mit Fingerfarben gemalt. War gut bei mir und konnte gut in mich rein fühlen. Und die K. war so lieb und engagiert. Ich notierte weiter:

21.2. (…) Schön gekleidet und mit dem gefühl, ich will meine wünsche und gefühle zulassen, kam ich dort an! Sie sagte bald, nach ein paar worten von mir, beugte sich dabei zu mir hin: Ich habe gestern noch fingerfarben besorgt! – Sie lächelte vielsagend und ich über sie! Ja, ich wolle das versuchen. – Ich möchte ihnen vorher noch etwas sagen, aber das ist nicht so leicht. …. – Dann, fest, bestimmt: Ich will das mit meinem vater angehen! Ich will wissen, ob und was mit ihm war! Ich will da raus! – Ja! –

Dann holte sie die farben, papier und andere materialien. Mir kamen die tränen; sie fragte nach. Ich sagte ihr, dass dauernd in mir sei: Mama, ich hab doch so eine angst! – Verständnisvoll von ihr: Ehem! – Sie habe leider kein rot bekommen. Das würde ich aber unbedingt brauchen, sagte ich, weil schon wieder so ein brennen in meiner vagina… Sie holte rote wachsmalkreide, da war feuriges rot dabei. Und die liebe sagte dann: Jetzt geht es erst einmal nicht darum, ob da ein missbrauch war oder nicht, sondern um ihre gefühle! Ihr befinden! … Das andere hat noch zeit, das kommt dann schon! – Ja, sagte ich leise.

Vor dem brett mit papier und den anderen Utensilien sitzend, ganz bei mir, in mich rein fühlend… malte ich mit den fingerfarben, mit schwarz, einen breiten kreis…, kam eher zufällig mit meinen schwarzen fingern über den kreis… und musste weinen. Dann fuhr ich von außen nach innen mit den fingern von allen seiten in die weiße fläche, bis kaum noch weiß übrig blieb. Das alles ganz langsam, brauchte und nahm mir zeit. Sie fragte, ob ich etwas dazu sagen wolle, was ich male, was es bedeute. – Ich musste schwarz nehmen! Das war gleich klar! Es bedeutet angst! Und dunkelheit! – Und warum ist der weiße fleck dann auch schwarz geworden? – Der kreis ist mein bauch! Alles voller angst! Und von außen kommt noch angst hinzu! Nimmt jemand besitz von mir, sagte ich wohl noch. … Da, wo noch weiß ist, müsste noch alles rot sein! Und da unten auch. Weil es da (im Bauch) und da (Vagina) brennt. – Dann malen sie das doch noch!, forderte sie mich mit lieber stimme auf.  Ich nahm den roten stift: Alle weißen flecken müssen rot sein… und da auch! – Malte rotes dreieck unterhalb des kreises… Das war einfach so da, ohne zu denken. Hörte sofort auf zu malen. – Warum hören sie so abrupt auf? – Weil ich mich erschreckte beim malen des dreiecks. – Ich sagte auf ihre frage noch, dass es im bauch und ‚dort‘ (konnte kein wort ‚dafür‘, für meine vagina, finden) brenne. – Aber warum haben sie den stift so fallen lassen? – Das hab ich gar nicht bemerkt! … Ich spüre jetzt nur noch brennen dort (in meiner vagina) … und hab das gefühl, als ziehe sich alles zusammen! … Ist alles ganz verspannt…- Ich beendete das malen. 

Ob ich das bild behalten wolle oder ob sie das mitnehmen solle. – Es ist besser, wenn sie es mitnehmen! – Ja, das glaube ich auch!, und sie fügte hinzu: Da ist ganz viel leben drin! Ganz viel!, und schaute mich so lieb an! Als sie draußen war, musste ich erst einmal weinen. Mama, mama. Ich blieb noch fast eine stunde in meinem sonnendurchfluteten kinderzimmer! Hätte ihr am liebsten diese worte hinterlassen: Danke, mama! Mama, ich hab’ dich so lieb!, weil sie mich doch so unterstützt! 

Ich sprach vom Kinderzimmer…, ja, so nannte ich zeitweise unseren Therapieraum, weil ich dort noch einmal Kind sein durfte und die Therapeutin sich mir gegenüber wie eine liebe Mama verhielt. 

Zur nächsten Stunde hatte ich weitere Fingerfarben mitgebracht.

23.2. (…) Die K. fragte lächelnd: Also kann es weitergehen mit dem malen? – Ja! – Ich hatte auch blau mitgebracht, brauchte blau! – Mir ging es in den letzten beiden tagen richtig gut, aber heute bin ich so unruhig, habe angst! – Ich wolle ihr aber vorher von schönem berichten: Ich habe zum ersten mal mädchentraining gegeben. Das hat mir so viel freude gemacht, und ich kam gut zurecht! – Die lächelnde Therapeutin freute sich sichtlich mit mir.

(…) Bevor ich versuchte zu malen, sprach ich wieder von meiner angst. – Ich weiß nicht, ob ich das noch mal schaffe. … Würde am liebsten mama schreien… (…) Und mir ist so kalt! … Es ist so kalt! – Musste von den malsachen weg, musste zurückweichen, als drohe mir von dort Schlimmes. Sagte jetzt hörbar: Mama! Mama!, und weinte. Endlich. –

Mir ist so kalt. Als ob jemand die tür aufmacht und kalter wind hereinkommt. Eisig kalt! Meine beine ganz kalt! – Ich deute an, auch am unterleib kalt. Und dann, dass ich ‚dort‘ gefühle spüren würde. Und: Da ist was!, deutete an, zwischen meinen beinen. Sie fragte irgendwann, wie alt ich sei, wie alt ich mich fühlen würde. Erst konnte ich gar nicht darauf eingehen, dann: Noch klein, keine 4, keine 6 jahre, kleiner. Etwas später: Es ist was ganz schweres auf mir… (…) Der will mich umbringen! Ich hab so eine angst! Mir ist richtig schwindlig im kopf. Und ganz schlecht! (…) Mein gefühl, ich kann nicht weg! Der bringt mich um. – Ich musste aufstehen, mich anders setzen…, dann legte ich mich auf den rücken, arme, beine ausgestreckt. Mein gefühl, ich gebe auf! … Bald darauf ende der stunde.

Schaute sie an, in ihre augen. Ich könne noch in unserem raum bleiben, sie ginge in den anderen raum, käme danach zurück, würde noch einmal nach mir schauen. Und sie ermunterte mich, das alles hier zu lassen. Und sagte: Ich möchte, dass sie am wochenende mit dem, was sie heute gefühlt und erinnert haben, gut umgehen! – Ich dachte, ich weiß, dass ich montag wieder herkommen kann, weiter darüber reden kann. Ich werde lieb mit mir umgehen!

Sie kam dann auch wirklich nochmal, hockte sich in meine nähe…

Ich notierte nach der Stunde, dass ich mir ganz fest vornahm, liebevoll mit mir umzugehen, meinen gefühlten Erinnerungen zu glauben! ALLEN gefühlten Erinnerungen! An diesem Abend war ich mit meiner Schwester Lisa zum Essen verabredet. Dabei berichtete sie von einer Situation von früher, die ich nach unserem Treffen in meinem Tagebuch festhielt:

Sie war ungefähr 13 jahre alt, mit vater im wohnzimmer, auch birgit und ich dabei. Nachdem ich rausgegangen war, sagte vater ungefähr: Das mache gar nichts, wenn man als kind ‚dahin‘ (Vagina) gepackt bekäme, dann sei das später nicht so neu und man würde sich dann als erwachsene frau nicht so anstellen!

Einige Zeit danach fiel Lisa noch ein, dass auch meine Brüder Adolf und Bernd bei den Worten meines Vaters zugegen waren. Nachdem ich diese in der Therapie wiedergab, fügte ich hinzu:

2.3. (…) Ich kann das nicht verstehen! Dass ein vater so etwas machen kann. Das mein vater so etwas gemacht hat! – Ich sehe es so, dass ihr vater vielleicht wirklich dachte, das steht ihm zu. Kein unrechtsbewusstsein besaß… – Das sehe ich anders! – Ich hielt meine augen geschlossen, war ganz konzentriert: Mein vater wusste genau, dass das nicht in ordnung war! Der hat sich das nur zurechtgelegt, um sein tun vor sich zu rechtfertigen. Das passt zu ihm! So war er! – Ich sah ihn jetzt so klar! Sagte: Innen verbrecher und drecksau, nach außen der feine herr! –

In dieser Therapiestunde erzählte ich der Therapeutin aber auch noch etwas ganz Anderes, nämlich wie ich beim Frauensport zwei Bretter mit dem Fuß durchgetreten hatte. Ich erläuterte ihr, das gehe nur, wenn frau sich vorstellt, sie will sich von den Brettern nicht aufhalten lassen. Ich hätte dabei an jemanden gedacht… Die Therapeutin fragte nach: Und an wen? – An meinen Vater… und schon waren sie durch! – Ich denke, sie wird daraufhin geschmunzelt habe, die liebe Lady. Das finde ich heute noch beglückend, das geschafft zu haben. Damals hat mich das sehr gestärkt und mir Auftrieb gegeben. In dieser Stunde erkannte ich: Ich will doch mein Leben leben und dafür ist es notwendig, das mit meinem Vater zu klären und mich dann von ihm frei zu machen. Sonst schaffe ich das nicht! – 

Im folgenden Traum nahm ich vorweg, was ich schon nach der letzten Stunde überlegte, meinem Vater am Telefon sagen zu wollen: 

Bernd war auch dabei, vielleicht auch Adolf. Frage vater, ob er sich erinnern könne, was er, als ich klein war, mit mir gemacht habe? Ich könne mich daran erinnern! Hätte es nicht vergessen! An reaktionen habe ich nur dies in erinnerung: Dass Bernd rausgeht, was ich so empfinde, er weiß, was ich meine, und er weiß auch, warum ich mich heute nicht mehr bei ihm melde. Von meinem vater keine erinnerte reaktion… 

Ist auch egal, denke ich nach dem erwachen. Dass ich es aussprach, das finde ich gut!

Von meinem Impuls, meinen Vater anzurufen, sprach ich in der Therapie (6.3.), aber auch von meiner Wut auf ihn, die ich bald darauf (9.3.) zuließ. Vorher spürte ich heftige Angst. Das würde ich doch kennen. Ich hätte doch selbst dann Angst, wenn ich nur malen wolle!, erinnerte mich die Therapeutin. Ich hatte eine kleine Weile gebraucht, auch um rauszufinden, was zu meiner Wut passt; aber dann tobte ich und das nicht zu knapp! Ich schlug auf ein Kissen, malträtierte es, auch mit meinem Fäusten, biss vor Wut hinein und feuerte es zum Schluss gegen die Tür. – Ja, am besten auch noch die Treppe runter!, bestätigte ich ihre Vermutung. Nach dem Toben stellte ich mich ans Fenster, ließ die wärmende Sonne auf mich scheinen und sagte: Ich fühle mich gut, aber ich bin auch traurig. – Ja! Ehem! – Aber das war noch nicht alles!, betonte ich. Danach konnte ich weinen; weiter mit viel Wut und Hass in mir. – Gut, dass ich das geschafft habe. Auch dass ich selbst spürte, was ich machen will, wie ich meine Wut austoben will. – Ja! –

Nach der Stunde weinte ich ununterbrochen, hatte die Therapeutin gar nicht gehen lassen wollen. Ich notierte: Ich könnte schreien vor Schmerz und Trauer. Und weiter der Wunsch, den Impuls, Vater anzurufen. Die kleine Ann ist so traurig und hat Angst. Ich hab’ sie lieb in den Arm genommen, ihr den zarten Rücken gestreichelt… Wir haben zusammen geweint. Ich passe auf dich auf! Ich bin deine Mama! Und wir haben zusammen eine liebe Mama! – Damit meinte ich die Therapeutin. 

Durch die Arbeit in den Jahren zuvor hatte ich gelernt, nach der kleinen Ann zu schauen, liebevoll mit ihr umzugehen und einiges mehr. Aber vielleicht erwähnte ich das bereits? Egal, es war so wichtig und so gut für mich!

Ein paar Tage später rief ich tatsächlich meinen Vater an. Dazu notierte ich in meinem Tagebuch:

12.3. Unerträgliche kopfschmerzen, rücken völlig verspannt. Immer wieder den impuls, die alten anzurufen. Ich will das loswerden! Aber das bringt doch nichts und ähnliche gedanken! Um 12 uhr rief ich an, meine mutter war dran, liebe stimme, TV im hintergrund. Ich wolle vater sprechen. Er begrüßte mich freundlich. (…) Kannst du dich daran erinnern, was du mit mir gemacht hast, als ich ein kleines mädchen war? ICH kann mich noch erinnern! Habe es nicht vergessen! – Was soll ich denn mit dir gemacht haben? – (….) Du hast mit mir gemacht, was man sexuellen missbrauch nennt! – Nein! So was habe ich nicht mit dir gemacht, da bin ich mir ganz sicher! – (…) Dann kann ich nicht weiter mit dir reden! – Ich brach das telefonat zitternd ab.

Philipp sagte später, ich hätte ruhig und als erwachsene gesprochen. Mein vater sprach ganz nett und lieb, auch nachdem ich mit meinen fragen deutlicher geworden war. Oh gott, was hab’ ich jetzt gemacht? Vielleicht bilde ich mir das doch alles ein! So ging es mir dann bald. Rief Lisa an, die war sehr geschockt. Tat mir gut, mit ihr zu reden, bestärkte mich wieder, meinen gefühlten erinnerungen zu glauben.

Nun die Aufzeichnungen der darauf folgenden Therapiestunde:

13.3. Die K. setzte sich wieder vor die heizung auf den boden. Es schoss aus mir raus: Ich habe gestern meinen vater angerufen! – Sie strahlte mich richtig an, überrascht. Und ganz gespannt forderte sie mich auf: Erzählen sie! – Ich erzählte aufgewühlt, auch dass ich danach unsicher war durch seine liebe art zu reden. Ich müsse jetzt erst einmal einen moment schweigen. Musste mich wieder spüren, fühlen, was ich sagen will und dass ich dort bin. Ich berichtete dann vom gespräch mit Lisa. – Wir denken beide, gut, dass das endlich mal auf den tisch kommt! Ich musste das loswerden! Das war wie ein zwang! Ich will, dass diese verlogenheit unserer familie endlich mal ein ende hat! – Ehem! –

Birgit sei, während ich anrief, bei den eltern gewesen,  laut aussage von Maria. – Gut, dann weiß die auch gleich bescheid!, verkündete die K. ganz locker! Ich sprach von meiner angst vor reaktionen der familie. Aber auch das sei da: Ich musste meine gefühle und erinnerungen mal mit der wirklichkeit konfrontieren, also mit meinem vater, um zu sehen, ob sie dem standhalten. … Ich bin froh, dass es raus ist! – Die K. schlug vor, wegen meiner angst vor der familie, ich könne doch meine mutter anrufen, fragen, ob sie das vom vater weiß. Das sei unmöglich! Ginge nicht, meine mutter anzurufen. Schaffe ich nicht! – Mögliche reaktionen meiner familie sprach ich noch an…. Auch, wie es wohl Maria und Birgit damit geht, wenn sie davon erfahren. Adolf und Leo könnten mich anrufen, mit vorwürfen und wer weiß was noch… Das wäre schon schlimmer. –

Egal, wer sich meldet. Ich denke, es ist wichtig, dass ich dann ganz bei mir bleibe! Nicht darüber rede, wie es meinem vater geht oder so, sondern wie es mir geht! – Ja!! – Mir war dann ganz schwindlig im kopf. Schweigen. – Hab’ ich die verantwortung, frau K., wie es den anderen damit geht, meinem vater oder wem auch immer? – Nein!!, kam ganz deutlich von ihr. – Es ist nicht ihre aufgabe, auf deren befinden (oder ähnlich) zu achten. – Ich sprach von meiner Angst, wenn ich das Maria sage, dass sie das nicht verkraftet, weil sie sagte, dass sie das bis heute nicht verkraftet hat, was meine brüder mit mir gemacht haben. Dass so etwas in unserer familie passiert ist. – Sie werden doch nicht aus angst vor der reaktion von Maria NICHT zu sich stehen!?, entgegnete die K. ganz energisch, was mir sehr gut tat! – Wenn Maria so reagiert, kann man ja mal fragen, warum sie daran festhalten muss, dass sie die familie so positiv sieht, es nicht aushält….., was das bei ihr auslöst! –

Die K. sagte dann noch etwas zum verhalten meines vaters am telefon. Vielleicht habe er das verdrängt, vielleicht sei es nach dem gespräch wieder da, vielleicht bleibe es bei ihm verdrängt aus schlechtem gewissen. – Es ist ganz wichtig, dass sie bei sich bleiben! – Ja… –

Ich erzählte damals den Sportfrauen von meinem Anruf bei meinem Vater. Sie waren begeistert. Wir tranken später Sekt. Sie gaben mir noch gute Tipps, wie ich mit den eventuellen Reaktionen aus der Familie umgehen könnte. Ich hätte nicht die Verantwortung, sondern die Täter. Solange ich nichts sage, würde ich die weiterhin schützen. Die Angst vor den Folgen verhindere oft das Aussprechen und schütze die Täter. Wie gut, dass ich damals diese Sportgruppe, diese Frauen hatte! Am Abend rief meine Schwester Birgit an. Ja, sie wolle wissen, was ich zu unserem Vater gesagt hatte. Ich sagte es ihr. Danach in mir: Ich hab’s gesagt!, zittrig, aber sehr froh. 

Ich berichte von Anrufen, Reaktionen und Konfrontationen von Vater, Mutter und meinen Geschwistern ausführlich im Kapitel ‚Reaktionen‘; erwähne diesen Anruf und die Folgen auch hier, weil er für die Entwicklung des Geschehens wichtig und der erste Anruf bei ihm war. 

Ich bin jetzt mit meinen Schilderungen im vierten Jahr der Therapie. In diesem Jahr war ich nun wirklich an dem Thema mein Vater. Es verging kaum eine Stunde ohne Erinnerungen oder Bezug auf etwas, was ich in den Tagen dazwischen erlebte, erinnerte oder was auch immer.

16.3. Die K. saß wieder auf dem boden! Ich erwähnte den anruf eines unbekannten bei mir zuhause, nur das räuspern eines mannes wäre zu hören gewesen. Herzklopfen, angst, schrecken. Sogar angst davor, mein vater könne vor unserer wohnung stehen. – Der hat noch immer macht über mich! Immer noch! – (…) Ich fragte die K.: Finden sie es eigentlich gut, dass ich meinen vater angerufen habe? Richtig? – Sie lächelte: Das möchte ich jetzt nicht beantworten. – Ich würde mich in einem prozess befinden, in den sie nicht eingreifen wolle. Außerdem hätte ich doch ihre reaktion erlebt. Müsse nur die augen aufmachen! … (…)

Meine freude nach dem anruf: Ich habe es gesagt! – Und noch etwas schönes berichtete ich der lady: Ich habe mit der kleinen Ann gesprochen, was sie davon hält, dass ich das vater gesagt habe…. Sie hat über das ganze gesicht gestrahlt! – Blick über den spiegel. Die K. guckte so süß! Strahlte! Das war so schön! – Ja, die kleine Ann ist unglaublich froh darüber. – Ja…, ehem… –

Wieder ernster erzählte ich einen traum von heute nacht:

Es klingelt an unserer wohnungstüre. Mehrere menschen. Ich will nicht öffnen. Sie schlagen die scheibe ein und strecken ihre hände durch. Angst. Sie brechen die türe auf…. (…) Ich kann nicht laut um hilfe rufen, versuche es, bringe kaum einen laut raus…. Ein mann betatscht mich, meinen ganzen körper begrapscht er. Und ich denke: Es ist ja nicht so schlimm! Es ist ja nicht so schlimm! Wieder versuche ich, um hilfe zu schreien. Angst, herzklopfen, wach! 

Zu dem ‚es ist doch nicht so schlimm‘ sagte ich: Ich denke, dass ich mir das damals gesagt habe, um es auszuhalten! – 

Mir war wieder und weiter so kalt. Hüllte mich jetzt ganz in die decke ein. Meinen dicken, weichen pulli ans gesicht oder an meine brust schmiegend, sagte ich: Bei mir geht’s dauernd: Mama, mama. Ich muss dir noch was sagen! – Hm?, weich von ihr. Sah noch einmal in den spiegel zu ihr hin, dann schloss ich meine augen. Gestern wäre ich zur massage gewesen, dabei hätte ich wohl an sie gedacht… Dann in mir: Mama, ich will bei dir bleiben! Schick mich nicht weg!  – … Ich fing an zu weinen. Wann hat mich meine mutter denn weggeschickt?, hätte ich mich gefragt. – Und mir fiel ein, wenn wir besuch bekamen, musste ich bei ihr schlafen, weil der besuch in meinem bett schlief. Und ihr war das oft zu warm mit mir… (…) Ich fand’s schön. Schmiegte mich gerne an sie, weil sie dick und dadurch so weich war. Aber weil es ihr zu warm wurde, schickte sie mich dann zu meinem vater in sein bett. … Ich erschrak bei diesem gedanken. Dachte, meine mutter war doch dabei! … Erinnere mich, hätte mich am liebsten an sie geklammert, damit ich nicht weg muss! – Ehem! – (…) Ich erinnerte die K. an meinem traum vor längerer zeit, biss in den finger meines vaters… Das sei mir gerade eingefallen und jetzt brennen in mir (meiner Vagina) und so kalt, würde die zähne fest zusammenbeißen. – Irgendwas war im bett meines vaters! Das weiß ich! – Ich weinte: Ich will nicht weggeschickt werden! Will bei meiner mama bleiben! – Schweigen.

Ich war dann sehr erschöpft. Wäre doch auch viel gewesen heute, meinte die K. mit liebevoller stimme. – Jetzt müssen sie der mutigen Ann aber noch ein paar liebe worte sagen! – Das sagte diese liebe lady! Ich schaute sie an, in ihre augen. Das tut der kleinen Ann doch so gut! Sah in ihre augen und die tränen liefen mir übers gesicht.

Später, zuhause, erinnerte ich mich ganz genau an das Gefühl, ich will nicht in Vaters Bett!, und notierte weiter in mein Tagebuch:

Spürte den Wunsch nach umfassender geborgenheit und versorgtsein… und erkannte: Das muss ich mir selbst geben! Das ist es! Sich selbst so wertvoll empfinden, so beschützenswert, und sich selbst so ernst nehmen und dann entsprechend liebevoll und fürsorglich mit sich umgehen! Also sich selbst mama sein!

Welch wunderbare Gedanken im Anschluss an diese wirklich nicht leichte Stunde! Um die umzusetzen benötigte ich allerdings viel Zeit, langes daran Arbeiten – aber es hat sich gelohnt! Damals konnte ich das immerhin schon ein bisschen.

20.3. (…) Wusste nicht, was ich sagen wollte. Sah mal zur K. hin, sah sie komplett an… Wieder für mich. Berichtete von einem telefonat mit lisa, von bescheuerten aussagen von ihrem mann wegen unseres vaters; wie schlecht es ihr damit ging. Hätte es kaum ertragen können, sowieso schon so fertig von der stunde davor. Die K. sagte nichts. Hätte mich danach ins bett gepackt und richtig gefühlt wie damals: Ich will nicht zu meinem vater ins bett! – Schweigen. Mir sei in den letzten tagen noch anderes eingefallen, auch wie ich mit ihrem kollegen alleine im büro war… Da hätte ich doch an das elternschlafzimmer gedacht. Auch weil ich hier ja nie ins büro gehen würde, habe es mich daran erinnert, weil wir früher auch nicht im elternschlafzimmer sein durften… Die K. schwieg weiter. Ich unsicher. Warum sagt sie nichts? Mir fiel es so schwer, bei mir zu bleiben! Forderte mich öfter dazu auf! 

Berichtete weiter, im bett liegend hätte ich irgendwann an hier gedacht… – … und auf einmal ganz deutlich das gefühl gehabt, etwas in mir drin zu spüren. Ganz tief in mir drin (in meiner Vagina). – Ich schwieg. Warum kommt überhaupt nix von der K.? Glaubt sie mir nicht? Aber Ann, die kann doch nicht eingreifen! DU musst dir glauben! … Ich sagte ihr dann, wie es mir ging: Ich muss die ganze zeit dagegen ankämpfen, gegen das gefühl: Gleich kommt etwas von ihnen wie, was das ganze soll oder so. Aber ich hab’ auch selbst zweifel! Stimmt das, was ich sage? Bilde ich mir das nicht nur ein? … Aber ich hab’ das so gefühlt! Und das ist mir alles dazu eingefallen! – Mir wurde klar, ich will was abwehren. Fror wieder an den beinen. Kuschelte mich in meine decke, sagte ihr, mir sei so kalt und wieder brennen in mir, in meiner vagina. 

Ich schwieg. Plötzlich hörte ich ihre kollegin in die praxis kommen, was mich zu dieser aussage veranlasste: Ich muss ihnen sagen, lassen sie niemanden hier rein! – Was verbinden sie damit? An was denken sie? – Endlich sagt sie was!! Sie ist doch da! Und nimmt meine aussagen ernst! Was freute ich mich! – Ich hörte, dass draußen jemand ist; weiß ja, dass niemand hier reinkommt. Dennoch ganz stark das bedürfnis, ihnen sagen zu müssen, sie sollen das verhindern! – Ich dachte: Es ist zweideutig, wenn ich sage, sie soll dafür sorgen, dass niemand ‚reinkommt‘… Schweigen. 

Dann brennen, ganz starkes brennen. Sagte es ihr. – Können sie sagen, wofür das brennen steht? Was es bedeutet? Oder wodurch es weggehen könnte? – Sie hilft mir! – Ich hab das gefühl, als wäre was in mir drin! Steckt was ganz in mir drin! Und ich habe gefühle dabei, leichte gefühle, aber auch ganz starkes brennen. Das tut richtig weh! Würde es am liebsten aus mir rausreißen! Und ganz weit weglaufen! –  Weinen. Angucken über den spiegel. – Mama, mama!, sagte ich leise. Rückenschmerzen. (…) Ich legte meine hand auf meine vagina, wollte sie spüren, liebhalten, beruhigen. Sagte weich, leise: Das ist doch mir! – Ja!, die K. mit lieber stimme. – Das gehört doch mir! Da soll niemand hinfassen! – Schweigen. – (…)

Zum schluss dann: Ich will’s nicht wissen, will nicht wissen, was war! –  Und wer will das nicht wissen? Die große oder die kleine Ann?, fragte sie, und ich genoss für einen moment ihre stimme. – Ich glaube, die große Ann! – Und warum nicht? – Ich hab doch angst! Angst davor, wie ich das verkraften soll! – Ich schmiegte das kissen und die decke an mich. – Aber es ist auch anderes da! … Will’s auch wissen! Es geht hin und her. – Da fragte sie mit lieber stimme: Ist da nicht sowieso ein ES, das es weiß? – Ja!, leise, mit kindlicher stimme und sehr berührt von ihrer frage, ihrer feststellung. (…) –

Ich hab das gefühl, ich muss mir das angucken! Das bin ich der kleinen Ann schuldig! – Ja!!, kam wieder lieb, aber auch bestimmt von ihr.  Ich sah die K. über den spiegel an: Aber ich würde eigentlich lieber weggucken. – Wie ihre mutter?, trocken. Ich erschrak! Ich wolle doch wissen was war, hätte aber angst davor, sagte ich wieder.  (…)

Lehnte meinen kopf an die wandmatratze, sah in ihre augen, sie komplett an…

Eine Notiz aus meinem Tagebuch, die ich im Anschluss an die zitierte Stunde anfertigte:

Mein lieber, wundervoller Freund K. rief an; ich erzählte ihm die neuigkeiten. (Anruf bei Vater, Gespräch mit Birgit) Er: Ann, du musst dich jetzt sehr gut schützen! Vor möglichen angriffen deines vaters, deiner familie! … Aber ich sehe auch licht! Blauen himmel! Sonne! – Es wühlte mich zwar sehr auf, darüber zu reden, aber es tat auch so gut, ihn zu hören, seine besorgnis zu spüren und seine liebevollen hinweise, wie ich lieb mit mir umgehen könne. 

Wieder träumte ich von Vater. Er verhält sich so, als hätte ich ihm nichts vorgeworfen; er nimmt mich nicht ernst. Wie im richtigen Leben.

Bei einer weiteren Erinnerung (23.3.) spürte ich ‚da unten‘, also in meiner Vagina, auch schöne Gefühle. Mir war es außerordentlich peinlich, dass auch schöne Gefühle dabei auftauchten, ich wäre am liebsten in den Erdboden versunken. Und wieder sagte ich zur Therapeutin, es sei so schwer, mir zu glauben, meinen Gefühlen und Erinnerungen. Wenn sie dann die ganze Zeit nichts sage, verunsichere mich das noch mehr. Aber sie musste sich natürlich zurückhalten, um mich nicht zu beeinflussen, das war mir auch damals schon klar. 

Ich wollte ihr in der folgenden Stunde (27.3.) etwas mit meinen Händen ‚sagen‘, weil es mir mit Worten nicht möglich schien. Aber das fiel mir so schwer. Sie hatte mich aufgefordert, ich solle doch meine Hände ‚sprechen‘, sich erinnern lassen. Mit großem Schamgefühl ließ ich mich darauf ein. Stellte mir vor, lege meine Hände ‚dorthin‘… Und spürte, erinnerte, dass Vater meine Finger in mich reinsteckt! Gefühle! Schreck! Zappelte herum. Erinnerungen an Versuche, ihn wegzustoßen. Konnte das später doch noch in Worte fassen. Schwieg danach, schmiegte das dicke, weiche Kissen an mich und weinte: Wie soll ich mich da jemals wieder selbst berühren, meinen Körper spüren wollen? –

Zuvor (21.3.) hatte mich die Therapeutin schon einmal gefragt: Wissen sie denn, was war und können es nur nicht sagen? – Es war was im Bett meines Vaters. Und er hat etwas mit seinen Händen gemacht… – Ich konnte nicht sagen, er war mit seinen Händen, seinen Fingern in meiner Vagina. Schon gar nicht sagen, er hat mich damit vergewaltigt. Ich konnte es einfach nicht aussprechen!

Zu den Händen meines Vaters fällt mir noch ein, ich musste lange Zeit fast zwanghaft immer wieder die Hände der K. ansehen. Das war so lange der Fall, bis mir klar war, was mein Vater mit seinen Händen gemacht hatte.

Trotz der Härte konnte ich zwischendrin wieder vom Mädchentraining berichten, wie viel Freude und gute Laune mir das brachte. Ich sei danach richtig glücklich gewesen, wenn auch weiterhin sehr traurig. Sei so froh über das, was ich im Moment alles mache.

 Jetzt muss ich etwas von heute einfügen (zum Zeitpunkt des Schreibens der ersten Fassung dieses Kapitels): Ich bin mit meiner lieben Freundin Susan im Schreiburlaub. Heute fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könne, einige Seiten meines Textes zu lesen. Sei ja noch ein Rohentwurf, noch lange nicht so, wie ich ihn gerne haben wolle. Sie solle es sich gut überlegen, wäre keine leichte Lektüre. Sie willigte ein, las in den nächsten Tagen einige Seiten und kommentierte ihre Eindrücke. Damit hat zum ersten Mal eine andere Person meine Aufzeichnungen gelesen. Das war sehr aufwühlend für mich, aber auch gut.

Ich komme nun auf den ganz zu Anfang erwähnten Italienurlaub zu sprechen, den ich mit meiner damaligen Philosophinnengruppe machte. Wir waren an politischer Theorie interessierte Feministinnen. Die Zusammensetzung änderte sich im Laufe der Jahre. Irgendwann nannten wir uns ‚PhiloSisters‘. Nun war die Idee entstanden, zusammen wegzufahren, nach Italien. Ich wollte so gerne mitfahren, konnte es mir andererseits nicht vorstellen. Das Wegfahren und gar das woanders Übernachten waren schon in der Vorstellung purer Horror für mich. Einfach unvorstellbar. Aus Angst vor auftauchender Angst, vor Panik- und Herzattacken.

Obwohl ich mich dagegen entschieden hatte, sprach ich das Vorhaben doch noch in der Therapie an. Das deutete schon daraufhin, es gibt eine Seite in mir, die will mitfahren! Das erlebte ich öfter, wenn ich dort was anspreche, dann will ich noch etwas für mich erreichen und verändern.

28.3. (…) Ich berichtete von den überlegungen mitfahren oder nicht, vom vielen weinen. Ich wolle nicht wegfahren, niemand so nahe haben, wolle keinen menschen sehen und nicht gesehen werden! – Ich fahre nicht weg! Ich will hierbleiben! – (…) 

Irgendwann legte madame los: Vor den ferien (also ihren Therapieferien!) war es ja schon öfter so, dass sie gerade dann dinge mit ihrem vater hochkommen ließen. Ich glaube, dass sie das so inszenieren, um das zu wiederholen, was sie schon kennen: Dann fühlen sie sich alleine und im stich gelassen. Erleben das dann gegen sich gerichtet… (…) Für sie kommt das so an: Ich bin ihr (der Therapeutin)  nichts wert! Ich denke, sie machen das, weil sie sich wertlos fühlen! … Wenn sie jetzt nicht wegfahren, bestrafen sie sich damit selbst! Wenn sie nicht fahren, dann deshalb, weil sie sich wertlos fühlen! Wertlos, weil sie das (die sexuelle Gewalt) erlebt haben, weil ihre mutter nicht für sie da war. Sie gehen damit der wut auf ihre mutter aus dem weg! Und sie haben schuldgefühle und bestrafen sich selber, weil sie ein kind waren, das sich nicht helfen konnte, dass das alles nicht verhindern konnte…. Und ich habe die befürchtung, dass, wenn sie nicht fahren, sie hinterher auf sich und auf mich wut haben. –

Ich war völlig verwirrt, fiel mir total schwer, über all das nachzudenken. (…) Ich käme mir wieder vor, wie weggeschickt zu werden, sagte ich, wisse aber, dass das nicht stimme. Mir fiel nichts mehr ein. Nur: Ich will nicht weg! – Sie lächelte: Das hat ja was trotziges! – Ja! Ich lasse mich nicht wegschicken! Ich bleibe hier!! – Nach der stunde wut auf sie und dann weinte ich bitterlich und ganz, ganz viel! 

In der nächsten Stunde (30.3.) berichtete ich von meiner Idee, Kontakt mit der kleinen Ann aufzunehmen und sie zu fragen, was sie denn will?

Die K. strahlte, freute sich! – Die kleine Ann will zusammen mit den frauen wegfahren!, sagte ich mit kindlicher stimme. Sah die K. über den spiegel an. – Ach, das ist ja süß!, sagte sie und schaute mich dabei freudig lächelnd an. – Das war für mich das stärkste argument, doch mitzufahren! …. Die freude der kleinen Ann war so eine freude eines kleinen mädchens, so ganz natürlich! – Ehem! –

In der folgenden Stunde sagte ich:

31.3. (…) Wir haben sicher viel zu lachen, die frauen und ich! Ist doch eine gute voraussetzung für den urlaub! ….  – Schweigen. Ich fügte hinzu: Ich werde sie sehr vermissen!, sah die K. dabei an. – Aber das sage ich jetzt auch noch: Ich habe angst, dass ich ganz starke angst kriege und herzprobleme, dass ich es nicht schaffe! Auch angst, dass wieder die panik auftaucht. Was mache ich denn dann?- Ich sprach eine weile darüber.

Und dann machte diese liebe person, die therapeutin, den vorschlag, dass ich sie aus italien anrufen könne, wenn ich das brauchen würde. … Und ein weiterer wunderbarer Vorschlag von ihr: Wir können auch einen festen termin vereinbaren für eine stunde für sie, in der wir auf entfernung mit einander verbunden sind! Dann sagen sie das, was sie mir sonst in der stunde sagen würden. Gucken, was bei ihnen ist und stellen sich meine antworten vor! … Wir können auch beides vereinbaren. – Ich lächelte, fand die idee so süß, aber mir war auch ein bisschen komisch zu mute. Das mit der stunde fände ich gut, sagte ich. Sie holte ihren kalender. Ich staunte: Wie meinen sie das? Wollen sie sich wirklich hier hinsetzen und an mich denken und so? – Ja! Damit sie, während sie dort sitzen, das gefühl haben, ich bin bei ihnen! Als würde ich ihnen zuhören! – Ich sprach von meinem problem, das anzunehmen, wegen mir so einen aufstand zu machen. Sie aber sagte: Jetzt geht es doch um das innere kind! Darum, dass es dem gut geht! …. Das mache ich doch mit meinen kindern auch so, wenn sie alleine wegfahren. Die brauchen den kontakt mit zuhause. Die können mich dann jederzeit anrufen. Sie können mich ja auch anrufen! Es ist doch wichtig, dass diese sicherheit da ist!, o. ä. Ich konnte es kaum fassen! Guckte in ihre augen, sie eine kleine weile an. Sie schloss dann sanft und lieb lächelnd ihre augen. Ende der stunde.

Ich zitiere diese Ausschnitte aus meinen Therapienotizen, auch wenn sie nicht direkt mit meinem Vater in Zusammenhang stehen, weil in ihnen gut die Atmosphäre, das Arbeiten in der Therapie und die wichtige und gute Beziehung zu der Therapeutin und ihr außergewöhnliches Engagement zum Ausdruck kommen. Ich schreibe das mit großer Dankbarkeit ihr gegenüber! Sie würde jetzt sicher sagen, ich solle doch bei mir bleiben, mir dankbar sein. Das bin ich doch!, füge ich lächelnd gerne hinzu.

Ich finde es heute noch wunderbar, wenn ich daran denke, ich fragte die kleine Ann, und sie strahlte, ja, sie will fahren. Nur so konnte ich das für mich herausfinden und mich dafür entscheiden. Manchmal ziehe ich die kleine Ann auch heute noch zu rate! Das kommt aber nur ganz selten vor, weil ich heute meist bald und sicherer weiß, was ich will oder nicht will oder was auch immer gerade ansteht. Das war mir früher fast gar nicht möglich!

So fuhr ich also mit den PhiloSisters nach Italien, wissend, ich kann die K. anrufen und am vereinbarten Termin auf die Ferne eine Stunde bei ihr sein. Und nun folgt das, weswegen ich davon ausführlich berichte: Die erste Nacht in Italien und meine dramatische Angst, die ich in den folgenden Stunden und Wochen in entsprechenden Zusammenhang bringen konnte. Ich zitiere im Folgenden aus meinem Tagebuch von dieser Nacht und dem Umgang damit; füge meinen Bericht davon in der Therapie hinzu, weil dieser alles gut wiedergibt, denn ich erlebte auch Schönes in diesem Urlaub. 

1.4. – 8.4.1995 In ITALIA mit den PhiloSisters!

Nach sehr wenig schlaf und packstress unruhig beim wachwerden, aber kein herzklopfen mehr! Dafür heftigste rückenschmerzen! (…) Als wir über die ital. grenze fuhren, war mir ein bisschen komisch. Ich liebe italien, aber es erinnert auch an vater…! 

Ich hatte dann zum glück ein zimmer für mich alleine, aber ein furchtbares bett. Musste nachts erst mal weinen. Schlief ein paar stunden, wach, wurde immer unruhiger! Angst beschlich mich immer mehr! Angst = wut?, fragte ich mich. Immer stärkere angst, panik, zittern, meine beine schlotterten. Wie früher, wie vor jahren! Es war furchtbar!!!! Ich kam nicht an mich ran. Es wurde immer dramatischer! So eine panik! Dachte ganz viel schlimmes. (Hab’ ich damals nicht näher ausgeführt!) 

Ging ich zu vera und karin ins zimmer: Vera, ich habe so eine angst! – Komm ins bett! – Legte mich zu vera, kuschelte mich an sie: Vera, ich habe so eine angst! Ich will nach hause! – Ich fahre mit dir! Kein problem! – (So hatten wir es vorher ausgemacht, sonst wäre ich nicht mitgefahren!) Ich kam weiter nicht an mich ran. Wir redeten dann ganz viel, auch über sie, also vera. Beim reden ging es mir besser, schwiegen wir, so schlich sich die angst wieder an. Ich bemerkte, ich will mich von der angst nicht ablenken lassen, sonst erfüllt sie nicht ihren zweck, nämlich: mich zurückzuholen! (…) (Doch das war nicht der Hauptgrund für diese dramatische Angst! Das wusste ich damals aber noch nicht!)

Kopfschmerzen, immer stärkere wut auf die alten! Und langsam spürte ich: Ich will doch hierbleiben! Wir werden frühstücken und dann rufe ich die K. an. Und werde erst einmal hierbleiben! (…) Ja, ich müsste eigentlich beschließen, ich bleibe hier! Dann klappt es mit der selbstbestrafung nicht! Verpufft es, dass es mir schlecht geht!, so meine gedanken.

Abends rief ich tatsächlich die K. an, erzählte ihr von der letzten nacht. – Ich brauche ihre bestärkung!, sagte ich gleich zu anfang. Sie reagierte lieb. Sie ermutigte mich zu bleiben! Sie denke auch, es ist selbstbestrafung. – Machen sie das, was sie sich vorgenommen haben! – Ich sprach von der furchtbaren angst und davon, ich krieg die angst nicht in den griff.  Die angst so heftig, das war wie ein schock! Ja, sicher sei ich geschockt gewesen, auf einmal so starke, ganz alte(!) angst zu spüren! Aber sie glaube nicht, dass das noch einmal so heftig werden würde. Und sie ermunterte mich wieder, bleiben sie, beschließen sie: Ich bleibe! – Ich brauchte ihre bestärkung, dass sie mir mut machen!, sagte ich weich. – Ja! Ehem! Ist doch auch ok! –

Kuschelte mich danach an vera und weinte bitterlich! Mama, mama, mama! War so schön, ihre stimme zu hören! Ich spürte wirklich, ich will bleiben!

Die anschließendem Urlaubstage erlebte und notierte ich so:

Zusammen kochen, sonnen auf dem balkon, abends spiele und viel, viel lachen. Auch mal in einem restaurant, mal am meer, mal in einer größeren stadt in der markthalle alle zusammen einkaufen, frischen fisch, gemüse, salat, das war wirklich toll. Aber auch immer wieder mal ängste, nicht so gutes schlafen. Sagte mir bald: Angst, du kannst ruhig kommen, ich bleibe hier! Das half!

Gut, dass ich die K. angerufen hatte. Ich konnte meine mama anrufen, mir mut und bestärkung und rat holen und merkte, sie ist für mich da! Gibt mir ein schönes gefühl, gibt mir viel vertrauen zurück! Was das für mich bedeutet, dass ich sie anrufen konnte! Ich kann’s gar nicht in worte fassen! Dieses gefühl, meine mama ist für mich da, das kenne ich nicht von früher, erlebe das zum ersten mal so!

Immer wieder druck- und engegefühl. Aber auch lachen, schönes machen, lesen, dortsein. In einer nacht wurde es dann wieder schlechter, nachdem zuvor auch mal richtig gutes schlafen angesagt war. Zitterte wieder, war total unruhig, hellwach nach nur wenig schlaf. Wieder kam ich nicht an mich ran. Las dann in meinem tagebuch, wie ich Sonntag früh mit der angst umgegangen bin und über das telefongespräch mit der K. Das half mir tatsächlich! Ich wurde ruhiger! Spürte mich langsam wieder und schlief dann auch bald ein. Beim erwachen am morgen musste ich sehr und viel weinen.

(…) Am Mittwoch dann die fern-therapiestunde. Vera hatte ein  tolles plätzchen in der natur für mich gefunden, schöner frühlingstag. Ich ging mit herzklopfen los, schon auf dem weg liefen mir die tränen übers gesicht. – Mama! Mama! Mama! Es ist so schwer! – Ich fand den schönen platz, an einem bach, viele veilchen, ein stein, auf den ich mich setzte. Legte ein veilchen neben mich. Die vögel zwitscherten. Ich stellte mir vor, dass meine mama in unserem raum auf dem boden vor der heizung sitzt und an uns, an die kleine und die große Ann denkt. Ich rief: Mama! Mama! – Und weinte. Hielt den (grünen Glitzer-)stein (den sie mir im Austausch für ihren Armreif gegeben hatte!) in meiner hand… [Jetzt, beim tagebuchschreiben, dringt immer mal wieder tierisches gegacker und gekicher aus der küche in mein zimmer. Habe gerade geweint, aber jetzt muss ich lächeln!] Ich saß also auf dem stein, berichtete meiner mama ganz viel, sprach noch mal über diese schlimme erste nacht. Brauchte für all das fast die ganzen 50 minuten. Und weinte und weinte. – Es ist so schwer, mama! – Aber auch: Es ist so schön, dass sie jetzt an mich denkt, es tut so gut! Stellte mir manchmal ihre bestätigungen vor, dass sie mich verständnisvoll anlächelt. Sagte ihr unter starkem weinen: Am schlimmsten ist die dunkelheit! Ich warte immer sehr darauf, dass es endlich wieder hell wird! – Stellte mir auch vor, was die K. sagen würde, wie: War doch klar, dass es auch schwierige phasen geben wird, aber sie haben die gemeistert! Und sie haben immer wieder viel spaß mit ihren freundinnen! –

Dann stellte ich mir vor, dass sie gehen muss, die zeit rum ist. Sie hat an mich gedacht! Das ist so eine wunderschöne vorstellung! Ich fühlte es wie ein kleines Mädchen, dessen mama an sie denkt! Ich blieb dort noch sitzen, in meinem natur-kinderzimmer (wie schön, dass ich das damals so nannte!), weinte noch und ging ein bisschen spazieren. Das alles hat mir sehr gut getan!

Es ist viel trauer in mir, könnte dauernd weinen. Wie schlimm war alles für mich, dass es mir so geht?! 

Wir haben hier so viel gelacht, es war zum teil so köstlich! Und andererseits war es die hölle! Diese angst und panik! Ich werde nie vergessen, wie schwer das für mich war! Und nur durch das schöne war es überhaupt auszuhalten! Wie nah diese angst ist! Furchtbar!

Finde es gut und mutig, dass ich gefahren bin, auch wenn es knochenhart, einfach zu hart war! 

Ich sprach nach meiner Rückkehr mit meiner lieben Freundin E. über das Erlebte. Sie sagte, die K. sei doch wirklich eine tolle Frau, eine wunderbare Therapeutin. Ja!

Nach dem Urlaub der K. berichtete ich in der Therapie von meiner Italienreise:

21.4. Ich war sehr aufgeregt, als ich in die praxis kam. Sie guckte mich im flur schon sehr lieb an und ich sie auch! Sie setzte sich wieder vor die heizung. Wir lächelten uns über den spiegel an. Meine mama, meine schöne mama! Guckte sie über den spiegel an, dann mein ‚kinderzimmer‘, dann schloss ich meine augen. Sie ist da! Ich spürte meine freude darüber sehr! Genoss es eine weile. – 

Ich bin nicht früher nach hause gefahren! – Sie lächelte mich so lieb an. Ich wurde ernster: Es war die hölle! Mein gefühl, das mache ich nicht noch einmal! Ich fahre nie mehr weg aus angst, das noch einmal zu erleben! Es war wie tag und nacht! So gegensätzlich. Die nächte waren das schlimmste! Aber: Es war auch ganz toll! Wir hatten auch sehr viel spass! … Dass ich sie angerufen habe, das hat mir so gut getan! Danach hab ich ganz viel geweint, mich an vera gekuschelt. … Das war so ein wunderschönes gefühl, zu wissen, ich kann sie anrufen, sie sind da! Es war wirklich so, fühlte mich wie ein kleines mädchen, das seine mama anrufen kann und die mama ist da! … Das kenne ich von früher nicht! Das habe ich zum ersten mal so erlebt, und das hat mir sehr geholfen! …. – Sie schaute mich weiter lieb an. – Über die ganz schlimme angst samstag nacht möchte ich jetzt nicht sprechen…. – Weil jetzt doch nur eine stunde, dann ist sie noch mal eine woche nicht da! – Die dunkelheit war das schlimmste! Obwohl ich ein nachttischlämpchen anließ. – Ich dachte an meine eltern, der lack ist ab! Soviel wut! 

Und dann berichtete ich von der fern-therapie-stunde: Das war wirklich eine geniale idee! Das hat mir so gut getan! – Ich nahm das dicke kissen, legte es auf meinen bauch und erzählte von dem schönen platz im freien, vom vielen weinen und ganz viel mama, mama und weinen. Die ganze stunde über. – Ich hab’ ihnen alles erzählt! Laut, also hörbar alles berichtet, und hab’ die ganzen 50 minuten gebraucht. Und mir vorgestellt, dass sie hier sitzen… Das hat mir so gut getan! Ich kann’s ihnen gar nicht sagen! Das gefühl zu haben, sie sind da! Meine mama ist für mich da! Das war so schön! – 

Mir ging es jetzt richtig schlecht, mein herz polterte sehr. Sagte ihr, dass es mir schwerfiel, ihr das alles zu sagen. Ich hatte gleich eine idee dazu: Weil ich angst habe, mich ausgeliefert zu fühlen! Dass sie mich dann ausnutzen können! Weil ich sie brauche, ich ihnen gesagt habe, dass mir das gut getan hat, können sie alles von mir verlangen! – Sie fragte, was ich da phantasieren würde. Aus mir kam sofort heraus: Putzen! – Da lachte sie ganz dolle, ich musste selbst bisschen lächeln. Sie fragte weiter nach. Nein, es ging nicht ums putzen! – Jetzt muss ich alles für sie machen! Und sie können mit mir machen, was sie wollen!, sagte ich bitter und traurig. An was ich dabei denken würde. – Ich will nichts denken, nichts sagen! Es ist wie eine wand, will nicht weiterdenken! – Ich sah sie an, dachte: Ann, guck sie an, sie macht doch nichts! Die nützt mich doch nicht aus! Schlug auf die matratze: Ich will mir das schöne gefühl nicht nehmen lassen! Das war so toll zu spüren, sie sind für mich da! –

Ich konnte ihr dann noch von dem schönen erzählen, dem vielen lachen, den spielen, dem zusammen kochen, in der sonne sitzen. (…) – Das hat es mir möglich gemacht, das andere auszuhalten. – Ehem! – (…)

Bevor ich weiter von damals berichte, will ich das Folgende, am liebsten dick und fett gedruckt, hier einfügen: Heute fahre ich weg, heute kann ich das! Ich habe keine Ängste mehr des Nachts. Wenn ich mich in der ersten Nacht nicht so wohl fühle, weil ich in einer neuen, ungewohnten Umgebung bin, dann kann ich gut damit umgehen. Ich weiß, woher diese leichte Unsicherheit noch herrührt. Dafür brauchte ich aber Jahre!  Es  wurde erst nach und nach besser; ich musste immer wieder an mir arbeiten, öfter wegfahren. Nur so konnte sich das verändern, ich Vertrauen entwicklen – zu meiner großen Freude! (Dies schreibe ich während eines Schreiburlaubs mit meiner Freundin Susan!)

Ich hatte damals um eine weitere, zusätzliche Stunde gebeten, bevor die Therapeutin nochmal für eine Woche nicht da war.

22.4. Gestern nach der stunde hätte ich herzklopfen gehabt, schwindel; gefühl, als wäre ich krank und wieder so ein druckgefühl. Hätte nach dem urlaub über das erlebte nicht groß geredet; gestern, durch das erzählen, sei alles wieder hochgekommen. Viel geweint, danach besser gefühlt.

(…) Ich wollte ihr was sagen, angst stieg in mir hoch, aber ich sagte es dennoch: Ich wusste ja schon vor dem italienurlaub, dass sie für mich da sind! Aber ich habe das noch nie so gefühlt wie dort! Und ich habe richtig vertrauen gespürt! Und als ich wieder hier war, war das immer wieder da! Fühlte das vertrauen in mir! Und es machte mich innerlich ruhig! Fühlte mich die zwei wochen, während sie noch in urlaub waren, eigentlich immer ziemlich ruhig! – Froh und gutes gefühl, ihr das zu sagen. Sah sie im spiegel an. Sie lächelte mich sehr liebevoll an, freute sich mit mir. – Das war jetzt ganz schön mutig von mir, sagte ich froh und kühn. Kuschelte das dicke kissen an mich, wurde dann traurig, tränen. – Die angst in den ferien…, das war wie ein schock! Wie damals vor weihnachten! … Ich muss darüber reden, wenn sie wieder da sind!, wurde dann richtig traurig und weinte viel, konnte mich kaum beruhigen. Schaute sie über den spiegel an, die tränen liefen mir übers gesicht, sie guckte mich lieb und vielleicht bedauernd oder mitfühlend an. – Ich fühle mich wie krank. – Sie fragte nach, ich konnte es nicht präziser ausdrücken. Weiter angucken. Dann fragte ich sie nach ihrem urlaub, wohin sie fahre; sie sagte ein bisschen was dazu. Dann noch ganz viel angucken, auch direkt.

Während dieser Therapiepause rief ich meine älteste Schwester und meine Mutter an. Ich sagte beiden, dass auch was mit meinem Vater war. Ich wollte wissen, ob sie, besonders meine Mutter, nichts bemerkt hatten. Und: Warum sie mich nicht beschützte(n)! Ich musste das meiner Mutter unbedingt sagen. Das war ich der kleinen Ann schuldig!, so meine Aussage dazu gegenüber der Therapeutin, als ich später von dem Gespräch mit meiner Mutter berichtete. Und dass ich es toll fände, das geschafft zu haben! Meine Mutter hätte mir nicht geglaubt, aber das hätte ich auch nicht erwartet. – Ich hab sie auch aus Wut angerufen!, fuhr ich fort, ihr das aus Wut gesagt! Ich musste das meiner Mutter mal zurückgeben! Und ich bin froh, dass ich es getan habe. – (Therapie vom 2.5., dazu mehr im Kapitel ‚Reaktionen‘!)

In den folgenden Therapiestunden kam ich auf die Angst in Italien zurück, auch weil ich wieder diese starke Angst spürte, nun aber in der Therapie!

3.5. (…) Plötzlich angst in mir! Und diese tauchte im zusammenhang mit schönen, lieben gefühlen für die Therapeutin auf… Aber warum in diesem zusammenhang? (…) Die jetzige angst erinnere mich an die in italien. Es wurde immer schlimmer: Die angst nimmt total besitz von mir…. Es geht mit mir wie eine spirale nach unten. – Haben sie keine macht mehr über sich? Wie hilflos? – Ja! – Ich sah die K. nur noch mit großen, ängstlichen augen an. Ihre frage, ob die angst von innen oder außen komme, konnte ich nicht recht beantworten. Zum schluss der stunde meinte sie: Ich bin froh, dass die angst da ist! Also ich meine, dass sie mal HIER auftaucht! Ich denke, die angst hat was mit den (lieben) gefühlen (für sie, die K.) zu tun! – Sie fügte hinzu, es wäre gut, wenn ich noch eine halbe stunde dort bliebe. Das machte ich; sobald sie draußen war, weinte ich ganz viel. Spürte sehr viel vertrauen zur K., auch, dass ich meine angst dort zulassen kann. Bin damit bei ihr gut aufgehoben.

4.5. Sehr aufgeregt. Dann ganz in mich gekehrt. – Gestern nach der stunde hab’ ich ganz viel geweint… Dachte an meinen vater und an die angst in italien. Denke nicht, dass die nur mit selbstbestrafung zu tun hat! – Ehem! – Ich fühle es so: Die angst ist eigentlich immer da! Die schleppe ich immer mit mir rum! … Ich bin selbst überrascht, dass ich das sage, aber so fühle ich es. – 

Ich erwähnte das gelungene mädchentraining, die kleinen mädels hätten bretter durchgeschlagen. Die lady staunte. Ich beschrieb, wie das geht.

Wolle jetzt von dieser nacht in italien berichten. Und schon tauchte die angst wieder auf, aus dem bauch kommend. Wolle die zulassen, wolle wissen, warum ich diese angst habe! 

Erzählte vom erst ruhigen schlafen, dann gegen sechs wach, noch dunkel, angst, immer schlimmer werdend. Panik, krieg das nicht in den griff. – Ich kam nicht an mich ran! Ich überlegte, was würden sie sagen? Ich solle die angst annehmen…. Hab’ mich aber nicht erreicht! Was ist, wenn die nicht weggeht? Dann werde ich verrückt … oder tue mir was an! – Dann zu vera, schlotternde beine, angst im ganzen körper. Ja, sie würde mit mir zurückfahren. – Und dann kam ich auf die idee, nicht zu überlegen, ob ich zurückfahre oder nicht, sondern zu denken: Ich bleibe hier! Fühlte dann, ich will doch auch gar nicht zurück! – Ja! – 

Im flur der praxis auf einmal krach; die angst wurde stärker. Die K. forderte mich auf, die angst zu beschreiben. – Die kommt so aus dem bauch raus. … Zieht mich runter, ich hab keine macht mehr über mich! Keine kontrolle mehr! – Und dann immer stärkeres brennen, in meiner vagina. Angst und brennen immer stärker. Beschrieb ihr das alles. Mein gefühl: Mama, rette mich! Ich fühle mich wie ausgeliefert! – Die K. mit lieber stimme: Fühlen sie doch mal, was die mama in ihnen jetzt gegen die angst tun kann, was sie brauchen! – Erstmal die augen aufmachen, damit ich licht sehe!, sagte ich spontan. Schmiegte das dicke kissen an mich, meinen bauch. Ich war so erschöpft. Die K. guckte mich sehr lieb an, lieb und mitfühlend. – Die angst war jetzt so stark, dass mir fast schwarz vor augen wurde, und mir ist ganz schwindlig in meinem kopf. … und dann der krach draußen…, ich fühle mich wie verletzt dadurch! – Ehem! – Anschauen, über den spiegel, dann direkt. Sah ihr ganz lange in ihre augen. Sah mir ihr gesicht an, ihre haare und wieder in ihre augen. Die schloss sie dann zärtlich, weich, öffnete sie nach einer kleinen weile und sah mich wieder und weiter so lieb an! (Das war wie umarmt und gehalten werden…)

Als wir einige Monate später auf den Italienurlaub und diese furchtbare Angst zurückkamen, erklärte mir die Therapeutin diese mit den Worten: Zu diesem Zeitpunkt konnte sich der Missbrauch nur so zeigen! –

Wieder fuhr ich weg, dieses Mal nur nach KS zu einer Freundin, aber wieder wurde ich von Ängsten geplagt.

8.5. Berichtete ausführlich vom wochenende bei P. in KS, von der angst vor der angst. Die angst wie eine schlange am hals, als würde sie darauf warten, rauskommen zu können. In den ersten stunden in KS starke unsicherheit, wie früher. Dann war es gut, viel schönes gemacht. Immer wieder in mir, angst vor der rückfahrt. Zweite nacht, angst im bett. Während des redens gefühl, als würde mir jemand den hals zudrücken; sagte es der K. Konnte erst nicht weitersprechen. Sie angucken, auftanken. Das dicke kissen an mich geschmiegt. Erzählte weiter, von den verschiedenen gefühlen, der angst, dem brennen und den erotischen gefühlen. Auch dort jetzt brennen in mir (meiner Vagina). – Als ich diese angst nachts in KS hatte, fühlte ich: Ich muss ihnen wieder was mit meinen händen sagen…, muss was mit meinen händen formen! – Ein ganz weiches, zärtliches ‚Ehem‘ kam von unserer mama. – Ich hab auch eine vorstellung davon, was ich formen will, aber ich kann es nicht sagen…, nicht aussprechen! – Sie fragte, was ich für das formen denn brauchen würde.  – Knete oder tücher? – Ich bekam totale angst. – Weil’s konkret wird? – Ja! –

(…) Erwähnte später, nach einem traum heute morgen wieder gefühle in mir drin, als wäre was in meiner Vagina. Was ich schon einmal im märz gedacht hätte: Würde das am liebsten in einem symbolischen akt aus mir rausreißen! – Ganz viel angucken, schweigen, wollte nichts mehr sagen. 

Aber sie sagte dann noch einiges: Ich sehe es so, dass sie jetzt in der situation sind, dass sie den missbrauch wieder erleben! Egal welchen. Dass sie alle gefühle von damals wieder erleben und dass ihr körper das ausdrückt. Und es ist GUT, dass ihr körper das endlich einmal ausdrücken darf! – So ungefähr ihre worte. Ich war sehr berührt von dem, was sie sagte, und ihr dankbar, und mir, weil ich so mutig bin! (…)

Wieder spürte ich den Impuls, ihr etwas mit meinen Händen ‚sagen‘ zu wollen, und dem gingen wir gleich nach. Ich finde es noch heute faszinierend, was in der Therapie alles möglich war und wie sehr mir das half.

9.5. Gleich brennen und erotische gefühle in meiner vagina..… – Ich kann nichts sagen, kann nicht sprechen! – Und was geht statt dessen? – Vielleicht was mit den händen machen… – Ich würde gerne vorher wissen, wie’s ihnen gestern nach der stunde ging. – Das ist jetzt soweit weg… – Ok! Ich hole ihnen etwas, und sie gucken dann, was sie brauchen können! – Sie ging ins büro, kam mit einigen utensilien wieder. Ich kam auf ihre frage zurück: Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich gestern dachte, ich bin froh, dass ich jetzt da bin, wo ich bin! – Sie breitete vor mir aus… ein kaleidoskop, eine papierrolle, fingerfarben, eine decke und anderes, weiß nicht mehr. Kaleidoskop…. Ich rückte wieder in meine ecke. Angst! Brennen! Nicht im bauch, tiefer (in meiner vagina)!…. – Ich bin klein! Ich bin ganz klein! …. – Wieder zweifel in mir. – Es geht nicht! – Aber sie haben eine vorstellung von dem ‚es‘ von ‚es geht nicht‘? – Ja! Aber dann denke ich, das kann doch nicht sein! – Kurzes schweigen. –

Ich würde gerne etwas machen, aber ohne dass sie zugucken! – Ehem!, kam sofort von ihr. Nicht wegdrehen oder weggehen, sie möge nur ihre augen schließen, bat ich sie. – Ist schon passiert!, kam von der lieben lady sofort. Ich spürte angst und wieder und weiter brennen.… Nahm nach einer weile das kaleidoskop, mit geschlossenen augen, dann packte ich es in die kleine decke. Hielt es. Kein gefühl dazu. Legte es schnell wieder weg, schmiegte mich wieder an die wandmatratze. Sie könne ihre augen wieder öffnen. – Ich hab so eine angst! – Sagte dann traurig mehrmals leise und lauter: Mama! Mama! … Mama! – Das war angenehm, erleichternd, beruhigend, es dort jetzt zu sagen.

Angucken. Sie wandte sich mehr zu mir hin und schaute mich dauernd an. Ich in ihre augen! Könne nichts mehr sagen, hätte nur das gefühl, – …als würde ich mit weit aufgerissenen augen hier sitzen und gucken. Und hab sooo mama-bedürfnisse!, sagte es mit kindlicher, trauriger stimme. – Ehem! – Sie fragte, ob ich nicht doch noch etwas sagen wolle. Sie wolle mit der Frage verhindern, dass ich weggehe, ohne etwas zu sagen, und mich das hinterher belaste. Solle alles bis donnerstag ruhen lassen, und wenn es nicht gehe, sie anrufen, sagte sie mit eindringlichem blick. – Ich wolle noch knete besorgen, weil ich die brauchen würde. – Aber nicht für sich alleine damit etwas machen?, hatte sie gleich gefragt. – Nein, hier! – Ja, gut! –

Ganz viel weinen und viel mama, als sie draußen war. Wahnsinnige verzweiflung…

Aber ich sorgte dann sehr gut für mich, mein Tagebucheintrag dazu:

Hinterließ vera an ihrem auto einen zettel, sie kam später. Ich berichtete weinend von der stunde, von dem, was gerade ist. Sie: Du hast doch schon in italien gewusst, dass das mit deinem vater zu tun hat; die angst, auch die vor der dunkelheit… – Ja! – Sie half mir, ermunterte und drückte mich. Ich könne sie immer anrufen! Bin so froh, vera um hilfe gebeten zu haben. Und dass sie für mich da ist!

Und in der nächsten Stunde ließ ich meine Hände weiter ‚sprechen‘:

11.5. Ich hatte knete mitgebracht. Berichtete zuerst, wie es mir nach der letzten stunde ergangen war. Schon während der stunde schlecht, danach noch schlimmer! Wäre doch nicht gut gewesen, dass ich das für mich behielt, was ich ‚formte‘. Nach der stunde mein gefühl, ich sterbe! Sehr, sehr viel geweint. – Wenn das stimmt, will ich nicht mehr leben! Ich war völlig weg! Angst, ich werde verrückt! … Ich wäre am liebsten hier geblieben. Verzweiflung. Ich saß ja noch hier, schlief dann sogar ein bisschen ein. – Weinte auch jetzt. Dass vera dann auf meine bitte hin kam, ich mir später für mich alleine was leckeres kochte, kerzen und musik dabei. Sie fragte nach, was ich mir kochte. Und obwohl es mir weiter so schlecht ging, war mein wunsch, ich will meine sachen machen. Das hätte ich auch geschafft. – Ich wollte meine dinge dagegen stellen! Das war gut! … Und ich habe gemerkt, dass es mir sehr hilft, wenn ich meine gefühle spüre! Meine mamagefühle spüre! – Ehem, ehem! –

Angucken, über den spiegel, auftanken. Erwähnte, dass ich das manchmal zwischendurch einfach brauche, diese gefühle zu spüren. Sie dann: Sie wollten sich doch was von der seele reden! – Das hätte ich heute schon zweimal gesagt. Ich konnte mich gar nicht erinnern. Ich wüßte nicht, ob ich das aussprechen oder lieber mit meinen händen…? – Mit den händen! Das ist näher! Sind sie näher bei sich!, meinte sie gleich. Weil ich aber auch noch etwas sagen wollte und alles zusammen gehe doch nicht, schlug sie lächelnd vor, ich solle sprechen, sie nähme die knete und mache sie weich, damit es dann für mich leichter, schneller gehe. Weiter viel angucken, auftanken. 

Ich würde mich fragen, ob es nicht besser sei, weil so viel, so hart, eine pause zu machen. Sie glaube, dass es jetzt stimmig sei mit dem weitermachen. Ich berichtete weiter. Dann sagte ich, ich würde auch das kaleidoskop und die decke brauchen, die sie gleich holen ging. Damit hätte ich dienstag nämlich was gemacht, als sie ihre augen geschlossen hielt…

Jetzt schloss ich meine augen, nahm die knete, knetete einfach so drauf los. Es entstand ein stab. Das kann nicht sein! Machte den weg, knetete wieder und es entstand das gleiche! Sagte ihr, ich würde nichts spüren, keine gefühle, sei wie leer. – Es ist alles weg! Fühle mich wie tot! – … – Vielleicht ist sich tot fühlen, nichts zu fühlen, manchmal besser!, sagte sie hier oder später. Sie wolle sich mehr in meine nähe setzen, ob das gehe? – Ja! – Weiter mit geschlossenen augen, den gekneteten stab in der hand. – Darf ich die decke dazunehmen? – Ja, klar! – Ich packte die decke um den stab, hielt ihn dann durch die decke eingehüllt fest. – Was bedeutet das, dass die decke darüber ist? Haben sie das nicht gesehen? – Nein! – Aber sie haben gefühlt, dass es da ist? – Ja! – Und was macht das ding? Was ist noch damit? – Weiß nicht! … Als ich die idee hatte, will ihnen was mit meinem händen zeigen, hatte ich diese vorstellung. – Ehem! – Und das hab ich dienstag auch mit dem kaleidoskop und der decke gemacht. (…) Und hab’ dann so ’ne angst gekriegt, angst, was das bedeutet, wenn ich das mache! Fragte mich, ob mich mein vater vergewaltigt hat! Aber das kann doch nicht sein! Ich war doch noch klein! Dann müsste doch alles kaputt sein! … Das ging alles durch meinen kopf, sagte ich jetzt, verzweifelt. – Und danach dachte ich, dann will ich nicht mehr leben!…. Ich weiß es ja nicht, ob das so war. … Ich weiß aber, dass was in mir war! – Sie fragte nach meinem alter. Noch klein. Vielleicht 4 jahre, vielleicht auch kleiner. Hätte kein bild von mir, alles weg! – Ich weiß nur, dass es mein vater war! Und dass ich noch ganz klein war! – Schweigen.

Die K. sagte nun ungefähr folgendes: Es sei verständlich, dass ich jetzt denken würde, dann will ich nicht mehr leben. Aber vielleicht sei das auch ein gedanke, ein gefühl von damals! – Sie sagten ja, sie fühlten sich wie tot. … Lieber tot, als das zu fühlen! Das kann ja sein. Aber vielleicht heißt es auch: Dann soll er lieber tot sein!? – Schweigen. Ich hielt weiter meine augen geschlossen. Hörte ihre stimme so nah, angenehm! Ich sagte ihr, würde mich immer noch wie weg fühlen. – Bin gar nicht hier, nicht da! – So ging es mir noch, nachdem ich meine augen geöffnet hatte. Tiefes durchatmen.

Sie setzte sich dann frontal zu mir hin, hielt mir ihre hände ausgestreckt entgegen und sagte: Ich möchte ihre hände halten … und dass sie mich ansehen. … Damit sie merken, wir sind wieder hier! Ganz hier! – Sie schaute mich lieb und eindringlich an! Ich war so überrascht! Und glücklich! Drehte mich zu ihr hin und legte meine hände in ihre. (…) Sie lächelte lieb, und ich war so froh! Und dann ganz viel ansehen, in ihre augen, ihr gesicht…. Sie guckte mich weiter sehr lieb an! Ich konnte es gar nicht recht fassen. – Meinen sie, dass ich das überlebe? – Sie guckte mich fest an: Ja! …. Sie haben das ja schon einmal überlebt! Und das überleben sie jetzt auch! – Ich will doch leben! – Ja! Auch wenn sie mal nichts fühlen, ihre gefühle nicht spüren… Wir gucken uns das alles in ruhe an!, so ungefähr ihre worte. Ich dachte, wir müssen gut auf mich achten. Sagte noch, manchmal hätte ich angst, dass ich etwas sage, was sich nachher gar nicht bewahrheite, nicht stimme. – Das macht doch nix! Ist doch nur hier! Das klärt sich schon! – Diese befürchtungen hätte ich doch schon öfter gehabt. Das beruhigte mich. Ich dachte, aber das hat sich immer bewahrheitet…. Weiter händehalten, ihre hände spüren…, angucken. Das alles hat mir so geholfen, mir so gut getan! Ich war nach der stunde sehr, sehr groggy, erschüttert und auch erleichtert! Fühlte mich so viel besser als nach der Dienstagsstunde!

Nach dieser Stunde wurde mir klar, wenn ich ausspreche, was in mir ist oder es auf andere Weise verdeutlichen kann, geht es mir viel besser, als wenn ich es für mich behalte. Trotzdem zweifelte ich wieder, kann das denn alles stimmen? Ich weiß es doch nicht vom Kopf her. Aber dann dachte ich, an meinen Gefühlen, meinem Befinden wird es doch deutlich, dass es so war! An dem Schlimmen, was ich fühle, der Verzweiflung, der Trauer, den Ängsten und an der Erleichterung danach ist doch abzulesen, dass es stimmen muss! 

Zu dem mit meinem Händen ‚Gesagtem‘ möchte ich kurz zeitlich etwas vorgreifen und von Besuchen bei meiner Zahnärztin berichten. Im Juni 1995 war ich bei einer Behandlung auf einmal traurig geworden, sehr traurig. Ganz komische Gefühle waren aufgetaucht und trotz größter Mühe, das abzuwenden, liefen mir Tränen übers Gesicht. ‚Danach todtraurig!‘, notierte ich in mein Tagebuch. Davon berichtete ich allerdings erst  im September der Therapeutin, weil es mir am Vortrag wieder so ergangen war:

28.9. (…) Gestern bei der zahnärztin erging es mir wie schon mal vor monaten, tränen und gedanken an missbrauch… Mir liefen einfach die tränen, obwohl ich mir sagte, das ist doch jetzt, heute! – Ich weinte sehr! – Und es war dann noch was furchtbares… Weil ein bohrer undicht war, wasser raus spritze, wickelte die zahnärztin ihn in ein handtuch… – Ich weinte so bitterlich! – … und mir fiel das ‚bild‘ ein, was ich hier mal gemacht habe, mit meinen händen… Jetzt, wo ich ihnen das gesagt habe, wird’s mir noch deutlicher, warum es mir bei der zahnärztin so erging! – Ehem! – Das ist doch wie beim missbrauch…, man liegt da… und jemand macht was mit einem… – Leise, ganz leise sagte ich paarmal mama…, mama, mama! Setzte meine brille wieder auf, musste kontakt zur K. aufnehmen. Sah sie im spiegel an. Sie nahm mich mit ihren augen in den arm. Und ich nahm sie in mich auf.

Zurück in den Mai 1995. Nachdem ich meine Hände hatte ‚sprechen‘ lassen, und die uns viel sagten, war zum einen weiter der Impuls vorhanden, noch mehr mit meinen Händen ‚sagen‘ zu wollen. Andererseits fragte ich mich, ob es nicht besser ist, nicht weiter zu gucken, was mein Vater alles gemacht hat. Ich weiß, dass was war, das reicht doch. Ist doch so schon schlimm genug und schwer auszuhalten. Dies äußerte ich in der Therapie (15.5.) und fügte hinzu, mein Gefühl sei, ich müsse mich schützen. Ja, entgegnete die K., sich schützen zu wollen sei doch gut. – Es ist nur die Frage, ob sie SICH schützen wollen oder ihren Vater? – Das saß! 

Ich ließ das auf mich wirken, schweigend. Ich erzählte der K. von meinen Gedanken vom Abend zuvor. Vielleicht habe mein Vater mich auch ‚richtig‘ vergewaltigt, nicht nur mit seinen Händen. – Wenn das so wäre, das halte ich nicht aus! Das verkrafte ich nicht! … Das ist so ein furchtbarer Gedanke! – Was ist daran anders gegenüber dem, was sie jetzt schon wissen, dass er etwas mit ihren Händen gemacht hat und mit seinen? Versuchen sie doch einmal, das zu beschreiben? – Es fiel mir sehr, sehr schwer, das in Worte zu fassen. Ich antwortete ungefähr so: Ich finde es noch erniedrigender! Das bedeutet noch mehr Macht! … Ich war doch noch ein Kind! Ich hab das Gefühl, das halte ich nicht aus! … – Ehem! Ehem!, kam immer wieder von ihr. – Das, was Bernd gemacht hat, das ist ja schon so verletzend! Das ist wie ein Schnitt in meine Haut. – Ehem! – Mit den Händen in mich eindringen, das ist noch schlimmer. Die haben doch überhaupt nicht geguckt, was das für mich bedeutet, wie das für mich ist! Für ein kleines Mädchen! … DAS ist für mich schon vergewaltigend! Aber dann DAS noch, das ist doch furchtbar! … Wenn ich mir vorstelle, dass mein Vater mit seinem Schwanz in mir war… Das ist ja noch erniedrigender! Zeigt noch mehr seine Macht! – Und ist noch gewalttätiger!, schrieb ich dazu in mein Tagebuch. Später hatte ich dazu noch gedacht, vielleicht ist es gar nicht schlimmer. Ist doch so schon Vergewaltigung, was der gemacht hat! Dann aber:  Nein, das ist noch schlimmer!

Während dieser Stunde hatte ich die K. immer wieder über den Spiegel angesehen und sie mich. Manchmal hielt sie ihren Kopf etwas seitlich geneigt; das wirkte so lieb und mitfühlend. Sie war ganz bei mir!

In dieser Stunde, 15.5., kam ich noch auf meine Ängste vor dem und beim Wegfahren und woanders Übernachten zu sprechen:

Die angst in KS und die in italien, das war doch jeweils totale angst, das war doch ganz schlimm. … Diese fürchterliche, überwältigende angst taucht immer dann auf, wenn ich von zuhause wegfahre! … Dazu hatte ich dann folgende gedanken: Früher schlief ich bei meinen schwestern im zimmer, war geborgen, beschützt. Auch erst mal, wenn ich bei meiner mutter im bett lag… Aber dann nicht mehr! Dann war ich bedroht! … Vielleicht ist das jetzt ähnlich, sobald ich von zuhause wegfahre. Dann weiß ich nicht, was auf mich zukommt… – Ehem! –

Nachdem ich den folgenden heftigen Traum…

22.5. Liege im rechten bett, meine mutter links… Auf einmal draußen geräusche; hab angst, mein vater kommt ins zimmer. Krieche zu meiner mutter, wecke sie: Der kommt! Ich hab angst! – Der kommt nicht! – Doch die türe geht auf, ich hab panische angst…, angst, der könnte reinkommen, mich umbringen! Das war mein gefühl! Ich war wie von sinnen! …

… der Therapeutin unter Tränen erzählte hatte, sprach ich von meiner großen Angst, dem Gefühl des Alleineseins und der Angst, ich drehe durch:

22.5. (…) Die angst kam nicht wie sonst so aus dem bauch raus. Die kam von außen! Wie eine bedrohung! – Kurzes schweigen. – Ich hab’ das gefühl, das bin gar nicht ich, die ihnen das alles erzählt…, nicht die Ann von heute. – Sie fragte, was ich mit ‚ich drehe durch‘ meinen würde. Ich versuchte es zu beschreiben, aber das fiel mir sehr schwer. Dann sagte ich: Ich hab keine kontrolle mehr! Hab’ noch weniger sicherheit als sonst! Es ist, wie wenn man im wasser ist und kann nicht schwimmen! – Ehem! Ehem… – 

Wir sprachen noch darüber, dass und warum ich mich so alleine fühlte, was ich dazu unbewusst beigetragen hatte, um das noch einmal zu erleben, was ich von früher kenne. Dazu sagte die K. sehr Spannendes und Erhellendes:

Man macht das nochmals so, wenn man etwas früher nicht verarbeitet hat und das jetzt nachholen will. – Dann hab ich mich so gefühlt, als ich ganz klein war! DAS hab ich dann als kleines mädchen ausgehalten?! – Ich konnte es nicht fassen.

Die K. betonte, ich solle versuchen, die angst anzunehmen: Das ist doch eine ganz tiefe, allumfassende angst! – Ich solle sie annehmen als einen teil von mir, und sie mir dann angucken. Ich versuchte, die angst zuzulassen, das dicke kissen an mich geschmiegt, lutschte auf einmal am daumen und mir wurde wieder sehr kalt an den beinen. Da die zeit bald vorbei war, fragte sie, ob ich mit der heutigen stunde auskommen würde oder ob eine zusätzliche stunde nötig sei. – Ich möchte, dass sie in sich rein fühlen, ob sie alleine zurechtkommen! Ob sie das alleine schaffen wollen! – Ich dachte darüber nach. – Ich will alleine damit fertig werden! Hab’ heute nacht schon gedacht, ich bin doch für dich da, kleine Ann! –

In meinem Tagebuch fügte ich hinzu:

Nach dem traum und auch noch in der stunde: Angst, unsicherheit und das gefühl, keinen boden unter den füßen zu haben. Das war wie vor jahren, in meinen schlimmsten zeiten! Sagte mir, die angst hat doch nichts mit jetzt zu tun, liebe Ann! Wenn sie auftaucht, lass’ sie zu, guck sie dir an! Und sorge selbst sehr gut für dich!

Ich erinnere mich noch gut daran, dass die K. in der folgende Stunde von ihrer Überlegung sprach, ob sie mich nicht in eine Klinik überweisen solle, weil ich in letzter Zeit sehr oft gesagt hätte, ich wolle nicht mehr leben. (Erst viel später erkannte ich, ich will doch leben! Ich hatte nur das Gefühl, ich halte all das Furchtbare und das Wissen darüber nicht mehr aus.) Ich hatte in dieser Stunde wieder davon gesprochen, dabei hinzugefügt, ich wolle ihr aber keinen Druck machen. 

24.5. (…) Nun erwähnte ich zwei träume mit ihr, die ich am tag zuvor gar nicht erzählt hatte. Warum eigentlich nicht? Erzähle ich überhaupt das wichtigste?, hätte ich mich gefragt. Schilderte ihr die träume.

….auf einmal krabbelt ein baby bis vor den spiegel in unserem raum! Setzt sich hin. Die K. versorgt es irgendwie, aber es ist wohl nicht ihr kind! Sie muss es zu einer freundin bringen oder so, jedenfalls muss sie kurz weg. (…) Ich fahre dann auch los, um etwas zu erledigen. Wir treffen uns auf der straße. Sie fährt mit ihrem auto rückwärts, mir, ich auf dem rad, vor die füße. Ich protestiere, lächelnd. 

…dann ist die K. wieder da, sagt so etwas wie, ob ich mein herz schon abgehört bekommen hätte, sie könne das machen…. Freute mich, fühlte mich gut aufgehoben!

Sie fragte mich mit fester stimme: Warum nehmen sie die träume eigentlich nicht ernst? Die sprechen doch eindeutig dagegen, sich das leben zu nehmen, nicht mehr leben zu wollen! Und ich sehe das auch so, die kleine und die große Ann wollen etwas von mir. Aber ich sehe die träume auch als lebensbejahend: Wir hatten spass miteinander in der situation, ich im auto, sie auf dem rad… Und der traum spricht auch für vertrauen. Dass sie mit allem hierher kommen können! Sie wollen mit allem gesehen und angenommen werden, mit all ihren dingen…. Und sie wollen SICH auch komplett sehen, mit allem annehmen. –

Bald darauf sagte sie: Ich habe sie in den letzten tagen mit sorge beobachtet! (…) Bisher habe ich immer gespürt, wenn es bei jemandem eng wurde. Aber ich kann mich auch täuschen. Deshalb will ich von ihnen wissen, ob sie mir sagen wollen, ich soll sie davor bewahren, soll ihnen helfen… Bisher hatte ich nicht das gefühl, aber jetzt will ich es von ihnen wissen!, so ungefähr ihre worte. Sie habe daran gedacht, mich in eine klinik zu schicken. Schreck! Die hätten eine besondere station für missbrauchte frauen, seien sehr gut, wäre ich gut versorgt, müsse nicht wie hier immer wieder gehen, nicht alleine damit zurechtkommen. Mir wurde es immer mulmiger. Hat sie so eine angst um mich? Kann sie mir nicht mehr helfen? – Ich hab ja so schon angst um mich! Aber wenn sie das mit der klinik sagen, das erschreckt mich… Ich gehe aber nicht in die klinik! – Das sollen sie ja auch nicht, wäre ja ihre entscheidung. – Als sie mich montag zum schluss fragten, ob ich alleine damit zurechtkomme, dachte ich (…) Ich will alleine sein! Ich will das alleine schaffen! –

Ich sprach dann von meiner wut, will die nicht gegen mich richten, die gehört woanders hin. (…) Und hätte gedacht: Wenn sie mir das geben, was ich gerne von ihnen hätte und was noch an wünschen in mir ist, brauchte ich meine wut auf meine mutter nicht zuzulassen, rauszulassen! Könnte ich die wut damit zudecken! – Die K., fröhlich, froh: Das ist ja toll! – Sie schlug begeistert mit den händen auf den boden: Das ist ja wirklich klasse, dass sie das herausgefunden haben! Was sie da gestern geschafft haben! – Sehen sie das auch so? – Ja! Absolut! – Was war ich erleichtert! Lächelte sehr froh vor mich hin.

Ich kam noch auf den folgenden Traum zurück, den ich in der vorherigen Stunde erzählt hatte, und schilderte der K. meine Gedanken und Gefühle dazu:

Bei einem haus, in dem ich wohne, wird von außen das ganze kellergeschoss aufgerissen! Ich sehe einen VWBus mit handwerkern in das kellergeschoss (wie garageneinfahrt) reinfahren. Frage meine mutter, wieso sie das machen lässt? Sie reagiert gleichgültig. Sie kommt mir vor wie eine fremde frau.

Ich hab danach gedacht, das haus ist mein körper. Meine mutter hat mich nicht beschützt! Und hatte heute morgen ein bild dazu: Meine mutter im bett, abgewandt, mit dem rücken zu meinem Vater und mir! Und gefühle in mir drin, dass was in mir ist… (in meiner Vagina). Sie hat ja selbst immer gesagt, wenn sie schläft, bekäme sie nix mit. … Ich denke, sie wollte nichts mitkriegen! Und dass sie mich zu ihm ins bett geschickt hat, damit sie ruhe vor ihm hatte! … Das denke ich schon länger! – Betroffenes, betretenes schweigen.

Ich sprach noch von der angst, dass wieder diese furchtbare angst auftaucht wie nach dem traum, nachdem ich fühlte, mein vater will mich umbringen. Die K. meinte, es könne auch sein, dass ich damals fühlte, dann will ich lieber sterben…

Ich habe wohl noch nicht erwähnt, dass ich immer sehr gerne und viel gelesen habe, schon in meiner Jugend. Während der ersten Jahre der Therapie konnte ich jedoch für lange Zeit keine Literatur lesen. Ich konnte und wollte keine Geschichten von Anderen lesen, in meinem Kopf haben! Nun veränderte sich das wieder – zu meiner großen Freude. Manche Bücher bekamen eine ganz besondere Bedeutung für mich. So las ich Erzählungen der Italienerin Susanna Tamaro aus dem Buch ‚Love‘. Von meiner Idee, im Anschluss an eine Therapiestunde, meinen Eltern eine dieser Erzählungen zuzusenden, sprach ich in der folgenden Stunde:

8.6. (…) Ich gab, völlig ernst, kurz den inhalt wieder. Als ich den schluss zitierte: ‚…es heißt, dass es keine menschenfresser mehr gäbe. Dabei gibt es noch menschenfresser. Mein papa ist tagsüber rechtsanwalt und nachts menschenfresser‘, atmete die lady laut aus: Puuuh! – Und dann kam ein liebevolles, weiches: Ehem! – Ich konnte kaum weiterreden, mir blieb fast die luft weg! Schwindelgefühle! – In dieser erzählung ist beschrieben…., wirklich, die hat das messerscharf beschrieben, WIE die mutter wegguckt! …  Diese geschichte möchte ich meinen eltern schicken! – Ich war völlig fertig und voller wut und hass und gleichzeitig ganz leer. (…)

Die Therapeutin bat mich um eine Kopie dieser Erzählung, die ich ihr beim nächsten Mal mitbrachte. Ich fertigte eine zweite Kopie an, packte sie in einen Umschlag und sandte sie meinen Eltern mit der Bemerkung: Ich möchte, dass ihr beide diese Geschichte lest! Ann. 

Als ich den Umschlag in den Briefkasten warf, war ich sehr aufgeregt und dachte, ich will mich meiner Wut stellen, denen was davon abgeben, da gehört die doch hin!

Meine Eltern reagierten nicht – noch nicht!

Das möchte ich noch einfügen: Mir wurde nach und nach klarer, so meinte ich zumindest, was die K. damit meinte, ich solle vielleicht lieber in eine Klinik gehen: Sie ist für mich da, während der Stunden und auch mal dazwischen oder telefonisch. Außerhalb dessen muss ich für mich sorgen, muss ich selbst gut nach mir schauen, mit selbst Mama sein! Sie kann das nicht rund um die Uhr leisten. Das wollte ich ja von ihr, aber auch, dass sie mir alles Schlimme und die Ängste abnimmt, also dafür sorgt, dass das weggeht, und dass sie mir Liebes gibt, damit ich meiner Wut und meinem Hass aus dem Weg gehen kann, so schrieb ich in mein Tagebuch. Und weiter: Ich will mir selbst immer mehr und besser Mama sein, weil ich merke, dass mir das so sehr hilft. –

Noch später erkannte ich den wahren Grund, warum die K. wollte, dass ich in eine Klinik gehe, nämlich um mich vor mir selbst zu schützen! Damit ich die Wut nicht selbstzerstörerisch gegen mich richte.

Nun ging es um die Wut auf meine Eltern, nachdem ich zuvor in einer sehr zähen Stunde versucht hatte, davon abzulenken – erfolgreich.

13.6. (….) Meine bilder, wie ich wut und hass auf meinen vater und auf meine mutter loswerden könnte: Am liebsten die beiden wie in den betten liegend darstellen und sie dann traktieren. – Ich hatte zeitungen und ein bettuch mitgebracht. Wir hatten zuvor davon gesprochen, dass ich was mitbringen werde. Für meinen Vater zeitungen und knete für den kopf. Die K. meinte, ton wäre besser, hätte sie besorgen wollen, aber kein auto zur verfügung gehabt. Würde sie versuchen, für morgen…. Ist die klasse! Wie die mich unterstützt!

Mir wurde immer klarer, mit meiner mutter beginnen zu wollen. So eine angst davor! – Es ist wichtig, dass sie das nach und nach angehen, sich zeit lassen, immer wieder gucken, wie es ihnen damit geht, wenn sie das angehen. Darauf achten, was sie verkraften können! – Sie dachte an mehrere stunden hintereinander, kam dann aber zu dem schluss, es sei doch besser, das stundenweise anzugucken. Solle nachspüren, was ich dazu denke. Nach und nach angehen!

Also mit meiner mutter beginnen. – Warum zeitungen?, fragte sie. – Die entschwinden, weichen aus, geben nach. – Passe vielleicht zu meiner mutter. Ich wolle versuchen, etwas damit zu machen; holte die zeitungen und das bettuch aus meinem rucksack, sagte verschämt: Das habe ich alles mitgebracht! – Sie lächelte lieb und forderte mich auf: Überlassen sie sich mal ihren händen. Schließen sie ihre augen. Gucken sie mal, was dann entsteht… Lassen sie die kraft in ihre hände fließen… – Ich legte brille und schmuck weg, augen zu. 

Fiel mir sehr schwer, mich darauf einzulassen, aber dann zerknüllte ich die zeitungen. – Hab geduld mit dir, Ann!, forderte ich mich zwischendrin selbst auf. Als ich ganz viele zeitungen zusammen geknüllt und zu einem haufen gepackt hatte, legte ich das bettuch darüber. Konnte damit aber nichts anfangen. Ich solle ein stück davon wegrücken, fühlen, was ich gemacht habe und es beschreiben. – Das ist der rücken meiner mutter! Wie mein bild von gestern nacht…- Ehem! Ehem! – Hätte am liebsten die zeitungen zerrissen oder ein feuer damit gemacht. – Ich brauche mehr zeit, habe rückenschmerzen und schmerzen hier (im Unterleib) und brennen in mir (meiner Vagina)! – Ich solle noch weiter davon wegrücken, auch weil die stunde gleich beendet wäre. Sie forderte mich auf, heute, wenn ich unterwegs bin, einen block dabei zu haben und aufzuschreiben, wenn mir zu diesem bild was einfällt. – …damit sie es los sind! – 

Sie schaute nach, morgen könnten wir die zeit verlängern, das so vorsehen. – Ja, ok! – Ich solle ‚mein werk‘ dort liegen lassen, darum würde sie sich kümmern! Also auch nicht dortbleiben. – Ja! Ok! –

Aus meinem Tagebuch von diesem Tag, diesem Abend:

Sport. Zuerst ein brett mit der hand: sofort durch! Gedanken dabei und aufgeregt: Ich schlag dir so in die fresse! In dein loses maul! – Dann zwei und dann noch 3 bretter auf einmal durch! Mit schreien! Sofort durch! Gedanken: Ich trete ihr in ihren rücken, weil sie sich abgewandt hat, nicht nach mir guckte! – Das war so gut, dass ich das schaffte!

Am nächsten Tag wieder Therapie, mit mehr Zeit als üblich, so wie es die Therapeutin zugesagt hatte.

14.6. ICH HABE ES GESCHAFFT! Habe ganz viel wut rausgelassen auf meine mutter! Hatte noch bilder bei denen im bett und dass ich ganz alleine damit war! (natürlich nur sehr ungefähre notizen!)

Hatte mir nichts vorgenommen. Spürte ordentlich wut. Beschrieb der K. mein befinden nach der letzten stunde: Vollkommen leer, keine wut, keine gefühle, kein wissen über das, was mein vater gemacht hat. Im bett, kälte, lähmung, wie oft, wenn ich mich nach der Therapie noch hinlege.

Fiel mir schwer, aber ich sagte es: Montag und gestern hätte ich während der stunde meine lieben gefühle für sie, die K., ganz stark gespürt, was sonst während der stunde selten der fall wäre. Von meiner wut ablenken? Ja, so habe es doch auch gewirkt. Hätte meinen hass doch nicht mehr gespürt, bestätigte sie. – Vielleicht hab ich das früher auch so gemacht? 

Erzählte vom sport, vom bretter durchschlagen. Danach glühende wut und dort jetzt auch. – Ich dachte ja, ich könne auf meine mutter keine wut spüren. Aber jetzt ist sie da! – Ich hole mal das gebilde, sagte die K. und holte das betttuch mit den zerknüllten zeitungen, breitete alles so aus wie gestern von mir. Ich packte das dicke kissen noch unter das betttuch, damit ich draufschlagen konnte.

Damals ließ ich sehr viel Wut auf meine Mutter raus. Dabei sagte ich unter anderem, weinend: Mutti, warum hast du nichts gemerkt? Warum hast du mich nicht beschützt? – Und: Die kriegt nix mit! Es ist zum Verzweifeln. Das kommt einfach nicht an! – Nachdem ich meine Wut rausgelassen hatte, tauchten wieder Bilder und erinnerte Gefühle auf. Sehe meine Mutter im Bett liegen, ich bin klein, liege zwischen meinen Eltern. Die Gefühle, Brennen und Angst, wurden immer stärker, ich atmete immer schneller. Während dieser Erinnerungen sprach die K. mich mit Du an, sprach sie mit der kleinen Ann! Ich wusste danach noch weniger als sonst oft, was sie alles gesagt hatte, weil ich so ‚weg‘ und so beteiligt war. Jetzt möchte ich beschreiben, wie es nach den Erinnerungen weiterging:

(…) Ich legte mich auf den rücken, die hände auf meiner vagina, wie zum schutz. Dann die hände seitlich neben mir. – Warum liegst du jetzt so da? – Ich glaube, ich sagte: Ich fühle mich wie tot! Fühle nichts mehr! Bin wie weg! Bin nicht da! … Ich will weg! – Rutsche von dem gebilde weg. – Wohin willst du? – Raus aus dem zimmer (elternschlafzimmer). – Mit so lieber stimme fragte sie: Willst du zu Lisa? – Nein! – Oder willst du zu maria? – Ich stand auf, ging zu meiner matratze, sagte: Ich will das nie mehr fühlen, frau K.! – Ehem! – Kuschelte mich auf meine matratze. Vielleicht sagte ich da schon: Ich bin ganz alleine! – Setzte mich mit dem rücken gegen die wandmatratze, deckte mich ein bisschen zu. Ich glaube, dann hockte sich die K. neben meine matratze auf das kleine kissen. – Ich will zum schluss aber noch zeit haben! – Ehem! – Ich kringelte mich ganz zusammen, die decke noch besser über mich ausbreitend, mir war sehr kalt. Dann sagte ich leise: Ich will zu meiner Maria! – Ehem! – …will zu Maria! – Und was macht Maria? – Ich will mich an ihren bauch schmiegen. – Ehem! … Ist doch auch schön!?, mit leiser, weicher stimme. Ich spürte leichte, erotische gefühle. – Ja, sagte ich. Und dann: Ich gehe weg von Maria! – Und warum? – Die versteht mich nicht! Die versteht nicht, was los ist! Die merkt auch nichts! … Gehe zu meiner mutter, in ihre arme…. Aber auch das nützt nichts! Ich spüre nichts! Ist nichts da! …. Ich bin ganz alleine! – Ehem! – 

Ich sehe mich, dass ich ganz alleine bin! Alle sind da, aber ich bin ganz alleine! … Wir hatten so einen ganz großen flur, so groß wie das zimmer hier. Von der küche ins wohnzimmer musste man über diesen großen flur. Der war meist völlig dunkel. Und ich hatte oft große angst, durch den flur zu gehen. – Ehem! – …sehe jetzt den flur, sehe alle um mich rum, gehen hin und her, aber ich bin ganz alleine, obwohl alle da sind! … Die sehen mich an, aber sehen mich nicht richtig! – Weil sie nichts wissen? – Die wissen nicht, was los ist! Keiner weiß es.., nur mein vater! – Sieht er sie an? – Ich spüre auf einmal wahnsinnige angst. Ihre frage…, das war jetzt wie ein schlag in den bauch! Ich sehe meinen vater nicht, aber er ist da! Er ist überall. Ich hab solche angst! … Ich sehe Lisa! … DIE sieht mich richtig an! Sehe sie als mädchen vor mir (mit zöpfen, 10-12 J alt?), und sie guckt mich richtig an, auf mich runter! – Ich versuche, die kleine Ann zu sehen, mir wird komisch! Spüre wut aufsteigen, sage: Mir ist jetzt ganz schlecht! – Ehem! – Mir ist so schlecht! Und ich spüre wieder wut! – Wusste nicht auf wen. – Ich will jetzt nicht mehr! Kann nicht mehr! – Ja, ehem! – Es war so viel heute! Will schluss machen! – Ja! Das war auch sehr viel!, bestätigte sie mit lieber stimme. 

Ich setzte mich auf, legte die decke beiseite. – Wollen wir das zusammen wegpacken? – Moment noch. Ich muss erst richtig zurückkommen! – Ich atmete tief durch: Ein feuer damit machen, das wäre das beste! – Müssten wir an den rhein damit gehen…, sagte sie lächelnd. Dann, mich direkt anschauend: Aber stimmt das überhaupt? Ist es schon soweit? – Nein! – Also packen wir es weg! – Wir standen auf, packten die ganzen zeitungen wieder in das laken, die K. band die ecken zusammen. – Können sie ruhig fest zuziehen! – Das tat sie und brachte alles ins büro. Setzte sich wieder zu mir. In meine richtung. Ich schaute mir den raum an, war noch nicht wieder richtig da. – Was fühlen sie jetzt? Wie fühlen sie sich? – Irgendwie leer! … Aber auch größer! Erwachsener! Und ich bin groggy! – Spürte auch leichte angst, wie ich das wohl verkrafte. 

Dann sagte ich: Ich würde gerne mal kurz ihre hand haben und ihnen was sagen. – Keine reaktion, doch, ein vielsagendes lächeln. Dann: Sagen sie es so!, von der lady! Ich wurde sauer. Blöde kuh! Lass es, Ann, oder willst du dir die stunde versauen? Ich sah sie an: Gut! Geht auch so: Danke! – Sie lächelte: Sagen sie erstmal zu SICH danke!, forderte sie mich fröhlich auf. Hatte ich auch schon gedacht, dass ICH das doch geschafft habe. Lächelnd entgegnete ich: Habe ich vielleicht schon gemacht?! – Sie machte ein verschmitztes gesicht; sagte noch: Ich möchte ihnen nicht meine hand geben, damit die kraft bei ihnen bleibt! – Das ist eine, die lady! – Ich hatte gleich den impuls, ihre hand kurz zu drücken und ihnen danke zu sagen! – Haben sie sich denn schon die hand gedrückt?, ließ sie nicht locker und lächelte mich lieb an. – Ja! Vorhin schon! – Ich zeigte ihr meine hände, dass ich meine linke faust mit der rechten hand umschloss. Sie lächelte. Und dann sah ich ihr in die augen! Sah sie komplett an, ihre hände und wieder in die augen. – Ich finde toll, dass ich das geschafft habe. – Sie freute sich sichtlich mit mir. (…) – Lassen sie es hier!, kam lieb zum schluss von ihr. Ich konnte nur leicht lächeln.

Ein Kommentar in meinem Tagebuch aus diesen Tagen:

Ohne meine lieben gefühle (für meine mama, die K.) könnte ich die härten der therapie nicht aushalten! Ohne diese schönen gefühle wäre das sicher nicht zu verkraften. Das wurde mir so klar!

Das hatte ich nicht zum ersten Mal so gefühlt und erlebt, aber auch nicht zum letzten Mal.

In der gerade beschriebenen Therapiestunde hatte die Therapeutin etwas leise zu mir gesagt, auf das ich in der folgenden Stunde gerne zurückgekommen wäre. Das ging erstmal nicht. Musste mich selbst ermuntern. Ich spürte wieder starke Ängste und sprach es doch aus… und kam zu meinem NEIN von damals.

19.6. (…) – Ich hab jetzt angst wie Mittwoch, als ich dort lag…, beim bild im bett meiner eltern! – Ehem! – Da ist eine erinnerung aus der mittwochsstunde, kann es nicht aussprechen… Hab’ so angst! – Ich ermunterte mich. Will es doch sagen! Ich erinnerte die K. an die situation, als ich mir vorstellte, mich an Maria zu schmiegen. Dazu habe sie wohl gefragt, ist das schön? – Und das war, als würden sie mir das ins ohr flüstern… Ich spürte einen schauder in meinem körper und erotische gefühle. … Und dann war da, dass mein vater mir so was ‚dabei‘ ins ohr flüsterte. Das war mir sofort klar! Ich bin mir ganz sicher! – Können sie die stimme ihres vaters hören? – Nein! Nicht schon wieder! Ich will das nicht alles wieder erleben!, u. ä. meine abwehr. Das verstand sie, hielt aber dagegen, da komme doch was raus! – Wenn sie das zulassen, kommt doch auch ihr NEIN raus! Das haben sie damals doch gespürt, dass sie das nicht wollen! – 

Bei mir sofort genau das gefühl, ich wollte nicht, dass er das macht! Wieder engegefühl, ängste. Die K. forderte mich auf, in den bauch einzuatmen. Plötzlich spontan von mir: Aber man darf doch nicht nein sagen! – Das war aber trotzdem da! In mir! – (…) Fühlen sie mal, was in ihnen ist, kam mit lieber stimme. (…) – Der soll mich in ruhe lassen! Ich will das nicht! – Ja!, fest und bestätigend von der K. Ich rutsche unruhig hin und her: Lass mich in ruhe! … Ich will nicht, dass du mich anfasst! – Noch lauter, fast brüllend: Hau ab! – Hielt mir die ohren zu! Wieder auf dem bauch liegend: Ich will das nicht hören! Sei still! – Trampelte, sagte wieder, ich will dich nicht hören und ähnliches. Meine hände auf einmal zu fäusten geballt, damit schlug ich auf die matratzen, trampelte mit den füßen auf die matratze. Ganz fest. – Ja! Das ist gut!, ermunternd von der K. – Ich will nicht, dass du das machst! – Ich strampelte und schlug und trat wie ein zorniges kleines mädchen. Dann weinte ich. –

Ich will zu meiner mama! Mama! Mama! – Ja…, die K. weich und verständnisvoll. – Mama, lass mich doch zu dir! – Kuschelte mein gesicht in die decke, ganz dicht an der wand. Jetzt setzte sich die K. zu mir, neben mich; irgendwann legte sie eine hand auf meinen rücken. – Meinen sie, dass ihre mama sie hört? – Nein! Ich kann nicht rufen. Krieg keine luft! Angst. Hab das gefühl, ich ersticke. – Wenn man das gefühl hat zu ersticken, kann man auch nicht um hilfe rufen! Warum kriegen sie keine luft? Haben sie ein bild? – Es ist was auf meiner brust. Ganz schwer! – Und wo ist dein vater? Was macht dein vater? – Vielleicht hatte sie schon früher wieder ‚du‘ gesagt… – Schwarz… Dunkelheit… In meinem kopf ist alles schwarz. Ich hab so angst! Ich sehe ihn nicht, aber er ist überall! … Mein vater ist überall um mich rum, überall – Ehem! – Ich spürte ihre hand, ihren arm auf meinem rücken. Ihre hand berührte leicht meinen hals. Gut! Fühlte mich geborgen mit meinem schmerz. Aber der blieb. – Die haben mich umgebracht! – Wer? – Meine eltern! Die haben mich umgebracht. Ich bin tot! – [Jetzt fällt mir ein, das passt zu der Nacht auf dem C-Platz in Paderborn! Und zu all den Nächten mit Ängsten vor Dunkelheit/in der Dunkelheit!, so notiere ich beim Abtippen der Therapienotizen in den PC.] 

Die K: Ja, tot sein ist besser, als das zu fühlen! – Ich bin tot, fühle mich wie tot…, fühle nichts mehr…, es ist alles weg. – Ich fühlte nur meinen bauch, der ganz hart war. Unklar, ob von jetzt oder wie damals. – Ich denke, wir machen jetzt für heute schluss. Ist genug gewesen. – Ja! Ich will wieder hier sein! – Ja! Dann wird der bauch auch wieder weicher…. – Sie nahm ihre zweite hand dazu, streichelte mir sanft meinen rücken!! Wie soll ich das beschreiben? Es ist so schön, dass sie das tut und dass es möglich ist! Endlich wieder berührungen möglich sind. Gerade jetzt brauche ich das so! (Zu den Schwierigkeiten mit Berührungen siehe ausführlich im Kapitel ‚Auswirkungen‘.) –

Ich bin völlig platt, krieg kaum luft! Und mir ist schwindlig im kopf! – Ja! Das ist die wut! – Schweigen. Angucken. Dann irrten meine augen wieder im raum herum. Schaute wieder die K. an. – Mir ist so, als hätte ich das wirklich alles meiner mutter gesagt. … Das kommt, wie aus einer anderen welt. Ich will wieder ganz hier sein! – Ehem! … Wie war das wochenende? Wie ist es ihnen ergangen? – Tagsüber ganz gut, aber nachts z. t. harte träume. Ein traum mit meinem vater, danach mit schreck erwacht;  ein traum mit brennendem flugzeug, das über unser haus fliegt, in der nähe abstürzt. Es ist krieg… – Ich berichtete noch mehr. – Fühlen sie eigentlich, dass es ihnen gut tut, wenn das alles rauskommt? – Ja! Manchmal nicht so, aber schon, ja… Ich will, dass das alles von meiner seele runterkommt! – Ja! –

Die Therapeutin sagte danach Spannendes zu meinen Ängsten. Und ich konnte ihr noch etwas Schönes von mir berichten.

20.6. (…) Zu meinen diversen Ängsten oder angststituationen meinte sie:  Da hat sich doch jetzt schon einiges geklärt. Sie wissen zumindest ungefähr, womit sie in bezug stehen, was es damit auf sich hat!…. – Ja, das hat mir in letzter zeit auch geholfen. Bin ja auch meist alleine damit zurecht gekommen. – 

Sie fuhr fort: Die angst wie gestern, druck auf der brust…. Ich denke, dass die im zusammenhang mit einer konkreten situation steht. Ich nehme an, mit dem missbrauch des vaters!… Die andere angst ist ja eine alles umfassende angst, eine existentielle angst! Ich denke, dass sie die früher hatten, weil sie ja nicht wussten, wann wieder so eine situation auf sie zukommt. Sie mussten ja immer damit rechnen, dass ihr vater wieder was macht… Und dadurch entstand bei ihnen das gefühl des absoluten ausgeliefertseins, der absoluten hilflosigkeit! Sie hatten ja keinen einfluss!, so ungefähr ihre worte. – Ihre existentiellen Ängste haben sicher mit dem missbrauch zu tun, aber vielleicht auch noch mit anderen erlebnissen, in denen sie sich ausgeliefert fühlten. Das müssen wir noch klären… –

Sie fragte noch, ob sich meine eltern auf die zusendung der erzählung hin gemeldet hätten. – Nein! Für meine eltern spinne ich sicher! – Ich spürte dann so einen hass auf meinen vater; sagte es, wisse aber immer noch nicht, was bei ihm passen würde, also wie die wut, den hass austoben… (…) 

Trotz druck in der brust und beklemmungen wolle ich ihr noch was schönes sagen: Ich spürte gestern nachmittag ganz deutlich, dass es mir viel besser geht, wenn ich die erinnerungen und gefühle und alles zulasse und rauslassen kann! Selbst wenn die stunde so schwer ist wie gestern, geht es mir trotzdem besser. Anders z. b. als ich den hass auf meine mutter nicht zulassen konnte. Das war ja sehr bedrohlich, da ging’s mir doch bedrohlich schlecht! Gestern nach der stunde fühlte ich mich erwachsener, größer! … Und gleichzeitig spürte ich die kleine Ann in mir, spürte sie in der großen, gewachsenen Ann! Und das hat mir sehr gut getan! – Ehem! Ehem! –

(…) Ich war sehr froh, nach dem ende der stunde noch in meinem ‚kinderzimmer‘ sein zu dürfen. Wie meist lange zeit ganz alleine in der praxis. Die muss vertrauen zu mir haben!

Abends sport, wieder bretter durchgehauen und getreten, mit gedanken an die alten! Mit blossen füssen 2 bretter durch, wollte es pur haben!

Bei der zahnärztin, ganz komische gefühle, weil so am kopf und der brust belagert. Gedanken an meinen vater, mir liefen, trotz größter mühe, tränen übers gesicht! Und seitdem todtraurig!  (Das hatte ich zuvor schon einmal erwähnt.) Nach dem mädchentraining ging es mir dann aber sehr gut. 

In dieser Zeit hatte ich wieder herbe Träume und entsprechende Angst danach, die die Therapeutin ebenfalls erläuterte bzw. mir einen guten Umgang damit beschrieb. (Dies erwähne ich ausführlich im Kapitel ‚Angst‘, aber auch hier, weil hier der ursprüngliche Zusammenhang sichtbar wird.)

26.6. (…) Die K.: Es ist wichtig, und sie sollten daran arbeiten, dass sie die angst nach den träumen, die ja damit im zusammenhang steht, von dem heute trennen! Die angst gehört zu den träumen! Sie brauchen ja heute keine angst mehr zu haben! … Es ist doch gut, dass sie die träume haben. Sie sind wertvoll für uns! Und die angst hat mit den träumen zu tun!, betont sie nochmals. – Das sollten sie trennen! Damit die nächte nicht so angstbesetzt für sie sind. Sie nicht immer denken, ich will das nicht und ähnliches, denn dadurch wird es nur schlimmer! –

Schon in der nächsten Nacht hatte ich wieder einen Traum mit meinem Vater:

27.6. Will meinen pulli ausziehen, mein busen erscheint ein bisschen… Mein Vater sieht das, ich drehe mich weg. … Auf einmal spüre ich, dass wir beide wissen, dass … 

Diesen Traum erzählte ich in der Therapie und fügte hinzu: Es ist schwer zu beschreiben, wie das war, aber es ist ganz klar und deutlich, dass wir beide daran denken! Uns beide erinnern, es wissen, was er mit mir gemacht hat! –

Ich möchte an dieser Stelle zitieren, was ich nach der Stunde, in der ich über diesen Traum sprach, notierte: Wenn ich in der Therapie zu mir stehen kann, auch wenn es noch so hart und schwer war, gehe ich doch froh nach Hause. –

Bevor die Therapeutin eine mich sehr verwirrende Frage stellte, hatte ich zu ihr gesagt:

3.7. (…) Ich kriege sein lächeln und das, was er noch gemacht hat, einfach nicht zusammen! Der konnte mich so lieb anlächeln! – Das kann man auch nicht zusammenkriegen!, sagte sie ganz bestimmt und fuhr fort: Dass ihr vater lieb zu ihnen war und auf der anderen seite sie so missbrauchte, sie ihm so ausgeliefert waren, das ist nicht zusammen zu bringen! Das ist aber eine spaltung in IHM! Das hat nichts mit ihnen zu tun. – Ich verstand!

In der folgenden Stunde (4.7.) fragte sie mich dann, was mein Vater eigentlich genau gemacht habe? 

Ich dachte, ich höre nicht richtig! Was soll das denn jetzt? Sie habe das gefühl, fuhr sie fort, dass ich mehr wisse als das, was ich bisher gesagt oder gezeigt hatte, dass wir beide also nicht auf dem gleichen stand wären. Sie wisse auch nicht, ob mich der vater aus dem mädchenschlafzimmer ‚dafür’ herausholte oder ob ich mich dort hätte sicher fühlen können. Oder ob er das ‚nur‘ im elternschlafzimmer gemacht habe. Warum will die das alles wissen? Die hat das doch mitbekommen, was ich alles erinnerte!, fragte ich mich völlig verwirrt. Glaubt sie mir nicht? Ich versuchte, mich zu besänftigen und antwortete ihr: Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein vater mit seinen und mit meinen fingern in mir drin war… (in meiner Vagina!) – Was fiel es mir schwer, das auszusprechen! – Und das war immer im elternschlafzimmer, da bin ich ganz sicher! Und meine mutter war dabei! … Wie oft das geschah, weiß ich nicht, aber es war öfter. Ich weiß auch nicht, wie alt ich war.  – Ich dachte ungefähr vier, vielleicht auch sechs Jahre. Ich fragte, ob das auch das sei, was sie ‚wisse’. Ja, aber bei ihr sei noch mehr da, sagte sie zu meiner überraschung. 

Ich ergänzte, dass ich annehme, er hat mich auch ‚richtig’ vergewaltigt (also mit seinem Schwanz!). Erinnerte an ein nächtliches bild mit ihm, er liegt auf mir, und meine anschließende angst. Deshalb hätte ich doch an dem thema nicht weiterarbeiten wollen…

Erst mit großen zeitlichen Abstand wurde mir klar, dass die K. wollte, dass ich einmal alles konkret ausspreche, also die Erinnerungen in Worte fasse. Damals hatte ich gedacht, sie glaubt mir nicht. Heute finde ich es gut, dass sie mich das über Träume, Gefühle, gefühlte Erinnerungen und mit meinen Händen ‚Ausgesagte‘ einmal klar benennen und aussprechen ließ. 

Eine Notiz aus diesen Tagen aus meinem Tagebuch:

Wenn ich mich dafür entscheide, nicht mehr zu leiden, sondern mein leben zu leben, entscheide ich mich für mich, gegen ihn, gehe ich von ihm weg! Hört die sexuelle gewalt auf, noch auswirkungen auf mich zu haben! 

Das war und ist eine gute und wichtige Einsicht! Auch deshalb füge ich den damaligen Kommentar der Therapeutin dazu an:

10.7. (…) … das hieße ja auch, dass man selbst entscheidet, ob man traurig oder ausgelassen ist, als beispiel. Also dass man die freiheit hat, sich jeden augenblick selbst zu entscheiden! – Ja, aber wenn ich z. b. angst habe, dann geht das nicht so einfach… – Weiter die K.: Wenn sie in so einen strudel mit ihrem vater reingeraten, angst auftaucht, bedeutet die angst doch auch, dass sie nicht das machen können, was sie wollen! Nicht von ihm weggehen können, klein bleiben! Die angst steht doch für die verbote ihres vaters! Sie wollen ihre dinge tun, dann taucht die angst auf, DAMIT sie das unterlassen! Wenn sie aber trotzdem ihre dinge machen, ihr leben leben, gehen sie von ihrem vater weg! Hören nicht mehr auf ihn, sondern hören auf SICH! Jetzt geht es nach mir! So! Das bedeutetet ja, NEIN zu sagen! – Ich konnte ihr kaum folgen, war ganz benommen. (…)

Erst nach der Stunde und noch mehr nach einen größeren zeitlichen Abstand verstand ich ihre Aussagen.

In den folgenden Monaten wurden die Erinnerungen und Bilder und dabei auftauchenden Gefühle noch deutlicher. Am 5.10. konnte ich endlich weinend sagen, was ist, was ich erinnerte: Mama, der ist in mir! Hilfe, Mama! – Zuvor hatte ich gesagt, dass ich mich so sehr schämen würde. Sie fragte nach dem Grund des Schämens. – Wegen dem, was ist! – Und bald darauf: Ich will zu meiner Mama ins Bett. Die soll mich lieb halten. Mich beschützen, dass das nie wieder passiert! … Und die soll den wegjagen, ganz weit weg! Und verprügeln. – Ich weinte und weinte. 

Irgendwann zu dieser Zeit sagte ich, ich würde Zeit benötigen, wolle und müsse mir Zeit nehmen mit dem Zulassen der Erinnerungen. – Sie bestimmen das Tempo!, so die klare, feste und wohltuende Aussage der Therapeutin dazu. 

Ich erzählte von einem Anruf bei meiner Mutter, musste sie mal wieder anrufen:

9.10.1995 (…) Das hat mir richtig gut getan! Ich wollte meine wut mal dort abladen, wo sie hingehört! – Ehem! – Aber ich habe meine mutter früher nicht erreicht und heute auch nicht. Die ist wie beton! … Aber es geht nicht um die, sondern um mich! – Ja! – Die lady: Ich kann sie nur darin unterstützen, dass es nicht um die, sondern um SIE geht! Darum, dass sie sich glauben! Ich will ihnen nicht die illusion rauben, aber die werden das weiter verdrängen. Aber es geht ja um sie! Sie sehen ja selbst, wie schwer es ist, zu sich zu stehen! Wie viel kraft das kostet! … Sie haben sich jetzt quasi geoutet!, meinte sie lachend. Ich sagte bald, dass ich jetzt erst richtig wut hätte! Herzklopfen vor wut! – Ja, das ist doch ok, das ist doch gut so! Das muss doch mal raus! – Sie erzählte von einem buch, darin gehe es um patriarchale verhältnisse in italien, südamerika u.a. ländern. Diese sicht sei dort heute noch vorherrschend: Töchter und frauen gehörten den männern! Das sei normalität. Und davon hätte ich ja auch noch was in mir. Und dann sagte sie dies:

Dass frauen ihre geschichte angehen ist ja auch ein politischer akt! Dass sie sich dem stellen, das öffentlich machen! – Das habe ich eigentlich schon immer so gesehen! – Es ist ja nicht nur eine individuelle sache, sondern eine kollektive! (alles so ungefähr!) Sicher ist es jeweils die ganz individuelle eigene geschichte, aber sie ist eingebunden in ähnliche vergangenheiten anderer frauen! … Können sie sich eingebunden fühlen in eine frauen-schwesternschaft!,  so wolle sie es mal nennen, schloss sie lächelnd. – Hab ich kein problem mit, gab ich schmunzelnd zurück, und dachte, das sehe ich doch schon lange so. 

In der folgenden Stunde berichtete ich davon, dass mir irgendwann und dann öfter das Lied durch den Kopf ging: ‚Ganz Paris träumt von der Liebe‘. Dies wurde gesungen von Catarina Valente, und meine Mutter und meine älteste Schwester Maria liebten es sehr. Maria sang oder pfiff es gern vor sich hin, als ich klein war. Und nun tauchte das in meinen Erinnerungen auf. Vielleicht nicht zufällig?, fragte ich mich und bemühte mich herauszufinden, wann es erschienen war. Dazu wieder meine Therapieaufzeichnungen:

10.10.1995 (…) Ich erwähnte das Lied von der Valente, dabei kurzatmig, aufgeregt. – Es muss eine bedeutung haben! War wohl um 1954/55, da war ich 6 jahre alt… – Schweigen. Gedanken. Weinen. … Weinte sehr. (…) –  Ich sehe jetzt andauernd unsere alte wohnung in B. Maria singt das lied… Ich sehe niemanden, nur die leere wohnung. Aber nur die küche, das bad, das mädchenschlafzimmer und das zimmer meiner eltern… Es ist niemand da! Ich sehe mich nicht, bin aber da! – Das kam alles so nach und nach aus mir raus, zwischendrin ihre bestätigungen oder fragen. Ich hielt dauernd die luft an. Irgendwann auf einmal das: Ich sag nix! Ich hab’s versprochen! Ich darf nix sagen! … Ich bin gar nicht da! Dann kann ich auch nix sagen! Und nix fühlen…  Ich DARF nix sagen, hab’s versprochen. – Bewegte irgendwie meine arme, sagte dann, es ist, als wären die gar nicht mir! – Das ist doch klar, wenn sie nicht in ihrem körper sind, sind es auch nicht ihre arme! – Ich bin gar nicht da! – Ich lächelte bisschen: Ich schwebe einfach davon! Denke mir was schönes aus, schöne bilder…. – Gerade lächelte ich noch und dann fing ich so sehr an zu weinen, ganz, ganz heftig! – Ich hab so einen hunger! Mama! Mama! Hilf mir!, weinte bitterlich. Nahm mir das dicke kissen, schmiegte es auf meinen bauch.

Setzte mich aufrecht hin, will da raus, will nicht mehr! – Wie geht’s ihnen jetzt? – Mir ist ganz benommen, wie nach einem schlag auf den kopf. Am besten kalte dusche, sonst kippe ich gleich wieder weg! – Ich öffnete meine augen, schaute mir das zimmer genau an. Will wieder ganz hier sein! – Auch wenn ich es versprochen habe, nichts zu sagen. Ich will, dass das raus ist! – Ja! Außerdem ist es dann ja nur hier! – Ich sprach von meiner angst gestern, dass wieder die ganz starke angst kommt. – Wenn die wieder auftaucht, fahre ich nach B. und erschieße ihn! – Dann kommen sie aber vorher zu mir!, meinte die lady! Ich würde mich fragen, warum wieder was vor den ferien hochkommt? Der tiefere sinn sei ihr auch nicht klar. – Aber egal, da will was raus!, so die lady! Sie bot mir einen termin für den nächsten tag an, ich könne es mir überlegen, solle sie anrufen.

Mein Tagebuch weist nach dieser Stunde folgende Notiz auf:

Ich muss es mir sagen, lass es dort! Muss es abschütteln, wieder im jetzt leben! Will mich nicht davon runterziehen lassen! … Lenkte mich ab. Wenn ich aber daran dachte, sofort wieder benommen, gefahr, weg zu driften. Versuch, zur kleinen Ann in kontakt zu gehen… Sie will es loswerden, will es unserer lieben mama sagen! Morgen!

In dieser zusätzlichen Stunde konnte ich wieder nur mit meinen Händen, nämlich malend, mein Erinnertes wiedergeben. Zuerst war mir eher danach zu reden, damit ich nicht wieder so abtrifte. Aber das  ging nicht.

11.10. (…) Ich weinte wohl, sagte, meine mama soll mich nicht alleine lassen. Schwieg ganz, ganz lange, ganz starker druck auf meiner brust, kaum luft. Wieder nach einer pause: Es ist alles ganz schwarz! Ganz, ganz schwarz! – Schweigen, gefühle in mir, komische gefühle im hals, schleim. Musste mich immer wieder auffordern, lass es zu. Von der lady kam gar nichts. Mein gefühl wäre, sie glaubt mir das doch nicht. …. Legte beide hände um meinen hals. Überraschend kam ihre frage nach dem warum. Wusste nichts zu sagen, weinte ganz heftig los. – Meine mama soll mir das glauben! – Viel weinen. Husten. Ich könnte kotzen! Schleim im hals! – Ich hab ein gefühl, von dem was war, aber ich kann es nicht sagen, nicht aussprechen! – Und warum nicht? – Das sagt man nicht! … Ich schäme mich!, so ungefähr meine antwort. Ich ‚malte‘ dann auf einmal mit der linken hand auf die matratze, stellte mir vor, DAS zu malen. Äußerte das, sie holte block und malkreide. Sie hockte sich in meine nähe. – Und wenn es nicht stimmt? – Das macht doch nix! Dann wissen sie es irgendwann, dass es nicht stimmt! – Das folgende musste ich sagen: Sie müssen mir aber versprechen, es nicht weiterzusagen! – Ich hörte ihre stimme ganz nahe, hatte weiter die augen geschlossen: Ich sage nie etwas weiter! – 

Ich nahm die malutensilien, sie setzte sich wieder vor die heizung. Eine hand seitlich vor meinen augen, damit sie mein gesicht nicht sieht, malte ich mit rot meine lippen, mit braun einen pimmel, ganz einfach, ziemlich schnell. Setzte mich wieder zurück, meinen kopf, mein gesicht ins kissen gedrückt: Ich schäme mich so! – Sie: Ich muss sie was fragen? Sind das ihre lippen oder ist das ihre scheide? – Meine lippen! … Aber es kann da auch noch gewesen sein… Ich weiß es nicht! – Versuch, wieder zu mir und ins jetzt zu kommen. Sah sie an: Ich muss das noch mal sagen, dass das niemand wissen darf! – Es geht doch darum, dass SIE es wissen! – Ich brauchte eine weile, den satz zu verstehen. – Ja, ich will wissen was war! … Vielleicht stimmt es ja nicht! – Jetzt ist es erstmal draußen, sind sie es losgeworden! Das klärt sich schon noch! – Schweigen. – Sie müssen meine zeichnung verstecken! – Ich nehme sie an mich. –

Sie deutete das ende der stunde an. Ich bat um eine weitere minute. War ok. Angucken. Sie schaute mal weg, atmete tief durch, als wäre es ihr zu viel! Kann ich ja verstehen. 

Ich fühle mich wie eine offene Wunde, von oben bis unten!, notierte ich in mein Tagebuch, und: Ich will aus diesem Sumpf raus! – Ich war noch nicht soweit, aber auf dem Weg dorthin!

Nochmal ein kleiner Einschub: Ich könnte die Therapieaufzeichnungen zumindest öfter inhaltlich zusammenfassen, also gekürzt wiedergeben. Ich habe mich aber an einigen Stellen für die ausführlichere Variante entschieden, weil ich damit besser vermitteln kann, wie ich um Klarheit gerungen habe. Wie schwierig das war. Aber auch wie erfolgreich. Und nun weiter in meinem Bericht.

24.10. (…) – Heute morgen, als ich dachte, sie dürfen jetzt nicht weggehen, hatte ich wieder das gefühl, dass was in mir ist…, ganz weit drin, bis in den bauch… und dachte, jetzt bin ich endlich da, wo ich immer hinwollte. – Immer wieder kurzes schweigen, dann sprach ich weiter: Und fühlte, mama, geh jetzt nicht weg! … – Vielleicht sei meine mutter auch mal nicht dabei gewesen. Ich weinte jetzt ganz viel. Also dass sie mich mit vater alleine ließ. Gesicht auf das dicke kissen, weinte, beruhigte mich. Hätte weiter gefühle in mir, hand auf meinen unterleib. Und das gefühl, als könne ich meinen vater fast sehen, als würde sein gesicht gleich auftauchen. – Der ist jetzt irgendwie mehr ‚da‘ als sonst…, ist nicht nur alles schwarz …. Ich spüre seine nähe… – Sehen sie sich, fragte sie mit ihrer lieben, weichen stimme, sind sie noch ganz klein? – Nach einer kleinen weile antwortete ich, könne es nicht sagen. Wenn dazu was auftauche, wüsste ich nicht, ob es nicht nur gedacht und nicht erinnert wäre.

Etwas später sagte ich, dass ich Maria jetzt das lied von der valente pfeifen hören würde…, fühlte mich dabei mit meinem vater ganz alleine, Maria irgendwo in der wohnung. Immer wieder zweifel an meinen erinnerungen. Atmete mal schneller und hielt mir mit beiden händen den mund zu, strampelte mit den beinen, brach dann ab, gefühl, der hat mir den mund zugehalten. – Ich will wieder hier sein! – Ehem! – Ich sah sie an. In ihre augen. – Ich brauche sehr viel zeit dafür…. Und es ist so schwer, sich zu glauben! Wenn nur eine winzige erinnerung auftaucht, kommt sofort ein riesiger schwall von zweifeln hinterher! – Vielleicht stehe das im zusammenhang damit, meinte sie, dass ich doch davon sprach, ich brauche viel zeit. – Vielleicht schützen sie sich damit… – (…) Ich blieb noch über eine stunde in unserem raum. Viel vertrauen zu der K. Und zu mir! 

Für mich war es sehr schwer zu verkraften, dass ich bei Bildern von Situationen mit meinem Vater auch schöne Gefühle erinnerte; die Therapeutin half mir, auch das einordnen und annehmen zu können:

17.12. Erzählte von gestern früh, den lieben gefühlen für sie und dabei wohlige, erotische gefühle. Und dann das sichere gefühl, dass bei den manipulationen und übergriffen meines Vaters auch solche gefühle dabei waren!

Zwischendrin berichtete ich vom mädchentraining, wie sehr die kleinen mädels klar haben, dass sie beispielsweise keinen arm um die schulter gelegt haben wollen. Die lady meinte, heute sei das thema einfach präsenter, bei mir damals ja nicht. Also damals dieses wissen, das will ich und das nicht, fast unmöglich; aber sie glaube, dass kinder trotzdem schon eine ahnung haben, was ihnen gut tut und was nicht! (…) – 

Nun kam ich wieder auf die wohligen gefühle zu sprechen. – Das ist doch furchtbar, einfach nicht zu verkraften, dass dabei schöne gefühle auftauchen oder vielleicht nur schöne! – Sie ganz engagiert, dass sei ja gerade das schlimme! Ohnmacht, hilflosigkeit, das wäre ja schon schlimm, da sei wut möglich. Bei den schönen gefühle entwickele man die jedoch nicht! Und deshalb sei das quasi noch schlimmer für ein kleines  mädchen. – Für all das würde ich meinen vater am liebsten auspeitschen! – Sie brachte ein beispiel ihrer kleinen tochter, wie die sich ‚an ihren papa ranmacht‘, verführungsversuche; wäre wichtig für sie, um ihre sexualität zu entdecken, zu integrieren. – Damit gut umzugehen ist sache des erwachsenen! Der muss die grenzen setzen! – 

Und wieder ‚hörte‘ ich das Lied der Valente, von Maria gesungen, gepfiffen, bei der Erinnerung, dass mein Vater auf mir liegt und ich versuche, ihn wegzustoßen. Wieder mein Gefühl, will lieber sterben…

12.2.1996 (…) Ich will damit nicht leben! – Das hat aber die kleine Ann gesagt! Das ist doch ein gefühl von damals! – Ich will wieder hiersein! – Ehem! … Sie sind ja auch nicht mehr dort…, und anderes mit ihrer lieben stimme. Die zu hören tat mir so gut.

Rückenschmerzen, herzflattern, brennen, fast schmerzen in mir (in meiner Vagina). – Das sage ich meiner mama, ich erzähle das alles meiner mama!, sagte ich ganz leise. – Das wäre wohl ein gefühl von damals gewesen, meinte ich. Die K. streichelte meinen arm. – Wollen wir die kleine Ann mal in den arm nehmen? – Ich sagte doch tatsächlich: Nein! – Ist das zu viel?, fragte sie so liebevoll. Ich weinte. – Ich bin ja doch alleine! Das nützt doch alles nichts! In mir drin bin ich ganz alleine! – Sie nahm meine hand, drückte sie. – Es ist wie ein kühlschrank in mir drin. – Aber wenn man die tür aufmacht, wird es warm!, sagte sie weich und nahm noch meine zweite hand. Ich schaute in ihre augen. Sie so nah. Ich spürte, ich liege im schutz meiner mama! Schwindel im kopf, als würde ich gleich ohnmächtig. Fragte, ob das wut sein könne? – Ja, vielleicht auch! Das sind die starken gefühle, das ist zu viel für ihren körper! – Sie streichelte mir über die schläfe. Angucken. – Glauben sie, dass ich das alles aus mir rauskriege? Dass ich mal ein ganz klares gefühl habe, was war? – Ja…, wenn sie die kühlschranktüre immer weiter aufmachen… – Ich musste über sie lächeln. Nach dem aufstehen von den matratzen gingen wir zusammen zur balkontüre, frische luft einatmen. Das war notwendig und gut!

Nach einer der Stunden, in denen es sehr schwer war, notierte ich:

Das ist einfach alles zu viel! Es ist unmenschlich! Guter, wohltuender gedanke: An vaters campingbus auf beiden seiten  – da ist ja viel platz – in großbuchstaben mit schraubenzieher o. ä. reinzuritzen: Ich habe meine töchter sexuell missbraucht! Ich bin ein kinderschänder! … Das käme wirklich sehr gut! 

Das war eine wunderbare Phantasie! Diese Idee entnahm ich einem Buch einer amerikanischen Schriftstellerin (Paula Fox oder Joyce Carol Oates, ich weiß es leider nicht mehr!). Jedenfalls hat darin eine Schülerin der Highschool Ähnliches auf die Beifahrerseite eines großen amerikanischen Autos geschrieben. Dieses gehörte ihrem Lehrer. Der fuhr mit seinem Auto durch die Stadt, ohne das zu wissen, weil es auf der Beifahrerseite angebracht war… Super gute Idee, dachte ich mir. Ich sprach darüber mit Freundinnen. P. machte sich große Sorgen, solle ich auf keinen Fall tun. Meike sagte, kurz und knapp: Ich fahre mit dir dahin und stehe Schmiere! – So etwas muss hier doch auch erwähnt werden! Ich lächle wieder beim Gedanken an Meikes trockenen und tollen Kommentar. Schon die Phantasie, das zu tun, stärkte mich und munterte mich sehr auf. Und dann noch die zugesagte Unterstützung! Aber ich habe dieses Vorhaben nicht realisiert. Schade eigentlich. Ich habe mich nicht getraut. Aber, wie gesagt, die Phantasie alleine war schon wunderbar und befreiend. 

Bevor ich auf weitere Anrufe bei meinen Eltern und deren heftige Reaktionen zu sprechen komme, möchte ich noch aus zwei Therapiestunden Wichtiges zitieren oder die Aufzeichnungen dazu wiedergeben. Zum einen ging es um meine Angst, auch sie, die K., lässt mich nicht gehen. Wieder fiel es mir schwer, offen zu sagen, was ist.

5.3. (…) Ich könne es einfach nicht sagen. Mit ihrer lieben stimme fragte sie: Was brauchen sie? Was könnte ihnen helfen? – Mit kindlicher stimme: Ich hab so angst, wenn ich es sage, dass ich dann überhaupt nichts mehr von ihnen bekomme. – Mich schüttelte es am ganzen körper und mama, mama in mir. Ich hörte sie sich bewegen. Sie rutsche auf ihren knien in meine nähe und sagte ganz fest: Ich möchte, dass sie mich angucken. – Ich öffnete meine augen, sah sie an, in ihre augen; sie sah mich ganz eindringlich an, sagte mit fester stimme ganz ernst: DAS WIRD ABER NICHT SO SEIN! – Mit weicherer stimme: Ist das klar? – Ja…, weich, dankbar. 

Schaute vor mich hin: Ich möchte es ihnen doch so gerne sagen… – Ehem!, weich. Versuchte, meine zuvor gefühlten erinnerungen in worte zu fassen: Ich hatte auf einmal das gefühl, SIE lassen mich nicht los, wollen nicht, dass ich von ihnen als mama weggehe… Ich bekam angst! Erinnerung an meinen vater…, dass er mich von meiner mutter wegbrachte, mich auf seine seite zog. Mich nicht von sich wegließ! – Sie fragte nach, wie er das gemacht habe. Ich antwortete ungefähr so: Die hat doch keine zeit für dich, aber ich! Und ich hab dich doch lieb!… Und du hast doch schöne gefühle…, das ist doch schön für dich! – Ich verzog mein gesicht: Mir ist jetzt richtig schlecht. Das war überhaupt nicht schön, nur eklig! … Der hat mich richtig von meiner mutter weggelockt. Wie im märchen, wenn die kinder zu irgendwas in den wald gelockt werden… – Schweigen. –

Ich hatte so angst, wenn ich ihnen das sage, dass sie mich nicht gehen lassen wollen, wenn ich ihnen das unterstelle, dass sie mich dann alleine lassen. – Die K. mit der überraschenden frage: Ist das so wie mit dem kühlen blick ihres vaters? Dass er sie auf einmal nicht mehr wahrnahm? Haben sie da auch etwas zu ihm gesagt? Dass sie nicht mehr wollen. Oder was war da? – Mein herz flatterte, ich legte meine hand dorthin. Wieder schüttelte es mich am ganzen körper, meine beine zitterten. – Da hat sich was verändert, da ist irgendwas passiert, aber ich weiß nicht mehr was. – Ich kam da nicht dran. Dann das gefühl, ich will nicht mehr leben, das hält man doch nicht aus! Aber ich will doch leben! – Sagte ihr, es wäre jetzt genug für heute! – Ehem!, weich. Schweigen, setzte mich aufrechter… – Sind sie jetzt wieder hier? – Ja, so ziemlich! – ICH BIN AUCH DA!! Auch wenn ich gleich weg muss!, lieb lächelnd. Angucken, in die augen, ich schloss meine augen, genoss ihren duft (ihr Parfum), ihre anwesenheit. Sah sie wieder an. Als sie draußen war, weinte ich richtig los, ganz viel mama, mama!

6.3. Lisas erinnerungen nach meinen schilderungen der letzten Therapiestunde: Dass meine mutter öfter zu mir sagte, dass du immer so krank bist! Irgendwie seltsam, wie mutter das gesagt habe. Wir erinnerten uns beide, wenn frau krank war, bekam sie wenigstens mal aufmerksamkeit! Lisa habe sich damals gefragt, wieso kümmert sich unsere mutter so um mich? Hatte sie schlechtes gewissen? Weitere erinnung von Lisa, dass unser vater uns mit bonbons gelockt hat, sie aus seiner tasche holte, guck mal, was ich hier habe. Die anderen müssen davon aber nichts mitkriegen! –  Mir fiel mein traum von vor monaten ein, die aktentasche meines vaters, voll mit bonbons. Ich solle still sein, die tasche zumachen!, seine bemerkung dazu.

In der folgenden Stunde erinnerte ich dann nicht nur sexuelle, sondern auch physische Gewalt durch meinen Vater. Kann das wirklich sein?, fragte ich mich zweifelnd. Erinnerte, er zieht mich an meinen Haaren, damit an meinem Kopf…:

11.3. (…) Ich quälte mich wieder damit herum, ihr was zu sagen; sie bemerkte es, ermunterte mich. Ich sprach von hunger, hunger nach mama! Am wochenende hätte ich mich so getrennt von ihr gefühlt, sie so weit weg und jetzt sei dauernd da: Mama, ich will dir was sagen! …. Nein, ich will nichts sagen, will nicht reden. – Ihre nachfrage, ob das schweigen sei wie, will nur hier sein, nicht reden, oder eher könne es nicht sagen, weil…? Ich fühlte mich sehr verstanden, sagte: Ich kann nichts sagen! Ist besser, ich sage nichts! – Schweigen. Bir mir das gefühl, als zöge was meine stirn hoch, zöge jemand an meinen haaren. Was ist denn das jetzt? Rieb meine stirn, zog die brille ab, hände vors gesicht. Bild: Der zieht an meinen haaren, ganz fest! Eher erinnerndes gefühl als bild… Und steckt mir seinen pimmeln in den mund. Verzog mein gesicht, sagte vor mich hin: Das kann doch nicht sein! Das glaub‘ ich nicht! …. Hab jetzt so ein bild, ein gefühl, aber das kann nicht sein! … Mama, mama, leise vor mich hin. (Jetzt wird’s noch ungenauer, besonders die reihenfolge, was ich jetzt sagte, fühlte…).

Sagte ihr, mein gefühl sei, dass jemand an meinen haaren zieht, so richtig fest! Meine stirn mit hoch zieht… Und dann ist da noch was…, aber das kann ich nicht sagen!, leise von mir. – Doch! Sagen sie es! – Und was ist dann? – Dann weiß ich es auch, und sie sind es losgeworden!… Ist die kühlschranktür wieder ein bisschen weiter auf, wird es wärmer!, sagte sie mit lieber stimme. Ich konnte nix sagen. Sie fragte nach, wer an meinen haaren gezogen habe? – Mein Vater! Ich sehe ihn nicht…, hab die augen zu. Aber ich rieche ihn! Fühle es, dass er es ist! Ich will ihn nicht sehen!… Er hat mich an den haaren gezogen und gegen was geknallt… – Aber ich konnte es selbst nicht glauben! Enge am hals, druck auf der brust. Wadenkrämpfe. – Ich hab mich ganz klein gemacht…, ganz klein! Aber das hat auch nichts genützt! – Ich saß ganz zusammengekauert dort. Sie fragte nach; ich sagte: Mein gefühl ist, mama, ich bin tot. Seitdem bin ich tot! – Ehem! – Wieder dachte ich, das kann doch nicht sein und so ähnlich. Schaffte nach einer weile auch das noch zu sagen: Ich hatte gleich zu anfang das gefühl, dass er an meinen haaren zieht, damit an meinem kopf zieht… und dann das bild, was ich hier mal gemalt habe… – Ehem, kam wieder sanft von meiner mama. – Zieht er sie von seinem schwanz weg? – Nein! Er hält meinen kopf damit fest, sagte ich ganz aufgewühlt, …und dann haut er meinen kopf irgendwo gegen. – Ich schluchzte, konnte nicht richtig weinen. Mit kindlicher stimme: Ich habe keine mama und keinen papa mehr! – Ja… Ja, so kann man das heute sehen! Verstehe ich! –

Ich saß weiter ganz zusammengekauert dort, waden verkrampft. Irgendwann: Vielleicht will ich ja nur aufmerksamkeit… – Also nein! Das glaube ich wirklich nicht! – War eher so ein gefühl von früher, dass meine mutter das gesagt hat. – Aber sei schon so, dass ich das selbst eigentlich nicht glauben könne. 

(…) Die stunde fast zu ende, ich streckte und reckte mich. Ich sah sie an, ihr gesicht sah nach schmerz aus, besonders ihr mund. Ob sie mir mein gesicht widerspiegelt? Angucken… Sie schloss mal zärtlich ihre augen…, hielt sie eine weile geschlossen, schaute mich wieder an. – Glauben sie, dass ich das aushalte? Dieses bild, all das. Ob ich das ertrage? – (…) Wenn sie mich brauchen, ich BIN DA! … Haben sie keine wut? Ich spüre ganz viel wut! – Nein, nur so ein komisches gefühl im kopf… und angst! Aber vielleicht steckt dahinter ja die wut? – Sie lächelte, stand auf, kam auf mich zu, verabschiedete sich nicht, sondern hockte sich direkt vor mich hin, hielt mir ihre beiden hände geöffnet hin… Und ich legte meine in ihre hände. Sie drückte meine hände, hielt sie. Ich sah in ihre augen, ihr gesicht. Leise: Sie gehen doch nicht weg? Nochmal halte ich das nicht aus! – Nein! Ich gehe nicht weg! … Und wenn sie wieder das trennende zwischen uns spüren, dass sie sich getrennt von mir fühlen, dann denken sie daran: Das ist die wut! – Ja! – Angucken. Sie drückte wieder meine hände. Das weggehen war schwer! 

Ich spüre, dass meine Mama (die Therapeutin) für mich da ist und dass ich auch für mich da bin!, so eine Notiz in meinem Tagebuch. Wie schön! 

Während dieser Phase der Therapie rief ich meine Mutter und meinen Vater an. Konfrontierte beide mit meinen Erinnerungen, seinen Taten, ohne Einzelheiten zu nennen. Nachdem ich klar und deutlich meinem Vater sagte, ich erinnere mich genau, du hast das gemacht, kam tatsächlich von ihm: Und was ist, wenn ich sage, ja, ich habe das gemacht? – Das schaue ich dann. Werden wir sehen. – Hat er es mit seiner Frage schon zugegeben?, fragte ich mich damals. Meine Therapeutin sah es so. 

Lange Zeit war mein Wunsch, wenn ich ihn darauf anspreche, wenn ich das überhaupt schaffe, dann hätte ich gerne, dass er es zugibt. Ich erkannte aber, ich brauche das, will das, weil ich mir nicht glaube – oder mir noch nicht glauben will! Aber das veränderte sich nach und nach. Und das kam hinzu: Ich will die alle drei nicht mehr schützen! 

Nach dem deutlichen Telefonat mit meinem Vater kam bald ein Schreiben seines Rechtsanwaltes mit der Androhung einer Unterlassungsklage, ich dürfe diese Behauptung nicht wiederholen, sowie der Aufforderung, einen seriösen Facharzt (also Psychiater) aufzusuchen. Eine Frechheit! Die werden mich noch kennenlernen!, war eine meiner ersten wütenden Reaktionen. Ich holte mir Rat bei einer Rechtsanwältin und kam zu dem Schluss: Das ist doch ein einziger Einschüchterungsversuch! Dennoch blieb dieses Schreiben leider nicht ohne Wirkung, besonders deshalb, weil mein jüngster Bruder, Leo, in der Folgezeit mit verstellter Stimme nachts auf meinem Anrufbeantworter Todesdrohungen und Beschimpfungen der übelsten Art hinterließ. 

Bei mir löste dieser Telefonterror natürlich große Angst aus, auch weil ich die erste Ansage nachts abhörte, als ich nach Hause kam und ganz alleine in meiner Wohnung war. Herzklopfen bis zum Hals. Ich rief eine Freundin an, die sofort gekommen wäre, aber das Reden und Wissen, sie ist da, half mir schon sehr. Aber ich hatte danach Angst, aus dem Haus zu gehen, besonders abends; Freundinnen holten mich erst einmal zuhause ab, boten mir an, bei ihnen sein und übernachten zu können, da zum damaligen Zeitpunkt mein Mann auf einer längeren Reise war. Ich wollte aber in meiner Wohnung bleiben, mich nicht noch mehr einschränken.

Nach einer langen Phase des Überlegens und entsprechender Beratung mit der Rechtsanwältin und meiner Therapeutin reagierte ich überhaupt nicht auf das Schreiben des Rechtsanwaltes. Ich hielt mich zwar für eine Weile zurück, nahm aber nichts zurück! Die Wahrheit war ausgesprochen und in der Welt, das Schreiben des Rechtsanwaltes meines Vaters konnte daran nichts mehr ändern.

Von den Konfrontationen und Auseinandersetzungen mit meinen Eltern berichte ich ausführlich im Kapitel ‚Reaktionen‘.

Im Laufe dieses Therapiejahres konnte ich weitere wichtige Erkenntnisse aus den zum Teil sehr harten Stunden ziehen. So sprach ich in der Stunde vom 29.2.1997 davon, dass ich jede Nacht ganz spät ins Bett ginge, könne einfach nicht früher zu Bett gehen. Danach wieder Erinnerungen mit meinem Vater, er liegt auf mir…: Es wird alles ganz schwarz. Breitet sich ganz viel schwarz über mich aus, überall um mich herum… – Der K. fiel meine Angst vor der Nacht ein und meine Freude, wenn es wieder hell ist, von der ich mal gesprochen hatte. – Haben sie also auch daran gedacht? Ich nämlich auch. Dieses Dunkle, Schwarze vorhin…, als das auftauchte, dachte ich sofort daran! – 

Wir sprachen auch über meine Angst vor dem geplanten Urlaub mit den PhiloSisters. In diesem Jahr wollten wir nach Frankreich fahren. Ich wolle einfach nicht wieder solche Angst und solche Nächte wie in Italien erleben. Davor hätte ich große Angst. Die K. beruhigte mich, auch mit diesen Worten: In Italien hatten sie das mit dem Missbrauch ihres Vaters noch nicht so klar. Da konnte er sich nur so zeigen! Jetzt sind sie doch weiter, wird das nicht mehr so sein! – War es dann auch nicht.

Ich hatte dort wohl schon öfter erwähnt, dass ich immer so spät ins Bett gehe. Ich erinnerte mich nun an mein heftiges Weinen vor circa einem Jahr; ich war abends zuhause, als ich immer wieder spürte: Ich will nicht in mein Bett. Ich gehe nicht in mein Bett! – Jetzt also die noch deutlichere Erkenntnis, DESHALB ist das so schwierig für mich, wegen der Angst vor der Nacht…. Und die hat mit den Attacken meines Vaters zu tun! 

In einem Buch hatte ich gelesen, dass eine Frau jahrelang nachts zwischen drei und fünf erwachte. Erst als sie ihre Geschichte bearbeitete, erkannte sie, warum. In dieser Zeit war immer ihr Vater in ihr Zimmer gekommen. Davon sprach ich paar Monate später in der Therapie und fügte hinzu: Ich gehe doch schon seit Jahren nicht mehr vor zwei Uhr ins Bett. Das ist für mich wie eine magische Zahl… – Die K. verstand. 

Außer dem Schweren und Schrecklichen sowie den Erkenntnissen, möchte ich auch aus dieser Zeit von Schönem berichten. So schrieb ich in mein Tagebuch, nach der Stunde vom 29.2.1997, von der Phantasie, ein Bild zu malen:

Eine kleine, ganz bunte fläche, die kleine Ann, und darüber weit ausgebreitet alles schwarz! Und weitere bilder, auf denen das schwarze immer weniger wird, das bunte wieder zum vorschein kommt, bis das schwarze in weite ferne rückt! So wünsche ich es mir!

Ich schrieb sogar auf: Ich bin stolz auf mich! Das ist etwas, was ich zuvor wohl noch nie dachte. Ich bin stolz darauf, was ich in letzter Zeit alles geschafft habe, und stolz, weil ich zu mir stehe.  

Das Mädchentraining machte mir zunehmend Freude, ich wurde immer selbstbewusster dabei. Beim Training mit den anderen Frauen trat ich mehrmals Bretter durch…

Zurück zu den Erinnerungen, wir sind im 6. Jahr der Therapie. Nachdem ich aus der Erzählung von Susanna Tamaro zitiert hatte, wie sie den Vater beschrieb, am Tag Rechtsanwalt und in der Nacht Menschenfresser, hatte ich mich noch so geäußert, dass ich bei meinem Vater diese beiden Seiten einfach nicht zusammen bekäme. In einer Stunde, in der es darum ging, ich hab das nicht gewollt, was mein Vater getan hat, veränderte sich meine Sicht:

25.11.1996 (…) Jetzt war ich ganz weit weg, richtig weg. Fiel mir so schwer, das, was bei mir war, ernst zu nehmen! – … Der hält mich fest, lässt mich nicht gehen! Nein, ich hab’ das nicht gewollt! Das stimmt gar nicht! Der sagt, das war doch schön, ich hätte das doch auch gewollt! Aber das stimmt nicht! Das weiß ich ganz genau!, kam so nach und nach aus mir raus.

Die K.: Das ist doch gut, dass du das weißt! – Sie fragte: Hast du ein bild, wie alt du bist? – Nein! Ich glaube, ich will mich nicht sehen! – Schweigen, sammeln, wieder im jetzt sein. 

Ich sagte dann zu dem gefühl, das kann doch nicht wahr sein, dass der so war, mit fester stimme: Doch, wenn ich richtig die augen aufmache, passt das auch zu ihm, wie er am tag war! Wenn ich ihn richtig sehe, nicht so, wie ich ihn gerne haben wollte! – Ehem! – 

Und weiter, mit fester stimme: Ich hab’ das so gefühlt, dass er mich festhält und sagt, ich soll nichts sagen. Und ich hätte das gewollt! – Sie sah mich direkt an: Jetzt haben sie das gefühlt, was sie ja schon lange wussten, worüber sie schon öfter geredet haben! – (…)

Ich berichtete in der Therapie, dass ich gegenüber meiner Nichte mit klaren Worten von den Taten meines Vaters sprach, mich also nicht zurückhielt, trotz des Schreibens seines Rechtsanwaltes.

16.12. (…) – Endlich habe ich zu mir gestanden! – Ja! – Und es war ganz selbstverständlich! Ich ließ keinen zweifel daran, dass mein vater das gemacht hat! Maria hätte gesagt, mein vater habe das verdrängt. Das mag sein, aber spätestens nachdem ich es aussprach, weiß er das wieder! Ich hab’ ganz klar zu Ira gesagt, es interessiert mich nicht mehr, wie es den eltern geht! (Weil die immer leiden, es ihnen schlecht geht usw., besonders nachdem sie kritisiert oder angegriffen wurden!) Und: Ich wolle nicht mehr leiden! Sondern leben! … Das hab ICH gesagt! – Ja!, von der strahlenden lady. –

Was mir noch klar geworden ist: Auch wenn meine mutter so etwas sagte wie stell dich nicht so an oder so…, mich alleine ließ. Auch wenn sie mich zu ihm ins bett geschickt hat. ER HAT DAS GEMACHT! ER ist der täter! Das ist für mich ganz wichtig! ER trägt die verantwortung! – 

In der folgenden Zeit kam ich nur noch selten auf das Thema mein Vater und seine Taten zu sprechen, mein berufliches Weiterkommen und andere wichtige Veränderungen standen nun im Vordergrund – und das war auch gut so! 

Aber es gab, mit größeren Abständen, doch noch sehr wichtige Stunden, die das bisher Erinnerte bestätigten, festigten und sogar noch erweiterten.

6.5.1997 (…) Ich erzählte vom sonntag: Beim fernsehen auf einmal so ein gefühl…, es ist etwas in mir drin… Ich hab’s mir nicht eingebildet! Das war da! – Ehem!, weich von ihr. Sie fragte nach, was dieses gefühl ausgelöst habe. Ein musikvideo, rockband, ein gitarrist… Mir fiel dann ein, dass der die gitarre so vor seinem becken hatte, darüber strich… – Und das kam mir vor, als würde er an seinem pimmel rumspielen. … Und dann hatte ich das gefühl, es ist was ganz dickes in mir drin. Bin dann aufgestanden, TV aus, verdrängt. – Schweigen. – Ich möchte ihnen etwas zeigen…- Und was wollen sie mir zeigen? – Mit meiner hand was zeigen. Das geht schon dauernd so, das gefühl, muss mit meinem finger hier was malen. – Ich ‚malte‘ auf die matratze… Die K. mit ihrer weichen stimme: Können sie das noch mal wiederholen? – Ich ‚malte‘ mit einem finger paarmal ein gebilde (eregierter penis) und wies mit meinem finger darauf. – Ehem! – Malte immer wieder das. Dann wischte ich meine hand überall ab, an meiner hose, meinem pulli, schwitzte, und malte wieder. – Und was war dann Sonntag? – Nix mehr, hab’s verdrängt! Mich abgelenkt! – Die stunde war rum. Die Lady: Dann wollen wir das hier auch so machen! – Vergessen sie das auch nicht? – Nein! Ich nicht!, ganz fest. Ich öffnete meine augen, wir sahen uns direkt an, sie guckte lieb. Ich reckte und streckte mich, setzte mich dann in ihre richtung, sah in ihre lieben blauen augen! Fragte noch mal mit kindlicher stimme: Wir vergessen das doch nicht, was ich heute hier gesagt, gezeigt habe? – Nein! Ganz bestimmt nicht! – Ich hab immer noch so ein brennen in mir. – Sie meinte dann, es wäre besser, wenn ich heute nicht mehr dort bliebe, sondern nach hause ginge, das abschließe,  alles dort lasse. – Ja! –

In mein Tagebuch schrieb ich: 

Ich bin stark genug, mir das anzuschauen, die Wahrheit zu (er-)tragen. Mein körper, meine seele, mein herz, die wissen es ja sowieso! DIE haben nichts vergessen! 

Ich konnte mich in der Folgezeit beim Erinnern zunehmend selbst ‚sehen‘, wollte das auch, auch ihn. Aber das war sehr schwer, ging nur ganz zaghaft. In der folgenden Stunde ging es erst einmal darum, mich quasi nachträglich zu wehren! Gegen meinen Vater zu wehren!

20.5.1997 (…) Ich beschrieb, wie meine mutter sich wegdreht… – Wir sind im elternschlafzimmer, liegen in den ehebetten… Ihr breiter rücken, der dunkle schlafzimmerschrank am ende der betten. Ich sehe meine beine… (…) – Wo ist ihr vater? – Hier und auf mir und überall. Ich will uns nicht sehen! – Strampelte mit den beinen. – Stoßen sie ihn doch weg! … – Stützte meine hände gegen die Wandmatratze, drückte dagegen. – Keine chance, der ist so stark! – Schubsen sie ihn weg! Sagen sie NEIN! Dass sie das nicht wollen! – Ich möchte ihn an den haaren ziehen! – Ja! – Und mit den fäusten auf den kopf schlagen! – Ja! Machen sie das doch! Spüren sie die kraft in ihren fäusten. – Ja! Auf seinen kopf!, und schlug mit meinen fäusten auf die matratze. – Und auf seine augen! Damit er nicht mehr so eklig gucken kann! So hat der immer geguckt, als hätte man nichts an!, weinend. Fügte noch hinzu, dass seine haut so eklig wäre und: Ich möchte ihm das gesicht zerkratzen und seine augen ausstechen. – Ja! – Mit meinen finger kratzte ich auf der matratze, aber wie! 

Dann schweigen. – Rache! Rache! – Ja! – Mir ist so schlecht, richtig schlecht!, sagte ich paarmal. Mir fiele ein, ich hätte doch mal so ein gebilde aus zeitungspapier und einem weißen tuch gemacht. Das sähe ich jetzt vor mir… – Das war der rücken meiner mutter! Sollte zeigen, dass sie sich weggedreht hat. Das meinte ich damals damit. – Das hätte ich damals schon so beschrieben, sagte die K. – Da ist die kleine Ann im bett ihrer eltern…, ganz alleine! – Die K: Aber doch jetzt nicht! Jetzt ist sie doch nicht mehr alleine! – Sie fragte noch lieb, was ich denn nach der stunde mit der kleinen Ann machen wolle….

In der folgenden Stunde sagte ich dann, ich würde meinen vater und mich gerne mal ‚dabei sehen‘, hätte aber riesengroße Angst davor. Und…

21.5. …mir fiele jetzt der traum vom anfang der Therapie ein, beiße ihm in den finger. Das hätte ich damals ja sehr deutlich gespürt, das beißen. … Immer, wenn sie, die K., mich bei erinnerungen in der vergangenheit gefragt habe, ob ich mich sehe, wie alt ich sei, wäre ja sofort alles weg gewesen, hätte ich kein bild mehr von den situationen mit meinem vater gehabt… – Ich hab solch eine angst, mich zu sehen! – Ja… –

Und sie fügte hinzu: Also damals war es ja sicher so, dass sie das sofort in ihrem alltag vergessen haben, vergessen wollten. Ist verständlich und auch wichtig! Ich denke, dass sie dann auch daran zweifelten, ist das wirklich passiert? Ihr vater wird das unterstützt haben, wird das auch verdrängt haben wollen. Ich könnte mir vorstellen, dass er sie dann einige zeit nicht beachtete, um sich daran zu hindern, es wieder zu tun. Das könnte ihre zweifel, ist das wirklich geschehen, bestärkt haben. Und dass es ihnen dadurch jetzt noch schwerer fällt, es zu glauben! (Alles sehr ungefähr!) … Andererseits ist es ja auch eine frage, wie sehr man das zulassen kann! Das muss man ja auch verkraften! – Mir fiel die Erzählung von S. Tamaro ein, die ihren vater beschrieb…, am tag rechtsanwalt, nachts menschenfresser. Ich sagte noch, gestern nach der stunde hätte ich das alles sehr von mir weggehalten! – Ja! Das ist doch gut! Das muss ich jetzt auch mal sagen! Die rache und die wut sind ja sowieso gut! Das muss sein! Aber das andere muss man auch mal wieder wegschieben. Das haben sie gestern hier ja auch gemacht! Ihn mit den armen weggedrückt, weil sie ihn sonst nicht loswerden konnten! Und das war doch gut! Das kostet doch alles sehr viel kraft! Aber das muss ich auch noch sagen, dass ist ja nicht alles in ihrem leben! Das war zwar ganz furchtbar, aber sie haben auch anderes erlebt! 

Ich weinte ein bisschen. Sprach davon, sie sei gestern so hell gekleidet gewesen, ich wäre mir ganz dunkel vorgekommen. Schwarz. Wie tot! Wüsste nicht, wie ich es besser beschreiben solle. – Sie beschreiben das doch ganz genau! Das ist doch verständlich! So muss sich die kleine Ann doch gefühlt haben. Tot! Dann kriegt man nichts mehr mit! Die kleine Ann muss doch gedacht haben, das geht jetzt das ganze leben so weiter! Dann lieber tot sein! – Gestern war nach der stunde auch mal wieder in mir, ich will nicht mehr leben. Und jetzt wieder! – Ehem! Ehem! –

Ich wollte da raus, wollte mich selbst aus dieser stimmung herausholen. – Jetzt muss ich ihnen noch was schönes erzählen! – Lächelnde ma: Ja! – Ich hätte ein prospekt vom frauenbildungshaus Altenbücken entdeckt. Im sommer könne frau dort urlaub machen, sich verwöhnen lassen! – Und ich dachte, ich würde gerne einmal alleine wegfahren, dort hinfahren! – Wie lieb sie lächelte, schaute! – Aber ich traue mich doch nicht! Würde das wirklich gerne machen, ganz alleine wegfahren! (Das hatte ich noch nie in meinem Leben gemacht!!) Und das dachte ich gestern nach DER stunde! – Sie, ganz fröhlich: Das ist doch toll! Können sie doch in der ersten ferienwoche machen, wenn ich auch weg bin, und dann haben wir doch noch 2 wochen therapie (vor den längeren ferien)! Das passt doch! – Wir sprachen weiter davon, es wäre ein guter rahmen für mich, nur frauen, kann ich mich geschützt fühlen…

Bald darauf sprach ich in der Therapie davon, dass ich endlich das Thema mein Vater abschließen wolle. Daraufhin die Lady:

16.6. Solange noch etwas auftaucht, egal was, solange ist das thema noch nicht abgeschlossen! – Das sah ich ja nicht anders! (…) Und dann fiel mir ein traum ein. Wieder schwer zu erzählen, aber ich erkannte rasch, wenn mir das schwerfällt, zeigt das doch, da ist was! Das weiß ich doch inzwischen! 

Ich erzählte den traum: 

Dicke, lange teile, wie korken, weiß gar nicht, wo die alle in mir drin waren, im mund, den ohren, überall in meinem kopf. 

Danach fühlte sich mein gesicht wie gelähmt an. Das war das schlimmste! Furchtbar! Beim aufschreiben dachte ich an den schwanz meines vaters… und daran, was ich hier doch schon mal erinnert hatte, dass er ihn in meinen mund gesteckt hat. (Mich so vergewaltigte!) Aber ich frage mich auch, konstruiere ich da was? Dachte, du spinnst! – Die lady ganz fest: Gerade wenn sie das sagen, sie dachten an den penis ihres vaters…, sagen: du spinnst! Gerade das zeigt, DASS es was damit zu tun hat! – Ich staunte. – Sicher kann man den traum auch anders sehen. Man hat ihnen alle sinne zugestopft! Verstopft! – Schluck! – Aber ist das besser?, fragte sie mich mit eindringlichem blick. – Nein!, sagte ich leise und erschreckt. Mit direktem blick fuhr die lady fort: Ich habe das gefühl, es geht im moment darum, dass SIE ihren gefühlen glauben, dem, was bei ihnen ist! Und welche bedeutung SIE dem beimessen! Welche bedeutung SIE darin sehen! Und dass SIE SICH GLAUBEN! – Mama, mama!, ging’s dauernd in mir. War ihr so dankbar. Direktes angucken. Nach einer kleinen weile ihre frage, ob es mir jetzt besser gehe, nachdem ich es doch gesagt hätte. – Oder nehmen sie noch was mit? – Nein, nehme nichts mit… Und ja, es geht mir besser, weil ich es gesagt habe. Und wegen dem, was sie sagten… –

Ich hatte also davon gesprochen, ich wolle das Thema ‚mein Vater‘ endlich abschließen. Dagegen erhob die Lady berechtigte Einwände. Dennoch sagte ich bald darauf, ich wolle dazu nichts mehr sagen, kein Wort! Wäre deshalb am liebsten gar nicht in die Therapiestunde gegangen. Ich hatte nochmals betont, ich wolle dieses Thema nicht mehr! Darauf reagierte die Therapeutin so:

10.11.1997 (…) – Also, das ist ja nicht gedacht. Das ist ja ihr gefühl! Ein starkes gefühl kommt da raus, wenn sie sagen, ich will dieses thema nicht mehr! Nie mehr! Und das heißt ja, wir sind nahe dran! – Die lady weiter: Wir beide können ja übereinkommen, dass sie darüber im moment nicht reden, damit jetzt nicht weitermachen können! Warum auch immer, so ist es im moment. Dass da was ist, was es ihnen unmöglich macht. Aber wir beide wissen davon. … Aber darüber nicht zu reden wäre verrat!, sagte sie ganz fest und eindringlich. – Mama, mama, sagte ich leise vor mich hin. – Das thema zu vergessen geht ja nicht!, betonte sie. Und von wegen verrat: Das wäre verrat an der seite, die doch wissen will was war! Die das klären will! Diese seite würden sie verraten und damit einen teil von sich! – Ich war betroffen … und ihr so dankbar! 

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass ich mich auch gefragt hatte, warum ich eigentlich als kleines Mädchen dennoch wieder zu meinem Vater ging, immer noch Liebes von ihm wollte, trotz seines furchtbaren Verhaltens. Darauf kam ich in der folgenden Stunde zu sprechen.

19.6.1997 (…) – Ich fühle es jetzt so, bei dem gefühl der leere mit meiner mutter (die emotional einfach nicht für mich da war; wegen der vielen kinder sicher überfordert), dass da eine verbindung zu meinem vater besteht, dass das auch mit ihm zu tun hat… – Ehem!, weich, verständnisvoll. – Ich hab’ nämlich wieder gefühle in mir drin… – Pause. Schweigen. – Dass ich vor der leere mit meiner mutter zu meinem vater geflüchtet bin… – Ehem! – Hände auf meinen unterleib, meine vagina, dann ins gesicht, an meinen mund. Ganz komische gedanken… Mag sie nicht sagen, aber ich tue es dann doch. Mein gefühl sei: (…)  Dass er im wahrsten sinne des wortes das loch, die leere in mir, zugestopft hat! – Eheeemmmm! – 

(…) Ich habe das bild von früher, alle waren da, aber ich war ganz alleine! Wie im weltall. Und danach das gefühl der angst! Seitdem!!! – Ehem!, immer wieder von ihr. – Seitdem hab ich das gefühl, ich bin ganz alleine auf der welt!… – Schweigen. 

Dann: Ich bin vor der leere mit meiner mutter zu meinem vater geflüchtet…. Und der hat das gemacht! Und ich hab’ jetzt diese gefühle…, schöne gefühle… Einerseits die gewalt und andererseits diese gefühle. Das ist doch pervers! – Ja, das ist pervers! Aber es ist auch ganz normal. Da war ja berührung, nähe, das war ja auch da! – Ja, ich weiß! Dennoch… Ich fühle es jetzt so: Mein wunsch nach nähe, berührung… und dann kam die gewalt! Und deshalb meine angst! SEITDEM habe ich diese angst! – Ehem! … Sie haben nähe und wärme gesucht. Da hätte ihr vater sie auf seinen schoß nehmen sollen, wie ein lieber vater, in seine arme! …. Es ist ganz normal, kinder machen das so. Sie brauchen wärme, berührung und den kontakt, und wenn sie das nicht bekommen, nicht von der mutter…, dann suchen sie woanders danach! – Ob es so war, lieber das, als gar nichts? – Aber nein!, kam weich und dennoch ganz, ganz fest und klar von meiner mama! Ich hatte weiter meine augen geschlossen, hörte ihre angenehme stimme. Aber heute war ich doch eher weg, bei mir oder weit weg.-

Aber wieso bin ich dann überhaupt noch zu jemandem, also zu ihm hingegangen? Das hätte ich nie mehr tun sollen!, traurig, bitter. – Doch!, kam mit so weicher, liebevoller mamastimme. Ich weinte. – Ich hatte doch so einen hunger! – Ja!, weich. – So einen großen hunger! – Ich weinte sehr. Hatte mir vorher schon die gelbe decke genommen, an meinen bauch und mein gesicht geschmiegt. Nahm sie jetzt vor den mund, weinend: Ich hab doch so einen hunger, so einen großen hunger! – Eheeeemmmm! – Lutsche unter der decke an meinen fingern. Kopf, hinterkopf ganz verspannt. Gefühl, ich gucke wie früher als kleines mädchen. Sagte es der K. und dass ich jetzt aufhören wolle. Wolle da raus! – Ja!!, fest, aufmunternd. Augen auf, setzte mich in ihre richtung. Angucken. – Gell, ich bin mutig? – Wie sie strahlte: Ja!! – Und dann fragte die lady, ob sie die decke mal mitnehmen dürfe, zum waschen? – Das ist ja ihre decke! – Ja? – Ja! Ganz alleine ihre decke! Und manchmal darf man die doch dann nicht waschen, muss die so bleiben…, kam so liebevoll von ihr. So wie eine liebevolle mama mit ihrem kleinen mädchen umgeht! Ich lächelte, kinderlächeln: Das ist meine decke! Das ist ja schön! – Decke an mein gesicht, gesicht in meine decke. Angucken. Leider immer noch angst in mir. – Wenn ich jetzt gehe, sie sind doch dann noch da!?, fragte ich mit kindlicher stimme, als würde sie wirklich verschwinden, wenn ich sie nicht mehr sehe. – Ich? Ja!, lächelnd, fest. – Ja, SIE ja! – Angucken…. 

Dies schrieb ich nach der Stunde in mein Tagebuch:

Und ich ging raus, tiefes durchatmen. Sonne! Gefühl der befreiung. War es so etwas? Sah mir die welt mit etwas anderen augen an. Stolz auf mich! … Mir geht es besser, wenn ich weiß! Wenn ich alles raus- und zulasse, und sei es noch so knüppelhart. Ingesamt ist es besser! Ich fühle mich stärker dadurch! 

Im Mai 1998 kam ich nochmal zurück zu meinem Vater … und zu der kleinen Ann.

14.5.1998 (…) In den letzten stunden und auch heute früh war das ganz deutlich: Ich fühlte mich wie ein kleines mädchen, sah das gesicht der kleinen Ann wie von innen. Und: Ich hab das nicht gewollt! Ich weiß es ganz genau, das wollte ich nicht! Fühlte es immer klarer. – Ehem, ehem! – Ich erinnerte mich daran, wie ich mich gefühlt habe…Wäre zornig! Würde wütend gucken. – Plötzlich fragte die K.: Guckt die kleine Ann nicht eher verzweifelt? – Schreck! Schreck! Nicht an mich rankommen lassen, so mein gefühl. Ich solle doch mal gucken, wie alt die kleine Ann ist. Weinend, ich wolle mir das gesicht der kleinen Ann nicht angucken. – Und warum nicht? – Weinend: Vielleicht damit ich ihre verzweiflung nicht sehe. – Immer wieder ihre liebevollen aufforderungen, mir die kleine Ann anzugucken, nachzuspüren, was war… Dann meine mutter und ihre worte dazu in mir: Das wäre ja unerhört, dass ich das behaupte! Also was ich sagte, was er alles mit mir gemacht hat! 

Immer wieder meine zweifel, bilde ich mir das nicht nur ein, was ich auch immer wieder äußerte. Die K. dazu: Das macht doch nichts! Auch wenn sie unsicher sind, sagen sie es trotzdem! … Wie alt ist die kleine Ann…? – Fühlte, dachte so 6 jahre alt; erinnerte das foto von meiner einschulung. Ich solle doch mal nachspüren, was die kleine Ann der mutter gesagt habe. Ich wollte es nicht sagen, hätte mir doch fest vorgenommen, ich sage es nie wieder! Niemand! – Doch! Sagen sie es mir! Und sagen sie es sich selbst! Sagen sie es für uns beide!, mit ihrer lieben mamastimme. Das tat mir so gut. Fand es so schön, dass sie sagte: Sagen sie es für uns! Sagen sie es uns! –

Dann, so nach und nach von mir: Der hat was gemacht! …. Hier (mund) und hier (vagina)….. Das hab ich nicht gewollt…. Und das hat so weh getan! – Auch ekel in mir. Sie fragte nach, ob mit der zunge oder penis oder finger? Ich war so unsicher. Wieder ekel, streckte dauernd die zunge raus. Er war wohl mit der zunge in meinem mund…. Und in meiner vagina mit seinen dicken fingern, männerfingern… – Aber da war noch was…. – Hand auf meiner vagina. – Ich kann es nicht glauben! Aber es brennt da… – 

Wieder weinend, heftig weinend, beschrieb ich ihr mein bild von heute früh, dass ich zu meiner mutter sagte: Es ist so ein großer verlust! Dass sie nicht zu mir stand! So ein großer verlust! – Ehem! Ehem! – Und dann mein gefühl, ihr zu sagen, komm mit! Meine mutter mit zu mir nach hause zu nehmen! …. Sie soll doch mit zu mir kommen, ihn, diese sau allein lassen! …. – 

Nachdem ich gesagt hatte, was er gemacht hat, weinend: Ich wollte mich doch nur an seinen rücken schmiegen, an seinen rücken kuscheln. – Ehem, ehem!, wieder so weich und lieb von meiner mama. Unsagbar, wie schön diese bestätigungen für mich in diesen situationen sind. Ich weinte so sehr, jammerte, kuschelte mich zusammen. – Das ist doch so schön, sich unter der decke an seinen rücken zu schmiegen. Sonst nichts! …. Und das hat doch so weh getan! – Ehem! – Weinen.

(…) Sie sagte noch: Dass sie das nicht glauben wollen, das ist ‚ganz normal‘, also dass ihr vater noch mehr gemacht hat. Das ist doch auch verständlich, dass sie es nicht glauben wollen! Das ist zum einen abwehr, weil man das unfassbare nicht haben will, aber auch schutz, damit man es nicht so nahe an sich rankommen lässt. Und das möchte ich auch noch mal betonen: Es ist mir wichtig, dass sie sich klarmachen, sie haben es MIR und SICH selbst gesagt! Dass sie es auch SICH gesagt haben! Damit sie das für sich annehmen können. … Es ist mir wichtig, dass sie es MIR und SICH gesagt haben!, wiederholte sie und sah mich eindringlich an. Ich sah in ihre augen. 

Meine Tagebuchnotizen nach der Stunde:

Als ich ging, fühlte ich mich benommen, spürte dann aber immer deutlicher, wie notwendig und gut das war, dass ich es mir und ihr sagte, was mein vater gemacht hat! (…) 

Mir fällt auf: Wie toll ich gerade für mich sorge, wenn ich mir viel zeit für mich nehme! Ganz viel zeit! Wenn ich dazu stehe und dafür sorge!

Bald darauf ‚sah‘ ich die kleine Ann, konnte ich auch das noch zulassen:

26.5. Diese stunde ist wirklich nur inhaltlich zu schildern, das wesentlichste erinnere ich aber. Gleich zu beginn wurde ich ganz müde, gefühl der leere, dann: Ist da was? Ihre liebevolle aufforderung: Wollen sie sich nicht darauf einlassen, das zulassen? – Gleich eine sperre aus worten wie, hör doch auf damit und ähnliche aufforderungen. Wieder angezogene zehen, ganz fest krallte ich sie zusammen, wie schon in den letzten stunden… Tat richtig weh! Wieder brennen in mir. Ließ mich also darauf ein. Beschrieb ihr immer wieder meine gefühle und das, was auftauchte. Und die K. unterstützte mich. Ich hatte sie gefragt: Willst du das wirklich hören? – Ja!, antwortete sie ganz fest. – Kannst du das auch aushalten? – Ja, ich kann das aushalten! Ich ahne es doch auch, ahne doch auch was…. 

Ich spürte meine füße, meine zehen. Streckte die beine halb aus, spreitze sie auseinander. Sagte, dass er da wäre. Meine beine ganz weit auseinander. Dann weiter so nach und nach, dazwischen ganz oft ihre bestätigungen: Ich verkrampfe total meine beine, meine füße. Liege ganz steif hier, angespannt. Und er ist da! Er liegt hier!, deutete auf meine mitte. Sie fragte, ob ich ihn sähe, ob er nackt sei. Nackter oberkörper. Ich nahm mir wieder zeit. Zu meiner aussage, mein herz, mein körper würden was sagen, aber der kopf käme dazwischen, meinte sie: Den lass doch weg! – Ich solle doch hingucken, damit ich endlich der kleinen Ann glauben würde. Weil ich weinte und es so schwer war: Dann verstehst du die kleine Ann! Kannst du zusammen mit der kleinen Ann weinen! Und dann kannst du dir endlich selbst glauben! – Alles absolut so ungefähr. – 

Sagt er was zu dir? Oder ist es still? Sagt er, dass es doch schön ist? – Es wäre absolute stille. – Stille und dunkelheit! Und ich bin ganz alleine, so alleine!, weinend, sehr weinend, manchmal jammernd, wimmernd. Mir wäre ganz schlecht, auch im mund ganz schlecht. – Ich will ihn nicht sehen! Ich will nicht sehen, dass er da ist! – Ehem! – Ich bin so alleine! – Ja! Aber JETZT bist du nicht mehr alleine damit! JETZT nicht mehr! – Ich sagte immer mal mama zu ihr oder einfach so: Mama, es tut doch so weh! – Ja…. – Ich kann oder will ihn nicht sehen, aber ich weiß, dass er da ist… Ich rieche ihn…. Und mein papa war doch so groß! So schwer! … Ich sehe seinen rücken, seine haut, seinen nackten rücken und rieche ihn. …. Und im mund ist auch was, aber ich weiß nicht was. Er ist überall an meinem körper! Ich spüre ihn überall. – Irgendwann sagte ich: Ich weiß doch, dass es so war! Ich weiß es ganz genau! – Ehem! – Ich weiß, dass er es war und dass er das gemacht hat! – Weinend: Ich hab’s nicht vergessen. – Ich glaube, sie fragte, ob die kleine Ann etwas sagte. – Nein! Der sieht mich so an… Ich schweige. – Ehem! – Wenn der einen ansieht, ist man still! Der hat auch immer gesagt, er brauche nur zu gucken… – Ja!, mit betonung, also wolle sie sagen, der arsch! – Ich habe jetzt das bild, wie der mich ansieht, seine augen gehen durch mich durch wie pfeile, bis zur erde. Da KANN man nichts mehr sagen! – Ehem! Ehem!, weich von der mama. 

Und dann spürte ich, fühlte es: Meine mutter ist auch da. – Und wo ist sie? Siehst du sie? Guckt sie zu? – Ich spüre, dass sie da ist. So neben uns. Im anderen bett. – Ehem! Und was macht sie? Siehst du das? – Sie hat sich rumgedreht, weggedreht. Guckt nicht zu. – Ja, sie guckt weg!, von der lady. – Ich will es nicht glauben, aber ich weiß es ganz genau, der hat das gemacht! – Ehem! – Und es fühlt sich so an, als wären da haare dran….. –

Und dann war ich bei der kleinen Ann. Weinend: Sie ist so alleine! – Ja! Kannst du sie sehen?, weich von meiner mama. – Sie ist doch noch so klein. Und mein vater so groß und schwer! Fühle es ganz schwer auf mir. – Ich ließ mich dann zum ersten mal darauf ein, die kleine Ann zu sehen, wollte sie sehen! Langsam kamen bilder hoch; ganz viel weinen dabei. – Sie hat ganz zarte haare. Und ich sehe ihre augen! Sie hat ganz große augen. Reißt ihre augen weit auf. – Ehem! – Ich sehe ihre braunen augen und ganz viel weiß drumherum…. Meine süße! Meine kleine! Ach, meine süße, kleine Ann! – Und ich weinte sehr. – Sie ist so alleine! Ich sehe ihre stirn… und mir fällt ein foto ein, wo ich in die schule komme, da bin ich 6 jahre alt. War ich damals 6 jahre? Ich weiß es gar nicht! Ich war doch noch so klein! – Ja! – Aber kein baby mehr, schon ein mädchen. – Ehem! – … Ich sehe jetzt ihre schultern, ihre ganz schmalen schultern. – Ehem!, wieder so weich von meiner mama. – Sie ist doch so schmal! Kleine mädchen haben doch einen ganz schmalen körper. – Ja! – Spüre sie, als ob ich meine hände auf ihre schultern lege, ihre zartheit, ihre knochen… Nur das sehe ich: Ihre großen augen, ihre stirn und ihre haare…. Und ihre schmalen schultern. – Ehem! – Ach, meine süße! … Die kleine Ann! … DAS BIN JA ICH!, mit heftigem weinen. – Das bin ja ich! Ich sehe ja mich! – Vielleicht sagte meine mama hier was, aber ich weiß es nicht mehr. –

Wir nehmen sie mit zu uns!, sagte ich plötzlich, – Wir nehmen sie mit hierher! – Ja, das ist doch eine gute idee!, mit ihrer weichen mamastimme. – Wir lassen sie nicht mehr dort! Nehmen sie mit zu uns! – Ja! – Dann ist sie nicht mehr alleine! Nehmen sie mit hierher! – Ja! – Hatte jetzt die phantasie, ….mit zu uns und fühlte es so: Jetzt ist sie hier bei uns! – Ja! – Weinte: Ich hab MICH gesehen… –

Ende der stunde – . Es ist genug! – Ja!, von meiner mama, die mich immer wieder sehr unterstützt hatte, mich mit du anredete und ich sie auch. Sie atmete tief aus. – Was machen wir denn jetzt mit der kleinen Ann?, weinend. – Jetzt packe ich sie erstmal in die decke! Jetzt decken wir sie erstmal zu. Ja? – Ja! – Sie kam zu mir, packte die decke ganz leicht und weich um mich rum, um meine schultern, meine beine. Hockte sich zu meinen füßen. Ich öffnete meine augen: Die sonne scheint! – Ja!, die mama lächelte. Ich war noch so verwirrt. Sie fragte: Sie wollen doch nicht hierbleiben? Ich möchte sie jetzt nicht gerne hier lassen!, so liebevoll und ganz intensiv sah sie mich an. – Ja, das stimmt, das ist nicht gut! … Sie sind doch morgen wieder da? – Ja! – Angucken, in ihre augen, ihre haare. Mama, meine mama! .. Wir gingen dann gemeinsam aus der praxis, die treppe runter, bis zur straße hin. Das war so schön, nebeneinander herzugehen. Sie fasste mich an der schulter: Und, was macht die Ann heute noch schönes? – Sport und dann zusammen den frauen essengehen und trinken…. – Gut! – Ich ging aufrecht nach hause, fühlte mich eigentlich ganz gut.

Am nächsten Tag, die nächste Stunde:

27.5. Ich fing gleich an zu weinen. Sah die K. zuvor an und dann weinte ich, zum Teil sehr heftig. Und ganz viel mama in mir. – Ich hab es ja eigentlich schon lange gewusst, dass mein vater mich vergewaltigt hat! Und gestern habe ich es doch mit aller deutlichkeit gespürt, dass ich es weiß! Dass ich es doch ganz genau weiß! Und trotzdem ist es, nach der stunde gestern, noch mal anders. – Ja!, weich von ihr. Ich weinte sehr und sagte: Danach kann man eigentlich gar nichts mehr sagen! – Ehem! – (…)

Sie sagte noch was zur gestrigen stunde, was ganz stark bei ihr da war bezüglich meines vaters. Erinnerte seine äußerung, es ist gut, wenn kleine mädchen…., dann wissen sie, was auf sie zukommt. Sie sähe es so, dass er das wie einen initiationsritus sieht, sich in einer tradition sieht. Sie meine das auf keinen fall im sinne von ihn entlasten, nein, das habe er sich so zurechtgelegt, patriarch, er darf das. Die K. weiter: Und ich spürte, sah ganz deutlich das bild, dass er das mit all ihren schwestern gemacht hat! Missbrauch! Vergewaltigung! – Ich wolle jetzt wirklich nicht mehr darüber reden, weinend. Sie, mit ihrer lieben mamastimme: Ja! … Sie haben recht, danach kann man nichts mehr sagen! – Sie verstand, erläuterte, sie habe mich damit vielleicht ein bisschen trösten, in den kreis meiner schwestern einreihen wollen, dass ich nicht alleine damit bin.

Sie sagte später noch, dass sie es fühle, sähe, dass das die erste szene mit ihm war. Sie hätte mich gefragt, ob er was sagte, weil sie so spürte, der sagte, stell‘ dich nicht so an! Ist doch nicht schlimm! Das, was ich mal erinnerte, du hast es ja selbst gewollt, habe er wohl nicht beim ersten mal und nicht gleich, sondern erst später gesagt.

Weil ich so sehr weinen musste, meinte sie, ganz weich und liebevoll, es wäre doch sehr gut, dass die traurigkeit jetzt da wäre, dass die endlich mal rauskäme! Ja, so fühlte ich es auch.

Wir sprachen über meine ausgestreckten, starren beine, die verkrampften zehen während der gestrigen stunde; so war es auch schon in anderen stunden. Die K. sagte, dadurch hätte ich den anderen schmerz nicht so gespürt, aber mehr noch: Das sollte den vorhandenen impuls der beine verhindern! Die wollten doch treten! Sich wehren! – Sie hatte gestern schon gesagt, das wäre doch gut, das mit den füßen, den beinen. … Ach, geliebte mama! … Die reaktion, sich quasi tot zu stellen, sich ganz steif zu machen, sei typisch bei traumatischen erlebnissen. – Und das ist eine absolut gute reaktion! Die Psyche und der körper schützen eine damit!, ich glaube, so drückte sie es aus. 

Ich erzählte ihr, gestern nach der stunde hätte ich mich erstmal ‚dort‘ waschen müssen. Und am abend beim sport, hätte mich sehr auf die frauen gefreut,  wäre ich rumgetobt und hätte auch spass gehabt. Danach zusammen essen gegangen. Hätte nichts von der stunde gesagt. Danach nach hause, wollte alleine sein. Dann geduscht, ganz heiß und ganz lange. Weinte wieder sehr. – Und dann hab ich die kleine Ann und mich mit weichen handtüchern sanft abgetrocknet und uns ganz liebevoll eingecremt! – Ehem!, weich von meiner mama. – Und dann haben wir uns noch schön gemacht, ganz schön angezogen, obwohl es schon spät war! Ganz weiche, schöne sachen zum anziehen rausgesucht. – Ich weinte und weinte. – Warum ich denn jetzt so weinen müsse?, fragte sie liebevoll. – Ich frage mich gerade: Warum? Warum hat er das gemacht? Ich will es einfach nicht glauben! Er ist doch mein vater! Ich will nicht, dass es wahr ist! Mein kopf begreift es, aber mein herz, meine seele, die verstehen das nicht! – So ungefähr fühlte ich. 

Die lady sagte noch, ich wäre ja zuvor schon in kontakt mit der kleinen Ann gewesen, aber der habe sich durch die stunde gestern noch einmal verändert: Was sie vorhin sagten, wie sie gestern duschten: Dann habe ich ‚uns‘ schön eingecremt! ‚Uns‘ schön gemacht! Das ist ja jetzt noch intensiver! – Sie sagte es so liebevoll! – Ja! Und die kleine Ann ist jetzt hier bei uns! Nicht mehr dort! Ich hab sie gestern mit hierher genommen!, sagte ich weich, während ich die K. ansah. – Ja… – (…)

In der darauf folgenden Stunde betonte ich, dass die vorigen Stunden wirklich sehr hart gewesen seien und dass ich danach sehr viel weinte, aber…

4.6. …ich spürte auch klar, das macht mich stark! – Ehem! – Wenn ich genau weiß, was war, das macht mich stark! Damit nehme ich dem die macht über mich! – Ehem! – Ich fügte hinzu, bisher wären ja nur gefühlte erinnerungen aufgetaucht, aber jetzt hätte ich ihn und mich auch deutlich gesehen, also bilder dazu! – Sie sah mich direkt und ernst an; mit fester stimme sagte sie: Das bedeutet ja, dass sie den bildern mehr trauen als ihrem körper und ihren gefühlen! – Huch! – Ja…., stimmt!, sagte ich nachdenklich. 

Ein Traum, den ich einige Monate später träumte, spiegelt gut meine Entwicklung wieder:

21.9.1998 Traum mit meinem vater. Er will mich auf meine linke brust küssen. Nein! Ich stoße ihn zurück. Er ist völlig verwundert. Später will er mich auf den mund küssen! Ich beiße ihm fest in die oberlippe. Trotz großem widerwillen beiße ich fest zu. Er, völlig erschreckt, stöhnt, hält sich die lippe. Ich denke, jetzt kann er sehen, wie er die blutende lippe erklärt! Ich stehe hoch erhobenen hauptes vor ihm. Er hält sich die lippe, stöhnt! Klasse! 

Und dies gehört ebenso dazu – eine Notiz aus meinem Tagebuch:

24.10.1998 ‚Erklärt Pereira‘ gelesen, sehr beeindruckt. Wie schön, dass ich wieder solche lust am lesen habe! Und trotz aller traurigkeit liebe ich mein leben, so wie es gerade ist! Und obwohl ich traurig bin, spüre ich auch all die anderen gefühle: Meine freude, meine liebe für alle meine lieben, meine freude an meinem jetzigen leben und, und, und. Das ist ja relativ neu für mich, dass ich das so wahrnehme, dass alle gefühle gleichzeitig da sind. … Und das spüre ich jetzt ganz klar: Mir ist es nicht mehr wichtig, OB mein vater seine taten zugibt! Dass ich es glaube ist nicht mehr davon abhängig! Ich glaube mir! 

Ich stellte meinen Vater einige Jahre später nochmals in aller Ruhe persönlich zur Rede (nachzulesen im Kapitel ‚Reaktionen’), blieb beharrlich, stand gut zu mir. Das war für mich ein wichtiger und passender Abschluss dieser harten Zeit.

Am Ende dieses Kapitels möchte ich noch einige wichtige Aspekte erwähnen, die auch mit dem Schreiben des Kapitels in Verbindung stehen. 

Manche Therapieaufzeichnungen gebe ich ausführlicher wieder als es für das Verständnis vielleicht notwendig ist. Ich habe jedoch bemerkt, MIR war und ist es wichtig, von den Stunden hin und wieder ausführlicher zu berichten. Dennoch habe ich insgesamt sehr, sehr viel gekürzt und weggelassen, auch um der Lesbarkeit willen.

Beim Überarbeiten des Textes überlegte ich zudem, ob ich das Geschehen, den Therapieprozess, in zeitlicher Folge schildere – so mein erster Entwurf – oder ob ich das Kapitel nicht doch nach den verschiedenen Formen der Erinnerungen gliedern sollte. Ich habe mich aus folgenden Gründen für die zeitliche Variante entschieden: Das Bearbeiten in der Therapie, der Analyse, stellte sich als ein langer Prozess dar. Diesen (näher) zu beschreiben macht deutlich, wie langwierig das Erinnern sein kann und wie viel Zeit es dafür braucht; wie schwierig es war, all die Erinnerungen zuzulassen; welche Härten das Bearbeiten mit sich brachte, aber auch wie befreiend die einzelnen Schritte und der Prozess insgesamt waren. 

Erst beim Schreiben bzw. weiteren Überarbeiten des Kapitels wurde mir bewusst, dass sich in meinem Therapieprozess verschiedene Formen der Erinnerungen zeigten:

Körperliche und psychische Erinnerungen, Träume und indirekte Erinnerungen; außerdem ließ ich meine Hände ‚sprechen‘, meine Erinnerungen auf diese Weise ausdrücken. All das konnte wiederum Erinnerungen an Situationen, einhergehend mit körperlichen Reaktionen, auslösen.

Als körperliche und psychische Erinnerungen bezeichne ich die Herzsymptome, die Angst- und Panikattacken sowie Schlafstörungen.  Gerade die Herzsymptome, die verschiedenen Ausdrucksformen meines Herzens, haben mich überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht, dass ‚mit mir etwas nicht stimmt‘! Mein Herz hat mir gesagt: Guck’ nach dir! – Sie waren, zusammen mit den Angst- und Panikattacken, der Auslöser, der Antrieb, mir anzuschauen, was mit mir los ist.

Auf die Herzattacken werde ich im Kapitel über den Schreibprozess noch einmal eingehen, da mir beim Schreiben zu meinem Vater überhaupt erst klar wurde, dass die Herzsymptome eine körperliche Erinnerung darstellen. Wie sich diese Erkenntnis entwickelte, will ich dort schildern.

Die Träume unterstützten das Erinnern, halfen mir, wie schon im Zusammenhang mit meinem Bruder Adolf, mir nach und nach die Taten meines Vaters anzuschauen und zu bearbeiten. Ein Traum, den ich unter dem Stichwort ‚Blutschande‘ beschrieben habe, war sogar der Ausgangspunkt, der Auslöser dafür!

An ‚indirekten‘ Erinnerungen gab es einige. Ich meine damit unter anderem die folgenden Situationen: Als ich mit dem Kollegen der Therapeutin alleine im Praxisbüro war; mein ‚ich will nicht in mein Bett‘, ‚will nicht, dass es dunkel wird‘, meine Angst vor der Nacht – siehe die erste Nacht im erwähnten Italienurlaub. Außerdem meine Phantasien bezüglich der Hand der Therapeutin; auch der Besuch bei der Zahnärztin, meine Tränen, der undichte Bohrer erinnerten indirekt… Und ich denke an das Lied der Valente, ‚ganz Paris träumt von der Liebe‘, das ich ‚hörte‘ bei Erinnerungen an Situationen mit dem Vater.

Eine weitere Form oder Station des Erinnerns sehe ich darin, meine Hände ‚sprechen‘ zu lassen, wenn ich meine Gefühle und Erinnerungen nicht anders ausdrücken konnte. 

All diese Formen der Erinnerung lösten wiederum Bilder und direkte Erinnerungen an Situationen der sexuellen Gewalt und der Bedrohung durch meinen Vater aus – meist begleitet von (körperlichen) Reaktionen der verschiedensten Art, die durch die Übergriffe entstanden waren:

Erstickungsgefühle, Enge im Brustkorb; Brennen in meiner Vagina, aber auch schöne und erotische Gefühle; Kälte; alles schwarz, will lieber tot sein; es liegt was Schweres auf mir…; und Wut, Traurigkeit, Gefühle des Ausgeliefertseins, der absoluten Hilflosigkeit und nicht zuletzt auch Schmerzen. 

Das theoretische Betrachten des Erinnerungsprozesses, das ich gerade schilderte, hat mir geholfen, noch mehr Abstand zu dem Geschehenen zu gewinnen.

Zuletzt möchte ich noch einen weiteren wichtigen Aspekt erwähnen, der mir beim Abfassen dieses Kapitels gewisse Probleme bereitet hatte, der mir dann jedoch zu großer Klarheit verhalf.

Mein erster Impuls war, nicht genau zu beschreiben, was mein Vater im einzelnen mit mir gemacht hatte. Entsprechend sah die erste Fassung dieses Kapitels aus. Ich schilderte meine Erinnerungen, Bilder, Gefühle, also das, was in der Therapie jeweils auftauchte, beschrieb aber nicht, welche Bedeutung ich den verschiedenen Bildern und all dem Anderen beimaß. Ich entschied mich also für ‚Leerstellen‘, so nannte ich es, wenn ich es bei Andeutungen beließ. Ich wollte die Lesenden nicht erschrecken, nicht abschrecken, wollte vielleicht nicht nur sie schonen, sondern auch mich, indem ich nicht genau in Worte fasste, was geschehen war.

Nach einem Gespräch mit meiner damaligen Therapeutin kam ich jedoch zu einer anderen Ansicht. Ich entschloss mich, die Taten ganz genau zu  benennen, zu ‚versprachlichen’. Dieser Entschluss hatte etwas sehr Befreiendes! (Und er löste einen Traum aus, auf den ich im Kapitel zum Prozess des Schreibens noch näher eingehen will; hier würde das zu weit führen.)

Hatte ich noch in der ersten Fassung, dies als Beispiel, davon geschrieben, ich habe ‚was‘ gemalt oder mit Knete einen Stab geformt, hatte ich den LeserInnen überlassen, sich das Offensichtliche zu denken. Nun war und ist es mir wichtig, genau zu benennen, was das Offensichtliche war! Also in Worte zu fassen, zu versprachlichen, dass ich, um bei dem Beispiel zu bleiben, den Penis des Vaters abbildete. Ich habe mich für diese Form entschieden, weil ich genau dokumentieren will, was war! Was mein Vater mit mir gemacht hat! Ich will mich nicht und schon gar nicht ihn schonen! Es ist mir wichtig, meine Erinnerungen zu versprachlichen, auch damit weder ich noch andere, weil wir ja gerne Schlimmes und Ähnliches verdrängen, genau dies nicht tun können!

Von dem, was das Versprachlichen wiederum bei mir auslöste, will ich zum Abschluss kurz berichten:

Während ich das Kapitel mit diesem Ziel überarbeite, für die Veröffentlichung vorbereite, während ich das Kapitel also lese und die Taten genau benennen will, bemerke ich, dass ich den Text fast wie eine unbeteiligte Dritte lese. Und auf einmal denke ich: Wieso habe ich so lange zweifeln können an dem, was ich erinnerte? Es ist doch ganz klar, tritt doch deutlich hervor, was mein Vater gemacht hat! Dass er mich mit seinen Fingern und mit seinem Penis vergewaltigt hat, oral und vaginal! Wie konnte ich daran so lange zweifeln? Besonders zu meinem Schutz, das ist mir schon klar. Aber nun…, nun gibt es gar nichts mehr zu bezweifeln!

Zuerst war ich wirklich nochmal erschüttert. Aber dann: Befreit! Es ist befreiend, weil so klar!