Auch zu Beginn dieses Kapitels muss ich davon berichten, wie ich mich dem Schreiben näherte bzw. wie es mir dabei erging, denn das gehört zu dem, was es zu meiner Mutter zu sagen gibt.

Beim Durchsehen meiner Aufzeichnungen der ersten Therapiejahre erschien mir meine Mutter konturlos. Das veränderte sich ein wenig in den Notizen zu den folgenden Jahren. Ihr Verhalten, ihr Anteil an dem Geschehenen und an den Folgen treten mit den immer deutlicheren Erinnerungen an die Taten meines Vaters entsprechend mehr in den Vordergrund, nicht nur in den Therapiestunden. Das überraschte mich nicht. Aber dass es mir so schwer fiel, mit dem Arbeiten an diesem Kapitel zu beginnen, hatte ich nicht erwartet. Nach dem sehr schweren und harten Kapitel zu meinem Vater nahm ich an, das zur Mutter würde mir, wenn auch nicht leicht, so doch wesentlich leichter fallen. Aber so war es nicht!

Die Vorarbeiten gestalteten sich schon nicht leicht. Als ich mit dem Gliedern beginnen wollte, bekam ich zudem noch Herzschmerzen! All die verschiedenen Arten von Herzsymptomen sind mir vertraut, in meinem Buch auch beschrieben, aber Herzschmerzen gehörten bisher eher nicht dazu. Meine Mutter hatte früher oft Herzschmerzen, hielt uns damit, wie mir später klar wurde, im Zaum. Wir verhielten uns dann still aus Angst davor, sie könne sterben. Das war ihr Druckmittel, damit nicht nur ich, sondern alle Kinder brav und angepasst waren und blieben. Und nun tauchten bei mir Herzschmerzen auf! Nach einer Stunde musste ich aufhören zu schreiben, war es zu unangenehm. Was soll das denn jetzt?, fragte ich mich natürlich und nahm mir Zeit, genauer hinzuschauen. 

Ich stellte bald erstaunt fest, dass ich eigentlich gar nicht so recht wusste, was ich zu meiner Mutter schreiben will, was mir zu ihr wichtig ist. In meinen Aufzeichnungen gibt es einiges an ‚Material‘, keine Frage; vieles ist bereits in dem Kapitel ‚Der Vater‘ und in anderen von mir zitiert worden. Aber nun, speziell zu meiner Mutter, was ist in meiner Erinnerung ganz zentral, was gibt es mit dem großen Abstand von heute zu ihr zu berichten? 

In einem Gespräch mit meiner ehemaligen Therapeutin, Frau K., wurde mir der Hintergrund meiner Schwierigkeiten klarer: Bei meinem Vater und den Brüdern ging es sehr um meine Wut, mehr um meine Wut. Bei meiner Mutter steht der Schmerz im Vordergrund. Bei ihr geht es eher darum, wie schmerzvoll es für die kleine Ann war, dass ihre Mutti nicht für sie da war! Dass sie nicht von ihrer Mutti beschützt wurde, sie die Taten nicht verhinderte! Die kleine Ann hatte sie doch so sehr geliebt, ihre Mutti…

Und nun weinte ich, weinte so sehr, und das wiederholte sich. – Mama, Mama!, ganz oft sagte ich es, leise oder lauter, bitterlich weinend. Es fühlte sich gut an, dass ich weinen konnte. Diese Gefühlsausbrüche überraschten mich wirklich. Ich habe das doch alles gründlich bearbeitet! Das ist doch für mich abgeschlossen! Doch nun musste ich, nicht zum ersten Mal, feststellen, auch wenn alles gut bearbeitet ist, kann so ein Schmerz immer wieder spürbar sein und dazu führen, dass ich traurig bin und weinen muss. 

Ich versuchte es erneut mit dem Kapitel, stellte Überlegungen zu der Verantwortung meiner Mutter an. Dann: Ich will zu meiner Mutter nichts schreiben! Es ist zu hart! Ich unterbrach schon wieder. Es ging einfach nicht! Es war zum Verzweifeln! Und ich war ratlos. Nach einer Weile des Zauderns kam ich zu dem Schluss, mir Zeit zu nehmen, ging auf Abstand zum Schreiben. Aber die Gedanken an ihre Verantwortung ließen mich natürlich nicht los. 

Während der Therapie und auch danach vertrat ich, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, deutlich die Position, dass mein Vater, als Täter, an erster Stelle die Verantwortung für seine Taten und die Folgen trägt. Das sehe ich noch heute so. 

Aber nun tritt auch die Verantwortung meiner Mutter stärker in den Vordergrund. Jetzt sehe ich das deutlicher als zur Zeit der Therapie. Vielleicht musste ich damals meine Mutter in gewissem Maße schonen, oder eher mich selbst, um mir meine Mutter noch etwas zu bewahren. Vielleicht wäre es ansonsten zu heftig für mich geworden, hätte ich das nicht auch noch verkraftet.

Andererseits kann ich gar nicht sagen, wie oft ich mich während der Jahre der Therapie gefragt habe: Warum hat meine Mutter mir nicht geholfen? Warum hat sie mich nicht beschützt? Das ist doch einfach unbegreiflich, dass ein kleines Mädchen nicht von seiner Mama beschützt und geschützt wird! 

Und nun tritt ihr Verrat und mein Schmerz über ihren Verrat noch einmal deutlich hervor. Sie hat mir nicht geholfen, mich nicht beschützt! Sie hat mich und meine Liebe für sie verraten. Und dafür und für die Folgen trägt sie die Verantwortung!

Diese Erkenntnis versetzte mich in die Lage, mit dem Schreiben des Kapitels endlich beginnen zu können. 

Mir schwebten diese Themen vor:

Erwähnung von Erinnerungen und Bildern, davon, wie sich meine Mutter verhielt, insbesondere im Zusammenhang mit den Taten des Vaters, ohne auf die Übergriffe selbst noch einmal einzugehen. 

Und das wird dabei im Mittelpunkt stehen: Was das für die kleine Ann bedeutete, wie sie sich fühlte.

Ich will das Verhalten meiner Mutter näher beschreiben und kritisch betrachten, dass sie zumindest weggeschaut hat! Dass sie nicht für mich da war! Dass sie das alles nicht verhinderte!

Dazu stellte ich sie damals zur Rede – ihre Eingeständnisse fasse ich kurz zusammen.

Gibt es nachvollziehbare Erklärungen für das Verhalten meiner Mutter? Ein paar allgemeine Aussagen zu ihr könnten in diesem Zusammenhang stehen. Vielleicht sollte ich daran anschließend die Frage ganz allgemein stellen, warum gucken Mütter (oder auch Väter) weg? Warum helfen sie ihren Kindern nicht, von denen sie doch so oft sagen, wie lieb sie sie haben, wie wichtig sie ihnen sind? Aber warum helfen sie ihnen dann nicht, beschützen sie sie nicht? Das ist ja heute noch tagtäglich der Fall! Da tut sich für mich ein eklatanter Widerspruch auf! 

Ich will auch von dem Positiven mit meiner Mutter berichten, davon, was sie mir an Schönem gab und was uns verband, denn auch das ist heute noch in mir. 

Zum Abschluss werde ich darüber reflektieren, inwieweit das Thema ‚Meine Mutter‘ für mich abgeschlossen ist und wie es mir nun mit ihr geht. 

Es wird manchmal Wiederholungen geben zu den Texten von den Brüdern und vom Vater; dies wiederum mit der schon bekannten Begründung, dass vielleicht nicht alle die Kapitel zu dem, was geschah, lesen wollen oder können.

Bevor ich mit den Erinnerungen im Hinblick auf das Verhalten meiner Mutter beginne, will ich von weiteren Schwierigkeiten beim Schreiben und den Überlegungen dazu berichten. Später erging es mir nämlich wieder so: Ich will und kann zu meiner Mutter nichts schreiben! Ich hab’ einfach keine Lust dazu! Und das blieb so. Was mach’ ich denn jetzt? Das ist doch wichtig! Ja, aber es tut mir zu weh… 

Ich entwickelte dann diese Idee: Ich schreibe nichts zur Mutter, sondern über die Therapeutin, die wie eine liebe, wundervolle Mama für mich da war. Ich beschreibe, wie sie mit all dem Schlimmen umging, wie liebevoll sie die kleine Ann auffing, begleitete und stärkte. Und wie sehr sich die kleine Ann bei ihr geborgen fühlte. An der Schilderung all dessen wäre dann zu ersehen, was ich früher mit und von meiner Mutter nicht hatte und was ich als kleines Mädchen in den bedrohlichen Situationen so dringend gebraucht hätte. Was ich deshalb in der Therapie und bei der Therapeutin gesucht, von ihr ersehnt und bekommen habe: Das Aufgehoben sein, das liebevolle Verständnis, die klare Haltung, sie ist auf meiner Seite, und besonders die Geborgenheit, die ich noch heute in mir spüre. Und: Dass sie mich nicht verraten hat!

All das habe ich mit und bei der Therapeutin erlebt. Aber nicht mit meiner Mutter!

Das wäre dann eine indirekte Aussage zu dem Verhalten meiner Mutter, zu ihrer Verantwortung und ihrem Versagen.

Als ich ein weiteres Mal mit der K. über meine Schreibschwierigkeiten sprach, sagte ich: Tief in mir drin gibt es immer noch die kleine verletzte Ann…, meine verletzte Seele. Und damit die sich nicht alleine fühlt ist es gut, dass ich heute noch Mama fühle, die Mamaliebe in mir habe. Dadurch fühlt die sich nicht so alleine! – Ich würde das so fühlen, als würden die Mamagefühle meine verletzte Seele wie umhüllen, ihr Geborgenheit geben. – Genau darum geht es!, bestätigte die K.: Es ist alles bearbeitet, aber die Seele ist ja trotzdem noch verletzt! – Und die Mamagefühle seien dafür existentiell. 

Jetzt verstehe ich noch einmal und viel klarer, wie wichtig es ist, dass die Mamagefühle heute noch da sind, wichtig und notwendig! Und ich hatte doch so oft gedacht, das muss doch mal ein Ende haben, passt doch nicht mehr!

(Im Kapitel zur Therapeutin, aber besonders in Buch 2, werde ich sicher unter anderem auf die Mamaliebe für die Therapeutin und den Zusammenhang mit meiner Mutter ausführlich eingehen.)

Ich schaffte es dann doch, zu meiner Mutter das Wesentlichste zu schreiben! Und damit beginne ich jetzt.

 

Erinnerungen im Hinblick auf meine Mutter

Ohne auf die Taten des Vaters einzugehen – diese sind bereits im Kapitel zu ihm hinreichend beschrieben – komme ich nun zu meinen Erinnerungen bezüglich des Verhaltens der Mutter in diesem Zusammenhang. Sie tauchte dabei insbesondere so auf: Ich liege bei ihr im Ehebett, mein Vater in seinem. Ich bin ein kleines Mädchen, ungefähr vier bis sechs Jahre alt. Meine Mutter sagt, ihr sei es mit mir zu warm, ich solle mich zu Vater ins Bett legen… Was dort geschah wollte sie wohl nicht wissen. Jedenfalls gibt es die öfter wiederholte Aussage von ihr, wenn sie einmal eingeschlafen sei, würde sie nichts mehr mitbekommen – was ich jedoch sehr bezweifle, auch weil sie das immer wieder betont hatte. Es gab vielleicht auch andere Gründe, warum ich zu meinem Vater ins Bett wechseln sollte, nicht nur, weil es ihr mit mir zu warm war! In einer Therapiestunde fühlte oder erinnerte ich es so, dass sie uns, meine Schwestern und mich, opferte, wenn sie nicht mehr konnte. In dem folgenden Ausschnitt aus dieser Therapiestunde wird das ganze Dilemma deutlich: 

Mir fiel ein traum ein, in dem ich einem mädchen sagte: Nein, er kommt nicht runter. Ich gehe hoch und sorge dafür! … Nach dem traum stellte sich mir die frage: War meine mutter nicht manchmal doch auf unserer seite? – Mein gefühl jetzt: Das war so. – Ich schwieg, ließ mich darauf ein. Sah dann ganz deutlich unsere damalige wohnung vor mir. Dachte wieder an den traum und erinnerte, als hätte meine mutter sich manchmal so verhalten, dass sie zu ihm gegangen ist. – Dass sie sich manchmal geopfert hat… und manchmal uns! – Ehem! – Ich fühlte es so, wenn sie nicht mehr konnte, opferte sie uns! … Und sprach meine weiteren gedanken aus: Das ist ja furchtbar! Dass es keine andere möglichkeit gab! Keinen anderen ausweg… als das! Das ist doch furchtbar! – Ja! – 

Ich hab das bild in mir wie in dem traum…, ich gehe hoch, besänftige ihn wie ein tier, eine bestie, die besänftigt werden muss, dann macht sie nix. Ja, so fühle ich es, dass meine mutter das so gemacht hat. Und er wie ein tier… (…) Ja, ich glaube wirklich, dass meine mutter auch manchmal auf unserer seite stand! – 

Aber leider nur manchmal! 

Bereits zwei Jahre zuvor hatte ich mich nach einem Traum gefragt, warum ließ sie das zu? Und dazu in der folgenden Stunde dieses Bild:

Meine mutter im bett, abgewandt, mit dem rücken zu vater und mir! (…) Sie hat ja selbst immer gesagt, wenn sie schläft, kriegt sie nichts mit. Ich denke, sie wollte nichts mitkriegen… Und dass sie mich zu ihm ins bett geschickt hat, damit sie ruhe vor ihm hatte! … Das denke ich schon länger! – Betroffenes, betretenes schweigen.

Wieder ging es in der Therapie um das Verhalten meiner Mutter nach Bildern und Erinnerungen mit meinem Vater. Ich bezweifelte dabei sehr, dass sie nichts von den Taten meines Vater mitbekommen haben sollte. 

In einer anderen Therapiestunde phantasierte ich, meine Mutter an die Hand zu nehmen, ihr zu sagen, sie soll dafür sorgen, dass das nicht wieder passiert. Zuvor hatte ich Erinnerungen mit meinem Vater beschrieben… Aber meine Hand blieb leer: Es ist niemand da! Ich bin ganz alleine und mir ist so kalt! Da ist NIEMAND! Warum hilft mir sie mir denn nicht? – Und ich erinnerte dieses Bild:

Meine mutter dreht sich um, dreht sich einfach um (im bett liegend)! Ich sehe ihren rücken…. Die hat sich einfach weggedreht und lässt mich allein. – Ehem! – Weinen, weinen. – Warum hilft sie mir denn nicht? Ich sehe deutlich ihren großen, breiten rücken! Ich bin doch noch so klein! – Das bild mit ihr so deutlich vor augen! – Warum hilft sie mir denn nicht? … Ich bin ganz alleine! Sie lässt mich alleine! – (…) – Ich hab’ das gefühl, dann hab’ ich nicht mehr gelebt! (…) Ein teil von mir hat dann nicht mehr gelebt. – 

Am Ende dieser Therapiestunde wollte ich gar nicht gehen: Ich möchte bei ihnen bleiben! Ich will nicht von ihnen weggehen. Ich würde gerne bei der Mama bleiben!, hatte ich leise hinzugefügt; bei der Mama, sprich der Therapeutin. Und stellte noch diese Fragen: Aber WIR vergessen die kleine Ann doch nicht? Lassen sie doch nicht alleine? – Nein…, antwortete die K. mit weicher, lieber Stimme.

Und gerade nach dieser Stunde, nach diesen Fragen erreichte mich die Absage der nächsten Therapiestunde, eventuell auch mehrerer Stunden, über eine Kollegin der K., worauf ich zuerst mit großer Angst reagierte. Mit Verlassenheitsängsten. Und ich weinte sehr. Aber dann konnte ich mir selbst sagen: Das sind doch Gefühle von früher! So würde auch die K. sagen. Ich will es gut packen ohne sie. Was auch immer bei ihr los ist, diese Mama verlässt mich nicht! – Ich wolle ganz tapfer sein. Hätte doch einen starken Willen. Dies alles und noch mehr sagte ich und notierte ich mir… Und diese Mama kam wirklich wieder, war wirklich wieder für mich da. Wegen eines nahen Todesfalles hatte sie absagen müssen, konnte sie mich nicht persönlich davon informieren. 

In der folgenden Stunde weinte ich wie ein kleines Mädchen, das ohne Mama so tapfer war, so notierte ich es in mein Tagebuch. Und berichtete ausführlich der K.; sprach auch von meiner mich an früher erinnernden Panik. Ich hätte es aber geschafft, mir zu sagen: SIE kommen wieder! Und: Ich will dafür sorgen, dass es mir gut geht. – Andererseits hätte ich nicht glauben können, dass sie tatsächlich wiederkommt. Auf meine Äußerung, ich müsste doch eigentlich weiter sein, reagierte die K. so: Sie müssten ihre Mamagefühle annehmen! – (Weil ich diese wieder einmal als nicht mehr angemessen empfand.) Und sie fügte hinzu: … und nicht weiter sein! – Nach unserer letzten Stunde, gerade dieser Stunde, wäre meine Reaktion darauf, dass sie so unerwartet nicht für mich da war, doch völlig verständlich.

Mir blieb dazu in Erinnerung: Diese Mama lässt mich nicht alleine! Die nicht!

In einer anderen Stunde erinnerte ich ein weiteres Mal sehr deutlich, wie meine Mutter sich wegdrehte, dass ich ihren breiten Rücken sah, am Ende der Betten den dunklen Schlafzimmerschrank… 

Und die kleine Ann hatte doch so auf ihre Hilfe gehofft:

Ich will zu meiner mutti ins bett! Die soll mich lieb halten! Mich beschützen, dass das nie wieder passiert! … Und die soll den wegjagen. Ganz weit weg! Und verprügeln! –

Aber meine Mutter hat mich nicht beschützt, sondern…

…sie hat mich an meinen vater ausgeliefert! Mein gefühl ist, als hätte sie gesagt, stell dich nicht so an! Also nicht, dass sie das sagte, eher mir das so vermittelte. – Ehem! – Schweigen. – Ich hab’ jetzt ein bild, meine mutter nimmt mich an die hand, bringt mich zu meinem vater, liefert mich aus! – Ja?, erstaunt von der lady. – Nicht, dass es wirklich so war. Das ist ein bild für mein gefühl! – Ehem! –

Oder hat sie mich sogar an ihn verraten, wie ich es erinnerte?

…dass ich es meiner mutter gesagt habe, und sie irgendwie furchtbar mit mir umging, mich damit alleine ließ. Oder mich sogar an ihn verraten hat! … Da ist was ganz tief in mir drin! Und ich habe angst davor! Meine mutter hat mir im zusammenhang mit meinem vater ganz furchtbar weggetan! … Es zerreißt mir das herz! –

Ich erinnerte mich auch daran, dass sie uns Kindern, und damit auch mir, mit dem Vater drohte, der Vater als letztes Disziplinierungsmittel, was bei mir furchtbare Assoziationen auslöste:

… Und jetzt fühle ich…., das ist ja komisch! Völlig komisch! Als hätte meine mutter mich in der hand! Ja, in der hand! … Sie kann mich dazu zwingen zu schweigen. – Ich wurde ganz unruhig. – Das kann doch nicht sein! Nein, das glaube ich nicht! … Aber so fühle ich es, sie hat mich in der hand. Mir ist so schlecht! Und ich muss an meinen vater denken! – Ehem!, kam so weich von der lady. – Ja, an meinen vater und mir ist richtig schlecht! – Ehem! – Ich könnte kotzen! …. Dass meine mutter mir mit meinem vater gedroht hat! Dass der ‚das‘ macht! … Oh nein! – Ich weinte sehr. So sehr. – Nein, ich glaub das nicht! – Bitterliches weinen. – Aber ich fühle es wirklich so! – Ehem! – Entweder hat sie mir damit gedroht, dass er ‚das‘ macht, sie hat ja öfter mit ihm gedroht, wenn man nicht spurte, oder ich hab’ gedacht, dass er ‚das‘ dann wieder macht! – Wieder ihr ganz weiches: Ehem! – (…) Mit dem drohen mit meinem vater (…) konnte sie einen packen. – 

Glauben sie, dass ein kind sich so was phantasieren kann, dass der ‚das‘ macht? – Ja!, kam fest von ihr. – Ihre mutter hatte sie ja alleine schon damit in der hand, dass sie mit ihrem vater drohte! Und es kann schon sein, dass sie dann dachten, er macht ‚das‘ wieder! Dass das bei ihnen dann immer da war, bei der drohung ihrer mutter. –

Bald darauf sagte ich, dass ich wohl nur annahm, er macht ‚das‘ wieder, meine Mutter das aber nicht so gemeint habe. Lisa bezweifelte es… 

Ein Körper sei doch so zerbrechlich, der sei es doch wert, beschützt zu werden, hatte ich einmal zur K. gesagt. Dem stimmte sie zu und meinte, er brauche eine gute Mutter… von außen, aber auch eine gute Mutter von innen. Ich fasste das damals so auf, dass ich selbst wie eine gute Mutter für mich sorgen solle. 

Dazu passt ein Märchen, das ich mir ausgedacht und wovon ich der Lady berichtet hatte: 

Ein märchen mit einer löwin: Die kleine löwin will, dass die löwen-mama den alten löwen-vater bestraft! Verdrischt! Zerreißt! Aber die löwen-mama verhält sich so wie die menschen! Die macht das auch nicht!, so formulierte ich, schön verpackt, meine an sie, die therapeutin, gerichteten wünsche. Die lady, fest: Das bild ist ja auch falsch! Was sie beschreiben war ja die wirklichkeit. Das haben sie so erlebt, dass ihre mutter das nicht getan hat! Aber jetzt, heute, müssen sie SELBST die löwen-mama sein! – Und das kam später noch von ihr (…): Selbst wenn die mama den löwen-papa verdrischt, das nimmt dem kind nicht seine wut, nicht seine trauer, seine schmerzen! Die gehen davon nicht weg! –

Von Beginn der Therapie an ging es immer wieder um die Frage, ob meine Mutter denn wirklich nichts mitbekommen hatte. In einer Stunde erinnerte ich die Situation mit meinem Bruder Bernd. Die Therapeutin saß später in meiner Nähe, hielt meine Hände und ich sah sie an:

Ich sah kurz in ihre augen, die ich als starr und streng schauend empfand. Ich versuchte es nochmals, aber wieder mit diesem ergebnis.

Auf einmal fiel es mir wie schuppen von den augen. Wollte es erst nicht sagen, dann aber doch. Erwähnte meinen blick und wie ich ihre augen wahrnahm und dass ich gleich wieder nach unten schaute. – Ich denke, so war es damals mit meiner mutter. Ich hab’ damals gedacht, die muß mir das doch ansehen! Die muss das doch merken! Ich hatte bei ihr immer das gefühl, die kann in mich hineinschauen, bis in den letzten winkel. Ich glaube, ich habe damals auch so unter mich geguckt, mich geschämt und angst gehabt, die sieht mir das an! –

Nach einem Traum, ich sah unter anderem unser Mädchenschlafzimmer, eine große, graue Gestalt, eine Frau, und ein riesiges Fenster, fiel mir sofort diese Deutung ein: 

Für mich steht das riesige fenster für den mangel an persönlichen bereichen für uns töchter, für permanente grenzverletzungen. Und die mutter bekommt alles mit, sieht alles, hört alles, kann in mich reinschauen. (…)

Dieser Deutung stimmte die Therapeutin zu; sie gab dabei zu bedenken: 

Wenn das so war, kann man sich eigentlich nicht vorstellen, dass ihre mutter das mit den brüdern nicht bemerkt haben soll! – Schock!! Meine traurige antwort: Ich habe ihnen schon einmal gesagt, dass ich das vermute (…) – 

Es fällt mir wieder so schwer, weiter an diesem Kapitel zu arbeiten. Ich zögere das Schreiben, mich an den PC zu setzen immer wieder hinaus. Eigentlich schreibe ich doch so gerne! Aber jetzt ist davon gar nichts da. Ich gebe aber nicht auf! Nein! Ich muss mir einfach Zeit lassen.

 

Meine Mutter war nicht für mich da

Wo war meine Mutter? Sie schien mir in der Erinnerung wie abwesend. Ich schrieb bereits zu Anfang, dass mir meine Mutter bei den Vorarbeiten zu diesem Kapitel konturlos vorkam. Das erinnere ich jetzt, und mir fällt weiter dazu ein, dass ich meine Mutter in einer Therapiestunde einmal ‚darstellte‘. Nachdem ich die von mir mitgebrachten Utensilien ausgebreitet hatte, aber nichts Rechtes damit anzufangen wusste, ermunterte mich die K., mich meinen Händen zu überlassen, die Augen  zu schließen und mich darauf einzulassen. Ich ließ mir Zeit und zerknüllte dann viele Zeitungsseiten und überdeckte diese mit einem Bettlaken. Das sei der Rücken meiner Mutter, so wie ich es schon paarmal beschrieben hätte, nachdem sie sich wegdrehte… Dieses ‚luftige‘ Gebilde sollte also meine Mutter darstellen. Meine Mutter war irgendwie nicht zu fassen. Konturlos. Aber das trifft es auch nicht ganz.

Als ich, schon im ersten Jahr der Therapie, davon sprach, dass für die Taten der Brüder mein Vater mit verantwortlich sei, wies die K. mich darauf hin, dass ich in diesem Zusammenhang immer nur von ihm reden würde. Meine Mutter wäre doch auch nicht für mich da gewesen. Hätte das kleine Mädchen nicht beschützt, ihr nicht genug Liebe gegeben und nicht bemerkt, was mit der kleinen Ann los ist! Damals wären ja in der Hauptsache die Mütter für die Kinder verantwortlich gewesen. 

Nach dieser Stunde saß ich eines Abends…, ich zitiere aus meinem Tagebuch, …:

…im wohnzimmer und begann zu weinen, ganz arg zu weinen. Das weinen wurde immer heftiger. – Warum war damals niemand da, die mich beschützt und die mir geholfen hat. Ich habe keine mutti gehabt, die mir half. Ich habe keine mutter mehr! – Ich konnte mich nicht beruhigen, es wurde immer schlimmer. Ich bekam angst. Versuchte nach gut einer stunde, die K. zu erreichen. Sie war nicht da! Schon wieder nicht da, wenn ich sie brauche! (Ich hatte schon einmal versucht, sie telefonisch zu erreichen.) Es war entsetzlich. Dann rief ich Lisa an. Sie kam, hielt mich; Philipp und sie hielten mich… Ich, immer wieder: Warum war niemand da, hat keiner was gemerkt? – Mir war so schlecht, schwindlig im kopf. Ich bekam panik, dass ich mich nicht mehr beruhigen kann und dass ich wieder, wie damals, alleine sein könnte. Das sagte ich. Die beiden redeten liebevoll mit mir; sie seien doch da und dass doch auch die K. nicht wegginge. Ich brauchte lange, bis ich mich beruhigen konnte. Ich hätte zwischendurch am liebsten geschrien. Am nächsten tag war ich dann so froh, dass ich das durchgestanden habe, aber weiter sehr, sehr traurig.

Ich notierte weiter, dass ich mir vornahm, die Therapeutin in der folgenden Stunde zu fragen: Können sie verstehen, wie schwer und schlimm das für mich war, dass sie an dem Freitag Abend nicht da waren, wo mein Thema gerade ist, dass damals niemand für mich da war? – Natürlich verstand sie das. 

Später meinte sie, meine Mutter sei damals für mich seelisch abwesend gewesen, dass diese Rolle eher meine Schwestern erfüllt hätten, besonders Maria. In einer anderen Stunde sagte die K.: Wenn ihre Mutter damals richtig für sie da gewesen wäre, hätte sie sie beschützen können! – 

Und wieder ging es mir so, dass ich zuhause bitterlich weinte:

Dabei wahnsinnige herzprobleme, paarmal fast tachy. Philipp hielt mich, seine hand zart auf meinem rücken, streichelte meinen kopf, mein gesicht, das war so gut! Ich hab’ bestimmt hundertmal ‚mama, mama‘ gesagt, gerufen, gejammert. Mama, warum bist du nicht für mich da? Warum lässt du mich alleine? Warum guckst du nicht nach mir? Ich hatte keine Mama! Ich hätte so gerne eine Mama! Ich bin so alleine! Und weiter jammern, weinen, herzprobleme bis zu herzschmerzen, dass ich schon ängstlich wurde. – Mir zerspringt das herz!, sagte ich, und das passte wirklich. Sagte mir dann selbst: Ich hab’ dich so lieb, kleine Ann! – Und fühlte es auch so! … Und dann wieder das gefühl, ich bin rettungslos verloren.

Als mich die K. fragte, was meine Mutter denn so gemacht habe, wenn sie keine Zeit hatte, sagte ich nach einer kleinen Weile: 

Meine mutter war für meinen vater da! …. – Ich ließ mir zeit, ihre frage auf mich wirken. – Ich sehe sie gar nicht… Sehe unsere große küche, aber meine mutter ist nicht da… Das ist ja komisch! Ich sehe meine mutter gar nicht! Weiß doch, sie hat gekocht, wäsche gewaschen und so. Sehe sie aber nicht, nur mal kurz…, dann verschwindet sie wieder…. Sie ist nicht zu packen! Und sie ist im schlafzimmer mit meinem vater! Meine mutter gehört meinem vater! … Aber sonst… Ich sehe sie nicht! –

In der darauf folgenden Stunde spürte ich einen solchen Mamahunger, und den ließ ich zu.

Dauernd ‚mama, mama‘ in mir… Tränen. – Ich hab jetzt so einen hunger nach mama! – Ein so weiches, liebesvolles ‚Ehem‘ von der K. – Schon seit der letzten stunde geht es mir so! Ich habe so einen hunger nach mama! Wie im urlaub, wenn sie (also die Therapeutin) im urlaub sind! Hunger nach ihrer körperlichen anwesenheit… Das ist eine bisschen ungewöhnliche formulierung…, aber so fühle ich es. … Ich hab’ so einen hunger nach mama… Mama, mama!, sagte ich leise, aber hörbar. Und weinte.

Mit Mamahunger war hier Hunger nach der Therapeutin als Mama gemeint, Hunger nach der K.. Noch relativ am Anfang meiner Therapie hatte ich gesagt: Ich habe schon ganz lange so eine Sehnsucht in mir… Ich kann ihnen gar nicht sagen, wonach… – Später wusste ich es: Sehnsucht nach einer Mama! Sehnsucht nach einer lieben Mama, die für mich da ist! Auch Sehnsucht nach Mutterliebe… Und das fühlte sich manchmal wie Hunger an, Hunger nach der Mama…

Jetzt geht es weiter um die reale Mutter, meine Mutter von damals… und um ihr Desinteresse, aber nicht nur darum. Ich war in einer Therapiestunde an ein Gefühl  von früher erinnert worden…,

… an ein ganz altes gefühl, tief in mir drin. – Ehem!, ganz, ganz weich von meiner mama. – In mir geht’s jetzt dauernd ‚mama, mama‘, aber es ist nicht an sie (die K.) gerichtet. (…) Das ist ganz lange her, liegt ganz weit zurück… – (…) 

Und dann: Ich will das alles aus mir raushaben! – Weinte so sehr. Dann Angst, Schreck! – Hatte gerade das gefühl…, dann hätte mich meine mutter nach der geburt auch gleich an die wand klatschen können! (Puuuh!) – Weinte so sehr. Herzbeklemmungen, angst, bekam kaum luft. Sagte ihr das. Sie fragte, wie ich jetzt darauf käme, also von wegen an die wand klatschen… – Da war was so ganz tief in mir drin, was lange her ist… Vielleicht ist es nur ein bild für etwas. – Ein bild für ihre hilflosigkeit, einsamkeit oder für die ablehnung, das desinteresse? – Ja, dazu passt mein gefühl: Desinteresse! – Ich weinte… –

Auch meine Schwester Lisa konnte sich daran erinnert, dass Mutter sagte, wenn sie von uns genervt war: Ich könnte dich an die wand klatschen! – (Kleine Kätzchen, wenn es zu viele waren, wurden auf einem Bauernhof früher so ‚entsorgt‘, meinte heute R. beim Vorlesen.) 

Mutter hatte auch andere Drohungen parat.

Sagte der K., ich würde an meine mutter denken… Weinte jetzt erst recht los, bitterlich. – Die hat doch gesagt, ich soll still sein! Sie will nichts mehr hören! … Aber ich will nicht still sein! Will das nicht hinnehmen! – Weinte wieder heftig: Ich hab’ jetzt auf einmal in mir, meine mutter sagte, wenn ich nicht still bin, nicht vernünftig, dann schickt sie mich weg! Komme ich in ein heim oder so! – Zweifel, kann das sein, dass die das gesagt hat? Die lady, ganz vehement: Das haben die doch zu dieser zeit alle gesagt! Du bringst mich noch ins grab! Oder: Wenn du nicht brav bist, kommst du ins kinderheim! – 

Sie forderte mich auf, ich solle mich darauf einlassen von wegen ins heim, gucken, welche gefühle in mir auftauchten. Hände vors gesicht, fest. Ganz dunkel. Bat die lady, die lampe über mir auszumachen. – Jetzt ist es nämlich ganz dunkel! Schwarz! …. Ich bin ganz alleine! … Und ich könnte in die hose pinkeln… – Schweigen. Mehr ging nicht. Sie mit ihrer lieben mamastimme: Wollen sie lieber wieder hier sein? Sollen wir eine zäsur machen? – Ja!, weinend. Unter vielem weinen das noch von mir: Ich hab das gefühl, das bricht mir das herz! Das tut mir in der seele weh!… Es bricht mir das herz! – Ehem!, ganz weich. Solle meine füße aufstellen, boden spüren… Beruhigte mich. – Ich hab damals an den nägeln gekaut. Das fällt mir jetzt ein, weil ich den impuls hier jetzt auch hatte. … Ist doch eigentlich pervers, dass man aus dieser familie, aus so einer familie nicht weggeschickt werden will! – Ja! Ja, das ist wirklich pervers! –

Die Drohung stand ja im Zusammenhang damit, ich war nicht still, ich ließ nicht locker. Es ging während der Therapie öfter darum, habe ich meiner Mutter von den Übergriffen erzählt? Als ich noch klein war, ganz sicher nicht. Das hatte die Lady einmal betont, dass so kleine Mädchen dafür noch keine Worte haben – siehe im Kapitel ‚Reaktionen‘. Aber später, als Adolf mich traktierte, mir keine Ruhe ließ, vielleicht habe ich dann der Mutter gesagt, dass der ‚was‘ mit mir gemacht hat. Das habe ich ihr zumindest auf kindliche Art zu verstehen gegeben. Im Kapitel ‚Weitere Aspekte‘ nehme ich ausführlich zum Thema ‚Nicht darüber reden‘ Stellung, deshalb gehe ich hier nur kurz darauf ein. 

Aber es gab nicht nur Drohungen, sondern auch Aussagen wie: Stell dich nicht so an! Was du immer hast! – Und: So ist das Leben! — Und diese Aussagen erinnerte ich in der Therapie und zwar so: Die K. und ich hatten einen kleinen Disput. Ich hatte, als ich zur Therapie kam, ein zweites Mal geklingelt, weil sie nach dem ersten Klingeln nicht öffnete. Dadurch fühlte sie sich genervt und hatte beim Diskutieren darüber eine Bemerkung dieser Art gemacht – zumindest hatte ich es so verstanden: So ist das Leben! – Ich reagierte sehr verärgert. Das müsse man mir nicht sagen! Ich wisse sehr wohl, wie das Leben sei! Sie blieb gelassen und wies mich darauf hin, dass das doch jetzt kein Drama war.

– Sie meinen, die wut passt nicht dazu, gehört nicht dahin? – Ja! – Aber ich will, dass wir sie bei der situation lassen! Will nicht gucken, wohin die wut wirklich gehört… Also ich will schon, aber… – Sie schilderte noch, wie es ihr in der situation erging, dass sie sich unfrei fühlte, weil… 

Ich bekam nix mehr mit. Sie bemerkte es. Ich könne nicht mehr denken, wüsste nicht, was jetzt mit mir los ist… – Mir fällt ein, dass heute morgen, bevor ich wütend wurde (da hatte ich nämlich schon wut auf sie), in mir war, ich möchte getröstet werden… – Ehem!, ganz weich. Ich sah meinen verletzten daumen an und sagte, sicher mit eher kindlicher stimme: Ich hatte den wunsch, dass sie sagen, ich möchte mir ihren daumen jetzt mal ansehen! Dass sie nach meinem daumen gucken! – (Ich hatte mich am Morgen geschnitten.) Dann sagte meine geliebte mama so was liebes, verständnisvolles: Ich denke, dass die kleine Ann das kennt! Den zusammenhang kennt von dem satz: Stell dich nicht so an! Was du immer hast! Und dem wunsch nach trost! Dann soll die mama wenigstens nach dem daumen gucken…. und nach den halsschmerzen! (Früher hatte ich sehr oft Halsentzündungen.) Wenigstens das will die kleine Ann sagen! Wenn sie das andere schon nicht sagen darf! – Ich konnte es kaum fassen, dass sie das sagte, das spürte. Mein kopf sank noch tiefer, ich war ganz weg! Sagte leise: Ja… – 

Und die lady: Ich möchte die kleine Ann in die decke packen, richtig einpacken und halten! – Ich erzählte der lady zuvor eine beobachtung meiner freundin: Wenn ich glücklich sei, hätte ich kleine augen. Wenn es mir nicht gut gehe, große! … Die haben doch früher immer gesagt: Du mit deinen großen augen! Besonders die mutter. Und: Das hält man ja nicht aus, wie du einen anguckst! – Und ich erinnerte, meine mutter offen angesehen zu haben und dass sie ‚dazu‘ sagte: So ist das leben! So ist es nun mal! – Ich sprach mit ganz ernster stimme. Meine mama atmete hörbar aus, pustete so die luft raus. Einen moment stille, dann sagte sie: Wollen wir jetzt die kleine Ann in die decke packen? – Ja… –

Die liebevolle Art der Therapeutin zeigt mir immer wieder, auch heute noch, was ich früher dringend gebraucht hätte!

In einer der darauf folgenden Stunden kam ich auf den Ausspruch meiner Mutter, so sei nun mal das Leben, zurück:

Dass es mir in den letzten eins, zwei wochen oft so geht, dass ich mich bedrückt fühle und herzprobleme habe, das steht für mich im zusammenhang mit den sätzen meiner mutter: Stell dich nicht so an! So ist nun mal das leben! – Ich war dann wieder wie weg, weit weg. Schilderte der K., was ich erinnerte: Ich bin damals zu meiner mutter gegangen. Sie soll mich retten! Aber sie lässt diese sätze los! Lässt mich alleine! – Ich nahm ernst, was weiter in mir geschah, was ich erinnerte: Ich hab’ das gefühl ich falle…, falle, hab’ keinen boden mehr unter den füßen… Meine mutter lässt mich fallen. – Ich fühlte es wie ein körper, der fällt und fällt. – Mein gesicht hat sich jetzt verändert. Ich gucke jetzt so wie früher als kleines mädchen…  – Ehem!, kam ganz weich. Endlich kam was von ihr. Sie glaubt mir! – Seitdem ist dieser hass in mir! – Schweigen. Wollte wieder dort sein. Strampelte mit den beinen. Sie fragte nach. Angst, ich stürze wieder ab. – Ich könnte meine mutter totschlagen! Ich möchte sie treten! In den bauch und überall hin! (so ungefähr von mir) Und ich will wieder hiersein! –

(…) Die Lady sagte, wir sahen uns direkt an: Ich hab jetzt so ein bild, dass sie als kleines mädchen dann zu ihren schwestern gingen. War das so? – Konnte erst nichts fühlen, nichts sagen. Dann: Vielleicht zu maria, weil sie mich trösten sollte… – Ich wollte auf ihre frage nicht so recht eingehen, sie verstand auch gleich warum. – Ich kam auf die frage, weil kinder so reagieren! Die geben nicht gleich auf! Und es bedeutet ja auch kraft, nicht gleich aufzugeben! Und: Das heißt nicht, dass ihre mutter sie NICHT alleine ließ! – Ich hab das gefühl, ich muss das verteidigen. – Ja, das ist ja auch ok! Ihre wut ist ja wut auf ihre mutter, die ihnen ihre gefühle ausreden wollte! Aber auch auf mich! Aber ich tue das doch nicht! Ich weiß doch, dass es so war! Auch wenn sie dann zu ihren schwestern gingen, das ändert an dem verhalten ihrer mutter (und dem, was das für mich bedeutete) doch nichts! Und wegen ihrer angst, wieder so abzudriften: Früher waren sie ein hilfloses kleines mädchen. Aber das sind sie doch jetzt nicht mehr! – Ich dachte, heute ließe ich nicht mehr so mit mir umgehen! Spürte kraft, widerstand! Wut! Sie fuhr fort: Früher hatten sie sogar halt durch ihre schwestern. Und jetzt haben sie doch auch halt! – Ich gab nicht auf: Ja, aber vor jahren ging es mir doch wieder so, diese ängste! Keinen boden unter den füßen und das alles! Also ich kenne das auch als erwachsene! – Ja, das stimmt! Aber das war doch so, weil sie noch nicht wussten, was mit ihnen ist! Weil sie noch niemand hatten, der ihnen sagen konnte, was mit ihnen ist!, sie fast vehement. – Ich hab’ das gefühl, ich muss das verteidigen! Sonst gehen die gefühle wieder weg! Und ich krieg’ so eine wut, dass ich alles kaputtschlagen könnte! – Ja, das ist doch ok! –

Ich notierte nach dieser Stunde in mein Tagebuch: 

Jetzt weiß ich, woher dieses gefühl kommt, ich stürze ins nichts, trifte ab, hab’ keinen halt mehr. Weil mich meine mutter damals alleine gelassen hat! Also ist es ein gefühl von früher. Brauche  ich davor heute keine angst mehr zu haben!

 

Wut und Schuldgefühle

In diesen Stunden kam auch meine Wut auf die Mutter zum Ausdruck, die ich verschiedentlich austobte – mehr dazu im Kapitel ‚Wut‘. Als ich mich wieder einmal mit meiner Wut auf die Mutter abquälte, hatte ich gesagt:

Ich weiß gar nicht, was bei ihr passt! – (…) – Da ist nur leere und kälte. Gefrierschrank! – Dann schlug ich aber doch wütend mit dem schläger auf das kissen, das mutter darstellen sollte. Dann, weinend: Mama! Mama! … Warum? Warum, mama? … Bei ihr geht es einfach nicht… (also die Wut richtig auszutoben!) – Das ist ja auch nicht zu verstehen, warum sich ihre mutter so verhalten hat. Das heißt es doch, ihr ‚warum, mama?‘! Das kann man auch nicht verstehen. Noch nicht! Weil wir auch noch nicht wissen, ob sie nur weggeguckt hat oder ob sie sogar mitgemacht hat, das noch unterstützt hat. DESHALB ist es bei ihr so schwer! – Deshalb sei es wichtig, fuhr die K. fort, die mutter zu verstehen, dass wir uns ihren hintergrund anschauen. – Aber das heißt nicht, das gutzuheißen oder so, das wissen sie?, kam fest von von der K. – Ja! –

Ich hatte nicht nur Wut auf meine Mutter, sondern auch Schuldgefühle ihr gegenüber. Schuldgefühle gerade wegen der Wut auf sie, die sich besonders nach dem Austoben meiner Wut zeigten. Aber auch meine  Arbeit in der Therapie, dass ich mich kritisch mit ihr und ihrem Verhalten auseinander setzte, verursachte schlechtes Gewissen und Schuldgefühle. All das seien Schritte von ihr weg!, so erläuterte es die Therapeutin. 

Schuldgefühle waren wohl schon da, als ich noch ein kleines Mädchen war. Dazu ein Auszug aus einer weiteren Stunde:

(…) Angst tauchte auf, als ich der K. das sagen wollte: Es ist mir schon länger aufgefallen, wenn ich an sie (die Therapeutin) denke oder auch einfach so, auf einmal fühle ich: Mama, ich hab’ dich doch lieb! … Das ist immer wieder so da! – Die K. äußerte daraufhin die vermutung, dass ich vielleicht schuldgefühle meiner mutter gegenüber gespürt hätte, weil bei den berührungen ja auch gefühle da waren, was ganz natürlich sei. Vielleicht hätte ich mir die ablehnung der mutter auch inszeniert, um mich zu bestrafen oder um wieder zu meinem vater gehen zu können. Durch ihre ablehnung hätte ich dann eine entschuldigung dafür gehabt. Ich sagte, ich bekäme jetzt ein schlechtes gewissen deswegen… Die K.: Aber das ist doch ganz normal! Ein kind braucht liebe und zuwendung! Wenn es das von der mama nicht bekommt, sucht es woanders danach! – Meine schuldgefühle blieben; mir wäre so, als hätte ich etwas gemacht oder ‚das‘ gewollt! – Nein!, kam ganz fest von der lady. 

Mit ganz lieber stimme fuhr sie fort: Stellen sie sich doch mal die kleine Ann vor! Die geht zu ihrer mama, will von ihr beschützt werden, in den arm genommen werden, will, dass die mama merkt, dass was nicht stimmt! … Ihre mutter hätte doch aufmerksam sein müssen! … Aber die mama merkt nichts! Hilft der kleinen Ann nicht… – Sie sprach noch von schuldgefühlen meiner mutter gegenüber, weil vater sich mir zuwandte, und auch schuldgefühlen meinen geschwistern gegenüber. – Ja! Deshalb spreche ich hier nie über eifersucht auf meine geschwister, weil ich ihnen gegenüber deshalb ein schlechtes gewissen habe! – (Also schlechtes Gewissen, weil mein Vater mich aus der Masse der Geschwister wie ausgewählt hatte. Verrückt, aber so war’s!)

Zum schluss der stunde sprach ich noch die vermutung aus, dass ich damals vielleicht dachte, meine mutter erwarte, dass ich das zulasse, was mein vater gemacht hat! Weil ich doch alles für vater und mutter tun musste…

 

Ich stelle sie zur Rede – Eingeständnisse meiner Mutter

Nun komme ich auf einige Konfrontationen mit Mutter während der Therapiephase zu sprechen. (Ausführlich dazu im Kapitel ‚Reaktionen‘) Meinen ersten Anruf bei Mutter, im 4. Jahr der Therapie, habe ich in meinem Tagebuch festgehalten:

Ich fragte sie: Weißt du, was ich mit vater gesprochen habe? – Ja, aber das könne sie nicht glauben. Und gleich ging’s los. Ich hätte doch immer mit ihm geschmust, warum ich das weiterhin getan hätte? – Ich weiß, sagte ich, dass er und deine zwei ältesten söhne mir gegenüber übergriffig waren als ich klein war. Ich habe es nicht vergessen! Und ich will wissen, ob du das mitbekommen hast, weil ich denke, als mama kriegt man doch viel mit! – Nein! – Und wieder, das könne sie nicht glauben. Sie wollte näheres wissen, ich beschrieb nur vage, was vater gemacht hatte. Ich erinnerte sie an adolfs geschichte (der hatte sich, als ich noch zuhause lebte, gegenüber einem fremden Mädchen mit geöffneter Hose gezeigt!), dass sie damals sagte, wie die jungen dinger aber auch rumlaufen. Da hätte ich ihr von mir doch gar nichts zu erzählen brauchen. Ich sagte, dass vater doch auch mit Lisa ‚was‘ gemacht habe.… – Ich frage mich, wo war meine mutter damals? Du hast doch sonst immer alles mitgekriegt! – Ich war bei meiner familie!, kam hart und vorwurfsvoll, sonst hätte ich das unterbunden. – Außerdem glaube sie das mit vater nicht. – Und von wegen deiner brüder. Ich habe mit jemand kompetenten darüber gesprochen, der sagte, das käme vom engen zusammenleben. – Ich protestierte sofort energisch dagegen. Sie kam wieder damit, warum ich damals nichts gesagt hätte. – Du glaubst es mir doch auch jetzt nicht. Wie hätte ich das damals verkraften sollen? Wie soll man das aushalten, wenn einem die eigene mutter nicht glaubt? Mutter, ich weiß es! – Ich erwähnte meine schon mit circa 17 jahren aufgetretenen herzprobleme, obwohl mein herz völlig gesund sei. Die habe man nicht einfach so! Vater habe ihr versichert, er habe nichts gemacht. Ich sprach noch davon, dass die drei mir mein leben versaut hätten, das müsse ich ihr auch mal klar sagen. Sie wäre ja meine mutter.

Danach weinte ich sehr und hatte wahnsinnige kopfschmerzen und verspannungen. Philipp hatte ein tonband mitlaufen lassen. Als ich das abhörte, war ich dann doch sehr zufrieden mit mir. Ich bin stolz auf mich. Das war ich der kleinen Ann schuldig!

Brigitte meinte dazu, dass ich meinen eltern damit sagte, dass ich nicht mehr zu der angeblich tollen, heilen familie gehören wolle!

Meine Schwester Lisa hatte unsere Mutter ebenfalls mit den Taten des Vaters konfrontiert, da auch sie als kleines Mädchen von ihm sexuell traktiert worden war. Bei diesem Gespräch begründete Mutter die Übergriffe von Adolf mir gegenüber unter anderem damit, dass ich früher im Unterrock über den Flur gegangen sei. Da müsse ich mich nicht wundern! Zuvor hatte sie noch gemeint, es wäre infam, ihr zu unterstellen, sie habe von den Taten des Vaters oder der Brüder gewusst. Ich rief sofort meine Mutter an: Selbst wenn ich im Unterrock über den Flur ging, hatte der mich nicht zu begrapschen! – Ich war so ärgerlich, und das ließ ich zu. Danach tranken Lisa und ich erst einmal einen Sekt! 

Ein knappes Jahr später äußerte sich meine Mutter gegenüber Heiners Frau so: Sie wolle nicht, dass Adolf davon erfahre, was ich unserem Vater vorwerfen würde. Sie befürchte, dass Adolf dann dem Vater ‚an den Kragen ginge‘! Damals reagierte die Therapeutin, für mich völlig überraschend, mit dieser Annahme: Das ist doch ein Eingeständnis ihrer Mutter, dass sie es weiß! Sie befürchtet, der große Bruder verprügelt den Vater, um seine kleine Schwester zu rächen. – Vielleicht wünsche sie es sich sogar, dass Adolf den Vater verprügelt… Ich konnte das erst einmal nur hören, nichts dazu sagen. Ich war nach ihrer Aussage wieder wie weg; bat sie deshalb etwas später, diese doch noch einmal zu wiederholen, was sie auch tat. 

Nach rund zwei Jahren kam ich in einer Therapiestunde darauf zurück, was meine Mutter damals am Telefon gesagt hatte: 

…, dass ich mich ja noch als junge frau zu meinem vater ins bett gelegt hätte…. – Was? Das hat ihre mutter gesagt?, absolut überrascht die lady, das wusste ich ja gar nicht! – Ja! Und sie hat auch zu lisa bezüglich adolf gemeint, ich wäre immer ohne BH rumgelaufen. Lisas reaktion: Das wäre doch quatsch! Als adolf das machte, hätte ich doch noch gar keinen BH gebraucht!  (Da war ich doch noch ein kleines Mädchen!) Also hat mutter damit gesagt, ich bin ja selbst schuld.  – Ehem! – (…)

Die stunde neigte sich dem ende entgegen, ich öffnete meine augen, wollte aus der bedrückten stimmung rauskommen. Da sagte die lady: Also (…) das ist wirklich neu für mich! Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, dass ihre mutter sagte, du hast dich ja als erwachsene noch zu ihm gelegt! Wann hat sie das denn gesagt? – Vielleicht hätte ich das hier auch noch gar nicht erwähnt, ich wüsste es nicht. Jedenfalls habe meine mutter sich so geäußert, als ich sie beim zweiten telefongespräch fragte, ob sie mir das mit meinem vater glauben würde. – Da meinte sie nein und sagte das dann …. – Die lady sah mich direkt an, sagte fest: Das bedeutet doch, damit hat sie den missbrauch zugegeben! – Ja? – Ja! Wenn sie das sagt, du hast dich ja als erwachsene…, heißt das doch, du bist doch selbst schuld! Und das heißt doch, ja, da war was! Damit hat sie den missbrauch doch zugegeben! –

Die annahme der K. bewegte mich sehr… Ich schwieg. Sie fragte nach, was denn jetzt wäre. – Ob andere das auch so sehen? Also ich bin überrascht davon… Meinen sie, dass das das wirklich heißt? – Ja!, ganz fest von ihr.

Damals schwieg ich, betreten, betroffen, hatte nichts weiter dazu sagen können. Die K. überließ es mir, die Aussage meiner Mutter letztendlich selbst zu beurteilen. 

Von wegen noch zu meinem Vater ins Bett gelegt als junge Frau: Ich erinnere mich schon daran, dass ich zu meinen Eltern ins Schlafzimmer ging, wir darüber redeten, was am Tag anstand oder ähnliches, und  dass ich mich dabei auf den Bettrand zu Vater setzte, mich später auch zurücklehnte, halb sitzend, halb liegend. Es war auf keinen Fall so, dass ich mich zu meinem Vater ins Bett gelegt hätte. Das gab es nur, als ich ein kleines Mädchen war, dann nicht mehr. Und selbst wenn ich mich dazu gelegt hätte! Das erklärt oder entschuldigt doch nicht das Verhalten meines Vaters mir gegenüber als ich ein kleines Mädchen war!  Außerdem hatte ich die Taten meines Vaters doch völlig verdrängt! Unglaublich, auf was Mütter so kommen können, um sich selbst zu entlasten!

Bald darauf sprach ich in der Therapie davon, dass ich meine Mutter gerne treffen wolle. Und phantasierte, ihr zu sagen…:

(…) – … dass das, was ich von meinem vater und meinen brüdern sagte, stimmt! Das hat immer noch bestand! Und dass sie das weiß und damals mitbekommen hat. Auch wenn sie jetzt nichts mehr davon wissen will! …. Und dass es ganz, ganz hart war, mir das alles anzugucken, was war… Aber dass es sehr gut für mich ist! Absolut! – Das sagte ich alles sehr fest. Mit geballten fäusten! 

Beim Schreiben denke ich, vielleicht hatte Mutter das alles ja auch verdrängt, genauso wie ich! Wie vielleicht auch mein Vater…

In der Therapiestunde phantasierte ich dann weiter, meiner Mutter entgegen zu treten, mit ihr zu reden…

Dann, weinend: Aber warum hast du (in den letzten Jahren) nicht mal nach mir geguckt, mutti? Niemals nach mir gefragt? … Nie mal angerufen? Ich bin doch deine tochter, deine jüngste tochter! …. – Ich sagte noch mehr und dann: Ich hab’ jetzt das bild, wenn ich mich von ihr verabschiede, dann lasse ich sie ja ganz alleine mit DEM! – Ich weinte heftig. – Und sie guckt wie ein kind! …. Das darf ich doch nicht machen, sie mit dem alleine lassen! … Früher (als Jugendliche, junge Erwachsene und auch später noch) habe ich sie auch oft gegen ihn verteidigt, beschützt. Der war dann manchmal so von oben herab zu ihr. Richtig eklig! – 

Hier füge ich einen kleinen Ausschnitt aus einer anderen Therapiestunde ein, weil er zu den letzten Sätzen passt. Ich hatte davon gesprochen, dass…

… sie mir ihre probleme, ihr leid mit meinem vater noch überstülpte.  – Und das war mir einfach zu viel!, so sei mein gefühl, meine erinnerung jetzt. Die lady meinte, sie glaube nicht, dass mir das zu viel war, sondern: Dass sie dann IHR leid nicht mehr spüren konnten! Dass ihre mutter das damit wegmachte! – 

Ich komme zurück auf meinen Wunsch nach einer Begegnung mit meiner Mutter.

Einige Monate später erfuhr ich von Maria, Mutter sei im Krankenhaus. Ich nutzte die Gelegenheit, sie alleine antreffen und offen mit ihr sprechen zu können. Beim dritten Besuch im Krankenhaus schaffte ich es, was mir vorher absolut unmöglich erschien, ihr nochmals ausführlich zu sagen, dass sie mich nicht beschützt hatte, nicht für mich da war, wie furchtbar das für mich war und was mir dazu alles auf dem Herzen lag. Und sie bejahte zu meinem großen Erstaunen und meiner großen Freude jeweils meine Aussagen (ausführlich dazu im Kapitel ‚Reaktionen‘). Sie hatte sogar gegenüber Lisa gesagt, weil diese Vater nicht mehr sehen wollte, ja, das könne sie verstehen! Meine Mutter war wirklich auch für positive Überraschungen gut!

 

Ich erlebte auch Schönes mit meiner Mutter

Von wegen positive Überraschungen… Die führen mich jetzt doch zuerst zu dem Schönen, was ich auch mit ihr erlebte, und dann komme ich zu ihr ganz allgemein und zu den möglichen Gründen ihres Verhaltens.

Ich liebte meine Mutter sehr. Liebte auch ihren Humor und ihre körperliche Weichheit. Als kleines Mädchen kuschelte ich mich gerne in ihre Arme, weil die so weich und warm waren. Aber das war ihr leider oft zu viel.

Zu dem Schönen gehört ganz besonders, dass sie mir, vielleicht ab meinem vierzehnten Lebensjahr, aus ihren Büchern – sie war einem Buchclub beigetreten, um günstiger an Bücher heranzukommen – diejenigen auswählte, die ich, wie sie meinte, lesen und verstehen könne. So führte sie mich nach und nach in die Literatur ein. Ich las sogar anspruchsvolle russische Literatur, und das mit großer Begeisterung – auch wenn ich nicht immer alles verstand. Natürlich war das Lesen wiederum mit der Schwierigkeit verbunden, überhaupt Zeit dafür zu haben. Erst musste alles getan sein. Vom teuren Stromverbrauch beim abendlichen oder nächtlichen Lesen ganz zu schweigen! Denn aus diesem Grund wurde mir das Lesen des öfteren untersagt. Manchmal konnten Mutter und ich über die jeweiligen Bücher reden. Leider war das zu selten der Fall aus Mangel an Zeit; in späteren Jahren war es öfter möglich. Und das Zweite, was mir einfällt, ist das gemeinsame Hören von klassischer Musik. Ich erinnere mich an den Gefangenenchor aus Nabucco von Verdi, auch und besonders gerne an Suiten von Edvard Grieg, Musik von Jean Sibelius… Natürlich musste auch hierbei zuerst die Hausarbeit erledigt sein. Manchmal haben wir, wenn ich von meiner Arbeit kam, ich begann bereits mit vierzehn einhalb Jahren eine Ausbildung, Tee getrunken, vielleicht gestopft oder gebügelt und auch dabei Musik gehört. 

Diese gemeinsame, wenn auch geringe Zeit, in der wir zusammen Musik hörten oder über Bücher sprachen, habe ich trotz all dem Furchtbaren wie einen kleinen Schatz in mir bewahrt. Auch heute noch liebe ich es,  (nicht nur) klassische Musik zu hören und Bücher zu lesen.

An dieser Stelle will ich unbedingt noch erwähnen, dass ich in der Therapie nicht selten von gerade gelesenen Büchern berichtete, die mich bewegt und beschäftigt hatten. Das Spannende daran war, dass die Therapeutin und ich dann schauten, in welchem Zusammenhang die Bücher, beziehungsweise das mich Bewegende, zu meinen jeweiligen aktuellen Themen in der Therapie standen. Oder wir gingen der Frage nach, warum ich davon erzählte, weil uns das wiederum zu weiteren Erkenntnisse oder bestimmten Themen führte. Es kam auch vor, dass die K. das von mir gelesene Buch ebenfalls kannte. Das alles kommentierte die Lady einmal so, mit Bezug auf meine Mutter und mich und die Bücher:

Jetzt sehe ich da auch einen zusammenhang zwischen uns und den büchern! (…) Sehe das jetzt in einem ganz neuen licht. Damit haben sie es doch geschafft, hier zwischen uns beiden diese gute muttersituation herzustellen! – Sie sprach fast begeistert. – (…) Haben sie zwischen uns auch so eine verbindung geschaffen… –

Beim Schreiben lächle ich, berührt, weil ich damit an positive Erlebnisse mit meiner Mutter anknüpfen konnte.

Über das Schöne zu schreiben fällt mir viel leichter, als über das Andere… 

Schon während der Therapiezeit kamen die bereits geschilderten und andere positive Erinnerungen zum Vorschein. So erzählte ich von einem Traum mit meiner Mutter und fügte hinzu, beim Erwachen das liebe Lächeln von ihr erinnert zu haben. Es sei schön, auch eine solche Erinnerung an sie zu haben. Das quittierte die liebe Lady mit einem ganz besonderen Lächeln, wohl weil sie sich freute, dass ich das zulassen konnte.

Bei einer anderen Gelegenheit hatte ich in der Therapie erzählt, dass ich in einem Café saß als Belohnung für etwas, was ich geschafft hatte. 

Das sei einfach etwas, was mir sehr entspräche. – Im café, alleine und ganz für mich… – Tränen. Und dann erinnerung an meine mutter, dass sie mir dieses bedürfnis austrieb. Dass das aber etwas war, was wir beide liebten, also auch sie. Wie ein urbedürfnis, dass uns irgendwie verband. Und dass sie mir das austrieb, wie sie es sich selbst ausgetrieben hatte. Erinnerungen an gemeinsames musik hören, klassische musik… – Aber sobald der alte zu erscheinen drohte, war schluss damit! Stramm stehen angesagt! –

Also schöne Erinnerungen, aber auch verbunden mit dem Schrecken…

In einer weiteren Stunde hatte ich, wohl zum ersten Mal, erwähnt, dass meine Mutter nach einem Streit schnell wieder auf uns Kinder, also auch auf mich, zugehen konnte – im Gegensatz zu meinem Vater. Hätte ich mir also irgend etwas geleistet, wäre böse oder nicht folgsam gewesen, dann hätte sie zwar ärgerlich reagiert, was aber nicht lange anhielte. Dann hätte sie meist gesagt, ‚komm, jetzt ist es doch wieder gut‘ oder so ähnlich; wäre sie nicht mehr böse, manchmal sogar sehr lieb gewesen. Die K. machte mich damals darauf aufmerksam, dass bei meiner Schilderung  meine Augen richtig gestrahlt hätten.

Ein anderes Mal erzählte ich der K. von einem französischen Film, den ich gesehen hatte; ich weiß den Titel des Films leider nicht mehr. Die Mutter in diesem Film hätte ihre Kinder nicht verraten! Die habe zu ihnen gestanden. Obwohl sie ihren Mann liebte, verließ sie ihn, nachdem er ihre 15 oder 16jährige Tochter vergewaltigt hatte! Diese Reaktion habe ich leider nicht von meiner Mutter erlebt, und dennoch sagte ich während dieser Stunde, dass ich wüsste, meine Mutter hätte mich auch lieb gehabt… 

Es fiel mir sehr schwer, während der ersten harten Jahre der Therapie mir das Schöne zu bewahren; es gegenüber all der Enttäuschung und ihrem Verrat noch bestehen zu lassen gelang zeitweise gar nicht. 

Eine Freundin sagte vor kurzem zu mir, du musst auch Schönes zuhause erlebt haben, sonst wärest du nicht so, wie du bist, und sonst hättest du das alles nicht geschafft. Ähnlich hatte sich die K. schon ganz früh geäußert, aber da wollte ich das gar nicht hören, das Schöne galt mir nichts mehr! Später veränderte es sich. Und darüber bin ich heute sehr froh, auch weil mich das innerlich ruhiger sein lässt.

Mir fällt beim Schreiben auf, im Kapitel zu meinem Vater habe ich nicht extra erwähnt, dass es auch Schönes mit ihm gab…, wie sein liebes Lächeln, das er mir schenkte, als ich ein kleines Mädchen war. Dass er mir zeigte, er hat mich lieb. Aber mehr an Zuwendung oder ähnlichem war leider nicht. Da war meine Mutter wirklich anders. Auch wenn sie noch so kalt und hart sein konnte, es gab auch eine weiche und liebe … und eine kreative Seite.

 

Mögliche Gründe für das Verhalten meiner Mutter

Warum hat sich meine Mutter so verhalten? Warum hat sie mich nicht beschützt, das alles nicht verhindert? Warum stand sie nicht zu uns Töchtern? (Hier sei nochmals erwähnt, dass meine Schwester Lisa ebenfalls sexuelle Gewalt durch unseren Vater erlebte!)

Gibt es nachvollziehbare Gründe für ihr Verhalten?

Diesen Fragen versuche ich nachzugehen, wohl wissend, dass ich sie nur unvollständig beantworten kann, nur Vermutungen dazu habe, auch weil darüber leider kein Gespräch mit meiner Mutter möglich war.  

Wie furchtbar und schmerzvoll ihr Verhalten für mich war, habe ich bereits beschrieben. Was ich jedoch nicht mit absoluter Sicherheit sagen kann ist, ob sie ‚nur’ weggeschaut hat. Ob sie es nicht mitbekommen wollte, was mein Vater und die Brüder taten. Es aber ahnte. Oder ob sie es sogar gewusst hat, aber nichts dagegen unternahm. 

Ich gehe aber davon aus, sie hat es mitbekommen, sogar mehr oder weniger gewusst, dass mein Vater mich in seinem Bett traktierte. Vielleicht ist meine gefühlte Erinnerung, die ich weiter oben erwähnte, sogar zutreffend, dass sie mich und meine Schwester(n) manchmal bewusst opferte… 

Bezüglich der Taten meiner Brüder glaube ich, dass sie auch das ahnte oder sogar wusste, aber nichts dagegen unternahm.

Ich erinnere an Äußerungen meines Vaters, die ich an anderer Stelle bereits erwähnte, mit ungefähr diesem Wortlaut: Das mache gar nichts, wenn man als Kind ‚dahin‘ (Vagina) gefasst bekäme, dann sei das später nicht so neu und man würde sich als erwachsene Frau nicht ‚so anstellen‘! Vielleicht dachte meine Mutter ebenso? Dann muss frau auch nichts dagegen unternehmen…

Die Therapeutin wies mich mehrmals darauf hin, dass sie es für wichtig erachte, mir die Wurzeln der Mutter, der Eltern überhaupt anzuschauen. Mir die Mutter anzuschauen, um ihr Handeln (oder eher ihr Nichthandeln) zu verstehen. Meine Reaktion: Ich wolle mir die Eltern nicht anschauen, nicht über sie in diesem Zusammenhang reden. Es solle nur um mich gehen! Aber es gab noch andere Gründe, warum ich mir die Mutter nicht anschauen wollte. Ich befürchtete, wenn es etwas zu verstehen gäbe an ihrem Verhalten, dürften meine Verletzungen, meine Gefühle nicht mehr da sein, würden die nicht mehr gelten. Dagegen betonte die Lady genau das: Auch wenn ich wüsste, warum sich meine Mutter so verhielt, hätte ich ein Recht auf meine Gefühle. 

Im Zusammenhang damit, dass ich mir meine Mutter doch anschauen solle, sprach die K. einmal von selbst gemachten Gefühlen. Ich fragte nach, was sie damit meine. Sie erläuterte, meine Mutter sei ja nicht für mich da gewesen, was ich so interpretieren würde: Also hat sie mich nicht lieb! Es könne sich doch herausstellen, dass meine Mutter mich liebte, aber trotzdem nicht hingucken, mich dennoch nicht beschützen konnte. Auch deshalb sei es wichtig, genauer hinzuschauen.

Nachdem ich lange einen großen Bogen, wie die K. es nannte, um dieses Thema gemacht hatte, stellte ich mich später doch in gewissem Maße dieser Herausforderung. 

Ich beginne mit einigen Überlegungen zum Verhältnis der Mutter zu meinem Vater. Sie hat selbst immer wieder betont, für sie stehe er auf einem Podest. Er kam für sie an aller erster Stelle. Aber warum? Und warum nicht die Kinder, gerade weil sie unter anderem (schutz)bedürftig sind? War das damals so üblich? Das kann ich mir nicht recht vorstellen. Sicher hatten die Männer und Väter damals eine sehr starke Stellung, aber ob das der tatsächliche und alleinige Grund war?

Weiter oben erwähnte ich meine Erinnerung: Meine Mutter gehörte dem Vater! – Das sagt ja schon einiges! Aber warum bildeten die beiden so eine Einheit? Hatten vielleicht beide in ihrer Kindheit ebenfalls sexuelle Gewalt erfahren? Das zieht sich ja oft über Generationen hinweg durch die Familien. Hat sich meine Mutter deshalb nicht mit uns Töchtern solidarisiert, weil sie nicht genau hingucken konnte? Denn wenn sie selbst sexuelle Gewalt erfahren hatte, war das Thema für sie ein Tabu! Das könnte ein Grund für ihr Verhalten sein. 

Ich suche nach weiteren Gründen und komme dabei zu meiner Mutter in Bezug auf mich. Ich wurde als siebtes Kind geboren. Siebtes Kind! Das muss frau sich einmal vorstellen! Da waren schon sechs andere da. Und nach ein paar Jahren kam noch ein weiteres, das achte Kind hinzu! Wie kann eine Mutter dann noch wirklich für ein kleines Mädchen da sein? Ich bezweifele sogar, dass sie mich überhaupt haben wollte. Die K. formulierte es einmal wie ich finde zutreffend so: Ihre Mutter hat sie bei ihrer Geburt nicht begrüßt. – Und ich fügte hinzu, auch danach war sie nicht richtig für mich da. So war ja auch mein Gefühl: Ich bin ohne Mutter aufgewachsen. – Das sicher nicht nur wegen der vielen Kinder. Und an anderer Stelle sagte ich, was ich fühlte: Die haben mich einfach vergessen! Haben vergessen, dass ich da bin! –

Dass ich ihr zu viel war, ist mir ganz klar. (Sicher hatte ich deshalb so oft gegenüber der Therapeutin das Gefühl, die große Angst, ich bin ihr zu viel! Dass sie sagt, sie hält es mit mir nicht aus, ich bin zu anstrengend oder was weiß ich. Also Angst, sie beendet deshalb die Therapie, lässt mich alleine…)

Vielleicht hätte ich damals aber auch gespürt, so eine Vermutung der Therapeutin, es ging nicht nur darum, dass ich meiner Mutter zu viel war, da steckt noch etwas anderes dahinter. Dass bei Mutter auch etwas in der Kindheit war oder was auch immer. 

Ich will an dieser Stelle eine spannende Aussage aus dem Buch I.M. von Connie Palmen, das ich damals las, einfügen: Wenn man/frau von den Eltern zu früh im Stich gelassen werde, bevor man sich selbst von ihnen gelöst habe und selbst von ihnen habe weggehen können, dann bliebe man/frau das ganze Leben an sie gebunden. So ungefähr hatte es auch die K. ausgedrückt bezüglich meiner Mutter und auf Parallelen zu mir hingewiesen. Die K. erläuterte dazu, dass das ‚zu früh‘ nicht hieße, als Jugendliche oder so, sondern viel früher, nämlich bevor man selbst fühlte: ICH. Ich will mal probieren! … Mir mal selbst das Brot schmieren!, hatte sie lachend hinzugefügt. Also so früh sei das gemeint. Wenn einen Eltern schon VOR dieser Phase verlassen, alleine lassen, dann… Und das hätte ich genauso erlebt. 

Eine Mutter war zum damaligen Zeitpunkt DIE zentrale Bezugsperson für die Kinder, war mehr oder weniger alleine für diese zuständig – mehr noch als heute. Mütter waren, wie auch meine Mutter, meist nicht berufstätig, die Väter verdienten das Geld. Die Mütter trugen in hohem Maße die Verantwortung für das Aufziehen der Kinder und deren Erziehung, hatten also auch die Aufgabe zu schauen, was mit den Kindern los ist. Auch wenn meine Mutter emotional überfordert war, mir nicht die Zuwendung geben konnte, die ich gebraucht hätte, erledigte sie dennoch die täglichen Aufgaben der Kinderpflege und ähnliche Anforderungen. 

Sie war meine Mutter, und als diese habe ich sie sehr geliebt. Da ist es doch absolut verständlich, und so ja auch vorgesehen, dass ich als ihre kleine Tochter von ihr Hilfe erwartete. Dass ich zu ihr ging mit dem Wunsch, sie soll hinschauen, was da passiert, soll mir helfen, das verhindern. Wenn ich das auch nicht in Worte fassen konnte, so habe ich es ihr anderweitig zu verstehen gegeben – wenn sie es nicht sowieso schon ahnte oder gar wusste! Sie war doch die einzige, von der ich überhaupt Hilfe zu erwarten gehabt hätte.

Und so ist es auch klar, dass ich nach Gründen suche, warum sie mir ihre Hilfe verweigert hat, ihrer Verantwortung nicht nachkam.

War die Sozialisation von Frauen oder speziell die meiner Mutter so, dass sie davon ausging, eine Frau hat das zu akzeptieren oder zumindest hinzunehmen, wenn der Ehemann die gemeinsamen Kinder sexuell traktiert? 

Die K. äußerte eine ähnliche Vermutung:

Bei ihnen ging es ja sehr frauenfeindlich zu. Darunter hat ja auch ihre mutter gelitten. Sie war auch darin eingebunden! Wenn sie selbst unterdrückt und missbraucht wurde, musste sie ja weggucken! Dadurch baut man viele tabus auf. Aber trotzdem können sie wut auf sie haben! Die ist trotzdem berechtigt! Von einer mutter kann man verlangen und erwarten, dass sie ihre tochter beschützt usw. … Ich denke, dass ihre mutter in sich hatte, eine frau muss ihrem mann dienen! … Wenn diese hypothese stimmt, dann hat sie den umgang ihres vaters mit ihnen allen als normal angesehen… – So ungefähr formulierte es die therapeutin; ich war so niedergeschlagen, dass ich ihr kaum folgen konnte.

Vielleicht war es für meine Mutter auch deshalb keine Option, von meinem Vater wegzugehen. Wohin hätte sie sich auch wenden sollen mit den vielen Kindern? Damals gab es sicher für solche Fälle überhaupt keine soziale Absicherung. Meine Mutter hatte keinen Beruf gelernt. Wovon hätten wir leben sollen ohne entsprechende Hilfe durch den Staat? Ich denke, zur damaligen Zeit war die Vorstellung, als Frau mit Kindern ohne Mann zu leben nicht nur sozial und finanziell völlig undenkbar.

Mutter ging es sicher auch darum zu verhindern, dass die Familie auseinander bricht! Zu verhindern, dass sie ihren Mann verliert! Von der Scham, dass so etwas in unserer Familie geschah, gar nicht zu reden! Hatten wir auch deshalb als Kinder so wenig Kontakt nach außen?

War es in der Zeit meiner Kindheit nicht sogar so, dass die Ansicht vorherrschte, die Kinder gehören den Eltern? Die können mit den Kindern machen was sie wollen – besonders der Vater!

Auch das ist noch wichtig und zu erwähnen: Meine Mutter wurde schon mit fünfzehn Jahren zum ersten Mal schwanger, bekam ihr erstes Kind mit sechzehn einhalb Jahren! Ich sagte einmal in einer Stunde sarkastisch dazu, was mit Kindern ‚zu machen‘ habe bei uns in der Familie schon eine gewisse Tradition!

Eine Erinnerung meines Bruders Bernd ist ebenfalls von großer Wichtigkeit. Er erzählte mir vor ein paar Jahren, dass er aus dem Schlafzimmer der Eltern die Worte der Mutter vernahm, mehrmals wiederholt, sie wolle keine Kinder mehr… Und neun Monate später sei unser jüngster Bruder geboren worden. Sie wurde nicht gefragt, ob sie will oder nicht bzw. ihre Ablehnung nicht akzeptiert! Vielleicht auch schon in meinem Fall nicht…

Das alles sind für mich mögliche Gründe für das Verhalten meiner Mutter.  Ich versuche sie und ihr Verhalten zu verstehen, was für mich aber nicht gleichbedeutend ist damit, sie zu entschuldigen. Aber mit dem Versuch, sie zu verstehen, mit den erwähnten möglichen Begründungen lebt es sich besser. Ich bin mir durchaus bewusst, dass es noch mehr an Wissen und Hintergründen zur Mutter, und auch zum Vater, bedarf, um ihr jeweiliges Verhalten wenigstens einigermaßen zu verstehen oder einordnen zu können. In diesem Zusammenhang ist es mir nur wichtig, dass ich mich den erwähnten Fragen stellte, wie es mir damit erging und zu welchen Schlüssen ich gelangte.

Mit einer sehr wesentlichen Erkenntnis beende ich diesen Abschnitt. Ich beziehe mich dabei auf die von der Therapeutin gemachte Aussage, meine Mutter habe mir nicht mehr geben können, warum auch immer. Das habe aber nichts mit mir zu tun, sondern nur mit der Mutter! Es sei ganz wichtig, mir das klarzumachen. Inzwischen habe ich das völlig verstanden und angenommen. 

 

Das Kapitel (mit der) Mutter ist damit für mich abgeschlossen, aber…

VOR Beginn des Schreibens dieses Kapitels habe ich vorbehaltlos gesagt, das Thema Mutter ist im Hinblick auf ihr Verhalten bezüglich der  sexuellen Gewalterfahrungen mit den Brüdern und mit dem Vater für mich abgeschlossen, sogar gut abgeschlossen. Ich bin froh über unsere Begegnungen im Krankenhaus, unsere ‚Aussprache’. Und ich lebe ganz ruhig damit. Habe aber nichts vergessen.

MIT Beginn des Schreibens wurde ich jedoch unsicher, ob ich das  weiter aufrechthalten kann. Die Erinnerungen und der wieder fühlbare Schmerz wirbelten mein Inneres wie bereits beschrieben doch sehr auf. Und wie schwer fiel es mir zu schreiben! Ich bin noch immer überrascht und berührt davon.

Dennoch will ich nun davon berichten, wie ich das ‚Abgeschlossen sein‘ während der Therapiezeit erlebte. Einige Monate nach den Begegnungen mit meiner Mutter und unserer Aussprache sagte ich in der Therapie, das Thema Mutter sei für mich irgendwie abgeschlossen. Ich hätte nicht vergessen, was sie gemacht habe, wie sie sich früher verhielt. Aber ich könne mit ihr zu tun haben. Mit meiner Mutter hätte es etwas von annähernd versöhnt zu sein, was mit dem Vater unvorstellbar sei. Versöhnt war aber nicht gemeint im Sinne von verzeihen! Ich hatte damals hinzugefügt, wie gut es sei, dass ich diese Begegnungen mit ihr haben konnte, sie nochmals so nahe erlebte! 

In den folgenden Monaten und Jahren fühlte ich mit ihr, tat sie mir leid, wenn sie wieder in die Klinik musste, es ihr schlecht ging – trotz all der Enttäuschungen, die davon unberührt blieben. Ich besuchte sie ein paarmal im Krankenhaus. Aber es kam auch vor, dass ich sie vor lauter Wut nicht besuchen konnte. Die K. hatte dazu erklärt, es wäre doch klar, dass Wut und Hass immer wieder hochkommen könnten. Das sei ganz natürlich. Aber ich wisse doch jetzt, dass auch noch andere Gefühle für die Mutter da seien. Das bejahte ich, an das Schöne mit ihr denkend…, trotz der noch vorhandenen Wut. 

In einer anderen Therapiestunde berichtete ich von einem meiner neuerlichen Besuche im Krankenhaus:

(…) Ich schilderte ausführlich, wie sehr meine mutter abgebaut habe. Das habe mich sehr getroffen. Vater würde die gemeinsame wohnung auflösen. Dazu habe mutter gemeint, ich solle mir doch auch etwas holen, bücher, aber nicht mit den anderen streiten, einfach tauschen! Die K. sagte lächelnd, sie wundere sich, wie offen meine mutter sein könne. – Als ich mutter sah, dachte ich sogar, wenn man dich hier so sieht, könnte man dir alles verzeihen! – Ehem!, wieder ganz weich von der ma. – Aber nach dem besuch waren auch die anderen (also die negativen) gefühle für meine mutter wieder da!, stellte ich betont klar.

Durch meine sich daran anschließende Frage, wieso ich es nicht schon früher schaffte, als Mutter noch gesünder und kräftiger war, mit ihr in einen anderen Kontakt zu kommen, nahm die Stunde folgenden spannenden Verlauf:

Ich fuhr ungefähr so fort: Die hatte ja noch haare auf den zähnen; mit der ziege, so wie sie damals war, konnte das ja nicht gehen. Leider ist sie erst jetzt weicher. – Die K. ganz fest: Aber lag das nicht an ihnen? – Ich wollte das gar nicht hören! – Weil ich noch so viel wut auf mutter hatte? – Nein, sondern weil sie noch nicht soweit waren! Das lag doch eigentlich ganz alleine an ihnen! – Ich fühlte mich sehr unbehaglich, hörte aber weiter zu. – Als sie mit ihrer wut ihrer mutter begegneten, da konnte die ja nicht anderes reagieren, als absolut dicht zu machen und abzuwehren. Und dann haben SIE SICH ja geändert! Das haben SIE doch ganz ALLEINE geschafft, dass sie sich dann vor 2 jahren in der klinik begegnen konnten! … Also für mich haben ganz alleine sie das möglich gemacht. – Das hörte sich schon viel besser an. – Sie mussten doch erst soweit sein. Und erst dann konnten sie ihre mutter auch mal alleine erwischen. Das muss man ja auch bedenken. Erst in der klinik war ein gespräch alleine mit ihr möglich. Da war sie ja nicht mehr unter dem bann ihres vaters… – Diese worte taten mir so gut! – 

Ich verstehe, so die lady weiter, dass sie traurig sind. Dahinter steht ja der wunsch und die enttäuschung, dass es nicht früher möglich war! Außerdem war ihre mutter damals, als sie zu ihr in die klinik gingen, doch noch fit! So ist es doch nicht! – Ja, das stimmt eigentlich… – Da war sie im gegensatz zu jetzt doch noch so drauf wie sie sagten, haare auf den zähnen. – Ja, ich hatte mich damals ja selbst gewundert, was sie noch für eine power hat! – Also, das hätte auch ganz anders ablaufen können. Aber weil SIE sich verändert haben, ging es so gut! Das war ganz alleine ihr verdienst! – Ich bin ja auch so froh, dass wir…, dass ich das geschafft habe! – 

Die ma meinte noch, dass meine mutter diese offenheit anscheinend nur haben konnte, weil sie alleine, also vater nicht dabei war. Die K. weiter, sie fände es total erstaunlich und toll, dass mutter sich so darauf einließ. – Das hat mich doch damals selbst so berührt! Als sie das hier erzählten, musste ich ja mit ihnen weinen, weil es auch mich so berührte. – Ich sah sie an, berührt. Hätte das damals gar nicht bemerkt, weil ich doch so sehr bei mir gewesen sei.

(…) Wieder erinnerungen an meine mutter früher… Einerseits spürte ich dabei liebe für sie. Sie konnte mich so lieb anschauen… Zum anderen erinnerte ich, wie kalt sie sein konnte, herrisch, schrecklich; dieser kalte, harte blick! Ich hätte doch schon einmal erwähnt, dass ich als kleines mädchen nicht verstand, wie das so wechseln konnte…

Die lady sprach noch davon, dass mutter ihr fähnchen nach dem wind hing, sich gut anpassen konnte. Bezogen auf den besuch von mir in der klinik, bei dem ich sie mit ihrem verhalten konfrontiert hatte, meinte die K., dass mutter da offen war, ihre gefühle zuließ, sich auf mich einließ. Ich würde mich fragen, ob das ehrlich war. Die lady ganz fest: Ja! Ehrlich und authentisch! Das waren keine lügen! – Die hätte ich doch sicher meiner mutter angemerkt; davon sei sie überzeugt. – Ja, an ihren augen kann man das gut ablesen, ob sie ehrlich ist, bestätigte ich. – (…)

Von wegen fähnchen nach dem wind hängen, dahinter stehe ja angst, sehr große angst und unsicherheit. Warum auch immer, aber so wäre es. Die K. fuhr fort: Aber was ich toll finde, dass ihre mutter sich dennoch einen rest an zugang zu sich selbst, zu ihren gefühlen bewahrt hat. Das finde ich wirklich erstaunlich und toll! Dass sie nichts wegen ihres vaters zurücknimmt oder so, sondern sich auf diese schöne situation mit ihnen einlassen kann, genau wie sie. – Ach, wie sehr freute mich über die worte der K. (…) Die noch meinte, meine mutter sei doch, wie ich, eine genießerin! – Ja!. – Ich lächelte vor mich hin. Ganz froh und glücklich. Liebe für meine mutter in mir… und für die ma. Dankbar für ihre worte! 

Bald darauf träumte ich, als wäre die Türe zu meiner Mutter geschlossen. Dazu meinte die K., vielleicht wolle ich gar nicht mehr zu ihr gehen… Darüber reflektierte ich einige Zeit später:

Ich hätte mich gefragt, warum ich nicht öfter zu meiner mutter fahre. Verschiedenes dazu in mir. Vielleicht um nicht zu spüren, dass ich sie noch lieb habe… Dann erinnerungen an früher: Ob ich mich nicht schämen würde, jetzt noch, wo ich schon so groß sei (aber noch ein Kind, füge ich hinzu!), etwas liebes, so wie schmusen oder so von ihnen zu wollen? Das passe doch nicht mehr! Schon gar nicht, bei meinem vater noch auf den schoss zu wollen. Ich solle mich schämen! … Ich weinte… Also am besten die beiden gar nicht sehen, damit ich nicht spüre, dass ich noch liebe in mir habe, sogar für meinen vater! Vor jahren hätte ich mich dafür noch sehr verurteilt, aber jetzt sähe ich das ja schon anders, also so, dass es ein kind trotzdem immer wieder versucht und immer noch hofft, doch was liebes zu bekommen. Aber ich hätte auch tierische wut auf die! Die lady dazu: Ich denke, sie fahren nicht öfter zu ihrer mutter, weil sie angst haben, sie spüren NUR die liebe, und die wut ist weg! Dass sie also ihre wut nicht mehr spüren. Und das würden sie als verrat empfinden! – Ja, die wut soll nicht weggehen! – Die ma lachte auf ihre schöne art, nein, die solle auch nicht weggehen! Es ginge doch darum, dass BEIDE gefühle da sind und das auch zusammenpasse! – Vielleicht haben sie angst davor, dass sie spüren könnten, beide gefühle sind da? Aber besonders die lieben gefühle… Trotz all der berechtigten wut, und die ist ja berechtigt, dass auch die lieben gefühle da sind! – (…)

Vielleicht hätte ich auch angst, vermutete die K. später noch, dass ich beide gefühle zulassen könnte, weil das nicht meinem bild von mir entspräche. Ich meinte, es sei auch anderes dazu in mir: Es ist gut für mich, tut mir gut, beide gefühle zuzulassen. Macht mich innerlich ganz ruhig. – Das hätte ich zumindest schon mal im kopf. Das wäre ja ein langer prozess gewesen bis dahin, meinte sie. Und das jetzt auf die eltern zu übertragen, darum ginge es, das wäre schwierig. In unserer familie habe es ja bisher nur entweder kontakt oder null kontakt gegeben… (…)

Als es um einen weiteren Besuch im Altenheim ging, mein Vater war inzwischen ebenfalls dort, hatte ich darüber nachgedacht, wie es gut gehen könnte, den beiden zu begegnen; dabei auch meine Bedenken geäußert. Aber dann spürte ich Leichtigkeit in mir, lächelte, sagte, vielleicht sei es gar nicht so schwer, weil ich doch mit all meinen Gefühle dort sein könne. Ich phantasierte: 

… ich ginge zu ihnen und hätte wie ein netz voller päckchen dabei: In dem einen ist die trauer, im anderen die wut…, in einem sind die schönen dinge, die ich mit ihnen erlebte, die lieben gefühle… Also dass ich alles dabei habe mit dem gefühl, ich trage alle päckchen, habe alle gefühle präsent, und es ist ok! Leicht! – (…)

Die K.: Das ist doch ein schönes bild! – Aber das verschwand auch gleich wieder…

So ambivalent und wackelig war es und ist es manchmal noch heute. Aber vielleicht passt der Ausdruck ‚ambivalent‘ gar nicht. Sind doch das Schöne und das Schlimme, der Verrat, der Schmerz und alles Andere, weiter vorhanden, kann ich das doch alles nebeneinander stehen lassen.

Und dazu möchte ich von einer aktuellen Begebenheit zum Abschluss dieses Kapitels erzählen:

Vor ein paar Tagen fuhr ich am Friedhof, auf dem die Eltern begraben liegen, vorbei und ging, einem spontanen Impuls folgend, zu diesem Grab. Muss mal dahin!, so mein Gefühl. Ich stand nur kurz dort, dachte an meine Mutter…, drehte mich gleich wieder um und wollte gehen. Es schien mir nicht zu passen, dort zu sein. Während ich mich wegdrehte, noch an meine Mutter denkend, fühlte ich: Ich hab’ die immer noch lieb! … Das gibt’s doch nicht! … Ich hab’ die ja immer noch so lieb! – Völlig überrascht wandte ich mich wieder dem Grab zu und wieder: Ich hab’ die einfach lieb! Trotz all dem Schlimmen… Ich hab’ die einfach noch so lieb… – Ich ging zurück zu meinem Auto, sehr berührt von den lieben Gefühlen. Und diese blieben noch einige Tage ganz nahe, waren wie etwas ganz Weiches weiterhin sehr spürbar. Es fühlte sich sehr schön an.

Und nun kann ich sagen, ich habe meine Mutter noch immer sehr lieb – auch wenn mir ihr Verhalten und ihre Verantwortung so viel deutlicher geworden sind und der Schmerz darüber noch da ist.