Bevor ich im einzelnen auf sie zu sprechen komme, will ich ein paar allgemeinere Ausführungen voranstellen.

Bereits beim Erstgespräch hatte ich meiner späteren Therapeutin gegenüber erwähnt, dass ich von meinen beiden ältesten Brüdern als kleines Mädchen sexuelle Gewalt erlebte. Schon bald nach Beginn der Therapie kamen wir darauf zurück. Die Therapeutin sagte dazu unter anderem, durch die Therapie würde ich die Brüder nicht mehr schützen, weil ich darüber rede, damit quasi an die Öffentlichkeit gehe. Zur Unterstützung für diesen Schritt würde ich sie, die Therapeutin, brauchen. Ja, Unterstützung brauchte ich! Sehr sogar, wie sich später herausstellte. 

Ich hatte sie darauf angesprochen, ob sie es für normal ansieht oder als jugendliche Neugier, was meine Brüder mit mir gemacht haben. – Ändert das was in ihrem Empfinden, wenn ich so oder anders denken würde?, fragte sie und fügte hinzu: Was denken sie denn? – Ich verstehe es nicht, empfinde es als eine Frechheit und fühle mich verletzt! – Manchmal würde ich mich allerdings auch fragen, war es wirklich Gewalt? Oder mir sagen, es war doch nicht so schlimm! Nach so langer Zeit könne ich das doch jetzt nicht mehr hervorkramen; ich müsse halt damit leben. Sie betonte, das wäre sicher der Teil in mir, der immer noch im Ohr habe, man müsse sich zusammenreißen. Ich erkannte aber auch: Dass es für mich schlimm war und ist, dass es mir schlecht geht und dass ich Therapie machen muss, zeigt doch, dass ich nicht einfach zur Tagesordnung zurückgehen kann! – 

Ob ich denn bei Anderen das Gefühl hätte, die könnten mich nicht verstehen? – Ja! Aber noch schlimmer ist, ich kann das Geschehene selbst nicht fassen! … Ich kann’s einfach nicht fassen! – Dabei musste ich bitterlich weinen. Als ich sagte, ich fasse es nicht, meinte ich nicht nur das, was ich damals erlebte, sondern auch die Beschädigungen, Auswirkungen, alles, was danach kam. – Ich werde das nie vergessen und denen nicht verzeihen! Nie! – Mit großer Traurigkeit dachte ich aber auch daran, dass ich mich damals nicht beschützen konnte. 

Zu Anfang haderte ich eine ganze Weile damit, Therapie zu machen. Ich sprach davon, Therapie machen zu müssen. Ich empfand die Therapie sogar als Strafe. Es ärgerte mich ungemein, dass ich die machen muss, meine Brüder aber nichts machen müssen. – Erst tun die mir das an, keiner hilft mir, und jetzt muss ich deswegen Therapie machen! – Zwischendrin jedoch konnte ich mich gut auf mich konzentrieren. Es geht doch um mich!, erkannte ich und versuchte, mir selbst zu helfen; dann war das Gefühl stärker, die kleine Ann liebhalten und trösten zu müssen und zu wollen. 

Aber das Hadern war noch nicht beendet. Ich müsse mit den Tatsachen und den Taten der Brüder leben, könne weinen, toben, in die Therapie gehen oder auch nicht, ich würde das Thema nicht mehr los werden! Aber die könnten weiter ihr Leben leben!, stöhnte und schimpfte ich in der Therapie. Es sei zum Verzweifeln! Ich solle doch bedenken, dass ich das für mich tun würde, hielt die K. dem entgegen. Das wüsste ich doch, dennoch sei es zum Heulen und Kotzen und Verzweifeln. 

Die Therapeutin vermutete, es fiele mir so schwer, mich mit dem Erlebten auseinander zu setzen, weil ich als Opfer jetzt aktiv werden müsse. Sie gab zu bedenken, wenn ich bei dieser Haltung bliebe, eigentlich keine Therapie machen zu wollen, wenn ich mich nicht auf diese und somit auf meine Gefühle einließe, bliebe doch alles wie bisher. Meine jetzige Haltung und Einstellung würde den Fortgang der Therapie behindern. Das sah ich ein, aber ich konnte mir das Gefühl ja nicht einfach verbieten und dann ist es weg. Ich konnte mir nur immer wieder klarmachen, die Therapie ist eine Chance für mich, mir zu helfen, alles aufzuarbeiten, um besser klarzukommen und freier leben zu können. Dies wurde mir noch klarer, nachdem die K. mich gefragt hatte, was ich beispielsweise einer 60-jährigen Frau sagen würde, die sich entschließt, eine Therapie zu machen, um sich mit ihren schlimmen Kindheitserlebnissen auseinander zu setzen. Lächelnd, weil ahnend, worauf sie hinaus will, hatte ich geantwortet, das fände ich gut, wenn sie das nochmal anpackt. Zu dieser Frau konnte ich das ganz frei sagen. So empfand ich es auch. Aber es ging ja nicht um mich. Für mich oder bei mir legte ich andere Massstäbe an. Auf weitere Bemerkungen der K. hin, dass die Frau die Therapie begann, um wenigstens in ihren letzten Jahren besser leben zu können und ähnliche Aspekte, hatte ich doch tatsächlich gesagt: Ich finde es toll, dass sie das noch anfängt! Toll und mutig! – Daraufhin konnte ich auch von mir sagen, ich fände es schon irgendwie gut, dass ich das angehen würde, um dann hinzuzufügen, mit fester Stimme, dass ich es toll finde, es endlich geschafft zu haben, mich diesem Thema zu stellen. Toll und mutig!

Nun klärte sich, warum ich die Therapie zuvor sogar als Strafe angesehen hatte. Die Therapeutin dazu: Wenn sie die Therapie als Strafe ansehen und denken, ihre Brüder sind Schuld, dass sie hier sitzen, dann sind sie selbst nicht verantwortlich für die Therapie… Fällt es ihnen damit leichter, die Therapie zu machen, dies nach außen zu vertreten? – Genau so war es! Ich konnte nämlich nicht gut dazu stehen, ich will eine Therapie machen, ich will wissen, was mit mir los ist! Ich will, dass es mir besser und sogar gut geht! Nun hatte ich mich zwar dafür entschieden, doch das Problem, dazu zu stehen, blieb mir noch länger erhalten, auch in Form von diesen Gedanken: Wie lange willst du eigentlich noch Therapie machen? Wie lange willst du dich noch in den Mittelpunkt stellen? Dazu nochmal die K.: Von wegen in den Mittelpunkt stellen, das wäre ja allerhand, dass ich das dächte. Jetzt hätte ich das rund 30 Jahre nur versteckt mal hochkommen lassen, so viele Jahre gelitten und jetzt, wo ich endlich aktiv daran ginge, es aufzuarbeiten, wären 3 Jahre oder wie viel auch immer schon zu viel! Recht hatte sie!

Bevor ich von einer der Situationen mit den Brüdern berichten konnte, beschäftigte mich sehr die Frage, wie alt ich damals eigentlich war und wie alt meine Brüder; eine Frage, mit der ich mich eine Zeit lang sehr abquälte. Die konnte ich zu Anfang nämlich nicht recht beantworten, weil ich mich nicht genau erinnerte. Auch bezüglich der Häufigkeit der Attacken erinnerte ich erstmal nur diffus, dass die wohl über Jahre hinweg stattfanden. 

Ich glaube, das Thema Alter tauchte so bald auf, weil sich für mich damit die Frage nach der Verantwortung für die Taten stellte. Bin ich schuld an dem, was passierte, was die gemacht haben? Hätte ich das verhindern müssen, weil alt genug…?

Dabei gingen mir solche und ähnliche Gedanken durch den Kopf: Wenn ich schon 10 Jahre alt war, dann hätte ich mich doch wehren müssen! Dabei hatte ich jedoch ein Mädchen im Alter von 14 und mehr Jahren im Kopf; das fiel mir aber erst später auf. Andererseits, wenn ich erst 6 Jahre alt war, so eine weitere Überlegung, dann war Bernd gerade mal 12, also doch noch ein Kind! Mal davon abgesehen, ob ein Junge in diesem Alter schon ‚sowas‘ macht, ist es doch interessant, dass ich ihm den Kindstatus zuerkannte, mir umgekehrt aber nicht! Er hätte keine oder nur geringe Verantwortung gehabt, ich aber mit zehn Jahren auf jeden Fall, denn ich hätte mich wehren müssen. (Dass und wie ich mich gewehrt hatte, darauf konnte ich erst im weiteren Fortgang der Therapie eingehen.)

Hier offenbarte sich also ein Gefühl, das immer noch in mir vorherrschte, ein Gefühl aus all den vergangenen Jahren: Ich bin Schuld! Auch dies wollte ich überprüfen. Auf das Thema Schuld und Schuldgefühle gehe ich an anderer Stelle ausführlicher ein. Hier will ich dazu nur eine Aussage der Therapeutin erwähnen: Die Übernahme der Schuld könne auch Schutz gewesen sein, denn sie befreie das Mädchen von der furchtbaren und kaum auszuhaltenden Hilflosigkeit, weil es dann selbst handelt bzw. sich als Handelnde phantasieren kann und sich nicht mehr nur ausgeliefert fühlen muss.

Ich konnte die Frage nach dem Alter nicht beantworten, mich vorläufig nicht erinnern, wie alt ich war, weil ich die Antwort mit der Frage nach der Schuld und der Verantwortung für das Geschehene verband. Sicher hat auch die jahrelange Verdrängung mit dazu geführt, dass das exaktere Erinnern Zeit brauchte. Unbewusst könnte auch bei dem Voranstellen der Frage nach dem Alter mit hinein gespielt haben, auszutesten, welche Haltung die Therapeutin dazu einnimmt von wegen waren die verantwortlich oder ich? Denn ihre Aussagen dazu und zu den Brüdern überhaupt lieferten oft die Ursache für Misstrauen ihr gegenüber und Streit und Stress mit ihr. 

So sprach sie mal von eventuellen Doktorspielen und die wären noch Kinder bzw. Jugendliche gewesen. Da ging bei mir die Sicherung durch, so formulierte ich es nach der Therapiestunde. Ich hatte sie daraufhin sofort unterbrochen und dagegen protestiert. Sie meinte, wenn ich 6 Jahre alt gewesen wäre, dann wäre Bernd 12, also noch ein Kind, und Adolf 16, also in der Pubertät. Das käme bei mir so an, als wolle sie die entschuldigen, polterte ich zurück. Das Thema hätten wir nun schon öfter gehabt, aber könnten dem auch nicht aus dem Wege gehen, betonte sie. Bei mir käme das als Entschuldigung und Verniedlichung des Erlebten an. Nein, so sei das von ihr nicht gemeint, sie wolle die beiden auf keinen Fall entschuldigen. Ich verteidigte weiter meine Reaktion, die ihre Gründe haben müsse, auch wenn ich sie nicht kennen würde. In dieser Stunde fühlte ich mich zwischendurch dem Thema hilflos ausgeliefert. Wie ein schutzloses, kleines Kind. Das hatte ich der Therapeutin gegenüber auch geäußert. 

Sie hatte mich gefragt, ob meine Brüder und ich nicht mal geschmust hätten. Daran könne ich mich überhaupt nicht erinnern. Gerade kleinere Schwestern würden doch gerne mit ihren größeren Brüdern spielen und schmusen. Das sei ganz natürlich. Vielleicht hätten die beiden Brüder das dann ausgenutzt. Bei einem Gespräch mit meiner Schwester Lisa erinnerten wir uns beide, dass wir nie mit denen schmusten oder uns auch nur mal umarmten. Wir hatten auch nicht mit denen zusammen gespielt, mit den ältesten Brüdern gar nicht spielen dürfen, das unterbanden die Eltern gleich. Heute frage ich mich, warum durfte das nicht sein? Ahnten sie oder wussten sie, was passieren würde oder  bereits geschah?

Als ich in einer anderen Stunde sagte, ich hätte Zuneigung gewollt und dann DAS bekommen, meinte die K, Bernd hätte auch Wärme und Zuneigung gewollt und bekommen. – Was? Ich hab doch gar nichts gemacht! – Er habe doch meine Haut gespürt, das wäre für ihn Wärme und Zärtlichkeit gewesen. Ich reagierte sehr empört und ärgerlich: Der wollte doch keine Zärtlichkeit! Der wollte ausprobieren, ob er sich das holen kann, ob er das kriegt, was er will! Das war Ausprobieren von Macht! – Sie gab mir zu bedenken, in meiner Familie, die so körper- und sexualfeindlich gewesen wäre, hätte jede Berührung etwas Sexuelles gehabt. Bernd habe sicher auch unter der wenigen Liebe und der Körperfeindlichkeit gelitten. Ich hätte das aber doch auch nicht getan, auch wenn ich diesen Mangel erlebte! Und meine Schwestern bestimmt ebenfalls nicht! Sie brachte das in Zusammenhang mit unserer Erziehung; wir seien doch in ganz typischen Geschlechterrollen erzogen worden und aufgewachsen. Genau das war das Problem, denke ich heute. Damals vermisste ich sehr das Verständnis der Therapeutin, hätte mir mehr Anteilnahme gewünscht. Jedenfalls kamen einige ihrer Aussagen und Reaktionen bei mir nicht so an, wie ich es mir wünschte.

Sie sprach circa ein Jahr später davon, auch Bernd, die Brüder insgesamt, seien Opfer der patriarchalen Erziehung gewesen. Da war es immer noch schwer, dies nicht als Entschuldigung anzusehen. Zu dem früheren Zeitpunkt führten ihre Erklärungsversuche, so will ich sie mal nennen, bei mir zu großem Ärger und Misstrauen ihr gegenüber. Und das war sehr schlimm für mich, manchmal geradezu unerträglich. Ich brauchte doch ihre Unterstützung und besonders auch das Vertrauen zu ihr und kein Misstrauen!

Aber zum Glück gab es auch ganz andere Bemerkungen und andere Verhaltensweisen der Therapeutin, die mir besonders das Vertrauen in sie nach und nach ermöglichten. Die folgenden und ähnliche Aussagen halfen mir sehr. Eigentlich wäre es doch egal, wie alt ich und die gewesen seien. Wichtig wäre doch, dass ich das nicht gewollt hätte, das käme klar bei ihr an, und dass es für mich schlimm war und ist. – Ja, egal wie alt die waren, für mich war es furchtbar und hatte schlimme Folgen! – Und das ist für sie erst einmal das Entscheidende!, stimmte sie mir zu. Ich betonte nochmals: Für mich war und ist es furchtbar, egal wie alt und wie schuldfähig die waren und egal, was andere darüber denken! – Sie hatte noch betont, bei mir kämen erklärende Aussagen so an: Wenn es für die Erklärungen oder Entschuldigungen gibt, haben meine Gefühle, meine Verletzungen keine Geltung mehr. – Ja, deshalb werde ich dann wütend! – Das sei doch gut, dass ich dann wütend werden und um die Geltung meiner Gefühle kämpfen würde. (Wenn es früher um die Brüder ging, galten wir doch auch nichts! Es drehte sich doch alles um die!, das erinnerten Lisa und ich später beim Gespräch über diese Stunde.)

Anlässlich einer der erwähnten Auseinandersetzungen mit der Therapeutin hatte sie mich bereits gefragt, ob ich Angst hätte, meine Gefühle würden nicht mehr beachtet, also was die Gewalt bei mir an Gefühlen ausgelöst und Schäden angerichtet habe, sobald sie, die Therapeutin, oder andere über die Täter, ihr Alter oder ähnliches redeten. Das konnte ich nur bejahen. Sie ergänzte, ich würde dann den Eindruck vermitteln, als wäre ich ganz klein, wie nicht mehr vorhanden. Dann würde ich total verschwinden. Ich erinnere noch heute ganz deutlich dieses Gefühl des Verschwindens. 

Abschließend möchte ich die Frage nach meinem Alter beantworten. Die K. hatte mal die Vermutung geäußert, dass ich zwischen 8 und 10 Jahre alt war. Damit lag sie richtig. Meine Schwester Lisa erinnerte, dass ich ungefähr im Alter zwischen 8 und 11 Jahre nicht mehr so fröhlich war, sondern sehr ernst geworden wäre und sie nicht mehr richtig angucken konnte, nur so vor mich hin schaute, mit nach unten gerichtetem Blick. An diese Veränderung könne sie sich gut erinnern. Später wurde ich immer sicherer, dass meine Brüder nach dem Auszug meiner ältesten Schwester mit ihren Taten begannen. Ich war damals rund 9 Jahre alt.