… während der Zeit der Therapie

Ich schreibe an dieser Stelle über das, was mir half, all das Schwere und Schwierige und Schlimme auszuhalten, zu verkraften und auch mal wieder zu verdrängen. Ich schreibe einen gesonderten Text dazu, weil ich gut erinnere, wie wichtig bis hin zu überlebenswichtig das eine oder andere für mich war. Mir fiel, besonders während der Zeit, als ich mich immer mehr auf meine Gefühle und meine Erinnerungen einließ, und es mir besonders schlecht ging, manchmal gar nichts ein, was mir gut tun würde oder womit ich mich ablenken könnte. Da war von den im folgenden beschriebenen Möglichkeiten nicht viel bis gar nichts da! Damals kam meine Freundin B. auf die äußerst hilfreiche Idee, ich solle mir alles aufschreiben, was ich grundsätzlich gerne mache und was mir in diesen Situationen und Zeiten helfen könnte. Und das machte ich. Und es war tatsächlich so, dass ich auf diese Liste schaute, wenn ich es brauchte, wenn mir einfach nichts einfiel, womit ich mir Gutes tun oder was mich ablenken könnte. Es war eine große Auswahl; und aus der wählte ich das aus, was für den jeweiligen Moment, die jeweilige Situation, in der ich mich befand, gut passte. Das war eine geniale Idee von B.!

Manche der hier erwähnten Hilfen und hilfreichen Möglichkeiten standen mir von Anfang an ‚zur Verfügung‘, wie das Tagebuchschreiben und die Unterstützung durch meine Lieben. Anderes kam nach und nach hinzu bzw. lernte ich erst in der und durch die Therapie, z.b. den liebevollen Umgang mit mir selbst. Einiges kam während der Therapiezeit hinzu, wie mein Start in die freiberufliche Tätigkeit. Darauf gehe ich am Ende dieses Kapitels näher ein. 

Vieles davon, was ich im Folgenden beschreibe, wende ich auch heute noch an. Damit bin ich gleich bei meinem ersten Punkt, dem…

TAGEBUCH SCHREIBEN

Ich begann mit dem Tagebuchschreiben schon vor dieser Therapie,  aber nicht lange davor und auch nur mit großen zeitlichen Abständen. Mit Beginn meiner Therapie veränderte sich das. Anfangs schrieb ich nur alle paar Tage meine Gedanken auf; doch nach kurzer Zeit machte ich mir jeden Tag Notizen. 

Tagebuchschreiben bedeutet für mich, all das, was ich bin, was mich beschäftigt, was mir Sorgen, Mühe oder Freude oder was auch immer bereitet, ernst zu nehmen. Mich ernst zu nehmen. Das war und ist für mich von besonderem Wert. Aber es gab, besonders damals, noch ganz andere, wichtigere Faktoren. Ich konnte meine Nöte, meinen Kummer, meine Ängste, meine Wut, einfach alles niederschreiben, im Schreiben analysieren, im Schreiben versuchen, nach Lösungen oder Auswegen zu suchen und mir durch das Aufschreiben Entlastung verschaffen. Besonders wenn ich Angst und Panikattacken oder Herzprobleme hatte oder nachts nicht schlafen konnte, dann schrieb ich und schrieb ich und schrieb mir alles von meiner Seele, soweit mir das möglich war.

Über die einzelnen Therapiesitzungen fertigte ich jeweils nach den Stunden Kurznotizen an, die ich, meist am späten Abend, in mein Tagebuch übertrug; auch das zunehmend ausführlicher. Ich schrieb mir sogar Aussagen der Therapeutin wortwörtlich auf, soweit bzw. wie ich mich daran erinnerte. (Dass das nicht immer mit den tatsächlichen Worten von ihr übereinstimmte, war mir damals schon klar. Ich schrieb das auf, was ich hörte, erinnerte bzw. wie ich sie wahrnahm. In manchen Folgestunden stellte sich dann heraus, wie schon erwähnt, dass ich sie falsch verstanden oder mich an andere Teile ihrer Aussagen nicht erinnert hatte oder die Therapeutin sich anders erlebte, als ich sie erinnerte.) 

Das Notieren der Therapiestunden kam fast einer Erweiterung der Therapie gleich. So sehe ich das zumindest heute. Ich habe es gebraucht, alle Einzelheiten, die ich erinnerte, selbst Gesichtsausdrücke oder die Kleidung der Therapeutin oder wie es in unserem Raum aussah und vieles andere mehr, festzuhalten. Die Therapienotizen später nachzulesen, mir die Stunden damit wieder in Erinnerung zu rufen, besonders während der Therapieferien, war von immenser Bedeutung für mich. Und jetzt, beim Schreiben all der Texte, konnte ich darauf zurückgreifen! Es berührt und freut mich, dass ich alles so ernst nahm und diese Aufzeichnungen anfertigte. Damit habe ich mir selbst ein großes Geschenk gemacht!

Ich möchte noch auf einen besonderen Aspekt des Tagebuchschreibens kurz eingehen. In einer Therapiestunde sprach ich über Äußerungen meines Homöopathen bezüglich meines Körpers. Er hatte gemeint, ich hätte meinen Körper bisher nicht beachtet, damit die Schmerzen nicht wieder auftauchten, also die Schmerzen im Zusammenhang mit den Übergriffen. – Diese Aussage habe ich nicht in mein Tagebuch aufnehmen können!, erzählte ich weinend der Therapeutin, die das so kommentierte: Ja, damit sie es nicht selbst übernehmen. Als eigenes übernehmen. – 

Ich führe auch heute noch Tagebuch, im Umfang viel geringer als damals, aber es ist für mich von großer Wichtigkeit und macht mir weiterhin viel Freude. Im Schreiben denken und erkennen, aber nicht nur das, auch bewahren! Ja, auch darum ging und geht es mir.

MEINE LIEBEN UND TREUEN UNTERSTÜTZERINNEN

Sie kommen bereits in den übrigen Texten vor. Dennoch will ich sie gerade hier besonders erwähnen, weil sie von Anfang an mit dabei und für mich da waren. 

Ohne nach einer Rangfolge zu gehen waren dies die Therapeutin, meine Schwester Lisa, mein Mann Philipp und meine lieben FreundInnen Brigitte und Andrea und Meike und P.I. und P. und V. und auch meine FreundInnen E. und K. , die leider beide nicht mehr leben. Und nicht zu vergessen meine lieben Nichten Isabelle und Ira. Auch sie waren solidarisch und auf meiner Seite. Und es gab noch andere. Sie alle haben mich, jede auf ihre Weise, wundervoll unterstützt, mich auch mal gehalten, mich beschützt und mich bis auf kleine Ausnahmen nicht alleine gelassen. Haben all das Schwere hören und wissen wollen, mal mehr, mal weniger, auch mal gar nicht (mehr). Besonders wichtig war mir damals das miteinander Reden. Aber auch dass sie quasi Tag und Nacht für mich da waren, wenn ich sie brauchte. Sie konnte ich anrufen, wenn ich es denn vermochte, denn Hilfe holen fiel mir nicht leicht, das musste ich erlernen. Oder wir unternahmen gemeinsam Schönes; auch das war eine große Stütze. 

Heute sehe ich es so: Ohne diesen Kreis von UnterstützerInnen hätte ich es wohl nicht geschafft, mich all dem Beschriebenen zu stellen. Meine ‚Wahlfamilie‘ war für mich existentiell. Sie ist mir heute noch sehr, sehr wichtig, und ich bin ihnen allen noch immer von Herzen dankbar.

KÖRPERLICHE BETÄTIGUNG

Mir fällt keine angemessenere Bezeichnung ein. Ich hätte Sport schreiben können, aber das wäre zu hoch gegriffen. Es ging tatsächlich um körperliche Betätigung, darum, mich körperlichen auszutoben, meinem ‚Gefühlshaushalt‘ einen Ausgleich zu verschaffen. Nur einige Kilometer durch den Wald zu joggen, meist mit meiner Freundin Andrea, aber auch mal alleine, war zum Austoben sehr gut. Besonders wenn ich Wut hatte, die nicht oder noch nicht anderweitig rauslassen konnte, stampfte ich geradezu durch den Wald. Auch Radfahren, besonders bergauf, diente diesem Vorhaben. (Bei Bergen bitte nicht an den Harz oder gar an die Alpen denken!) Ich fühlte mich oft sehr bedrückt, wie in einem Korsett. Wenn ich mich dann auf die gerade beschriebenen Weisen betätigte, fühlte ich mich danach viel besser bis sehr gut, war die Bedrückung weg. Das Joggen bot sich besonders dafür an, meine Energien, meine Wut  abzureagieren. 

Später lernte ich, eher zufällig, durch eine Freundin an Felsen oder in einer Kletterhalle zu klettern.  Zuerst an einem kleinen Felsen, aber später ging es immer höher hinauf. Dabei vergaß ich alles Andere. Beim Joggen oder Radfahren war das nicht unbedingt der Fall, aber beim Klettern. Ich musste mich stark konzentrieren, damit ich Halt fand, keinen Fehler machte, auch wenn ich angeseilt war. Schon bei der Vorbereitung, dem Zusammenpacken, waren alle meine Nöte und Bedrückungen und was gerade anstand weg. 

Ein weiterer spannender Aspekt des Kletterns: Ich kletterte einen Felsen hoch und hatte Angst, was ja fast natürlich ist. Besonders Angst vor der Höhe, selbst anfangs, wo es nur ein paar Meter waren. Hierbei handelte es sich sozusagen um Angst vor etwas Realem, also vorm Abstürzen oder mir nur weh zu tun. Die Angst, die mir ansonsten während der ersten Jahre der Therapie begegnete und aus den Jahren davor vertraut war, stellte ja meist keine Angst vor etwas Realem dar; die war wie nicht zu fassen. Psychoangst. Ich kann es gar nicht recht beschreiben, warum es mir gut tat, nun mit konkreter Angst umzugehen, aber so erlebte ich es. 

Ich erwähne das Klettern besonders deshalb, weil es eine wunderbare Ablenkung war. War ich am Klettern, musste ich mich absolut konzentrieren, da war fast kein Raum für andere Gedanken. Aber auch weil es mich stärkte! Wenn ich das eine oder andere Kletterziel erreicht hatte, spürte ich meinen starken Willen! Spürte ich Kraft und Energie. Manchmal dachte ich beim Klettern, besonders wenn es schwierig war, voranzukommen: Ich will da rauf! … Und ich will raus aus diesem Familiensumpf! – Das Klettern war wie ein Symbol dafür! Besonders wenn ich es schaffte, bis nach ganz oben zu kommen und auf dem Felsen zu stehen. Dann konnte es vorkommen, dass ich meiner Freude lauthals Ausdruck verlieh!

SELBSTVERTEIDIGUNG

Auch dies war eine Idee meiner Freundin Brigitte. Ein Kreis von Frauen, die zum Teil selbst Trainerinnen waren, traf sich zum Sport und gegenseitigen und gemeinsamen Trainieren. Dazu gehörten auch Intuitionsübungen, Rollenspiele zu Themen wie abgrenzen und nein sagen können u. v. m. Wir machten Ringkämpfe oder boxten und traten, auch Stimmübungen bis hin zum lauten Schreien – gerade letzteres konnte ich anfangs überhaupt nicht. Mir war es außerordentlich peinlich, meine Stimme zu erheben, nur Töne zuzulassen oder gar zu brüllen. Da kam erst einmal nichts aus mir raus. Aber das entwickelte sich. Dabei entdeckte ich, wie bei entsprechenden Gelegenheiten in der Therapie, wie toll es sich anfühlt, mal richtig laut zu sein und Gefühle raus zu brüllen! Oder laut ‚Nein!‘ oder ‚Stopp!‘ zu sagen. Wie gut das tut besonders für mich als Frau, die genau dies nicht tun durfte, mal die Stimme zu erheben und Wut zuzulassen. Ich nutzte jede Gelegenheit, sobald ich dazu in der Lage war. (Im Kapitel WUT geht es um meine Wut und meinen Hass, aber auch um meine Rachephantasien – all das gehört auch zum Thema ‚was mir half und gut tat‘!)

Diese Trainingseinheiten waren anstrengend und aufregend und anfangs schon etwas verstörend, also von wegen brüllende Frauen u. ä. Aber ich spürte zunehmend meine Kraft und Energie. Das Abgrenzen und Nein sagen, so, dass ich eine Wirkung beim Gegenüber erzielte, fiel mir zuerst ziemlich schwer. Die Rollenspiele, die wir zum Üben einsetzten, in der ich mal in der einen Rolle war (Nein zu sagen) und mal in der anderen Rolle (das Nein zu hören und zu erleben, kommt es als Nein an), halfen sehr. Besonders beglückend fand ich, Bretter mit der Hand (Seitenkante) durch zu schlagen oder durch zu treten. Letzteres fühlte sich besonders gut an mit bloßen Füßen. Es war mir sogar möglich, drei Bretter auf einmal durch zu treten! Ich musste nur die richtigen Gedanken dazu im Kopf haben, vielleicht an meinen Vater denken… Beim Schreiben überkommt mich ein gewisses Grinsen an dieser Stelle.

Wir machten auch schöne und leichte Übungen, wie Phantasiereisen, Meditationen, also Einheiten, die nicht mit Kämpfen, sich wehren und Kraft zu tun hatten. Manche Übungen vermittelten das Gefühl, gehalten oder getragen zu werden, was für mich zu der damaligen Zeit ebenfalls wichtig war.

Einige der Trainerinnen gaben außerdem Kurse in Selbstverteidigung für Mädchen ab ungefähr 6 Jahren. Nachdem ich lange bei den Frauen mit trainiert hatte, ließ ich mich im Training für die Mädchen ausbilden und gab mit einer weiteren Trainerin ebenfalls solche Kurse. Das war ein außerordentliches Erlebnis für mich. Ohne näher darauf einzugehen möchte ich nur zwei Punkte dazu erwähnen. Ich staunte, wie klein Mädchen von 6 oder 8 Jahren sind; dachte dabei natürlich an mich früher. Zum anderen überraschte und freute mich über die Maßen, dass selbst diese Kleinen Bretter durchhauen können. Und sie selbst staunten nicht minder! Auch für sie war das ein prägendes Erlebnis.

Ich denke, es ist gut zu erkennen, dass das Thema Selbstverteidigung in den hier geschilderten verschiedenen Facetten frau sehr viel bringen kann. 

Hinzu kam ein weiterer Aspekt: Ich bezog mich immer mehr auf Frauen. Das verhalf mir mit dazu, mich selbst als Frau anzunehmen. Auch das stärkte mich.

MIR SELBST GUTES TUN und ZEIT FÜR MICH ALLEINE

oder mich mir selbst zuwenden. Eine passendere Überschrift habe ich für die folgenden Punkte bisher nicht finden können; vielleicht ergibt sie sich beim Schreiben.

Ich fasse hierunter viele kleine oder größere Aktivitäten, die mir zusätzlich halfen, die schwierigen Zeiten zu überbrücken und zu überstehen. Bis auf eine Ausnahme haben alle die Voraussetzung gemeisam, alleine zu sein, mir Zeit für mich zu nehmen und mich mir selbst liebevoll zuzuwenden. Einiges davon entdeckte ich erst im Laufe der Therapie, oft mit Hilfe der Therapeutin, anderes nahm ich nach und nach ernster, manches war schon von Beginn an da.

Ausblenden und Verdrängen ging, zumindest zeitweise, besonders gut, wenn ich an meinem KALENDER saß, den ich über Jahre hinweg jeweils für das Folgejahr SELBST GESTALTETE. Dazu verwendete ich ein linienfreies Buch in DIN A 5 oder kleiner, schwarze Tusche und Federn in verschiedener Breite sowie Bilder oder Fotografien in schwarz-weiß und ich malte selbst grafische Elemente hinein. Daran saß ich am späteren Abend, oft bis in die Nacht, malte, kreierte, schnitt Bilder aus und klebte und bastelte – und war dann vollkommen bei mir und meinem Tun, alles Andere war weg!

Ähnlich erging es mir beim SONNEN und MUSIKHÖREN. Ich legte mich gerne nackt auf meinem uneinsehbaren Balkon und genoss die Wärme und die Musik. Das konnten Callas-Arien sein, die so was Erhebendes haben, so viele Gefühle ausdrücken. Ich wählte jeweils das aus, was am ehesten meinen Gefühlen und meiner Stimmung entsprach – von Popmusik bis zu Klavierkonzerten. Natürlich blieben dabei diverse Gedanken manchmal nicht aus, oder ich weinte, weil es mir schlecht ging oder mich die Musik so berührte. Doch grundsätzlich genoss ich es, träumte vor mich hin und überließ mich meinen schönen Gefühlen, auf die ich gleich noch näher eingehe.

Ich schrieb damals in mein Tagebuch: So viel wie in der letzten Zeit habe ich wohl noch nie in meinem Leben geträumt, gefaulenzt und Zeit für mich gehabt und mir auch genommen und das genossen! – Dann war zwar immer wieder das Schlimme da, aber es ließ sich besser ertragen, weil ich durch das Schöne Kraft geschöpft hatte!

Auch TANZEN lenkte mich mal mehr, mal weniger gut ab. Ich ging auf Frauenfeten, weil ich mich dort geschützt fühlte, was zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig für mich war. Ich überließ mich der Musik und meinem Körper, genoss die Bewegungen, den Rhythmus und tobte mich manchmal auch dabei vollkommen aus. Ein weiterer willkommener und genossener Ausgleich.

Oder SPAZIERENGEHEN in der Natur bzw. überhaupt die Natur genießen – ich konnte mich manchmal nicht sattsehen an den Farben, genoss die Sonne, die Stille oder das Vogelgezwitscher und die Bewegung an der frischen Luft, selbst wenn ich dabei weinen musste. Natürlich war das Genießen der Natur nicht immer möglich. Manches Mal ging es mir so schlecht, dass ich ihr gar nichts abgewinnen konnte. Doch das Bewegen  an der frischen Luft sorgte immer für einen gewissen Ausgleich. 

Meinem wichtigstem Hobby, dem LESEN von Romanen, konnte ich leider längere Zeit überhaupt nicht nachgehen. Ich wollte oder konnte keine Geschichten von anderen Menschen an mich rankommen lassen, schon gar nicht Geschichten von anderen Betroffenen. Sachbücher waren das einzige, was mir in dieser Zeitspanne zu lesen möglich war, meist zu Frauen- bzw. feministischen Themen. Dazu gehörte ein Sachbuch, das sich mit dem Thema sexuelle Gewalt auseinander setzte, in dem erklärt wurde, warum es beispielsweise so lange dauert, bis Betroffene darüber reden können, indem aber keine Geschichten von Betroffenen wiedergegeben wurden. (‚Trotz allem‘ von Ellen Bass/Laura Davis) Dieses Buch half mir, mich selbst zu verstehen und anzunehmen. 

Aber irgendwann war es mir wieder möglich, mich der Literatur zuzuwenden – zu meiner großen Freude!

LECKERES ESSEN, ja, auch das half mir. Das ging schon mit dem ESSEN KOCHEN bzw. zubereiten los, weil ich mich darauf völlig konzentrierte und das Nachdenken und Grübeln damit unterbrach. Wenn es mir nicht gut ging, das gilt auch heute noch, dann brauche nicht viel, aber gutes Essen. Andere können vielleicht gar nichts zu sich nehmen, ich aber schon. Am besten sehr herzhaftes Essen. (Kartoffeln sind für mich erste Wahl, weil sie stärkend sind!) Es konnte auch ein bekömmliches und ausgiebiges Frühstück sein. Ich deckte mir den Tisch meist sehr sorgfältig, machte es mir gemütlich mit Kerzen und hörte Musik. 

In meinen Tagebüchern finden sich des öfteren Einträge wie: Jetzt koche ich mir erstmal was Gutes! – Oder: Ich hab mir was gekocht. Danach ging es mir besser! – Oder ich schrieb, ich wolle mich mit gutem Essen verwöhnen, wolle was Leckeres in meinem Mund(!) haben. 

Und ich erkannte, aber auch dafür brauchte ich eine Weile, wie sehr es meiner Seele gut tut, wenn ich MEINEN KÖRPER ganz besonders und bewusst PFLEGE und überhaupt VERWÖHNE. Nach sehr heftigen Therapiestunden bzw. Erinnerungen kam es vor, dass ich selbst am späteren Abend noch duschte, mir dabei viel Zeit nahm, meinen Körper anschließend mit weichen Handtüchern ausgiebig und liebevoll abtrocknete und ihn anschließend ebenso fürsorglich eincremte und mich anschließend besonders fein kleidete. Ich verwöhnte ihn, wollte damit etwas wieder gutmachen!

Die K. hatte es mal so schön formuliert. Ich hatte davon gesprochen, dass ein Körper doch was Zerbrechliches und Beschützenswertes sei. Sich darauf beziehend meinte sie: Das stimmt! Das heißt, er braucht eine gute Mutter! Eine gute Mutter von außen. Aber auch eine gute Mutter von innen! Die ihn beschützen. –

Ich entdeckte ganz allgemein, ich will und muss genau schauen, was ich jeweils brauche, was mir gut tut, und dann dafür Sorge tragen. Mich mir selbst liebevoll zuwenden, darum ging es ganz allgemein. 

Und noch etwas Anderes entdeckte ich: Ich brauche ZEIT FÜR MICH im wahrsten Sinne des Wortes! Wenn ich Zeit für mich habe, dann geht es mir gut! Zeit, in der ich ALLEINE bin, egal wie ich sie dann fülle. – (Natürlich war das nicht immer leicht zu realisieren, das sei hier erwähnt, auch wenn ich darauf nicht näher eingehe.) Vor der Therapie gab es Zeiten, in denen ich Angst davor hatte, alleine zu sein. Nun war es so, dass ich gerne alleine war, dann ging es mir am besten! Das stimmt natürlich nicht ganz und nicht für immer, aber oft war es so. Wahrscheinlich, weil ich dann genauer nach mir schauen und besser für mich sorgen konnte. Aber auch, um meine Gedanken ordnen und aufschreiben zu können! 

Ich brauchte nicht nur Zeit fürs Träumen, in der Sonne liegen oder Kalender basteln, nein, da gab es noch Anderes, Wichtiges und Besonderes, das mir diese schwere Zeit wesentlich erleichterte, und darauf komme ich nun zu sprechen. 

Hier will ich zuerst MEINE LIEBEN GEFÜHLE für die Therapeutin erwähnen, kurz nur, weil ich auf meine Gefühle für sie weiter unten (unter dem Punkt DIE THERAPIE / DIE THERAPEUTIN) näher eingehe; aber sie hier bereits anführen, weil ich dafür ausgiebig Zeit brauchte. Ja, genau dafür benötigte ich ebenfalls Zeit! Ich musste und wollte oft alleine sein, um meine lieben Gefühle für die Therapeutin zu spüren. Damit ich mich diesen quasi ausgiebig hingeben konnte. 

An dieser Stelle will ich noch erwähnen, dass ich schon nach einem halben Jahr liebe Gefühle für die Therapeutin entwickelte, sie nach und nach immer mehr liebte. Ich liebte sie u. a. wie ein Kind die Mama liebt, auch weil die Therapeutin sich oft wie eine liebevolle und fürsorgliche Mama verhielt. 

Und das Besondere daran war: Wenn ich die lieben Gefühle für sie zuließ, konnte ich mich selbst besser spüren. Ich legte mich manchmal in die Sonne, hörte Musik und dachte mit so viel Liebe an die K. Und das war wunderbar! Ich brauchte ungestörtes Alleinsein, auch um den inneren Kontakt zur Therapeutin leichter halten zu können. Dann ging es mir besser! Die innere Verbindung zu ihr half mir besonders in den sehr schwierigen Phasen, als es um meinen Vater und sein Tun ging; das war zeitweise existentiell! Dadurch fühlte ich mich gestärkt und nicht so alleine. Konnte ich die innere Verbindung zu ihr halten, fühlte ich, was ich eigentlich wusste, aber fühlen ist anders: Sie ist für mich da!

(Welch’ großen Schwierigkeiten damit verbunden waren, dass ich die Therapeutin liebte, wie schwer es mir fiel, diese Gefühle zuzulassen, deute ich hier nur an; dazu habe ich mich bereits geäußert bzw. werde es noch tun. Meine Gefühle für sie waren sehr, sehr oft Thema in den Therapiestunden; es dauerte lange, bis ich sie einigermaßen gut annehmen konnte. Das gelang zunächst durch die oft wiederholte Betonung der K., es seien doch meine Gefühle, und sie würden mir doch gut tun. Und durch mein Erkennen, ja, ich brauche sie, um das Ganze überhaupt auszuhalten und durchzustehen! Beim Schreiben dieser Texte ist mir die Bedeutung und der ‚Sinn‘ nochmals klarer geworden!)

Von wegen Liebe wie für eine Mama: Ich lernte im Laufe dieser Jahre, MIR SELBST EINE LIEBEVOLLE MAMA zu SEIN! Ich wollte oft sehr viel von der Therapeutin, dass sie sich wie eine liebe Mama um mich kümmert. Natürlich war das nur sehr eingeschränkt möglich. Ich erkannte nicht nur aus diesem Grund: Das muss ich mir selbst geben! Das ist es! Sich selbst so wertvoll empfinden, so beschützenswert und sich selbst so ernst nehmen und entsprechend liebevoll und fürsorglich mit sich umgehen. Also sich selbst (eine gute) Mama sein! – Bald danach notierte ich nochmals: Ich will mir selbst immer mehr und besser Mama sein, weil ich merke, dass mir das wahnsinnig hilft; vielleicht ist es die einzige, wirkliche Hilfe. – Darunter verstehe ich, genau nach mir zu schauen, zu schauen, was ich brauche, was ich will und nicht will und jede Idee oder jeden Wunsch, alles was auftaucht, ernst zu nehmen und zu versuchen, mein Leben entsprechend zu gestalten. Also umfassend und liebevoll für mich zu sorgen!

Daran anknüpfend komme ich zu einem weiteren wichtigen Punkt zu dem Thema ‚was mir half und gut tat‘, nämlich zu dem liebevollen und fürsorglichen UMGANG MIT DER KLEINEN ANN. Den Umgang mit der kleinen Ann musste ich allerdings erst mühevoll in der Therapie und mit starker Unterstützung der Therapeutin lernen. Aber die Mühe lohnte sich! Indem die K. oft sehr liebevoll mit mir umging, manchmal explizit die kleine Ann in mir ansprach oder mit der kleinen Ann redete, eröffnete sie mir diesen Zugang. Da geht mir beim Schreiben schon wieder mein Herz auf, und ich fühle sehr viel Liebe, für mich, für die kleine Ann, aber auch viel Dankbarkeit und liebe Gefühle für die K. Ich spüre heute noch, wie viel mir das bedeutete. 

Zur kleinen Ann und meinem Umgang mit ihr äußere ich mich besonders gerne, weil mir die Erinnerung daran noch immer sehr nahe ist. Ich las der kleinen Ann aus Kinderbüchern vor. Das waren Bücher von Janosch, ein anderes Buch hieß Rosa Riedl Schutzgespenst und ein drittes, an das ich mich noch sehr gut erinnere: Gefühle sind wie Farben. Ich las der kleinen Ann vor und redete ganz, ganz lieb mit ihr. Sagte ihr, ich wolle für sie Mama sein. Oder phantasierte, ich streichle sie liebevoll oder creme sie zart ein. Ein anderes Mal erzählte ich ihr von meiner Phantasie, dass wir über eine Wiese mit bunt blühenden Blümchen gehen, uns auf die Wiese legen und ich erzähle ihr Geschichten. Wir hörten den Vögelchen zu und dachten gemeinsam lieb an unsere Mama, die Therapeutin. Oder ich ging mir ihr in ein Café, auf dem Weg dorthin hielt ich sie an der Hand, sprach stumm mit ihr und dann tranken wir Kakao, aßen Eis oder Kuchen. 

Anfangs brachte ich das nicht mit mir als erwachsener Frau zusammen, aber das änderte sich. Und wie ich bzw. wir das dann genossen!

Dazu passte es vortrefflich, dass meine liebe Freundin Andrea eine Tochter bekam. Das war zwar zeitlich etwas später, ich hatte bereits die schlimmsten Jahre hinter mir, aber nun konnte ich mit meinem Patenkind Linda Vieles von dem unternehmen, was ich gerade von der kleinen Ann beschrieb. Von Anfang an bzw. als Linda einigermaßen groß genug war, gingen wir ins Café, sie spielte und ich las oder wir malten gemeinsam; natürlich gab es Kakao dazu! Oder wir kauften vorher im Buchladen nebenan ein Kinderbuch, und ich las ihr vor. Ich machte außerdem mit großer Freude Linda-Sitting, wenn ihre Eltern nicht da waren, brachte sie zu Bett, las ihr vor und kraulte ihr den Rücken bis sie einschlief. Eines Abends forderte sie mich auf, wir hatten das Kinderbuch Mama Muh zu Ende gelesen, ich solle mir doch weitere Geschichten dazu einfallen lassen. Das kann ich doch gar nicht!, so mein erster Gedanken. Und ob ich das konnte! Zu meiner eigenen großen Überraschung und sehr zu meiner Freude. Linda gab mir Stichworte, und ich schmückte sie zu Geschichten aus. Wir waren beide beglückt. Es war wunderbar zu erleben, wie so ein kleines Mädchen aufwächst, wie sie alles um sich herum entdeckte, welche tolle Ideen sie entwickelte, wie sie auf alles Neue reagierte und wie viel Freude ich mir selbst damit schenkte. Und wie wichtig und leicht es ist, ihre Grenzen zu wahren! 

Mir fällt noch ein, was ich im Kapitel ‚Reaktionen‘ bereits erwähnte: Vor und nach den Begegnungen mit meinem Vater war ich bei meiner Freundin Andrea und damit bei Linda. Ich spielte mit ihr – bevor ich zu meinem Vater fuhr und als ich zurückkam. 

DIE THERAPIE / DIE THERAPEUTIN

Es geht weiterhin um das, was mir gut tat und half, das Schwere und all das Schlimme während der Therapiezeit zu überstehen. Ich bündele nun ein paar Punkte, die mit der Therapie bzw. der Therapeutin direkt oder indirekt zu tun haben. Zur Therapeutin, wie ich sie erlebte, gibt es ein eigenes Kapitel. Zwischen diesen beiden Texten wird es Überschneidungen geben, die sind nicht zu umgehen, zum Teil gewollt. 

Zusätzliche Therapiestunden

Das will ich nur kurz erwähnen. Zu Anfang hatte ich einmal pro Woche Therapie. Aber nachdem ich mich mehr und mehr auf die Therapie bzw. auf meine Gefühle und Erinnerungen eingelassen hatte, es mir schlechter ging und es sehr schwer wurde, mit allem fertig zu werden, bot mir die Therapeutin von Fall zu Fall eine zusätzliche Stunde an. Zu Anfang hatte sie bereits erwähnt, dass wöchentlich auch zwei oder drei Stunden notwendig sein könnten und möglich wären. Und das war bald dringend notwendig. Wir erhöhten zuerst auf zwei, später auf drei Stunden in der Woche. Diesen Halt, diese Unterstützung, diesen Platz brauchte ich dringend für mich. Es fiel mir ziemlich schwer, dazu zu stehen, dass ich das brauchte. Mir fielen meine Eltern ein, die hätten gesagt: Was willst du denn noch alles für dich! – Dagegen anzukämpfen war schwierig, dennoch schaffte ich es.  Ich habe nie gedacht, wie ich das von anderen kenne, ach, hätte ich doch jetzt diese Stunde nicht; ich habe mich nie über den Ausfall einer Stunde gefreut, im Gegenteil! Ich brauchte jede einzelne Stunde! 

(Natürlich war das Reduzieren nach einer längeren Zeit mit drei Stunden pro Woche schwierig, aber das vollzogen wir nach und nach, wobei eine Zusatzstunde, so die Therapeutin Zeit hatte, weiterhin möglich war.)

In ‚unserem‘ Therapieraum bleiben

Ich glaube, recht bald nach Beginn der Therapie machte die Therapeutin mir zum ersten Mal das Angebot, nach dem Ende der Stunde noch in unserem Raum bleiben zu können. Sie bot mir diese Gelegenheit nach heftigen oder intensiven Stunden an. Ich traute mich bald von mir aus, sie zu bitten, noch ein bisschen bleiben zu dürfen. Beim ersten Mal sagte sie, ja, das wäre in Ordnung, sie wäre sowieso noch eine Weile in der Praxis. Bei einer anderen Gelegenheit saß sie noch nebenan in ihrem Büro; ich genoss es zu wissen, sie ist noch da; ich fühlte mich beschützt! Ich durfte sogar bleiben, selbst wenn niemand mehr in der Praxis war. Sie muss wohl Vertrauen zu mir haben, wenn sie mich ganz alleine in der Praxis sein lässt, dachte ich und freute mich sehr.

Irgendwann vereinbarten wir sogar, dass ich jede Woche dienstags nach der Stunde noch bleiben durfte, wenn ich das wollte, weil der Raum danach frei war. Dieses Angebot nahm ich natürlich sehr gerne an! Das hat mir einfach unbeschreiblich gut getan. Manchmal weinte ich dann noch lange und mehr oder weniger heftig, oder ich versuchte, eine schwere Stunde zu verdauen. Ein anderes Mal genoss ich es einfach nur, in dieser vertrauten Umgebung sein zu dürfen. Ich kuschelte mich in meine Ecke, auf die Matratzen, und ab und zu schlief ich sogar ein. Ich fühlte mich geborgen und aufgehoben. Das war für mich wie ganz viel Liebes von ihr zu bekommen. Ich erinnere noch heute freudig und dankbar, wie schön es war, sie zu fragen, ob ich noch bleiben dürfe, und dann diese Antwort zu bekommen: Aber natürlich! –

Ein anderes Mal notierte ich: … ich blieb noch, …ganz liebe Gefühle für sie, für die Therapeutin… Einer meiner schönsten und liebevollsten Augenblicke im Leben! – Oder ich hatte die Phantasie, sie sitzt noch da, und ich sehe sie ganz lange an, ausgiebig, ungeniert.… 

Ich könnte noch viel mehr dazu schreiben, aber hier soll das genügen. Vor ein paar Jahren hätte ich dies alles nicht so offen schreiben können, wäre mir das zu peinlich gewesen. Nun schreibe ich es doch, weil mir auch das so sehr half, meiner Seele so gut tat. Und weil ich es wunderbar finde, dass sie mir das gab und ich das annehmen konnte!

Liebe Gefühle für die Therapeutin, aber nicht nur die…

Weiter oben schrieb ich bereits, ich brauchte Zeit, um mich diesen lieben Gefühlen, dieser Liebe zu überlassen. Und die Zeit nahm ich mir, ausgiebig! Es konnte auch geschehen, dass ich beschäftigt war oder mit anderen zusammensaß und wir redeten, und auf einmal dachte ich an die K., fiel sie mir ein, und ich spürte liebe Gefühle für sie. Das wärmte mein Herz, meine Seele! Ich entdeckte sogar etwas ganz Neues für mich: Wenn ich mich der K. sehr nahe fühle, dann fühle ich mich auch mir sehr nahe! So bekam ich langsam Zugang zu meinen eigenen Gefühlen und eine Ahnung davon, wie es ist, ganz bei mir zu sein. Dazu kam eine weitere Entdeckung, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Ich fühlte Liebe für sie… und irgendwann spürte ich auch Liebe für mich! Welch eine wunderbare Überraschung! Liebe für mich selbst hatte ich zu vor noch nie empfunden. Das wiederholte ich daraufhin bewusst des öfteren: Ich dachte an die K., fühlte Liebe für sie, und wandte mich daraufhin innerlich mir zu … und fühlte Liebe für mich! Damals brauchte ich noch den Umweg über sie… 

Ich deutete bereits an, wie schwer es mir fiel, die Gefühle für die K. anzunehmen. Immer wieder war das Thema in den Therapiesitzungen. Oder ich traktierte mich mit den Worten: Das geht doch nicht! Das ist doch nur deine Therapeutin! – Aber die lieben Gefühlen waren da! Mit Wut auf sie tat ich mich leichter, wesentlich leichter. Obwohl das auch nicht leicht war! Und dann las ich eines Tages in einem Sachbuch von einer Analyse mit einer Patientin (‚Stumme Liebe‘, herausgegeben von Eva Maria Alves). Diesen Bericht hatte ihre Analytikerin verfasst. Ich las, welch große Bedeutung und Erleichterung es für die Klientin darstellte, dass ihre Therapeutin sich von ihr lieben ließ. Das war der Satz, den ich brauchte: Dass sie sich von ihr lieben ließ! Es ist mir noch heute so nah, welche Wirkung dieser Satz, diese Aussage für mich hatte. Wie oft sagte ich mir diesen Satz vor mich hin: Dass sie sich von ihr lieben ließ! Natürlich sprach ich darüber mit meiner Therapeutin. Sie freute sich sichtlich mit mir, weil es mir dadurch gelang, besser zu meinen Gefühlen zu stehen. 

Sie hatte mir immer wieder zu verstehen gegeben, dass die lieben Gefühle doch nicht wirklich was mit ihr, der Therapeutin, zu tun hätten. Klar habe sie eine Wirkung auf mich, wie sie für mich da sei und mit mir umgehe, aber letztendlich würde ich sie doch nicht kennen. Es sei mein Vermögen, diese Gefühle zu haben. Es dauerte ziemlich lange, bis ich das nachvollziehen konnte.

Manchmal half es mir, die lieben Gefühle für die K. auftauchender Angst und innerer Unruhe entgegen zu setzen. Wenn das gelang, wurde ich ruhiger, verschwanden diese bedrohlichen Gefühle, war ich wieder mehr bei mir. Leider funktionierte das nicht immer. Es konnte sogar passieren, dass es mir sehr, sehr schlecht ging und ich gar keinen Kontakt zu meinen lieben Gefühle oder zur Therapeutin aufnehmen konnte, auch nicht bei Gedanken an sie. Dann half mir selbst die Liebe für sie nicht, dann spürte ich nichts oder nur Arges. Aber so war es eher selten, zunehmend stellte sich das Gegenteil ein. Ich notierte mir mal, im vierten Jahr der Therapie, als es intensiv um meinen Vater und seine Taten ging: Meine lieben Gefühle für die K. … (…) halten mich am Leben! Helfen mir sehr in dieser schweren Phase! – 

Die haben mich nicht nur gerettet und am Leben gehalten. Die lieben  Gefühle und die Mamagefühle für die Therapeutin haben wie eine Wunde in mir geheilt! 

Es waren aber nicht nur die Gefühle für sie, die mich stützten und mir halfen. Manchmal schaute ich sie einfach nur an, intensiv an, von oben bis unten, ohne zu reden. Ich nahm sie in mich auf. So fühlte ich das damals. Und hatte dadurch ein Bild von ihr in mir, durch das es gelingen konnte, mich innerlich ruhiger werden zu lassen oder sie mir in ihrer Abwesenheit herbei zu phantasieren. Ich dachte dann an sie, ‚sah‘ sie vor mir bzw. erinnerte, wie sie in den Stunden dort gesessen hatte, wie sie aussah und gekleidet war oder einfach nur ihre Anwesenheit. Dann fühlte ich mich ihr nahe und mich nicht so alleine. Fühlte, sie ist (für mich) da! (Das Anschauen war allerdings zu Anfang ein schwieriges Unterfangen! Dies hier nur mal als kurze Bemerkung. In Buch 2 gehe ich darauf näher ein.)

Oder ich erinnerte ihr liebes Lächeln, ihren fürsorglichen Blick, ihre Stimme und ihre Augen, die mich lieb und eindringlich angeschaut hatten. Die waren besonders wichtig. Zu ihrer Stimme, die ich sehr gerne hörte, will ich auf jeden Fall dies noch erwähnen: Sie rief manchmal bei mir zuhause an wegen einer Terminverschiebung. War ich nicht zugegen, sprach sie auf meinen Anrufbeantworter. Zu meiner großen Freude! Ich kam dadurch in die außerordentlich beglückende Lage, ihre liebe Stimme zu konservieren, was es mir ermöglichte, diese nicht nur während ihrer Therapieferien immer wieder hören zu können. Dieser Freude widmete ich mich sehr ausgiebig, das muss ich gestehen! 

WAS NOCH HINZU KAM

Nun berichte ich davon, was später, nachdem ich mich stabilisierte, noch hinzu kam bzw. was gerade zu meiner Stabilisierung beitrug oder damit einher ging. 

Eine wesentliche Erkenntnis führe ich hier bewusst gleich zu Beginn an, die ich bereit an anderen Stellen betonte: Wenn ich meine Erinnerungen zulasse, wenn ich alles in mir Verborgene und Verdrängte rauslasse, geht es mir besser! Dann fühle ich mich erwachsener und größer. Wenn ich weiß, was war, wenn ich nicht wieder von mir weggehe und zu mir stehe, das stärkt mich! 

Diese Erkenntniss half mir außerordentlich, auch wenn sie mir zweitweise wieder abhanden kam.

Und ich traf eine wesentliche Entscheidung, nämlich kein Opfer mehr sein zu wollen! Mich nicht mehr als Opfer zu fühlen! Auf diese Idee bin ich selbst gekommen! Aus dieser Rolle wollte ich bewusst raustreten. Dies war, wie ich noch heute finde, eine ganz, ganz zentrale und sehr wirksame Entscheidung. Ich hatte die Wahl, mich weiter wie ein Opfer zu fühlen oder dem ein Ende zu setzen. Ich entschied mich für letzteres. Ja, das ist eine Entscheidung, die zu treffen absolut notwendig war. Diese ist mir durch das jahrelange Arbeiten in der Therapie aber erst möglich geworden.

Genauso wie die Tatsache, dass es mir immer besser gelang, mein Leben so zu gestalten, wie es für mich gut war. Wahrzunehmen, wie und was ich leben will und das mehr und mehr umzusetzen. Das war mir vor der Therapie nicht in ausreichendem Maße möglich. Mir war noch nicht mal in aller Deutlichkeit bewusst, dass ich dazu nicht in der Lage war! 

Auch musste ich lernen, noch mehr die Verantwortung für mich und mein Tun zu übernehmen. Das fiel mir gar nicht leicht. Dies alles zu erkennen und zu lernen war ein Prozess, manchmal ein sehr anstrengender und mühsamer, der Zeit brauchte und der diverse Veränderungen in meinem Leben mit sich brachte. Der mich aber auch stärkte und mir wiederum half, weiter an mir zu arbeiten, mich mit meiner Geschichte auseinander zu setzen, auch mit meinen Eltern, besonders mit meinem Vater.  

Eine weitere wesentliche Veränderung ergab sich dadurch, dass es mir möglich wurde, wieder ins Berufsleben zurückzukehren. Ich konnte jahrelang aufgrund meiner schlechten psychischen Verfassung nicht arbeiten bzw. nur stundenweise einen leichten Job im Verkauf begleiten. Das veränderte sich nun. Als erstes übernahm ich die Buchhaltung für einen kleineren Verein. Dies zu schaffen war ein guter Start, der erste Schritt. Auch im Hinblick darauf, was sich bald als nächstes anbot: Freiberuflich in meinem studierten Beruf tätig zu werden. Ich begann mit wenigen Stunden pro Woche, so dass ich weiter drei Stunden Therapie beibehalten konnte. Nach und nach war es mir möglich, mein Arbeitsvolumen auszubauen, weil es mir immer besser ging. Gleichzeitig reduzierte ich die wöchentlichen Therapiestunden, was wiederum eine weitere Ausweitung meines Arbeiten begünstigte.

Wenn es mir anfangs auch nur für wenige Stunden möglich war zu arbeiten, hatte das Arbeiten dennoch sehr positive Auswirkungen. Die Therapeutin hatte es so formuliert, dass sie es auch aus therapeutischer Sicht sehr begrüße und für unbedingt notwendig erachte, dass ich mich wieder beruflich engagiere, wieder mit dem Arbeiten beginne. Ohne noch näher darauf einzugehen, kann ich das nur bestätigen. Es war wahrlich nicht leicht, brachte mich zeitlich auch in Kollision mit meinen Wünschen nach Zeit für mich alleine, aber ich profitierte auch davon. Auch das war wie ein zu mir Zurückkehren, denke ich gerade. Einerseits lenkte mich das Arbeiten meist gut und erfolgreich ab, andererseits stärkte es mich nicht unwesentlich; dies auch im Hinblick auf meine Arbeit in der Therapie und an mir!

Dieses Kapitel zu schreiben, das sei noch erwähnt, machte mir mit am meisten Freude. Ich strahlte während dessen sehr oft vor mich hin…