In den Texten zu meinen Brüdern und meinem Vater kamen schon einige Reaktionen auf mein Öffentlich Machen ihrer Taten zur Sprache. Ich möchte nun etwas ausführlicher besonders auf die Reaktionen meiner Familie, der Eltern und Geschwister, aber auch auf die meiner FreundInnen eingehen. Die wahrscheinlichen oder befürchteten Reaktionen sind ein wichtiges Kapitel beim Offenlegen von sexueller Gewalt. Die Ängste und die Gefahren, die damit verbunden sind oder befürchtet werden, erschweren oder gar verhindern genau dieses. Auch deshalb will ich davon genauer berichten. 

Meine eigene Not, so will ich es mal nennen, hat mich dazu gebracht, über die traumatischen Erlebnisse zu reden. Ich denke dabei an die Angst- und Panikattacken, an die körperlichen Auswirkungen wie die bereits erwähnten Herzprobleme. Aber ganz besonders auch daran, das Erlebte nicht mehr in mir tragen zu wollen, nicht mehr auf meiner Seele lasten zu lassen. So ging es mir zumindest am Anfang der Therapie. Während der Therapie schwankte ich zwischen ‚ich will es wissen‘ und ich will genau dies nicht.  Was ich heute noch sehr gut verstehe, weil das Erinnern bis hin zum Wissen so furchtbar und nur schwer zu ertragen war. Im Verlauf der Therapie wurde mir jedoch immer klarer, wie viel besser es mir geht, wenn ich weiß, was war – und darüber rede!

Damit komme ich zu einer zu Beginn der Therapie und des Redens über die sexuelle Gewalt oft gehörten Frage: Was willst du jetzt noch damit? Das ändert doch nichts mehr! 

Und bald folgten Bemerkungen wie: Das müsse man doch mal ruhen lassen und nach vorne schauen! … Das Erlebte sei sicher schlimm, könne ich jedoch nicht ungeschehen machen! … Ich könne es mir doch gut gehen lassen, hätte einen netten Mann, keine Kinder, ausreichend Geld. Warum ich das nicht einfach genießen würde? … Es ginge mir doch immer schlechter, also warum diese Therapie? Die würde doch nichts ändern. … Ob es nicht ausreiche, mit Freundinnen darüber zu reden? … Und auch das wurde geäußert: Das hätte für mich ja auch Vorteile, wären alle lieb zu mir. Ich hatte darauf entgegnet, das würde das Schlimme und Harte aber ganz und gar nicht aufwiegen. 

Abschließend zwei weitere Beispiele aus der Reihe ‚einfühlsamer‘ oder besser gesagt abwehrender Äußerungen: Wenn du beruflich mehr ausgelastet wärest, hättest du nicht so viel Zeit zum Nachdenken. … Und eine andere Aussage lautete: Komisch, dass die ‚das alles’ mit dir gemacht haben! – Die Betonung lag auf DIR. Es tat sehr weh, das zu hören. Aufkommende Schuldgefühle stoppte ich mit meiner Antwort: Wieso? Ich weiß doch nicht, ob mein Vater ‚das‘ nicht auch mit den ältesten Schwestern gemacht hat, wenn ich an deren Reaktionen denke.  – Außerdem habe doch meine Schwester Lisa ebenfalls sexuelle Gewalt durch ihn erlebt. Daraufhin nachdenkliches Schweigen…

Die angeführten Aussagen kamen aus meinem Umfeld, von meinen FreundInnen. Ich wusste damals selbst noch nicht, ob ich mit der Therapie den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Ich konnte und wollte aber nicht mehr so weiterleben, mit all den Auswirkungen! 

Die Bemerkungen machten mich auf etwas aufmerksam, was mir vorher noch nicht klar war und worauf die Therapeutin mich hinwies: Sie achten viel zu sehr auf das, was von außen kommt! – Mit zunehmender Dauer der Therapie veränderte sich dies. Verstummten auch die Bemerkungen. 

Beim Schreiben bemerke ich, dass nochmal Entrüstung spürbar wird. Entrüstung darüber, was ich mir alles anhören musste bzw. anhörte. 

Es gab aber auch von Anfang sehr viel Positives und Unterstützendes – ohne das wäre das Aufarbeiten für mich nicht zu bewältigen gewesen. Meine FreundInnen haben mich zum Teil jahrelang sehr unterstützt, waren solidarisch, hilfsbereit, so sehr für mich da – jede auf ihre Weise. Aber es war ihnen auch mal zu viel, dann wollten sie mal nichts von diesem furchtbaren Thema hören und mitbekommen. Es fiel mir nicht immer leicht, das zu akzeptieren, aber ich fand das auch sehr verständlich. Mir war es oft selbst zu viel, viel zu viel! Eine liebe Freundin, Brigitte, brach sogar den Kontakt zu mir ab, nachdem sie mich wirklich wunderbar, liebevoll und mit so großem Verständnis unterstützt hatte. Jahrelang hilfsbereit unterstützt hatte. Sie wollte nichts mehr von diesem Thema hören, und ich wollte andererseits nicht wieder dazu schweigen. Dieser Abbruch war für uns beide sehr schmerzhaft und hart, aber Jahre später konnten wir wieder aufeinander zugehen, über all das nochmal reden und die jeweils Andere, wie damals schon, verstehen. Unsere wunderbare Freundschaft besteht auch weiterhin – zu meiner großen Freude! Aber damals traf mich das wirklich sehr, war das sehr hart für mich! Das steigerte meine sowieso vorhandene Angst, dass ich noch alle verliere, weil ich das Thema aufgegriffen hatte, weil ich darüber redete und nicht mehr schweigen wollte.

Warum habe ich nicht früher darüber geredet?

Von Seiten der Eltern und Geschwister aber kam erstmal das: Warum kommst du erst jetzt damit? Warum hast du denn früher nichts gesagt? Das hatte ich mich ja auch gefragt! Mir fällt dazu eine Situation in der Therapie ein, die ich hier zitieren werde. Ich hatte einige Monate vorher schon über den Übergriff durch Bernd gesprochen.

(…) Ich musste weinen, sagte, ich würde gerne meiner mutter sagen, was passiert ist. – [Ich hatte diesen Gedanken vorher nicht bewusst gehabt, habe das auf einmal so gesagt.] Die K. schob einen stuhl seitlich vor mich hin, setzte ein dickes kissen darauf und meinte, das wäre meine mutter, der könne ich jetzt das sagen, was ich ihr sagen wolle. Ich bekam einen riesigen schreck, wollte das gar nicht! Hielt mir die augen zu, weinte. Auf einmal stand die K. auf, stellte sich neben mich und fragte, wie alt denn die kleine Ann wäre, die das ihrer mutti sagen wolle. 10 oder 8, 6 oder 5 jahre? – 6 jahre. – Ich fühlte mich sehr klein, sagte, meine mutter solle sich hinsetzen und mir zuhören. Dann konnte ich nichts mehr sagen! Ich fand keine Worte. Mir war richtig übel, ich bekam rückenschmerzen! – Ich kann nichts sagen. –  Will die kleine Ann jemanden zur hilfe rufen? Vater, geschwister? – Nein! Meinen vater? Nein!! … Die lisa soll mir helfen. – Dabei musste ich wieder weinen. – Was soll die lisa machen? – Sie soll der mutti sagen, sie soll mal sitzen bleiben und mir zuhören. Ich müsse ihr was furchtbares erzählen. – Ich konnte aber nichts sagen. Ich fand keine formulierung, keine worte! – Soll die lisa es sagen? – Ja! – Dann: Nein! Ich will es selber sagen! – Aber es ging nicht, mir war weiter übel, weiter rückenschmerzen. 

Die K.: Jetzt muss ich der großen Ann mal was sagen: Mädchen in dem alter können dieses schlimme nicht in worten ausdrücken. Sie haben keine worte dafür. Sie können das höchstens in ihrem verhalten zeigen. Oder in bildern, die sie malen.

Ich begann zu verstehen, warum ich damals weder meiner Mutter noch jemand anderem was davon habe sagen können. Das war sehr entlastend. Aber ich habe es ganz sicher meiner Mutter auf andere Weise ‚gezeigt’….

Bald nach diesem Versuch phantasierte ich in der Therapie, welche Reaktionen ich seitens meiner Eltern erwarte, wenn ich sie darauf ansprechen würde: Was willst du heute noch damit? Warum bist du früher nicht zu uns gekommen? Das waren doch noch Kinder und Jugendliche! Wer weiß, wie du rum gelaufen bist!, u. ä. m. Auch meine Schwestern Birgit und Lisa und mein Bruder Heiner meinten, die Eltern hätten mir die Schuld gegeben. Vielleicht noch gesagt, stell dich nicht so an! Das war doch nur jugendliche Neugier! 

Und ich wurde gefragt, warum hast du damals nicht darüber geredet!

Ich fragte mich selbst und wurde auch gefragt, aber warum nicht, als ich kein Kind mehr war? Warum nicht als Jugendliche oder junge Frau? Ich konnte es erstmal nicht beantworten. Nachdem ich nun all die Reaktionen erlebt hatte, die ich im einzelnen noch schildern werde, habe ich mich das nicht mehr gefragt. Da konnte ich mich nur fragen, wie hätte ich diese damals verkraften sollen? Von meinen Eltern wäre keine adäquate Reaktion zu erwarten gewesen!, meinte auch die Therapeutin. Sie ergänzte an anderer Stelle: Ich hätte als Kind oder Jugendliche sicher auch Angst gehabt, die Familie bricht auseinander, wenn ich das sage.

Ich habe mich mit meinem Schweigen und dass ich erst so spät darüber redete selbst geschützt! Das wurde mir zunehmend klarer. Und ich habe nach und nach alles dafür vorbereitet, dass ich dieses Thema angehen konnte. Mit den Worten der Therapeutin: Es ist ihre Entwicklung, JETZT daran gehen zu können. – Ich fügte hinzu: Wenn frau sich selbst schuldig oder mit schuldig fühlt, kann sie doch gar nicht früher darüber reden! – Und dass nicht ich die Verantwortung trug für das Geschehene, das klärte ich erst im Laufe der Therapie. Und dies noch: In einem katholischen Elternhaus, besonders zu der damaligen Zeit, war über Körperliches zu reden völlig unmöglich!

Redet frau also erst später darüber, weil es früher aus den genannten Gründen nicht möglich war, reduziert das einerseits ihre Glaubwürdigkeit. So hab ich das erlebt! Andererseits, was noch schlimmer ist, sind nicht die Taten oder die Täter das Problem, sondern diejenige, die all dies anspricht – wie sich noch zeigen wird! Und wie es nicht nur mir ergangen ist.

Ich möchte noch zitieren, was ich trotz allen Haderns mit mir, warum ich das Thema überhaupt angehe, damals erkannte:

(…) – Doch, ich finde es toll, dass ich das endlich geschafft habe, mich diesem thema zu stellen. Ich bin sooo froh! Ich könnte mich selbst umarmen dafür, dass ich das endlich geschafft habe. Aber das positive gefühl war vorher nicht da, nur: stell dich nicht so an! … Toll hört sich zwar eingebildet an, aber ich find’s doch toll! – Ich fühlte mich ganz glücklich dabei. Die therapeutin: Es hat mich richtig überlaufen, als sie sagten, sie könnten sich selbst dafür umarmen. … Da hat die kleine Ann sich gefreut, dass sie bei der großen, strengen Ann endlich mal gehör findet. – 

Im Zusammenhang mit ‚warum nicht früher darüber geredet‘ muss ich unbedingt daran erinnern, was bei den Situationen mit meinem Vater auftauchte: Ich darf nicht darüber reden! Dies untermauert von seinen Drohungen! Ich hatte mir damals geschworen, nach dem abweisenden Verhalten meiner Mutter: Ich werde nie mehr darüber reden! Das erinnerte ich genau! Aber dann, viele Jahre später: Ich habe es mir und der Therapeutin gesagt! Und nicht nur ihr!

Reaktionen aus der Familie

Mir fallen natürlich sofort die Todesdrohungen und groben Beleidigungen von Leo, meinem jüngsten Bruder, ein; er reagierte damit auf meine Anrufe bei meinem Vater – doch dazu später mehr.

Ich konnte zuerst nur über die Taten meiner beiden ältesten Brüder reden, denn die Erinnerungen daran, was mein Vater mir angetan hatte, waren ja nicht sofort da, geschweige denn klar. Ich sprach zuerst mit Birgit, meiner zweitältesten Schwester. (Lisa war eine der Ersten, der ich davon erzählte. Sie reagierte sehr, sehr liebevoll, natürlich auch erschreckt und geschockt. Sie selbst hatte keine solchen Erlebnisse mit den Brüdern.) Ich fragte Birgit in einem Telefongespräch zuerst, ob sie sich erinnere, dass ich mich früher irgendwie verändert hätte. Das verneinte sie. Ich sagte ihr, dass mich Adolf und Bernd sexuell missbraucht hatten, als ich ein kleines Mädchen war. Ich weinte, und sie auch. Sie würde mich umarmen, wenn ich in der Nähe wäre. Nach dem Gespräch bekam ich Angst, was das auslöst.

Beim nächsten Telefonat erzählte mir Birgit, dass sie nach dem ersten  Gespräch einen Nervenzusammenbruch erlitten habe. Das traf mich erstmal sehr; nach einer Weile wurde mir klar, dazu kann ich nichts, das kann nichts damit zu tun haben, dass ich das erzählte, das alleine kann es doch nicht sein! Birgit meinte, sie sei dennoch froh, dass ich mit ihr darüber gesprochen habe, dass sie es jetzt wisse. Sie habe aber Angst, es ihrem Mann zu erzählen. Dies begründete sie damit, er könne schlecht über sie denken; wenn sie aus einer solchen Familie komme, was ist dann mit ihr?, so ungefähr verstand ich sie. Der Gedanke war mir gar nicht fremd, so ging es mir zu Anfang auch gegenüber meinem Mann und all den Anderen. Birgit sprach mit ihrem Arzt über ihre Not, wie das ihrem Mann erzählen? Der Doc riet ihr, sie solle eine gute Atmosphäre schaffen, was auch immer das heißt, und es dann ansprechen. Auch eine interessante Umgehensweise mit diesem Thema, finde ich! Ihr Mann reagierte sehr ruhig, auch verständnisvoll, führte aber auch die körperfeindliche Atmosphäre u. ä. Begründungen an. Wenn ich das früher als Kind oder Jugendliche ausgesprochen hätte, so Birgit weiter, hätten die Eltern das abgestritten, gab es nicht, musst du was falsch verstanden haben und ähnliches bzw. sie hätten mir die Schuld gegeben. Birgit fielen auch gleich die frauenfeindlichen Sprüche unseres Vaters ein. Und mir wurde klarer, warum ich das auch als Jugendliche nicht ansprechen konnte. Ich zitiere aus meinem Tagebuch: Jetzt verstehe ich endlich, warum ich geschwiegen habe. Ich bin so froh für diese Erkenntnis. Habe doch zeitweise sehr mit mir gehadert, dass ich nicht früher darüber sprach, und dass ich damit an meinen ‚Schäden‘ zum Teil selbst schuld bin… 

Später lieferte Birgit dann Begründungen, warum das passiert sei: Beengte Verhältnisse, nicht aufgeklärt u.ä. Also lieber nach Erklärungen suchen, als nach mir zu fragen. Ich war doch noch ein Kind! Warum kommt nicht mal: Wie furchtbar für dich! Wie hast du das alleine ausgehalten? 

Als nächstes sprach ich mit meiner ältesten Schwester Maria. Meine erste Reaktion nach Birgits Nervenzusammenbruch war, wenn sie so reagiert, kann ich das Maria schon gar nicht sagen, nachher bekommt sie einen Herzinfarkt! Ich sagte es ihr dennoch, nachdem ich diesen Anruf in der Therapie ‚vorbereitet‘ hatte. Dort hatte ich mich vor dem Anruf bei Maria gefragt, warum ich das unbedingt Birgit und auch Maria erzählen will, was mich dazu im Moment geradezu treibt? Ein Geheimnis dauernd zu bewahren würde sehr viel Kraft und Energie kosten, vielleicht wolle ich die nicht mehr aufwenden, vermutete die Therapeutin. 

Nun komme ich zum ersten Gespräch mit Maria. Ich war sehr aufgeregt; hatte Lisa gebeten, bei dem Telefonat dabei zu sein. Ich fragte auch Maria zuerst, ob sie sich an Veränderungen bei mir als kleinem Mädchen erinnern könne. Auch sie verneinte das. Als sie heiratete und nach D. zog, war ich fast 10 Jahre alt. Vielleicht haben die Brüder sich das erst getraut, als Maria nicht mehr zuhause war, so die Vermutung von Lisa und mir. – Du Arme!, so Marias liebe Reaktion und gleich anschließend die Frage: Wer, Vater oder Brüder? – Brüder! – Sie sprach gleich in der Mehrzahl, das fiel mir auf. Adolf. Und Bernd. – Auch Bernd?, sie ganz erschüttert. – Ja! – Sie weinte zwischendrin, sagte Liebes wie, was du da durchgemacht hast. Dafür gäbe es keine Entschuldigung, egal wie alt die waren. Die Brüder und die Eltern seien verantwortlich. Gerade was unser Vater immer über Frauen losgelassen habe, so Maria weiter. Und die Brüder seien doch schon mit einem Heiligenschein auf die Welt gekommen. Sie wäre froh, dass ich ihr das alles gesagt hätte, aber es wäre unfassbar. Sie mache sich Vorwürfe, weil sie damals nichts bemerkt habe.  Maria fragte, …

.. ob ich nie überlegt hätte, ihr davon zu erzählen. Nein. Ich hätte doch als kind auch keine worte dafür gehabt. Ich erwähnte meine eigenen schuldgefühle, aber auch schamgefühl, darüber selbst mit ihr zu reden. 

Maria weinte immer wieder, sprach von ihrer maßlosen erschütterung und was das für mich die ganzen jahre bedeutet habe. Ich sagte, dass ich das auch birgit und meinen nichten, marias töchtern Isabelle und Ira, erzählt hätte. Ich bat sie zum schluss des gespräches, sie solle mit anderen darüber reden, daran denken, es sei meine geschichte, sich also abgrenzen usw. Sie spüre erleichterung, weil ich in therapie ginge und auch mit anderen darüber rede. Ich sagte, ich würde die solidarität meiner schwestern dringend benötigen. Nach dem gespräch weinte ich sehr, kuschelte mich an lisa, brauchte geborgenheit. Wir waren beide über die reaktion von maria sehr froh und erleichtert. Und ich war fix und fertig! Abends im bett panik, herzprobleme und verdammte mich, dass ich es maria sagte. Hatte solche angst vor auswirkungen. Konnte mich dann aber beruhigen. 

Über dieses Gespräch berichtete ich in der folgenden Therapiestunde, dies aber unter größten Mühen. Irgendwann verstand ich eine Bemerkung der Therapeutin falsch und schon war meine an sich gute Laune und Freude über das Erreichte weg! Die K. sprach von Schuldgefühlen meinerseits und fügte hinzu: Bedenken sie, sie haben ihre Sache, ihr Leben jetzt in die Hand genommen, sind aktiv geworden, haben sich aufgerichtet und große Schritte gemacht! – (Diese waren auch in der Folge leider immer wieder von großen Schuldgefühlen bis hin zu Selbstbestrafung begleitet. Dazu komme ich noch eingehender.) Meine Freude über das Erreichte tauchte jedoch bald wieder auf! 

Bei einem weiteren Gespräch mit Maria sagte ich, irgendwann wolle ich auch die Taten der Brüder und all das Verlogene bei uns zuhause den Eltern auf den Kopf zusagen. Maria befürchtete, die könnten das nicht verkraften; müsse man gleich einen Arzt oder Psychiater dazu holen. Wahrscheinlich wollte sie mir damit sagen, das kannst du nicht machen! Du bist Schuld, wenn denen was passiert. Kam mir sehr bekannt vor, dieses Denken, diese Reaktion. Sehr viel später sagte mir Maria, sie habe ein Jahr gebraucht, um das alles zu verdauen. 

Und nun komme ich zu den Reaktionen auf die Taten meines Vaters, über die ich mir im Laufe der ersten vier Jahre der Therapie immer klarer geworden war. Meine ältesten Schwestern waren wieder die ersten, außer Lisa, mit denen ich darüber reden wollte und konnte bzw. zuerst sprach ich meinen Vater am Telefon darauf an. Doch auf die Reaktionen und Auseinandersetzungen bis hin zu Konfrontationen mit meinen Eltern komme ich später ausführlich zu sprechen. Jetzt erst einmal zu den Gesprächen mit Maria und Birgit. Schon vorher redete ich in der Therapie über meine Angst davor, wie die beiden das wohl verkraften, besonders Maria, weil sie sich einmal so äußerte, sie habe ‚das mit den Brüdern’ noch immer nicht verkraftet. Die Therapeutin daraufhin, energisch, was mir sehr gut tat: Sie werden doch nicht aus Angst vor der Reaktion von Maria NICHT zu sich stehen? – 

Doch zuerst sprach ich mit Birgit. Ich fragte sie: Willst du es wirklich wissen?, versicherte ich mich. – Ja! Etwa das gleiche wie mit Adolf und Bernd?, fragte sie mit ganz normaler Stimme. – Ja! Und Lisa hat das auch erlebt! – Birgit reagierte gar nicht geschockt. Nach dem Telefonat zitterte ich noch, war aber so froh: Ich hab’s gesagt! Ich hab’s gesagt!, und freute mich und war erleichtert über die ruhige Reaktion von Birgit. 

Dabei blieb es aber leider nicht. Ein gutes halbes Jahr später äußerte sie sich so: Sie könne das nicht glauben! Traue das unserem Vater nicht zu! Es sei für sie schwierig, mit den Eltern UND mit mir in Kontakt zu sein. Es gehe ihr schlecht. Ob ich nicht verstehen könne, wie schlimm das für sie sei? Ich dachte, das ist doch wie früher bezüglich der Eltern; jetzt bei Birgit (auch bei Maria). Ich darf die Wahrheit nicht sagen, sonst geht es ihnen schlecht. Ich werde aber nicht mehr schweigen. Ich sagte ihr, ich würde doch verstehen, dass es auch für sie, Birgit, schwierig sei, das zu verkraften. Ich beschwerte mich ihr gegenüber aber auch, das sie nicht für mich da ist, noch nicht mal frage, wie es mir gehe. Keine Unterstützung anbiete. Und ich hätte das schon früher sagen sollen? Wie ich das damals hätte verkraften sollen, wenn auch damals ohne Unterstützung?, fragte ich sie weiter. Dann hätte ich mir sicher das Leben genommen. Selbst heute hätte ich Last, das nicht zu tun! Stille. Birgit hatte aufgelegt, wie mir bei einem Rückruf ihr Sohn bestätigte. Sie wolle nicht weiter mit mir reden. 

Zuerst machte ich mir Vorwürfe, aber nach einem Gespräch mit Lisa kam ich zu der Erkenntnis: Wenn Maria und Birgit die Wahrheit nicht verkraften können, ist das nicht meine Verantwortung! Ich kann nicht auf sie zählen. Sie sind auf der Seite der Eltern. Birgit brach den Kontakt zu mir ab. Natürlich sprach ich über das Telefonat in der darauf folgenden Therapiestunde. Ich erwähnte meine Angst, Birgit könne sich was antun. Die Therapeutin:

Wenn Birgit sich umbringt, dann deshalb, weil ihr vater das gemacht hat! Und nicht, weil sie es ihr sagten! – War es ein fehler, sie anzurufen? – Auf keinen fall! Schweigen, nicht handeln ist auch mittun!, so die Therapeutin. (…) – Die beiden (Maria und Birgit) sind doch um die 60 jahre alt, haben ihr leben gelebt. … Aber sie reagieren wie 10jährige, denen man die eltern wegnehmen will! – So wären lisa und ich früher auch drauf gewesen. Wir hätten nur durch und für die eltern eine existenzberechtigung gehabt. …. Die K.: Wenn sie maria und birgit dann jetzt quasi die eltern wegnehmen, haben sie keine existenzberechtigung mehr! – 

Mit Maria sprach ich zum ersten Mal im April 1995 über meinen Vater und das, was er mir angetan hatte. In einem vorangegangenen Telefongespräch hatte ich erwähnt, da wäre noch was. Nun rief sie an. Sie wolle es wissen. Sie fragte: Dein Vater? – Ja! – Sie fragte nach meinem Alter, auch danach, was er gemacht hat. Ich sagte nur wenig dazu. Sie weinte ein bisschen. Ich erwähnte, Lisa habe mit ihm Ähnliches erlebt, und er habe uns gedroht! Maria sprach von ihrer Angst, ich könne nichts mehr von ihr wissen wollen, weil sie den Kontakt zu den Alten nicht abbrechen könne. Sie mache sich auch Sorgen um mich. Wolle mit unserem Vater reden. Ich betonte, sie solle aber nicht für mich mit ihm reden, das würde ich selber tun. Nach dem Gespräch spürte ich Angst um Maria. Aber dann sagte ich mir: Denke nur an den (Italien-)Urlaub, Ann, die Angst vor der Dunkelheit usw., das reicht doch, um deine falsche Rücksichtnahme aufzugeben!

Am nächsten Tag fiel mir ein, dass Maria was von Selbstmord gesagt hatte. Wieder ängstigte ich mich um sie. Doch bald sagte ich mir selbst: Du hast nur gesagt, was man(n) dir angetan hat! So funktioniert der Schutz der Säue, wenn du aus Angst nichts sagst! So hat das schon jahrzehntelang funktioniert! Jetzt ist es aus damit! Das bist du der kleinen Ann schuldig! – 

Bei einem weiteren Telefonat mit Maria sagte ich ihr, dass ich unsere letzten Gespräche daneben fand. Dass es auch für sie ein Schock war sei klar. Es sei nur noch um sie gegangen, aber ICH hätte das doch erlebt! Ich müsse sie aber permanent schonen! Sie sagte, sie fühle sich verantwortlich. Das sei sie aber nicht!, entgegnete ich. Eine Freundin habe gefragt, wieso ich ihr das denn hätte sagen müssen? Ich reagierte ärgerlich. – Die Frage müsste doch lauten, warum hat der das gemacht? Außerdem, jetzt, wo alle erwachsen sind und in gefestigten Verhältnissen leben, selbst jetzt soll ich das noch nicht mal meinen Geschwistern sagen (können)! – So nach und nach wurde Maria in ihrer Stimme fester, war sie einfach mehr da! Ich erinnerte sie an die Sprüche unseres Vaters, weil sie meinte, sie könne das nicht mit ihrem Bild von ihm zusammen bringen. Sprüche wie den in Bezug auf seine Schwester, dass es gut wäre für später, wenn ein Mann bei kleinen Mädchen ‚dahin packe‘. Maria reagierte entsetzt. – Endlich schimpfte ich bei ihr mal deutlich über diese Sau!, mit dieser Bemerkung schloss ich meine Notizen von diesem Gespräch in meinem Tagebuch. 

Die Telefonate mit Maria (auch eines mit meiner Mutter!) führte ich während der Therapieferien. In den darauf folgenden Tagen tauchten bei mir immer wieder Ängste davor auf, was ich mit all dem auslöse. Ich dachte auch daran, dass meine Eltern doch jetzt schon alt sind.

Ungefähr einen Monat später entschloss ich mich, Birgit und auch Maria anzurufen. Beim Gespräch mit Maria weinte ich und sagte, ich würde mich alleine fühlen. Ich könne nicht verstehen, warum sie nicht mal anruft, nach mir fragt. Sie wollte wieder wissen, was er gemacht habe und ihn darauf ansprechen. Es könne ja ein Versehen gewesen sein, was ein Kind nicht auseinander halten könne. Ich reagierte sehr ärgerlich. – Der hat mir gedroht, mich umzubringen! Was der gemacht hat, das war kein Versehen, Maria! – 

Einige Zeit später hörte ich von meiner Nichte Isabelle, der Tochter von Maria, dass Maria mit unserem Vater gesprochen habe. Ich rief Maria dazu an. Sie berichtete, dass sie mit unseren Eltern geredet habe. Unser Vater könne sich an ‚sowas‘ nicht erinnern. Ich müsse was falsch verstanden haben! Er habe nichts gemacht. Meiner Mutter gegenüber habe er mehrfach versichert, da war nichts. Also war meine Mutter auch misstrauisch ihm gegenüber, wenn sie mehrmals nachfragte… Wieder fragte mich Maria nach meinem Alter, was er gemacht habe usw. Ich stoppte das bald, wolle darüber nicht weiter und deutlicher reden. Maria vergisst immer wieder, oder verdrängt es erfolgreich, dass auch Lisa sexuelle Gewalt durch unseren Vater erlebte. Seltsam! 

Weil ich nichts mehr von Maria hörte, rief ich sie nach rund zwei Monaten an und fragte, wieso sie keinen Kontakt mehr zu mir haben könne. Ich notierte das Gespräch in meinem Tagebuch: 

Es wäre so schlimm für sie, sie könne nicht mehr richtig schlafen, würde es am liebsten gar nicht wissen. – Und ich hätte es lieber nicht erlebt!, entgegnete ich böse. Ich erzählte von meiner erinnerung an eine situation mit dem vater, dass Maria ein lied von catarina valente (‚ganz paris träumt von der liebe‘) im hintergrund singt und pfeift… Fragte sie, wie es für sie sei, wenn sie ihn jetzt sieht, er sie beim begrüßen oder so berührt. Ob sie dabei mal daran denkt, was der mit ihrer kleinen schwester… Ob ich kontaktabbruch zu den eltern verlangen würde? Daran hätte ich überhaupt nicht gedacht. Ginge für sie auch nicht, auch wenn ich dann den kontakt zu ihr abbrechen würde. Sie müsse sich schützen. Ob sie nicht eher  unseren vater damit schütze? Und das sagte ich noch: Das geht jetzt erst richtig los! Der wird meine rache zu spüren bekommen! Ich werde die zwei nicht mehr schonen. Vielleicht an die öffentlichkeit gehen, auch wegen Bernd und Adolf, wegen deren kinder… Das könne ich doch nicht machen, kam wieder von ihr. Damit könne ich die verbindung zwischen denen zerstören. … Ich entgegnete: Wir schützen mit unserem schweigen die täter! – Und das sagte ich noch: Die haben mir mein leben versaut! – Ich war sehr fest, bestimmt, aber zwischendrin auch lieb und verständnisvoll. 

Wiederum zwei Monate später schrieb mir Maria eine Karte. Sie könne keinen Kontakt mit mir haben, weil sie weiter im Kontakt mit den Eltern sei und den nicht abbrechen könne. Sie brauche Zeit. Und sie habe mich lieb. Ich antwortete ungefähr so auf ihre Karte: Dass sie mit unserem Vater, der mir so viel Leid zugefügt habe, noch Kontakt haben kann und will. Mit meinem Peiniger! Dem Täter! Aber nicht mit mir! Sie stehe also auf seiner Seite! Schütze ihn und verrate mich – und damit sich selbst! 

Isabelle erzählte mir einige Zeit später, Maria habe ihr meine Antwort zu lesen gegeben mit den Worten, die fände sie hart. Isabelles Entgegnung: Aber so ist es doch! – Maria habe Angst, wenn sie sich von den Eltern zurückzöge, würden die sterben. So dachte ich früher auch. Nun bemerkte ich, wie absurd das ist! – Wenn ich autonom bin, nicht mehr so, wie die  Eltern mich haben wollen, sterben sie!, erkannte ich.

Unser Kontakt blieb lange unterbrochen. Nach mehr als zwei Jahren schrieb mir Maria einen Brief, in dem sie mich über den Krankenhausaufenthalt unserer Mutter informierte, die verwirrt sei und verwirrt von mir geredet habe. Ich rief Maria an und bedankte mich. Ich bin ihr heute noch sehr dankbar, dass sie mich informierte, denn so hatte ich die Gelegenheit, die ich auch wahrnahm, meine Mutter mal ohne meinen Vater zu treffen. 

Selbst heute noch ist es schwer zu verstehen, dass meine beiden großen Schwestern damals nicht zu mir standen. Das ist nicht mehr wichtig, aber auch nicht vergessen. Maria forderte meine Mutter nach meinem ersten Besuch bei ihr im Krankenhaus auf, nun auch auf mich und Lisa zuzugehen. Wir hätten den ersten Schritt gemacht. Jetzt müsse sie sich mal bewegen. Ich hatte meine Mutter beim zweiten Besuch schon viel weicher und zugänglicher erlebt, nun erfuhr ich, warum: Weil Maria interveniert hatte. Zu den Auseinandersetzungen mit meiner Mutter komme ich später eingehend.

Ein paar Monate später meldete sich Maria telefonisch bei mir. Sie sprach mit aufgeregter, fast kindlicher, aber auch lieber Stimme. Sie habe sich schon längst einmal melden wollen. Sie nannte mir den Anlass. (Es ging um die Wohnung unserer Tante, die sie geerbt hatte. Sie fragte, ob ich Interesse daran hätte, sie zu mieten). Mir liefen plötzlich die Tränen; ich sagte es ihr. Ich sei so berührt von ihrem Anruf. Ich sagte: Ich habe dich vermisst. – Sie habe mich auch vermisst, entgegnete sie. Sie hätte das alles bis heute nicht verkraftet, wüsste nicht, wie sie das hinbekommen solle. Ich sagte ihr, ich hätte Zeit und auch Verständnis für sie, aber auch Wut und Enttäuschung in mir. Ich spürte während des Telefonats sehr viel Gelassenheit und eine gewisse Sicherheit. Bin ganz klar, bin auf dem richtigen Weg! 

Aber es gab auch wieder andere Telefonate. Eines dieser Gespräche und den Bericht der darauf folgenden Therapiestunde möchte ich hier wiedergeben, weil beides so deutlich zeigt, welche Facetten die Reaktionen haben können. Bemerkenswert finde ich heute noch, dass meine Schwester davon sprach, ich hätte den Kontakt zu ihr abgebrochen, nicht umgekehrt. Eigentlich unglaublich. Hier nun die Notizen zu dem Telefonat mit ihr:

Sie könne es nicht glauben, das unser Vater das gemacht hat. – Es ist aber so! – Sie habe ihn sich angesehen, daran gedacht.. Und:  Nein, das kann nicht sein! – Birgit ginge es ebenso. – Ich weiß es aber! Es ist für mich nicht von bedeutung, dass er es zugibt, auch nicht, dass ihr mir glaubt. Ich weiß es. – Ich äußerte verständnis für sie, aber sagte auch deutlich, damals und heute waren sie und Birgit nicht für mich da. – Ich weiß noch nicht, wie damit umgehen, dass du ihm glaubst, aber nicht mir! (…)

Nach dem anruf bei Maria spürte ich so eine wut auf sie und Birgit, rief Maria deshalb nochmal an. Sie sagte bald, sie habe gerade zu ihrem mann gesagt, sie müsse sich wohl doch damit abfinden, dass unser vater das gemacht hat. Sie denke, weil Adolf und Bernd das machten, unser vater mich nicht beschützte, würde ich das auf ihn übertragen. – So ist es aber nicht!, Maria, sondern so, wie ich es sage. – Total wütend und ärgerlich sagte ich ihr, ich wäre es leid, dass sie sage, sie könne das nicht glauben! Das sei eine unglaubliche reaktion von ihr! Ich hätte auch keine lust mehr auf verständnis für sie und Birgit. Sie würden es machen wie die alten, IHNEN gehe es schlecht. Aber was ist mit mir? Weil es ihr schlecht geht, schone ich sie. – Ich habe verständnis, dass es hart ist für dich, für euch. Aber ICH HABE DAS ERLEBT! Ich spreche es nur aus. Und was kriege ich ab? Wo seid ihr? Hat eine von euch mich auch nur einmal gefragt in den letzten jahren: Und, wie geht es dir jetzt damit, Ann? Mal nach mir geguckt? Wo ward ihr? –

Sie wolle sich zusammen mit mir mal angucken, wieso sie damals nichts mitbekommen habe, nicht da war. Ja, aber auch heute, heute wäre sie doch auch nicht für mich da! Obwohl nicht mehr unter der dunstglocke von zuhause, habe sie mich dennoch alleine gelassen! Ich war zum teil sehr wütend, merkte später, dass es ihr sogar besser damit ging, ihre stimme danach viel fester wurde, sie nicht mehr so jämmerlich drauf war. –

Sieben Jahre therapie, jahrelang ging es mir sehr schlecht. Keine von euch beiden war für mich da! Maria, ich habe es erlebt, und ich soll rücksicht nehmen! Darauf habe ich keine lust mehr! Und, Maria, es ist doch so, dir geht es jetzt seit fünf jahren schlecht, OBWOHL wir uns nicht sahen. Du kannst in die antarktis gehen, dass thema ist trotzdem in dir! Und ich schweige auch nicht mehr! Damals musste ich still sein, habe es unserer mutter gesagt, musste dann still sein. Jetzt bin ich nicht wieder still! Unsere brüder haben das auch gemacht, machen das vielleicht jetzt mit ihren töchtern. Das geht doch immer weiter, wenn man schweigt! Mir ging es jahre lang so schlecht, ich musste damit fertig werden, dass mein vater das gemacht hat. Aber jetzt ist es raus! Und jetzt geht es mir so gut wie noch nie in meinem leben, weil es raus ist, ich mir das angeguckt habe! 

Maria, ich kenne dich doch! Wenn es eine andere frau wäre, hättest du dich nie so verhalten! – Ja, das hätten Isabelle und Ira auch gesagt! Ich betonte zum schluss, ich wolle kontakt mit ihr, aber nur unter der bedingung der offenheit usw. Ihr leidensgedöns hatte mich richtig aggressiv gemacht.

Oh, kam das gut, das alles gesagt zu haben! Find’ es super! Endlich! Endlich habe ich die stärke, die es einfach braucht, und die sicherheit in mir, dass ich mir selber glaube und das alles offensiv vertreten kann!

Davon erzählte ich in der folgenden Therapiestunde und das notierte ich dazu in meinem Tagebuch:

Der erste knüller von Maria: ICH hätte mit ihr keinen kontakt mehr haben wollen! Aber SIE hatte mir doch geschrieben, es ginge für sie nicht! Sie könne eher auf mich verzichten als auf die eltern! – Ich berichtete weiter ganz ausführlich. Aber es fiel mir zum teil auch schwer, alles der K. zu erzählen; gestern hatte ich doch noch das gefühl, das hab ich gut gemacht, war das ganz klar; jetzt zweifelte ich daran. (…)

Die lady ‚sortierte‘ anschließend meine ausführungen. Sie kam auch darauf zurück, will kein falsches verständnis mehr haben für maria und birgit, aber andererseits in mir, muss nach maria gucken. – Einerseits war das ja sehr gut für sie, auch dass sie ihre wut zeigten. Damit haben sie sich ganz erwachsen verhalten, zu sich gestanden. Das ist für sie richtig und ganz, ganz wichtig! Andererseits haben sie quasi nebenbei gespürt, sie müssen auch rücksicht auf Maria nehmen. Sie sind hier die stärkere. Haben dann bisschen schlechtes gewissen bekommen, weil sie das spürten und sie dennoch angriffen. Deshalb ihre probleme, mir das zu erzählen. Wenn maria sagt, sie würde sich am liebsten das leben nehmen, dann ist da ja was bei ihr, dass es zu viel für sie ist! – Es wäre wichtig, auch weiterhin mir darüber im klaren zu sein, dass es zum einen meine position als erwachsene person gäbe, die zu sich stehen wolle, aber auch im blick zu haben, maria ist nur bedingt belastbar! –

Und es ist wichtig, dass sie von ihr unabhängig sind, sich nicht von ihr abhängig machen! – Ob sie mir das glaubt oder nicht, meinen sie das? – Ja! – Von wegen falsches verständnis meinte die lady irgendwann: Ihre herzprobleme, das war doch ihr falsches verständnis, wie sie es nennen! Das ist doch der grund dafür gewesen! (…) Also es ist ja wirklich spannend und auch phantasievoll, wie Maria das für sich zurechtlegt. Es waren die brüder! Nur übertragung auf den vater! Damit ist der gerettet! Und sie kann dann auch mitleid mit ihnen haben, weil sie es erlebt haben. (…) Für maria ist es ja existentiell, ihre eltern für sich zu behalten! Ganz wichtig für sie!, die lady sah mich eindringlich an: Die können sie Maria nicht wegnehmen! Weil sie dann nichts mehr hat, weil sie keinen ersatz für die hat! Das kann sie nicht aushalten! Deshalb ist es wichtig, maria im blick zu behalten! (…) Es ist wirklich bemerkenswert, dass maria in sich hat, sie wollten nichts mehr mit ihr zu tun haben und bietet ihnen dann die wohnung an. – Damit wollte sie wieder in kontakt mit mir kommen? – Ja, mindestens das, wenn nicht noch mehr! – 

Einige Monate später schrieb mir Maria, sie brauche Zeit. Ob ich auf sie warten könne?, so ungefähr der Inhalt. Meine Antwort: Ja! – Nach weiteren vier Monaten telefonierte ich lange mit ihr, fragte sie, was die Ursache sei, dass sie wieder mit mir im Kontakt sein könne. Weil ich sie mal angerufen und nach ihr gefragt hätte; also weil ich den Kontakt hätte wieder aufnehmen können. Maria meldete sich ihrerseits weiter nicht oder selten. Wir kamen in der Therapie zu der Erkenntnis, das ich für Maria eine Bedrohung bin und bleibe. Die Therapeutin formulierte es so: Weil SIE nicht mehr die Augen verschließen! Weil sie den Deckel lüften und die Dinge ansprechen! Weil sie nicht mehr schweigen! Und weil sie die Familie mit Abstand betrachten und alles ansprechen!, so ungefähr damals von ihr. 

Heute stehen Maria und ich in gutem Kontakt, erfreuen uns daran, wieder zueinander gefunden zu haben. Dabei ist unser Verhältnis ein ganz anderes, viel erwachseneres als zu der Zeit, bevor ich mich diesem Thema stellte. Und das ist gut so! 

Aber zu dem Heute muss ich noch ein Beispiel hinzufügen, das zeigt, die Schatten der Vergangenheit tauchen immer mal wieder auf. Vor einigen Monaten stellte sich heraus, dass Maria nach einem Schlaganfall doch nicht mehr gut alleine leben kann. Sie entschied sich deshalb, in ein Seniorinnenheim umzuziehen. Ich unterstützte sie, zusammen mit ihren Töchtern und Anderen, während der Monate der Erkrankung, Reha und danach. Nun bat sie mich, ihr beim Umzug zu helfen, und zwar die Sachen rauszusuchen, die sie mit ins Pflegeheim nehmen will. Nur widerstrebend sagte ich zu, ohne mir erstmal klar darüber zu sein, warum es mir widerstrebte, das für sie zu tun. Aber das klärte sich bald. Ich spürte große Wut, staunte darüber sehr, und erkannte: Sie war damals nicht für mich da, als ich sie so gebraucht hätte! Sie konnte mit meinem Vater zu tun haben, aber nicht mit mir! Hat sich sogar von mir abgewandt, den Kontakt abgebrochen. Aber ich soll ihr jetzt helfen! Erstmal wollte ich ganz und gar nicht zulassen, dass es mir so ging. Das ist doch schon solange her, Ann, ich dachte, du hast das alles bearbeitet und abgeschlossen! Aber die Wut blieb. Am liebsten hätte ich ihr das alles ganz klar und deutlich gesagt; wegen ihrer nicht so stabilen Verfassung unterließ ich dies jedoch. Konnte ihr aber auch nicht helfen. Zumindest nicht bei diesem Teil des Umzugs. Ich war aber weiter für sie da, unterstützte sie auf anderen Gebieten. Einerseits war ich wirklich überrascht, dass diese Wut wieder auftauchte; andererseits war es gut, sie zu spüren und zu schauen, wie gehe ich jetzt damit um. Bisher habe ich ihr das nicht erzählt, aber vielleicht passt es irgendwann, da sie jetzt stabiler ist.

Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht, warum meine beiden ältesten Schwestern so reagierten. Meine Schwester Lisa, ich, die Töchter von Maria, auch meine Therapeutin mutmassten fast zwangsläufig, dass die beiden selbst sexuelle Gewalterfahrungen mit unserem Vater erlebt hatten. Dass sie deshalb alles abblocken mussten. Ihr Weggucken und Abtauchen habe aber vielleicht auch andere Gründe, so damals meine Therapeutin, nämlich: Sonst müssten sie sich damit auseinander setzen, bei ihren Kindern, ihren Töchtern vielleicht selbst nicht richtig hingeschaut zu haben…. –

Zu meiner lieben und unterstützenden Schwester Lisa komme ich nun: Ich erwähnte bereits, dass sie ebenfalls Schlimmes mit unserem Vater erlebte und dies quasi zeitgleich mit mir in einer langjährigen Therapie bearbeitete. Wir unterstützten uns gegenseitig. Sie konnte sich oft an Begebenheiten o. ä. genauer erinnern, insbesondere was mich anbetraf, weil sie vier Jahre älter ist. Ihre Erinnerungen halfen mir sehr in meinem Aufarbeiten. Als ich sie mal fragte, ob es ihr nicht zu viel sei, wenn ich mit all meinen Erinnerungen und Schilderungen der Therapiestunden zu ihr komme, sagte sie zu meiner großen Freude: Im Gegenteil! Sie könne gar nicht genug darüber reden. Endlich würden wir über all das reden! 

Aber es gab auch Enttäuschungen mit ihr. Ich wäre z. B. gerne zusammen mit ihr zu unserem Vater gefahren, hätte ihn gerne gemeinsam mit ihr zur Rede gestellt. Wir beiden Schwestern, die sich nichts mehr gefallen lassen, die sich endlich getrauen, gegen unseren vermeintlich übermächtigen Vater vorzugehen, das wäre doch was gewesen! Aber das wollte sie nicht. Es fiel mir sehr schwer, das zu akzeptieren, doch ich musste einsehen, dass jede ihren Weg geht und dass diese Wege nicht die gleichen sein können. 

Dennoch bleibt für mich ihre wunderbare Unterstützung, dass sie mir oft mit viel Liebe und Verständnis half, all das Schlimme zu ertragen, dass wir viel gemeinsam gekämpft haben und uns dann auch gemeinsam freuten und das Erreichte feierten.

Mit meinem Bruder Heiner habe ich während der Jahre des Bearbeitens nicht sehr oft über dieses Thema gesprochen. Lisa hatte ihm schon recht früh von den Taten unserer Brüder erzählt, mit meinem  Einverständnis. Sie bat ihn auf meinen Wunsch hin in einem weiteren Gespräch, er solle nicht darüber reden wegen meiner Angst vor Reaktionen; das versprach er. Er fragte nach meinem Alter, überlegte, wie alt die Brüder waren und meinte zu Lisa: Die wussten, was sie taten! Das waren keine kindlichen Spiele! – Er versuchte aber auch, die Brüder zu verstehen von wegen ‚bei dem Vater!‘ Die hätten versucht, ihrer männlichen Rolle zu entsprechen. Auch unsere engen, kleinbürgerlichen Verhältnisse hätten dazu beigetragen, unser mangelnder Kontakt nach außen. Bei mir kam das erstmal so an, er hat mehr Verständnis für die als Solidarität und Mitgefühl für mich. Die Therapeutin vermutete, dass er sich damit schützen würde, um nicht alles einzureißen, was die Familie anbetrifft (weil es damals noch andere Familienprobleme gab). 

Als ich ihn nach ein paar Jahren fragte, wieso er sich nie mal nach mir erkundigt habe, nie mal nach mir fragte, antwortete er, er habe solange gebraucht, das zu verdauen. Es sei doch auch sein Vater! Er musste, wenn auch nicht selbst betroffen, doch auch damit fertigwerden, dass unser Vater mich und unsere Schwester Lisa sexuell traktiert hatte. In einem weiteren Gespräch sagte er, für ihn sei es völlig unverständlich, wie ein Mann, zudem der Vater, ‚das‘ mit Kindern, mit seinen Töchtern machen kann. Er frage sich aber auch, wie die Frauen es dann später schaffen, überhaupt was mit Männern zu tun zu haben. Tja… 

Im August 2000 erzählte mir Heiner, dass er mit unserem Vater über Lisa und mich geredet habe. Dass er meinem Vater das nie verzeihen könne, so Heiner ihm gegenüber. Natürlich stritt mein Vater alles ab. Nachdem ich davon in der Therapie berichtete, meinte die Therapeutin: Jetzt bin ich ganz berührt…. Jetzt haben sie doch das erlebt, was sie sich immer von Heiner wünschten: Dass er gegenüber ihrem Vater für sie eintritt! – Ja!,  antwortete ich lächelnd. 

Von den nächtlichen Anrufen meines jüngsten Bruders Leo, der Androhung von Gewalt berichtete ich bereits im Zusammenhang mit den Erinnerungen an die Taten meines Vaters. Auch von der heftigen Angst, die all das bei mir auslöste. Ich habe sogar meinen Eintrag im Telefonbuch rausnehmen lassen und meine Geschwister gebeten, Leo nicht meine Telefonnummer zu geben. Er hatte jeweils mit verstellter Stimme gesprochen, war aber nicht nur von mir, sondern auch von meinem Mann sowie von Lisa und ihrem Mann klar erkannt worden. Beim ersten Anruf war ich gegen Mitternacht nach Hause gekommen, alleine in der Wohnung, hörte den Anrufbeantworter ab und ihn mit verstellter Stimme: Du Nutte! Ich mach dich kalt! – Schreck und Schock und Herzklopfen bis zum Hals. Zu meinem Glück erreichte ich eine Freundin, die mir half, mich einigermaßen zu beruhigen, und die mir anbot, zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen. Ich weinte erstmal sehr. Fühlte mich so bedroht! Das war kaum zum Aushalten. Ich will vor denen aber keine Angst haben! Aber ich muss und werde mich gut schützen. Lisa meinte am nächsten Tag, nachdem ich ihr die Aufzeichnung auf dem Anrufbeantworter vorgespielt hatte, der sei zu allem fähig! Wir sollten lieber nichts mehr unternehmen. 

Zum besseren Verständnis und zum Einordnen sei hier schon mal erwähnt, dass ich meinen Vater telefonisch mit seinen Taten konfrontiert hatte, in der Folgezeit ziemlich massiv ihm gegenüber war und dass er mir daraufhin den Brief eines Rechtsanwaltes mit Androhung einer hohen Strafe zustellen ließ, wenn ich die Behauptungen weiter aufrecht hielte. Quasi zeitgleich mit diesem Brief begann Leo mit seinen Drohanrufen.

Meine Freundinnen reagierten schockiert und absolut unterstützend auf seine telefonischen Attacken. Vera z. B. meinte, ich könne immer, auch nachts, zu ihr kommen. Und: Ann, du darfst jetzt nicht aufgeben! – Ich könne auch, solange Philipp nicht da sei, bei ihr einziehen. Sie wohnte bei mir um die Ecke. Eine andere Freundin holte mich zu einer Frauenfete zuhause ab und brachte mich wieder nach Hause. – Ich bin nicht alleine damit! Das werde (und habe!) ich nie vergessen! – Auch meine Therapeutin unterstützte mich: Nein, ich dürfe jetzt nicht aufgeben! Die müssten ja viel Angst haben, erst der Rechtsanwaltsbrief, jetzt dieser Anruf! Aber es ginge jetzt darum, dass ich mich gut und sicher fühlen würde. Ich wolle auch nicht aufgeben. Wolle aber genau schauen, jeden Schritt sehr gut überdenken. Müsse mich doch beschützen! – Ja! – 

Zwei Wochen später war Leo nachts wieder auf dem Anrufbeantworter, wieder mit unflätigen Worten und Todesdrohungen! Und wieder erschreckte mich das sehr! Dennoch reagierte ich insgesamt viel ruhiger. Ich sprach kurz darauf mit meiner Rechtsanwältin darüber, was jetzt am besten zu tun sei. Ich kam zu der Ansicht, erst einmal nichts gegen ihn zu unternehmen. Meine Therapeutin erzählte mir damals von einer Klientin, die ihren Onkel auf seine Taten angesprochen hatte, der sie jetzt ebenfalls bedrohte. Und eine Klientin ihres Kollegen habe ihren Peiniger angesprochen, der sie jetzt verklagt habe, weil sie angeblich falsche Behauptungen aufstelle. Sie, die Klientin, wurde daraufhin erkennungsdienstlich behandelt. – Das muss man sich mal vorstellen! Sie wird so behandelt!, entrüstete sich zu recht meine Therapeutin.

Zum Jahresende, an einem späten Abend, erreichte mich wieder ein Anruf, wieder ein Mann mit verstellter Stimme. Dieses Mal hatte ich den Hörer abgenommen, weil ich zuhause war. Und wieder erkannte ich Leos Stimme, sagte deshalb bald: Na, du Arschloch!, und legte wütend auf. Mein Mann war dabei, er gab keine Ruhe: Lass’ uns Leo anrufen! – Und das machte er. Leo stritt ab, angerufen zu haben, und redeten irgendwelches dummes Zeug. Ich nahm den Hörer, sagte, dass man genau seine Stimme erkennen könne. Ich würde ihn anzeigen. Solle ich doch machen. – Du armes Würstchen, du kannst mir nichts vormachen! Ich kenne dich!, sagte ich lachend und legte auf. Das war gut. Aber ich spürte eine Wut hinterher! Unglaubliche Wut! Danach gab es keine weiteren Anrufe mehr, was mir nochmal bestätigte, es war Leo!

Als Heiner von den Drohanrufen erfuhr, reagierte er sehr geschockt. Auch Maria, der ich Jahre später von Leos Drohanrufen erzählte. Ich finde es sehr bemerkenswert, dass, soweit ich weiß, niemand von meinen Geschwistern Leo mal darauf ansprach und dass sie trotz dieses Wissens weiter in gutem Kontakt zu ihm blieben, soweit zuvor ein solcher bestand. Die Gründe für Leos Anrufe kann ich nur ahnen oder vermuten: Entweder hat er selbst auch Übergriffe erlebt und will nicht daran erinnert werden oder er war selbst übergriffig… oder beides. 

Bei einer Jahre später stattfindenden Geburtstagsfeier meines Vaters im Altenheim reagierte Leo sofort wieder unflätig: Wer hat die denn eingeladen?, u. a. bösartige Bemerkungen. Mich hatte niemand zu dieser Feier eingeladen; ich erfuhr davon durch Lisa. Ich wollte dort präsent sein, damit das Thema sexuelle Gewalt in unserer Familie nicht wieder und weiter verschwiegen werden kann. Ich wolle nicht, dass das wieder zum Tabuthema wird, äußerte ich in der Therapie. Wegen mir selbst nicht, aber auch wegen meiner Nichten, sollten die Ähnliches erlebt haben. Dann solle ich das auch ernst nehmen, bestärkte mich die Therapeutin. Ich zitiere aus meinen Therapienotizen:

Ich sprach die geplante geburtstagsfeier für meinen vater an. Lisa sei eingeladen geworden, gehe aber nicht hin. Meine überlegungen dazu, von wegen nicht wieder tabu, nicht wieder schweigen. Wolle keine randale machen, aber dort präsent sein. – Aber was will ich dort, worum geht es mir?, das ist die frage! – (…) Wieso haben die mich nicht eingeladen, z. b. Maria und Birgit? Dazu passe doch mein gefühl, sagte ich, ich will nicht, dass das thema wieder verschwindet. Nicht eingeladen werden ist wie nicht da sein, als gäbe es mich nicht! (…)

Wenn ich fahren würde, dann um dort präsent zu sein, mich zu zeigen! Nicht, dass es wie früher ist, ich war nicht brav, sieht mich keiner mehr! – Mich gibt es noch! – Ja! Darum geht es doch! – Aber wenn ich mir vorstelle, mein Vater, Adolf und Leo sind dort….! Hart! Das ist zu viel! – Ja, das verstehe sie. Ich stellte überlegungen an, wer mich begleiten könnte, aber weder lisa, noch isabelle oder ira wollten dahin. 

Wenn ich tatsächlich hinginge, wie mich verhalten, was will ich sagen? Ich hätte doch jetzt schon übung darin, würde sicher was sagen, meinte die lady. –

Ich würde gerne dort auftauchen, ruhig, gelassen, groß und aufrecht! Mich gibt es noch! Ich will mir euch alle mal ansehen! Ich bin da! Und damit ist auch das thema noch da! Groß und aufrecht! – Ja! Ja, das wäre doch gut. Die nächste gelegenheit ist sicher nur die beerdigung…, meinte die K. dünn lächelnd. Besser, jetzt dort aufzutreten. Nein, sie wolle mir keinen druck machen, beruhigte sie mich auf meine entsprechende äußerung. Ich solle schauen, ob es geht. – Ja, hab aber wirklich in mir, dass ich das tun sollte! Ganz stark ist das in mir! Sonst hätte ich das heute hier nicht erwähnt! – Ja! – Ende der stunde, wir standen auf. Sie sah mich so liebevoll, bedeutungsvoll von der seite an. 

Nach dieser Therapiestunde notierte ich in meinem Tagebuch:

Nur wenn ich daran denke, bin ich sofort aufgeregt! Wenn ich dahin gehe, muss ich was sagen, von wegen nicht eingeladen, aber mich gibt es! Vielleicht auch Leo ansprechen, seine drohungen etc. 

Der Entschluss ist gefasst, ich fahre! Nicht um dort rumzuwüten,  das würde für mich nicht stimmen. Außerdem solidarisieren die sich dann und wenden sich alle gegen mich. Weitere überlegungen: mit einzelnen, wie mit Birgit, zu reden… Und was dann ansprechen? Mit Maria…, auf sie freue ich mich und die seite will ich auch zulassen! … Hab mit Isabelle telefoniert. Ihr verschlug’s die sprache, weil ich dorthin fahren will. Nur alleine dort aufzutauchen wäre schon wie eine bombe!, meinte Isabelle. 

Und dann notierte ich dies in mein Tagebuch:

ICH HABE ES GESCHAFFT,  G U T  GESCHAFFT!

Ich war tatsächlich auf der geburtstagsfeier meines vaters. In der höhle des löwen! Leo sehr aggressiv! Ich war PRÄSENT! Aber hallo!

Und so berichtete ich der K. in der Therapie davon:

Bald sagte ich: Ich war gestern tatsächlich in B.!! – Oh, oh!, von ihr. Ich erzählte ausführlich, zuerst von der entscheidungsfindung, dabei immer wieder angst und nee, das schaffe ich nicht! Meine lieben hätten mich bei den vorbereitenden gesprächen toll unterstützt, auch lisa! Bald klar, besser alleine dort hinzufahren! – So war es eigentlich von anfang an in mir, ich will und muss das alleine machen! – Ehem! – Das war auch gut so! … So’ne angst, als ich auf die tür zuging, die aufmachen wollte..- Ja! Ja, das glaube ich!, die lady fast stöhnend. 

Die reaktionen: Wer hat denn die eingeladen?, Leo. – Ich nicht!, Adolf. – Nee, wusste ich nicht!, Maria. Ich ging zu vater und mutter, begrüßte beide. – Ich sah zur K rüber, sie war ‚ganz dabei‘! Als ich von Leos wüster beschimpfung sprach von wegen mich rauswerfen, mir ‚aufs maul‘ hauen zu wollen, weil ich sagte, ich komme auch ohne einladung!, da staunte sie. (…) Später die nette reaktion eines neffen, es gäbe hier auch welche, die sich zu benehmen wüssten. Marias unterstützenden worte nach Leos frechheiten. Nun hätte ich das doch geschafft zu kommen, so Maria, solle jetzt nicht zurückweichen, weil ich fast gegangen wäre. Die ma staunte sehr. Ja, das hätte ich Maria auch nicht zugetraut! Hätte mir geholfen, da wäre ich mir nämlich kurz sehr alleine vorgekommen; hätte es dann aber geschafft, wieder gut bei mir zu sein!

Mein längeres gespräch mit dem neffen, mein gefühl, diese generation habe mich offen und interessiert betrachtet. – Mein gefühl, ich habe eindruck hinterlassen, besonders bei der jüngeren generation. – Ja! – Die reaktion meines neffen auf meine erläuterungen der hintergründe, sexuelle gewalt durch meinen vater, zwei der brüder…, dass er keine stellung beziehen würde. Das würde ich auch nicht brauchen! 

Hätte später leo zur rede gestellt. Er wieder so aggressiv! Wovor er angst habe? Er habe keine angst! Habe mir auch nicht auf den Anrufbeantworter gesprochen. Hätten ihn aber einige erkannt!!!!

Mein vater bedankte sich bei meiner verabschiedung für meinen besuch und sagte, mehr müsse er doch nicht sagen! – Nee, aber ich ja wohl auch nicht! – Die ma lächelte. – Danach war ich völlig platt! – Ja! Ja, weich von der ma. Jetzt hätte ich wieder so ein wattegefühl im kopf wie damals, wenn ich vom missbrauch redete. – Ehem! – Ich fühle mama und mamabedürfnisse…., sagte ich leise und nahm mir das kleine rote kissen und schmiegte es an mich.

Aber es wäre auch in mir…, ich ballte die faust: Ich hab’s geschafft! Total klasse! Und es war genau richtig, dass ich dort war und zu mir stand! – Ehem! – Ich will, dass das thema NICHT wieder verschwindet! – Ja! – Aber jetzt bin ich doch platt. – Ja, das glaube ich! Das war doch auch so anstrengend! – Sie pustete die luft aus, schüttelte den kopf: Mensch, mensch! Das war ja was!, und meinte, das werde viel bewegen, bei den anderen, aber auch bei mir. Und sagte dann, lächelnd: TOLL! TOLL!. –

Wir schwiegen. Ich schloss meine augen, sie hatte ihre auch geschlossen. Bin bei der ma! …. Ich konnte nach dem ende der stunde noch bleiben, sie würde in den anderen raum gehen, bot sie mir an. Ich weinte dann heftig….

Mir war es lange Zeit sehr wichtig, dass das Thema nicht wieder ‚unter den Teppich‘ gekehrt wurde. Ich musste nicht mehr darüber reden, wollte aber auch nicht, dass es in Vergessenheit gerät, wieder verdrängt wird. Der Wunsch seitens der Familie, das Thema wieder ‚zu vergessen‘, war und ist z. T. weiterhin da. Wie kann ich das beschreiben? Vielleicht an einem Beispiel. Ein paar Jahre nach dieser Geburtstagsfeier ging es um ein geplantes Zusammentreffen aller Nichten und Neffen; es war die Rede von, wie toll, mal wieder Familienfeier u. ä. Ich äußerte mich dazu  ungefähr so: Na ja, Familienfeier, das sei für mich nicht einfach so leicht und nur ein Hort der Freude, denn zu unserer Familie gehöre immer noch auch das Furchtbare. Und zu diesem Treffen kämen ja nicht nur die Nichten und Neffen, sondern auch Adolf, Leo, vielleicht sogar mein vater… Das könne ich nicht ausblenden, wolle ich auch nicht. Ach ja, stimmt, das war ja noch was!, so ungefähr die Reaktion auf meine Äußerung. Inzwischen ist es so, dass ich nur noch selten das Thema erwähne, aber z. B. meine beiden älteren Schwestern öfter mal darauf zurück kommen oder überhaupt auf die grässlichen Jahre unserer Kindheit… 

Bevor ich nach den Reaktionen meiner Geschwister zu denen meiner mir sehr wichtigen Nichten komme, will ich kurz auch meinen damaligen Mann Philipp und sein Verhalten erwähnen. Er reagierte sehr geschockt,  als ich ihm von den Taten meiner Brüder und später von denen meines Vaters erzählte. Er weinte mit mir und unterstützte mich sehr liebevoll und über Jahre hinweg. Natürlich reagierte er auch wütend. Er wäre meinen Vater und die beiden Brüder am liebsten angegangen, auch körperlich. Aber ihm war auch klar, dass das keine wirkliche Option war. Auf die Auswirkungen auf unser Zusammenleben will ich hier nicht weiter eingehen.

Meine Nichten Isabelle und Ira, die Töchter meiner ältesten Schwester Maria, sind mir seit ihrer Geburt sehr, sehr nahe. Insbesondere ab ihrem Alter von rund 10 und 11 Jahren habe ich sie oft gesehen und erlebt, weil ich zu diesem Zeitpunkt in relative Nähe zu der Familie von Maria zog und die Beiden an manchen Wochenenden bei mir waren und wir öfter was gemeinsam unternahmen. Unser Kontakt ist seit diesen Jahren immer sehr liebevoll und von gegenseitiger Achtung geprägt. Natürlich hatte ich auch ihnen von der sexuellen Gewalt meiner Brüder und meines Vaters so nach und nach erzählt. Beide glaubten mir ohne jeden Zweifel. Isabelle drückte es mal so aus: Wer dich gut kennt, der weiß, dass es stimmt, wenn du das sagst! – Für sie seien Männer, die sowas mit Mädchen machen, Verbrecher. Sie wolle mit denen nichts zu tun haben. Also könne sie auch mit meinem Vater nichts mehr zu tun haben. Ira äußerte sich ähnlich. Aber für beide war es auch furchtbar, da es ja um ihre Onkel und besonders um ihren Opa ging. Meine offenen Worten bzw. die von mit berichteten Taten beeinträchtigten die beiden in der Folgezeit sehr. Sie brauchten Zeit, dies alles zu verkraften. Ira äußerte sich mal so, ich hätte mich sehr verändert, sie wäre erschreckt darüber. Ich wäre jetzt hart und kompromisslos. Meine Wut machte ihr zu schaffen, die konnte sie eine zeitlang nicht gut aushalten; aber das veränderte sich, auch weil ich gelassener wurde. Ich überließ es aber immer ihnen, wie sie sich zu allem verhalten, ob sie meinen Vater treffen wollten oder nicht. Ich machte ihnen keinerlei Druck, das war mir selbst sehr wichtig. Insgesamt waren meine Nichten sehr, sehr solidarisch und unterstützend. Ich schrieb mal in mein Tagebuch: Wie toll, dass Isabelle und Ira auf meiner Seite sind! Wie sehr mich das stützt! Heute kann ich hinzufügen: Wie wertvoll das damals für mich war, besonders angesichts der Tatsache, dass meine beiden ältesten Schwestern dies gerade nicht leisteten oder nicht leisten konnten.

Ich konfrontiere Bernd mit seinen Taten

Erst im achten Jahr meiner Therapie konnte ich diesen Schritt unternehmen,  den ich in der Therapie gut vorbereitet hatte. – Ich muss Bernd ansprechen, ich will ihn konfrontieren! … Ich muss das für mich tun! – Ja! Ehem! – Aber ich habe so eine Angst davor! Totale Angst! … Vielleicht nehme ich jemand mit, zur Unterstützung. – Ich solle doch mal nachspüren, wer dafür in frage käme. Das konnte ich erst einmal nicht beantworten. Ich würde mich fragen, was ich mir von diesem Gespräch wünsche, von ihm selbst? Und fügte weinend hinzu: Am liebsten wäre mir, er würde sagen, ja, das hab ich gemacht und es tut mir so leid! – Ja, ehem!, weich von der K. 

Nach ein, zwei Stunden war ich ganz klar: Ich muss das alleine machen! Ich muss ihn bald anrufen. Und egal, wie er reagiert, ich weiß, was er gemacht hat. – Ja! – Und ich will ihn nicht dämonisieren, damit ich ein Recht auf meine Verletzungen habe. Ich will ihm sagen, wie furchtbar das für mich war. Von all den Jahren der Angst und Panik reden, was das für das Leben eines kleinen Mädchens und dann einer Frau bedeutet. Von all den Auswirkungen will ich reden. Das soll er wissen! – Ja! – Aber ich hab auch Angst, dass er blöd reagiert, dass ich dann nicht weiter weiß. – Vielleicht sollten sie sich das jetzt schon vornehmen, dass sie dann mal rausgehen, in die Küche oder so und schauen, ob noch alles für sie gut ist, ob es für sie noch stimmt. Und wenn nicht, das Gespräch beenden. Sie können ja sagen, es geht nicht mehr, lass’ uns ein anderes mal darüber weiterreden. – Ja! –

Ich hatte ihn zuvor bereits angerufen, er meldete sich paar Tage später, morgen Abend habe er Zeit. Inzwischen war für mich klar, ich will, dass wir uns bei mir treffen. Ich hatte, entgegen meiner ersten Vermutung, doch kein Problem damit, dass ich dann mit ihm alleine bin! Ich spürte weiterhin große Angst und doch war klar, ich will das, muss das für mich machen! Das ist für mich wie Wiedergutmachung! 

Und Bernd kam. Ich hatte ihm angekündigt, ich wolle mit ihm darüber reden, warum wir seit Jahren keinen Kontakt mehr haben, der ja vorher gut war. (Bald nach Beginn meiner zweiten Therapie konnte ich keinen Kontakt mehr zu ihm haben, ihm aber auch nicht den wahren Grund dafür nennen. Das ging einfach noch nicht.) Nun stellte er die Vermutung an, es habe was mit einem Urlaub zu tun, den er mit meiner Schwester und ihrem Mann und nicht mit mir und meinem Ehemann verbracht habe, zusammen mit seiner Frau. Aber nein, das hätte ich doch angesprochen. Aufgeregt und dennoch ruhig, nach anfänglichen Schwierigkeiten, wie damit beginnen, sprach ich von meiner Erinnerung mit ihm, seinem sexuellen Übergriff. Nein, daran könne er sich nicht erinnern. Ich berichtete weiter, auch, dass ich damals zu ihm sagte, Adolf macht das auch. Er habe keine Erinnerung, wirklich nicht, sonst würde er sich sofort entschuldigen, so seine Reaktion. – Ich hab dir das damals mit Adolf gesagt, weil ich hoffte, du willst nicht so sein wie er. Und so reagiertest du damals auch, sagtest, das ist auch nicht ok! Das kommt nicht mehr vor. Und daran hast du dich gehalten! – Wieder sein Erstaunen: Nein, ich kann mich wirklich nicht daran erinnern. Muss ich wohl verdrängt haben, sonst hätte ich dir spätestens nach ein paar Jahren gesagt, tut mir leid, dass ich das gemacht habe. –

Du weißt Bernd, wenn ich das heute zu dir sage, dann stimmt es! – Ja, das weiß ich. – Er fragte, was Adolf denn gemacht habe. Ich sagte nur, dass er mich jahrelang nicht in Ruhe ließ. Aber auch unser Vater… – Wie, der auch? – Ja! – Auch so wie ich? – Nein, schlimmer…. Vergewaltigt. – Ich sagte noch, wer weiß, ob er unsere Mutter, immer gefragt habe… Bernd erzählte von seiner Erinnerung, die er bisher noch niemand gesagt habe. Aus dem Elternschlafzimmer sei die Stimme unser Mutter zu hören gewesen, sie wolle kein Kind mehr haben. Und 9 Monate später sei Leo auf die Welt gekommen. Danach schwiegen wir beide für eine Weile.

Bernd dann: Auch wenn ich mich wirklich nicht daran erinnere, es tut mir leid! Das tut mir wirklich leid! – Ich schwieg, berührt, froh. Nachdem ich bald darauf zu ihm sagte, ich wolle das Gespräch jetzt gerne beenden, es wäre genug für heute, sagte er: Jetzt hast du mir aber eine schwere Hausaufgabe mitgegeben!-

Ich war insgesamt ganz ruhig in mir, ganz klar. Beim Verabschieden gaben wir uns die Hand. Er fragte, ob er mich umarmen dürfen. Nach kurzem Zögern: Ja, ok. – Leichte Umarmung. Anlächeln. Er: Schwesterchen! – Ich, lächelnd zurück: Ja, Brüderchen. – Er ging die Treppe runter, schaute noch mal zurück, sagte nochmal: Schwesterchen. –  Und ich, leicht lächelnd: Brüderchen. –

Ich war sehr berührt. Konnte jedoch nicht fühlen, war das jetzt gut? Erst am nächsten Tag und noch mehr beim Berichten in der Therapiestunde wurde mir bewusst, was ich geleistet hatte. Ich erwähnte gegenüber der Therapeutin auch, dass Bernd mich habe immer ansehen, mir in die Augen habe schauen können. Das sei mir aufgefallen. Irgendwann fing ich während des Berichtens an zu weinen. Sehr weinend sagte ich: Er hat es also doch gesagt! Er hat gesagt: Es tut mir leid! – Ja! – Ich hätte ihm alles sagen können, was ich mir vornahm, auch wie schlecht es mir jahrelang ging, von der Therapie erzählt usw. Zum Abschluss, wieder sehr weinend, sagte ich, was ich gerade fühlte: Was wir dadurch alles verloren haben, er und ich! – Ja! Ehem! – Die Therapeutin war zum einen über die Äußerungen bezüglich meiner Mutter sehr betroffen, zum anderen berührt und angerührt, wie das Treffen verlaufen war, wie gut ich das Gespräch geführt hatte. Auch dass Bernd so toll reagieren konnte. Auch ich spürte immer mehr meine Zufriedenheit, fühlte mich zunehmend glücklicher. 

Ich konfrontiere meine Eltern – ihre Reaktionen

Im Text über die Taten meines Vaters habe ich bereits das eine oder andere Telefonat u. ä. erwähnt. Nun möchte ich noch einmal bzw. genauer von den Reaktionen meiner Eltern berichten. Mir ist besonders wichtig zu zeigen, dass sich die Konfrontation mit ihnen über Jahre hinzog und welche Entwicklung sie genommen hat. Ich staune heute noch, wie hartnäckig ich dabei war – trotz aller Ängste und Bedrohungen. Ich gab nie auf, auch wenn ich zwischendrin lange Zeit gar nichts unternahm, mich still verhielt. 

Zuerst sprach ich meinen Vater am Telefon auf die sexuelle Gewalt an. Das war im vierten Jahr der Therapie, nachdem ich mir darüber, was er mit mir gemacht hatte, immer klarer geworden war. Einige Tage vor dem ersten Anruf träumte ich bereits davon, dass ich ihm am Telefon alles sage. Aber das in der Realität zu schaffen war sehr schwierig. Ich spürte Tage zuvor so viel Wut und Hass auf ihn! Der Impuls, ihn anzurufen, blieb. Aber erstmal musste ich meinen Zorn zulassen; in einer Therapiestunde tobte ich den ausgiebig aus. Einige Tage später rief ich meinen Vater an. Er begrüßte mich freundlich. Ich sagte bald: Kannst du dich erinnern, was du mit mir als kleinem Mädchen gemacht hast? ICH kann mich noch gut erinnern. Habe es nicht vergessen. – Ich sprach von sexuellem Missbrauch. Nein, sowas habe er nicht gemacht, da sei er sich ganz sicher. Ich brach bald zitternd das Gespräch ab. Mein Mann sagte mir danach, dass ich zuvor ganz ruhig und mit erwachsener Stimme gesprochen hätte. Aber zum Schluss hin kippte das, auch deshalb beendete ich das Gespräch. 

Davon berichtete ich in der nächsten Therapiesitzung:

Es schoss aus mir raus: Ich habe gestern meinen vater angerufen! – Sie strahlte mich richtig an, wohl auch überrascht, und forderte mich auf: Erzählen sie! – Das kam lieb und gespannt! – Ich erzählte, aufgewühlt; auch davon, dass ich nach dem Gespräch unsicher wurde durch seine liebe art zu reden. Müsse jetzt erst einmal einen moment still sein. Musste mich wieder spüren, fühlen, was ich sagen will, dass ich dort bin usw. Berichtete vom gespräch mit lisa. – Wir beide denken, gut, dass das endlich mal auf den tisch kommt! Ich musste das loswerden! Das war wie ein zwang! Ich will, dass diese verlogenheit in unserer familie endlich mal ein ende hat! – Ehem! –

Birgit war während meines anrufes gerade bei meinen eltern, sagte mir Maria. – Gut, dann weiß die auch gleich bescheid!, verkündete die K. ganz locker! Erwähnte meine angst vor reaktionen der familie. Aber auch das: Ich musste meine gefühle und erinnerungen mal mit der wirklichkeit konfrontieren, also mit meinem vater, um zu sehen, ob sie dem standhalten. … Ich bin froh, dass es raus ist! – Die K. schlug vor, wegen meiner angst vor der familie, ich könne doch mal meine mutter anrufen, fragen, ob sie das von dem Vater weiß. Das sei unmöglich! Ginge nicht, meine mutter anzurufen. – Das schaffe ich nicht! – Ich sprach noch weiter über mögliche reaktionen meiner familie. Auch, wie es wohl maria und birgit damit geht, wenn sie davon erfahren. Adolf und Leo könnten mich anrufen, mir vorwürfe machen und was weiß ich noch; das wäre schon schlimmer. –

Egal, wer sich meldet. Ich denke, es ist wichtig, dass ich dann ganz bei mir bleibe! Nicht darüber rede, wie es meinem vater geht, sondern wie es mir geht! – Ja!! – Mir war dann ganz schwindlig im kopf. Schweigen. – Hab ich die verantwortung, frau k., wie es den anderen damit geht, meinem vater usw.? – Nein!!, ganz deutlich von ihr, es ist nicht ihre aufgabe, auf deren befinden zu achten. – (…)

Die K. sagte dann noch was zum verhalten meines vaters am telefon. Vielleicht habe er das verdrängt, vielleicht sei es nach dem gespräch wieder da, vielleicht bliebe es bei ihm verdrängt aus schlechtem gewissen. – Sie betonte: Es ist ganz wichtig, dass sie bei sich bleiben! – 

Auf diesen Anruf kamen erstmal keine Reaktionen von meinen Eltern oder meinen Geschwistern. Einige Monate später schaffte ich es doch, auch meine Mutter anzurufen – mit heftigem Herzklopfen, aber ich schaffte es:

Mein vater hörte wohl zu! Ich zu meiner Mutter: Du hast das doch mitgekriegt! Hast dich rumgedreht, es nicht sehen wollen. Ich finde euch so zum kotzen! Ihr kümmert euch überhaupt nicht um mich, kein arsch kümmert sich um mich! Mein Vater ist für mich ein verbrecher. Sie legte wohl an dieser stelle auf. Vorher sagte sie mehrfach, sie glaube mir nicht, wolle aber nicht sagen, dass ich lüge. Was ich mir davon verspräche. Ich sagte, seit ich 17 bin hab ich herzprobleme. Das hab ich doch nicht von ungefähr. Ich hab dir das schon früher gesagt. Sie wolle davon nichts mehr hören. Ich schwöre, ich erinnere mich nicht daran! Ehrenwort! Sie habe aufgelegt, erklärte sie mir, als sie selbst zurückrief, weil sie so nicht mit sich reden lassen wolle. Wieder ging es hin und her, teilweise sehr scharf. Ich betonte, dass es in erster linie um vater ginge, nicht um sie! Was ich mir davon verspräche?, fragte sie. – Endlich mal die wahrheit über unsere familie auszusprechen. Was ich erlebt habe, was mich kaputt gemacht und jahrelang fast in den selbstmord getrieben hat! Und du legst einfach auf, wenn ich die wahrheit sage oder mal laut werde. Ich bin enttäuscht und todtraurig! Enttäuscht bis auf die knochen von dir als mutter. Aber es geht in erster linie um vater! Der hat das gemacht! … und Adolf. Der hat mir jahrelang keine ruhe gelassen, mich begrapscht. – 

Warum ich nicht früher was gesagt hätte? Sie hätte das dann unterbunden. – Weil ein kind das nicht aussprechen kann! Aber ich habe es dir zu verstehen gegeben! Du fragst mich, warum heute erst? Dazu muss frau sehr stark sein. Du siehst ja, was heute abgeht, wo ich das sage! Du fragst ja jetzt auch nicht nach mir, wie das für mich war, welche auswirkungen das hatte usw. Warum kannst du das nicht mal fragen, mutter? – Ich weiß es selbst nicht. Kann es dir nicht sagen! – Es ist wie früher. Damals war ich damit alleine und jetzt auch! Bis auf lisa. Im grunde will es keiner wissen, wird weiter verdrängt, sagte ich traurig. Und fügte noch hinzu: Sage vater einen schönen gruß, ich weiß, dass er das nicht vergessen hat! – Sie wieder, warum erst jetzt? Ich: Es geht darum, warum er das gemacht hat!, schimpfte ich. Ich hätte doch als jugendliche ein gutes verhältnis zu meinem vater gehabt. – Ja, als schutz, weil man weiß, dass einem keiner glaubt! (Und weil frau doch selbst verdrängen muss!) Ist doch heute noch so! – Nein, sie glaube es auch nicht! – Aber ich weiß es! – Ich war dann irgend wann so sauer und ihr geschwätz so leid, so dass ich auflegte mit den worten: Ich hab keinen bock mehr! –

Meine kopfschmerzen danach fast weg! Und ich bin zufrieden mit mir! … Ich lasse denen erstmal noch keine ruhe! Erwarte kein verständnis, will denen aber was zurückgeben! Diese heuchelei ist beendet! ich könnte beide verprügeln! 

In der darauf folgenden Therapiestunde berichtete ich aufgewühlt und wütend von diesem Telefonat. Das habe mir sehr gut getan, hätte meine Wut mal da abladen wollen, wo sie hingehört, aber: … Ich habe meine Mutter früher nicht erreicht und heute auch nicht. Die ist wie Beton! Aber es geht nicht um die! Es geht um mich! – Ja! – Die Therapeutin weiter dazu:

Ich kann sie nur darin unterstützen, dass es nicht um die, sondern um SIE geht! Darum, dass sie sich glauben! Ich will ihnen nicht die illusion rauben, aber die werden das weiter verdrängen. Aber es geht ja um sie! Sie sehen selbst, wie schwer es ist, zu sich zu stehen! Wie viel kraft das kostet! … Sie haben sich jetzt quasi geoutet!, meinte sie lachend. Ich sagte bald, dass ich jetzt erst richtig wut hätte! Herzklopfen vor wut! – Ja, das ist doch ok, das ist doch gut so! Die muss doch mal raus! – 

In den folgenden Tagen sprach ich mit meinen zwei ältesten Schwestern. Ich sprach davon, jetzt ginge es erst richtig los. – Der wird meine Rache zu spüren bekommen. Ich werde die zwei nicht mehr schonen! Gehe vielleicht an die Öffentlichkeit, auch wegen Adolf und Bernd, deren Kinder… – Einen oder zwei Tage später rief meine Mutter an. Mehrmals  sprach sie auf meinen Anrufbeantworter; sie hätten sich überlegt, eine Aussprache wäre gut, wäre an der Zeit. Ich fühlte mich nicht in der Lage zu einer Aussprache. Aber das muss ich doch, muss doch zu allem stehen! Nein, ich bestimme, wann ich eine Aussprache will. In der Therapie sprach ich von meiner Angst, denen zu begegnen, Angst, mich wieder so klein zu fühlen wie früher! Bei mir habe sich doch viel verändert, so die Therapeutin, also verändere sich jetzt auch was, wenn ich denen gegenüber träte. Es sei wichtig zu gucken, was ich jetzt wolle. Wenn ich nicht mit ihnen reden wolle, warum auch immer, dann solle ich es lassen. Ich solle das nur angehen, wenn es für mich stimme. 

Kaum war ich nach dieser Stunde zuhause, rief meine Mutter wieder an; sie sprach auf den Anrufbeantworter.

Ich hörte einen moment zu. Sie hätte ihn immer schützen wollen, das wäre aber nicht so gut, doch besser, wenn er selbst mit mir spricht, das wolle er jetzt tun. Ich schaltete mich ein. Das wäre ja ganz was neues. Wieso sie dann anrufe? Ich war hart und unerbittlich und sie zahm, wenn es ihr auch hörbar schwerfiel! – Wenn er was von mir will, soll er anrufen. – Sie wollte mich unterbrechen. – Halt, mutter, lass mich ausreden! 1. Wenn er mit mir reden will und mir sagen will, er habe nichts gemacht, dann brauchen wir nicht miteinander zu reden. 2. Wenn Vater endlich zu dem steht, was er getan hat, dann soll ER mir das sagen! Ich rede mit ihm also nur, wenn er dazu steht! Und was dann ist, weiß ich noch nicht! – Meine mutter musste sich sehr bemühen, sich zurückzuhalten, weiter zahm zu bleiben! Aber dann kam der clou: Ich weiß ja, was du vorhast. – Was sollte ich vorhaben?, ich ganz unschuldig. Sie mit zunehmend weinerlicher stimme: Ich wollte dir nur sagen… vati kann sich ja an nichts erinnern! Hat ja immer wieder gesagt, er hat nichts gemacht! Wenn du ihn anzeigen willst, sollst du wissen, dass ich – weinerlich – auch den letzten weg mit ihm gehe! Wie bisher zu ihm stehe! – Ich dachte, ich höre nicht recht. Die wissen also nicht, dass das doch verjährt ist! Meine coole antwort: Da kann ich nur sagen, das interessiert mich nicht! Genauso wie es mich nicht interessiert, wie es euch geht.  Auch nicht, wie es maria und birgit geht! …. Ihr fragt auch nicht, wie es mir geht! (…) – Also vati ruft dich an. – Ich wiederholte, aber nur, wenn er dazu steht! – Ende! 

Toll! Das habe ich geschafft! Habe zu mir gestanden! Und zur kleinen Ann! Sehr gutes gefühl, aber auch herzklopfen, magenflattern und -schmerzen, aufgewühlt. 

Auch davon berichtete ich in der Therapie; die Therapeutin freute sich mit mir. – Ich finde es so klasse, dass ich das geschafft habe!, sagte ich strahlend, das hatte ich mir nicht zugetraut! Und dass die mal richtig Schiss haben, das ist doch mal was! – Aber ich sei auch ganz aufgeregt nur beim Gedanken, der ruft an. – Wieso? Sie können das doch! Ging doch richtig gut mit ihrer Mutter! – Ja, aber mit ihm ist das doch anders. – Zum Schluss der Stunde sagte die K. noch etwas zu einem möglichen Telefonat mit meinem Vater: Stellen sie sich vor einen Spiegel, und gucken sie sich bei dem Gespräch an. Legen sie ein Bild von sich daneben, auf dem sie sich stark fühlen. – Beides solle dafür gut sein, wenn ich mich während des Gesprächs nicht mehr so gut fühlen würde, nicht mehr gut bei mir bleiben könne, mich zu stärken. Wenn das Gespräch aber nicht mehr so laufe, wie es gut für mich sei, solle ich es beenden. 

Mir war bald klar, welches Foto ich nehmen will: Ein Foto von meinem 40. Geburtstag, auf dem ich mir gerade eine Zigarette anzünde, dabei fast ein bisschen hochnäsig schaue, jedenfalls fühlte ich mich damals sehr gut und stark. Abends wieder ein Anruf, bei dem sich niemand meldete, wie schon vor einigen Tagen. Jemand pustete dauernd in den Hörer. – Na, kriegst’e keine Luft?, sagte ich und dann: Erschieß dich!, und legte auf. Dachte an meinen Vater und Leo. Wollen die mich einschüchtern? 

Ich notierte in mein Tagebuch: Mein Ziel ist nicht, dass Vater es zugibt! Ich weiß, er hat das gemacht! Ich bin nicht von seiner Bestätigung abhängig. Ich will die drei nicht mehr schützen! Das ist mein Ziel! – Und ich hatte Rachephantasien, u. a. die Reifen an seinem Auto zu zerstechen. Und Sekundenkleber in die Türschlösser zu platzieren. Andrea meinte dazu, das fände sie gut, das sei das Mindeste! Ja, solche Phantasien waren gut, die haben mich aufgebaut, und die finde ich heute noch sehr stark!

Paar Tage später versuchte ich, meinen Vater anzurufen, weil er nicht anrief, aber immer ging meine Mutter ans Telefon. Er solle mich zurückrufen, noch heute Abend. Ja, das mache er. Ich hielt das Gespräch ausführlich in meinem Tagebuch fest:

Er meldete sich mit seiner scheiß harten paschastimme! Ich war sehr aufgeregt, sprach aber von anfang an hart, massiv, kompromisslos! Ließ ihn kaum zu wort kommen! Während der gesamten zeit stand ich vorm spiegel, sah mich an, das bild von mir daneben hingeklebt, aber das brauchte ich nicht! Aber den zettel mit meinen stichworten in der hand. Das war gut!

Inhalt des Gespräches ungefähr so: Er habe nichts gemacht; hätte morgen termin beim rechtsanwalt. – Ich weiß aber, dass du was gemacht hast und du weißt es auch! – Dann würde er es zugeben, meinte er. – Das glaubst du doch selbst nicht! … Ich weiß, dass du geklaut hast! Ich weiß, dass du fahrerflucht begangen hast! Ich weiß alles von dir! (das hat er früher immer zu uns gesagt, er weiß alles!) … Ob du es zugibst oder nicht, ich weiß es! Ich hab’s nicht vergessen! Und wenn du jetzt vor mir stehen würdest, dann würde ich dir links und rechts eine in die fresse geben, freundchen! So hast du doch früher immer zu uns gesagt! Freundchen! Vielleicht würde es dir dann wieder einfallen! …. Mindestens zwei deiner töchter hast du missbraucht! …. Vater, du bist die mieseste sau, die ich kenne! Ein verbrecher! … Ich frage mich, ob deine mutter wusste, was für eine sau du bist. Ich schweige nicht mehr! – Wieso ich nicht schon vor 40 jahren…? Weiß er doch genau, wann das war? – Dann hättet ihr mich in die klapse gesteckt. Aber jetzt bin ich zu stark! Und von wegen rechtsanwalt, das ist völlig egal, was der sagt, ich gehe an die öffentlichkeit. Schweige nicht mehr! Du wirst meine rache zu spüren bekommen, das verspreche ich dir!… – Er auf einmal, leise, mit brüchiger, unsicherer stimme: Hm! Hm! … Und was ist, wenn ich sage, ja, ich habe das gemacht? – Ich war perplex. Überlegte. – Dann steht das im raum, nehme ich es zur kenntnis. Und dann gucken wir, was dann ist. Ich hab nichts mehr zu sagen. – Hm! Hm!, er fast aufgeregt. – Wir beendeten das gespräch.

Meine knie zitterten, ich war völlig fertig. Aber ich sprang vor freude in der wohnung herum. Ein grappa, ex! Bisschen weinen. Angst, war das richtig? Mit lisa telefoniert. Sie: Herzlichen glückwunsch! – Aber die kleine Ann konnte sich nicht freuen!… Aus angst? Oder weil sie ihn auch lieb hat? Ich beschütze dich doch!  … Später bei anrufen angst, schreck und herzklopfen, auch in der nacht. Später besser. Ein foto von ihm mit strengem blick auf die erde gelegt, drauf rum getrampelt und mit einem nagel in seine augen und in seinen kopf gestochen und dann in kleinste fetzen zerrissen.

Von der darauf folgende Therapiestunde zitiere ich ebenfalls mehr oder weniger ausführlich:

Ich berichtete der K., wie’s mir vor dem anruf erging, heftiges herzflattern, ganz schlimm! Wut und hass auf den vater! Da die herzprobleme nicht weggingen, hätte ich den entschuss gefasst, ich rufe ihn an! …. Ich konnte kaum reden. Die K. forderte mich lieb auf, solle eine pause machen, in ruhe atmen usw. Ich legte meinen kuscheligen pulli erst auf meinem schoß, später schmiegte ich ihn an mein herz, und berichtete ausführlich. Ich konnte alles erzählen, ohne mich zu schämen! Als ich von seiner unsicherheit zum schluss berichtete, seiner frage, und was ist, wenn ich sage, ja, ich habe das gemacht…, da ließ die K. einen laut des erstaunens los. Ich berichtete weiter, auch wie es mir danach erging. Die lady guckte zufrieden, das war nicht zu übersehen. – Ich finde es wirklich klasse, dass ich das alles sagen konnte! Dass ich das geschafft habe! Es ist das mindeste, was der verdient hat! – Tränen… – Aber am liebsten wäre mir doch, das wäre alles nicht so… (also nicht gewesen) Würde es am liebsten aus mir rausreißen. – 

Wir sprachen darüber, warum ich mich jetzt so beschissen fühle. Die K. schilderte mir ihr gefühl dazu: Sie haben ja keine zweifel mehr! Indem sie ihm das sagten, zweifeln sie ja nicht mehr an dem, was er gemacht hat. Und jetzt ist es offiziell! Jetzt sind sie quasi in die öffentlichkeit damit gegangen…, indem sie es ihm sagten, dazu gestanden haben. UND IHR VATER HAT ES JA ZUGEGEBEN! BESTÄTIGT! – Haben sie das so verstanden? – Ja! Ich verstehe das so! Und das müssen sie erst eimal verkraften! –

Ich hatte mich in ihre richtung gesetzt, guckte sie meist direkt an. (…) Sie hatte noch ganz fröhlich gesagt: Ich hab gestern schon gespürt, dass das ansteht, sie ihn anrufen werden. Es war fällig! Sie hatten sich ja dafür entschieden, ja, ich will mir das angucken, will das angehen! – Bei mir immer wieder mama, mama. Wir schwiegen. Sie mal mit geschlossenen augen. Ich sah sie an! Das war so schön! Mir liefen die tränen! Sie fragte nach. Hätte weiter herzprobleme. Sie: Ich hab vorhin schon gedacht, man müsste ihr kleines herz beschützen. Beschützend in beide hände nehmen! – Sie guckte so lieb, so innig.

Später fragte sie, was ich denn jetzt fühlen würde. – Mama!, leise sagte ich es, beschämt, mama! – Was könnte ihr herz denn jetzt gebrauchen? Was würde ihnen gut tun? – Die mama soll es in den arm nehmen, mich in den arm nehmen! – Ja! Ja! Das machen wir! Das ist gut!,  und sie kam fröhlich auf mich zu, streckte mir ihre arme entgegen, kniete sich mir gegenüber auf die matratze, ganz dicht, nahm meine beiden hände und drückte sie ganz fest und ich ihre auch. Wir hielten uns so, sahen uns in die augen…… Und sie lächelte und schaute mich so lieb an! Ich sah in ihre augen, sah mir ihr gesicht genau an… und wieder in ihre augen. Wollte sie später gar nicht loslassen, sagte es auch. Sie lächelte darüber, hielt weiter meine hände… Als sie draußen war, weinte ich ganz viel. (…) 

Nach der Stunde rief ich meine Freundin P. an, erzählte ihr alles. – Du bist so mutig!, sagte sie; und auch sie verstand die Aussage meines Vaters als Eingeständnis! Die Sportfrauen waren richtig begeistert, als ich vom Anruf berichtete. Ich war allerdings weiter eher niedergeschlagen und hatte auch weiterhin Herzprobleme.

Vier Tage später erreicht mich ein Brief des Rechtsanwaltes meines Vaters, meiner Eltern! Ich las den Brief mit tobendem Herzen und mit zunehmender, glühender Wut! Der Inhalt ungefähr so: Ich solle die Behauptungen und Belästigungen (Anrufe bei den Eltern) sein lassen. Androhung einer hohen Strafe, wenn ich meine Anschuldigungen aufrecht hielte bzw. wiederholen würde. Dann würden sie auf Unterlassung klagen, und das würde teuer für mich. Ich solle das Treiben beenden, sonst würde der Rechtsanwalt mit allen Mitteln dafür sorgen. Und der Höhepunkt seines Schreibens: Ich solle einen seriösen Facharzt aufsuchen! … Also einen Psychiater. – Die werden mich noch kennenlernen!, so eine meiner ersten Reaktionen. – Das ist doch ein einziger Einschüchterungsversuch! – Außerdem fragte ich bei meiner Rechtsanwältin wegen eines Beratungstermins nach. Und noch einige Tage später erfolgte der erste Drohanruf meines Bruders Leo, von dem ich bereits berichtete. 

In den darauf folgenden Monaten ließ ich den Brief auf mich wirken; von der ersten heftigen Wut, ich lasse mich nicht einschüchtern, blieb zeitweilig nicht viel übrig. Nicht nur der Brief des Rechtsanwaltes, auch die Bedrohungen durch meinen Bruder Leo hatten mir zeitweise große Angst gemacht. Ich entschied mich, erst einmal Ruhe zu bewahren, arbeitete in der Therapie weiter an mir und an diesem, aber auch an vielen anderen Themen. Einige Monate später beriet ich mit meiner Rechtsanwältin einen von mir verfassten Briefentwurf an meine Eltern. Der sei zu scharf formuliert, es bestehe die Gefahr einer Klage seitens meiner Eltern, so die Rechtsanwältin. Vor Gericht hätte ich keine Chancen. Ich reagierte wütend und frustriert, auch wenn ich mit dieser Auskunft gerechnet hatte. Wieder ließ ich alles auf mich wirken und notierte dann in mein Tagebuch: Das, was ich wollte, habe ich schon erreicht. Ich habe ihn und meine Mutter konfrontiert, und ich habe es so gesagt, wie ich es fühlte und wollte, also offen und wütend. Mehr oder weniger die ganze Familie weiß es jetzt! Das Tabu ist gebrochen. Ich habe mir und meinen Erinnerungen geglaubt. Ob er es zugibt oder nicht ist unerheblich!

Bei dieser Haltung blieb ich, und es bestätigte sich: Das Thema war nun auf dem Tisch. Ich schwieg nicht bei Gesprächen mit dem Teil der Familie, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt in Kontakt war. Das Tabu war gebrochen. Daran konnte auch der Brief des Rechtsanwaltes meines Vaters nichts mehr ändern!

Kontaktwünsche bzw. Konfrontationen mit meiner Mutter und ihre Reaktionen

Was Konfrontationen mit meinen Eltern anbetrifft unternahm ich in den nächsten zwei, drei Jahren nichts. Aber meine Mutter rief mich zu meinem 50. Geburtstag zu meiner großen Überraschung an. Sie sprach auf meinen Anrufbeantworter, sie habe sich schon lange einmal melden wollen. Leider rief sie sich danach nicht noch einmal an. Nach langem Hin und Her schrieb ich ihr eine Karte; ich würde sie gerne treffen, ihr etwas Schönes von mir erzählen. Ja, bei mir hatte sich was verändert. Nun musste ich nicht mehr wüten, nun wollte ich einfach wieder in Kontakt mit meiner Mutter kommen und schauen, wie es mir und uns damit geht. Leider reagierte sie nicht auf meine Post, was mich immer verzweifelter und wütender machte. Seit längerem tauchten sogar wieder solche Gefühle auf: Es nützt doch alles nichts. Am besten tot sein. …. Aber ich will doch leben!, erkannte ich, ich weiß nur nicht mehr weiter! – Und ich fragte mich: Geht es nicht darum, dass ich mit meinen Eltern nicht weiterkomme? Besonders nicht mit meiner Mutter? Geht es nicht darum, dass sich meine Mutter nicht meldet? Bin ich ihr das nicht wert? Werte ich mich ab, weil ich ihr das nicht wert bin, dass sie sich mal meldet? – Es fiel mir schwer, nach all den Jahren voller Traurigkeit, Wut und Hass nun dazu zu stehen, ich habe das Bedürfnis, meine Mutter noch mal zu sehen! Für mich war das noch nicht abgeschlossen. Es kam mir vor, wie eine Baustelle, die noch nicht fertig ist. Meine Therapeutin bestärkte mich, meine Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen, egal, wie meine Mutter reagieren würde. 

Darüber sprachen wir u. a. und besonders in einer Therapiestunde rund zwei Monate nach meinem Geburtstag. Nach dieser Stunde fand ich zuhause einen Brief meiner Schwester Maria vor, in dem sie mich wissen ließ, dass meine Mutter in der Klinik läge, dass Mutter von mir gesprochen habe, von mir als kleinem Mädchen. Ich rief sofort bei der K. an, las ihr den Brief vor. – Ach, das rührt mich aber jetzt! Das rührt mich wirklich!, so ihre Reaktion. Wir sprachen über die Klinik und dass ich meine Mutter besuchen wolle. Nun konnte ich sie doch endlich einmal ohne meinen Vater treffen! – Ich muss da jetzt hingehen! – Ja! – Die K. gab mir noch verschiedene Tipps. Ich rief Maria an, mit der ich zum damaligen Zeitpunkt keinen Kontakt hatte, weil sie es so wünschte. Ich bedankte mich für ihre Post. Ich notierte in mein Tagebuch: Ich freue mich! Ich freue mich, meine Mutter wiederzusehen! –

Am nächsten Morgen hörte ich eine von mir sehr geliebte Callas-Arie zweimal hinter einander und fuhr dann mit meiner Freundin B. ins Krankenhaus zu meiner Mutter. (Das war das Schöne, was ich meiner Mutter berichten wollte, dass ich mich in eine Frau verliebt hatte. Und das sagte ich Mutter dann auch; sie reagierte überraschend lieb und positiv.) 

Ich war erstaunlich ruhig, aber je näher ich dem Krankenhaus kam, dem Zimmer meiner Mutter, um so aufgeregter war ich. Ihr Anblick war ein bisschen überraschend, ich hatte sie ja 8 oder 9 Jahre nicht mehr gesehen, aber Vieles an ihr war mir so vertraut. Ich fasse das Treffen mal so zusammen: Meine Mutter reagierte ganz aufgeschlossen auf meinen Besuch. Nach meiner Karte an sie habe sie zuerst gedacht, nein, ein für alle mal sei es aus zwischen uns. Aber sie habe auch sehr geweint. Sie habe eigentlich nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, andererseits würde uns doch was verbinden. Wir hätten uns doch immer gut verstanden. Sie fragte, wie es mir gehe, nach meiner Arbeit usw. So redeten wir eine Weile miteinander. Zum Schluss fragte ich sie, ob sie möchte, dass ich wiederkomme? Dazu müsse sie doch nichts sagen. Doch! Und sie sagte: Ja! Ich war hinterher so froh, so glücklich, endlich wieder mit ihr in Kontakt gekommen zu sein.  Sofort der Wunsch in mir, sie bald wieder aufzusuchen, da sie noch eine Weile im Krankenhaus bleiben musste. 

Ich war so froh, dass und wie ich das geschafft hatte, und berichtete entsprechend freudig davon in der Therapie. Gestand der Therapeutin auch, dass ich schon vor der letzten Therapiestunde fühlte, ich habe alle, meine ganze Familie auch irgendwie noch lieb. Müsse ich zugeben. Obwohl die das alle gemacht haben, wären auch liebe Gefühle für die da. Und ich betonte, wie froh ich war, dass ich meine Mutter aufsuchte, dass ich das geschafft hatte. Ja, es rühre sie sehr, so die Therapeutin, auch: Dass ihre Mutter so reagierte, sich so darauf einließ! Sie müssen nochmal zu ihr! – Ja, das habe ich vor! – 

Ich rief meine Mutter an, sagte, ich wolle wieder kommen, denn nach B. zu ihr nach Hause, das ginge ja nicht. Ja, mein Besuch sei ihr gut bekommen. Auf den Rat meiner Therapeutin hin kündigte ich am nächsten Tag meinen Besuch für den Abend bei ihr an und bat meine Mutter, dafür zu sorgen, dass wir alleine sind. – Nein, du brauchst keine Bedenken zu haben! Komm nur! Wir sind für uns! – 

Gegen Abend war ich dann fast zwei Stunden bei meiner Mutter – und mir ihr alleine! Ich war dieses Mal alleine zu ihr gegangen, und das war gut und passend. Sie hatte schon auf mich gewartet, sich schön gekleidet, frisiert. Ich war weicher gestimmt als bei unserem ersten Treffen, sie ebenfalls. Mir kamen immer wieder Tränen. Es war auf eine schöne Art nahe zwischen uns. Ich sprach von meinen Gedanken, weil sie sich nicht meldete, ich sei ihr wohl nichts wert. Nein, das sei nicht so, das wisse ich doch. Ich sagte ihr auch, dass ich sie in den letzten Jahren doch sehr vermisst hätte. Wie es ihr denn damit gegangen wäre, dass wir keinen Kontakt hatten? Das habe sie einfach verdrängt. Beim Verabschieden sagte ich: Die zwei Stunden werden wir doch nie vergessen? – Nein, die vergessen wir nicht! – Was war ich mir danach so dankbar, dass und wie ich das geschafft hatte. Es kam mir vor, als habe ich mir damit selbst ein schönes Geschenk gemacht. 

In der folgenden Therapiestunde, ich hatte ausführlich berichtet, meinte die K., meine Mutter habe sicher alles verdrängt, hätte sie wohl gemusst, denn wie hätte sie das sonst aushalten können? Sonst hätte sie sich von meinem Vater trennen müssen. – Aber es ist ja nicht alles weg!, so weiter die Therapeutin, ihre Mutter weiß ja schon irgendwie, was los ist. Sie sagte doch, du kannst kommen, wir sind alleine, brauchst keine Bedenken zu haben. Da hat sie ja an ihren Vater gedacht! Aber ich bin auch überrascht, wie ihre Mutter doch in der Lage ist, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Das finde ich erstaunlich und schön! – Sie habe eher damit gerechnet, dass meine Mutter mich abschmettert.

Bei mir kamen nach der Freude starke Bedenken auf, berechtigte, wie ich noch heute finde, nämlich diese: Habe ich mich nicht mit diesen Besuchen selbst verraten? Was ist damit, dass sie früher so hart war, dass sie nicht für mich da war, mich nicht beschützte? Was ist mit meiner Enttäuschung? – Mir wurde immer klarer, ich muss noch einmal offene Worte an sie richten! – Aber mache ich mir damit nicht das Schöne weg? Nein, im Gegenteil, ich mache es klar! Ich stehe damit zu mir!, erkannte ich.

Ich ging am nächsten Tag, gleich früh am Morgen, wieder zu meiner Mutter ins Krankenhaus. Ich hatte das Gefühl, ich muss dort hin! Muss zu ihr! Tue es für mich! – Und wenn sie blöd reagiert, bleibe ich gut und ruhig bei mir! – Als ich ankam, sagte mir ein Arzt, dass meine Mutter an diesem Tag nach hause käme. – Wie gut, dass ich hier bin! Wie gut!, dachte ich. Sie war überrascht, dass ich kam. Ihr ging es nicht so gut. – Oh je, kann ich denn dann ernst mit ihr reden? Verkraftet sie das? – Der Arzt beschrieb ihren Zustand aber bald als nicht schlimm, der habe mit der Tabletten-Umstellung zu tun. 

Es war schwierig zu beginnen. Ich gebe meine Tagebuchnotizen von diesem Besuch gekürzt wieder:

Vorher hatte sie schon gesagt, wie schön es wäre, dass wir uns jetzt paarmal sahen, wieder kontakt haben! – Das werden wir nicht vergessen!, sagte sie! Ich solle sie doch zuhause anrufen. – Bevor wir deine tasche packen, will ich dir noch was schönes und was ernstes sagen!, mutti. Und ich möchte deine hände halten! – Und das tat ich.

Das schöne sei, dass wir diese stunden zusammen erlebt haben usw. – Und das schwere?, fragte sie sofort. Schwierig zu beginnen, aber ich schaffte es. – Dass ich in den letzten jahren keinen kontakt zu euch haben konnte, das hatte auch mit dir zu tun. In erster linie mit dem, was ich dir gesagt habe… – So ungefähr begann ich. Sie gleich dazwischen: Ja, aber man muss doch auch mal einen schlussstrich ziehen! Jetzt sind wir ja wieder zusammen. – Moment, mutter, höre bitte erstmal zu! – Ja! – Ich bin hierher gekommen, aber das, was ich dir gesagt hatte, was vater, adolf und aernd gemacht haben, das gilt immer noch! Und das war der hauptgrund dafür, dass ich mich zurück zog! Aber es hat auch mit dir zu tun! Es war früher für mich ganz schlimm… – wir sahen uns dauernd an, in die augen – …dass du mir nicht geholfen hast! – Ja! – Dass du mich nicht beschützt, nicht geschützt hast! – Ja!, wieder ernst von ihr. – Dass du nicht genug für mich da warst. – Ja. – Evtl. an dieser stelle sagte sie: Wir waren doch so viele. – Moment, mutter! – Ja. – Ich weiß, dass es schwer für dich war, aber ich hätte deine hilfe gebraucht! – Ja. – Und dass du in den letzten jahren wieder auf der seite von vater warst! Nicht auf meiner! Auch deshalb hat es auch mit dir zu tun! – Ja. Man kann es ja nicht vergessen, aber wir können doch trotzdem jetzt einen schlussstrich ziehen. Jetzt sind wir doch wieder zusammen. – Ja, mutti! Ich bin ja auch hier! (…) Aber es war sehr schwer für mich, auch in den letzten jahren. – Sie kam wieder mit, ich sei ihr die liebste gewesen u. ä. 

Ich sagte noch, ich hätte die erinnerung, dass ich sie schon als kind gestützt hätte, sehr für sie da war. Ob sie das auch so erinnere? – Ja! – Wir sprachen über ein anderes Familiengeheimnis, das mit ihrer Kindheit zu tun hatte. Wir könnten das aber doch anders machen, deshalb müssten wir darüber reden. – Es ist doch in deinem herzen und in meinem drin! Es ist doch sowieso da! Und jetzt haben wir es angesprochen, ausgesprochen. Das ist doch besser. Es geht doch anders auch nicht weg! – Ja. – Wenn man jemanden lieb hat, kann man auch das schlimme sagen. Das schöne bleibt doch da. – Alles so oder ähnlich von mir. – Jetzt haben wir uns ja wieder. Und das, was jetzt hier war, das vergessen wir nicht!, betonte sie wieder. – Nein! – Ich hielt weiter ihre hände, schaute sie an. Ach, war das ein wundervoller augenblick für mich. Ich sagte ihr, dass ich in den letzten jahren sehr gelitten hätte; hätte es doch jahrelang am herz gehabt, psychische ursache; viele jahre therapie, dadurch ginge es mir jetzt viel besser. – Ja, du wirkst auch ganz ruhig und ausgeglichen. – (…)

Wir beide waren dann so froh! Ich packte zusammen mit meiner mutter ihre tasche. Nur noch fünf minuten zeit. Wolle gerne noch mit ihr zusammensitzen. Wir setzten uns gegenüber. Ich hielt ihre hände. Wir redeten noch ein bisschen. Könnten uns doch mal wieder treffen, indem vater sie in ein café o. ä. fährt. Ach, das schaffen wir schon. Wir verabschiedeten uns. Sie gab mir einen kuss auf den mund, das war mir zu nah; ich küsste sie auf die wangen und ging. Und war so glücklich! Unbeschreiblich glücklich und froh! Zufrieden mit mir! Lief durch den tiefen schnee. Bus fahren? Nein, muss mich bewegen! Ich strahlte, lief los, ging und hüpfte durch den schnee und strahlte! Hatte noch zeit für einen kakao mit sahne und croissant im café, dann glückstrahlend zu meiner mama, zur K.!

Ich habe es geschafft, meiner mutter alles offen zu sagen! 

In der anschließenden Therapiestunde berichtete ich natürlich ausführlich. Auch dass mir zuerst danach war, am liebsten keine offenen Worte zu sagen, aber ich hätte es doch nicht weiter mit mir rum tragen wollen. – Ich musste zu ihr! Ich musste ihr das sagen! Das war so stark!  – Ja! – Zum Ende meines Erzählens meinte ich zu der K.: Das ist doch auch für uns beide schön, oder?, ich meinte für die K. und mich. – Ja!, weich, lächelnd. 

Nach diesen Treffen spürte ich paarmal richtig Sehnsucht nach meiner Mutter, nach der schönen Nähe. Ich telefonierte auch mal mit ihr. Besuchte sie während eines weiteren Klinikaufenthaltes und auch mal im Pflegeheim, in das sie später kam. Zu diesem Zeitpunkt war sie leider schon sehr verwirrt.

Ich möchte noch eine Bemerkung von Maria wiedergeben, die nicht verstand, dass ich mit unserer Mutter zu so einem Kontakt kommen konnte, dass ich so auf sie zugehen konnte. Gerade mit dieser Veränderung meiner Gefühle und Wünsche hatte ich ja selbst sehr gehadert, mich doch selbst gefragt, verrate ich mich nicht? Meine Antwort gegenüber Maria lautete damals ungefähr so: Ja, ich hatte jahrelang große Wut, sogar Hass und war unendlich traurig und maßlos enttäuscht von unserer Mutter. – Dass es sehr gut war, all diese Gefühle zuzulassen. Nun hätte ich diesen Teil meiner Vergangenheit angenommen, aber nichts von dem, was ich unserer Mutter vorwarf, wäre deshalb vergessen. Aber ich hätte mich mit dem guten und lieben Teil von ihr versöhnt. 

Bis heute geht es mir so mit den Zusammentreffen mit meiner Mutter wie schon damals beschrieben, ich habe mir ein Geschenk gemacht, ihr und mir. Wie gut, dass ich es auch noch schaffte, offen mit ihr zu reden, ihr nicht nur am Telefon meine Vorwürfe gemacht, sondern sie im persönlichen Gespräch nochmal mit all dem konfrontiert und so gut zu mir gestanden zu haben. Das alles hinterlässt bis heute in mir ein ganz ruhiges und schönes Gefühl, wenn auch mal, durch irgendeine Erinnerung angestoßen, wieder Wut, Traurigkeit und Enttäuschung da sind. Ich habe allerdings lange arbeiten müssen, diese Spaltung hinzubekommen, die lieben und schönen Gefühle und die Wut anzunehmen, beides nebeneinander stehen zu lassen. Und das möchte ich noch hinzufügen: Als meine Mutter wieder in der Klinik lag, tat sie mir so leid, weil es ihr so schlecht ging, total leid. Und das konnte ich gut annehmen, und nicht nur das. Ich sagte damals in der Therapie: 

(…) Ich finde es gut, dass ich das so fühlen kann. Und geradezu spannend, dass auch weiterhin alle meine enttäuschungen, verletzungen, wie sehr ich mich in all den jahren über sie geärgert habe, dass das alles auch noch da ist! Es ist schon verwirrend, dass sie mir jetzt so leid tut. … Aber ich finde es gut, dass ich beides fühlen kann! Wäre doch furchtbar, wenn ich jetzt, wo es ihr so schlecht geht, alles andere wegmachen würde! – Ja! – Das fühlt sich richtig gut an. Das macht mich ganz ruhig, dass beides da ist! – 

Ich kann gar nicht beschreiben, WIE gut sich das anfühlt!, fügte ich damals in meinem Tagebuch hinzu.

 

Weitere Konfrontationen mit meinem Vater und seine Reaktionen

Nun hatte ich, wie erwähnt, nach dem Brief des Rechtsanwaltes erst einmal Ruhe gegeben, hatte in der Therapie weiter an mir und an aktuellen Entwicklungen bei mir gearbeitet. Und ich hatte mich mit meiner Mutter auseinander gesetzt, die beschriebenen Treffen mit ihr in der Klinik, damit einen positiven Abschluss mit ihr gefunden. Aber das Thema ‚mein Vater‘ war für mich noch nicht abgeschlossen. Mir wurde zunehmend klarer, ich muss zu ihm, ihn persönlich konfrontieren! Natürlich tauchten vorher Zweifel und Bedenken auf, ob und wie ich das schaffe. Hätte es am liebsten gehabt, so äußerte ich mich auch der Therapeutin gegenüber, dass sie mit mir zu ihm fährt, so wie ich es früher gerne gehabt hätte, wenn Maria mit mir zu ihm gegangen wäre. Aber es wäre auch in mir, ich muss das alleine bewältigen. Sie meinte, ich könne doch daran denken, dass sie gedanklich bei mir sei. Und wir würden das doch alles vorher besprechen. Klar war: Ich muss das jetzt machen! Das steht jetzt an! Ich will ihn mit mir konfrontieren und mich mit ihm!  – Da meine Mutter wieder im Krankenhaus lag, mein Vater somit alleine in deren Wohnung, würde ich ungestört mit ihm reden können.

In meinem Tagebuch notierte ich fast zwei Seiten, was ich meinem Vater sagen wollte. Hier ein paar Punkte daraus:

Kannst du dir überhaupt vorstellen, was das mit mir gemacht hat? Dass du mich fast zerstört hast! Mein leben nahezu zerstört hast! 

All die jahre die ängste, schmerzen, verzweiflung. Ich wollte nicht mehr leben! Nicht mit dem wissen leben, mein vater hat das mit mir gemacht! Und meine brüder, deine söhne! 

Ich hab dich doch so lieb gehabt! Du bist doch mein vater! 

Wie gerne hätte ich einen anderen vater gehabt, der mich liebt und achtet, meinen körper achtet und mich beschützt und nicht das gegenteil tut! 

Was warst du früher für ein arroganter, überheblicher macho! Wie toll hast du dich aber immer hingestellt. Hattest ja auch viel zu verbergen! 

Was hast du uns früher in angst und schrecken versetzt! 

Ich spürte zunehmend, am liebsten mit niemand groß über meinen Plan reden zu wollen, nur in der Therapie. Ich notierte dazu in meinem Tagebuch: Das ist meine Sache! Ich will alleine spüren, was ich sagen, wie ich mich verhalten will! Fühle auch Stärke in mir. Ich schaffe auch diesen Schritt! – Wie ich diesen Schritt in der Therapiestunde vorbereitete und das Zusammentreffen mit meinem Vater gestaltete, das möchte ich hier durch meine Notizen von damals wiedergeben:

Ich fing bald an zu reden. – Dienstag nach der Stunde wäre ich am liebsten gleich zu meinem vater gefahren, damit ich es hinter mir habe! – Sie lächelte. Mir sei auch klar, ist mein ding, kann nur ich bewältigen, kann mir niemand abnehmen! Ein zusammentreffen mit meinem vater sei aber schon ein anderes vorhaben als das treffen mit meiner mutter. Zu ihr hätte ich doch fast spontan hingehen können. Die K. erinnerte mich aber daran, dass wir darüber hier ja auch redeten, ich mich lange zuvor schon damit auseinander gesetzt hätte, dass ich meine mutter sehen wollte, ihr geschrieben hatte usw.; das sei hier doch jahrelang thema gewesen. Ja, das stimme. Ein treffen mit meinem vater dagegen noch nie. – Ich fühle es glas klar, ich will ihn treffen. – Später die lady dazu, wenn das so klar sei, dass ich das wolle, dann würde ich das auch schaffen!

Ich ging mit ihr verschiedene punkte durch. Was ist, wenn er mich nicht in die wohnung lässt, schimpft oder mich dann rauswirft usw.?Mir sei wichtig, immer wieder zu überprüfen, stimmt es noch für mich oder will ich gehen. Und: Es geht mir nicht darum, dass er was zugibt! Ich will mich nicht davon abhängig machen, wie er reagiert! – Ich sagte aber auch: Wieso muss ich immer kämpfen? – Die lady meinte, darum gehe es doch nicht. Das habe was depressives, wenn ich das so sehen würde. – Es geht doch darum, sich für sich einzusetzen! – Wenn ich so jammern würde, könne ich gar nicht meine eigene stärke spüren! Ich hatte erzählt, wäre vor der stunde so ein antrieb in mir gewesen, mit ihr rumzustreiten; wolle wohl das thema verdrängen. Madame … (so nannte ich sie innerlich immer dann, wenn ich sie streng erlebte oder wenn sie sich soverhielt, wie es mir nicht passte!) Also Madame stellte bald darauf klar, eigentlich wäre es doch so, ich wäre sauer auf sie, dass sie mir das nicht abnimmt! Sie machte mich mit jammernder stimme nach. Müsse ich jetzt aushalten, ihre reaktion auf meinen protest. Ich wolle doch bedauert werden! – Du hast es ja so schwer, u. ä. von ihr. Sie könne jetzt auch 3 stunden mit mir so jammern und leiden, und wir kämen erst danach zu dem treffen mit meinem vater. – Und dann würden sie denken, nur weil ich das alles so mit ihnen mitgemacht habe, deshalb haben sie das dann geschafft. Und darum geht es mir: Dann würden sie nicht ihre eigene kraft spüren! Nicht spüren, dass SIE das alles geschafft haben! – Mit direktem blick: Haben sie mich verstanden? – Nein, ich habe sie überhaupt nicht verstanden! – Sie lachte. Sie könne doch mal zugeben, dass das ein schwerer schritt ist. Das habe sie mir doch schon 100, 150mal klar zu verstehen gegeben, dass sie weiß, wie hart das ist. Sie sah mich direkt an: Können sie sich nicht vorstellen, dass wir uns hinterher gemeinsam freuen? – Blick in ihre augen. Berührt. – Oder auch gemeinsam traurig sind? – Berührt. Für mich. Mama. Ach, kam das gut. 

Welches bild ich dazu habe, meinem vater zu begegnen? Diese frage von ihr wollte ich nun beantworten. Erst war gar nichts da, schwieg ich, aber dann: Ich habe angst zu spüren, dass ich ihn noch lieb habe. – Pause. – Und dass ich vielleicht mitleid mit ihm habe wegen seines alters. – Pause. Dann richtete ich mich auf, kniete mich aufrecht auf meine matratze, und sagte mit geschlossenen augen langsam und ruhig:

Ich will mich mit meinem vater konfrontieren. Mit dem, was ich jetzt weiß, vor ihn hintreten, ihn angucken, in seine augen schauen. Mit dem, was ich erinnerte, mit meinen gefühlen, meinem körper erinnerte vor ihn hintreten und vor ihm damit bestehen können! – Ehem, weich von ihr. – Ja, das ist mir ganz wichtig! Ich will gucken, wie es mir damit geht! – Ich öffnete meine augen. Als ich mit das dann vorstellte, spürte ich totale aufregung. – Ich will ihm sagen, welchen schaden er damit bei mir angerichtet hat! Wie schlimm das für mich war! – Ehem! – Das ist ganz wichtig für mich, dass ich auch das zu ihm sage! Dass ich das kaum überlebte! – 

Dann stellte sich mir die frage, wie komme ich in die wohnung, wenn er das nicht will? – Ach, ich komme da schon rein! … Aber was ist, wenn er das abstreitet, mit lieber papastimme sagt, nein! Und er habe mich doch lieb gehabt oder so etwas? – Wir redeten eine weile darüber. Die lady sagte u. a., das sei ja abspalten, verdrängen! So wäre das dann auch für ihn, hat er nicht getan! So würden es selbst triebtäter machen, die ihre opfer umbringen; die wüssten das dann wirklich nicht mehr! Sie erinnerte mich daran, dass ich das ja auch verdrängt hätte. – Wenn vor jahren jemand zu ihnen gesagt hätte, dein vater hat dich missbraucht, da hätten sie geantwortet, nein, auf keinen fall! – Ich verstand. Sie schlug noch vor, auf seine verneinung zu sagen, ich weiß es aber, dass du das gemacht hast! Und ich weiß, dass du auch eine andere seite hattest.

Sie fasste es zusammen mit den worten, es gehe mir ja darum, ihn zu treffen, gehe um die begegnung mit meinem vater. – Ja! Und ihm zu sagen, was er damit angerichtet hat! – Ja, weich von ihr.

Den weiteren Fortgang zitiere ich verkürzt aus meinem Tagebuch: 

Nach hause, kopfschmerzen, aufgeregt. Ich will noch heute zu ihm fahren! Im Büro sagte ich ab wegen Kopfschmerzen. Wie gut, dass ich heute in der therapiestunde alles so offen sagte. Die worte der lady: Es ginge darum, dass ich es alleine schaffe! Dass ich spüre, ich habe diese kraft! Toll, dass sie so stur ist!

ICH, DIE ANN, ICH HABE ES GESCHAFFT! Ich war in B. bei meinem vater!

Aber der reihe nach: Fuhr erst zum krankenhaus, aufgeregt. Meine mutter auf einem stuhl sitzend, mein vater auch da. Kurz: Hallo vater! Dann zu meiner mutter. Hallo mutter! Sie: Das ist ja eine überraschung! Setz dich zu mir! – Das tat ich, Vater ging raus! Ich sprach dann relativ entspannt mit meiner mutter. Schön, dich zu sehen, sagte sie, und sie erzählte, wie es ihr geht. Abgenommen. Zu müde zum essen. Würde so viel vergessen und das bereite ihr kummer! Nach knapp 10 Min. kam der alte wieder rein, lief herum. Ich sah ihn mir an, 85 jahre alt, sieht aber eher aus wie 75. Meine mutter sagte, sie sei müde, wolle sich legen, besser, ich ginge. Kein problem, kann ja wiederkommen. Drückte sie leicht. Tschüss vater. Ging locker und aufrecht an ihm vorbei und raus! Froh, das schon mal gepackt zu haben.

Zu Andrea. Komm, setz dich zu uns. Eis essen. Spielte dann mit linda. Das war so schön! Ihre lachenden, strahlenden augen. Und wenn sie mama sagt! Wundervoll! Dachte an meine geliebte mama, die therapeutin!

Um 18 uhr, aufgeregt: Ich fahre jetzt. – Andrea drückte mich lieb. – Wenn du willst, komm doch hinterher wieder her! – Ja! –

So aufgeregt! Die wundervolle natur auf der fahrt nach B… Das kam so gut! Ann, denk an Italien! Nur an diese eine furchtbare nacht in Italien! Das sagte ich mir 2, 3mal, das genügte. Aufgeregt, aber auch irgendwie ruhig, wahrscheinlich weil so klar, fuhr ich nach B.

Bei meinem Vater: 

Nach meinem klingeln, es dauerte, kam in grässlichem, hartem tonfall: Ja? – Hier ist Ann. Ich will kurz mit dir reden! Geht das? – Er öffnete. 

Ich fasse das wesentliche zusammen: Er wünschte, dass ich mich aufs sofa setze. Ich zog den sessel vor, sagte, damit ich dich ansehen kann. Fragte: Hast du mir nichts zu sagen? – Erinnerte ihn an das, was er mit mir gemacht hat. Er sofort, fast aggressiv, hätte er nicht, wenn, dann aus versehen. Stellte zusammenhang her, nur Leo erbt, wir alle nicht, deshalb käme ich jetzt mit dem vorwurf. – So ein unsinn! Das geht mir am arsch vorbei!, meine entgegnung. – Ich weiß, dass du das gemacht hast! – Blieb meist ganz ruhig, sah ihn immer an. Er guckte oft weg, aber wir sahen uns auch mal richtig in die augen! Wieder, er hätte das nicht gemacht. Ich entgegnete, er hätte das auch mit lisa gemacht! Keine reaktion, soweit ich erinnere. Er habe damals nicht gewollt, als ich klein war, dass ich zu ihm ins bett komme. Ich, ganz ruhig, stellte klar, es sei normal, dass ein kleines mädchen zu seinem papa ins bett will, käme aber auf den papa an, was der dann mache!

Warum ich erst jetzt damit käme, die übliche frage kam also auch, jetzt, wo er doch krank sei usw. Ich sagte wieder: Ich weiß, dass du das gemacht hast! – Sprach auch davon, wie schlimm das für mich war und noch ist. Meine herzprobleme, die vielen nächte mit großer angst! Zum schluss dann, sah ihn mir an, das wohnzimmer, sagte: Ich weiß, dass du das gemacht hast. Und ich habe es dir jetzt gesagt! Ich wollte dich mal sehen, mir meinen vater mit diesem wissen angucken! Du bist ein alter mann, hättest jetzt die möglichkeit, mit deinem leben ins reine zu kommen! – Das lehnt er aggressiv ab! Ich nahm meine lederjacke, ging raus. Er stand auf. Ich sagte tschüss und ging, aufrecht, ruhiger.

Ich fuhr zurück, weinte fast, aber spürte bald große Erleichterung. – Ich hab’s geschafft! Mama, ich hab’s geschafft! Danach also wieder bei Andrea. Gemeinsames Abendessen, nachdem ich Andrea kurz berichtet hatte. Spielte noch mit Linda, zog sie aus, wusch sie. So schön war das! Fuhr dann nach hause, so platt, aber auch total froh: Ich hab’s geschafft!

Telefonierte mit P. (Freundin), wolle ihr was schönes sagen. Berichtete. – Ich bin stolz auf dich!, sie sehr begeistert, auch darüber, wie du jetzt mit deiner mutter umgehen kannst. – Sie richtete an die K. ein kompliment aus. 

Ich war völlig platt, aber zufrieden!

Am nächsten tag: das gesicht meines vaters vor mir, eklig! Bedürfnis, meine wohnungstüre abzuschließen, Angst vor Leo etc.! … War gut, dass die K. sagte, besser, alleine zu meinem vater zu gehen etc., damit ich meine kraft spüre, erlebe, ich habe das ganz alleine geschafft! In ihren gedanken hat sie mich ja begleitet, und ich hab sie ja auch in mir, die mama! … Heute wieder das gefühl, das war noch nicht das letzte gespräch mit ihm.

In der darauf folgenden Therapiestunde berichtete ich ausführlich:

Ich sah die K. über den spiegel an, sie lächelte, und ich sagte, deutlich, wort für wort: Ich war bei meinem vater! Ich hab’s doch tatsächlich geschafft! – Und dann redete ich gleich los, oft mit geschlossenen augen; sah sie zwischendrin aber auch an und sie mich, lächelnd, froh. Immer wieder ihre bestätigungen, ihr nicken. Schön! Ich saß ganz aufrecht, berichtete. Im büro abgesagt. Zur klinik. So aufgeregt, aber auch ruhig. Die lady fragte auf einmal, wie ich denn gekleidet gewesen wäre. – Schwarze jeans, das hellblaue kaputzenshirt und die kleine schwarze lederjacke so seitlich über der schulter getragen. – Gut! – Vater bei meiner mutter im krankenhaus; der sei inzwischen kleiner als ich, und das fänd ich gut! Die K. lachte. Danach zu andrea, mit linda gespielt. – Das hat mir so gut getan! – Ja, mit liebevollem lächeln. – Um 18 musste ich dann los, konnte es nicht mehr abwarten, fuhr nach B. Auf der fahrt war in mir, wenn es irgendwann mal komisch wird oder so, Ann, dann denke an die nacht in italien! Nur daran! – Sie verstand. Er hätte mich gleich in die wohnung gelassen. Ich hätte ihn immer anschauen können, in seine augen, er habe aber oft weggeschaut! Sei aggressiv und arrogant gewesen. Seine aussage von wegen vergewaltigung: vielleicht aus versehen. Meine entrüstung: Ein kleines mädchen aus versehen vergewaltigen, das gibt’s ja wohl nicht! – Nein, habe er nicht gemacht. Sähe zusammenhang mit dem haus, das er nur Leo vererbte. Und Lisa und ich würden uns das einbilden mit der sexuellen gewalt. 

Ich hätte ihn eklig gefunden, sein gesicht, seinen kopf, seine augen! Hätte ihm nicht die hand geben können, so eklig!

Welchen schaden er angerichtet habe, herzprobleme, die ängste nachts, jahrelang. Hätte alles gesagt, was ich ihm sagen wollte! Ich erwähnte, hätte vorher mit niemand darüber geredet, dass ich das vorhatte. – Und ich bin ganz alleine hingefahren, das war total ok! – Ihr blick, wundervoll!

Danach wieder zu andrea, das habe sie mir angeboten. Essen mit linda, mit ihr gespielt. – Das hat so gut getan! – Ja, von der lächelnden ma. Eineinhalb jahre sei linda jetzt. Hätte sie dann gewaschen, frische windeln. Die ma lächelte, aber wie! – Hab mich bei andrea sehr geborgen gefühlt. – Ehem! – Zuhause war ich dann total platt, erschöpft. – Ehem! – 

Schon bald sei in mir gewesen, vielleicht noch mal mit ihm reden zu wollen. Mein gefühl, mit meiner mutter…, das wäre irgendwie abgeschlossen. –  Habe nicht vergessen, was sie gemacht hat, wie sie sich verhielt. Aber ich kann mit ihr zu tun haben. Für mich fühlt sich das wie rund an. Da bin ich ganz ruhig! – Ehem! – Mit meiner mutter wäre sowas da wie bin versöhnt, mit meinem vater ist das unvorstellbar! – Ja, fest von der K. Solle doch mal in mich reinspüren, welcher teil von mir sowas gerne hätte wie versöhnen. … Vielleicht die kleine Ann, die sich mit einem teil von ihm versöhnen wolle. – Aber es ist auch wut da bei der kleinen Ann! Sie ist traurig, aber auch total wütend auf ihn! – Ehem! – Ich hatte das bild, ihn mit meinen kinderfäusten auf seine brust zu schlagen, zu trommeln. Die große Ann wolle sich nicht versöhnen, sagte ich noch. Nein, das passe auch nicht. Die große Ann, die erwachsene, sei ja die, die an gerechtigkeit, recht und gesetz glaube und selbst danach lebe. Der vater müsse eigentlich bestraft werden. So oder ähnlich von ihr.

Also mein gefühl, das thema mein vater ist noch nicht abgeschlossen. Die Lady: Jetzt seien sie erstmal stolz auf sich! Und freuen sie sich, dass sie das geschafft haben. Das andere kommt dann noch! – 

Ich kann ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich das geschafft habe! – Ja! – Wir sprachen noch davon, dass er das ja verdrängt haben mag. Ich würde das aber nicht recht glauben. Wie ich ihn kennen würde, spätestens nach dem ich das aussprach, würde er das wieder wissen. –

Unglaublich, dass ich ihm, meinem vater, diesem patriarch, so gegenüber trat! – Ja! – Dass ich ihn anguckte, immer in seine augen sah! Das alleine ist schon der hammer!, so o. ä., lachend. – Wo er doch früher der herr über das gucken, unseren blick war! Guck mich an! Guck unter dich! Also nach dem motto: wie kannst du es wagen, mich anzusehen! Dich erdreisten! – Ja! – So ging’s doch zu bei uns. Und jetzt gucke ich ihn dauernd an, aber ER kann mich nicht ansehen! – Sie lachte: Alleine schon die formulierung, guck unter dich! – Ja, aber das ist mir so vertraut. Wie ein geflügeltes wort! – Ja, ja, verstehe ich schon, aber was für eine formulierung! – Ich sprach wieder davon, dass er nur aggressiv und arrogant war. Und dann die lady: Das muss ich jetzt noch sagen: A Arrogant! Aggressiv! Arschloch! – Wunderbar, fand ich köstlich! – Ja, arrogantes arschloch! Das ist er! – Sie lachte: Das war vorhin schon in mir, als sie sagten, er war aggressiv, arrogant. Da dachte ich schon dauernd, das dritte A fehlt, Arschloch! Das muss noch dazu! – Ach, diese tolle, tolle mama! –

Wir strahlten uns an, über den spiegel. Kurz für mich, dann: So ist gerade mein gefühl: Mama, ich hab’s geschafft! – Sah sie bisschen verlegen an. Sie lächelte mich so wundervoll an….

Nach diesem Gespräch mit meinem Vater war das Thema für mich tatsächlich noch längst nicht abgeschlossen, aber einen ersten großen Schritt dazu hatte ich getan. Das stärkte mich sehr. Im Herbst des gleichen Jahres kam ich wieder auf diese Thematik zurück. Es ging erst einmal darum, dass ich über die mangelnde Solidarität meiner Schwestern und von Heiner sprach. Dass keine und keiner mich unterstützte oder gar zu meinem Vater begleiten wollte. Die Therapeutin deutete diesen Wunsch von mir auch dahin gehend, dass ich gerne zur Familie gehören wolle. Jeder wolle in seiner Familie bleiben, auch wenn es da noch so heftig abginge. Aber das müsse sie auch sagen: Die Auseinandersetzung mit ihrem Vater können sie nur selbst leisten! Und sie müssen für sich einen Weg finden, wie sie das mit ihrem Vater weiter verfolgen oder abschließen wollen!, so oder ähnlich ganz fest von ihr. Ich verstand sie absolut. Von wegen Klima in der Familie, keine Solidarität, dazu erzählte ich ihr, dass der Mann von Maria meinte, ICH hätte den Eltern einen Rechtsanwaltsbrief zukommen lassen, dabei sei es doch gerade umgekehrt gewesen! Unglaublich, wie gut Verdrängung funktioniert!, kann ich dazu nur sagen. Ich wurde mir immer klarer: Ich werde nichts zurücknehmen, nicht wieder schweigen und auch nicht klein beigeben. Ich werde keine Ruhe geben! Ich muss und werde mich ganz alleine mit ihm auseinandersetzen. Aber das brauchte noch Zeit, ich brauchte noch Zeit.

Im März des darauf folgenden Jahres ging es wieder darum, wie will ich das Thema ‚mein Vater‘ abschließen? Da fehlt noch was!, das spürte ich ganz klar. Und kam dann in der Therapie an Gefühle, die mir lieb und nicht so lieb waren:

Das mit meinem vater sei für mich noch nicht abgeschlossen, da fehle noch was. Hätte gerne was versöhnlicheres. Dass was von ihm käme. – Und was wünschen sie sich von ihm? Können sie da mal phantasieren?, weich von der K. – Ich sag mal… im idealfall…, dass er auf mich zukommt, sagt, es tut ihm leid! – Ich weinte sehr: Dass er sagt, es tut mir so leid! Ich verstehe auch nicht, warum ich das gemacht habe! – Mir fiele jetzt nur das ein. Die lady meinte, dahinter verberge sich ja, dass ich weiß, es gab auch schönes zwischen ihm und mir. – Ja, das weiß ich schon noch! Ich wollte es ja jahrelang nicht wahrhaben, dass ich ihn auch noch irgendwie lieb mag. Ich verstehe es ja selbst nicht! – Sie sagte noch einiges dazu, u. a. dass er mich doch auch lieb hatte. Ich, weinend: Aber das macht es ja noch schlimmer, dass er dann so was gemacht hat! Ist doch erst recht nicht zu verstehen! – Nein, das ist auch einfach nicht zu verstehen! – 

Die K sagte dann zu meinem wunsch, dass er sich entschuldigen möge: Ich kann das so gut verstehen, dass sie sich das von ihm wünschen! Aber damit machen sie sich ja sehr von ihm abhängig!, sie sah mich eindringlich und lieb dabei an. – Ja, das stimmt. – Sie denkt, mein vater hat seine taten 100% verdrängt, genauso wie Bernd. Ich bin nicht so überzeugt davon, aber es kann ja sein. Auf Bernd wäre ja auch ich zugegangen, bei meinem vater müsse ebenfalls ich das tun, wenn ich da was für mich wolle. – Und damit machen sie sich auch unabhängig von ihm! Sie können das, auf die zugehen! Die ja nicht! Die haben so eine abwehr aufgebaut! – Ich verstand schon, was sie meinte, sagte aber auch: Ich könnte ihm eigentlich nur noch in die fresse hauen! – Etwas später: Irgendwie muss ich das abschließen, damit ich ihm gegenüber ruhiger werde, aber ich weiß noch nicht wie! –

Es fiel mir so schwer, diese Seite in mir anzunehmen. Nun hatte ich doch solange mit meinen Eltern, besonders mit meinem Vater, gehadert, hatte  heftige Wut und Zorn gespürt und ausgetobt, ihn gehasst… und nun wünschte ich mir, dass er mal lieber drauf ist. Als ich das in einer weiteren Stunde aussprach, musste ich weinen, spürte einerseits Ekel und andererseits, ja, das wünsche ich mir. Und das konnte ich gar nicht gut annehmen. Die Therapeutin erinnerte mich wieder daran, er sei nun mal mein Vater, und es habe doch auch Schönes mit ihm gegeben. Aber sie könne es wirklich gut verstehen, dass es sehr schwer für mich sei, das anzunehmen. Einerseits seine Taten, die Verletzungen durch ihn und dann diese Wünsche. Das zu integrieren, diese gegensätzlichen Gefühle, das wäre einfach kaum zu leisten. Nun sei ich in Kontakt mit ihm gekommen, könne nun in Ruhe schauen, was ich noch wolle, damit es dann rund für mich sei. 

Aber es ging erst einmal weiter um meine Schwierigkeiten, dass ich Wünsche ihm gegenüber hegte, auch noch liebe Gefühle für ihn spürte. Die K. vermutete sogar, dass ich mir nicht nur was Liebes von ihm wünsche, sondern ich ihm auch was Liebes geben wolle. Das sei ja noch schwerer zu akzeptieren, so meine Reaktion darauf. Wieder half mir die Therapeutin, das zu verstehen und anzunehmen, indem sie sagte: Wenn jemand einen so verletzt hat, ist es fast nicht möglich, so einen Wunsch zu akzeptieren. Das ist ja geradezu verrückt! Aber es ist so! Und daran merken sie, dass sie noch Gefühle für ihren Vater haben, an diesen Wünschen. Das ist zwar kaum zu akzeptieren, aber es ist sehr gut, dass es so ist! – 

Vorläufig gab es keine weiteren Kontakte mit meinem Vater. Erst bei seiner im Zusammenhang mit Leo bereits erwähnten Geburtstagsfeier im Altenheim begegneten wir uns wieder. Dort hatte ich ja mehr mit Leo zu kämpfen und dagegenzuhalten als mit meinem Vater, der völlig friedlich blieb – ich ebenso. Das wäre auch kein passender Rahmen für weitere Auseinandersetzungen mit ihm gewesen, das war klar. Als ich mich von meinem Vater verabschiedete, bedankte er sich für meinen Besuch und sagte, mehr müsse er ja nicht sagen. Ich hatte entgegnet: Ich ja wohl auch nicht! – Mit diesem ‚mehr muss ich ja nicht sagen‘, so die Ansicht meiner Therapeutin damals, hab er seine Taten ja zugegeben. Für mich war das einfach nur eine Floskel von ihm.

Ende Oktober des gleichen Jahres hatte mich seit ein paar Wochen die Frage beschäftigt, was mir wichtig war und zum Bearbeiten in meiner Therapie noch anstand. Dabei wurde ganz schnell klar: Mein Vater! Das mit meinem Vater will ich zu Ende bringen, unbedingt noch bevor er stirbt! (…) Das ist mir das Wichtigste! – Und ich begann sogleich. Zuerst ging es noch einmal darum, warum ich ihn schone, um Schuld, Schuldgefühle und seine Verantwortung (dazu ausführlich im Kapitel WEITERE ASPEKTE).

Aber es war schwierig, mich wieder oder nochmals auf das Thema einzulassen. Was ich gerne noch schaffen würde, beschrieb ich in der Therapie so: Ich würde gerne meinem Vater schildern, wie das alles für mich war, ihm sagen, dass er das nicht hätte tun dürfen und was er damit bei mir angerichtet hat! … Und hätte gerne, dass er innerlich davon berührt ist. – Aber das würde wohl nicht so sein.  Doch ich erkannte: Es geht ja darum, dass ich ihm das sage, das alles, und damit dazu stehe, was es für mich bedeutet! Ja, darum geht es mir! – Ich wolle ihm gegenüber treten, aber hätte Angst, dass ich dann nicht kühl und stark, sondern berührt sei. Ich wolle meine Verletztheit, meine Trauer, meine Schmerzen nicht zeigen, hatte ich wütend und weinend hinzugefügt. Ich sprach auch von meinem Gefühl, egal, was ich sage oder mache, er bleibt der Sieger, der Starke, der Große! Dagegen könne ich nichts tun, so die Therapeutin, er sei der Vater und bleibe es und ich die Tochter, so ungefähr drückte sie sich wohl aus. Sie vermutete hinter meinem Wunsch, er soll nicht stark sein, meine Wut auf ihn. 

Für mich selbst überraschend beschlichen mich auch wieder Zweifel an dem, was ich vor ein paar Jahren in der Therapie erinnerte. Oh nein, das nicht wieder! Weil es jetzt konkret wurde, meinen Vater nochmal zur Rede zu stellen? Wahrscheinlich. Das bereitete mir erst einmal zwei quälende Therapiestunden, wie ich sie lange nicht mehr erlebt hatte. Aber ich blieb dabei, ich will nochmal zu ihm, mit ihm reden. Es ginge darum, ihm gegenüber zu mir zu stehen!, betonte auch die Therapeutin. Ja, darum würde ich doch gerade ringen. 

Ich stellte mir in der Therapie vor, ihm zu begegnen und dabei gut zu mir zu stehen. Ich würde es so fühlen, dass uns das trenne, meinen Vater und mich. Ja, das sei ein ganz wichtiger Punkt, mich getrennt von ihm zu fühlen, bestätigte die K. Und ich erkannte: Würde ich nicht nochmal vor ihn hintreten, das wäre für mich, als würde ich alles wieder zurücknehmen. – Ich müsse und wolle mich nochmal mit ihm auseinander setzen, auch wenn von ihm nur Abwehr käme, womit die K. rechnete. Ich eigentlich auch.

In der folgenden Stunde sagte ich, ich sei selbst überrascht, dass auf einmal wieder Zweifel aufgetaucht seien und dass ich mich gefragt hätte, wofür die jetzt gut seien? – Und dann war das klare Gefühl in mir: Ich will die Verantwortung für mich übernehmen! – Ich würde mich dabei ganz aufrecht und kraftvoll fühlen. – Ich will das und kann das auch! –

Ich wolle mir nicht nochmal alles angucken, es sei jetzt genug! – Ich weiß, dass was war und was war! Ich will nichts hinzufügen und auch nichts wegmachen von dem, was ich erinnere, was mein Vater gemacht hat! – Ich hatte hinzugefügt, ich könne mich gegenüber meinem Vater ja darauf berufen, dass meine Mutter seine Taten bestätigte. Das wolle ich aber nicht. – Es geht darum, dass ich mir glaube und das genügt! Es geht darum, ihm gegenüber zu mir zu stehen. – Damit übernähme ich auch für mich die Verantwortung! So würde ich es fühlen. Ich hätte ein Bild in mir: Ich übergebe ihm wie ein Päckchen und das ist SEIN Päckchen! … Wir sind zwei getrennte Menschen. Er hat das gemacht. Er hat die Verantwortung dafür. Das ist ganz alleine seine Verantwortung! So empfinde ich jetzt das Bild mit dem Päckchen: Ich übergebe ihm damit die Verantwortung. – Ehem!, immer wieder kamen diese Bestätigungen von der K. – Er hat die Verantwortung für seine Taten. Und ich dafür, wie ich damit zurecht komme! – All das fühlte ich klar, und es fühlte sich gut an.

 

Im weiteren Verlauf der Stunde stellte ich mir dann vor, meinem Vater zu begegnen mit all dem, was ich erinnert hatte:

Wieder tauche so ein komisches gefühl auf, als käme ich nicht gegen ihn an, sagte ich zur lady. Sie fragte nach. Ich nahm mir viel zeit. Beschrieb es dann so: Es wäre wie ein brei, wie was über mich gestülptes, schweres, breiiges. Ich hätte große mühe, darunter hervorzukommen. Sie sagte nach einer kleinen weile, für sie fühle es sich so an, als würde ich mir wünschen, dass er sich entschuldigt und sagt, dass es ihm leid tue. Als würde ich mir wiedergutmachung wünschen. Ich schwieg, berührt von ihren worten. Spürte dem nach: … Was wünsche ich mir von meinem vater? …. Dass er sagt, ann, es tut mir leid! … – Ehem!, ganz tief und weich von ihr. – …. Dass er sich entschuldigt. – Bernd habe sich ja auch nicht erinnert, aber gesagt, wenn es so war, dann tut es mir  sehr leid. – Ja! – Auch meine mutter habe es geschafft, sich darauf einzulassen, sich das alles anzuhören und es zuzugeben. Die habe damit doch was tolles, auch für sich selbst, geschafft! Ja, aber von meinem vater sei das nicht zu erwarten, meinte die K., und dennoch würde sie es mir wünschen.

Irgendwann sprach ich davon, eine freundin habe am samstag gesagt, dass es so schwer sei, den eltern offene worte zu sagen. Obwohl wir schon so alt, sei es immer noch so schwer! So würde ich es auch empfinden. Nachdenklich sagte ich, irgendwie sei mir so, ihn nicht nochmal mit aller vehemenz anzusprechen. Zweifel tauchten auf. Gehe ich meiner wut aus dem weg? Aber das gefühl blieb. Nicht wütend, sondern ganz ruhig und fest ihm die verantwortung übergeben, so wolle ich es tun.

Ich kam wieder darauf zurück, was ich mir von ihm wünsche, nämlich dass er sich entschuldigt, sagt, es tue ihm leid. Aber das würde er wohl nicht schaffen. – Ich hätte ihn gerne mal leise… Dass er von seinem thron runterkommt, nicht rum poldert, sondern hinguckt!, so o. ä. beschrieb ich es. Ich hätte mir doch immer gewünscht, ihm groß und erwachsen und fest entgegentreten zu können…. Jetzt, bei der phantasie, er gibt nichts zu, käme er mir kleiner vor, ich eher stärker… – Ehem!, betont. Und ich fühlte ganz deutlich, wenn er sich auf meine Worte einlassen, sich auch entschuldigen könnte, dann würde ich ihn nicht klein und schwach erleben. Aber wenn er so hart und unerbittlich bleibt wie bisher, dann empfinde ich ihn schwach! Das war ein tolles erlebnis, das so zu erkennen, zu spüren! 

Ich kam in dieser Stunde noch zu dem Schluss: Annehmen, dass er das gemacht hat, ja, aber verzeihen, nein, verzeihen das geht nicht! – Die Therapeutin daraufhin, ganz vehement: Nein, verzeihen, das ginge zu weit! … Vielleicht sollte es heißen. Verstehen! Ja, verstehen, warum er das gemacht hat, warum er so geworden ist. Das hatten wir ja schon öfter, angucken, woher der Vater kommt, seine Geschichte anschauen! Aber verzeihen, nein, das nicht!, betonte sie nochmals. Ja, das war auch für mich unmöglich.

Noch heute erinnere ich mich daran, wie dann immer mehr der Entschluss in mir reifte, zu meinem Vater ins Altenheim zu fahren. Paar Tage nach der gerade erwähnten Therapiestunde war es dann soweit. Ich war abends gegen halb sechs dort, er war alleine… Davon berichtete ich am nächsten Tag in der Therapie und die Tagebuchaufzeichnungen dazu gebe ich hier relativ ungekürzt wieder:

Bevor ich mich auf die couch legte, sagte ich: Ich war gestern bei meinem vater! – Oh! Neuigkeiten!, und sie lachte und holte ihren Fußschemel herbei, sah mich gespannt und lächelnd an. – Ja, neuigkeiten! Spannend! Ich war gestern bei ihm, und das will ich ihnen erzählen. – Ich legte mich auf die Couch und begann zu berichten.

Dienstag, schon nach der stunde irgendwie klar, muss das bald machen, am besten am sonntag. Aber auch, würde es am liebsten rausschieben. Im laufe der woche immer klarer, sonntag fahre ich zu ihm. Auch klar in mir, will ihn nicht aggressiv angehen, damit er nicht nur abwehren kann und muss! – Ehem! – Wollte in ruhe mit ihm reden!, und so hätte ich dann auch begonnen. 

Zuerst meine frage, wie es ihm mit dem tod meiner mutter gehe? Ich hätte gleich anschließend mein gespräch mit ihr von vor zwei jahren erwähnt, unser reden über die zeit, als ich kind war, was für mich schwer war damals usw. Dass wir gut miteinander geredet hätten, so dass ich, als sie starb, ganz ruhig war mit dem gefühl, wir haben einen guten abschluss hinbekommen! Ich wäre heute bei ihm, weil ich nach ihm sehen und auch mit ihm reden wolle über das vor 2 jahren erwähnte. Er hatte es vergessen. Sexueller Missbrauch!, sagte ich. Er hätte sofort angefangen zu schwitzen, sich ganz oft den schweiß abgewischt! Will er nicht drüber reden, hat er nicht gemacht, gleich massivst abblockend. Und dabei blieb er. Irgendwann dann bei mir der punkt, jetzt kann ich eigentlich nur noch gehen! Aber dann wäre ich doch total unzufrieden! Ich berichtete weiter, er habe zwischendrin von leuten aus b., meiner heimatstadt, erzählt. Ich sei aber immer wieder auf den grund meines dortseins zurückgekommen. Mein entschluss: Nein, ich gehe jetzt nicht! Ich bleibe! Hielt auch das zeitweilige schweigen aus. Ich halte das aus, das wir hier zusammen sitzen, und er muss es auch aushalten! 

Hätte ihm von Bernd erzählt, der sich auch nicht erinnerte, weil verdrängt, der sich dann aber entschuldigte. Mutter habe es auch geschafft! Mein vater dazu: Sie habe zu ihm immer gesagt, nein, das war nicht so! Kann nicht sein! Was sie denn zu mir gesagt habe? Ich wiederholte es, erzählte es genau, sprach von ihren Jas! Könne er nicht verstehen. Ich blieb bei meiner klarheit! Auch wenn er sich nicht erinnere, ich wisse es! 

Wieder habe er angeführt, weil ich nichts erben würde, würde ich damit kommen. Da gäbe es zeitlichen zusammenhang. Meine entgegnung, ob er wirklich denke, wegen des erbes würde ich so eine schwerwiegende sache in die welt setzen, so was sagen?

Wieso er, wenn er das nicht gemacht habe, nicht wenigstens mal frage, was denn Adolf und Bernd gemacht hätten, seine söhne, mit mir, seiner tochter? Er wolle über dieses thema nicht reden! Sei für ihn ein tabu-thema! Fände ich erstaunlich, dass er das sagte, tabu! – Ehem, ehem!, immer wieder zwischendrin von der ma. –

Also ich blieb. Und ich blieb beharrlich! Fragte ihn, ob er mal so ins grab gehen wolle? Wir so verbleiben sollen? Seine stimmung sei dann irgendwann gekippt. Er habe sich schon so oft und lange damit abgequält, beschäftigt, aber nein, habe er nicht gemacht! Ich hätte ihm, fast weinend, gesagt, wie lange und wie schlecht es mir ging, berichtete ich weiter der K., ihm davon erzählt, wie oft in mir war, vom balkon zu springen u.ä. Nochmal oder immer wieder meine frage, wenn er sterben würde, das mit ins grab nehmen? Dass er dann nicht mehr laut, sondern berührt reagierte, doch auf das gespräch eingehend. Und dann er, ganz emotional: Ja, dann entschuldige ich mich! Tut es mir leid! – Die hände vor der brust gegeneinander. Dann, weiter sehr emotional, aber das nütze doch nichts oder nichts mehr. Und er habe das doch nicht gemacht! – Die K. ließ irgendwie ihr berührtsein vernehmen.

Ich sagte, dass mir hinterher so klar wurde, wie gut es war, nicht gegangen zu sein! Auszuharren, das auszuhalten. Und dann habe sich ja auch was verändert. – Ja!, ganz fest von ihr, sonst wären sie hinterher sehr gefrustet gewesen! – Ja! – Ich hätte mir doch gewünscht, dass er mal leiser, sich mal berührt zeige. So ungefähr sei es dann gewesen. Er nicht mehr abblockend, sondern sichtlich aufgewühlt. …

Er und meine mutter hätten, so die aussage meines vaters, mein jahreslanges nicht mehr melden mit schlechtem gewissen meinerseits gedeutet. Die ma lachte: Ja, so machen die das! Die fanden doch schon immer entschuldigungen oder deutungen, so wie es für sie passte. – Ja! – Ich habe gegenüber meinen eltern kein schlechtes gewissen! Überhaupt keins! – Ja! –

Ich erzählte weiter. Irgendwann bei mir das gefühl, weil er so aufgewühlt, alter mann und so, muss das gespräch in eine ruhigere form bringen. – Ja! – Hätte ich gemacht. Erwähnte, dass er meinte, ich solle mir von dem schmuck meiner mutter was aussuchen, was ich getan hätte. Zum schluss des gesprächs habe mein vater sich in die hose geschissen, was für mich wie ein zeichen dafür war, dass er nicht mehr so kontrolliert war. Klar, ist alter mann, passiere ihm auch sonst, wie er sagte. – Aber es passte! – Ehem! – 

Mein gefühl, besonders jetzt beim erzählen: Gut! Das war gut! – Ja! – Gut, dass ich nicht ging, sondern blieb, beharrlich war! – Ja! …. Ihr vater will seine tochter nicht verlieren!, so deutete sie das ganze. Für mich habe sich mit dem gespräch gestern wirklich was verändert! – Ja!, wieder fest von ihr. – Dass ich mich unabhängig von ihm fühlte, klar war und dass ich zu mir stand und nicht wegging! Das hat einfach viel ausgemacht! – Ja! Gestern konnten sie aushalten zu bleiben! Zuvor war es ja anders gewesen, dass sie quasi gehen mussten! Aber jetzt haben sie solange mit ihrem vater zusammensitzen können! – Ja! Auch weil ich ganz klar bin! – Es habe sich auch deshalb was verändert, weil er sich doch irgendwann berührt zeigte, sich damit auf ein gespräch einließ. – Wenn er jetzt sterben würde, wäre es für mich anders als zuvor! – Ja! – Vor ihm zu mir zu stehen wäre dann doch nicht so schwer gewesen wie gedacht!

Er sei zum schluss sehr aufgewühlt gewesen, dass ich fast ein schlechtes gewissen bekommen hätte, weil es ihm sichtlich nicht gut ging. Ich hätte aber gedacht, das muss er jetzt mal aushalten, ich habe auch so viel ausgehalten! Die lady meinte, ich brauchte kein schlechtes gewissen zu haben. Er sei ein alter mann, dem es auch so mal nicht so gut ginge.

Ich hatte noch erwähnt, dass ich bewegt zu ihm sagte, ich hätte ihn doch mal so lieb gehabt! Ob er sich daran erinnere? Er habe immer so lieb ‚annelein‘ zu mir gesagt! Klar würde er sich daran erinnern. Und daraufhin seine entschuldigung ….

Alles so ungefähr; war auch noch mehr, was wir in dieser Stunde redeten, das hier das wesentlichste! Ich brauchte die gesamte stunde zum berichten, deuten. Setzte mich dann auf. – Schön! … Gut!, sagte die ma! Und sie lächelte mich an und ich sie! Dann sagte sie: Jetzt sind sie aber stolz auf sich! – Ich lächelte: Ja! – Sie strahlen mich ja so sehr an!, und sie strahlte und lächelte dann auch sehr! – Ja! Ja, das stimmt, von wegen stolz! Aber sie haben es doch auch miterlebt, nur die letzten wochen jetzt hier. Wie schwer das war! – Ja!, und sie lächelte mich richtig berührt an. Mir kamen fast die tränen. Ich ging, ganz glücklich und berührt. 

In der folgenden Stunde sprach ich darüber, wie froh ich über das Erreichte war. – Das kommt besonders dadurch, dass ich zu mir stand, mal ganz abgesehen davon, wie mein Vater regierte. – Ja! Weil sie standhielten! – Dass ich meine gefühlten Erinnerungen, erinnerten Bilder gegen meinen Vater vertreten konnte, Wahnsinn!, so schrieb ich ein paar Tage später in mein Tagebuch, und dass es einfach unbeschreiblich ist, was ich damit für mich erreichte. Ich war mir selbst dankbar. 

Das berührt mich immer noch sehr, dass ich die Konfrontation nochmal suchte und wie fest ich blieb und was ich erreichte. Das war ich mir schuldig, mir und der kleinen Ann. So sehe ich das noch heute! 

Zudem ist für mich folgendes besonders wichtig: Dass ich mich davon freimachen konnte, dass mein Vater meine Erinnerungen bestätigt.