Hinter der Angst stehen oft Wut und Hass. Das war eine befreiende Entdeckung, von der ich im vorhergehenden Kapitel berichtete, bevor ich nun ausführlicher auf meine Ängste bzw. auf die wichtigsten Gründe dafür eingehe. Ich denke, das folgende liest sich mit dem Wissen über den Zusammenhang zu Wut und Hass leichter. In dem Kapitel zu meinem Vater habe ich bereits von diesen Ängsten berichtet. Ich möchte jetzt nochmals explizit darauf eingehen.

Die Wut und der Hass sind das eine, aber die waren ja nicht von Geburt an da, mussten also ihre Ursachen haben, ebenso wie meine Ängste. Aber was waren die Ursachen? 

Nach einigen Jahren Therapie tauchte wieder einmal diese starke, existentielle Angst auf, die bereits erwähnte, und mir fiel eine Situation von vor vielen Jahren ein. Ich war mit meinem Mann bei Maria, meiner ältesten Schwester. Ich beschrieb die Situation der Therapeutin: Wir sitzen alle bei Maria, reden, lachen, trinken und essen. Und ich habe diese mit nichts begründbare, masslose Angst – und sage nichts davon. Ich kann nichts sagen! Eine Angst, als würde ich mich auflösen; nichts gilt mehr! Ich habe keine Sicherheit mehr. Das Grundvertrauen und die Grundsicherheit sind weg! Ich konnte einfach nichts sagen, nicht darüber reden! … Hab dann bestimmt eine Tablette genommen (Psychopharmaka). – Damals konnte ich mir überhaupt nicht erklären, warum ich so starke Angst habe; schon gar nicht sagen, wovor! Ich spürte einfach tiefe, masslose Angst! Nicht zu wissen, warum ich diese Angstzustände bekam, machte es noch schlimmer, sie zu ertragen. Das war sicher mit ein Grund, warum ich nichts von meinen Ängsten sagte; ich konnte sie doch nicht erklären!

Diese Situation bei meiner Schwester war zu Beginn der Therapie bereits einige Jahre her. (Unter dem Menüpunkt ‚Über mich‘ gehe ich auf diese Jahre und den Beginn der Angst- und Panikattacken ein.)

Die Gründe für meine Ängste deuteten sich zu Beginn des zweiten Jahres der Therapie an. Ich spürte zum ersten Mal während der Therapiestunde Angst. Es war mir in dieser Stunde sehr schwer gefallen, aber ich hatte dann doch über meine Bedürftigkeit reden können, über meine ‚Sehnsucht nach Mutterliebe‘ und dass ich es am liebsten hätte, wenn sie, die Therapeutin, wie eine Mutter für mich (da) wäre, und ich nochmal Kind sein könnte. Sie hatte gefragt, was ich mir denn wünschen würde, nachdem sie betonte, es sei wichtig, meine Wünsche und Bedürfnisse auszusprechen. Ich sagte u. a., ich wolle geliebt werden, wie ich bin, und auch mal in den Arm genommen werden. Ob ich mir das nicht bei meinem Mann oder meinen Freundinnen holen könne. Sie könne verstehen, dass ich das brauche, aber sie benötige für ihre Arbeit einen gewissen Abstand; so ungefähr äußerte sie ihre Haltung dazu. 

Ich reagierte mit Schweigen, war in mich gekehrt und plötzlich spürte ich Angst. Angst davor, von der Therapeutin ausgenutzt zu werden. Das sagte ich ihr und fuhr fort: Weil ich ihnen sagte, was ich gerne hätte; weil ich mich damit schwach gezeigt habe… Ich fühle mich jetzt ausgeliefert. – Mir war klar, das hat mit meinen Erfahrungen von früher zu tun, aber ich sprach weiter: Ich habe ganz stark das Gefühl, sie können mich jetzt ausnutzen… Nicht die Scham über meine Wünsche machte es mir so schwer, ihnen diese zu sagen. Viel schlimmer war die Angst, das wird mir jetzt ganz klar! – Ich hatte beide Hände zu Fäusten geballt, zeigte sie ihr; so würde ich jetzt hier sitzen. Sie glaube, dass ich mich beschützen könne. Es wäre doch sehr mutig, dass ich das alles trotz meiner Ängste geäußert hätte. Ich überdachte ihre Äußerungen; fand es dann auch gut. 

Und dann sagte ich, für mich selbst überraschend und nach der Stunde erst richtig gewahrt werdend, was ich gesagt hatte: Und wenn sie was machen…, ich bringe sie um! – Ganz ernst, fest und ruhig sagte ich das. Sie antwortete, ebenso ruhig: Und was ist, wenn ich ihnen sage, dass ich auch auf sie aufpassen werde? – Ich brauchte eine Weile, bis mir dieser liebe Satz, nach meinem drohenden, einging. – Ich würde es mir wünschen! – 

Nach der Stunde fiel mir meine Aussage wieder ein. Erst zweifelte ich, ob ich das tatsächlich gesagt hatte. Aber so war es, stellte ich erschüttert und entsetzt fest. Ihre Reaktion fand ich sehr lieb. Sie tat mir so gut, und ich fühlte auf einmal großes Vertrauen und Verständnis zwischen uns. In der nächsten Stunde war ich jedoch wieder vorsichtig; sagte mir, ich muss aufpassen, dass sie mich nicht packt und denkt, sie hätte mich jetzt rumgekriegt. 

Nach einer ähnliche Situation, ich zeigte mich in meinen Augen ihr gegenüber schwach, sprach ich von meinem Gefühl, deshalb nicht mehr zur Therapie kommen zu können, und auftauchender Angst. Das sei ‚eine Angst, bei der ich nicht sagen kann, wovor ich Angst habe. Die kommt von ganz innen aus mir heraus.‘ Die K. legte mir etwas später ihre Hypothese dazu dar, mit der Erläuterung, vielleicht könne ich die Angst dann besser akzeptieren, wenn ich sie verstehe, in einen Zusammenhang bringen könne. Sie denke, es sei eine Angst, die weit zurückreiche, aus einer frühen Phase komme. Vielleicht habe meine Mutter mich zwar mit Essen und Trinken versorgt, aber ein Baby, ein kleines Kind habe ja noch andere Bedürfnisse. Mehr wollte sie noch nicht dazu sagen. Im weiteren Verlauf der Therapie konnten wir klären, dass sie mit dieser Annahme richtig lag. Doch das war nicht der einzige, schon gar nicht der schlimmste Grund für meine Ängste. 

Ich erwähnte einmal, ich würde mich eigentlich bei niemandem trauen, mich ganz schwach zu zeigen, aus Angst, dass ich mich damit ausliefere. 

Bald sprach ich davon, dass ich Angst vor der Angst hätte, die ich nicht beschreiben könne, die so aus dem Bauch rauskomme. Ich hätte dann keinen Zugang mehr zu mir, bekäme Panik. Dies war im Zusammenhang mit ihren anstehenden Therapieferien. Ich hätte Angst, dass ich in Situationen käme, die ich nicht aushalte. Und ganz besonders Angst vor dieser tiefen Angst. 

Nach einem Traum mit meinem Vater tauchte genau die auf. Er hatte in dem Traum das ganze Treppenhaus vollgeschrieben. Für mich ein Bild dafür: Das Treppenhaus ist mein Körper, und mein Vater hat von oben bis unten Spuren bei mir hinterlassen. – Inzwischen deutete sich immer mehr an, dass mich, als ich Kind war, nicht nur meine Brüder sexuell traktiert hatten, sondern auch mein Vater. Die Therapeutin sah die Angst ebenfalls im Zusammenhang mit diesem Traum. Ich hätte danach ja Angst gehabt, in die Welt zu treten, rauszugehen. Davon hatte ich ausführlich berichtet. – Es ging ihnen schlecht, wie lange nicht mehr, aber sie haben es alleine geschafft! Sich auf sich bezogen! Und sind da rausgekommen. – Ich würde das vielleicht deshalb noch nicht wahrnehmen, dass ich das schaffte, weil ich noch nicht wisse, was hinter der Angst stünde. Ihr sei es wichtig, mich darauf hinzuweisen, dass ich diese Kraft und dieses Potential in mir habe. 

Als die Therapeutin mal ihre Hand auf meinen Rücken legen wollte, um mich so symbolisch zu stützen, antwortete ich auf ihre Frage, ob das für mich in Ordnung sei, sofort mit einem festen: Nein! … Ich hab so eine Angst, dass die Hand meinen Körper berührt! – Ich fragte sie, ob sie denke, dass ich mir diese Berührungen wünschen würde. – Nein!, kam ganz bestimmt von ihr. – Ich denke, dass sie die nicht wollen, aber Angst haben, ich könnte das tun! – Was war ich froh, dass sie das sagte. – Ja! Genau das war mein Gefühl! – 

In den Therapiestunden tauchten auch Ängste auf, wenn ich z. B. nicht aussprechen wollte oder es noch nicht konnte, was ich erinnerte oder was in mir ablief. Auf diese Zusammenhänge hatte mich die Therapeutin erst aufmerksam machen müssen; mir war das gar nicht aufgefallen. 

Nachdem mich nachts ein Typ mit einem Anruf weckte und ekliges Zeug mit sexuellem Hintergrund von sich gab, reagierte ich geschockt und maßlos wütend. Ich fühlte mich verletzt und weinte… Ich hatte meinem Mann am folgenden Morgen erst einmal nichts davon erzählen wollen. Als dann die Angst so langsam aus meinem Bauch herauf kroch und immer stärker wurde, erzählte ich ihm doch von dem Anruf. – Die Angst zog wie Nerven durch meinen ganzen Körper, breitete sich bis zu den Händen aus! Es war fürchterlich! Grausam! Als ich mich wieder hinlegte, kam die Angst wieder hoch. Das kann man nicht lange aushalten, da wird man verrückt!, so schilderte ich es in der Therapie. Ich erzählte aber auch, wie ich mir durch das Reden mit der kleinen Ann helfen und mich beruhigen konnte. 

Die K. meinte, dass es sich sicher um Angst und Unsicherheit von früher handelte. Damals, als Kind, hätte ich ja auch nicht gewusst, ob und wann irgend eine Attacke von meinem Vater oder meinen Brüdern kommt. – Und jetzt haben sie auch Angst, dass auf einmal etwas Unvorhergesehenes geschieht, eine Unwägbarkeit. Hart ausgedrückt: Wieder ein Missbrauch! – Ich schlug meine Hände vor mein Gesicht, verwirrt, erschreckt. 

Nun erläuterte die Therapeutin, dass wir das doch schon öfter hatten, wenn ich was nicht sage, dass dann Angst auftauche. Und heute morgen sei das auch so gewesen, ich hätte meinem Mann zuerst nichts sagen wollen. Das sei aber sicher nicht der Grund für die tiefe Angst gewesen. Sie fügte einiges Beruhigendes hinzu, wie: heute sei ich doch sehr eingebunden, regelmäßig mit ihr im Kontakt, also mit mir, hätte feste Beziehungen usw. Es seien somit nicht irgendwelche Überraschungen zu erwarten. Also würde diese Angst von früher herrühren. – Ich würde ihnen alles Geld geben, was ich habe, wenn sie was machen, dass ich nie wieder so eine Angst spüren muss! – Sie hatte mich daraufhin lieb angelächelt, und ich fuhr fort: Das kann man wirklich nur dem aller ärgsten Feind wünschen! – (Da fallen mir heute noch welche ein…) 

Diese Angst vom Vormittag habe eine andere Qualität als die z. B. vor den Therapieferien, betonte sie. (Ich hatte einige Jahre große Befürchtungen bis hin zu quälender Angst, dass die K. nach den Ferien nicht wiederkommt.) Ich sprach später von der Angst als der schlimmsten, der härtesten, die ich bis dahin erlebt hätte. Die Folge dieser starken Angst war wiederum die Angst genau davor! 

Bald darauf malte ich meine Angst mit Fingerfarben. Es war zuvor um die sexuellen Übergriffe meines Vaters gegangen. Mir fiel es schwer, Erinnerungen und Bilder dazu zuzulassen. Deshalb kamen wir auf das Malen, und es mussten Fingerfarben sein. Als ich beginnen wollte, betonte die Therapeutin, jetzt gehe es erst einmal um meine Gefühle, mein Befinden, das solle oder könne ich damit ausdrücken. Ich malte mit schwarz einen Kreis. Dann malte ich von außen nach innen, von allen Seiten, in die weiße Fläche hinein schwarz, bis kaum noch weiß übrig blieb. Schwarz bedeute Angst, sagte ich. Und Dunkelheit. Das sei mein Bauch, und da sei alles voller Angst. Und von außen käme noch mehr Angst hinzu, nähme Besitz von mir.

Und Schwarz und Dunkelheit und Angst erlebte ich bald darauf besonders schlimm in einer Nacht in Italien. Ich war mit Freundinnen für eine Woche dort. Erst nach großem Zögern, ob ich mich das überhaupt traue vor lauter Furcht vor Angst und Panik, war ich doch mitgefahren. Im Text zu meinem Vater schildere ich diese furchtbare Nacht, den Urlaub und die Erkenntnisse, die wir daraus gewannen, ausführlich. Hier möchte ich kürzer davon berichten. Ich war gleich in der ersten Nacht nach dem Einschlafen wieder erwacht, wurde immer unruhiger und so langsam beschlich mich Angst, die immer stärker wurde. Panik. Zittern am ganzen Körper. Meine Beine schlotterten. Es wurde immer dramatischer…. Irgendwann ging ich zu Vera, mit der ich abgesprochen hatte, dass ich zu ihr kommen könne. Sie wäre sogar mit mir frühzeitig, auch schon am nächsten Tag, nach Hause gefahren. Ich überstand die Nacht, die furchtbaren Ängste und die Panik. Am nächsten Tag telefonierte ich, auch wie abgesprochen, mit meiner lieben Therapeutin; ich brauchte ihre Bestärkungen, um nicht früher nach Hause fahren zu müssen, um es zu schaffen. Ich fuhr nicht nach Hause, konnte sogar bis zum Ende unseres Urlaubs dort bleiben – zwischen wunderbaren Stunden mit den Freundinnen und immer wieder auftauchenden Ängsten, die jedoch weniger dramatisch waren als die der ersten Nacht. 

Nach meiner Rückkehr erzählte ich meinem Mann von der furchtbaren und grausamen Nacht in Italien. Wie ich dachte auch er sofort, ohne dass ich entsprechendes ausgesprochen hatte, an die Nacht in 1977 auf dem Campingplatz… Damals schliefen meine Eltern nebenan in ihrem Campingbus. Nun verstand ich meine damalige Reaktion! (Dazu ausführlich unter dem Menüpunkt ‚Über mich‘.)

Diese Nacht und die Ängste bearbeiteten wir eingehend in meinen Therapiestunden. Bei diesem Bearbeiten sprach ich in einer Stunde von meinen lieben Gefühlen für die K. Kurz darauf nahm wieder Angst, wie ich es ausdrückte, totalen Besitz von mir, Angst so heftig wie damals in Italien. Es gehe mit mir wie in einer Spirale nach unten. Ob ich keine Macht mehr über mich spüren, mich hilflos fühlen würde?, fragte sie. – Ja! – Zum Schluss dieser Stunde meinte die Therapeutin, es wäre gut, dass die Angst da sei, also dass sie jetzt in der Stunde aufgetaucht sei, dann könnten wir damit arbeiten. Auch in der nächsten Stunde, als ich endlich ausführlich von der Nacht in Italien erzählen wollte, spürte ich die Angst aus dem Bauch aufsteigen. Und am darauf folgenden Wochenende hatte ich wieder Angst vor dieser Angst. Es fühlte sich an, als würde die Angst darauf lauern, auftauchen zu können.

Es ging noch um weitere, in der folgenden Stunde aufgetauchten Gefühle. Zu all dem sagte die Therapeutin zum Schluss: Ich sehe es so, dass sie jetzt in der Situation sind, dass sie den Missbrauch innerlich wieder erleben. Egal welchen. Dass sie alle Gefühle von damals wieder erleben und dass ihr Körper das ausdrückt. Und es ist gut, dass ihr Körper das jetzt endlich mal alles ausdrücken darf! – 

Sie hatte mich schon bald und immer wieder im Laufe der Therapie aufgefordert zu versuchen, die Angst anzunehmen. Ich solle sie annehmen als einen Teil von mir, und sie mir dann zusammen mit ihr anschauen. Das sagte ich mir dann auch selbst. Es ist doch was von früher! Angst von früher! Das half mir tatsächlich in konkreten Angstsituationen. Aber für das Annehmen der Angst brauchte ich Zeit und die Erkenntnis über den Zusammenhang mit der Wut und dem Hass, aber noch mehr über die Gründe meiner Angst. Erst dann gelang mir das besser bis gut bzw. dann verschwanden die Ängste!

Die K. erläuterte mir meine verschiedenen Ängste, wie sie diese zu dem damaligen Zeitpunkt sah, was mir sehr beim Annehmen half: Da habe sich doch schon ein bisschen was geklärt. Ich wisse zumindest ungefähr, womit sie in Bezug stünden, was es damit auf sich habe. Sie unterschied zum einen die Angst, die im Zusammenhang mit einer konkreten Situation mit meinem Vater stehe. Die andere Angst sei ja eine alles umfassende Angst, eine existentielle Angst. Sie denke, dass ich die früher hatte, weil ich nicht wusste, wann wieder eine solche Situation auf mich zukommen würde. Ich hätte ja immer damit rechnen müssen, dass mein Vater wieder was mit mir macht. Und dadurch sei bei mir das Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins, der absoluten Hilflosigkeit entstanden. – Ihre existentiellen Ängste hatten sicher mit dem Missbrauch zu tun, aber eventuell auch mit anderen Erlebnissen, in denen sie sich ausgeliefert fühlten. – Das müssten wir noch klären. Außerdem sei es wichtig, und ich solle daran arbeiten, die Angst nach den Träumen, die ja damit im Zusammenhang stünden, von dem Heute zu trennen. Die Angst gehöre ja zu den Träumen. Heute brauchte ich doch keine Angst mehr zu haben. Und die Träume seien sehr wertvoll für uns. 

Einen weiteren spannenden und für mich ganz wichtigen Aspekt der Angst will ich noch hinzufügen. Ich hatte von meinen, wie ich sie nannte, tollen Erkenntnisse der letzten Tage berichtet: Wenn es mir so schlecht geht, ich mich runterziehen lasse, nicht meine Sachen mache, das heißt doch, ich komme nicht von meinem Vater los! Wenn ich aber alles das mache, was Meins sei, dann gehe ich von ihm weg, entscheide ich mich für mich! – Die Therapeutin formulierte es kurz darauf so: Wenn sie in so einen Strudel mit ihrem Vater geraten, Angst auftaucht, dann hat die Angst doch auch zur Folge, dass sie nicht das machen können, was sie wollen! Dass sie nicht von ihm weggehen können und klein bleiben! Die Angst steht doch für die Verbote des Vaters! Sie wollen ihre Dinge tun, dann taucht die Angst auf, DAMIT sie das unterlassen! – Wenn ich aber trotzdem meine Dinge machen, mein Leben leben würde, ginge ich damit doch von meinem Vater weg! Würde nicht mehr auf ihn hören, sondern auf mich! Nach dem Motto: Jetzt geht es nach mir! Und das bedeute doch, Nein zu sagen! 

Von wegen ich kann nicht das machen, was ich will: Einige Tage vor einer Fahrt alleine nach Hamburg hatte ich jeden Morgen heftige Ängste; so erging es mir auch bei oder vor anderen Aktivitäten. Nun wies mich die Therapeutin nochmal eindringlich darauf hin, dass die Ängste zu den Situationen mit der sexuellen Gewalt gehörten: …und dazu, wie es ihnen danach erging! Wie sie damit alleine waren. Das ist das, was sie damals fühlten! Aber diese Situationen sind ja jetzt beendet! … Das ist die Angst von damals! – Wieder wurde mir klar, wenn ich mich davon beeinflussen oder gar von meinen Vorhaben abbringen lasse, bleibe ich im Bann meines Vaters. 

Später sprach ich davon, ich wolle mich nicht mehr als Opfer fühlen, als Opfer sehen! Und das gelang mir. Das war eine weitere tolle Erkenntnis und ein sehr wichtiger Schritt: Ich bin kein Opfer mehr!

Durch die erinnerten Bilder und Gefühle von Situationen der sexuellen Gewalt mit meinem Vater konnte ich meinen Ängsten auf den Grund gehen. Nun verstand ich, warum ich besonders vor den Nächten Angst hatte, selbst wenn ich zuhause schlief, in meinem eigenen Bett. Noch schlimmer war es, wenn ich wegfahren wollte, woanders übernachten musste. Nach dem Italienurlaub war mir das immer klarer geworden. Sobald ich woanders schlafen wollte oder musste, erinnerte mich das unbewusst an die Situationen, als mich meine Mutter ins Bett meines Vaters schickte und an das, was er dann machte, an seine Übergriffe, an die sexuelle Gewalt.

Wie weit die Angst reichte und wie tief sie saß, möchte ich an zwei weiteren Beispielen beschreiben. Als ich mich dem Vorhaben annäherte, zu meinem Vater nach B. zu fahren, ihn mit dem Erinnerten und seinen Taten zu konfrontieren, hatte ich Angst davor, dass er mich vergewaltigen könnte. Mir war ganz klar, dass ich mich heute schützen könnte, dass real keine Gefahr bestand, aber diese Angst tauchte auf. Darüber sprach ich in der Therapie: Ich traue mich nicht, etwas gegen meinen Vater zu unternehmen. (…) Ich habe Angst, dass ich dann vergewaltigt werde! – Das erschüttert mich heute noch. An anderer Stelle sprach ich davon, dass ich früher Angst hatte, von ihm vergewaltigt zu werden, wenn ich zeige, dass ich eine schöne, erwachsene Frau bin. – Damals hatte ich diese Angst. Deshalb musste ich das verbergen! –

Zum Abschluss will ich noch von einer Angst berichten, die zwar auch manchmal sehr heftig ausfiel, die aber im Gegensatz zu den fürchterlichen, tiefen Ängsten etwas ganz Normales war. Ich lernte während der Jahre meiner Therapie an Felsen oder in Kletterhallen zu klettern. Ich begann mit kleinen Felsen und steigerte das nach und nach. Dabei erlebte ich, im Gegensatz zu den fürchterlichen Ängsten, quasi reale Angst. Angst vor der Höhe, Angst davor, dass die sichernde Person mich nicht ausreichend absichert, oder Angst abzustürzen. Beim Klettern konnte ich mir meine Angst leicht erklären, war es doch ganz naheliegend, dass ich Angst bekam. Der Umgang mit dieser Angst half mir beim Umgang mit den anderen, oben beschriebenen Ängsten. Das Klettern war zudem eine von den Aktivitäten, die mir sehr gut taten. Während ich kletterte war alles Andere weg, selbst wenn ich am Tag zuvor eine ganz schwere Stunde mit Erinnerungen an Übergriffe meines Vaters durchlebte. Sobald ich kletterte, war nur das Klettern da, ich davon völlig absorbiert. Und das war einfach wunderbar!

Heute erlebe ich nur noch selten Ängste, die denen von früher nahe kommen. Wenn das doch der Fall ist, eigentlich nur in der Nacht, dann bleibe ich ruhig, auch wenn das sehr unangenehm ist. Überlege, was wohl der Grund sein mag, dass die Angst jetzt auftaucht. Manchmal kann ich es mir erklären, manchmal nicht; dann hab ich vielleicht etwas geträumt und weiß es nicht mehr. Jedenfalls bleibe ich ruhig! 

Zum Abschluss muss ich die tolle Entdeckung nochmals wiederholen: Zur Angst gehört die Wut! Dahinter verbirgt sich Wut und Hass! Welch eine Entdeckung und wie befreiend, dies zu erkennen und mit der Wut umzugehen!