In diesem Teil meines Therapieberichtes komme ich auf einige weitere Aspekte der sexuellen Gewalt zurück, die in den übrigen Texten, besonders in denen zu meinem Vater und meinen Brüdern, zum Teil erwähnt sind. Ich gehe auf diese Themen nochmals explizit ein, weil sie mir sehr wichtig sind und ich manches ausführlicher darlegen will. 

HABE ICH MICH GEWEHRT?

Diese Frage hat mich lange sehr beschäftigt. Schon gleich zu Anfang der Therapie fragte ich mich, ob ich mich vielleicht doch gewehrt habe, das aber nicht mehr weiß, oder ob ich es nicht als ein sich Wehren ansehen kann, weil meine Abwehr lange erfolglos blieb. Ich dachte dabei insbesondere an meinen Bruder Adolf. 

In einer der ersten Stunden meiner Therapie kam ich darauf zu sprechen. Ich hatte einen Traum mit Adolf erzählt, indem er zudringlich wurde und ich ihm sagte, er solle mich in Ruhe lassen, ich wolle nicht, dass er mich berührt. Immer wieder wehrte ich ihn so ab. Das solle er endlich mal akzeptieren. Aber er ließ nicht locker. Ich nahm einen Stuhl, um ihn abzuwehren, und lief dann weinend aus dem Raum. (…) Nach der Wiedergabe des Traumes sagte ich, ich sei wütend darüber, dass ich mich nicht habe wehren können. Die Therapeutin wies mich darauf hin, dass ich mich doch gewehrt hätte. – Ich habe aber nichts ausgerichtet. Er hat meinen Willen nicht akzeptiert! Es immer wieder versucht! – Ein Wehren ohne Erfolg ist für sie anscheinend kein Wehren. Wenn frau auch nur eine begrenzte Möglichkeit hat, sich zu wehren, ist es doch immer ein sich Wehren!, betonte sie. 

Nach circa einem Jahr ging es in der Therapie darum, eine andere Sitzposition zu finden. Ich gehe an dieser Stelle nicht weiter darauf ein, wie ich zuvor saß und warum die Therapeutin vorschlug, mich auf Matratzen zu legen. In der folgenden Stunde hatte ich dazu gesagt, ich wolle mich nicht hinlegen. Für mich selbst überraschend fügte ich hinzu, dann könne ich mich nicht wehren! Sitzen sei besser. Ich wurde dabei ganz ernst, angespannt. Und erinnerte plötzlich den Übergriff von Bernd. 

Einige Stunden später meinte die Therapeutin, sie habe ein Bild von mir, dass ich versuchte, die Brüder abzuwehren, mir irgendwie zu helfen, damit so wenig wie möglich geschieht. Ich musste an die Situation mit Bernd denken, als ich zu ihm sagte, Adolf mache das auch, mit dem Hintergedanken, dass Bernd sicher nicht auf einer Stufe mit Adolf stehen wollte. Ich drückte es so aus: Dass er merkt, er ist so eine Sau wie Adolf. – Bernd habe daraufhin gesagt, das sei auch nicht in Ordnung und käme nicht mehr vor. Und habe mich danach in Ruhe gelassen. Also hätte ich mich doch gewehrt. Ja, meine Bemerkung habe etwas bewirkt, bestätigte die K., aber ob sie was bewirkte, hätte von Bernd abgehangen, also ob er dann aufhört oder nicht. Sie fügte hinzu, das will ich hier ebenfalls erwähnen, damals wäre das gut und in Ordnung gewesen, aber heute solle es von mir abhängen. Ich würde mich auch heute noch so verhalten, dass die Wirkung meiner Aussagen u. ä. von dem Verhalten der Anderen abhänge. Das war mir damals gar nicht bewusst; mir war jedoch schnell klar, das will ich ändern!

Zur Zeit dieser Therapiestunden erlebte ich zwei Situationen, die ich hier kurz so zusammenfasse: Zwei mir gut bekannte Personen, ein Mann und in einer anderen Situation eine Frau, traten mir zu nahe und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Mann, ich sprach mit ihm, er stand vor mir und kam immer näher… Ich wich zurück. Und er kam wieder näher. Er war mir sehr sympathisch, das war es gar nicht! Aber es mir einfach zu nahe! Bei der Situation mit der Frau war es ähnlich, doch sie, wir waren im Gespräch, stieß immer wieder mit ihrer Hand leicht gegen meine Lederjacke, die ich nicht geschlossen hatte, weshalb die beiden Vorderteile so ein bisschen vom Körper wegstanden. Und diese touchierte sie paarmal, woraufhin ich zurückwich und dann, weil sie nachrückte, verschränkte ich meine Arme vor meinem Oberkörper. Über beide Anlässe berichtete ich sehr wütend in der Therapie. Ich sei wütend auf die beiden, aber auch auf mich, weil ich mich nicht hätte wehren können. Das wollte die K. nicht so stehen lassen. Ich hätte mich doch gewehrt, wäre zurückgewichen. Für mich war das kein richtiges Wehren, weil ich nichts gesagt hatte, nicht sagte, lass das oder ich will nicht, dass du mir so nahe kommst. Das ärgerte mich masslos. Und diesen Ärger ließ ich dann bei dem späteren Gespräch mit einer der beiden Personen raus, klar und sehr fest. Auf der Gegenseite traf ich auf keinerlei Verständnis, aber das war mir egal. Ich hatte jetzt auch ausgesprochen, was mir nicht passte, und das war mir wichtig!

Bald darauf erzählte ich in einer Therapiestunde einen Traum mit meinem Vater, in dem ich ihn damit abwehrte, dass ich ihm in die Fingerkuppe biss. Weil ich diesen Biss im Traum sehr real spürte, meinte die K., es könne ja sein, dass ich ihm als Kind wirklich mal in den Finger gebissen hätte.  Eine Äußerung von mir kam dann bei ihr so an, als wäre ich mit dieser Gegenwehr wieder nicht zufrieden. – Sie haben sich doch gewehrt! Und, ich muss es mal so hart sagen, für jemanden, die gewohnt war, nur zu buckeln, für die Stillhalten die erzwungene Normalität war, ist ein Ausweichen, sich zurückziehen doch schon toll!, meinte sie, auch in Anspielung auf die zuvor beschriebenen Situationen. Das solle ich doch wahrnehmen. Ich gab ihr recht, aber meine Wut sei so groß, der Biss in den Finger deshalb nicht ausreichend! 

An anderer Stelle wies mich die Therapeutin daraufhin, dass eine Frau, die keine Autonomie habe, sich auch nicht wehren könne; ganz abgesehen von den Übergriffen wäre das so. 

Nicht nur wegen der eventuellen Veränderung der Sitzposition, die ich bereits erwähnte, sondern auch wegen anderer Begebenheiten war das sich Wehren (können) auch ein aktuelles Thema in unseren Stunden. So hatte die Therapeutin  eines Tages angemerkt, ihr wäre in der letzten Zeit aufgefallen, dass ich entweder blaue oder schwarze Jeans tragen würde und dafür gäbe es sicher Gründe. Sie wolle auch unbewusste Signale aufnehmen, und deshalb spräche sie das an. Das war mir einerseits gar nicht recht. War mir fast zu nahe. Andererseits fand ich es auch ziemlich gut, was sie alles bemerkte, ansprach und wie wichtig ihr das war. Nun entgegnete ich, ich müsse quasi diese Jeans tragen: Und am besten noch die Lederjacke! – Ja, und die Stiefeletten heute passen auch dazu!, ergänzte sie. Ich müsse mich so kleiden, denn da wäre so ein Gefühl in mir von: Ich muss mich wehren können! – Ich ballte bei diesen Worten die Fäuste vor meinem Oberkörper. Ich käme aus diesem Gefühl im Moment nicht raus! Wieder war ich überrascht von meiner Reaktion, konnte sie jedoch sehr gut verstehen. Das Gefühl war so stark: Ich muss mich wehren können! Ich trug, das will ich hier auch noch erwähnen, zeitweise nur schwarze Kleidung, schwarze Jeans, Shirts und meine schwarze Lederjacke! Ich glaube, das gab mir irgendwie ein Gefühl von Stärke. Und: Schwarz schafft Abstand!

Als es wieder um meine Brüder ging, kamen wir auf ein Gebot, so will ich es mal nennen, unserer Familie zu sprechen: Für diejenigen, die frau liebt, muss sie alles tun. Für die Familie sowieso! – Das sei gerade das Fatale, meinte die Therapeutin. Hätte ich meine Brüder blöd gefunden, hätte ich mich sicher mehr gewehrt. Die eher von mir weghalten können. Ich reagierte absolut enttäuscht, fragte, ob sie jetzt nicht mehr auf meiner Seite sei? Also denke sie, ich sei schuld! Das verneinte sie ganz entschieden. Ich erkannte kurz darauf selbst: Warum sollte ich gerade dabei nein sagen! Es ist doch klar, dass das Nein schwerfiel, wo ich doch auch sonst ALLES für die tun musste, vom Schuhe putzen angefangen bis hin zum Hintern abputzen bei meinem jüngsten Bruder, und das noch, als er schon 5 Jahre alt war! 

Ich erwähne das hier auch deshalb, weil es gerade bei solchen Themen öfter vorkam, dass ich die Therapeutin falsch verstand, ihre Worte falsch interpretierte, auch um damit genau auf die Punkte zu stoßen, die im Hintergrund lagen, die noch zu klären waren, wie die Frage, war ich schuld an dem, was damals passierte? Diese Frage hat mich noch weit mehr umgetrieben, gequält und sehr lange beschäftigt. Darauf gehe ich später ausführlich ein. 

Dazu passt noch, dass die Therapeutin bei einem anderen aktuellen Anlass zu mir sagte: Sie sind im Moment an einem Punkt in ihrer Entwicklung, in der es für sie wichtig ist, nein zu sagen und bei ihrem Nein zu bleiben! – Damit fängt ein sich Wehren an!, denke ich jetzt. 

Was noch zur der Zeit meiner Kindheit gehört ist dies: Als ich einmal von meiner Nichte und von einem anderen kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft sprach, die beide früh gestorben waren und die ich beide liebte, wurde mir deutlich bewusst, wie klein ein kleines Mädchen ist und wie hilflos! Wie sehr ein Kind ausgeliefert sein kann! Das bezieht sich besonders auf die Situationen mit meinem Vater, weil ich noch ein kleines Mädchen war. Bei den Brüdern war ich schon etwas älter.

In der Folgezeit der Therapie kam ich zunehmend zu einer klareren Haltung. Gegenüber Bernd hatte ich mich erfolgreich gewehrt, hatte ich es clever angestellt, ihn mit Adolf auf eine Stufe zu stellen – und ich hatte mit dieser Strategie Erfolg. Auch wenn der Erfolg von Gunnars Reaktion abhing. 

Bei Adolf haben meine Abwehrversuche lange nichts ausgerichtet, was schwer zu verkraften war. Aber ich schaffte es dann doch, dass er mich in Ruhe ließ, auch wenn er es erst einmal weiter versuchte. Ich hatte mein Nein erfolgreich durchsetzen können!

Bei meinem Vater ist es anders. Zum einen war ich noch ein kleines Mädchen, zum anderen spielten dabei noch viele andere Aspekt eine Rolle, die ich hier nicht ausführlich darlegen will. Auch weil ich zu der Schuldfrage bzw. an andere Stelle näher darauf eingehe.

Und wie geht es mir heute mit dem Thema sich wehren können? 

Ich merke sehr schnell, wenn mir jemand zu nahe kommt, wenn es mir zu eng, zu nahe wird. Zum Beispiel beim Einkauf, an der Kasse stehend. Egal ob Männer oder Frauen, manche haben überhaupt kein Distanzgefühl, keine Grenzen und verhalten sich entsprechend. Ohne zu überlegen trete ich dann einen Schritt zurück oder spreche es an. Manchmal für die Anderen verblüffend, für mich selbst auch mal überraschend, wie klar ich dann bin, wie deutlich ich spüre, das ist mir zu nahe und wie energisch ich mich dann und wann dagegen verwahre. So war es auch mal an einem Marktstand, ich sagte zu einem Mann, er möge doch bitte etwas Abstand behalten. Er meinte daraufhin tatsächlich, ihm sei es nicht zu eng! Mir aber!, entgegnete ich,  fest und deutlich.

NICHT DARÜBER REDEN 

Es gab und gibt ein nicht darüber Reden können und ein nicht darüber Reden dürfen. Und das gilt leider meist bis weit ins Erwachsenenalter! Ich verweise hierzu auf das Kapitel REAKTIONEN, in dem ich eingehend schildere, wie schwierig das auch im Erwachsenenalter noch sein und was das auslösen kann. Darin erwähne ich bereits Verschiedenes, auf das ich jetzt ausführlicher eingehe oder unter einem anderen Blickwinkel zurückkomme. 

Ich will mich dem Thema unter einem zeitlichen Aspekt annähern: Es geht zum einen jeweils um die Zeit, als die Übergriffe meines Vaters und die meiner Brüder geschahen. Und es geht um die Zeit, als ich Jugendliche, junge Erwachsene war bis hin zu der Zeit, in der ich über die Taten zum ersten Mal sprach, somit nicht mehr schwieg, hier besonders die Zeit der Therapie, also bei mir bis zum Alter von Mitte 40 und darüber hinaus.

Zu Anfang der Therapie hatte ich keine Erinnerung, ob ich als Kind überlegte, mich an meine Mutter zu wenden. Die Therapeutin fragte mich bald, was für eine Antwort ich erwartet hätte? – Dass mir meine Mutter die Schuld gibt, sagt, ich hätte vielleicht geträumt oder ich hätte nicht so leicht bekleidet rumlaufen dürfen. – (Also zum Beispiel im Unterrock über den Flur ins Bad gehen! Mehr bzw. weniger an Kleidung war da nicht! Außerdem: Auch leichte Bekleidung rechtfertigt nicht sexuelle Gewalt!) Ich fuhr fort: Ich weiß es eigentlich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas gesagt zu haben. Ich glaube, die sexuelle Gewalt war für mich so ungeheuerlich, dass ein darüber Reden gar nicht in Betracht kam. – Als ich bald darauf in der Therapie weinend sagte, ich würde gerne meiner Mutter sagen, was passiert ist, bestätigte sich diese Annahme. Vor einem dicken Kissen sitzend versuchte ich es mit Unterstützung der Therapeutin. Ich stellte mir vor, als kleine Ann meiner Mutter zu sagen, sie solle sich hinsetzen und mir zuhören, brachte dann aber kein Wort heraus! (Genauer zu dieser Situation siehe zu Beginn des Kapitels REAKTIONEN!) Mädchen in dem Alter könnten das Schlimme nicht in Worte fassen. Sie hätten keine Worte dafür, könnten das höchstens in ihrem Verhalten zeigen oder in gemalten Bildern zum Ausdruck bringen, erläuterte die Therapeutin. Das traf auf jeden Fall für die Zeit zu, als ich noch ein kleines Mädchen war, also zu Zeiten der Übergriffe meines Vaters.

Hier möchte ich kurz eine Sequenz mit meinem Vater einfügen. Nach einigen Jahren Therapie, nachdem ich auch die Übergriffe meines Vaters bearbeitet hatte, erinnerte ich in einer Therapiestunde, dass ich als kleines Mädchen zu meinem Vater sagte, er solle mich gehen und in Ruhe lassen! – Ich versprach ihm, ich sage auch nix! Aber er sagte, ich hätte das doch selbst gewollt! – Damit hat er mich dazu bringen wollen, nichts zu sagen, erkannte ich. 

Ich komme zurück zu der Frage, habe ich als Kind darüber geredet bzw. warum habe ich nicht darüber geredet. Als ich 9 und mehr Jahre alt war, als meine Brüder mit ihren Übergriffen anfingen, wie war es da? Auch zu diesem Zeitpunkt war damit zu rechnen, dass meine Mutter/meine Eltern mir die Schuld geben würden. Außerdem hätte ich mich doch selbst schuldig gefühlt, sagte ich in der Therapie, wie hätte ich dann etwas davon sagen können? Vom Schamgefühl, das auszusprechen, ganz zu schweigen! – Ich dachte damals doch, mit mir stimmt was nicht, dass die das mit mir machen! Das muss mit mir zu tun haben. Anscheinend bin ich schlecht! Warum sollte ich dann darüber reden? – Ja, das stimme, so die Therapeutin, die Schuldproblematik, aber auch die katholische Erziehung dürften wir nicht außer Acht lassen. Die Religion habe ja verhindert, dass überhaupt über Körper, Sexualität und Intimität geredet wurde. Da hätte ich erst recht nicht über Verbotenes reden können. (An dieser Stelle notierte ich in mein Tagebuch, ich sei mir ziemlich sicher, dass meine Brüder mit ihren Übergriffen erst dann anfingen, als meine älteste Schwester, Maria, die uns wie eine Mama versorgte, heiratete und wegzog. Ich war damals 9 Jahre alt.)

Ich erinnerte die Therapeutin auch daran, dass mir Adolf Geld gab; deswegen hätte ich mich doch noch schuldiger gefühlt. Ein Grund mehr, nicht darüber zu reden. Sie betonte, dass es gut war, nichts zu sagen, als ich dann darüber hätte reden können. Ich hätte mich damit geschützt. Das war auch meine Meinung. 

Der beste Beweis für diese These war die Sache mit Adolf und einem fremden Mädchen, von der mir meine Mutter erzählt hatte, als ich ungefähr 18 Jahre alt war. Adolf hatte wohl seine Hose geöffnet und das Mädchen, er im Auto sitzend, zu sich gerufen. Ich erinnerte noch sehr genau, dass ich dachte: Mutti, warum erzählst du mir das? Ich könnte dir noch was ganz Anderes erzählen! – Meine Mutter habe seinerzeit hinzugefügt, so berichtete ich weiter in der Therapie: Wie diese jungen Dinger aber auch heute rumlaufen! – Also nach dem Motto, die sind selbst schuld! Spätestens nach diesem Kommentar sei klar gewesen, dass ich bei ihr keine Gnade finden würde.

Und dennoch beschäftigte mich immer mal wieder die Frage, habe ich mich nicht doch an meine Mutter gewandt? Als es eines Tages darum ging, dass eine Freundin (B) nicht wollte, dass ich weiter über die sexuelle Gewalt rede, tauchte in einer Therapiestunde dieses Bild in mir auf: Ich habe meiner Mutter was gesagt. Und ihre Reaktion war: Du hast es mir jetzt gesagt, jetzt ist es gut! Ich will nichts mehr davon hören! – Meine vier Jahre ältere Schwester Lisa bestätigte das. Sie konnte sich tatsächlich daran erinnern, dass ich neben meiner Mutter stand, die sowas sagte wie, ich solle jetzt still sein! Dass es Versuche von mir gab, meiner Mutter gegenüber etwas anzudeuten; sie habe jedoch abweisend reagiert mit den Worten, ich solle sie in Ruhe lassen, sie habe keine Zeit oder so ähnlich. Diese Situationen erinnerte Lisa mehrfach. Nach solch vergeblichen Versuchen sei ich immer krank geworden. Sie, Lisa, hätte auch gerne etwas zu unserer Mutter gesagt, aber sie habe nur wie betäubt daneben stehen können. 

Nach und nach wurde mir nun klarer, erinnerte ich, wie es dazu kam, dass ich schwieg. 

Vorweg möchte ich an dieser Stelle eine Überlegung erwähnen, die in meiner Therapie ebenfalls zur Sprache kam, nämlich dass meine Mutter  eventuell selbst sexuelle Übergriffe als Kind oder später erlebte! Sexuelle Gewalt ist bekanntermaßen ein Generationen übergreifendes Problem. Wenn das tatsächlich der Fall gewesen sein sollte, dann war das Thema für meine Mutter ein Tabu, mit entsprechenden Folgen für uns Kinder, für mich. 

Und was meinen Vater anging, den liebte ich trotz allem! Ich war doch noch ein Kind! Hinzu kommt, nicht zu vergessen, die Abhängigkeit von der Familie, die ist für ein Kind, eine Jugendliche immens groß! Ich brauchte meine Familie. Ich brauchte meine Mutter! Ich konnte doch nirgendwo anders hingehen! Also lieber schweigen…

So kamen wir quasi zwangsläufig in der Therapie auf meine Angst um meine Familie und um meine Mutter zu sprechen und auf meine Angst, wenn ich darüber rede, zerstöre ich die Familie. Ich erinnerte mich, dass meine Mutter mir zu verstehen gab, ich müsse ihr helfen, sie unterstützen. Sie brauche mich. Sonst würde die Familie auseinander brechen, stehe sie mit uns Kindern alleine da. Sonst sei alles aus. – Ja, ich habe die Verantwortung übernommen, damit unsere Familie nicht auseinander bricht. – Auf eine entsprechende Äußerung der Therapeutin, dass es wohl nicht nur meine Mutter war, die mich dazu brachte zu schweigen, entgegnete ich: Ich dachte gestern schon daran, dass mein Vater sagte, du hast es doch auch gewollt! – Zu einem früheren Zeitpunkt erinnerte ich bereits, dass er mich festhielt und sagte, ich solle nichts davon sagen. Ich dürfe nichts sagen! Also auch er hat dafür gesorgt, dass ich schwieg, wie ich das weiter vorne bereits erwähnte. 

Doch weiter zu meiner Mutter, die gesagt hatte, ich solle still sein. Sie wolle nichts mehr davon hören. Ich wollte damals aber nicht still sein, wollte das nicht hinnehmen. Aber sie drohte mir damit: Wenn ich nicht still bin, nicht vernünftig, dann schickt sie mich weg. Komme ich in ein Heim oder anderswo hin. – Ja, das haben die doch alle gesagt zu dieser Zeit. Du bringst mich noch ins Grab! Und: Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Kinderheim!, bestätigte die K. Von wegen Kinderheim sagte ich noch: Das ist doch eigentlich pervers, dass man aus dieser Familie, aus so einer Familie nicht weggeschickt werden will! – Ja, aber das sei ganz natürlich, sei doch meine Familie gewesen, so die K. Mir fällt noch ein, dass auch im Raum stand, dann kommt man in die Psychiatrie, wenn man sowas sagt. Deshalb sagte ich bei einem Telefongespräch mit meinem Vater, auf seine Frage, wieso ich nicht schon vor 40 Jahren was gesagt hätte: Dann hättet ihr mich doch in die Klapse gesteckt! Aber jetzt bin ich zu stark! – 

Irgendwann habe ich dann nichts mehr gesagt, auch für meine Mutter geschwiegen, um unsere damaligen Lebensverhältnisse aufrecht zu erhalten und um mich zu schützen. Aber auch aus Angst um meine Mutter. Ich hatte früher, ich glaube, wie alle meine Geschwister, sehr viel Angst um meine Mutter wegen ihrer Herzprobleme. Sie bekam es ‚ans Herz‘, wenn sie sich aufregte oder ärgerte. (Viele Jahre später wurde mir klar, ihre Herzbeschwerden waren ein Mittel der Disziplinierung, denn als sie älter war, sprach sie mal so nebenher davon, dass ihr Herz absolut gesund sei.) Ich hatte oft große Angst, dass sie stirbt. Also durfte ich sie nicht aufregen, musste brav und still sein. Still und angepasst. So hat das funktioniert. Das will ich hier noch anfügen, brav und still auch deswegen: Muss mich ruhig verhalten, dann passiert mir nichts. Wenn ich brav bin, nicht auffalle, dann lässt Mann mich in Ruhe… Das hat aber nicht funktioniert! –

Dieses Schweigen hat sich dann fortgesetzt bis ins jugendliche Alter, auch als junge erwachsene Frau sprach ich nicht darüber. Zum einen wegen der zu erwartenden Reaktionen meiner Eltern (‚Wie du rumgelaufen bist! Bist selbst schuld!‘), zum anderen wegen der Angst, aus dem Familienverbund ausgestoßen zu werden. Wie hätte ich solche Reaktionen als so junger Mensch verkraften sollen? Ich habe mich mit meinem Schweigen also weiterhin geschützt. Zudem war die Scham viel zu groß, und die Schuldgefühle keinesfalls weniger geworden. (Anlässlich einer Tagung zum Thema Kindheitsverletzungen der Evangelischen Akademie Tutzing wurde mir noch klarer, wie sehr das Schweigen des Umfeldes, besonders der Familie, zur weiteren Traumatisierung einer Betroffenen beitragen kann.)

Es kam aber ein weiterer, neuer Aspekt hinzu. Ich hatte die Erlebnisse irgendwann einfach vergessen, völlig verdrängt, die Erinnerung daran wie vergraben. Auch die Erinnerung an die Übergriffe meiner Brüder. Ab wann das so war, weiß ich nicht mehr. Die Erinnerungen bezüglich der beiden tauchten zum ersten Mal wieder auf, als eine Freundin von den Taten ihres Stiefopas berichtete. Ich war Ende Zwanzig, als sie darüber sprach. Ihre Therapienotizen dazu wollte ich nicht lesen, ohne mir richtig klar darüber zu sein, warum nicht. Das wurde mir erst sehr viel später bewusst. Nach ihren Schilderungen erinnerte ich mich nicht an das Erlebte mit meinem Vater, aber mir fielen Adolf und Bernd ein und dass sie ‚was‘ mit mir ‚gemacht‘ hatten. Ich sagte weder zu der Freundin noch zu jemand anderem ein Wort davon. Ich konnte nicht darüber reden! Ich weiß nicht mehr, was ich damals dachte, ich glaube, ich hab das erschreckt einfach wieder verdrängt.

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, ließ sich das Erlebte dann nicht mehr verdrängen, nachdem ich ein paar Jahre später eine Ausstellung von Wildwasser zum Thema ‚sexuelle Gewalt’ sah. In meiner ersten Therapie wollte ich dann endlich darüber reden, aber die Therapeutin beendete unsere Arbeit, bevor ich das tun konnte, weil sie wegzog. Jetzt werde ich wohl nie mehr Gelegenheit haben, mit jemand darüber zu reden!, dachte ich verzweifelt, niedergeschlagen und hoffnungslos.

Und dann schaffte ich es doch noch in meiner zweiten Therapie. Wie lange und wie nachhaltig jedoch ein Verbot bzw. die Unmöglichkeit, darüber zu reden, wirken kann, zeigte sich in dieser Analyse. Ich werde nur auf einige Beispiele eingehen. 

Vorweg sei noch einmal erwähnt, dass ich mir eine Zeit lang die Therapeutin als Mama phantasierte, dass ich in ihr eine Mama sah, die für mich da war – oder auch nicht da war oder was auch immer! (Die Psychoanalyse spricht von Übertragung; und von Gegenübertragung, wenn die Therapeutin sich dann z. B. wie eine Mutter verhält, in diese Rolle schlüpft.)

In einer Therapiestunde sagte ich zu der Therapeutin, ich hätte Angst, wenn ich das alles mit meinem Vater rauslasse, alles sage, dass sie dann weggehe, mich auch damit alleine lasse. Dass ich mir aber sagen würde, DIE Mama lässt ‚uns‘ (die große und die kleine Ann) doch nicht alleine, auch wenn ‚wir‘ DARÜBER reden. Das wüsste ich doch ganz sicher. Aber die Angst wäre dennoch da. Die Therapeutin erklärte mir das u. a. so: Sie SOLLEN ja nicht darüber reden! Und wenn sie es dennoch tun, tun wollen, haben sie ein schlechtes Gewissen, weil es wie ein Weggehen von ihrer Mutter ist. Die hat ja auch verlangt, dass sie schweigen. Und hinter der Angst verbirgt sich auch die Wut auf ihre Mutter, weil sie sie nicht beschützte. – Meine jetzigen Schritte seien auch ein Stück Weggehen von der realen Mutter, also meiner Mutter. Auch deshalb hätte ich Schuldgefühle.

Wenn die Therapeutin in Urlaub ging, war das für mich lange Zeit sehr, sehr schwierig. Oft tauchten dann kurz vorher wieder Erinnerungen auf oder heftige Angst. Irgendwann machte mich die Therapeutin darauf aufmerksam: Es ist wichtig, dass sie gucken, dass es nicht wieder wie früher abläuft und wie schon häufiger vor dem Urlaub, nach dem Motto, die fährt trotzdem weg, der ist es egal! (…) Da ist etwas, womit sie sehr vorsichtig und aufmerksam mit sich sein müssen. Es ist wichtig, dass sie sich selbst nicht das antun, was sie von früher kennen. Dass ihre Mutter das nicht hören wollte oder sagte, stell dich nicht so an. Und wie sie es hier vor den Ferien ja auch schon fühlten: Der (Therapeutin) ist es auch egal! Die will es auch nicht hören! Die fährt trotzdem weg, lässt mich auch alleine! … Dass sie sich das nicht selbst wiederholen! – Ich verstand!

Da war aber auch eine Seite in mir, die es selbst nicht oder nicht mehr hören wollte, so wie es früher niemand hören wollte. Die Therapeutin machte mich darauf aufmerksam, aber auch darauf, wenn ich nichts sagen, es nicht öffentlich machen würde und die Brüder das vielleicht auch mit ihren Töchtern machten, dann ginge es doch immer weiter! Ja, daran hätte ich auch schon gedacht, aber ich hätte einfach Angst vor den Reaktionen meiner Brüder. Das könne sie sehr gut verstehen, aber das sei doch genau das, womit wir dazu gebracht werden würden, weiter zu schweigen und die damit zu decken und zu schützen. Ich dachte ja genauso wie sie, aber die Angst war da! Darüber ärgerte ich mich selbst maßlos. (Wie berechtigt die Angst war und dass ich dennoch ‚darüber’ redete ist nachzulesen im Kapitel REAKTIONEN.)

Zu einem etwas späteren Zeitpunkt sagte ich, obwohl ich ein immer klareres Gefühl bezüglich der Taten meines Vaters hatte: Ich will nix sagen! Ich will nicht! … Ich werde das nie in meinem Leben sagen!, das hatte ich sehr deutlich genau so in mir. Die Therapeutin ging verständnisvoll damit um, aber ich blieb dabei: Ich kann nichts sagen. Kann es nicht sagen. – Und wen schützen sie damit? Das überlegen sie sich mal! … Wen sie damit schützen… –

Mit der Schilderung von sehr wichtigen Stationen auf dem Weg, doch darüber zu reden, will ich diesen Punkt abschließen. Ein kleiner, aber hilfreicher Schritt war das Erkennen, ich sage es doch erstmal nur der Therapeutin! In der Therapiestunde, in der mir das klar wurde, hatte ich zuvor noch gesagt: Ich werde nix sagen! Ich hab’s versprochen! Ich darf nix sagen! – Doch dann veränderte sich was bei mir, denn nun fügte ich hinzu: Auch wenn ich es versprochen habe, nichts zu sagen, ich will, dass es raus ist! Dass das endlich mal aus mir raus ist! – Das zu sagen hatte schon was Befreiendes. Und daraufhin folgte der entlastende Satz der Therapeutin: Ja! Außerdem ist es dann ja erstmal nur hier! –

In einer anderen Stunde tauchte ein Bild mit meiner Mutter auf, die gesagt hatte, das sei ja unerhört, was ich da behaupten würde. Also was ich von meinem Vater gesagt hatte. Ich wollte das der Therapeutin nicht sagen, sagte nur, ich hätte mir doch fest vorgenommen, es nie wieder zu sagen. Niemandem! Und daraufhin die Therapeutin: Doch! … Sagen sie es mir! … Und sagen sie es sich selbst! … Sagen sie es für uns beide! – Ich notierte anschließend in mein Tagebuch: Das sagte sie mit ihrer lieben Mamastimme. Fand es so schön, dass sie sagte, sagen sie es für uns! Sagen sie es uns beiden! – Im Anschluss an diese liebe Aufforderung redete ich, sprach von meinem Vater und wie das für mich war. Zum Ende dieser Therapiestunde betonte die Therapeutin nochmals, mich dabei eindringlich anschauend: Es ist mir wichtig, dass sie sich klarmachen, sie haben es mir und SICH SELBST gesagt! Dass sie es auch SICH gesagt haben! Damit sie das für sich annehmen können. –

Bereits zu einem früheren Zeitpunkt, es ging um eine andere Erinnerung, notierte ich nach einer Therapiestunde: Ich hab’s meiner Mama (der Therapeutin) gesagt! Und die wollte es auch wissen! Sie hat ganz viel nachgefragt und war so lieb zur kleinen Ann! – Ich füge hier einen Ausschnitt meiner Aufzeichnungen zu dieser Stunde an:

Ich bezog mich auf die vorletzte std, mein gefühl dazu u. a.: Ich sag nix mehr. Sie glauben mir das sowieso nicht! – Ich wusste nicht, was dahinter steht, nahm das aber ernst, wenn es mir auch schwerfiel, ihr das zu sagen. Aber es war gut, es zu tun. Bald ihre bemerkung: Was hinter dem ‚ich sag nix mehr‘ steht, das wissen sie ja? – Nee! (…) – Heißt das nicht, die mama soll fragen? – Was sollte die denn fragen? – Mit weicher, lieber stimme die K.: Vielleicht sollten SIE das mal sagen, was sie fragen soll! – Ich begann zu weinen. (…) Weinend: Sie soll fragen, warum ich solche schmerzen habe! …. Und was mit mir los ist! … Sie soll fragen, warum ich so traurig bin… – Und, willst du mir das alles mal sagen?, fragte sie. – Das kann man doch nicht sagen! – Doch! Mir kannst du es sagen! – Ich dachte laut: Ob die mama das wirklich wissen will? – Ja!, ganz fest von ihr, die will das wissen! –

Ich redete dann sehr leise.… Vielleicht auch deswegen kam sie in meine nähe, und sie fragte mich ganz viel, meine liebe mama! Erinnere mich aber nicht mehr an alles. Ich sprach von den schmerzen, dass es so kalt in mir drin sei und dass das mein papa war, den ich doch so liebte! – (…)

Jetzt hab ich es doch gesagt!, dachte ich und sagte leise: Wir müssen leise darüber sprechen, es nicht weitersagen…, der bringt mich sonst um! – Ich weinte bitterlich! – (…) Ich wollte dann nicht mehr, konnte nicht mehr, war so fertig. Aber das fragte ich sie noch, genau in dieser form: Wolltest du das wirklich wissen? – Ja!, kam ganz fest von meiner mama, und ich bin so froh, dass du mir das gesagt hast. Dass das endlich mal raus ist! – Ja, ich bin auch froh … – Und ich finde es toll, dass du die kraft hattest, es mir zu sagen! (…) – 

Nach dieser Stunde notierte ich in mein Tagebuch:

Ich habe es meiner lieben mama gesagt!

Ich bin mir so dankbar dafür!

Aber auch ihr, dass sie mir so geholfen hat; ihre idee, dass ich von der mama gefragt werden will, was mit mir los ist, war so klasse! Wie sie das gefühlt hat!?

Im laufe des nachmittags immer mehr das gefühl der erleichterung!

Auch aus heutiger Sicht muss ich unbedingt noch hinzufügen: Wie schön es für mich war, dass die Therapeutin in die Rolle der Mama geschlüpft ist und mir damit eine Mama gegeben hat, die es hören wollte, die nachfragte, die da war. 

Und zum Schluss füge ich noch diese Erkenntnis an aus den Jahren der Therapie: DIE haben das gemacht! Ich sage es doch nur! Wenn ich nicht darüber rede, ist es doch wieder wie früher! Aber diese Klarheit hatte ich lange nicht. Leider! Dazu passt das folgende Kapitel, in dem ich mich mit der Frage auseinander setze:

BIN ICH SCHULD?

Noch eine Frage, die mich sehr quälte und länger beschäftigte!

Wenn ich die Frage stellen würde, wer war verantwortlich, wäre schneller klar, wer das ist. Aber ich habe mich in der Therapie und schon vorher dies gerade nicht gefragt, sondern ob ich schuld bin. Ist es meine Schuld, dass die das gemacht haben? Wenn eine Freundin dies alles in der Kindheit erlebt und mich gefragt hätte, ob sie schuld sei, hätte ich sofort geantwortet: Nein! Auf keinen Fall! Das ist die Verantwortung der Täter, deines Vaters und der beiden Brüder, aber auch deiner Mutter, die das nicht verhindert hat. Ein Kind hat dafür keine Schuld! Die K. hatte mich mal aufgefordert, mir zu überlegen, was ich bei anderen dazu denken würde. Das war ziemlich hilfreich!

Aber bei mir selbst konnte ich das so erstmal gar nicht sehen und sagen.  Dass ich mich schuldig fühlte, hatte sicher auch damit zu tun, dass mir mein Bruder Adolf Geld gab. Da muss Frau sich doch zwangsläufig schuldig fühlen! Aber es gab noch ganze andere Gründe. 

Ich meine mich zu erinnern, dass die Therapeutin irgendwann sagte, durch die Übernahme der Schuld hätte ich nicht wütend auf meine Brüder zu werden brauchen. Als hätte die Schuldübernahme mich vor meiner Wut bewahrt bzw. da ich keine Wut zulassen durfte oder konnte (ein Mädchen darf nicht wütend sein!), musste ich die Schuld übernehmen, um all meine Gefühle zu bewältigen.

Was ich ganz sicher erinnere und was mich sehr entlastete waren die folgenden Aussagen der Therapeutin. Die Schuld zu übernehmen könne ein Schutz sein, um die eigene Hilflosigkeit auszuhalten. Es wäre mit das Schlimmste, besonders für Kinder, wenn sie spüren, sie sind absolut hilflos. Das könne kaum jemand aushalten. Das Übernehmen von Schuld verdränge das Gefühl der Hilflosigkeit. Aber nicht nur das, sondern damit hätte ich mit Verantwortung übernommen und das führe dazu, sich nicht mehr so ausgeliefert zu fühlen. Verantwortung zu übernehmen bedeute ja, man handele auch selbst und das entlaste! Also habe ich mich mit schuldig gefühlt, auch um meine Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein nicht spüren zu müssen, diese furchtbaren Gefühle zumindest abzumildern. 

Ich wollte dennoch von der Therapeutin eine Aussage zu meiner Frage: Bin ich schuld an dem was Bernd gemacht hat? – Ich denke sie haben keine Schuld. – Meine Erleichterung danach war sehr groß, trotzdem fragte ich weiter: Aber…? – Nein, kein Aber! Sie haben keine Schuld! – Sicher müsse man die Umstände anschauen, wie in unserer Familie mit Sexualität umgegangen worden sei. Ich wurde misstrauisch, deshalb betonte sie wieder, nein, ich hätte keine Schuld. Das Andere sei, dass wir uns irgendwann mal die Familienstruktur anschauen sollten, das sei aber was Anderes.

An anderer Stelle hatte sie mich darauf hingewiesen, dass die meisten kleinen Mädchen das Gefühl hätten, es müsse irgendwas (Schlechtes) an ihnen sein, weil die meist männlichen Täter ‚das‘ mit ihnen machen. Dieses Gefühl wäre sehr, sehr stark. Dennoch würden die Mädchen wahrnehmen, dass diese etwas Verbotenes tun. 

In Bezug auf meine Brüder wurde ich mir immer klarer. Die haben was mit mir ‚machen wollen und gemacht’! Die haben mir das angetan! Ich hab das nicht gewollt! Und so konnte ich dann auch sagen: Ich denke nicht mehr, dass ich schuld bin! – Da hatte sich also etwas verändert.

Was meinen Vater anbetraf blieb es jedoch schwierig, zu einer klaren Meinung zu kommen. Meine Mutter würde sagen, so drückte ich es mal in einer Stunde aus, dass ich selbst schuld wäre, weil ich immer wieder zu ihm hingegangen bin. Aber ich hätte ihn doch lieb gehabt und nur was Liebes von ihm gewollt, betonte ich in der Therapie. Dennoch würde sie das sagen. (Und genau das kam dann auch von ihr!) Darauf die K.: Ja, das sind die Sätze der Mutter. Aber sie waren doch noch ein Kind! Ihr Vater war der Erwachsene! DER hat ihre Grenzen überschritten! DER hat zu wissen, wo ihre Grenzen sind und die hätte er wahren müssen! – Ich sei auch zu meinem Vater hingegangen, weil meine Mutter nicht für mich da gewesen sei. – Das ist doch ganz normal! Ein Kind braucht Liebe und Zuwendung. Wenn es die von der Mama nicht bekommt, sucht es woanders danach! –

Eine weitere Frage, die ich mir in der Therapie stellte: Habe ich das nicht selbst gewollt? Aus heutiger Sicht eine völlig abwegige Frage, aber damals tauchte sie auf. Ich kam darauf, weil ich liebe Gefühle für die Therapeutin spürte, aber nicht nur das, denn es tauchten auch erotischen Gefühle für sie auf. Und manchmal vermischten sich diese Gefühle, konnte ich sie nicht auseinander halten. Das verwirrte mich natürlich sehr. Ich könne noch nicht mal selbst sicher sagen, was ich eigentlich wirklich von ihr wolle, also ob nicht nur Liebes wie von einer Mama, sondern ob nicht doch was Anderes dahinter stehe, ich nicht was ganz Anderes von ihr wolle. – Ich kann mir ja noch nicht mal selbst trauen!, hatte ich sehr unglücklich hinzu gefügt. Die Therapeutin: Dass sie sich selbst gegenüber misstrauisch sind, dahinter steht doch die Aussage ihres Vaters: Du hast es ja selbst gewollt! – Ja, das hatte er zu mir gesagt! Sie erzählte mir von einem Gerichtsprozess, in dem der Stiefvater und der Onkel aussagten, das damals sechsjährige Mädchen habe das ja selbst gewollt. Sie hätten keine Gewalt ausüben müssen. Die K. betonte nochmals, dass meine Verwirrung mit der Aussage meines Vaters ‚du hast es ja selbst gewollt‘ zu tun habe: Deshalb haben sie das Gefühl, ich kann mir ja selbst nicht trauen! – Dass ich vielleicht auch solche Wünsche an sie hätte, das dürfe doch sein! Es wäre aber sehr wichtig, die auseinander zu halten. Während dieser Worte schüttelte ich dauernd meinen Kopf, sagte dann: Das will ich doch gar nicht von ihnen! – Wir wären doch vor ein paar Stunden dem Thema Verantwortung, sich schuldig fühlen schon sehr nahe gewesen, fuhr die K. fort. Sie sähe diese heutige Stunde damit im Zusammenhang. Dahinter stehe, du hast es doch selbst gewollt! Das mache die Probleme! Das mache das Gefühl von selbst schuld zu sein!

In der darauf folgenden Therapiestunde berichtete ich, dass mir schon während der letzten Stunde und am Morgen immer klarer wurde: Ich habe das nicht gewollt! Ich weiß es ganz genau. Das wollte ich nicht! – Und es war gut, das genau so und so klar zu fühlen und zu wissen. Die Therapeutin ergänzte: Das Schlimme sei, dass mein Vater mir mit dieser Aussage ein schlechtes Gewissen gemacht und mir eine Mitverantwortung übertragen habe. Das wäre geradezu fatal!

Später ging es wiedermal um meine Bedürftigkeit. Zum einen damals, weil ich Liebes von meinem Vater wollte, aber auch um meine Wünsche an die Therapeutin. Wieder zweifelte ich an mir selbst. Warum ging ich als Kind wieder zu meinem Vater und jetzt, was will ich von der Therapeutin? Die mich dann liebevoll beruhigte und zwar so: Selbstverständlich können sie sich vertrauen! Dass sie heute und auch damals nichts Anderes wollten! Und selbst wenn sie damals verunsichert waren, dann deshalb, weil man sie vorher manipuliert hat. Aber als das Kind, das sie waren, wollten sie das nicht! – Aber warum bin ich dann trotzdem wieder zu meinem Vater hingegangen? … Vielleicht wollte ich es einfach mal anders erleben!, beantwortete ich mir meine Frage selbst. Ja, und das sei doch auch verständlich!, so die K.

Es gab noch einen weiteren, mir gar nicht angenehmen Punkt. Die K. hatte gemeint, es sei ganz natürlich, dass ein kleines Mädchen dem Vater gefallen wolle, auch dass es mit den Schwestern und der Mutter konkurriere. Das wäre quasi notwendig. Da hätte der Vater aber sagen müssen, ja, ich hab dich lieb als meine Tochter. Aber die Mutter ist meine Liebste! – ER hätte Grenzen ziehen müssen, er, der Erwachsene! – Ich fühlte mich schlecht beim Gedanken, ich habe konkurriert. Meine Mutter hätte doch gesagt, ich sei selbst schuld, ich hätte ihn in Ruhe lassen, nicht mehr zu ihm hingehen sollen. – Egal, ob sie kokettiert oder konkurriert haben oder was auch immer, es bleibt dabei, die Verantwortung trägt ihr Vater! ER ganz alleine! – In Bezug auf mich könne man nicht von Verantwortung reden. Bei mir ginge es um Gefühle. Ich hätte das Recht, mich ihm gegenüber so zu verhalten, wie ich mich verhielt, auch zu kokettieren. ER hätte nein sagen müssen. Wenn ich mich schuldig fühlen würde, stehe dahinter der Gedanke, hätte ich mich anders verhalten, wäre das nicht passiert. – Als hätten sie es verhindern können! Das stimmt aber einfach nicht! Da bin ich mir absolut sicher! Das hätte sie nicht geschützt! – Für solch klare Worte war ich ihr oft sehr, sehr dankbar, wie auch über diese!

Zur Untermauerung erzählte sie von ihren Kindern und deren Verhalten ab einem gewissen Alter gegenüber ihr und ihrem Mann. Das sei eine ganz natürliche Entwicklung, ein ganz natürliches Verhalten. Aber nicht das meines Vaters! Mir wurde dadurch Vieles klarer. Ich liebte meinen Vater doch sehr, freute mich über seine Beachtung. Aber das wollte ich doch nicht! Außerdem war ich doch noch ein kleines Mädchen, das auf keinen Fall ‚so etwas‘ von ihm wollte! 

Und damit bin ich bei der Antwort auf die Frage, bin ich schuld? Nein, ich war nicht schuld! Die Verantwortung trägt zu allererst mein Vater! Die K. erläuterte es mir mal so: Wir wären zuhause alle in diesem Klima aufgewachsen. Meine Brüder seien Täter und Opfer. Klar hätten sie Verantwortung für ihr Tun, aber sie seien auch diesem inzestuösen Klima ausgesetzt gewesen. Und ich hätte die Taten auch deshalb geschehen lassen, weil auch ich in diesem Klima aufgewachsen sei. Mein Vater habe dieses Klima geschaffen. Aber auch meine Mutter. Sie habe es zumindest geduldet. Es ist die Verantwortung der Erwachsenen, der Eltern! Bei mir und für mich insbesondere die meines Vaters!

Als ich mich darauf vorbereitete, mich mit meinen Eltern zu konfrontieren, ging es auch darum. Und das formulierte ich in der Therapie so: Ich würde meinen Eltern gerne sagen, dass sie alleine verantwortlich sind! Alle beide. Aber besonders mein Vater! Dass sie alleine schuld sind! – Und das habe ich dann auch gemacht! (Siehe im Kapitel REAKTIONEN.)

SCHULDGEFÜHLE und SELBSTBESTRAFUNG

Die auftauchenden Schuldgefühle während der Therapiephase kann ich so einteilen: In Schuldgefühle, die mit dem in der Kindheit Erlebten im Zusammenhang standen, und in solche, die mit dem Bearbeiten des Erlebten und meinen Reaktionen darauf zu tun hatten. Aus schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen folgte manchmal, dass ich mich selbst bestrafte. Selbstbestrafung war sowieso bei mir leider oft der Fall, was mich heute noch, wenn ich an manches denke oder davon lese, in fast ungläubiges Erstaunen versetzt. Erst in der Therapie bin ich überhaupt darauf aufmerksam geworden, dass ich mich selbst bestrafte, z. b. wenn ich einen weiteren Schritt, eine weitere Entwicklung gemacht oder irgend etwas erreicht hatte. Unglaublich, aber so war es!

Auf die Schuldgefühle werde ich zuerst eingehen, auch weil das eine oder andere zuvor Erörterte an die Frage nach der Schuld anknüpft. 

Dazu wieder ein kurzer Ausschnitt aus einer Therapiestunde. Es ging darum zu entscheiden, ob ich mit Freundinnen (den PhiloSisters) nach Italien fahre oder nicht. (Ausführlich berichte ich davon im Kapitel zu meinem VATER.) In dieser Therapiephase ging es besonders um meinen Vater und das, was er mit mir gemacht hatte. Zu dem möglichen Verreisen sagte ich, ich wolle nicht wegfahren, wolle hierbleiben! Ich wolle niemand sehen und niemand so nahe haben. Die Therapeutin reagierte so auf mein Nein: (…) Wenn Sie jetzt nicht wegfahren, bestrafen sie sich damit selbst! Wenn sie nicht fahren, dann deshalb, weil sie sich wertlos fühlen. Wertlos, weil sie das erlebt haben. Und wertlos, weil ihre Mutter nicht für sie da war. (…) Und sie haben Schuldgefühle und bestrafen sich selbst, weil sie ein Kind waren, das sich nicht helfen konnte. Dass das alles nicht verhindern konnte. –

Von anderen Ursachen für Schuldgefühle schrieb ich bereits im vorigen Text. Besonders die Äußerungen ‚du willst das doch, du hast das doch selbst gewollt, das gefällt dir doch auch‘ wirkten nachhaltig und lange. Außerdem waren mir schon von Kind auf durch die katholische Kirche, durch den katholischen Glauben, Schuldgefühle sehr vertraut, wurden mir quasi eingeimpft. Gerade die katholische Kirche ‚arbeitet‘ ausgiebig damit….

Wie Schuldgefühle außerdem entstehen können, zeigt der folgende Ausschnitt. Wir kamen in einer Therapiestunde auf die Wärme und den Körperkontakt bei den Übergriffen zu sprechen. Dass also auch Angenehmes dabei zu spüren war, etwas, was ich nur schwer eingestehen und zulassen konnte. Die Therapeutin dazu: Das heißt aber nicht, dass das Mädchen diese Situation will! – Und weiter: Das ist ja gerade das, was eine verrückt machen kann. Diese schlimme Situation und dabei auch Angenehmes! Und gerade das löst Schuldgefühle aus! –

In einer anderer Therapiephase sprachen wir darüber, dass ich als kleines Mädchen so offen und fröhlich und kontaktfreudig war, was auch auf Fotos aus dieser Zeit zu ersehen ist. Dass ich das irgendwann nicht mehr war und selbst zur Zeit der Therapie noch davon beeinflusst mich entsprechend zurückhaltend, besonders Männern gegenüber, verhielt. 

Ich hatte die Vermutung ausgesprochen, dass Adolf ‚das‘ mit mir gemacht habe, weil ich so fröhlich und offen war. In der darauf folgenden Stunde kam ich selbst mit dieser Erkenntnis: Das ist doch Quatsch! Das hätte der sowieso mit mir gemacht! Auch weil ich soviel jünger war als er, und er es dadurch leichter hatte! Diese Sicht, weil ich so offen und fröhlich war, die hat doch zu meinen Schuldgefühlen beigetragen! – Das passe genau zum Denken meiner Eltern, Frau muss wissen, wie sie sich verhält, Männer können nicht anders. – Lass ihn in Ruhe, dann lässt er dich in Ruhe! Das ist doch Quatsch! – Das war mir inzwischen absolut klar geworden, das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun! Und wieder war ich sehr erleichtert und einen Schritt weiter. 

Noch eine Bemerkung dazu: Zu Erkenntnissen selbst gekommen zu sein hat bei mir, so glaube ich, noch mehr bewirkt, als wenn die Therapeutin dies ‚nur‘ ausgesprochen hätte. Das musste, ich nenn es mal, in mir sein, dann war es erst richtig gut, dann hatte ich die Erkenntnis übernommen. Dann war ich zu einer klaren Haltung gelangt. 

Nun komme ich zu den Schuldgefühlen, die durch das Bearbeiten in der Therapie und das Öffentlichmachen ausgelöst wurden. 

Ich erzählte der Therapeutin von den guten Gesprächen mit meinen ältesten Schwestern über die Taten meiner Brüder. Ich war guter Laune wegen des weiteren Schrittes, den ich damit für mich getan hatte. Eine Bemerkung der K. und ein Lachen von ihr im weiteren Verlauf der Stunde fand ich überhaupt nicht witzig. Und schon wurde ich ganz ernst und meine gute Stimmung war dahin. Die K. stellte klar, wie sie ihre Bemerkung gemeint hatte. Ich versuchte, aus diesem Loch wieder rauszukommen, konnte aber nur mit knappen Sätzen weiter von den Gesprächen berichten. Die K. fragte mich, was denn gut sei an dem Zerstören meiner guten Stimmung? Ich ahnte, dass ich mir selbst meine Freude über das Erreichte genommen hatte. Die Therapeutin formulierte es so: Ich hätte, was das Thema sexuelle Gewalt anbetrifft, mein Leben in die Hand genommen, wäre aktiv geworden, würde die Familie, die Brüder nicht mehr schützen. Ich wäre quasi aufgestanden und hätte gesagt, was los ist. Die (ersten) Reaktionen meiner Schwestern seien sehr positiv ausgefallen, was zuvor nicht zu erwarten gewesen wäre. Hätten die unangenehm oder blöd reagiert, hätte ich mich nicht selbst bestrafen müssen. Dann wäre ich enttäuscht und traurig gewesen. Nun hätte ich eigentlich glücklich sein können. Aber das ließen mein schlechtes Gewissen und die Schuldgefühle meiner Familie gegenüber nicht zu.  Ich hätte Schuldgefühle, weil ich die nicht mehr schütze und mich dabei auch noch wohl und groß und stark fühlte. Mein schlechtes Gewissen habe bei mir öfter die Auswirkung, dass ich mir das Erreichte wieder wegnähme, mich selbst bestrafen würde. 

Das empfinde ich heute noch als richtig bitter; das hat mich damals schon sehr genervt und traurig gemacht und nicht wenige Therapiestunden habe ich mir auf diese Art und Weise ‚zerstört‘! 

Dass ich überhaupt in der Therapie über das Erlebte sprach, also nicht mehr schwieg, löste, ich möchte fast sagen selbstverständlich, schlechtes Gewissen und zum Teil große Schuldgefühle bei mir aus. Die Therapeutin meinte dazu u.a., dass das wie ein Weggehen von meiner Mutter sei, die ja auch verlangt habe, dass ich schweige. Eigentlich war es ein Weggehen von den Eltern und auch von meiner Familie, und das ist, wie bei vielen Anderen, auch bei mir mit großen Schuldgefühlen einher gegangen. 

Die zeigten sich auch, wenn ich in der Therapie Wut und Hass auf meine Eltern äußerte oder gar austobte, also schlug und trat und schrie, was mir eigentlich sehr gut tat. Aber die erste Reaktion war, zumindest bei den anfänglichen Wutattacken, Schuldgefühle und daraus resultierende Selbstbestrafung. Diese Selbstbestrafung sah dann wieder so aus, dass ich eine Haltung oder Aussage der Therapeutin gegen mich gerichtet wahrnahm, an ihr rum zerrte, wie sie es nannte, und schon verschlechterte sich die Stimmung zwischen uns. Manchmal musste ich dann mit dieser für mich nicht gut auszuhaltenden Stimmung aus der Stunde gehen, die nächsten Tage überstehen, bis wir das in der Folge- oder den Folgestunden auflösen konnten. 

Zu einem anderen Zeitpunkt berichtete ich in der Therapie, dass mir im Moment das Arbeiten schwerfiele, ich mit mir unzufrieden sei, und beschimpfte mich dafür selbst. Noch nicht mal mehr zwei Tage in der Woche könne ich arbeiten. Ich würde mich für meine Hasstiraden  gegenüber den Eltern, aber auch ihr gegenüber, runtermachen, selbst bestrafen, so die K. Es wäre wichtig, auch wenn es mir mal nicht so gut gehe, doch zu arbeiten. Das gäbe mir Bestätigung, würde mir auch zeigen, ich bestünde nicht nur aus meiner Geschichte und der Therapie. 

Ja, ich wütete auch gegen die Therapeutin. Ihr zu sagen, was mich alles an ihr ärgerte, fiel mir natürlich sehr, sehr schwer. Aber irgendwann hatte ich es mal geschafft, es waren geradezu Hasstiraden. Für uns beide war bald klar, dass es sich dabei in der Hauptsache um Übertragungen handelte, also um Hass auf meine Eltern. Bei der Kindheit und den Eltern wäre es doch verständlich, dass ich jetzt Schuldgefühle ihnen gegenüber hätte, so die Therapeutin. Ich hätte wie eine Löwin meinen Hass auf meine Eltern rausgebrüllt, und nun würde ich ihr unterstellen, sie kann mich, so böse wie ich war, nicht annehmen und aushalten. Ja, ich hätte Angst gehabt, sie lässt mich jetzt auch alleine. Ich wolle aber keine Schuldgefühle haben! Sie beruhigte mich mit den Worten, ich sei doch auf dem besten Wege. Aber das dauerte doch noch länger. 

In der folgenden Stunde spürte ich wieder Wut auf sie. Das hatte sich so entwickelt: Ich hatte mir fest vorgenommen, zu mir und meiner Wut, meinem Hass zu stehen. Ich bat sie, mir zu sagen, wie ich meine Schuldgefühle loswerden könne. Irgendwie wurde es dann konfus, und sie meinte, ich wolle, dass sie die Verantwortung für meine Schuldgefühle übernähme. Das stimme doch überhaupt nicht!, entgegnete ich schon leicht verstimmt. Dann behauptete sie sogar noch, ich hätte Wut auf sie, weil sie mir meine Schuldgefühle nicht abnähme. Und schon wurde ich wirklich wütend auf sie, und das sagte ich ihr auch. Sie blieb dabei, ich hätte Wut, weil sie mir nicht helfe, meine Schuldgefühle loszuwerden. Ob ich Angst hätte, es bliebe bezüglich meiner Eltern nichts Schönes mehr übrig?, fragte sie mich sehr verständnisvoll. – Ja! Ja, das denke ich schon lange! – Es ginge darum, die Schuldgefühle anzunehmen, hatte sie noch betont. Aber das blieb schwierig. Nachdem ich mich wieder mal selbst runtergemacht hatte für meine Wut, meinte sie, es sei kaum zu fassen, sie wäre fast sprachlos darüber, aber: Sie durften ja auch nie Wut haben, nicht ihre Meinung sagen. Sie mussten ja damit rechnen, fertig gemacht und vernichtet zu werden. – Dass ich das damals dann ganz gelassen hätte, sei sicher die richtige Reaktion gewesen.

Wir stellten später fest, dass ich eine Weile auf viel Schönes in der Therapie verzichtet hatte, um mich für meine Wut auf die Therapeutin  und für die auf die Eltern selbst zu bestrafen! Das war etwas, das ich, als es mir klar wurde, selbst kaum fassen konnte.

Also Selbstbestrafung aus schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen konnte ich gut! Traurig, aber wahr! 

Zum Abschluss möchte ich noch von zwei Beispiele für Schuldgefühle erwähnen. Zum einen ging es darum, dass ich nochmal meinen Eltern gegenüber treten wollte. Weil ich das wollte und auch selbst bestimmen wollte, auf welche Weise ich das tue, hatte ich Schuldgefühle und machte mich klein. Letzteres zeigte sich, indem ich genau davon sprach, als es konkret wurde: Ich würde mich klein fühlen, würde mich nicht trauen, hätte Angst davor. Dass ich heute real vor meinem Vater keine Angst mehr haben müsse, wäre mir klar. Aber da wären ja noch meine Brüder!  Und was ich von denen zu erwarten hätte, da gäbe es ja schon ein Beispiel! (Siehe dazu den Textteil REAKTIONEN.) Das konnte die Therapeutin nachvollziehen; sie betonte jedoch nochmals, mir würde es schwerfallen, dazu zu stehen, dass es mein Wunsch sei, mich auf die mir passende Weise von meinen Eltern zu verabschieden und die Beziehung zu ihnen zu beenden. Dann wäre ich die Handelnde. Und das verursache Schuldgefühle.

Und dann war da noch dieses Gefühl, diese Aussage von mir, die auch zum nächsten Thema überleitet: Ich will nicht mehr leben! – Das, was dieser Aussage vorweg ging, will ich hier nicht wiedergeben, aber die Reaktion der Therapeutin auf meine Verzweiflung ist mir wichtig. – Für mich fühlt es sich so an: Sie wollen endlich mal ihre Schuldgefühle loswerden! Sich nicht mehr verantwortlich für das Geschehene fühlen! – Deshalb  würden diese Gefühle auftauchen. 

Aber es gab noch viele andere Gründe…..

ICH WILL DOCH LEBEN

Ich wähle bewusst diese Überschrift und nicht, ich will nicht mehr leben, obwohl ich das öfters fühlte und auch aussprach während der Jahre meiner Therapie. Obwohl ich das wirklich sehr stark fühlte, mir sogar überlegte, wie ich das machen könnte, schreibe ich, ich will doch leben! Obwohl ich starke Gründe dafür hatte, die ich auch heute noch verstehe! Ich schreibe, ich will doch leben, weil es auch damals so war! Und weil ich froh bin, dass auch das da war! 

Ich habe auch deshalb diese Überschrift gewählt, weil es mir wichtig ist, nicht gleich eine Stimmung zu verbreiten, die dazu führt, dass keine diesen Teil des Textes lesen mag. Im Gegenteil, ich will, dass das gelesen werden kann, weil es zeigt, wie sehr ich darum rang und warum es wichtig und richtig ist, solche Erlebnisse zu überleben!

Aber wie fasse ich das alles zusammen? 

Chronologisch wäre die eine Möglichkeit. Also wie und wann dieses Gefühl auftauchte während der Therapiezeit und wie ich damit umging. Dies würde wahrscheinlich am besten die Aufs und Abs widerspiegeln und die Entwicklung zur Bejahung meines Lebens.

Oder indem ich folgende Fragen beantworte:

Wann und warum tauchte dieses Gefühl auf, nicht mehr leben zu wollen? In welchen Zusammenhängen?

Besonders wegen der Taten meines Vaters; aus Wut auf die Therapeutin, die aber nicht wirklich mit ihr zu tun hatte; aus Wut und Hass auf meinen Vater bzw. meine Mutter, meine Eltern! 

Wie verhielt sich die Therapeutin, wie ging sie damit um, wie half sie mir? Wie habe ich mir selbst helfen können, um es doch nicht zu tun? Das ist etwas, was ich heute noch mit Rührung und Bewunderung lese, dass und wie ich mir auch selbst helfen konnte.

Und zum Abschluss davon berichten: Ich will leben!

Ich entscheide mich doch für die chronologische Variante. Und komme damit gleich auf die Frage, wann und warum dachte ich, ich will nicht mehr. Zum ersten Mal nach einem Traum mit meinem Vater. Diesen Traum hatte ich in der Therapiestunde geschildert und mich gefragt, hat er ‚sowas‘, also was ich träumte, oder gar noch mehr mit mir gemacht? Ich könne mich doch an gar nichts erinnern! Wenn das so wäre oder gar noch mehr, das könne ich nicht aushalten, dann wolle ich nicht mehr. Was das denn hieße?, fragte die K. Dann wolle ich nicht mehr leben! Das würde ich nicht auch noch aushalten und verkraften können. Zu meinem Erstaunen sagte sie, das mache ihr Angst, dass ich sowas sage. Und sie sprach davon, auch andere Frauen hätten Schlimmes erlebt. Ja, aber von denen würden sich auch viele umbringen. Sie entgegnete, aber viele würden sich auch aus dem Sumpf raus kämpfen, um ein freieres und schöneres Leben führen zu können. Zum Ende dieser Stunde sagte sie: Wenn sie mich brauchen, rufen sie mich an! – Dies und ihre liebe und verständnisvolle Art hielten mich nach der Stunde aufrecht. Ich hatte auch mal gesagt, ich halte das nicht aus. – Doch, das halten sie aus! – Wie sie das sagte, so fest, bestimmt und doch mit lieber Stimme, das hat mir geholfen.

Als die K. wegen einer Erkrankung eine Stunde absagte, fühlte ich mich lebensmüde, ohne aber an Konsequenzen zu denken. Sie fehlte mir so sehr! Ich forderte mich auf: Tue dir ganz viel Schönes! Sei lieb zu dir, so, wie du es dir von anderen wünschst! – Das half mir. Weitere Stunden fielen aus, weil sie länger krank war. Nun wurde ich wütend, wollte schon den nächstmöglichen Termin absagen, aber ich brauchte die Stunden doch so sehr! Und das brachte ich in der nächsten Stunde zum Ausdruck: Am liebsten wäre mir, sie wäre nur für mich da! – Das kann ich heute noch gut verstehen, auch wenn ich über mich schmunzeln muss. 

Einige Monate später sagte ich, es ginge mir immer schlechter, keine Kraft, keine Hoffnung sei in mir. Ich würde zu oft denken, ich will nicht mehr, es ist mir alles zu viel. Das würde mich selbst erschrecken. Ich müsse etwas dagegen tun, mir selbst mehr geben. Was mir zu viel sei und was ich erreichen wolle?, fragte die K. – Ich möchte gerne mit all dem ruhig leben können und dass es mir besser geht, ich mich öfter gut fühle. – Im Moment wäre es eher so, es wird immer mehr, nicht weniger. Ich würde  meine Kraft nicht mehr spüren. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig auf die Erinnerungen mit meinem Vater eingelassen! Trotzdem war es mir schon zu viel. 

Von wegen mir selbst mehr geben, dazu meinte die K., das gehe im Moment nur über sie; dass ich das so wolle. Sie würde mir zu einem Zugang zu mir selbst verhelfen. Sie setzte sich später in meine Nähe, hielt meine Hände… Ich würde wirklich versuchen, mir selbst mehr zu geben, sagte ich, nachdem sie mich dazu aufgefordert hatte. Würde versuchen, fürsorglich mit mir zu sein. Aber es habe nicht die gleiche Wirkung, wie wenn ich etwas von ihr bekäme. Anscheinend sei ich noch nicht soweit, das selbst zu tun, sagte sie lieb und verständnisvoll. Als ich später sagte, ich hätte Angst, wenn sie jetzt in Urlaub gehe, dass ich das nicht schaffen würde, sage sie fest: Sie müssen es selbst wollen! Das ist eine wichtige Voraussetzung! – Ich würde es doch auch gerne schaffen! – Und ich schaffte es!

Nur einen Monat später hatte ich einen Traum mit dieser klaren Botschaft: Ich will nicht sterben! Ich will doch leben! Aber kurz darauf war es wieder anders. Es machte mir Angst, wieder zu denken, ich will nicht mehr. Und dann konnte ich mir selbst helfen und zwar so: Ich nahm in meiner Phantasie die kleine Ann an die Hand und ging in der Sonne spazieren, einen Kakao trinken (ich hielt sie weiter in meiner Phantasie an der Hand!) und kaufte noch ein schönes neues Kuschelkissen und CDs mit schöner Musik. Ich kam zu dem Entschluss, ich will versuchen, der kleinen Ann das zu geben, was sie sich früher und auch jetzt von ihrer Mama wünscht. Ich hatte mich innerlich in letzter Zeit von der kleinen Ann entfernt, ihre Bedürfnisse und sie nicht mehr richtig wahrgenommen. Aber jetzt wurde es anders. Ich kaufte auch Buntstifte, damit ‚wir‘ malen konnten. Das war so hilfreich, wenn es mir gelang, die kleine Ann in mir anzusprechen, also meine Gefühlsseite besser zu beachten, hilfreich, aber auch sehr schwierig! (Wie ich überhaupt in Kontakt zu der kleinen Ann in mir kam, darüber schreibe ich ganz sicher noch einen besonderen Text in Buch 2!)

Ich hatte einmal so eine starke Wut auf die Therapeutin (siehe dazu die Kapitel WUT und MISSTRAUEN), dass ich sogar dachte, vom Balkon vor unserem Raum zu springen! Und das sagte ich ihr. Ihre Reaktion: Ich würde genau wissen, dass ich sie damit träfe! Mit diesen Gedanken ließe ich niemand mehr an mich ran! Wir sprachen natürlich über die Gründe für die Wut, besonders inwieweit sie überhaupt mit der Therapeutin in Zusammenhang standen.

Bei einer anderen Gelegenheit ärgerte ich mich sehr über die K., ich fand sie stur. Und ich war wütend, wieder einmal wegen ihrer Ferien. Es ist  alles sinnlos. Wofür leben? Es lohnt sich nicht. Diese und andere trübe, selbstzerstörerische Gedanken plagten mich. Und dann dachte ich: Doch, es lohnt sich doch zu leben! Für meine Gefühle! Ich hab doch so schöne Gefühle in mir! – Wieder überraschte ich mich selbst und mir wurde klar: Ich muss etwas gegen diese Stimmung tun! Ich will da raus.! -Und das tat ich. Ich setzte meine Idee, mit den Sportfrauen was zu unternehmen, um. Von all dem berichtete ich in der Stunde. Hinter dem Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, stecke sehr viel Wut, erläuterte die K. und fuhr fort, dass sie bisher nicht das Gefühl gehabt habe, sie müsse sich deswegen Gedanken machen. Aber jetzt hätte ich das schon öfter geäußert. Sie wolle das nicht ausblenden. Man müsse vielleicht noch andere Arten der Unterstützung wahrnehmen, wie Tabletten oder Psychiatrie… Sie fragte, wie ich mich selbst einschätzen würde. Es würde mich auch erschrecken, mehr konnte ich dazu nicht sagen. Nun ging sie darauf ein, dass und wie ich mir selbst geholfen hatte. Das wäre doch richtig mütterlich gewesen, wie ich mit mir umging. – Und sie haben etwas unternommen, und es hat ihnen geholfen! …. Da erscheinen sie doch wieder! – Ich hatte noch hinzugefügt, was ich ihr schon mal sagte, durch die lieben Gefühle für sie sei ich wieder zu meinen Gefühlen zurück gekommen und wie sehr mir das helfe.

Wieder ging es um ihre Ferien, dass sie dann nicht für mich da ist, aber auch um meine geplante Reise mit Freundinnen nach Italien, die bereits mehrmals erwähnte. Und wieder tauchten diese selbstzerstörerischen Gedanken auf. Ich wollte das doch nicht mehr denken! Das hatte ich doch mir und der kleinen Ann versprochen! Mir war dann aufgefallen, dass ich das doch immer wieder vor ihren Ferien denke. Ich bin nichts wert, mich kann man ja alleine lassen. Zum einen war es gut, mir das klar gemacht zu haben, zum anderen konnte ich wieder in Kontakt zu der kleinen Ann gehen, die mir klar signalisierte, sie will mit den Frauen wegfahren! Dies alles berichtete ich der K., die sich sehr mit mir freute, und die eindringlich hinzufügte: Ich möchte sie bitten, rufen sie mich an, wenn sie sich so fühlen, ich will nicht mehr und so. Ich bitte sie wirklich, rufen sie mich an! – Es wäre gut, wenn ich mir in einer solchen Situation einen Punkt setzen würde und sie anriefe. Daran hätte ich schon selbst gedacht, wenn ich nicht da rauskomme, eine anzurufen. Die K. meinte, sie denke nicht, dass ich tatsächlich nicht mehr leben wolle. – Ich denke, sie haben es satt! Wollen, dass das alles mal ein Ende hat. Sie können das dann einfach nicht mehr aushalten, die Wut, das Schlimme, das Kämpfen. – Ja! Ich will doch leben! – Wie schön, dass ich das fühlen und sagen konnte.

Zu dieser Zeit wurden meine Erinnerungen im Zusammenhang mit meinem Vater immer deutlicher, immer konkreter. Wenn das stimme, dann… Ich bat nach einer ganz schweren Stunde eine Freundin um Hilfe, sie kam. Als ich wieder alleine war, kochte ich mir was Leckeres, Kerzen und Musik dazu und obwohl es mir so schlecht ging, spürte ich, ich will meine Sachen machen, meine Dinge dagegen stellen. Das war gut. Und ich bemerkte zum wiederholen Male, wie sehr es mir hilft, wenn ich meine lieben Gefühle spüre, meine Mamagefühle für die Therapeutin! Nach meinem Bericht in der Therapiestunde fragte ich die K., ob sie denke, dass ich das überlebe? Sie schaute mich ganz fest und lieb an und sagte: Ja! … Sie haben das doch  schon mal überlebt! Und das überleben sie jetzt auch! – Ja! … Ich will doch leben! – 

Kurz darauf fragte mich die K. ganz konkret, nachdem sie meinte, sie habe mich in den letzten Tagen mit Sorge betrachtet, ob ich ihr sagen wolle, sie solle mich davor bewahren, solle mir helfen. Bisher habe sie immer gespürt, wenn es bei jemandem eng wurde, aber sie könne sich auch täuschen. Bisher habe sie bei mir nicht das Gefühl gehabt, aber nun wolle sie es von mir wissen. Sie habe daran gedacht, dass ich vielleicht in eine Klinik gehen sollte. Ich würde aber in keine Klink gehen! Das solle ich doch auch nicht! Es sei doch meine Entscheidung!, stellte sie klar. Bei mir kam das erst einmal so an, dass ich zu viel von ihr will, deshalb will sie mich in eine Klink stecken. (Später klärte es sich, dass sie mich vor mir selbst schützen wollte, damit ich nicht meine Wut gegen mich richte!) Ich kam bald danach darauf zu sprechen, dass mir klar geworden war, wenn die K. so wie eine Mama zu mir wäre, dann brauchte ich die Wut auf meine Mutter nicht zu- und rauszulassen! Damit könnte ich die Wut auf meine Mutter zudecken, weil sie mich nicht beschützte, weil sie nichts mitbekam oder mitbekommen wollte. Die K. reagierte ganz begeistert, weil ich das selbst herausgefunden hatte. Wies mich aber auch daraufhin, dass ich jetzt dauernd von meiner Mutter reden würde, eigentlich beträfe das alles doch meinen Vater…

Und genau das wurde in der Folgezeit immer deutlicher, dass hinter dem  ‚ich will nicht mehr leben‘ meine Wut, mein Hass stand. Ja, es ging auch mal um Wut auf die Therapeutin, aber auch dahinter verbarg sich fast immer Wut auf meinen Vater, aber auch auf meine Mutter. 

Ich könne mir das mit meinem Vater nicht mehr ansehen, könne das nicht mehr ertragen. Ich wolle auch keine Wünsche mehr an sie haben, an sie, die Therapeutin, also Wünsche wie an eine Mama! – Ich will über dieses Thema nicht mehr reden! Und über meinen Vater auch nicht! – Das ziehe mich alles total runter und mache mich wütend. Auch weil ich so oft denken würde, ich will nicht mehr leben! Ich wolle vielleicht mal weniger Stunden machen oder eine Pause, um zu überlegen, wie weiter und was ich überhaupt will. Ich würde von anderen zu hören bekommen, ob das alles wirklich gut für mich sei. Lass es doch ruhen, du schadest dir nur selber und ähnliches. Wir sprachen eingehend darüber; die K. meinte u. a., das sei doch typisch für unsere Gesellschaft, weggucken, verdrängen. Wenn ich das jetzt abbräche, wäre doch alles trotzdem noch da: Das schleppen sie doch weiter mit sich rum! – Wegen der Auswirkungen auf meine Ehe und meine Freundschaften fügte sie hinzu: Es ist doch illusorisch, sich diese schweren Erlebnisse anzuschauen, diese zu bearbeiten und dabei unbeeinflusst ein normales Leben zu führen! – Ich entgegnete, aber die anderen würden Anderes sagen. Ich müsse mich doch entscheiden, ich ganz alleine! – Ja, das können auch nur sie entscheiden! –

Bald darauf spürte ich wieder Hass auf die Therapeutin, weil sie mir nicht das gab, was ich wollte (sie sollte wie eine Mama für mich sein), und auf mich, weil ich das will. – Das ist doch der Hass auf ihre Mutter, wenn sie sagen, ich halte das nicht aus, ich will nicht mehr leben, wenn sie an dem Thema sind, was sie von mir wollen! Sie halten den Hass nicht mehr aus! Sie spüren wahnsinnigen Hass auf ihre Mutter, und diesen können sie nicht aushalten! – Wir sprachen danach über meine Mamawünsche an die Therapeutin und nochmal darüber, ich will an dem Thema nicht weitermachen. Nicht mehr zu kommen würde sie mir quasi verbieten! Aber bei dem Thema ‚mein Vater‘ immer wieder auszuruhen, in kleinen Schritten voranzugehen, das rate sie mir. Mir war selbst klar und das sagte ich ihr in der folgenden Stunde: Ich will doch damit weitermachen! – Und ich dachte: Die Gefühle von damals müssen sich nicht in Herz- oder Angstattacken zeigen, wie die K. prophezeite und wie ich es jahrelang schon erlebt hatte, wenn ich sie mal zugelassen und verarbeitet habe!

Und ich machte weiter! Mit Pausen, in kleinen Schritten, aber weiter. Mit diesen Erkenntnissen: Ich will nicht mehr leiden! Sondern leben! Mir geht es besser, wenn ich es weiß! Wenn ich alles raus- und zulasse, sei es noch so knüppelhart! Insgesamt ist es besser! Ich fühle mich stärker dadurch! Ich will noch leben! Jetzt erst recht!, so notierte ich es in meinem Tagebuch.  

Noch später wurde mir klar, immer wenn ich nicht handle, geht es mir so,  dass ich denke, ich will nicht mehr… Mir fiel mein Vater ein: Dann hätte er mich doch geschafft! Nein, das will ich nicht! Gegen ihn will ich meine Wut richten, nicht gegen mich selbst! Nie mehr! – Doch danach packte mich wieder Wut und Zorn, weil ich in der Auseinandersetzung mit meinen Eltern nicht weiterkam. Ich erkannte: Ich will doch leben! Ich weiß mir nur nicht zu helfen!… Ich will mich nicht selbst vernichten, weil ich das alles nicht mehr ertragen kann! Der Hass gehört zu meinem Vater! – Ja, da gehörte er hin, und den habe ich dann auch mehrere Male ausgetobt und rausgebrüllt und mich mit meinem Vater auseinandergesetzt.

Gegen diese furchtbaren Gedanken halfen mir in all den Jahren die Unterstützung der Therapeutin, wie sehr sie für mich da war, aber auch ich konnte mir aus diesen Stimmungen, dieser Verzweiflung raushelfen, auch wenn es manchmal eng war. Und das finde ich gut. Ich konnte mir auch selbst helfen!

Jetzt muss ich auf ein aktuelles Ereignis zu sprechen kommen, das zu all meinen Ausführungen passt. Ich schreibe an diesem Text im Spätherbst/Winter 2017. Zuerst im Netz (Hashtag #metoo), dann in allen Medien, geht es seit einiger Zeit um Veröffentlichungen von Frauen, aber auch von Männern, die meist vor vielen Jahren sexuelle Übergriffe erlebten – von Begrapschen bis zur Vergewaltigung. Diese Frauen und Männer, selbst zum Teil auch berühmt, klagen Männer aus dem Umfeld von Film, Fernsehen u. ä. m. an, sehr berühmte Männer, Schauspieler oder Stardirigenten. Gut so!, kann ich dazu nur sagen, aber ich frage mich auch, was dieser Hype bringen wird. Ob ein längerer Prozess in Gang gesetzt wird, der wirklich was bewirkt. Oder ob es bei dem Hype bleibt und alles irgendwie wieder in Vergessenheit gerät, weil der nächste Hype ansteht bzw. weil das den meisten lieber so ist, also weiter verdrängen, Augen verschließen und zur Tagesordnung übergehen. 

Von all den Reaktionen möchte ich die folgende rausgreifen. Zwei deutsche SchauspielerInnen, also ein Mann und eine Frau, äußerten sich abfällig über die Veröffentlichungen und Anklagen. Als Begründung führten sie an, was mehr oder weniger jede Betroffene von sexueller Gewalt kennen dürfte, wie es sein könne, dass sich diejenigen erst jetzt, nach so langer Zeit, dazu äußerten. Wenn eine Betroffene erst so spät darüber redet, reden kann, warum auch immer, reduziert es also ihre Glaubwürdigkeit – nichts Neues, dennoch erwähnenswert. WARUM sich Betroffene so spät erst dazu äußern bleibt außen vor, damit setzen sie sich erst gar nicht auseinander. Die Betroffenen sind die Schuldigen, das Problem, nicht die Täter. Damit machen es sich diese Personen sehr leicht. Warum nur…?

Ich komme nun zu einem weiteren Aspekt und zwar diesem:

FRÜHER WAR ICH ALLEINE DAMIT…, WÄHREND DER THERAPIEZEIT ABER NICHT MEHR!

Letzteres war nicht durchgehend so, aber grundsätzlich und auf längere Sicht hin stimmt es. 

Früher… Wie habe ich das früher erlebt? Dazu hatte ich dieses Bild, diese Erinnerung in mir: Es waren zwar alle da, meine Eltern, meine Geschwister. Aber ich war ganz alleine! Als wäre ich alleine im Weltall. Seitdem hab ich das Gefühl, ich bin alleine auf der Welt!, so beschrieb ich es der Therapeutin. Warum war niemand für mich da? Warum war niemand da, der/die mich beschützte, mir half? Warum hat keine/r was bemerkt? Also noch weitere Fragen, die mich, wie andere, zeitweise sehr belasteten. Keine/r wollte oder konnte früher wahrnehmen, wie sehr ich in Not war. 

Natürlich denkt jede erst einmal an die Mutter, warum war sie nicht da? Dazu habe ich an vielen Stellen schon einiges geschrieben. Ich werde noch in einem eigenen Textteil auf meine Mutter eingehen. Dennoch dies: Sie hat mich alleine gelassen, mir nicht geholfen; nicht dafür gesorgt, dass das nicht mehr passiert! Ich war ganz alleine! Die kleine Ann war ganz alleine damit! Und als ich das wieder mal so fühlte, sagte ich zu der Therapeutin: Aber WIR vergessen die kleine Ann doch nicht?! – Nein! – WIR lassen sie doch nicht alleine?! – Sanftes, liebevolles Kopfschütteln, so notierte ich ihre damalige Reaktion. Und wir haben weder die kleine noch die große Ann alleine gelassen!

Damit komme ich auf die Therapiezeit zu sprechen. – Vielleicht ist ihnen jetzt klargeworden, dass sie bisher ganz alleine waren mit allem?, fragte mich die Therapeutin nach ungefähr einem halben Jahr Therapie. – Ja! Ich war bisher ganz alleine, musste alles alleine aushalten! Das stimmt! Die ganzen 30 Jahre (und mehr!!) musste ich alleine damit fertigwerden! – Ja! Aber jetzt sind sie nicht mehr alleine. Jetzt haben sie sich eine Verbündete geholt. Mindestens eine Verbündete! – Ich hatte noch ergänzt, jetzt würde mir das alleine sein der letzten 30 Jahre erst richtig bewusst werden. Wie hart das war!

Aber es stimmte, nun hatte ich Verbündete, UnterstützerInnen. Darauf gehe ich gleich noch näher ein. Und dennoch fühlte ich mich oft, besonders während der ersten Zeit der Therapie und des Bearbeitens, sehr alleine damit. Ich würde es brauchen, mich gerade nicht alleine zu fühlen. Ja, das verstehe sie. Sie könne mir das nicht abnehmen, es wäre hart, aber ich sei doch nicht alleine. – JETZT sind sie es doch nicht mehr! – Das hatte sie gesagt, als sie nach Beendigung einer Stunde, ich durfte noch in unserem Raum bleiben, nochmal dazu kam, nachfragte, wie es mir geht. Das hatte mich wirklich nach dieser schweren Stunde getröstet, mir geholfen, dass sie noch einmal nach mir sah.

Bei einer anderen Gelegenheit widersprach ich ihr allerdings. Wenn sie hier weggehe, sei es (das Thema sexuelle Gewalt und alles in diesem Zusammenhang stehende) für sie weg. Für mich sei es aber nicht so! – Einerseits haben sie recht. Es ist ihre Geschichte, ihre Vergangenheit. Aber andererseits haben sie ganz und gar nicht recht! – Sie sah mich lieb an. Darüber wolle sie, da Ende der Stunde, ein anderes Mal noch ausführlicher mit mir reden. Dazu kam es wohl nicht, aber auch so verstand ich, was sie meinte. 

In einer weiteren Stunde äußerte ich wieder, ich sei mit allem so alleine, würde mich wie isoliert fühlen. Dürfe nicht so viel davon zeigen, wie es mir tatsächlich gehe. Müsse mich zusammenreißen. Wenn ich in der Therapiestunde sei, wäre es anders, sei es gut. Andererseits wollte ich zu dieser Zeit oft gerne alleine sein. Aber alleine sein wollen und sich alleine fühlen ist ja nicht das gleiche! 

Doch zunehmend konnte ich sehen, spüren, ich bin doch nicht mehr alleine: Finde es so toll, dass meine FreundInnen so für mich da sind! Das macht mich sehr glücklich!, notierte ich in mein Tagebuch. Ein anderes Mal war es die Therapeutin, die mich darauf hinwies, mein Mann, meine Freundinnen ließen mich doch nicht alleine! Und die hätte ich mir doch selbst gesucht! – Das ist ihr Verdienst! Dafür haben sie gesorgt! – Ja,  im Gegensatz zur Familie, die frau sich ja nicht selbst aussuchen konnte. Aber das war mir vorher nicht bewusst: Für diese lieben UnterstützerInnen hatte ich gesorgt!

Ich war gar nicht alleine! Ich musste zwar alles aushalten, das konnte mir niemand abnehmen, aber ich hatte sehr liebe und solidarische Freundinnen und meine Schwester Lisa und meinen Mann! Sie alle waren für mich da! – Es ist so wunderschön, dass ich alle diese liebevollen, unterstützenden Frauen kenne! Die sind viel mehr für mich da als meine Familie bisher in meinem ganzen Leben! – Nachdem mich mein jüngster Bruder am Telefon bedrohte, boten meine Freundinnen mir verschiedenste Unterstützung an. Die eine, ich kann bei ihr übernachten, die andere, sie gäbe mir den Schlüssel ihrer Wohnung, so dass ich jeder Zeit dort Unterschlupf finden könnte. Ist das nicht wundervoll? Das habe ich nicht vergessen und das werde ich niemals vergessen! 

Aber ich wollte auch mal konkrete Unterstützung von meiner Schwester Lisa. Ich schlug ihr vor, dass wir zusammen den Bruder meines Vaters besuchen, um etwas über meinen Vater zu erfahren. Wie er früher war. Lisa wollte nicht. Es sei nicht ihr Interesse, stellte die K. klar; Lisa wolle ja das Thema beenden, nicht genauer hinsehen. Eigentlich hätten mich doch alle verlassen, meinte ich, Maria, Birgit, Lisa und auch Heiner. Heiner hätte doch mal sagen können, komm, wir gehen gemeinsam zu unserem Vater. Ich will an deiner Seite stehen. Wenn ich das von ihm wolle, betonte die Therapeutin, dann müsse ich ihm das sagen. – Ich kann sehr gut verstehen, dass sie Solidarität brauchen, dass das toll wäre. – Dahinter stehe auch mein Wunsch, fuhr sie fort, in der Familie zu bleiben. Nicht völlig ausgestoßen zu werden. Das sei sehr verständlich. Jeder wolle in seiner Familie bleiben, mit zur Familie gehören. Aber das müsse sie auch sagen: Niemand von ihrer Familie kann ihnen die Auseinandersetzung mit ihrem Vater abnehmen. Das können sie nur selbst leisten! – Ja, das wurde mir auch immer klarer: Ich muss mich ganz alleine mit ihm auseinander setzen!, fühlte mich aber sehr alleine bei diesem Gedanken! Aber es reizte mich auch irgendwie. Das hatte was!

Außerdem konnte ich mir immer mehr selbst helfen, wenn ich mich alleine fühlte oder ich Unterstützung benötigte. Ich konnte mich beruhigen, indem ich die kleine Ann beruhigte: Ich bin doch bei dir! Du bist nicht alleine!, so oder ähnlich sprach ich dann mit der kleinen Ann. Ich sprach mit ihr wie eine liebe Mama. 

Oder ich nahm die kleine Ann in meiner Phantasie in den Arm, streichelte ihr zart den Rücken, hielt ihr liebes Gesicht in meinen Händen. Und wir weinten zusammen. – Ich passe auf dich auf! …. Ich lasse dich nicht alleine! – Ich lächle und freue mich, während ich dies schreibe, und erinnere es sehr gut, wie ich mich damit selbst berührte und was mir das gab. 

Wenn es es mir ganz schlecht erging, rief ich bei der Therapeutin an. Ich durfte sie sogar zuhause anrufen, was mir schwerfiel und was ich mich nur selten traute. Doch manchmal rief ich sie auch dort an. Jedesmal reagierte sie mit großem Verständnis. Ich holte mir Hilfe bei ihr oder ich rief eine Freundin an, redete mit ihr oder wir trafen uns zum Reden oder unternahmen irgendwas Schönes. Manchmal musste ich mir auf diese Weise bestätigen, ich bin doch nicht mehr alleine damit. Wenn es eng wird, es mir ganz schlecht geht, kann ich eine anrufen und mir damit selbst helfen.

Dass ich mir auch in kritischen Situationen selbst helfen und beistehen konnte, darauf machte mich nicht zuletzt die K. aufmerksam. Ich hatte einen heftigen Traum mit meinem Vater, mir ging es danach schlecht wie lange nicht mehr. Ich hatte mich dann ganz auf mich konzentriert, mich geduscht, schön eingecremt, leckeres Essen zubereitet, mir gut zugeredet, mich aufgefordert, gut mit mir umzugehen. Ich wollte alleine damit klarkommen. Nun der Hinweis der Therapeutin: Sie haben es alleine geschafft! Sie haben sich auf sich bezogen und sind da rausgekommen! Mir ist wichtig, dass sie das wahrnehmen! Dass sie diese Kraft, dieses Potential haben! –

Dies bestätigt ein weiteres Beispiel: Zum Ende einer sehr schweren Stunde hatte die K. mich etwas gefragt, was mich sehr erschreckte. Bald darauf beendete sie die Stunde. Ich ärgerte mich über sie, dass sie mich so was Hartes fragte und mich dann alleine ließ. Doch sofort dachte ich: So gehe ich jetzt nicht damit um! Sie weiß, dass ich stark genug bin, damit alleine fertig zu werden! Und ich wusste und spürte es selbst immer mehr.

Irgendwann war es dann soweit, dass ich nicht mehr so viel Nähe und Unterstützung brauchte, ich gefestigter war und mich besser um mich kümmern und mir selbst Zuwendung geben konnte. Ich fühlte mich erstmal ein bisschen einsam und alleine, weil die Zuwendung von außen immer mehr wegfiel. Andererseits übte ich nun auf die Anderen keinen Druck mehr aus, ich brauche Hilfe, seid für mich da, am besten rund um die Uhr. Darauf wies mich die Therapeutin hin, der ich zeitweise viel Druck gemacht hatte.

Für mich hatte diese Veränderung was von freier sein, freier und unabhängiger! Das gefiel mir natürlich. Und all die Anderen waren ja weiterhin da! Auch das eine neue und schöne Erfahrung: Auch wenn ich eine nicht brauche, oder gerade dann, geht sie nicht weg, bleibt sie mir!