Ich weiß gar nicht, wie ich dieses Thema zu Papier bringen kann, womit ich anfangen soll. Vielleicht wieder so: Was fällt mir eigentlich zuerst dazu ein? Da sprudelt es geradezu aus mir heraus: Auswirkungen auf die Beziehung zur Therapeutin – keine Berührungen möglich, Vermischung der Gefühle, liebe und kindliche Gefühle und erotische Gefühle, großes und immer wieder auftretendes Misstrauen ihr gegenüber. Ganz furchtbar die Ängste und Panikattacken, die katastrophale Angst in der Nacht und vor den Nächten. Auf keinen Fall mehr Kind sein oder gar kindliche Bedürfnisse haben. Kein Mädchen, keine Frau sein wollen. Ich kann mich nur auf meinen Verstand verlassen, nicht auf meine Gefühle, deshalb meine Herzprobleme! Wut und Zorn und Hass und Rachephantasien! Das Verschwinden meines Körpers! Nur meinen Kopf nahm ich wahr, der Rest blieb mehr oder weniger außen vor. Und oft dachte ich während der Jahre in der Therapie: Ich will nicht mehr leben! Ich kann das alles nicht ertragen, nicht aushalten! Ich will einfach nicht mehr… Mit entsprechenden Phantasien, wie ich meinem Leben ein Ende setzen könnte. Aber zum Glück letztendlich: Aber ich will doch leben!

Schon im ersten Jahr der Therapie sprach ich davon, wie sehr ich überrascht sei von den schlimmen Auswirkungen; ich nannte damals die Herzprobleme, aber auch Trauer, Schmerz und Wut. Viele andere Auswirkungen waren mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, schon gar nicht das Ausmaß der erlebten Gewalt.

Es gibt unzählige Auswirkungen, die ich hier erwähnen und ausführlich darlegen könnte, aber das würde zu umfangreich werden. Bei manchem, was ich schildere, ist mir völlig klar, dass auch andere Faktoren Einfluss hatten. Ich denke z. B. an die von der katholische Kirche und der Nazizeit beeinflusste Erziehung, an die Machtstrukturen und an die patriarchalen Verhältnisse nicht nur in unserer Familie, aber ganz besonders dort.

Ich beginne mit Folgen der sexuellen Gewalt, denen ich gesonderte, ausführlichere Kapitel widme, die ich jedoch in diesem Zusammenhang kurz anführen möchte, nämlich die Angst und das Misstrauen.

Angst

Die katastrophalen Ängste, besonders in und vor den Nächten, und die Panikattacken beeinträchtigten mich in besonderem Maße. Selbst nach einigen Jahren Therapie notierte ich noch in meinem Tagebuch: Ganz nahe auf einmal wieder die Erschütterungen, die Katastrophennächte, die Ängste. Mein Gefühl, mich absolut aufzulösen, keinen inneren Halt mehr zu haben! – In einer Therapiestunde einige Monate später tauchte wieder heftige Angst auf und das Gefühl zu fallen, ganz tief zu fallen und ganz tiefe Angst. Und ein Bild von früher: Es sind zwar alle da, aber ich bin ganz alleine. Wie im Weltall. – Ich erinnerte und erkannte: Mein Wunsch nach Nähe… und dann kam die Gewalt. Deshalb meine Angst! Seitdem habe ich diese Angst! –

Für mich ist das Thema Angst eines der zentralen Themen, deshalb widme ich mich diesem, wie bereits erwähnt, in einem besonderen Kapitel. In weiteren Texten, wie z. B. zu den REAKTIONEN auf das Öffentlich Machen, werden diverse andere Ängste ebenfalls beleuchtet.

Misstrauen

Während vieler Jahre der Therapie quälte ich mich und auch die Therapeutin damit, dass ich ihr gegenüber immer wieder misstrauisch war. Kann ich ihr vertrauen? Glaubt sie mir? Ist sie wirklich für mich da?, solche und ähnliche Fragen stellte ich mir; sie belasteten mich außerordentlich. Ich hatte ihr gegenüber sogar einmal geäußert: Wenn sie was machen, dann bring ich sie um! – Soweit ging mein Misstrauen! Aber wenn ein Kind sexuelle Gewalt in der eigenen Familie erlebt hat, ist es absolut verständlich, das wurde mir nach und nach klar, dass es bei der Bearbeitung in der Therapie auch um Misstrauen geht, aber auch um Vertrauen. Aber dennoch hat mich das sehr, sehr gequält, der Therapeutin gegenüber misstrauisch zu sein. Es war doch so wichtig, dass sie für mich da ist, ich brauchte ihre Unterstützung und war doch gleichzeitig so misstrauisch. Aber das veränderte sich. Und: Ich erkannte irgendwann, es geht nicht nur darum, kann ich ihr, der Anderen oder den Anderen, vertrauen, sondern auch: Kann ich meinen Gefühlen und meiner Wahrnehmung vertrauen? Es war sehr spannend zu erkennen, auch darum geht es oder darum ganz besonders!

Grenzen und Abgrenzen

Wo sind überhaupt meine Grenzen? Kann ich mich abgrenzen? Darf ich nein sagen und wird mein Nein akzeptiert? Auch damit habe ich mich länger auseinander gesetzt und viel Gutes für mich erarbeiten können. Zunächst war es allerdings ein eher schmerzliches Thema, denn es ging ja um die Grenzverletzungen in meiner Kindheit und die Folgen. Und bezogen auf die Zeit der Therapie um meine Schwierigkeiten damit, wahrzunehmen, wo meine Grenzen sind – dies in erster Linie – und dann dafür zu sorgen, dass sie gewahrt werden. Mir kommt es im Nachhinein so vor, als hätte ich in der Therapie zum ersten Mal überhaupt über dieses Thema nachgedacht, als wäre es mir hier zum ersten Mal begegnet. Dabei ist es doch so wichtig, auf die eigenen Grenzen zu achten. Dazu werde ich sicher irgendwann noch mehr schreiben, hier soll dies erst einmal genügen.

Ausführlicher möchte ich nun auf folgendes eingehen: Auf die körperlichen Auswirkungen und die für mein Sein als Frau, auf meine Schwierigkeiten mit meiner bedürftigen Seite und die Verwirrung meiner Gefühle bezüglich der Therapeutin, insbesondere was Berührungen durch sie anging. Über diverse andere Folgen und die Schilderung meiner damaligen Probleme mit dem Wegfahren komme ich abschließend zu den Auswirkungen, die mich auch heute noch tangieren, wenn auch in geringerem Maße.

Körperliche Auswirkungen

Eine der heftigsten und noch heute anhaltenden Auswirkungen sind die Herzattacken, die ich bereits zuvor erwähnte. Hier möchte ich nur kurz auf die Ursachen eingehen, da ich mich an anderer Stelle dem Thema Fühlen und Gefühle besonders widmen will. Wenn ein kleines Mädchen erlebt, dass es von geliebten Menschen Gewalt erfährt, dies dazu noch kommentiert wird mit ‚du willst das doch auch‘ u. ä.; wenn die Eltern es nicht beschützen, im Gegenteil, wenn es sogar durch den Vater sexuelle Gewalt erlebt und die Mutter nicht hinschaut, es nicht unterbindet und nichts davon mitkriegen will und andere Grausamkeiten, dann wird das Vertrauen in das eigene Fühlen und Erleben von Grund auf erschüttert. Die geliebten Menschen machen sowas! Verhalten sich so! Und sagen auch noch, dass sie das Kind lieben! Und dann muss das Kind das alles erleben. Das kann nicht ohne Folgen bleiben.

Mit zunehmendem Alter, als Jugendliche, bemerkte ich, das erinnere ich sehr gut: Mein Verstand ist hellwach, ich kann gut denken. Nur auf mein Denken, meinen Verstand kann ich mich absolut verlassen. Am besten nur noch Kopf sein! Aber die Gefühle waren ja da, auch wenn sie nicht mehr ausreichend wahrgenommen oder gar völlig abgespalten wurden.

Werden Gefühle jahre- oder jahrzehntelang unterdrückt, machen sie sich oft, wie bei mir, durch körperliche Auswirkungen bemerkbar – was eigentlich gut ist, da wir dadurch auf das Problem aufmerksam werden können. Bei mir reagierte und agierte mein Herz. Zum Thema Gefühle passt es, dass sich gerade mein Herz ‚meldete‘. Im Alter von 15 bis 17 Jahren erlebte ich zum ersten Mal eine Tachykardie. Hierbei handelt es sich um Herzrasen mit 180 und mehr Pulsschläge in der Minute. Später kamen noch andere Herzsymptome hinzu, wie schnelleres kontinuierliches Herzschlagen oder sogenannte Extrasystolien, d. h. normales Herzschlagen wird unterbrochen von unregelmäßigem und geht wieder über in den normalen Rhythmus und das wechselt sich ab. Mit zunehmenden Alter traten die Proteste meines Herzens heftiger und häufiger auf. Nachdem anlässlich einer Tachykardie die hinzugerufene Ärztin meinte, und das mir gegenüber auch aussprach, ich hätte einen Herzinfarkt – ich war ungefähr 27 Jahre alt -, dachte ich, jetzt muss ich sterben. So kam in der Folge zu den Herzattacken noch Todesangst hinzu. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Herzattacken von zunehmender Angst begleitet; manchmal tauchten zudem heftige Panikattacken auf. Vom Hausarzt verschriebene Beruhigungstabletten sollten diese beseitigen. Das war auch mehr oder weniger der Fall. Aber damit begann eine gewisse Tablettenabhängigkeit. Ich ging nie mehr ohne Tabletten aus dem Haus. Ein Kreislauf von Angst vor der Angst vor einem Herzanfall begann. 

Herzattacken habe ich noch heute. Durch die Therapie weiß ich aber zum einen, dass und aus welchem Grund ich diese überhaupt habe. Zum anderen kann ich mit den Herzattacken meist gut umgehen, erkenne  fast immer rasch, warum mein Herz ‚sich meldet‘ und sorge dann entsprechend für mich. Außerdem kommen sie seltener vor – und zwar besonders dann, wenn ich nicht zu meinen Gefühlen und zu mir stehe. 

Und das will ich hier auch schon erwähnen: Durch das jahrelange an mir Arbeiten habe ich meine Gefühle quasi (wieder-)entdeckt! ALLE meine Gefühle – von den wunderschönen bis hin zu den eher negativen wie Wut und Zorn, sogar Hass. Auch darauf gehe ich an anderer Stelle noch genauer ein.

Aber nicht erst mein Herz zeigte, dass mit mir oder bei mir etwas nicht stimmte. Schon als Kind quälten mich ich sehr oft starke Migräneanfälle. Sie stehen für mich für Wut und Hass, die ich ganz sicher als Kind auch schon hatte, auch wenn ich sie als solche nicht wahrnahm. Irgendwann wurde die Migräne abgelöst von Rückenschmerzen, die nicht nur körperliche Ursachen hatten. Meine Wut tobte sich nämlich an und mit meinem Rücken aus. Das erkannte ich während der Therapie. Sobald ich meine Wut und meinen Zorn dort ausagierte, mit Schlagen, Schreien u. ä., sobald ich also eine Form fand, dies alles zuzulassen, dann verschwanden die Rückenschmerzen. Manchmal brauchte ich noch eine Spritze, damit sich die Muskulatur wieder leichter entspannen konnte, aber oft reichten meine Wutanfälle und das Schreien aus.

Auch dies gehört für mich zu den körperlichen Auswirkungen: Irgendwann fragte ich mich, warum ich immer so starke Angst habe, wenn was mit meinem Körper ist, wenn mir irgendwas wehtut, ich krank werde. Dann erinnerte ich: Wenn ich als kleines Mädchen erkrankte, schlief ich manchmal nicht im Mädchenschlafzimmer, zusammen mit meinen Schwestern, sondern musste bei den Eltern schlafen, im Ehebett. Was dort geschehen konnte und geschah, davon berichtete ich bereits.  

Dazu passt für mich ein Traum aus dieser Zeit. Irgendwelche Personen sind in meiner Wohnung, machen sich breit, nehmen keine Rücksicht. Eine schöne Glasvase mit einer Rose geht zu Boden, zerbricht. Auch die Rose wird zerstört. Ich gehe durch alle Räume und sage: Und das nennt ihr Kultur? – Die Verwüstungen meiner Wohnung waren für mich ein Spiegelbild der Verwüstungen in meinem Körper, in mir. Die Therapeutin ergänzte meine Deutung. Für sie stehe die Rose für Schönheit, für meine Schönheit damals, als Kind, als Jugendliche. 

Abschließend möchte ich dazu Worte von mir aus einer Therapiestunde zitieren: Die haben mir meinen Körper genommen. Und meine Gefühle. Und meine Gefühle für meinen Körper. – 

Mein Leben als Frau

Darum ging es im weiteren Sinne schon bald in der Therapie. Die Therapeutin sprach mich auf meine Kleidung an und machte mich darauf aufmerksam, ich würde zur Zeit nur blaue oder schwarze Jeans tragen. Ich antwortete, dass mir das gar nicht passe, dass sie nun auch noch meine Kleidung u. ä. zum Thema mache, hätte das aber selbst schon bemerkt: Ich muss Jeans anhaben und am besten noch die Lederjacke. – Ja, und diese Schuhe (Stiefeletten) passen heute auch dazu!, meinte sie. Ich müsse mich so kleiden, um mich wehrhaft zu fühlen. Ich ballte die Fäuste vor der Brust. In anderen Stunden stellte ich selbst fest, dass ich wieder nur grau-schwarze Kleidung und die schwarze Lederjacke trug oder wieder ganz schwarz gekleidet war, wie lange nicht mehr. 

In der Stunde zuvor hatten wir uns Fotos von mir als kleinem Mädchen und meiner Familie angesehen. Diese kommentierte die Therapeutin u. a. so, sie sei überrascht, wie schön wir alle angezogen seien, Schleifchen im Haar und dies und das. Sie habe sich nach meinen Schilderungen ein anderes Bild gemacht, und das passe gar nicht zusammen. Sie wollte mich nur auf diese und andere Diskrepanzen aufmerksam machen. Ich hätte nie bestritten, dass es auch Schönes bei uns gab, erwiderte ich ärgerlich. Erst in der folgenden Stunde konnte ich adäquat dazu Stellung nehmen: Für mich war das eine Katastrophe. Die Schleifchen usw. waren doch nur Schein, um zu verdecken, was wirklich bei uns los war! Und damit wir appetitlich sind für die Typen! (…) Schöne Kleidchen, aber was unter den Röcken passiert ist sieht man ja nicht! – 

Aber ich trug nicht nur jahrelang schwarze oder eher dunkle, sondern auch weite Kleidung, z. B. T-Shirts, zu meinem Schutz. Als wir in der Therapie darüber redeten, brachte ich ein Beispiel von meiner Freundin, bei der ein Träger so ein bisschen von ihrer Schulter gerutscht sei, was ich sehr schön empfand. – Aber wenn man das mal so erlebt hat wie ich mit Adolf, der mir keine Ruhe ließ, es immer wieder versuchte, mich verfolgte, dann vergeht einer sowas. Dann lieber wie in einem Kartoffelsack und bis obenhin zu! – Das habe mich vor Anmache bewahrt, hätte was gehabt, wie keinen Körper zu haben, und, so fuhr ich fort, von wegen Anmache, ich wäre mir doch nicht sicher gewesen, ob ich nein sagen könne, mehr noch: Ob mein Nein akzeptiert wird! Auch deshalb war es besser, mich so zu kleiden. Das verstand sie. Heute weiß ich, das KANN vor Anmache und Schlimmerem schützen, muss aber nicht!

Mit der schwarzen oder weiten Kleidung hätte ich mich beschützt, aber auch einen Teil von mir weggepackt, so die K., nämlich die Lust, meine Lust und meine Neugier an meinem Körper! 

Es ging beim Thema Kleidung auch um die Frage, bin ich eher männlich gekleidet? Mir wurde bald klar, es geht doch nicht darum, bin ich männlich oder weiblich gekleidet, sondern darum, mich zu kleiden, wie ich es fühle, wie ich mich fühle, es geht um mein Körpergefühl! Aber es gab tatsächlich schon als Kind in mir den Wunsch, lieber ein Junge sein zu wollen, denn das hatte nicht nur in unserer Familie viele Vorteile, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. 

Als ich älter wurde, wollte ich mich dann nicht als Frau fühlen, aus naheliegenden Gründen am liebsten keine Frau sein. Mir fällt dabei ein, wie viel Scham ich dabei empfand, als die K. mal meinte, ich wolle ihr gefallen. Ich wäre am liebsten gegangen, so sehr schämte ich mich. Wir waren beide erst einmal überrascht von meiner heftigen Reaktion. Sie sah diese im  Zusammenhang mit meinen Verliebtheitsgefühlen für sie. Ich begann heftig zu weinen und sagte: Ich darf nicht gefallen wollen! …. Hab jetzt an meinen Vater gedacht… und daran, was passiert, wenn man gefallen will! – Ehem! – Bei der Erinnerung an die Worte meines Vaters, ich hätte das doch gewollt, sagte ich: Ich weiß, dass ich als kleines Mädchen fröhlich, draufgängerisch und lustig war. Aber DAS habe ich doch nicht gewollt! – Nein, das haben sie ganz sicher nicht gewollt! – Die K. weiter:  Hier sind sie ja eher verhalten, ist das versteckt, das Gefallenwollen. Und das blockiert sie ja. Aber früher war es offensiver, sind sie aus sich rausgegangen. Das würden sie heute sicher so nicht mehr machen? – Nein! Nein, das geht nicht mehr!, sagte ich ganz, ganz ernst. Ich erwähnte noch, dass ich keine Röcke und Kleider mehr anziehen wollte. 

Ich wollte der Therapeutin nicht nur gefallen und bekam dann Angst; ich hatte auch Angst, mich ihr gegenüber als schöne erwachsene Frau zu zeigen, hätte das am liebsten verborgen, was natürlich nicht möglich war.

Mich erinnerte das an früher, daran, dass es mir früher so ging. Ich habe das sicher nicht bewusst gedacht, aber das war da: Wenn ich zeige, dass ich eine schöne Frau bin, dann vergewaltigt mich mein Vater. Deshalb musste ich das verbergen! 

Früher, als kleines Mädchen, war ich kühn, kess, fröhlich. Diese schönen und lebensfrohen Seiten von mir habe ich nach den Taten meines Vaters und meiner Brüder weggepackt. Ich erinnere die Worte meiner Mutter, du bist ja selbst schuld, bist ja wieder zu ihm hingegangen. Aber es wäre doch jammerschade, erkannte ich selbst, wenn ich diese Seiten weiterhin nicht zulasse! Die K. betonte ebenfalls, charmant und fröhlich sein und was es da noch alles gäbe, das gehöre doch zu mir! Das sei doch ich! – Es geht doch um ihre Lebendigkeit! – Ich lächelte und freute mich; davon hatte ich mir inzwischen einiges zurückerobert. 

Nachdem ich zuerst einen Zusammenhang sah zwischen meinem fröhlichen und offenen, lockeren Verhalten als Kind und der sexuellen Gewalt, also im Sinne von ‚weil ich so war, haben die das gemacht’, kam ich bald zu einer ganz anderen Auffassung: Das stimmt doch gar nicht! So ein Quatsch! Die hätte das sowieso mit mir gemacht! Diese Sicht hat doch mit zu meinen Schuldgefühlen beigetragen. – Die passe zum Denken und Reden nicht nur meiner Mutter und meines Vaters, frau muss das wissen, Männer können nicht anders. – Lass ihn in Ruhe, dann lässt er dich auch in Ruhe! …. Das ist doch wirklich Quatsch! – Ehem! Ehem! – Das wurde mir und ist für mich ganz klar: Egal, welche Kleidung frau trägt, egal, ob sie lustig und fröhlich und offen ist oder nicht, vor sexuellen Übergriffen ist sie nicht sicher, schon gar nicht als kleines Mädchen! Das ist leider Fakt!

Natürlich gab es auch Auswirkungen auf mein Verhältnis zu Männern. Damals stellte ich in der Therapie, dort nicht zum ersten Mal, jedoch in aller Deutlichkeit fest, dass ich noch immer Angst vor Männern hatte. (Heute denke ich, dafür braucht frau diese Erfahrungen nicht selbst gemacht zu haben!) 

Und selbstverständlich hatten die Erlebnisse auch Einfluss auf meine Sexualität. Hier möchte ich das nur kurz erwähnen, in BUCH 2 werde ich ausführlicher darauf und auf meine sexuelle Identität und Orientierung eingehen. 

Meine kindliche, bedürftige Seite

Dass ich meine fröhliche und unbeschwerte Seite weggepackt habe, warum das geschah und welche Folgen das hatte, habe ich bereits an einigen Stellen erwähnt und ausgeführt. Bei den körperlichen Auswirkungen berichtete ich von den Herzattacken, dass mein Herz dagegen protestierte, dass ich meine Gefühle nicht wahrnahm. Ich möchte hier noch auf weitere Aspekte eingehen, die mir sehr wichtig sind. 

Ich einer Therapiestunde sprach ich über meine lieben Gefühle, wenn ich für jemanden Liebe empfinde und meine Angst davor, mich dann ausgeliefert zu fühlen, also der Person gegenüber ausgeliefert zu sein. Während ich davon redete, spürte ich diese Angst ganz heftig. Und ich erinnerte mich, dass ich als Kind richtig Liebe empfunden habe. Mit richtig meinte ich, ich wusste nicht nur, ich habe jemand lieb, sondern ich spürte diese Liebe fast körperlich. Dann sei das nicht mehr so gewesen. – Und was ist dann passiert?, fragte die K. Darauf ging ich nicht ein, bekräftigte nur, dass ich das ganz genau erinnere. – Aber als Erwachsene kenne ich das nicht! Spüre ich die Liebe nicht mehr so, nicht mehr so klar, so deutlich. – Als Kind hätte ich für Maria, auch für eine Tante meine Liebe gespürt; später, in der 8. Klasse, für eine Lehrerin, die hätte ich sehr geliebt. Irgendwann hätte ich mir gesagt, ich will nie mehr jemanden lieb haben, nie mehr! – Das habe ich jetzt zum ersten Mal mit ihnen erlebt, sagte ich, mit geschlossen Augen, da habe ich zum ersten mal wieder meine lieben Gefühle gespürt, so richtig Liebe gespürt! Ja, da habe ich mich endlich wieder gespürt! Meine Gefühle! – (Liebe für die Therapeutin, ein weiteres spannendes Thema.) In der nächsten Stunde erst konnte ich auf ihre Frage eingehen. – Sie fragten gestern, als Kind hätte ich doch noch liebe Gefühle gespürt und dann nicht mehr, was dann passiert sei? … Heute früh dachte ich, dann ist die Katastrophe passiert! … Und ich musste ganz viel weinen.… – Ja!, mit liebem Blick. Sie verstand. 

Mein Vater hat mir mit seinen Taten aber nicht nur meine lieben Gefühle ausgetrieben, sondern auch meine Bedürftigkeit. Und nicht nur die Bedürftigkeit damals als kleines Mädchen, sondern auch die Bedürftigkeit schlechthin. Für mich ging überhaupt nicht zusammen, dass ich eine erwachsene Frau und gleichzeitig bedürftig bin. Jahrelang haben wir dieses Thema in der Therapie bearbeiten müssen. In mir war nur noch, ich muss funktionieren, nur noch Kopf sein! Und wenn ich funktioniere, kann ich nicht bedürftig sein. Beides ging für mich einfach nicht zusammen. Das hat mich, und sicher auch manchmal die Therapeutin, richtig fertig gemacht, wie schwer es mir fiel, ein verändertes Bewusstsein darüber zu erreichen. Ich komme auch zu diesem Thema noch ausführlicher (in BUCH 2), weil ich es sehr wesentlich und auch als sehr schön empfinde, es doch geschafft zu haben, meine bedürftige Seite jetzt gut zulassen zu können und gut dafür zu sorgen. Von dem Lieben mal ganz abgesehen!

Und da ich nun schon die lieben Gefühle, die Liebe zu meiner Therapeutin erwähnte, passt es sehr gut, dass ich zum folgenden schwierigen Thema komme, das wiederum mit meiner Liebe zu ihr eher weniger zu tun hatte.

Verwirrung und Vermischung der Gefühle der Therapeutin gegenüber

Ich fühlte noch gar keine Liebe für sie, zumindest nicht bewusst, da tauchten zum ersten Mal ganz andere Gefühle auf, und das geschah so: Ich hatte meine Wut auf meine Brüder ausgetobt. Saß dann auf dem Boden, die Therapeutin kam in meine Nähe, legte ihre Hand auf meinen oberen Rücken. Das war schön, aber mich schauderte auch irgendwie. Ich notierte damals: Ein komisches Gefühl ging durch meinen ganzen Körper. (…) Das kommt mir unnormal vor. Ich kann ihr das doch nicht sagen! – Ich sprach nur davon, dass mir ihre Berührungen so gut getan hätten, was ich aber gar nicht verstehen würde. Sie ging darauf ein, erläuterte u. a., es gäbe Situationen, da kann frau mit Worten nicht so stark ausdrücken, dass sie mitfühlt. Da würden Worte nicht passen. Deshalb ihre Berührung. Sie betonte aber auch ganz klar und deutlich, wann immer ich das Gefühl hätte, ich wolle eine Berührung nicht, ob nach einer Sekunde oder nach längerer Zeit, müsse ich das sofort sagen. Es sei wichtig, dass ich merke, hier geschieht nur das, was ich wolle. Ob ich das verstanden hätte?, fragte sie eindringlich. – Ja! –

Nachdem ich darüber geredet hatte, befürchtete ich, es würde sich jetzt etwas zwischen ihr und mir verändern. Auch das konnte ich erstmal gar nicht sagen. Ich kam sogar mit einem Zettel in eine der nächsten Stunden, worauf diese Befürchtung geschrieben stand, weil ich dachte, ich kann ihr das nicht sagen. Sie hatte das auch so schon wahrgenommen und versuchte mir nun klarzumachen, dass ich doch oft als kleine Ann dort säße und die brauche Geborgenheit, Zuneigung usw. Später sprach ich doch davon, ihre Berührungen seien mir durch und durch gegangen. Sprach über Sehnsucht nach Mutterliebe und sogar davon, dass ich manchmal glaubte, ich könne auch Frauen lieben. Ich verfluchte mich gleich danach, dass ich das auch noch offenbarte. Dachte, nun wird sie mich ganz bestimmt nicht mehr berühren. Als Beweis, dass sich nichts geändert habe, bat ich sie um eine Umarmung. Sie reagierte darauf so:

Ich solle sie mal ansehen. Es hätte sich von ihrer seite nichts geändert. Ich konnte sie nicht lange anschauen. – Gucken sie mich doch mal an, frau salandre! – Dies sagte sie ganz eindringlich. Ich versuchte es erneut, irgendwie fand ich ihren blick so hart, starr, gar nicht so lieb. Vielleicht weil ich was anderes wollte? Sie wolle nichts tun, keine umarmung oder ähnliches, damit nichts zugedeckt werden würde. Das wäre zwar hart für mich, das auszuhalten, aber ich solle gucken, was bei mir ist, was bei mir abläuft. (…) Die K. weiter: Diese gefühle, diese situation jetzt hat mit dem sexuellen missbrauch zu tun. Sie gehen etwas an, nehmen das in die hand, indem sie das jetzt angesprochen haben. – 

Darauf kam ich nach einiger Zeit zurück. Ich warf der Therapeutin vor, es habe sich doch was verändert. Mir käme es vor, als rücke sie immer weiter von mir weg, nachdem mir ihre Berührungen so gut taten, ich das auch sagte; ich auch über die Angst vor Abhängigkeit und davor, dass was Furchtbares passiere, gesprochen hatte und von meiner Angst vor Strafe. Von ihr aus habe sich nichts verändert, betonte sie wieder. Vielleicht habe sich bei mir was verändert, vermutete ich. Ich würde mich fragen, wieso habe ich Angst, dass was Furchtbares passiert? Weil ich es angenehm empfand, von ihr als einer Fremden Zuwendung zu bekommen? Ich sprach sogar davon, das sei doch unmoralisch. – Weil ich eine Frau bin?, fragte sie. – Nein, das wäre bei einem Mann nicht anders!, so meine Antwort. Das wollte sie nicht recht glauben, erinnerte mich daran, ich hätte doch schon von homoerotischen Gefühlen gesprochen, also davon, vielleicht auch Frauen lieben zu können. Mir wurde immer peinlicher zumute, aber ich gab zu, auch schon daran gedacht zu haben. Würde mich ärgern, dass ich das überhaupt aussprach. Ich hätte sie am liebsten gefragt, ob sie sich deshalb jetzt zurückhalte. Sie meinte noch, auch wenn ich nichts gesagt hätte, sie würde auch so einiges wahrnehmen, mir ansehen usw. Oh, wie war mir das alles peinlich. Das spüre ich heute noch. Ich weiß aber auch, dass ich es schätzte, dass sie aufmerksam war.

Bei einer anderen Situation, viele Monate später, sie hatte mich in eine Decke gepackt, saß in meiner Nähe und legte irgendwann ihre Hände auf meine Füße. Wieder schauderte mir so wohlig. Unbeschreiblich!, notierte ich dazu. Sinnliche Gefühle, die mir durch und durch gingen… Sie legte eine Hand auf meinen Rücken, aber das war mir zu nahe, ich sagte: Bitte nicht! – Sie nahm ihre Hand sofort weg. Ich zog auch meine Füße weg und sagte, ich hätte mich doch eigentlich nicht mehr von ihr berühren lassen wollen. Wir lächelten beide. Sie hatte mich in der Stunde zuvor an diese meine Aussage erinnert, auch an das folgende Misstrauen ihr gegenüber. Jetzt ließ ich meine Gefühle wieder zu, streckte meine Füße wieder aus und genoss es, dort zu liegen. Ich hatte mir von ihr gewünscht, etwas vorgelesen zu bekommen; vielleicht aus einem Märchenbuch. Ich war damals in einer Phase, in der ich mich sehr klein fühlte. Sie ging liebevoll auf meine kindlichen Wünsche ein – wie eine liebe Mama. Tatsächlich hatte ich es geschafft, diesen Wunsch zu äußern und brachte in der nächsten Stunde ein Kinderbuch von Janosch mit – Traumstunde für Siebenschläfer. Und lauschte ihrer lieben Stimme, als sie mir dieses vorlas. Zuvor hatte sie sich wieder zu meinen Füßen gesetzt, diese in die Decke gepackt und ihre Hand auch mal darauf gelegt. Zum Schluss bat ich sie darum, dass doch nochmal zu tun. Ja, das könne sie machen, kam in einem irgendwie seltsamen Tonfall, glaubte ich.

Bis hierhin war erst einmal alles sehr schön. Darauf folgten drei furchtbare und peinliche Stunden. Ich sprach davon, dass ich beim Vorlesen auf einmal Angst spürte, mich das an irgendeine Situation von früher erinnert habe. Ich wolle aber jetzt nicht weiter darüber reden, wäre mir zu hart. Gut, das könnten wir ein anderes Mal angehen, so die Therapeutin. Ich erzählte von einer anderen Erinnerung, hätte mich als Kind irgendwann völlig allein gelassen gefühlt, und dass ich nach dieser Erinnerung sehr weinte. Sie fragte, was ich denn jetzt brauchen könne, was mir gut tun würde. Ich konnte ihr mal wieder meine Wünsche nicht sagen. Hier jetzt nur noch dies: Ich wünschte mir u. a., meine Hand in ihrer zu spüren, sagte es aber nicht aus Angst vor einem Nein.

In der darauf folgenden Stunde wurde es dann richtig ungemütlich bzw. furchtbar. Sie sagte, es gäbe etwas, worüber wir sprechen müssten. 

Mir ist nicht so klar, ob ihre wünsche wirklich nur kindliche wünsche sind oder ob das nicht auch homoerotische wünsche sind. – ZONG! Ich war wie vor den kopf geschlagen! Kaum noch fähig zu denken! – Wenn es ganz klar ist, dass es kindliche wünsche sind, bin ich klar die mutter, übernehme ich die mutterrolle. Wenn das aber nicht klar ist, dann wird es schwierig. Wenn sich die bedürfnisse vermischen, müssen wir aufpassen, so o.ä. Ich war sehr verwirrt, sagte, ich hätte das gefühl, dass es eher kindliche wünsche sind, die ich an sie habe. Ich habe mich dabei eigentlich als kind gefühlt. – Nachdem ich meine wünsche wohl aufgezählt hatte, meinte ich, vielleicht würde es dadurch klarer. Sie verneinte das und sagte: Es sind nur zwei kleine worte, aber ich denke, das sagt uns schon etwas. Sie sprachen davon, dass es EHER bzw EIGENTLICH kindliche wünsche seien. – Mir war das alles so peinlich, ich fühlte mich zurückgestoßen. Hätte ich doch gar nichts von meinen wünschen gesagt! Fühlte mich erwischt. Sie versuchte, mir klarzumachen, dass sie nicht dafür da sei, meine bedürfnisse zu befriedigen, sie wäre keine partnerin für mich. Diese bedürfnisse, wohl die homoerotischen, wie sie das ausdrückte, gehörten nicht in unsere beziehung, in die Therapie. Außerdem müsse das thema missbrauch mit bedacht werden, bei der konstellation ich = kind, sie = mutter, besonders auch, wenn ich nicht nur kindliche wünsche an sie hätte. Zwischendrin meinte ich, ich fände das alles sehr schwierig, zum kotzen, verstehe gar nichts mehr, hilflos. Das könne sie verstehen, aber es wäre wichtig, das anzusprechen, zu klären. Sie meinte noch, dass wir uns bei anderer gelegenheit meine homoerotischen wünsche noch näher ansehen sollten, z.b. auch warum die gerade jetzt aufgetaucht sind usw. 

Erst fühlte ich mich ja sehr vor den kopf gestossen, verwirrt usw., dann hatte ich das gefühl, ich verstehe so ungefähr, worum es ihr geht. (…) Ich fragte noch, ob sie denke, dass das trotzdem noch mal möglich sei, dass ich mich dort hinlege usw. – Ja, theoretisch ist das sogar gleich möglich, aber die stunde ist doch zu ende! – ich drückte noch meine verwirrung aus, meine hilflosigkeit und was weiß ich noch alles. Als ich ging war mir wieder ganz schlecht. 

Darauf folgte die dritte furchtbare Stunde, so bezeichnete ich sie damals in meinen Aufzeichnungen. In dieser machte sie mir klar, sie müsse beim ersten Anzeichen reagieren, wenn meine Wünsche bzw. Gefühle NICHT kindlicher Natur seien. Es wäre besser, solange die Ebenen noch unklar seien, dass sie mich nicht berührt. Ich sagte: Strafe! – Sie: Wenn sie das als Strafe ansehen, deutet es für mich daraufhin, dass ihre Wünsche doch eher auf der Beziehungsebene liegen. – Ich fragte sie zum Schluss der Stunde tatsächlich, ob ich wiederkommen dürfe, was sie klar mit Ja beantwortete. Mein Gefühl, als ich ging: Nur raus hier. Hier bekommst du keine Hilfe, schon gar nicht das, was du brauchst. 

Die folgende Stunde gestaltete sich sehr viel versöhnlicher. Ich möchte sie hier mehr oder weniger komplett zitieren, weil sie das Komplizierte dieses Themas gut wiedergibt.

Mir war, wie schon vor der stunde, nicht danach, irgendetwas zu sagen aus angst, es geht wieder so dramatisch ab. Schwieg sehr lange, sagte ihr dann, warum ich schwieg, auch um nicht verwirrter zu sein als vorher. Schweigen. Dann sagte ich, mein gefühl sei, ich darf nicht mehr kommen. – Dazu muss ich aber was sagen, auch wenn sie nicht viel reden wollen. Wie kommen sie darauf, dass sie nicht mehr kommen dürfen? – Wegen meiner gefühle für sie! Ich habe sie so verstanden, die gehören nicht hierher. Dann muss ich wohl gehen. – Sie beugte sich vor, sagte ganz ernst: Das ist aber falsch! … Haben sie das verstanden? – Ja, sagte ich leise, weich und sehr froh. – Diese gefühle dürfen sie doch haben! Es ist doch sogar gut, sich zu verlieben, egal ob in einen mann oder in eine frau! Man verliebt sich doch in jemanden, der etwas hat, was man selbst gerne hätte, der aber auch was hat, was man an sich selbst sehr mag. Das ist doch sogar gut! Diese gefühle dürfen sie doch haben! – Sie sagte noch mehr, ich bekam’s nicht richtig mit. – Ich hab das gefühl, ich muss weglaufen, muss gehen. – Können sie sich auch vorstellen, dass sie hierbleiben und mit mir zusammen versuchen zu schauen, was dahinter steckt, dass wir das zusammen rausarbeiten?, fragte sie mich mit lieber stimme. Ich konnte es kaum glauben, dass sie auf einmal wieder so lieb mit mir umgeht. – Ich bin doch hier, bin doch wiedergekommen! Ich will doch selbst wissen, was mit mir los ist! Ich möchte doch hierbleiben! –

Etwas später: Mir ist, als wäre das thema mir schon lange bekannt, ohne dass ich weiß, was das problem ist. Das ging los, als ich merkte, ich mag sie. Auch bei der F. (meiner ersten Therapeutin) ging es mir schon so, und ich dachte, irgendetwas stimmt nicht mit mir. Irgendwie kommt mir das lange bekannt vor. – Sie fand das sehr interessant. Ich wurde noch mutiger, durch ihre gute stimmung ermutigt, fragte ich sie, was sie mit ihrer aussage meinte, sie habe angst vor meinen homoerotischen gefühlen. Sie fragte zurück, was ich mir dazu gedacht hätte. – Ich weiß nicht, vielleicht, übertrieben ausgedrückt, dass sie denken, ich überfalle sie. Oder dass sie ekel davor empfinden? – Nein, das wäre es nicht. Angst wäre auch nicht der richtige ausdruck. Sie habe sorge, dass ich annehme, eine solche beziehung bestünde zwischen uns. – Ich will und werde diese gefühle nicht erwidern. Und mir ist es wichtig, dass es immer klar ist, auf welcher ebene wir uns befinden. – Sie wolle mich davor bewahren, dass auch nur der anschein bestünde, wir hätten eine solche beziehung. Ich hatte mal wieder schwierigkeiten, sie zu verstehen, hatte immer noch das gefühl, ich müsse gehen, was ich ihr sagte. Schwindel im kopf.

Sie denke, dass hier ganz stark meine erfahrungen mit sexueller gewalt mit reinspielen würden, dadurch bei mir die verwirrung der gefühle, dass ich nicht feststellen kann, sind es kindliche oder erwachsene gefühle. Ich war sehr erleichtert über ihre erklärungen, dann kann ich die verwirrung besser ertragen. Sie betonte nochmals, dass wir im auge behalten sollten, dass mir dieses thema bekannt vorkommt. Und dann sagte sie etwas sehr schönes. Sie legte eine hand unterhalb ihres halses und meinte: ich habe ein ganz warmes gefühl dabei, dass dieses thema bei uns aufgetaucht ist, dass wir beide in diesem thema stecken! Nicht eine frau F., auch niemand anderes, sondern sie und ich. Und ich denke, dass wir das auch zusammen lösen werden! – Wie froh bin ich, dass sie das sagte!

Wir kamen nochmals auf diese brisanten stunden zurück, dass ich ja auch wut auf sie spürte, so aufgeregt war, als ich mich hinlegen wollte, usw. Ich sagte noch: Wenn sie etwas machen würden, geht’s rund! Ich würde ihnen so eine knallen, es gäbe mord und totschlag! – Ich sagte das ganz fest und überzeugt, und das finde ich gut. Wir mussten beide lächeln. Dann erwähnte ich noch kurz das telefonat mit meiner mutter; vorher meine wut, dass ich mich hier so abquäle und dann hätte ich die wut bei ihr rausgelassen und das habe mir gut getan! Ende der stunde. – Ich muss also nicht gehen?, fragte ich kleinlaut. Sie, mit lieber, weicher stimme: Nein, sie müssen nicht gehen! – 

Ich notierte danach: Ich freue mich so, dass ich meine Gefühle für sie nicht weg-, nicht unterdrücken muss! Wenn ich das tun müsste, wäre es so, als dürfte ich mich nicht selbst lieben. So kommt mir das vor. – Wie sehr ich sie lieb habe, gestand ich ihr dann ganz deutlich ein paar Stunden später. Doch jetzt geht es mir erst einmal weiter um das Thema Berührungen, dass die nicht mehr möglich waren und was da alles bei mir auslöste bzw. wie wir weiter damit umgingen.

Zwei Monate später kamen wir darauf zurück und zwar so:

Ich wollte mir gerne von ihr vorlesen lassen, mich dazu hinlegen, und das sagte ich ihr und fügte dann hinzu, es gehe aber nicht. Auf ihre nachfrage antwortete ich: Ich fühle mich von ihnen bestraft und habe deshalb wut auf sie! Darum geht es nicht. Bestraft, weil sie damals im zusammenhang mit dem thema berührungen sagten, wegen der sexuellen gewalt könne ich die kindlichen und die erwachsenen gefühle bzw. wünsche nicht auseinander halten. Deshalb sei es besser, wenn sie mich nicht mehr berühren. Weil meine brüder das mit mir gemacht haben, werde ich jetzt von ihnen bestraft. Das ärgert mich! (Das Verhalten meines Vater begann zu diesem Zeitpunkt erst nach und nach Thema zu werden…) – Ich habe nicht gesagt, dass es keine berührungen mehr geben darf, sondern dass wir behutsam damit umgehen müssen. – Die klarstellung freute mich. Sie fragte, ob ich sie auf distanz halten wollte mit der annahme, sie bestrafe mich, vielleicht weil jetzt so viel nähe da war. Konnte ich nicht beantworten. Meine wut war dann weg. – Ich dachte gestern, wenn sie mich doch berühren würden, knalle ich ihnen eine und spürte richtig hass! – Sie sagten doch gerade, sie haben angst, dass ich sie nicht berühre. – Sie forderte mich auf, mal zu phantasieren, was ich ihr gegenüber fühle oder machen könnte o.ä. Bei mir tauchten dann nur liebe gefühle für sie auf. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass die lieben gefühle weiter da sind, obwohl ich auch hassgefühle habe. Die gingen deshalb nicht weg!, kam ganz lieb von ihr und ich freute mich, dass sie mich darauf aufmerksam machte. Aber es sähe für sie danach aus, dass ich mich für meine wünsche nach berührungen und für meinen hass selbst bestrafen wolle. Ich schimpfte noch mal, die haben das mit mir gemacht, und ich bekomme die strafe! – Sind das vielleicht gefühle, die sie früher ihren brüdern gegenüber hatten, wut und hass, weil sie etwas von ihnen wollten, die aber ganz was anderes taten? – Ich war wie geschockt und wieder wütend. Sagte dann, ich wolle nicht daran weitermachen, wolle was anderes.

Sie fragte lieb nach. Ich wolle mich hinlegen und was vorgelesen bekommen, hätte ein buch mitgebracht. ‚Frederik‘ von leo lioni (ein so schönes Buch!) (…)

Das vorlesen setzen wir dann um. Ich legte die matratzen hin, sie holte die decke und kissen. Ich gab ihr das buch, nahm mein lieblingshalstuch, schmiegte später mein gesicht da rein. Sie kannte das buch, lächelte, es gäbe auch eine kassette dazu mit schöner musik, die müsse ich mir auch noch besorgen. – Ich hab’s geschafft, ich hab’s geschafft, sagte ich weich, als ich lag. Fing vor freude fast an zu weinen. Sie setzte sich ans ende der matratze, zu meiner freude. Ich legte meinen kopf auf die zwei kissen, so konnte ich sie während des vorlesens ansehen. Sah ihr liebes gesicht. Ab und zu schaute sie zu mir hin und lächelte so lieb. Und sie las mir das buch vor. Ich genoss es sehr! Danach schweigen, genießen. (…)

Ich fragte sie irgendwann wieder, ob sie mich nicht mehr berühre, weil ich vielleicht auch was von Frauen wolle. Nein, das sei nicht so, das könne sie klar ausschließen. In einer Stunde, in der ich von starken Herzproblemen sprach, von totaler Unsicherheit, Hilflosigkeit, fragte sie, was mein Herz denn brauchen könne. So kamen wir darauf, wolle von ihr gehalten werden oder ihre Hand in meiner spüren. Wieder tauchte Angst in mir auf. Ob sie mit ihrer Hand kommen solle? Ich antwortete sofort fest mit einem Nein. Und fügte hinzu: Ich hab so eine Angst, dass die Hand meinen Körper berührt. – Ich fragte sie bald, nachdem ich weit von ihr weggerückt war, ob sie denke, dass ich mir diese Art der Berührungen wünsche. – Nein! Ich denke, dass sie die nicht wollen, aber Angst haben, ich könnte das tun! – Was war ich froh, dass sie das sagte. – Ja! Genau das ist mein Gefühl! – Sie gab mir dann nicht ihre Hand, sondern etwas von sich, das ich mitnehmen durfte. Eine unbeschreiblich liebe Geste, für mich damals so wertvoll. 

Wieder ging es um meine Gefühle für sie. Wieder war ich ganz mutig. Ich sprach davon, dass ich manchmal an sie denke und dann erotische Gefühle spüren würde. Oder dass ich an sie denke, damit ich die spüre. Ob sie sich dann missbraucht fühle. Darauf kam ein klares Nein von ihr. Ich fragte sie, was denn dann der Unterschied dazu sei, wenn sie mich berühre und ich erotische Gefühle habe? Sie, ganz ernst: Ich will sie nicht berühren, wenn sie erotische Gefühle haben. Und ich will sie nicht berühren, damit sie erotische Gefühle bekommen. – Das habe ich auch nicht gemeint!, erwiderte ich nicht minder ernst und fest. Wir redeten eine Weile darüber. Sie nannte mir noch ein Beispiel: Ich würde mütterliche Unterstützung brauchen, dass sie mich hält usw., sie mich also berührt. Das sei in Ordnung. Aber wenn ich diese Berührung haben wolle, um erotische Gefühle zu spüren, das gehe nicht. 

Auf die Vermischung meiner Gefühle, der lieben und der erotischen, zurückkommend meinte sie zum Schluss dieser Stunde: Ich denke, dass sich das alles für sie klärt, wenn sie wissen und es annehmen können, dass das IHRE Gefühle sind, dass die nichts mit mir zu tun haben! Es geht um ihre Gefühle, ihre Erotik und ihre Sexualität. –

Ich würde bei den Wünschen an sie, wenn sie die Mutterrolle übernehmen soll, so beschrieb es mal die Therapeutin, die ‚erotische Komponente‘ versuchen rauszuhalten. Ich wolle das jetzt anders erleben, den Missbrauch damit quasi ungeschehen machen. Wieder betonte sie, dass sich die Gefühle vermischen würden, weil ich das damals so erlebte. Deshalb sei das jetzt auch in der Therapie da. Ich wolle auch diese Art der Zuwendung wert sein und wert sein, dass es klar ist. 

Die Therapeutin hatte mich viele Stunden später gefragt, ob ich damit einverstanden sei, wenn sie bei einem Therapiekongress zum Thema ‚Körpertherapie und sexuelle Gewalt‘ über unsere Arbeit hier berichten würde. Ich könne es mir überlegen, anwesend seinen ausschließlich KollegInnen von ihr. Meine spontane Antwort war: Ja! – In der folgenden Stunde kam ich darauf zurück:

Ich weinte und sagte: Als sie mich gestern wegen des therapie-kongresses fragten… – Ich sah sie über den spiegel an und sagte fest: Ich finde es schön, dass sie mich vorher gefragt haben, ob ich damit einverstanden bin. Finde ich ganz toll! – Wieder für mich, weinend, aufgewühlt: Nachdem sie mich das gefragt haben, hab ich gedacht, dann können sie ihren kollegInnen mal sagen, was mit das schlimmste war… – Hm? – Das ist mir nämlich eingefallen. Das mit den berührungen! Dass das dann erstmal nicht mehr ging!, weinend und zornig! – Und dass ich damals das gefühl hatte, ich bin es nicht wert, von ihnen berührt zu werden! – Ihr liebevolles: Ehem! – Und damals dachte ich, schon alleine dafür, dass das deshalb nicht möglich war, schon alleine dafür müsste ich die umbringen! – Ehem! (…) – Ich kam noch mal auf die damalige situation zurück, wie sie gleich ‚darauf gesprungen‘ sei von wegen, EIGENTLICH hätte ich was mamamäßiges von ihr haben wollen. – Sie haben gleich gesagt, das wort EIGENTLICH mache sie stutzig. Sind sie gleich drauf gesprungen! Ich hab das nicht vergessen!, ernst! Sie hatte vorher schon mal gelacht, jetzt wieder, war aber lieb gemeint. 

Ich sagte, unglücklich, traurig: Ich kann ja noch nicht mal selbst sicher sagen, was ich von ihnen will und ob nicht was anderes dahinter steckt! Kann mir ja noch nicht mal selbst trauen! – Sie sagte zu all dem noch einiges, ganz liebevoll und voller verständnis. Und ich sah sie dabei an. – Also dass sie sich selbst gegenüber misstrauisch sind, dahinter steht doch: Du hast es ja selbst gewollt! – Ich hätte schreien können! Tränen! Geschockt fast! Die lady sah mich lieb an, redete weiter. Erzählte von einem gerichtsprozess, in dem der stiefopa und der onkel aussagten, das damals sechsjährige mädchen habe das ja selbst gewollt. Sie hätten keine gewalt ausüben müssen. Sie betonte nochmals, meine verwirrung sei ausgelöst durch das ‚du hast es ja selbst gewollt‘! – Dankbar! So dankbar! – Und deshalb auch ihr gefühl, ich kann mir ja selbst nicht trauen!, fügte sie hinzu. Und weil ich so sauer war, dass diese verwirrung wieder auftauchte, sagte sie: Aber wieso denn? Das passt doch alles zusammen! Passt doch zu dem thema, dass sich die gefühle vermischen. Und dass sie eventuell auch solche wünsche haben! Die dürfen doch auch sein! – Alles so ungefähr. Sie weiter, es wäre aber wichtig, das auseinander zu halten. – Ich hab jetzt dauernd den kopf geschüttelt. Nein, das will ich doch gar nicht von ihnen! – Sie meinte noch, wir wären doch vor ein paar stunden an dem thema verantwortung übernehmen, sich schuldig fühlen gewesen, dem sehr nahe gewesen. Sie sähe die heutige stunde in diesem zusammenhang: Dahinter steht, ‚ Du hast es doch selbst gewollt.‘ Das macht diese probleme! –

Sie kam auf die situation von damals mit den berührungen zu sprechen wegen meiner bemerkung, sie wäre gleich darauf gesprungen usw. – Dahinter steht ja das thema missbrauch. Aber da ist ja auch unsere arbeitsebene. – Lachend, locker: Also dass da bei ihnen auch erotische gefühle waren, das war ja schon länger so. Das habe ich schon gespürt, nicht erst in dieser situation. Aber dann musste es angesprochen werden. – Ich hatte zuvor noch gesagt, zornig, dass ich diese situation nicht vergessen hätte! Und wie furchtbar das war! Hätte damals gedacht, jetzt berührt sie mich nie mehr! Auch wut auf sie. Nun legte sie mir das alles nochmals auseinander. Ich dachte, ich weiß doch, dass es gut war, dass sie darauf achtete. Und sagte zum schluss der stunde, ich hätte keine lust mehr auf dieses thema. Das verstehe sie. Aber dafür müssten wir das erst einmal abgeschlossen haben; es wäre ja noch nicht beendet! (…) Ich finde es so toll, dass sie so viel geduld hat, noch nicht aufgegeben hat! (…) Mein gefühl, bei aller verwirrung, es hat sich auch was geklärt. 

Sie berichtete später, auf meinen Wunsch hin, von diesem Kongress. In dem Workshop ‚Körpertherapie und sexueller Missbrauch‘ seien Berührungen ein zentrales Thema gewesen. Dadurch kamen wir nochmal auf die Situation zurück, als ich dort lag, sie mir vorlas. Die K. dazu: Da waren sie ja im Gefühl des Kindes, das was von der Mutter wollte. Und wollten auch nur als das berührt werden!, kam ganz fest von ihr. – Aber dann tauchten die erotischen Gefühle auf. Und das sehe ich im Zusammenhang mit ihren Erlebnissen als Kind. – Später meinte sie, wenn wieder erotische Gefühle auftauchen, würden wir das nicht beenden, sondern schauen, was dann passiert, was das auslöst. Ich fragte, sehr erstaunt, warum sie das jetzt so anders sähe als damals? Sie, fest: Ich denke, dass sie jetzt soweit sind, dass sie sich darauf einlassen können. Da hat sich was verändert! Sie sind jetzt klarer! – 

Zuvor ging es sogar wieder mit Berührungen, tauchten keine erotischen Gefühle auf. Aber es war auch mal wieder anders, was mich dann total ärgerte. Und irgendwann war es ganz klar, das Thema bearbeitet und abgeschlossen. Dennoch war es ein sehr schwieriger Prozess, das erinnere ich noch genau, aber auch meine Dankbarkeit und Freude, dass die Therapeutin so aufmerksam und sorgsam war. Trotz aller Wut und Härte war auch diese Einsicht damals schon da. 

Weitere Auswirkungen

Meine Mutter drohte uns früher auch mal mit meinem Vater, vor dem wir alle Angst hatten. Normalerweise strafte sie uns selbst, brauchte sie meinen Vater nicht zur Disziplinierung. Aber es kam auch anders vor. Ich erinnerte in der Therapie ein Gefühl, als habe meine Mutter mich in der Hand. – Sie kann mich dazu zwingen zu schweigen! – Mir schien es zuerst, als habe sie mir mit meinem Vater gedroht, dass der ‚das‘ macht. Bald hatte ich dazu ein klareres Gefühl: Ich glaube nicht, dass sie wirklich damit drohte, dass er ‚das‘ macht. Aber für mich kam das damals so an, wenn sie mit ihm droht. Dann macht er wieder ‚das’. Jetzt habe ich es ganz klar, dass das damals für mich so war. – Ich sprach von Vergewaltigung als einer weiteren Form der Disziplinierung, die mir als Heranwachsende, als junge Erwachsene jegliche Wünsche, mich selbständig zu machen, unabhängig zu werden oder nur einen Schritt von der Familie wegzugehen, austrieb. 

Ich fühlte es so: Wäre das nicht passiert, wäre ich viel selbstbewusster im Leben gewesen. Ganz anders ins Leben gegangen. – Weinend: Vorher war ich wie ein Bild mit ganz vielen Farben. … Und dann war das Bild nur noch grau. – 

Selbst Arztbesuche bzw. Krankenhausaufenthalte haben mich an diese Erlebnisse erinnert. Bei einem Termin bei meiner Frauenärztin nahm sie eine Ultraschalluntersuchung mit einem Stab (Katheder?) vor, den sie in meine Vagina einführte. Ich kannte diese Art der Untersuchung noch nicht (damals war ich Anfang 30). Die Ärztin hatte nicht angekündigt, wie das heute zum Glück meist der Fall ist, welche Art von Untersuchung sie vorzunehmen gedachte. Ich konnte nichts sagen, mich nicht dagegen wehren, ich lag nur einfach da. Irgendwann hinterher musste ich weinen. Damit fertig zu werden, dass ich das erlebte und es nicht verhindern konnte, fiel mir schwer. Aber ich rief, nachdem ich in der Therapie darüber gesprochen hatte, die Ärztin an und erzählte ihr alles. Sie reagierte absolut positiv. Sie entschuldigte sich und sagte, daran habe sie bisher nicht gedacht, dass die Untersuchung für Frauen diese Problematik berühren könne. Sie bedankte sich für den Hinweis, das wolle sie zukünftig beachten. Ich musste sie anrufen, das musste ich für mich tun und war hinterher sehr froh darüber. 

Eine weitere Situation: Bei einer Behandlung meiner Zahnärztin liefen mir auf einmal die Tränen, zu meiner eigenen Überraschung. Als das wieder passierte, dachte ich an meinen Vater. Ich schilderte das in der darauf folgenden Therapiestunde:

Mir liefen einfach die tränen, obwohl ich mir sagte, das ist doch jetzt! Heute! – Dort weinte ich dann auch sehr! – Und es war dann noch was furchtbares… Weil ein bohrer undicht war, wasser rausspritze, wickelte sie den in ein handtuch! – Ich weinte so sehr! – … Mir fiel das bild ein, was ich hier mal gemacht habe, so mit meinen händen… (Ich hatte einen Stab in ein Tuch gepackt, um zu zeigen, was ich mit meinem Vater erlebte – siehe dort!) Jetzt, wo ich ihnen das gesagt habe, wird’s mir noch deutlicher, warum es mir so ging! – Ehem! – Außerdem ist die Situation doch wie beim missbrauch…., man liegt da und jemand macht was mit einem… – Leise, ganz leise sagte ich ein paar mal mama, mama, mama! Setzte meine brille wieder auf, musste wieder kontakt zur K. aufnehmen.

Auch als ich einige Jahre später ins Krankenhaus musste, wegen einer Operation an der Nase, kam ich wieder mit meinen Erlebnissen in Berührung. – Ich gehe da nicht hin!, sagte ich ernst und sehr, sehr weinend. Ich hatte unbeschreibliche Angst vor dem Krankenhaus und dachte tatsächlich, ich schaffe es nicht, dorthin zu gehen. Mich erinnerte das an ein weiteres, traumatisches Ereignis, das ich als 15jährige erlebte. Damals lag ich in der Hautklinik. Eine Schwester, nehme ich mal an, nahm mir Urin ab. Auch sie nahm dazu einen Katheter o. ä., auch sie erklärte nichts. Ich weiß noch, dass ich dachte: Ich muss das aushalten, ich muss das aushalten!  Ist doch nicht so schlimm!, o. ä. So erging es mir auch bei der Frauenärztin: Ich muss das jetzt aushalten. 

Meine Therapeutin sagte nun zu dem Geschehen in der Hautklinik, alleine das sei schon traumatisch gewesen, aber noch mal mehr vor dem Hintergrund der erlebten sexuellen Gewalt. Allerdings würde ich es mir mit dem jetzt geplanten Klinikaufenthalt schwerer machen, als es sei, aber bei dem, was ich erlebt hätte, wäre das doch sehr verständlich! 

Meine Eltern waren damals, als ich in die Hautklinik musste, trotzdem nach Italien in Urlaub gefahren, nur meine Schwester Lisa kümmerte sich um mich, und das sehr liebevoll. Ich lag über 5 Wochen im Krankenhaus, kleinere operative Eingriffe am Auge und der Nase, es wurde Krebs vermutet, wurden vorgenommen. Ich war dabei immer alleine, davor, danach. Und dazu noch diese Katheter-Untersuchung! Die Therapeutin konnte es kaum fassen, dass meine Eltern mich in der Klinik alleine ließen, mit gerade mal 15 Jahren. Ich weiß noch, dass ich das jahrelang für ganz normal hielt, dass die in Urlaub gefahren sind…

Ich ging dann doch in die Klinik wegen der Operation an den Nasennebenhöhlen, nachdem wir in der Therapie alles durchgesprochen und bearbeitet hatten, und ließ mich erfolgreich operieren. Zuvor sprach ich offen mit der Anästhesistin über meine Angst, dass ich mich bei einer Vollnarkose doch nicht beschützen könne und vor welchem Hintergrund dies alles zu sehen sei. Das war meine erste Vollnarkose! Sie meinte, dann würde sie währenddessen auf mich aufpassen! Was war ich froh, das Gespräch mit ihr geführt zu haben und über ihre bemerkenswerte  und tolle Reaktion. Hilfreich, unterstützend und einfach wunderschön war, dass ich meine Therapeutin hätte anrufen können; das könne ich doch sowieso immer tun, hatte sie betont. Sie denke aber, dass ich das gar nicht brauchen würde. – Das schaffen sie auch gut so! Das wird!, so oder ähnlich ihre Bestärkungen. Und: Ich schaffte es gut, und sorgte dort gut für mich.

Von wegen ‚das muss ich jetzt einfach aushalten‘: Wenn dies oder ähnliche Gedanken heute in mir auftauchen, werde ich sofort hellhörig! Überprüfe genau, was ansteht, welche andere Möglichkeiten es gibt oder was ich zu meinem Schutz benötige.

Zum Schluss komme ich zu meinen Schwierigkeiten mit dem Wegfahren. In dem Abschnitt zu den Taten meines Vaters schrieb ich ausführlich über die furchtbare Angst in der ersten Nacht in Italien, als ich dort mit Freundinnen eine Woche verbringen wollte. Zum Ende des Urlaubs notierte ich:

Es ist viel trauer in mir, ich könnte dauernd weinen. Wie schlimm war alles für mich, dass es mir so geht?! Wie schlimm bin ich verletzt, missbraucht und was nicht noch alles worden, dass ich schon so lange und so schlimm darunter zu leiden habe!?

Die ersten zwangzig jahres meines lebens missbraucht worden in jeder hinsicht, dann ein paar recht gute jahre, die ersten ehejahre, dann ging es bergab! Fast 6 jahre lang! Dann zwei jahre Therapie, leichte besserungen, aber eigentlich weiter schweres leid und kämpfen, um einigermaßen leben zu können. Wieder Therapie, jetzt 3 1/3 jahre, und damit habe ich angefangen, mir nach und nach schonungslos die wahrheit meiner kindheit und meines elternhauses anzuschauen. D.h. 18 jahre bin ich da drin, in dem kampf! 

Ich hatte erst gar nicht wegfahren wollen vor lauter Angst vor der Angst. Dann musste ich die grausame erste Nacht dort überstehen und ließ mich dennoch nicht davon abhalten, dort zu bleiben und wieder zu verreisen. Aber immer wieder mit der Angst, diese furchtbare Angst kehrt zurück. Ich fühlte mich beim Verreisen wieder an die Situation erinnert, als ich als kleines Mädchen aus unserem geschützten Mädchen- in das Elternschlafzimmer wechseln musste, in dem ich ganz und gar nicht beschützt war. – Wenn ich wegfahre, woanders übernachte, weiß ich nicht, was auf mich zukommt! – Als ich das in der Therapiestunde erkannte, fügte ich hinzu: Jetzt weiß ich, wofür sexuelle Gewalt ‚gut‘ ist. Wenn Mann das mit kleinen Mädchen macht, sind sie gebrochen! Dann haben sie keinen Willen mehr, bleiben später schön brav zuhause, beim Ehemann, klein und abhängig! – Meine Freundin Brigitte meinte dazu, das sei denen bei mir aber nicht gelungen. Zum Glück nicht! 

Ich fühlte oft eine seltsame Leere, wenn ich nur ans Verreisen dachte. Leere in Erinnerung an das Gefühl, meine Mutter lässt mich alleine, ein Gefühl, als sei ich dann alleine auf der Welt, wie früher. – Ich habe so eine Angst vor diesem Gefühl. Dafür gehören die beide umgebracht, gequält, für all das! – 

Mit den Therapieferien erging es mir sehr lange genauso schlecht, teilweise dramatisch schlecht. Ich spürte Angst vor den Ferien, Angst, die Therapeutin kommt nicht wieder, auch sie lässt mich alleine – so wie mich meine Mutter alleine ließ. Eigentlich müsste ich sagen, ‚wie mich meine Eltern alleine ließen‘. Er fing mit seinen Taten an! 

Es gab aber auch weitere gewichtige Gründe für meine Probleme mit ihrem Urlaub, auf die ich in einem anderen Zusammenhang zurückkomme.

Berufliche und finanzielle Auswirkungen

Diese Folgen der traumatischen Erlebnisse sind mir erst in den letzten Jahren im Zusammenhang mit meiner künftigen Rente nochmal richtig deutlich geworden. Ich konnte aufgrund meiner seelischen und körperlichen Verfassung einige Jahre überhaupt nicht bzw. nur in geringem Umfang arbeiten. Als es mir im Laufe der Analyse besser ging, arbeitete ich zwar nach und nach mehr Stunden; bis ich jedoch wieder voll arbeiten konnte, benötigte ich weitere Jahre. Die Folgen: Behinderung des beruflichen Weiterkommens, auch das hat finanzielle Folgen, sowie zeitweise geringer bzw. kein Verdienst und dadurch verminderte Rentenansprüche. Ich glaube, an diese Folgen denken die wenigsten. Sie werden auch in Diskussionen oder Abhandlungen zum Thema sexuelle Gewalt grundsätzlich nicht erwähnt, obwohl sie doch auf Jahre hinaus die Betroffenen beeinträchtigen – wie erwähnt bis in die Rentenzeit. 

Außerdem entstanden mir durch die Therapie hohe Kosten. Diese führe ich hier an, auch wenn ich sofort denke, aber es hat sich doch gelohnt! Ja, es hat sich gelohnt. Dennoch finde ich es wichtig, diesen Aspekt zu erwähnen.

Es gab und gibt für Frauen, die sexuelle Gewalt in ihrer Familie erlebt haben, keine Möglichkeit, Schadenersatz für finanziellen Einbußen zu bekommen. Schon gar nicht als Wiedergutmachung. Einige Betroffene aus kirchlichen Einrichtungen haben in den letzten Jahren finanzielle Hilfe oder Entschädigungen erhalten, was ich außerordentlich gut finde.  Interessant dabei ist, dass es sich dabei meistens um Jungen bzw. Männer handelt…..

Doch für alle Anderen kommen die finanziellen Folgen zu den übrigen noch hinzu!

Ein Ende der Auswirkungen?

Im vierten Jahr der Therapie kam ich zu dieser tollen Einsicht: Die Auswirkungen hören auf, wenn ich mich dafür entscheide, ich will nicht mehr leiden! Ich will mein Leben leben! Damit entscheide ich mich gegen meinen Vater, gehe ich von ihm weg! – 

Irgendwann entdeckte ich auch das noch: Ich will kein Opfer mehr sein! Ich will mich nicht mehr als solches fühlen. – Diese Veränderung im Denken, im Sein ist so hilfreich und wichtig, auch damit die Auswirkungen an Intensität verlieren, nur noch selten oder auch gar nicht mehr auftreten.

Zu dem, was ich heute noch an kleineren Schwierigkeiten oder Besonderheiten erlebe, gehört z. B., dass es für mich ganz wichtig ist, eine gute Schlafmöglichkeit zu haben. Das fängt schon bei mir zuhause mit einem Zimmer und einem Bett für mich alleine an. Ich kann nicht mit einer anderen Person im Zimmer oder gar im Bett schlafen, auch wenn sie mir noch so lieb und vertraut ist. Ich verstehe, dass das für (m)eine Beziehung schwierig zu akzeptieren ist. Für mich ist es jedoch eine notwendige Bedingung. Auch wenn ich FreundInnen besuche,  dort oder in einem Hotel oder ein Pension übernachte, schaue ich, dass ich mich mit meinem Schlafplatz wohl fühle. Dazu gehört, nicht im absolut Dunklen schlafen zu müssen. Auch dafür sorge ich. Manchmal muss ich sogar bei mir zuhause nachts im Flur ein kleines Licht anlassen, bin ich sicherheitsbedürftig, so will ich es mal nennen. Dann sorge ich genau dafür!

Leider gibt es aber auch noch stärkere Beeinträchtigungen wie die  bereits erwähnten Herzattacken. Das kann auch mal geschehen, wenn das Thema direkt berührt wird, ich an etwas von früher erinnert werde – durch Filme, Bücher oder irgend etwas Anderes. Ich hatte ja gehofft, wenn ich nur lange genug das Thema bearbeite, bin ich davon befreit, bin ich das alles los. Leider ist das nicht der Fall, wenn sich auch so viel zum Guten gewendet hat, ich heute so viel freier, unbeschwerter und  sogar glücklich leben kann. Überhaupt gut leben und mein Leben selbst gut gestalten kann. Das habe ich immerhin geschafft. Und ich erkannte: Es ist illusorisch, ein falscher Anspruch, gar nicht mehr von meiner Geschichte berührt und beeinträchtigt zu werden! Oder mit den Worten von Didier Eribon (Rückkehr nach Reims; Berlin 2016, S. 218): Die Vergangenheit ist noch immer unsere Gegenwart.