Ich schreibe die ersten Absätze zu meinem Bruder Adolf in einem Bistro, per Hand, in Steno. Ich musste meine Wohnung verlassen, spazieren gehen und mich dann hier hinsetzen und schreiben. Ich brauchte irgendwie einen ‚neutralen‘ Ort, diese Distanz. Das war eine gute Entscheidung. Zuhause kuschelte ich mich erst einmal in mein Bett, und das war sehr angenehm, auch wegen der auftretenden Traurigkeit. Ja, über Adolf zu schreiben fällt mir schwerer als zu Bernd, weil’s mit ihm heftiger war…

Zur Vorbereitung hatte ich mir in meinen Aufzeichnungen die entsprechenden Stellen zu diesem Thema angeschaut, besonders die Therapieaufzeichnungen, und fertigte erste Notizen an. In den nächsten Tagen war dieses Thema im Hintergrund weiter präsent, ohne dass ich mit dem Schreiben begonnen hatte. Ich zögerte damit noch, fühlte immer wieder eine gewisse Traurigkeit, musste auch mal weinen, so ganz still, was ich aber gut annehmen konnte. Ich hatte dazu lange nichts mehr gelesen, mich nicht mehr damit beschäftigt, nun rückte alles wieder näher. Und dann begann ich im Bistro mit dem Schreiben und zuhause ging es weiter.

Einige Tage später schaute ich mir mit FreundInnen den Film ‚Der Jungfrauenwahn‘ an. Die FAZ beschrieb den Inhalt unter anderem mit diesen Worten: Welchen Preis müssen Kinder muslimischer Einwanderer zahlen, wenn ihre Eltern, Onkel und Brüder darauf bestehen, dass sie sich an die traditionellen Regeln und Gesetze halten? Wenn für sie nicht gelten soll, was in der Gesellschaft, in der sie aufwachsen und leben, selbstverständlich ist, und denen, die sich daran nicht mehr halten wollen, grausame Strafen drohen, schlimmstenfalls der Tod? (FAZ vom 4.12.2015)

In einer Pause sagte ich: Das erinnert mich sehr an früher, an zuhause. – Eine Freundin meinte: Aber Ann, das kann man doch nicht vergleichen! Das hier ist doch etwas ganz Anderes! – Ich reagierte verärgert. Ich hätte keine Lust mehr darauf, mir diese Bemerkungen anzuhören. Das käme oft, wenn ich sowas sage. Aber das wäre doch so!, entgegnete sie. – Die katholische Kirche war zwar auch arg, aber doch nicht so schlimm und streng wie die Verhältnisse bei MuslimInnen, beim Islam, mit Todesdrohungen usw. – Ich habe doch gar nicht von der Kirche gesprochen, sondern von meiner Kindheit! – Aber du bist doch nicht mit dem Tod bedroht worden! – Ich, wieder ärgerlich: Mein jüngster Bruder hat mir zu der Zeit, als ich all das bearbeitete und öffentlich machte, damit gedroht, mich umzubringen! Und Adolf hab ich damals gar nicht darauf angesprochen, was er gemacht hat, weil die Gefahr bestand, ich Angst davor hatte, er haut mir den Schädel ein. Andere aus meiner Familie warnten mich geradezu vor ihm! – Die Freundin: Ach so, das wusste ich ja gar nicht! – Später dachte ich, ja, wieso hat sie nicht erst einmal gefragt, war das bei dir auch so oder was war denn da bei dir? Nein, gleich urteilen. Ich hatte noch betont: Ich sagte doch nicht, es war früher genauso! Ich sagte, es erinnere mich… – 

Und das sagte ich dann auch noch, weil es dazu passte: Genau aus diesem Grund habe ich heute noch die Herzprobleme! Weil ich immer wieder dagegen ankämpfen muss, wie ich eigentlich von meiner Erziehung her leben müsste! Fast jedes Mal, wenn ich Herzattacken habe, heißt das, stehe dazu, was DU heute leben willst. Lass dich nicht zurückholen! Gerade wegen dieser Erlebnisse und dieser Erziehung habe ich heute noch zu kämpfen, habe ich heute noch Herzprobleme, wenn auch nur noch selten! – Die Freundin sagte, das habe sie ja alles nicht gewusst. – Ja! Genau deshalb habe ich es gesagt. – 

Und nun zu Adolf, zu dem mir bei Annäherung an das Thema sofort einfiel, dass ich während der Therapie sehr oft von ihm und den Situationen geträumt hatte. Dabei stand im Mittelpunkt, dass er mich mit seinen Übergriffen bzw. seinen Versuchen richtig verfolgte. Er ließ mir mit seinen Attacken einfach keine Ruhe, und das über Jahre hinweg!

Ich trage hier ein paar Träume zusammen, die die Realität sehr gut beschreiben und quasi wie vorweg nahmen und nehmen, was ich dann in den Therapiestunden erinnerte und bearbeitete. Das begann schon bald nach Beginn meiner Therapie.

Traum1: Adolf kommt ins zimmer, berührt mich am arm, touchiert meinen busen, und will von mir geld. Er fordert mich immer wieder dazu auf und packt mich dauernd am arm oder an meinen schultern. Lass mich, ich will nicht, dass du mich berührst, ich gebe dir nichts!, so immer wieder meine abwehr. Du sollst mich in ruhe lassen und mich nicht anfassen! Akzeptiere das endlich mal! Erinnere dich, du hast mir schon genug angetan. Er ließ nicht locker. Ich nahm einen stuhl, um ihn abzuwehren und lief dann weinend aus dem raum und sah Maria (meine älteste Schwester) im garten arbeiten, lief weinend an ihr vorüber in der hoffnung, sie fragt nach, was los ist! Aber da kam nichts! 

Ich erwachte, traurig und wütend darüber, dass ich mich nicht wehren konnte.

Nachdem ich diesen Traum in der Therapie erzählt hatte, fügte ich hinzu: Mein Mann hat mal gehört, dass ich im Schlaf sagte, irgendwann erschieße ich ihn noch! Ich bin richtig wütend, dass ich mich nicht gewehrt habe! – Die Therapeutin stellt sofort klar: Aber sie haben sich doch gewehrt! – Ich habe aber nichts ausgerichtet, er hat meinen Willen nicht akzeptiert. – Ein Wehren ohne Erfolg ist für sie anscheinend kein Wehren. Wenn auch nur begrenzte Möglichkeiten bestehen, sich zu wehren, ist es doch immer ein sich Wehren! – Da kann ich ihr heute nur recht geben! Damals brauchte ich noch eine ganze Weile, um zu dieser klaren Sicht zu kommen.

Und es ging weiter mit dem Träumen:

Traum 2: Adolf und ich in einer wohnung, alleine… Er hat geschenke für mich, will mich berühren, mich dazu überreden, es zuzulassen. Ich will nicht. Er wolle mich nur berühren, nicht mit mir schlafen. Ich weiche dauernd aus; versuche, ihn auf dem balkon auszusperren, aber er hat den schlüssel. Mir fällt nichts mehr ein, wie ich ihn abwehren könnte, denke dann, lass’ es zu, ist ja auch ein angenehmes gefühl dabei….

Durch den Traum, so schrieb ich danach in mein Tagebuch, kann ich mich besser verstehen. Ich versuchte, so notierte ich weiter, mich zu wehren, soweit meine Möglichkeiten reichten und tröstete mich mit dem Gedanken von wegen der angenehmen Gefühle über meine Hilflosigkeit hinweg. Dennoch war das mit den Gefühlen im Nachhinein schwer zu ertragen. 

Sicher auch deshalb hatte ich Schwierigkeiten, den Traum in der Therapie zu erzählen. Der Traum käme der Realität sehr nahe, auch wenn ich darin eine erwachsene Frau gewesen sei, was ich so interpretieren würde: Ich habe ja schon als kleines Mädchen gesagt bekommen, Männer können nichts dafür, das sind ihre Triebe. Das musst du wissen. Ich bin also verantwortlich. – Ja, ja, die können nichts dazu, ist ihre Natur! Das ist ja wirklich toll!, so oder ähnlich reagierte die K. laut und ärgerlich. Später stellte sie nochmal heraus, dass ich das alles doch nicht gewollt und mich sogar dagegen gewehrt hätte.

 

In der folgenden Stunde wäre es mir am liebsten gewesen, die Therapeutin könnte mich nicht sehen, so sehr schämte ich mich. Ich wäre am liebsten unsichtbar gewesen. Noch besser: In den Erdboden versunken! Nach sehr langem Schweigen sagte ich zu der vorigen Stunde, dass es mir danach nicht gut ging, ich sei sehr ernst und traurig gewesen, geradezu fassungslos. – Mir ist, als hätte mir jemand das erzählt, als hätte ich zuvor nicht gewusst, was der gemacht hat. So ging es mir auch, als ich überhaupt zum ersten Mal darüber redete. Als hätte ich zum ersten Mal davon erfahren. – 

Traum 3: Wieder bedrängt mich Adolf auf seine eklige weise, ich wehre ihn dauernd ab. Höre meine mutter draußen, sage lauter: der soll mich in ruhe lassen…. Nein, das kann ich ihr nicht sagen, die regt sich auf, das ist gefährlich… 

Anschließend träumte ich, dass ich meiner Schwester Lisa erzähle, dass mir ein Mann was angetan hätte… Er habe mich vergewaltigt. Ich will sowas nicht träumen!, fügte ich im Tagebuch hinzu. 

Im nächsten Traum ging es dann wieder um Adolf.

Traum 4: Er bedrängt mich, lässt mir keine ruhe. Er soll das lassen, ich will das nicht. Er, in seiner unangenehmen art, tut, als hätte ich nichts gesagt. 

Nach dem Erzählen in der Therapie sagte ich: Danach erwachte ich mit heftigem Herzklopfen. So habe ich das wirklich erlebt! – Und dann musste ich was sagen, was mir sehr, sehr unangenehm war. Dass ich eigentlich auch Berührungen wollte, weil die auch was Angenehmes hatten. Das sei doch furchtbar, einfach zum Kotzen! Daraufhin sagte die K. sowas Schönes, Entlastendes: Sie wollten ja nicht von ihm, sondern überhaupt berührt werden. Danach sehnten sie sich ja! … Eigentlich wollten sie es doch so haben: Ich will bestimmen, von wem ich berührt werden will! – Ja! – Vielleicht habe ich das folgende damals schon gedacht oder gegenüber der Therapeutin ausgesprochen, es gehört jedenfalls dazu: …und ich will bestimmen, wo und wie ich berührt werden will!

Traum 5: Er wieder mit seinem ekligen lächeln…

Traum 6: Ich lasse meinen ärger über ihn raus. Auf einmal ist meine mutter dabei, die sagt, ich solle mich nicht so anstellen! Sie guckt, als wüsste sie was. Ich werde total wütend! Sage, du weißt ja nicht, was der alles macht!

Nach dem Traum notierte ich in mein Tagebuch:

Ich hab angst, wieder von ihm zu träumen, starkes herzklopfen…, lasse das licht an, rede beruhigend auf mich ein! Dann: Ich muss das endlich angehen, in der therapie bearbeiten und dann abschließen! … Ich habe dauernd ein bild im hinterkopf, von einer situation mit ihm… Schreibe alles auf.

Die Therapeutin war zu diesem Zeitpunkt noch in Urlaub, da war es schon mal entlastend, die erinnerte Situation mit Adolf im Tagebuch festgehalten zu haben. Aber darüber in der nächsten Stunde zu sprechen fiel mir außerordentlich schwer. Bevor ich zuvor die Träume mit ihm schildern konnte, spürte ich Angst, auch Angst davor, dass das noch mehr an Erinnerungen und Bilder auslösen könnte. Aber ich erzählte die Träume dennoch. Es könne wirklich so gewesen sein, dass ich meiner Mutter gegenüber was angedeutet hätte. Am Tag nach dem Traum sei dann die Erinnerung an eine Situation mit ihm aufgetaucht… Ich zitiere von dieser Stunde aus meinem Tagebuch:

1.11.1994 (…) Ich konnte erstmal einfach nicht weiterreden, ich wollte das aber doch sagen! Es sei das bild, dass ich zu beginn der therapie in erinnerung hatte. Mein weiches shirt an mich schmiegend, an mein gesicht, wie eine schmusetuch, sprach ich weiter, sagte erstmal spontan: Ich möchte aber nicht, dass sie denken, ich bin schlecht! … Ich möchte selbst nicht so von mir denken! – Nach und nach sprach ich von meinen erinnerungen, sah die situation sehr deutlich vor mir: Wir sind in der küche… Ich sehe die küche…. Es ist sonst niemand da. Ich habe meine schürze an. Adolf drückt mich mit meinem rücken an sich, so, dass ich ihn im rücken spüre… – Ich konnte nicht sagen, dass ich meine, bin mir ja nicht sicher, seinen harten penis gespürt zu haben. Ich konnte das nicht aussprechen, aber sie wird es verstanden haben oder sich denken können. – Ich weiß nicht, ob seine hände was gemacht haben… –

Dass ich auch noch eine schürze anhatte, das passt doch!, stöhnte ich verzweifelt. – Ehem!, kam bestätigend von der K. Und dann sagte ich, und das fiel mir am schwersten: Und dann hat er mir geld in die schürzentasche getan! – Ich sagte es so leise, weil’s mir doch so schwer fiel, ich mich sehr schämte, dass die K. mich nicht verstand, ich das wiederholen musste! Auch das noch! Ich wiederholte es…. – Ich hab jetzt solche rückenschmerzen! – Ich streckte mich, setzte mich aufrechter hin. – 

(…) Das mit dem geld, das ist doch unerträglich! Das ist das schlimmste! – Jetzt sagte die K. mal wieder was; sie hatte mir lange schweigend zugehört: Das sehe ich anders! Das ist quasi wie eine anerkennung! Gegenleistung! Er hat sich damit was erkauft. Nein, erschlichen stimmt eher! – Sie denke, ohne das geld wäre es noch schlimmer für mich gewesen. So oder ähnlich erklärte sie mir ihre Sicht. – Aber sie fühlen das so, ich will ihnen das auch nicht ausreden. – Das ist doch pervers!, hatte ich in ihre Erklärung hinein gesagt. – Ja, eigentlich ist es pervers! Aber es hat auch was entlastendes! – 

Ich hatte anschließend die Vermutung geäußert, dass es diese Situationen mehrmals gab. Und dass auch seine Hände ‚was’ gemacht haben. Ich wäre bestimmt schon 8 Jahre alt oder älter gewesen, also kein ganz kleines Mädchen mehr. Ich zitiere weiter aus meinen Aufzeichnungen von der Therapiestunde:

Ich weinte, kam mir so verletzt vor. Sagte leise vor mich hin: Wie dreck! – Die K. fragte nach. – Dass der das mit mir machen konnte! Er, der in der männerhierarchie bei uns an letzter stelle stand, das konnte er sich dennoch rausnehmen! Ich war wie dreck! Mich kann man einfach benutzen! War doch nichts wert! – Ich dachte an die arme, kleine Ann, und musste noch mehr weinen. Ich sah mal kurz zur K. hin. – Und der hat mich behandelt wie eine frau auf unterster stufe, wie eine dirne! – Ich schwieg. – Nachdem ich mich letzte woche an diese Situation erinnerte, hab ich gedacht, meine brüder und mein vater haben mir mein ganzes leben versaut! Bis zum heutigen tag! – Ich wisse, dass ich tierische wut auf Adolf hätte, aber im moment sei davon nichts da. Spürte sie aber tief in mir drin. Das bild mit ihm sei immer noch da, es gehe einfach nicht weg! Sie forderte mich auf, ich solle versuchen, das bild dort zu lassen. Schwierig! Ich war traurig, als sie ging, konnte aber noch bisschen in unserem raum bleiben….

Ich schloss meine Aufzeichnungen von der Stunde mit diesem Satz: Ich fühlte und fühle mich erleichtert, nachdem ich der K. das heute alles sagen konnte! – So ging es mir damals des öfteren. Erst plagten mich Scham und/oder Angst, darüber zu reden, manchmal brauchte ich sogar paar Anläufe, ein, zwei Stunden, bis ich heftige Träume, aber besonders die Erinnerungen wiedergeben konnte. Danach aber fühlte ich, wie nach dieser Stunde, oft große Erleichterung und Entlastung. Manchmal aber auch schlechtes Gewissen, weil ich nicht mehr schwieg.

Bevor ich auf eine Erinnerung meiner Schwester Lisa zu sprechen komme, will ich hier noch ein wunderschönes Bild beschreiben, das ich nach den oben erwähnten Träumen, also noch während der Ferien der K., phantasierte. Ich finde, das muss einfach erwähnt und beschrieben werden. So lautete meine Phantasie: Wenn ich ein kleines Mädchen wäre, würde ich auf die K zugehen, sie mit meinen kleinen Armen umfassen, reiche ihr nur bis zum Bauch, und würde mich an sie schmiegen, mich geborgen fühlen. Sah mich von hinten, die K. umklammern, weinte fast beim Phantasieren.… Meinen Kopf an ihrem warmen Bauch gelehnt, gekuschelt. Wie Schutz suchend. – Halt mich fest, Mama! Bitte, halt mich lieb und fest! – Ich wünschte mir, ihre Arme würden mich auch lieb umschlingen, auf meinem kleinen Rücken liegen. So eine schöne Vorstellung! 

Und dieses Bild war immer mal wieder da. Es machte mich todtraurig, und gleichzeitig fand ich es wunderschön! 

Als ich der Therapeutin in der folgenden Stunde von dem schönen Bild mir ihr erzählen wollte, tauchte wieder Angst auf, was ich ihr sagte. Ich beschrieb es ihr dennoch. Fing zwischendrin an zu weinen; bald weinte ich sehr und spürte weiter heftige Angst. Für mich bedeute das Bild Schutz und Geborgenheit. – Als ich gestern darüber nachdachte, ob ich ihnen das erzählen kann, dachte ich, nein, das geht nicht. – Und warum nicht? – Ich hatte Angst, dass sie mich abschmettern, weil das Bild bedeutet, ich will was von ihnen. Jetzt habe ich wieder so starke Angst. Aber ich will keine Angst haben! Ich will mir was wünschen können, ohne Angst zu haben!, schimpfte ich. – Ehem! – Ich fand’s schön, dass an dieser Stelle ihr bestätigendes ‚ehem‘ kam. Für sie würde das Bild auch Vertrauen bedeuten: Sie wissen, ich komme wieder. Und sie wissen, dass sie wieder hierher kommen und mich umarmen können. – Ich lächelte, freute mich sehr über ihre Deutung. 

Aber etwas später beschwerte ich mich bei ihr, weil sie nichts zu meiner Angst gesagt hatte, mich mit meiner Angst alleine ließ. Ihre Entgegnung lautete ungefähr so: Ich denke, sie suchen nach Antworten und wollen die von mir haben. Aber die müssen sie selbst finden. Sie müssen ihre Antworten finden! Sie wollen sie von mir hören, aber das müssen dann nicht ihre sein… – Ich glaube, ich verstand ungefähr, was sie mir damit sagen wollte.

Zu ihrer Frage, wofür die Angst denn gut sei, konnte ich nichts sagen. Mir fiel auf, sobald ich die K. ansah, ging die Angst weg. Auf meine Frage an sie, warum das wohl so sei, vermutete sie, weil ich merken würde, dass sie meine Angst und auch meine Wünsche annehmen könne. Und dass das von mir Befürchtete nicht geschehen würde. Plötzlich fiel mir der Traum oder die Vision mit ihr ein, die ich vor einigen Tagen hatte: Sie steckt was in meine Vagina… Nun wurde die Angst noch heftiger. Das kann ich ihr doch nicht sagen! Ich quälte mich lange, aber ganz zum Schluss der Stunde, nachdem ihre lockere und liebe Art mich bestärkt hatte, erzählte ich den Traum, dieses Bild mit ihr dann doch. Und das sagte ich noch: Das ist nicht das, was ich von ihnen will! Das weiß ich ganz genau! – Sie kommentierte das nicht. Die Stunde war nämlich zu Ende. Ich hatte es unbewusst so hinbekommen, dass danach keine Zeit mehr verblieb, darüber zu reden. Das kam öfters vor, wenn es sich um schwierig zu Offenbarendes handelte. 

Nach dieser Stunde dachte ich, ich muss doch viel Vertrauen zur K. haben, dass ich ihr das alles sagen konnte. Trotz der Angst auch viel Vertrauen!

Nun komme ich wieder auf Adolf zurück. Zu ihm war meiner Schwester Lisa eine Begebenheit von früher eingefallen, von der sie mir erzählte. Adolf habe zu mir gesagt: Gell, du bist mein Mädchen! Wir verstehen uns. – Ich weinte ganz laut, als Lisa das schilderte und sagte bald: Der hatte mich im Griff! – Ja! – Sie, Lisa, wäre damals verwundert gewesen, dass Adolf ‚so einen Kontakt‘ mit mir hatte, weil er sonst doch mit niemandem irgendwie nahe gewesen wäre. Es hätte so ‚privat‘ gewirkt, so drückte sie sich aus. Sie habe ganz stark das Gefühl, das haben alle gehört. Und die Eltern wussten das! Unsere Mutter habe im Sessel gesessen und so wissend geschaut… Ich weinte so heftig, konnte mich kaum beruhigen. 

In einem späteren Traum drückt sein Gesicht genau das aus: Ich gehöre ihm!

Lisa erinnerte sich an mich zum damaligen Zeitpunkt, an meinen Gesichtsausdruck. Ich hätte geschaut wie auf dem Foto, das wir uns mal zusammen ansahen. (Dieses Foto hatte ich der K. ebenfalls gezeigt. Ich war ungefähr 10 Jahre alt, mein fröhliches Kinderlächeln ist weg!) Als ich von all dem in der Therapie berichtet hatte, sagte ich: Ich fühle mich so leer. Ich war ganz alleine, wie isoliert von den Anderen. Ich fühle mich so leer wie auf dem Foto: Es ist alles vorbei! Macht mit mir, was ihr wollt. Stellt mich hin, fotografiert mich oder was auch immer. Ist mir egal! – Während ich das aussprach war ich wie weg. Dann spürt ich plötzlich Hunger. Hunger nach Liebe, dachte ich. Und dann schaute ich die K. lange an, und als sie draußen war, weinte ich länger…. –

Früher…, das war eine Katastrophe für mich! – Dies hatte ich noch zur Therapeutin gesagt. Ja, eine Katastrophe!

Und ich träumte wieder und weiter von und mit Adolf.

Traum 7: Ich bin im bad, Adolf kommt rein…. Wenn er mich nicht in ruhe ließe, würde ich alles sagen! … Er droht mir gewalt an! 

In der folgenden Therapiestunde erzählte ich den Traum, mit ganz viel Wut und Hass. Heiner habe gemeint, berichtete ich weiter, ich solle Adolf lieber nicht auf seine Taten hin ansprechen, sonst müsse ich mit Gewalt von ihm rechnen, Adolf könnte mit irgendwas zum Schlagen bewaffnet vor meiner Tür auftauchen. Die K.: Ach du Schande! Das gibt’s doch nicht! – Doch! So ist der! Ich hatte früher Angst vor ihm, jetzt nicht mehr! Ich würde ihn erschlagen…. Wenn ich an früher denke, komme ich mir vor wie permanent verfolgt! – Das mit dem ‚ich würde ihn erschlagen, habe keine Angst mehr vor ihm‘, stimmte nicht ganz. Nur in diesem Moment fühlte ich es so, vor lauter Wut und Hass! 

Er übte sogar noch Kontrolle über mich aus oder wollte sie ausüben zu einer Zeit, als ich circa 20 Jahre alt war. Dazu erzählte ich der K., wie Adolf mich nach einem Discobesuch mit Vorwürfen überschüttete. Mich hatte ein Tanzpartner an den Bus gebracht. Adolf hatte das gesehen und mich am nächsten Tag ‚zur Sau gemacht‘, so meine Beschreibung. – Dieses Arschloch hat sich das noch immer rausgenommen! …. Diese Art von Adolf, ich habe Macht über dich, das muss doch meine Mutter mitbekommen haben! – 

Mir wurde zunehmend klarer, dass seine Übergriffe viel zahlreicher und umfassender waren, als ich das zu Anfang der Therapie in Erinnerung hatte. Ich näherte mich immer mehr dem an, was damals geschah; meine Erinnerungen bekamen zunehmend klarere Konturen. 

Wenn ich hier von diesen Erinnerungen und Träumen und dem Bearbeiten in der Therapie fortlaufend berichte, bedeutet das nicht, dass ich in der Therapie nur mit diesem Thema beschäftigt war. Es ging zu dieser Zeit auch um aktuelle Probleme oder um meinen Vater oder um mein Verhältnis zur Therapeutin oder um andere Themen. 

Und zwischendrin spürte ich auch Wut, starke Wut, auch wenn es mir schwerfiel, dazu zu stehen oder gar was mit meiner Wut anzufangen, sie auszutoben.  

In diesem Zusammenhang erwähnte ich in einer Therapiestunde einen Traum, in dem ich versuchte, einen Mann mit einem Stock zu verprügeln, was mir aber eher wie streicheln vorgekommen sei. Das habe den überhaupt nicht berührt. So käme mir das hier jetzt auch vor, ich sei so wütend, aber mir fiele es schwer, meine Wut zuzulassen. Die K. versuchte mich dazu zu ermuntern mit ihrer Aussage, das mache eine doch total wütend, wenn jemand die eigene Wut nicht ernst nehme, wie es ja in den Träumen der Fall gewesen sei und wie sich Adolf früher verhielt. Das hatte ich zuvor nämlich erwähnt: Der hat doch sogar über mich gelacht, als ich mich wehrte! Als ich sagte, er solle mich in Ruhe lassen! Der hat sich noch über mich lustig gemacht! – Das müsse mich doch wütend machen!, betonte sie nochmals. – Ja, schon. Aber…. – Ich war weiter wie gelähmt und spürte Schwindel im Kopf, wie schon öfters, wenn ich wütend war, die Wut aber nicht zulassen konnte oder wollte.

Immerhin schaffte ich es, mal auszusprechen, warum ich so wütend war und zwar ungefähr in diesem Wortlaut, ich zitiere aus meinen Therapieaufzeichnungen:

Weil ich unter all dem, was diese säue gemacht haben, heute noch leide! Was die mit so einem kleinen mädchen gemacht haben! 

Weil ich mich dann nicht mehr als frau fühlen wollte! Meinen körper nicht mehr wahrnahm, nichts mehr fühlen wollte! 

Weil ich es jetzt so schwer habe, meine gefühle zuzulassen! Mich überhaupt zu fühlen! Meiner wahrnehmung zu trauen! 

Weil es heute noch wie eine bombe ist, wenn mich jemand angreift! Ich mich dann gar nicht mehr spüre! 

Weil ich dagegen ankämpfen muss zu denken, ich bin immer noch an diesem thema, mich zurückhalten muss damit. 

Weil ich jetzt dauernd spüre, welche auswirkungen das heute noch auf mich hat! 

Weil sich das so vermischt bei meinen gefühlen für sie! Und dass ich keine klaren gefühle haben kann! (Ich hatte zeitweise nicht nur liebe Gefühle für die Therapeutin, sondern auch erotische; das vermischte sich und machte mich wahnsinnig unglücklich.) – Zwischendrin weinte ich fast.

Die K., als ich geendet hatte, ganz energisch: Ich denke, sie müssen die verklagen! So ist es doch nur in dem kleinen kreis ihrer familie! Es gehört in die öffentlichkeit! – Aber das geht ja nicht mehr, ist zu spät! Verjährt! –

Es hat mir aber sehr gut getan, das alles mal ausgesprochen und damit dazu gestanden zu haben.

Im folgenden Traum wehre ich mich, werde sogar handgreiflich und das finde ich heute noch ziemlich gut:

Traum 8: Adolf wie er leibt und lebt. Der hat mich richtig gequält. War wie ein verrückter! Lässt mich nicht in ruhe. Ich sage, ich will nicht! Er lacht wie ein blöder! Das geht so weiter, er hört nicht auf! Dann szenenwechsel, ich bitte andere, ihn festzuhalten, und dann schlage ich ihn auf seinen nackten arsch, kratze mit meinen fingernägeln, ziehe die so richtig über seinen rücken! Du arsch! Als schon fast das rohe fleisch zum vorschein kommt, sage ich: so hast du mich gequält! (…) 

Beim wachwerden total aufgewühlt, er so nah, seine bescheuerte art. Es lohnt sich nicht zu leben! Was frau schon als kleines mädchen alles abkriegt, es lohnt sich wirklich nicht!…. Beim aufschreiben tränen.

Fühle mich gerade total überfordert…, auch alleine. Will zu meiner mama (so fühlte ich auch für meine Therapeutin), und die soll mich liebevoll in die decke packen und mir eine schöne geschichte erzählen, und ich lausche ihrer stimme! 

In der folgenden Stunde erzählte ich der Therapeutin, dass mir erst im Zusammenhang mit Selbstbefriedigung klar wurde, dass das, was die Brüder mit mir gemacht hatten, mit Sexualität zu tun hat. Ich hätte in den Situationen ja was gefühlt, aber das doch noch nicht einordnen können. Aufklärung und Sexualität war ja kein Thema bei uns zuhause. Die Gefühle bei der Selbstbefriedigung hätten mich an die Gefühle und Situationen von damals erinnert. Dann hätte ich verstanden, wofür die mich benutzt haben! Diese Erkenntnis sei wie ein Schock gewesen. 

Ich erzählte ihr auch den Traum mit Adolf und betonte, dass der mich damals wirklich so gequält habe! Mein Gefühl nach dem Traum: Es lohnt sich nicht zu leben.  – Bitterlich weinend hatte ich geklagt, mir sei gerade alles zu viel, das von früher und das von heute! Ist doch auch verständlich!, kann ich jetzt nur hinzufügen. Aber ich kämpfte mich weiter durch diesen Sumpf, wenn auch mit kleineren oder größeren Pausen.

Ich kam viele Monate später ich in der Therapie nochmals auf eine Situation mit Adolf zurück, erinnerte noch weitere Details. Ich könnte es auch so formulieren: Nun war ich in der Lage, mich noch mehr auf meine Erinnerungen einzulassen, noch mehr davon zuzulassen. Wieder hatte er mich mit meinem Rücken an seine Vorderseite gepresst. Ich spürte seinen harten Penis. Und dann wollte er, dass ich den mit meiner Hand berühre. Er nahm meine Hand und legte sie auf seinen Schwanz…, ich zog meine Hand sofort zurück. – Nein! Nein, das will ich nicht!, so oder ähnlich meine Reaktion. Er versuchte mich zu überreden. Ich blieb dabei. Ob er dann onaniert habe?, hatte mich die Therapeutin gefragt. Ich konnte mich nur undeutlich erinnern, dass da was war und dass er mich danach mit so einem glasigen Blick angesehen hatte… Und mir wieder Geld zusteckte.… 

Nach dieser Stunde hatte ich weiter das Bild von dieser Situation in mir…., ich dabei ganz starr!

So hat er mich immer wieder traktiert bzw. zu traktieren versucht. Ich brauchte lange, bis ich akzeptieren konnte: Ich habe mich gewehrt, auch wenn ich ihm lange keinen Einhalt gebieten konnte. Das ging über Jahre hinweg, bis ich es schaffte, mein Nein durchzusetzen. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, auch wenn ich dann kein Geld mehr von ihm bekomme. Wir waren arm, es gab kein Taschengeld, das Geld reichte kaum zum Essen. Es hätte eigentlich auffallen müssen, dass ich Geld hatte, um Kaugummi oder ähnliches zu kaufen. Das schließt eigentlich die Frage mit an, hat denn wirklich niemand was bemerkt? Darauf komme ich gleich zurück.

Noch einige Bemerkungen wegen des Geldes: Ich meine, dass Adolf mir nicht von Anfang an Geld zusteckte, sondern erst, nachdem ich noch stärker versuchte, ihn abzuwehren. Ganz sicher ist, dass er mir das Geld nicht nur gab, damit ich seine Übergriffe duldete, sondern damit ich nicht darüber rede! 

Natürlich war es sehr schwierig und mit Schuldgefühlen behaftet, in der Therapie zu gestehen, ich bekam Geld von ihm. Ich schämte mich abgrundtief und machte mich immer wieder selbst dafür runter. Damit sei ich doch nicht besser als er! – Aber nein!, widersprach die Therapeutin. Sie legte mir eingehend dar, dass ich als Mädchen damit – für mich! – wie zur Mittäterin geworden sei. Das Geld zu nehmen habe der kleinen Ann geholfen, so ungefähr drückte sie sich aus, die eigentlich unerträgliche Situation des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit besser zu verkraften. Dadurch hätte auch ich gehandelt, und das sei das Entlastende. Ich brauchte einige Zeit, bis ich diese Sicht verstand und annehmen konnte.

Ich fragte mich in der Therapie, warum Adolf das wohl gerade mit mir gemacht hatte. In der folgenden Stunde kam ich darauf zurück, nachdem ich weiter darüber nachgedacht hatte. Ich sprach ganz fest, ernst. Erinnerte die K. an meine Überlegungen aus der vorigen Stunde, Adolf habe das alles mit mir gemacht, weil ich so fröhlich, offen und locker war. – Das ist doch Quatsch! Das stimmt doch gar nicht! Das hätte der doch sowieso mit mir gemacht! Auch wenn ich still und ruhig gewesen wäre! Ich war so viel jünger, dadurch hatte er es leicht. Und diese Sicht, weil ich so offen war, die hat doch mit zu meinen Schuldgefühlen beigetragen! Die passt doch zum Denken und Reden meiner Eltern, Frau muss das wissen, Männer können nicht anders. Lass ihn in Ruhe, dann lässt er dich in Ruhe. Das ist doch völliger Quatsch! –  Die Eltern hatten mir mit ihren Ansichten diese verquere Sicht eingetrichtert. Aber nun war ich zu einer anderen Ansicht gelangt, zu meiner Sicht!

Ich komme kurz auf meine Angst vor meinen Brüdern während der Jahre der Therapie zu sprechen. Irgendwann wies mich die K.. darauf hin, dass meine Brüder doch weiterhin potentielle Täter seien. Sie hätten Kinder, Töchter, könnten auch mit denen…, wenn ich nicht gegen die Brüder vorginge, sie und deren Ehefrauen nicht darauf ansprechen würde. Ja, daran hätte ich natürlich auch schon gedacht. Die K. wurde zum Teil richtig energisch. Ich würde doch nichts gegen die unternehmen, würde nur brav dort sitzen! Mit fast kindlicher Stimme hatte ich damals geantwortet: Aber ich hab doch immer noch Angst vor denen! – Das konnte sie gut verstehen. Ich wäre aber schon am Überlegen, was ich gegen die tun könnte.

Hierzu will ich eine Bemerkung meines Bruders Heiner von vor einigen Tagen zitieren. Wir redeten über früher, über unsere Familienverhältnisse. Ich berichtete von meinem Schreiben und den dabei entstandenen Überlegungen, hätte ich damals nicht  doch meine Brüder UND ihre Ehefrauen mit der sexuellen Gewalt konfrontieren müssen, trotz aller Angst, insbesondere um eventuelle Übergriffe der Brüder auf deren Töchter zu unterbinden. Heiner meinte daraufhin: Wenn du das getan hättest, was meinst du, was dann los gewesen wären! Das wäre für dich nicht auch noch zu verkraften gewesen! Ich verstehe dich, aber du musstet dich schützen. – 

Die Angst vor denen war damals so groß, dass ich meinen Eintrag aus dem Telefonbuch und bei der Telefonauskunft streichen ließ und von meinem Klingelschild nicht ablesbar war, dass ich alleine wohnte. Was ich von denen zu erwarten hatte, zeigte sich durch Leo, meinen jüngsten Bruder, der mich bedrohte, mich sogar umbringen wollte! (Dazu ausführlich siehe Kapitel REAKTIONEN)

Die Angst vor Adolf hielt lange an. Heute habe ich keine mehr vor ihm. Vielleicht werde ich ihn doch noch mal auf seine Taten hin ansprechen, bisher war mir das bei ihm nicht wichtig. Vielleicht weil von ihm nicht zu erwarten ist, dass er sich dem stellen und sich damit auseinander setzen kann und wird. Der ist mir auch einfach zu blöd und zu unwichtig!

Und nun zurück zu der Frage, hat denn damals keine und keiner was bemerkt? Ich glaube, dass die Attacken von Adolf erst begannen, nachdem meine älteste Schwester heiratete und auszog. Ich war damals circa 9 Jahre alt. Wir Jüngeren erlebten und liebten sie wie eine Mama. Sie war sehr für uns da, aber dann leider nicht mehr! Sie hätte vielleicht was bemerkt. Ob sie hätte helfen können, einschreiten können, das ist eine ganz andere Frage.

In Erinnerung an Aussagen meines Vaters, die ich bereits erwähnte, von wegen ‚dann wissen Mädchen, Frauen, wo’s lang geht‘, könnte Frau davon ausgehen, dass seitens meiner Eltern was bemerkt und das auch gebilligt wurde – ein kaum auszuhaltender Gedanke.

Dazu passt die folgende Begebenheit: Ich war vielleicht 18 Jahre alt, als mir meine Mutter erzählte, Adolf sei angezeigt worden, weil er ein junges Mädchen sexuell belästigt habe. Er habe mit offener Hose im Auto gesessen, und das Mädchen zu sich gerufen…. (Das Mädchen war zum Glück so clever, sich das Autokennzeichen zu merken, und zeigte ihn an!) Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich damals dachte: Mutti, warum erzählst du mir das? Ich könnte dir was ganz anderes erzählen! – Meine Mutter hatte noch hinzugefügt: Wie diese jungen Dinger aber auch heutzutage rumlaufen!, nach dem Motto, da müssen die sich nicht wundern! Die sind doch selbst Schuld! Spätestens nach diesem Kommentar war klar, dass ich keine Gnade finden würde, wenn ich was von mir und den Brüdern sagen würde. Also sagte ich nichts. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich spätestens danach das Thema Missbrauch/sexuelle Gewalt völlig verdrängte. Was blieb mir auch anderes übrig. 

Ich komme nochmal auf den Film und die Diskussion mit einer Freundin zurück, also auf den Inhalt des Films und den Zusammenhang mit meiner Kindheit. Beides zeigt deutlich: Mädchen und Frauen wird ihr Recht auf ihre Körper abgesprochen. Sie dürfen kein Körperbewusstsein haben, schon gar nicht selbst über ihre Körper bestimmen und verfügen. Auch deshalb ist für mich sexueller Missbrauch Gewalt, sexuelle Gewalt und Ausübung von Macht, um genau dies zu zementieren!

Mir fällt beim Thema sexuelle Gewalt auch die katholische Kirche ein, die in den letzten Jahren aufgedeckten Taten von Priestern u. ä. Personen. Damals wurde diskutiert, das habe mit dem Zölibat zu tun, weil dieser Personenkreis nicht heiraten dürfe. In einem Leserbrief an die FR schrieb ich schon damals, aber was ist mit den verheirateten Vätern, Brüdern, Onkeln und Opas? Die Frage müsse doch lauten: Was ist eigentlich mit den Männern los? Denn Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist meist  Gewalt von Männern!