Ich setzte den Fuss in die Luft, und sie trug 

                                                        (Nur eine Rose als Stütze, Hilde Domin)

 

Ann …

… ist seit fast zwanzig Jahren mit Philipp verheiratet. Sie lebt in einer mittelgroßen Universitätsstadt. Wir sind Anfang der 90er Jahre. Ann ist gern mit Philipp zusammen, doch in den letzten Jahren hat sich einiges bei ihr verändert. Nun hat sie eine Therapie bzw. eine Psychoanalyse begonnen. 

Sehnsucht

In ihrer Psychoanalyse spricht Ann von Sehnsucht. Ihrer Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, angenommen werden. Irgendwie Sehnsucht nach einer Frau. Sie verstehe das alles nicht, verstehe nicht die Gründe für ihre verwirrten Gedanken, Gefühle. Ob diese Gefühle für die erste Therapeutin und auch für sie, die Analytikerin, nicht eher in Richtung Verliebtheit gingen. Das käme ja vor. Oh Göttin, das wird ja immer peinlicher, denkt Ann. Nach einigem Zögern gesteht sie, dass sie die erste Therapeutin schon irgendwie lieb gehabt habe. Mehrmals unterbricht Ann sich, wenn sie über diese Gefühle redet, mit den Worten: Das ist doch nicht normal, oder? – Die Therapeutin fragt: Kann es sein, dass Sie sie aus Dankbarkeit geliebt haben? – Und sie fragt, ob Ann Phantasien hatte bei dem Gefühl, die Therapeutin zu lieben? – Ich fand sie zwar sehr schön, aber ich glaube nicht. – Peinliche Frage, ganz unerotisch waren ihre Gedanken sicher nicht. Ann sagt jedoch: Ich denke, dass meine Sehnsucht nach einer Frau eher unerotisch ist, es eher Suche nach Mutterliebe ist. –

Sie sagt noch mehr: Manchmal glaube ich, ich könnte Frauen lieben. – Peng! Noch ein Hammer!, denkt sie. – Mir ist, als würde ich hier nackt sitzen, nach all dem was ich offenbart habe. Ich bin total verwirrt. Zwischendrin hatte ich sogar das Gefühl, ich müsse gehen. Aufstehen und gehen. Wahrscheinlich aus Scham… – Die Therapeutin sagt, sie würde es auch verwirren, wenn sie auf einmal das Gefühl hätte, sie könne Frauen lieben. 

Erste Verliebtheit

Zu ihrer Freundin Petra sagt Ann eines Tages, vielleicht habe sie an Männern kein Interesse mehr, aber an Frauen; vielleicht auch körperlich. Ann ist lieber vorsichtig mit ihren Äußerungen, um Petra nicht… Ann weiß eigentlich gar nicht, warum sie vorsichtig ist.

Einige Zeit später sagt Petra, sie habe den Eindruck, Ann sei verliebt in sie. Ann fühlt sich erwischt, errötet und kann erstmal gar nichts sagen. Auf dem Weg nach Hause ist Ann glücklich, aber auch verwirrt und hat Angst wegen der Beziehung zu Philipp, ihrem Mann. Sie notiert dazu einiges in ihr Tagebuch, aber in Steno, damit es niemand lesen kann. Macht sie immer so, wenn’s heikel wird. 

Sie erwähnt in der Therapie, ohne den Namen zu nennen, dass sie eine Freundin sehr gerne habe. Ihr Gefühl sei, sie dürfe der Freundin das aber nicht zeigen, müsse sich schützen. Sie habe Angst. Vielleicht vor sich selbst.

Sie ergänzt, sie würde sich manchmal wie ein kleines Kind vorkommen, das um Liebe bettelt, so geschehen bei einem Telefonat mit Petra. Das seien Schuldgefühle, meint die Therapeutin. Damit wolle Ann sich für ihre Gefühle bestrafen. Sie darf doch keine Frau lieben! Ann gesteht, sie mache sich selbst schon Sorgen, dass sie sich für all das bestraft. Hätte richtig Angst davor, dass sie sowas tue. – Dies auszusprechen ist ein gutes Mittel, dass Sie das nicht tun, beruhigt sie die Therapeutin. 

Die Therapeutin hat sie nicht moralisch verurteilt, ihre Gefühle nicht runter gemacht, sondern ganz ernst genommen. Ann geht mit guter Laune aus der Stunde.

Bei einem Besuch bei ihrer älteren Freundin Elfriede spricht sie von ihrer Verliebtheit und dass sie sich von Frauen angezogen fühlt. Elfriede reagiert gar nicht überrascht und erzählt ihrerseits von einer Freundin: Sie ist 46 Jahre alt und weiß seit ungefähr zwei Jahren, dass sie bisexuell ist. – Also ist es tatsächlich möglich, selbst in diesem Alter, „das“ noch an sich zu entdecken, denkt Ann leicht erschreckt.

Bald wendet sich Petra schroff von Ann ab, für längere Zeit. Sie wolle nichts von Frauen, könne sie nichts mit anfangen und noch Heftigeres. Die Worte und ihr Verhalten verstören Ann sehr.

Sie redet mit Philipp, der Anns Traurigkeit bemerkt hat. Sie würde sich immer mehr zu Frauen hingezogen fühlen, gesteht sie ihm. Das verstehe er, aber wenn es mehr werden würde, das könne er nicht akzeptieren. Sie sagt, sie habe ihn doch noch lieb. Nach dem Gespräch geht es ihr besser, aber es tauchen auch Zweifel auf, ob es gut war, mit ihm darüber zu reden.

Nach langer Zeit reden Ann und Petra wieder miteinander, ganz entspannt. Petra hatte zuvor schon gesagt, sie hätte sich damals auch in Ann verliebt, aber Angst bekommen. Deshalb sei es nicht gegangen. Und Ann sagt jetzt: Ich fand es schön, mich gerade in Dich verliebt zu haben. – Und dass es auch deshalb nicht von ungefähr sie, Petra, war, in die sie sich verliebt habe, und nicht eine der Lesben, die sie kenne. So wurde es nicht gefährlich für Ann. 

Ann findet es schön, erlebt zu haben, wie es ist, sich in eine Frau zu verlieben. 

Ann spricht mit Freundinnen, fragt, ob es nicht Flucht aus der Realität sei, wenn sie immer mehr mit Frauen zu tun haben wolle und nur noch wenig mit Männern. Die entgegnen, ob es nicht eher Realitätsferne sei, wenn Frau so tue, als wäre zwischen den Geschlechtern alles in Ordnung.

Das mit Frauen lässt sie nicht los

Ann erzählt einen Traum, woraufhin die Analytikerin meint, vielleicht bestehe Zusammenhang mit dem Wunsch, Frauen zu lieben. Vielleicht wäre Ann eifersüchtig auf die Männer in diesem Traum, weil die es mit Frauen trieben und nicht sie. Die hat Ideen!, denkt Ann.

Ann fragt, ob die Therapeutin es für normal halte, dass eine Frau mit Mitte 40 entdeckt, sie könnte vielleicht Frauen lieben? Ja, sie halte das durchaus für möglich. – Oh Göttin, stöhnt Ann und fragt: Aber warum nicht schon früher, mit 30 oder noch früher? – Und, was hätten Sie dann damit gemacht? – In die absolut hinterste Ecke gepackt. – Na, sehen Sie! –

Ann spricht von Angst. Darauf entgegnet die Therapeutin: Vielleicht sind das Ihre erotischen Wünsche, die Sie erschrecken und Ihnen Angst machen. Sie jedenfalls verwirren. Es ist ja nicht so, dass Sie diese Wünsche locker akzeptieren können. –

Ann fragt sich, was ihre Eltern wohl sagen würden? Wahrscheinlich: Das musste ja so kommen. Du warst schon immer anders. –

Ihre Schwester Lisa erinnert an die mehrfachen Äußerungen der Mutter, sie habe Angst, dass Ann nicht heiraten und keine Kinder haben wolle. 

Ann berichtet in der Therapie von der Lektüre der letzten Wochen. Sie lese Aufzeichnungen von Lesben, worin diese schilderten, wie sie und wann sie damit anfingen, sich für Frauen zu interessieren, Frauen zu lieben und wie sie das in ihr Leben integrieren oder auch nicht integrieren konnten. Sie wolle auch noch über Bisexualität lesen. Sie habe sich diesen Frauen sehr nahe gefühlt. Aber Philipp sei ihr doch noch wichtig. Ann spricht von Panik, wie das alles weitergeht. 

Die Therapeutin sagt, dass das ja auch Angst machen könne, wenn Ann spüre, so viel ist unsicher, so viel ist möglich. Ob Ann das nicht als Identitätsverlust erlebe? – Wenn Sie die bisherige Rolle als Ehefrau in Teilen aufgeben, geht doch ein Stück Identität verloren, die noch nicht anders gefüllt ist. – 

Dazu kann Ann gerade nichts sagen, aber sie erwähnt, bei früheren Streitgesprächen mit Philipp hätte sie oft Angst bekommen und Herzprobleme, beim letzten Mal wäre sie sehr ruhig geblieben: Es wundert mich selbst, dass ich mich insgesamt so gut halte, es mir relativ gut geht, obwohl so viel offen ist. – Vielleicht spüren Sie, dass Ihr wahres, Ihr wirkliches Selbst jetzt hervortritt? – Diese Frage schwingt noch lange in Ann nach.

Später fragt sich Ann, ob sie die Therapeutin manchmal nicht gut anschauen kann, weil sie sie mag; damit diese das nicht bemerkt. Oder weil sie selbst merkt, dass ihr die Therapeutin gefällt, ihr also wirklich eine Frau gefällt.